Frei Lesen: Der Werwolf

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Willibald Alexis

Der Werwolf

Viertes Kapitel

eingestellt: 8.8.2007



Herr Hieronymus pflog noch ein Zwiegespräch mit der Wirtin, während die Rosse draußen schon zum Abritt stampften. Das in Seelenruhe genossene Frühstück schien wieder über das Gesicht des Prälaten den Strahl des Wohlbehagens ausgegossen zu haben, jene glückliche Ruhe des sichern Bewußtseins, die sich so gern dem andern mitteilt. Aber die gute Frau von Bredow stand mit niedergeschlagenen Augen vor ihm.

»s ist alles so anders kommen; wer hätts gedacht.«

»Derohalben keine Sorgen,« sprach er, mit seinen beringten Fingern auf ihren Arm sanft klopfend. »Sie ist ein Weib, das mit keinem in Frieden leben kann. Bläst sie doch noch jetzt, was man sagt, ihre letzte Lunge aus, wenn die Bauern die Zinshühner an ihr Bett bringen müssen, und fühlt sie selbst unter die Flügel, ob sie fett sind.«

»Mutter Gottes, in einem Kloster müßte doch auch im Heidentum Friede sein!«

»Liebe Frau von Bredow, wo Frauen zusammen sind, und kein Mann drunter, ist niemals Friede. Doch wenn Frau Mechtild das Zeitliche gesegnet, was über kurz geschehen muß, dann können wir, mit Gott und uns, wohl darauf rechnen, daß unsere Agnes – keine böse Aebtissin mehr über sich haben wird.«

»Ach, ich hätte sie so gern bei mir. Weiß immer nicht, ob ich mir nicht ein Gewissen draus machen soll, daß ich sie hab dahin geschickt! Nun hätten wirs doch nicht nötig gehabt, und ist ein so gut Kind, – ein Kind ist sie zwar nicht mehr, aber keinem Menschen tut sie nichts zuleide, und allen möchte sie Gutes tun – darum kommt sie ja immer mit der bissigen Frau zusammen – möchte allen Armen Almosen geben und die kleinen Kinder, die sie ins Kloster zieht und unterrichtet! – Und, weiß Gott, die fettesten Gänse schicke ich ihr ja zu Martini, besonders seit mein Mann tot ist, denn Gänse aß er gar zu gern, und jeden Fasttag von den braunen Rosinenkuchen, kanns wohl ohne Ruhmredigkeit sagen, zehn Meilen in der Runde spricht man davon. – Ob denn die Frau kein Herz im Leibe hat, ist eine Christin und eine Aebtissin, und wenn meine Agnes nur ein Stück fortschenkt, an die armen Würmer, die sie wie ihre Mutter lieb haben –«

»Künftig mag sie alle Kuchen in tausend Stücke zerschneiden und alle tausend Stücke unter die Kleinen austeilen,«

»Und wozu muß das arme Ding nun im Kloster sein! Es mag wohl eine Sünde sein, daß ich so was fragen tue, aber hochwürdigster Herr Bischof, wir sind allzumal Sünder vor dem Herrn, und fromm sein, und Gutes tun, und die Kranken besuchen, und die Kinder lehren, das könnte sie doch auch bei uns. Das denk ich so manchmal. Ja du lieber Himmel! – Und der Hans Jochem, wann ich daran denke, da rührt sichs mir im Leibe.«

»Der Herr wird in seiner Weisheit auch einen Platz für ihn finden. Mein Bruder, der Abt, hat ihn, wie Euch wohl bekannt, mit nach Wittenberg genommen, wo wir ihn zurückließen. Da kann er disputieren.«

»Ja, ja, da kann er disputieren.«

»Da findet er seinen Mann, und es schadet auch nichts, wenn er in seiner Weise den Mönch ein wenig hart durchschüttelt. Da ist er weit von uns, da lassen wir ihn und kümmern uns weiter nicht; wie denn überhaupt, meine liebe Frau von Bredow, der Schöpfer es weislich so eingerichtet hat, daß wir uns nicht um alles kümmern sollen. Der Menschen sind so viele. Hat jeder sein Päckchen zu tragen, nicht wahr? Wozu will er sich um das Pack anderer kümmern.«

Der gute Prälat hatte wohl nicht daran gedacht, daß er der guten Frau durch diese Reden keinen Trost bereite. Es kam ihr feucht über die Augen, und sie nannte mit einem tiefen Seufzer und einem Blick gen Himmel den Namen ihres Gottfried.

»Gott hat ihn abgerufen, als seine Zeit um war,« sagte der Bischof.

»Das gewiß, Hochwürdigster, aber wenn Ihr wüßtet –«

Entweder wußte der Bischof, oder verspürte keine Lust, es zu hören.

»Woran ist denn eigentlich der liebe Herr Gottfried gestorben; ich meine, was die Doktores als Ursach angaben?« setzte er schnell hinzu.

»Ach, hochwürdigster Herr, wenn mans recht nimmt, er ist eigentlich am Denken gestorben. Das war zu viel für ihn; er war drauf nicht zugekommen in seinen jungen Jahren, und nun sollte es mit einem Male losgehen, als der Leib alt war und die Glieder steif. Götz, sagte ich, wozu quälst Du Dich? Der liebe Gott hat die Menschen unterschiedlich gemacht, die einen zum Arbeiten, die anderen zum Denken, und wieder andere zum Nichtstun, s ist so, also muß es Gottes Wille so sein. Erst wollt ers abstreiten, dann mußt ers doch zugeben. Aber nun könnt Ihrs glauben, nun quält er sich zu denken, warums so sei? Und wenn er da so saß, sein ehrliches Gesicht in beiden Händen und die Ellenbogen auf dem Tische, stundenlang saß er, und Bier und Wein wollten ihm nicht schmecken, und dann kam Hans Jochem zu und fuhr mit den hageren Armen aus den weiten Aermeln, und stöhnte und rollte die Augen und schrie, daß die Tauben vom Dach flatterten. Manches Mal, mit Permiß zu sagen, ob er schon ein geistlich Kleid anhatte, hab ich ihn beim Arm genommen und zur Thür raus geführt, und manches Mal wars auch meinem Götz recht lieb; denn er meinte, Jochem schütte zu viel Gedanken mit einem Mal aus, und da möchte was verloren gehen.«

Der Bischof machte eine Bewegung mit dem Finger nach der Stirn, Frau Brigitte verstand die Frage, die er nur halb aussprach.

»Daß Gott mich bewahre, Herr Bischof, und meinen seligen Gottfried in Ehren, es waren alles klare christliche Gedanken, nur wie gesagt, es war zu viel mit einem Male, darum konnte er sie nicht klein kriegen. Warum Gott so viele Menschen zum Nichtstun geschaffen hätte, das konnte er nicht aus den Gliedern rauskriegen; das quälte ihn auf die Letzt noch.«

»Der liebe Mann! Gott wird ihm seinen guten Willen schon anrechnen.«

»Ist auch in der Hoffnung von dannen gegangen, als ein gläubiger Christ. Aber, wenn er auf alle die zu sprechen und rechnen kam, die nichts täten und doch lebten, da rief er: Gott bescherts über Nacht. Da lags manches Mal auf ihm wie ne Wolke, und ließ sich Bücher aus dem Kloster bringen, darin verzeichnet und abgeschildert stehen alle die Nonnen und Mönche in ihren Habitern, die auf der Welt sind, und dann rechnete er Zahlen zusammen, und da schlug er einmal übers andere die Hände übern Kopf und rief: die tun alle nichts und leben doch. Wovon leben sie denn? Und wenn dann der Knecht Ruprecht antwortete: Von dem, was die anderen arbeiten und schaffen, da schlug er wieder die Hände zusammen.«

Der Bischof strich über sein Kinn: »Es ist nicht abzustreiten, daß es eine hübsche Anzahl, vielleicht zu viel Bettelmönche gibt; indessen, was ist zu viel, was zu wenig vor dem Auge des Herrn? Können wir sagen: es sind zu viel Sandkörner am Meer, zu viel Blätter im Walde?«

»Ach, er meinte auch nicht die Mönche allein, auch die Thumbherren und Kreuzherren und Kapitulare und Kaplane und Pfarrherren, die alle vom Müßiggang lebten, sagte er.«

»Vielleicht waren ihm auch zu viel Bischöfe?«

»Ach, Hochwürdigster! wenn er aufs Kapitel kam, nämlich von den Tagedieben, da wollts gar nicht ausreißen. Das blieb auch nicht bei den Geistlichen stehen. Wer sollte da nicht dem lieben Gott das Sonnenlicht stehlen! Aber Götz, sagte ich, s ist doch nun mal so. – Es sollte aber nicht so sein! sagte er. Ich sagte: s sind doch nun nicht alle drauf zugekommen, nämlich einen hat Gott so gemacht und den anderen so, das sagte ich, damit er sich zur Ruhe gäbe und die Kinder in Ruhe ließe. Der Hans Jochem hat immer was gedacht, sagte ich, und was ist aus ihm worden, und wer hats an der Eva gespürt und wie ist sie angesehen bei Hofe, sie nennen sie ne kluge Frau, und der Kurfürst selber unterhält sich gern mit ihr. Es half nichts. Hatte ich ihn ein bißchen zur Ruhe, dann kam er wieder auf die Wüste zu sprechen – nämlich als es schon zum Schlimmen ging, – und wenn er darauf zu sprechen kam, und auf den verschütteten Brunnen, da war ihm nicht beizukommen. Da meinte er, wir alle hätten eine Wüste hinter uns, Menschen und Tiere, und Länder und Reiche, und was hätten wir da zu arbeiten, daß wirs wieder gut machten, und aller Sonnenschein, den die Tagediebe einschlucken, der möchte kaum ausreichen, so man ihn zufammenfaßte, daß die Wüste hinter uns wieder grün würde. – Manches Mal fand ich ihn auch, da weinte er wie ein Kind. Sagte: wenn der Tod ihn holte, was denn von ihm über bleibe? Ja, ich hatte gut reden: Mann, bleiben denn nicht Deine Kinder und Deiner Kinder Kinder? Die wachsen so hübsch auf, und Dein guter Name! Da sah er mich ganz eigen an und schüttelte den Kopf: Wer weiß davon noch, wenn das Gras über mir wächst? – I, sagte ich, nach hundert Jahren sprechen sie wohl noch von Dir. – Aber nach dreihundert? sagte er. Wer weiß, sagte ich, s ist doch wohl noch einer, der von Dir erzählt. – Und was könnt er von mir erzählen! hat er gelächelt. – Du lieber Gott, sagte ich, wenn man von allen noch reden sollte, die mal gelebt haben, dann risse es ja gar nicht ab. Das wäre just, als wenn alle Toten wieder lebendig würden. Wir hätten keinen Platz hier. Da ward er denn still und lächelte –«

»Und ist gottselig gestorben,« sagte der Bischof, sehr zufrieden, daß er still geworden.

»Gottselig. Es war, als ob die Englein durchs Fenster flogen – es war Frühjahr, die Schwalben kamen zurück – eine pickte an die Scheibe – da sah er hin – und lächelte, und da –«

Die gute Frau verhüllte ihre Augen, und das war für den Bischof gut, denn wenn sie nicht die Schürze vorm Gesicht gehalten, hätte er nicht mit Ehren den Ehren- und Abschiedstrunk, der jetzt herumgereicht ward, leeren können. Vor einem Morgenritt im Winter ist das für jedermann gut; ob geistlich ober weltlich.

Der Bischof drückte der Wirtin die Hand: »Wie Euer Herr in Frieden von dannen schied und drüben in Frieden ruht, so schenke er uns allen seinen Frieden hier. Aber« – setzte er hinzu, ihre Hände klopfend – »von dem Ritter Gottfried wird auch auf dieser Erde noch etwas übrig bleiben.«

Da glänzte wieder helle Röte auf dem Gesicht der Burgfrau, und sich ehrerbietig verneigend, lächelte sie: »Ja, hochwürdigster Herr, ich habe ihn aushauen lassen in Stein. Im Kreuzgang zu Kloster Lehnin wird er an der Ecke vor der Mutter Gottes knieen, just wo die Morgensonne durchs große Fenster scheint. Die wird alle Morgen ihn zuerst ansehen und vielleicht spricht die Sonne zu meinem Herrn: Sieh, Dein Wunsch ist erfüllt; wer so gelebt hat, wie Du auf Erden, wird nicht untergehen. Vielleicht lächelt dann auch das fromme Gesicht, und nickt der Sonne zu: »Ich weiß schon, wers getan hat!«

»Ist in unsern schlechten Zeiten eine seltene Ehre,« sagte der Abt.

»Weil sie nicht jedem gebührt,« setzte der Bischof hinzu.

»Nun sollen sie doch nach hundert und dreihundert Jahren, und wer weiß wie vielen noch, meinen Götz nicht vergessen haben!« sprach mit triumphierender Miene Frau Brigitte. »So lange das Bild steht, werden die Kirchgänger es sehen, und wenn sies nicht wissen, fragen, wer ist der fromme Ritter? Und so lange ein Mönch im Kloster ist, wirds doch einer wissen und ihnen sagen können: Das war mein Götz!«

»Wer wird dann von uns sagen: Wir waren es?« sprach der Abt, nachdem die Reiter eine Weile durch den beschneiten Wald geritten. »Wer wird uns steinerne Bilder aufrichten?!«

»Der Stein verwittert auch einmal,« sagte der Bischof. »Der Regen wischt die Züge aus, und statt des Bildes sieht der späte Nachkomme eine Fratze.«

»Ihr freilich, hochwürdigster, werdet in Erz gegossen und in die Reihe der Tafeln Eurer Vorfahren an die Chorwände einge –«

»Gehängt, gemauert, geschmiedet, wollt Ihr sagen. Kann man das Eingeschmiedete nicht auch herausreißen? Unser Dom ward oft zerstört. Wer bürgt mir, daß die Heiden nicht einmal wieder nach Brandenburg kommen!«

»Sankt Johannes, was Ihr sprecht!«

»Schaut Ihr doch wieder aus, als da die Wölfe hinter Euch waren.«

»Wenn nun die Wölfe die Türken bedeuteten!«

»Die hätten weit bis zu uns –«

»Von wo es komme, es kommt etwas; ob von der Natur oder den Menschen. Der Zeichen sind zu viele, die auf einen Umschwung deuten. Die Klügsten können sich des nicht mehr erwehren. Denn so auch der Komet, die Pest, die Türkenkriege keine Warnungen gewesen, so weiß mein gelehrter Bruder besser denn ich, was sie in der Provence durch Rechnungen herausgebracht. Die Konstellation der Gestirne stimmt wie noch nie zuvor mit der Apokalypse, und die Gelehrtesten in allen Ländern sind jetzt damit beschäftigt, auszurechnen –«

»Ob die Welt durch Feuer oder Wasser untergehen wird.«

»Die meisten deuten auf eine Sündflut.«

»Einmal wird die Welt untergehen. Es fragt sich nur, wann?«

»Des alten Kaiser Maximiliani Tod deucht vielen sehr bedeutungsvoll.«

»Eine Überschwemmung sehe ich auch voraus, teuerster Abt, nämlich mit hispanischem und welschem Wesen, das der junge König Karl ins Reich bringen wird. Schlimm genug, aber in Wasser werden wir nicht ersaufen. Aus Hispanien kommt feuriger Wein. – Herr Bruder, was ists mit Euch« – fuhr der Bischof nach einer Weile fort. »In der Nacht dort ließ ichs passieren; aber s ist lichter Tag, wir haben festen Boden unter uns, hier sind keine Berge, aus denen Quellen niederrauschen können. Glaubt mir, die Erd wird noch ein wenig zusammenhalten, der Türk sich besinnen. Schüttelt das Fieber ab, oder bei allen Heiligen, ich glaub, s ist noch immer der Augustiner, der Euch in den Gliedern sitzt. Gestern, ich wills Euch gestehen, als ich den Wolf hinter mir sah, nämlich im Traume, warens die Augen und der Rachen des Mönches. Ihr hattet mich angesteckt. Dank dem heiligen Antonius, dieses Viehfieber ist mit einem gesunden Schweiß vorüber. Den Spuk schaff ich Euch vom Hals. Ehe denn, daß ich selig zum Grabe gehe, soll der Augustiner, wenn er nicht peccavi stammelt, mit der Ketzermütze auf den Holzstoß –«

Er konnte es nicht ausreden; sein Pferd strauchelte über eine Wurzel, bäumte sich, und wenn der Abt ihn nicht gehalten, möchte er aus dem Sattel gerutscht sein. Die Prälaten saßen beide nicht fest, man sah, der Ritt von gestern lag ihnen noch in den Gliedern.

»Wozu wären Zeichen, wenn wir nicht drauf achten wollten, so frage ich mich oft,« fuhr der Abt fort. »Und daß Gott durch Zeichen zu den Menschen geredet hat, wer wagte s zu bestreiten! An einem der ersten Tage, da ich beim Augustiner war, und er sich in Eifer geredet, gegen, was er Unwesen und Unzucht der Klöster nannte, schlug er an eine Ecke des Ofens, darin das Feuer gegen die Kacheln prasselte, und rief: »Wenn ihr Sündenmaß voll ist, wahrlich ich sage Euch, Herr Abt, ihre Dächer werden reißen, ihre Türme springen, ihre Glocken stöhnen, und dann kommt die Zeit, da die Disteln im Schutt auf ihren Höfen wachsen.« Ich meinte nicht anders, der Ofen werde unter der Hand zusammenbrechen, und die Flammen heiausstürzen.«

»Und –«

»Zwei Tage darauf bringt mir ein Laienbruder, den sie aus Lehnin an mich geschickt, die Nachricht, auf was Weise die Brüder sehr erschreckt worden. Denn als sie die Stelle in corpore besichtigten, wo wir das Steinbild für den Gottfried seliger anbringen wollen, und der Maurer nur den Hammer am Pfeiler klingen läßt, geschah ein Krachen und oben ist das Gewölbe gerissen, und zur selben Zeit schlug die Glocke an, als ob sie wimmerte und stöhnte, und da sie auf den Hof stürzten, sahen sie einen Riß, von oben bis unten, in dem Turm, der der Ringelturm heißt.«

»Und weiter?«

»Es war an dem Tage geschehen, und nachmittags zur selben Stunde, da der Mönch mit der Hand an seinen Ofen schlug.«

»Das ist eine weite Wirkung, von Wittenberg bis Lehnin.«

»Ihr mögt begreifen, daß ich nicht sonder Besorgnis heimkehre.«

»Da liegt das Kloster, es ist nicht untergegangen,« sprach der Bischof und zeigte auf die Türme, die durch eine Lichtung des Waldes aus der Tiefe vorblickten.

»Können seine Dächer nicht einmal zusammenstürzen?«

»Auch wenn sie gestürzt sind, wieder aufgerichtet werden! Ein Tor, wer, wenn er die Flasche entkorkt, beim würzigen Duft schon an die schale Neige denkt. Alten Weibern die Sorge, was von uns überbleibt, wenn wir nicht mehr sind. Die Bischofsmütze auf der ehernen Tafel über meinem Grabe, wärmt sie mich etwa, wie die wollene Nachtmütze, die ich über die Ohren ziehe? Was hilfts uns, in Holz geschnitzt, in Stein gehauen oder in Erz gegossen zu sein, wo niemand weiß, ob Albrecht Achilles Helm oder der zinnerne Kammertopf seines Hofnarren länger dauert. Der Backofen kann länger stehen, als der Kirchturm da, und der Name eines Galgenvogels überlebt den von tausend ehrlichen Leuten, die nicht in die Chronik kamen, weil sie nicht gehängt wurden.«

»Kurios, ich träumte darauf –«

»Daß die Sterne durch Eure Dächer schienen.«

»Ja, Bilsen und Nesseln wucherten im Mondschein über den Ruinen, aber riesengroß und eisenfest stand der Ofen des Mannes in Wittenberg, und von allen Seiten kamen die Leute, um den schwarzen Ofen wie eine Reliquie anzustaunen.«

Der Bischof lachte herzhaft, daß der Magen sich schüttelte, was er für sehr gut hielt nach einem Morgenritt durch einen feuchten Wald.

»Sanctissima! Abba! Freund! Eure Leber ist krank. Was trinkt Ihr denn den verteufelten Landwein, den Ihr selbst zieht. Kuriert mit hungarischem Eure Grillen. Spukt ein Ofen gar im Gehirn, wie der feurige mit den drei Männern! Ei, Lieber, wenn Eure Seele das Zähneklappern kriegt, will ich Euch von der Vision heilen. Straupitz, der Provinzial der Augustiner, tut mir schon den Gefallen und läßt den Ofen abreißen, so ich ihm schreibe, daß er Euch ein Aergernis war. Lehnin, seht, wie die Sonne drauf scheint, soll länger zusammenhalten, als die gebrannten Kacheln.«

Der Bischof wäre wohl in der Laune gewesen, es zu tun. Der Abt, der ihn kannte, hatte Mühe, es ihm auszureden.

»Seht, Bester, welche Lehre selbst Euer Traum uns gibt,« fuhr Hieronymus fort. «Da eifern und schreien die Gelehrten jetzt gegen die Reliquienverehrung, und so wirs recht bedenken, nämlich unter uns, läßt sich mancherlei dagegen sagen, – denn warum soll die Maria in Zehdenick besser sein, als Eure in Lehnin, und hätten wir in Brandenburg die heiligen Knochen vom Dom zu Magdeburg, so sehe ich nicht ab, warum Brandenburg nicht auch ein gefürstetes Erzbistum sein könnte, und vielleicht mit besserem Recht – doch, wie gesagt – das ist nicht fürs Volk. Aber, angenommen, Euer Traum wäre eine Wahrheit, der Wittenberger Mönch würde ein Heiliger unter den Ketzern, würden sie nicht auch seine Schuhe anbeten, seine Zähne verkaufen, und – wer sagt das voraus – sie pilgerten auch wohl nach seinem Ofen zu den Augustinern. Das Volk will Reliquien. Es muß was mit den Augen sehen, mit den Händen betasten, mit der Nase riechen. Torheit, was sie faseln über das Anbeten im Geist und in der Wahrheit. Ja, wenn wir selige Geister wären! Nun stecken wir aber in Haut und Hosen; und möchtet Ihr raus? Mir wärs zu kalt. Weihrauch und Reliquien so lange die Welt steht, ob nun von Knochen, Leder, Holz oder Stein. Seht die alte Bredow!«

»Eine gescheite Frau, wird sie aber nicht knieen vor ihrem Götz von Stein, und Stein und Bein schwören, es sei ihr Mann, und der Steinmetz konnte keinen ungeschickteren Fratz feilen, wie ich im Vorbeigehen sah. Was der Stein!« – und er lachte hell auf, – »hat die Familie nicht auch eine andere Reliquie, eine lederne! – Sie knieen am Ende noch vor ihren Hosen. Omnes noo homines sumus, dilectissime!«

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