Frei Lesen: Der falsche Woldemar

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Willibald Alexis

Der falsche Woldemar

Eilftes Kapitel.

eingestellt: 23.7.2007



Bei dem Abendimbiß, den die Gräfin ihren Brüdern, Denen von Ruppin gab, hatten zwar die Kerzen einen hellern Schein verbreitet, als vorhin im Stüblein, wo die verkappte Gesellschaft saß, aber es ging nicht fröhlicher her. Die Wirthin war zerstreut, ihre Gäste müde und übellaunig. Die Brüder lebten nicht in bester Eintracht mit der Schwester.

Und wo die Sinne getrennt sind, da thut ein Wörtlein schon übel, das der Eine so faßt, der Andere so. Was mußten die Herren ihren Zwist mit den Stellmeisern so breit erzählen, und Einer feuerte den Andern an. Sie wußten, daß ihre Schwester mit ihnen in Frieden lebte, und das Volk erzählte sich Manches. Die Gräfin aber gab es ihnen wieder. Denn auch die Grafen hatten sich ja bis letzt mit der Bande vertragen. Nun sie gebrochen, sollte die Schwester auch mit ihnen brechen. Spitzig klang ihre Antwort: sie wolle überschlagen, wer ihr mehr Schutz sei, die Räuber oder ihre Brüder, so um ihre Schwester nur dann sich kümmerten, wenn sie ihrer bedurften.

Da gab ein heftig Wort das andere, und Graf Ulrich, der viel getrunken, warf so Unziemliches hin, davon, daß ihm das eine theure Freundschaft sei, daß die Gräfin ihm einen bösen Blick zuwarf. Der Andere, Graf Gerhard, beschwichtigte es noch und sprach von andern Sachen. Aber worauf sie auch zu sprechen kamen, von den Weltläufen und fernen Dingen, sie wurden immer wieder uneins. Und wie die Brüder einen Becher um den andern auf ihren Unmuth stürzten, so schlürfte die schöne Frau die zornigen Worte, als wärs ein berauschend Getränk, ein.

»Wenn Weiber verkehren mit Männerdingen, das ist Unrecht,« sagte Graf Ulrich. »Und daß Dus weißt, Schwester, was Du treibst, uns gefällts nicht. Wir schwiegen dazumal, Gott seis geklagt, jetzo wollen wir nicht schweigen. Hat das Land Feindschaft genug, es fehlte noch, daß die Weiber uns neue Feinde gewinnen. Wir wissen, daß Du heimlich verkehrst mit dem Magdeburger und andern Herren draußen, die Ränke schmieden wider unsern Herrn und Markgrafen. Das ist nicht recht, viel weniger von Dir, die Du ihm Freundin warst, mehr als Du solltest. Und Du möchtest jetzt Deine Tochter Adelheid mit Einem von den Dessauern verheirathen. Das ist auch nicht recht. Denn es ist Trotz und Ungehorsam gegen unsern Markgrafen Ludewig, der, als Du weißt, in geschworner Feindschaft mit Denen von Anhalt lebt, und wills nicht zugeben. Und wir Brüder gaben unser Ritterwort, das haben wir, es soll nicht geschehen.«

»Kommt Ihr darum?«

»Und noch um viel andres, fiel Gerhard ein. Wir könnten von gar Vielem sprechen, was uns nicht gefällt, Schwester; wir wollens nicht. Aber unseres Hauses Ehre ist alt, und die wollen wir hüten, was an uns ist. Und die Ruppiner waren immer treu ihren Herren, und die Treue wollen wir bewahren. Und daß Dus weißt, darum sind wir hier. Die Adelheid soll nicht den Grafen von Anhalt kriegen, wir wollens nicht« – und er schlug sich auf die Brust – »als lange Markgraf Ludewig unser Herr ist!«

Ihre Lippen kräuselten sich und sie warf einen spöttischen Blick unter ihren Wimpern auf den Sprecher: »Wer weiß, wie lange ers ist.«

»Ists das! rief Graf Ulrich. Das Mährlein vom aufgelebten Markgrafen, klingts unserer Schwester auch zu Ohren? Das ist ein schlechter Wind, ein Pfaffenwind, ein altes Weibermährlein –«

»Pfaffen und alte Weiber!« brummte der andere Bruder.

»Nehmt Euch in Acht, meine feinen Brüder;« sprach die Gräfin und stand auf, »daß Euch der Wind nicht umbläst, Ihr scheint nicht mehr fest auf Euren Füßen. Das aber sage ich Euch: Meines Hauses Ehre will ich wahren. Seid Ihr so blöden Auges, so stumpfen Sinnes, um nicht zu sehen, wo sie wächst und wo sie schwindet, ich sehe es und werde handeln. Kriecht in Eurer Lehnspflicht fort, ich bin eine Frau und will für meine Tochter einen Gemahl wählen, der auch frei ist und hochgeboren. Wollt Ihr nicht frei werden, so beugt einst Euer Knie vor Eurer Nichte, denn nicht diesem Ludewig, sondern dem Hause Anhalt gehört die Mark Brandenburg, und Heil unserm Hause, wenn eine Tochter auf seinem Fürstenthrone sitzt.«

»Wills da hinaus?« schrie Ulrich.

»Holla, so weit schon!« rief Gerhard.

»Und daß Dus weißt, Frau Schwester, zwischen Brüdern und Schwestern muß Aufrichtigkeit sein. Wenn Du an das Mährlein glaubst, ich schlag ihm den Kopf ein, als wahr ich Graf Ulrich von Lindau bin und Herr von Ruppin. Die Todten sollen im Grabe bleiben und die Lebendigen sollen leben. – Und daß Dus weißt – wie wir da sind, wir reiten nach Tyrol, als Boten zum Markgrafen. Solls erfahren, haarklein Alles, von Eurer Gaukelei, so wir nicht etwa durch einen Wald kommen, und ein Schnapphahn schickt uns einen Bolzen durch die Gurgel, und es heißt, wir kamen um an einem Blutsturz; die Welt glaubts Dir nicht als Dein Mährlein. Das sagen wir Dir im Vertrauen.«

»Und ich,« rief die Gräfin, »sage Euch –« Sie hatte sich erhoben und ihre Stirnadern schwellten blutroth und ihre Arme zitterten und grimmige Wuth zuckte in den aufgerissenen Augen. Aber die Worte verschluckte sie.

»Ich sage Euch jetzt, schlaft aus, ehe Ihr zum Baiern kommt, denn es glaubt es Euch Keiner, was ein trunkner Mund spricht.«

Da ging sie hinaus und schloß sich in ihr Kämmerlein. Aber sie war nicht allein. Es waren böse Geister bei ihr. Sie sprang vom Ruhbett auf, wo sie gesessen, die heiße Stirn in beiden Händen gepreßt, und riß an einer Schnur. Darauf drückte sie am Riegel, der eine Thür verschloß, so im Täfelwerk angebracht war, und man hörte langsame Tritte und ein heiseres Husten. Ein alter Mann trat ein, den kennen wir schon. Man sollte nicht meinen, daß solchen Gestalten Eintritt gegönnt ist in das stille Gemach edler Frauen. Es war der Hauptmann der Freien im Walde. Aber die Gräfin erschrak nicht vor dem zottigen Pelz, vor dem gelben Gesicht und dem rothen Haar. Es waren alte Bekannte.

»Wir sahen uns lange nicht,« sprach sie.

»Und unsere Rechnung ist doch alt,« entgegnete er und setzte sich, als käme es ihm zu, in einen Armstuhl.

»Hast Du noch Forderungen an mich?«

»Wer weiß das so genau!« hustete der Mann. »Man schreibt zu und ab in einem Schuldbuche; und so die beiden Handelsleute Freunde bleiben, hat es keine Eile mit der Abrechnung. Ihr erlaubtet mir, einen meiner wunden Leute in Euerm Schloß zu bergen. Der Dienst soll Euch zu gut geschrieben sein.«

»Was solls mit dem?«

»Das ist ein Gesell, der mir reichlich die Mühe lohnen soll, daß ich ihn aufziehe zu einem Mann, als wir ihn brauchen. Es kommt die Zeit heran.«

»Um deshalb ließ ich Dich rufen.«

»Weiß es. Wozu doch alte Leute bisweilen nutz sind. Das meintet Ihr auch nicht vor – wie viel Jahre sinds doch her?«

»Schweige Du davon –«

»Meine Brust ist ein Grab. Aber Ihr wollt ja die Todten wieder aufstehen lassen.«

Ihr zorniger Blick prallte ab von dem ruhig lauernden des alten Hauptmanns. »Sie nennen Dich den Teufel, und mich dünkt, sie haben Recht.«

»Sie fürchten mich. Um den Preis möchten viele Leute den Namen führen. Doch zur Sache, Gräfin.«

»Ich bedarf noch einmal Deiner Hülfe.«

»Sagt ich es Euch nicht schon damals, als Ihr mir die Beutel hinwarft und spracht: Auf nimmer Wiedersehen! So trennt man sich nicht, sagte ich, wenn man sich so verbunden hat. Solche Bande halten durchs Leben.«

»Es ist traurig, es ist fürchterlich,« flüsterte die Gräfin.

»Habs nicht vergessen, wie Ihr sie zerschneiden wolltet. Eine Frauenscheere thut das nicht; es müssen starke Messer sein. Noch kein Jahr war um, da hattet Ihrs schon vergessen, alles was ich für Euch gethan. Ihr suchtet nach einem Grabe, darin die häßliche Erinnerung zu begraben. Zum Glück für mich wars Winter; die Erde wollte sich nicht aufthun. Dort bei Helmstädt, als die Alvensleben mir auflauerten, und Ihr waret es, die ihnen Wege und Stege verrathen. Zum Glück hatte ich Euch nicht alle genannt; ich entkam über den gefrornen Sumpf nach Soltwedel. Ja, ihre Messer waren scharf, und der Henker in Helmstädt hätte kurz mit mir verfahren. Nun läge ich stumm und still, wärs nach Euch gegangen, wie der Graf von Nordheim.«

Die Gräfin hatte sich bezwungen. »Was hast Du noch mehr zu sagen? Alten Leuten muß man nicht ins Wort fallen, wenn ihre Zunge faselt.«

»Ich erwarte nur Eure Aufträge. Liebe und Haß sind wandelbar in eines Weibes Herzen. Nun haßt Ihr den Markgrafen Ludewig. Ihr wünschtet, die Erde thäte sich auf, ihn zu verschlingen. Aber unser Sand ist so ruhig und weich. Sucht Euch eine Hexe aus dort in den Alpen, daß sie die Steine bespricht, und wenn er auf der Gemsjagd auf einen Block springt, daß er unter seinen Füßen fortrollt. Oder sie knetet einen Schneeball oben auf den Eisfirnen, der rollt herab und wird größer und größer, bis er Bäume, Wälder, Häuser und Dörfer verschüttet. Ein Jäger ist wie ein Sandkorn darunter begraben, auch wenn er ein Fürst ist. Und Niemand weiß, daß einer Frauen Haß ihm das Grab grub. Doch das steht Euch nicht an, Ihr wollt ihn hier vor Euern Augen gedemüthigt sehen. Glied um Glied seiner Herrlichkeit soll ihm abfallen, Ihr wollt Euch lechzen an seiner Schmach und Erniedrigung. Er soll verschmachten im Sande – nicht wahr?«

»Ungeheuer! Woher weißt Du Alles?«

»Ich weiß nicht Alles, aber genug was es soll. Ihr sucht nach einem todten Mann; ich meine nicht nach Eurem Mann, den dazumal ein Blutsturz auf der Jagd befiel, und er kam im Walde um. Sondern Ihr sucht nach einem Manne, der einen Todten vorstellen soll, und den Todten wollt Ihr wieder lebendig haben, daß er einen Lebendigen todt mache. Den Mann sucht Ihr, Gräfin, und könnt ihn nicht finden. Darum habt Ihr mich gerufen.«

»Braust Du Dir aus den Waldkräutern Zaubertränke, daß Dein Ohr durch Mauern horcht?«

»Die Vögel im Walde singen uns, die wir dort leben, manch seltsam Liedlein, das kein Anderer versteht.«

»Genug des Geschwätzes. Du kennst den Mann.«

»Hab ihn gekannt. An einen Bessern konntet Ihr nicht gerathen. So an Gestalt, Gesicht, Stimme dem verstorbenen Herrn ähnlich. Zudem er wußte um des großen Herrn vertraute Dinge. Und hatte es gelernt, wie ein Fürst steht und geht. Das war ein guter Griff.«

»Wo ist er?«

»Ihr bötet mir wohl viel, so ich ihn Euch schaffte? Vielleicht so viel als damals –«

»Das zwiefache. Fordere was Du willst und führe ihn zu mir.«

»So Ihr mir aufgäbt, den Grafen von Nordheim Euch herzuführen, und Ihr bötet mir tausend Mark, müßt ichs da auch?«

»Mensch, Du hast ihn erschlagen!« fuhr die Gräfin auf.

»Ich liebe die Pilgersleute nicht. Schlechtes, heuchlerisch Gesindel. Auf manchen solcher Crucesignaten, der umschleicht und die Leute betrügt, drückte ich aus purer Lust meine Armbrust ab. Die fehlt nie, Ihr wißt es, Gräfin. Ich lag in einem Busch. Da raschelte durchs Laub ein Muschelhut, ein scheinheilig Gesicht darunter, und das Gesicht spähte umher. Wie gesagt, ich liebe einmal nicht die Leute, die ihre Schlechtigkeit mit Kreuzen überkleben. Und was hatte er in meinem Walde zu suchen? Ich legte den Bolzen sacht auf die Rinne und zielte gut –«

»Du hättest Dir ein besser Ziel wählen können.«

»Ihr habt recht.«

»Du hast ein großes Spiel verdorben.«

»Wer weiß. Das Spiel läßt sich wohl noch spielen. S ist Euer alter Fehler, Ihr seid zu heißblütig, wollt zu schnell am Ende sein. So habt Ihr schon den Mann todt geschossen, und ich legte doch erst den Bolzen auf die Armbrust. Kann mir nicht Einer in den Arm gegriffen haben, und ich stieß mit dem Ellenbogen gegen einen Ast, der Bolzen flog fehl? Oder muß jeder Pfeil ins Herz treffen? Ei, hohe Frau, es giebt der Möglichkeiten gar viele zwischen einem gespannten Bogen und dem getroffenen Herzen, und Ihr gebt so schnell die Hoffnung auf! Mögt Ihr Euch nicht denken, daß ich gar nicht schoß? Es kommt vor, daß ein Reh mit seinen schönen Augen so kläglich den Jäger anblickt, und er kann nicht abdrücken. Auch von Fürsten erzählt man, die so königlich den Schützen anschauten, daß der Finger ihm steif ward. Ists nicht auch möglich, daß ich einen alten Freund erkannte und freiwillig das Gewehr fortwarf?«

»Was quälst Du mit Räthseln? Willst Du mehr Lohn erpressen? Bringst Du ihn her? Wartet er am Thore? Bei allen Heiligen, die Sache hat Eil.«

»Er wartet nicht am Thor. Ich bringe ihn nicht her.«

»Aber er lebt.«

»Nicht für Euch. Er will nicht kommen. Für Euch ist er todt. Was die Leute das Gewissen nennen, denkt Euch, das plage ihn. Er möchte wohl, aber er zweifelt. Hätte wohl Lust, aber – doch das kümmert Euch nicht. Gebt ihn auf, und sucht Euch einen andern Spieler.«

»Folterknecht, wo hinaus willst Du? Hinter Deiner ruhigen Miene lauert mehr. Willst Du auch nach Tyrol?«

»Wozu käme ich dann zu Euch!«

»Ein Thor ist er! und Du, was ist Deine Tücke! Einen andern! Wo ist ein anderer? Sollen wirs auf den Märkten ausschreien lassen?«

»Es giebt viel alte Männer, Gräfin. Seltsam, Ihr seid so klug, und fielt nicht auf den Einen –«

Ihre Blicke begegneten sich.

»Du! Wahnsinniger Narr!«

»Bin ich nicht alt, wie er? Gewitzigt wie Mancher? Hab ich nicht Wissenschaft, mehr als Euch lieb ist? Das Land kenn ich wie Einer, und die Leute, die drin leben, besser als ein Lebendiger.«

»Elender!«

»Spüre Kraft in mir, das Elend abzuschütteln.«

»Ists Ernst? Was willst Du, alter Mann?«

»Im Wald ists einsam. Ich möchte einmal unter Menschen, Gräfin. Sollte mir das nicht Lust sein, unter einem Thronhimmel sitzen, auf weichem, goldenem Pfühle, seis auch nur zum Spaß, und zu meinen Füßen Herren und Grafen. Herrschen ist ein Vergnügen, das bleicht nicht aus mit den Haaren, es wächst mit den Jahren. Ich weiß eine Zeit, wo die Gräfin Mathilde um den Gedanken, Markgräfin von Brandenburg zu spielen, viel gab, sehr viel.«

»Du und ich!«

»Ihr seid schön und jung, und ich bin alt und häßlich. Das ist der Unterschied. Sie brauchen aber einen alten Mann und kein schön Weib.«

»Nimmermehr!«

»Das Grab ist gesprengt. Das Volk will seinen Todten haben. Macht Ihr nicht bald, daß Ihr ihm den Mann nach Eurer Wahl zeigt, so kommt ein Anderer, der nicht nach Eurer Wahl ist, und hüllt sich in die fürstlichen Kleider, die Ihr ihm bereitet, und wärmt sich an der Volksgunst, die Ihr geschürt und genährt. Ihr habt ein gefährlich Spiel angefangen; so Ihr verzagt und nun zaudert, ists verloren, und was Ihr geschmiedet, geschärft und gespitzt, sticht auf Euch zurück.«

»Wärst Du nicht selber Teufel, nennte ich Dich seinen Sachwalter.«

»Auf Namen kommt es nicht an.«

»Aber auf des Menschen innerstes Sein. Ein Fürst muß doch ausschauen mindestens als ein edler Mensch. Seine Blicke müssen entzücken, seine Stimme muß tönen wie Wohllaut, er muß sich erheben können über die Andern. Wer bist Du denn? Wie heißt Du? Wie siehst Du aus? Wer glaubt es Dir? Was ist Deine innere Vollmacht? Laß Dich genügen, eitler Thor, mit was Du hast. In jene Kreise gehörst Du nicht. Auch nicht drei Tage hältst Du Dich, Rasender; Du verdirbst Dich und uns.«

»Und wenn nun der Muthwille mich doch kitzelte, daß ich es probirte! Den Ihr verlangt, der bürstete dem Fürsten einst die Stiefeln und schnallte ihm die Sporen an. Bin ich schlechter? Wer kann das von mir sagen? Wer weiß, was ich früher trieb, wer kannte meine Eltern?«

»Du hülltest Dein Wesen in Geheimnis, um Deine Bande zu schrecken.«

»Ihr und Niemand weiß, wer ich bin.«

»Wärst Du von edler Abkunft? Hätte eine schlimme That Dich in die Wälder getrieben?«

»Dann wär ich freilich besser,« grinste der Stellmeiser. »Denkt das, sos Euch gefällt, denkt auch höher hinauf: Ich sei ein Fürstensohn, vielleicht selbst ein Fürst, den man aus seinem Lande trieb. Vielleicht Einer, der sich selbst vertrieb, sich begraben ließ vor den Leuten, um fortzuleben im Verborgenen, ihre Arglist und Niederträchtigkeit zu belauschen. Vielleicht – nun was reißt Ihr die Augen auf, Gräfin Mathilde! – wenn ich für Euer falsches Geld wahres zahlte. Habt Ihrs nie gehört, daß der alte Markgraf unter den Freien im Walde lebt, seit langen, langen Jahren. Was gäbt Ihr drum, wenn ich es bin!«

Der alte, gebückte Mann richtete sich auf. Gestützt auf seinen Stab, ward er um Kopfes Höhe größer. Er strich das Haar zurück und schaute sie fest und gebieterisch an. Es rieselte ihr über den Nacken. Sie wollte ihn wieder zornig und stolz anblicken; ihr Blick glitt ab von seinem. Es sprach in ihr ein heißer, lebendiger Widerwille, ein Abscheu und Haß gegen den Mann, aber ihre Gedanken fanden keine Worte.

»Willst Du Beglaubigung, daß ich es bin? Du sahest ja den todten Fürsten kaum als Kind. Weißt Du, wie seine Stimme klang? Wie sein Auge leuchtete? Ich könnte Dir seine Stimme wieder tönen lassen, wie er in der Schlacht rief; sie übertönte den Klang des Stahls. Ich könnte Dich anschauen, wie er die Gerichteten anschaute. Was hülfe es Dir? Das Volk glaubt Alles. Willst Du Mährchen? Ich will Dir erzählen, wie ich als Knabe Ball spielte, wie ich als Jüngling von einem wilden Pferde stürzte, das ich zähmen wollte; das Schwert eines Feindes in der Schlacht mir diese Wunde schlug. Was willst Du? Sieh noch mehr: Hier ist Markgraf Woldemars Siegelring. Er ließ ihn nicht vom Finger, und ich trage ihn. Sieh doch, er paßt zum Finger wie angegossen. Ist das nicht Beglaubigung? Davor muß doch jeder guter Märker auf die Kniee sinken, und zu seinem Heiligen rufen: Er ists!«

Sie sah den Ring und zitterte. Sie faßte die Hand, und wollte, sie wußte nicht was; aber sie richtete sich mit erzwungener Fassung wieder auf und schleuderte die Hand fort.

»Wo stahlst Du den Ring?«

Er blickte sie ruhig an. »Könnte nicht Dein erfinderischer Witz Dir sagen, es sei ein falscher Ring. Doch das Gold ist echt, die Signatur auch; es ist derselbige wahrhaftige Ring, den der letzte Markgraf nie vom Finger ließ.«

»Du bists nicht!« rief sie aus, ohne ihn zu hören. »Du bist ein aufgeschwollen, giftig Lügenbild.«

»So schreien Kinder, die sich vor der Wahrheit fürchten.«

»Du darfst nicht Woldemar sein.«

»Das klingt schon besser. Vor Dir darf ichs nicht sein. Du hättest Dir ja aus dem Grabe selbst den Richter gerufen.«

Der Frau wars zu viel; überwältigt vom Schreck war sie auf das Ruhebett gesunken; sie verhüllte ihr Gesicht. Schiens, als weide er sich an ihrem Anblick. Ein Raubthier, das die Beute, sie liegt machtlos zu seinen Füßen, anäugelt und weist ihr den Rachen, der sie zerreißen wird, aber noch satt, schlürft es nur wollüstig die Angst ein, die seine tödtliche Nähe bereitet. Es vergingen so Minuten:

»Sagt ichs Euch nicht, Ihr spieltet ein zu großes Spiel für eine Frau. Des Weibes Natur, wenn sie gährt, ist als wie die Feuerberge in Welschland. Da wirft sie auf eins heraus, was in der Tiefe ruhen sollte, bis der Bergmann es findet und scheidet, und zum Nutzen an den Tag fördert. Das wird in Unordnung vorgeschleudert, und wirkt Brand und Verwüstung. So Eure Anschläge, so Euer tolles Sinnen. Es saust, braust und lodert. Ihr könnts nicht binden und fassen. Nun ringt Ihr die Hände und rauft das Haar und schreit um Hülse. Und blind werft Ihr Euch dem ersten Besten an den Hals. Auf die Kniee, Weib, bete, schluchze, gelobe, was Du willst! Bin ichs, was hilfts Dir?«

Sie murmelte: »Rasch den Schlag, ich will ihn ertragen, der mich vernichtet.«

»Ich habe nie rasch gehandelt. Der Jähzorn hilft Keinem zur Rache. Was Unbill sie mir anthaten, habe ich langsam gerächt. Wie viele Jahre sind es, daß Du mich wolltest fangen lassen, und heut erst gedenk ichs Dir? Der Henker hielt schon in Händen das Rad mit Eisennägeln, dort in Helmstädt. Wills Dir auch gedenken, daß meine Glieder dazumal nicht gebrochen sind!«

Da sprang die Frau auf: »Du bist keines Fürsten Sohn. Nein, nein! Aus meiner innersten Seele spricht es. In Deinen Adern rinnt kein edel Blut. Wohl mir! Das ist Wahrheit.«

»Was hat ein Weib mit Wahrheit zu thun! Wir sind um Mährlein hier bei einander.«

Er sprachs so bitter ruhig, und schaute vor sich nieder, schiens, er war in Gedanken versenkt, in eigenen ernsten, als hätte er die Frau, und was er redete, vergessen. So saß er und stützte den Kopf in der Hand.

»So Euch das Mährlein nicht behagt, will Euch ein anderes erzählen. Mögt dann wählen, was Euch besser gefällt. Es war eines Bauern Sohn, nicht eines Bauern, als Ihr sie wollt. Er saß frei auf seinem Hofe. Saß auch als Land-Schöppe mit beim Hals- und Grundgericht unter den Sieben, die richten die Uebertreter. Da sprach er das Urtel über Einen, der ein Räuber war, und war auch ein Edelmann. Der Ritter büßt es am Leben. Es war dazumal noch Gerechtigkeit im Lande. Das Urtel verdroß die Ritterschaft. Sie murrten, es sei Unrecht, daß ein Bauer über Ritter richte. Er richtete nicht über Ritter, nur Uebertreter hat er gerichtet. Was konnte der Bauer dafür, daß die Ritter Uebertreter waren! Ein uralt Recht ists, wo Sächsisch Recht gilt. Freie Bauern, die auf Eignem sitzen, sind schöppenbar. Da thaten sich neun, zehn zusammen – gar schöne alte Namen darunter. – Sie wollten ein Fehmgericht halten. Ueberfielen Nachts den Hof und zündeten ihm das Dach überm Kopf an. Der Bauer war so frech, daß er sich widersetzte. Da schlugen sie ihn todt, sein Weib auch. Sein Vieh trieben sie fort, und was sie fanden. Den Sohn rettete ein Knecht. Es wäre ihnen gut gewesen, sie hätten den auch erschlagen. Des Bauern Sohn, als er aufgewachsen, suchte sein Recht. Er klopfte an alle Thüren. Die waren verschlossen. Er ging vor alle Landgerichte, zuerst zu der Klinke bei Brandenburg, von da zu der Krepe im Eichenwald, dann zu den Linden auf dem Berge bei Soltwedel, und endlich zur höchsten Dingstatt, das ist des Reichskämmerers Kammer, die wird gehalten vor der Brücke zu Tangermünde. Und ist das nicht ein Mährlein, als ich Euch sage, wunderlicher, als daß ein todter Markgraf lebt? Die Schöppen konnten sein Recht nicht finden; und so sies fanden, da war kein Richter, ders ausführte. Da mußte des Bauern Sohn sein Recht sich selber suchen. Aber was will Einer gegen neun und zehn, und noch dazu, wo der Eine ein Bauer ist, und die zehn sind ritterliche Leute! Manches Vieh hat er gepfändet, manche Scheune brannte Nachts ab, aber die Zehn schliefen hinter Gräben und Mauern, die Zugbrücke war aufgezogen und die Thüren fest verriegelt. Von Allen, die seinen Vater erschlagen, nicht der Sohn von einem Einzigen ward wieder erschlagen. Aber er ward, des Bauern Sohn, angeklagt, um Friedensbruch. Und ist das nicht wunderbar, da waren zehn, zwölf Gerichte bereit, ein Urtel wider ihn zu finden. Die Ritterschaft hielt zusammen, alle verschwägert und verschwistert, und setzten dem freien Bauern den Daum aufs Auge. Da wurde eingeheizt unter ihren Schöppenstühlen, gedroht, daß sie ihre Freiheit verlieren, unterthänig sollten sie werden. Dummes Volk die Bauern! Sie werden ohnedem unterthänig werden, so sie nicht zusammen halten, und den Heerschilden ihre Zähne weisen. Aber die Bürgersleute in der festen und reichen Stadt, was hatten die zu fürchten? Zu fürchten nichts. Die fetten Hufen des Bauern stachen ihnen zu Sinn. Sie mochten auch nicht freie Bauern an ihrem Weichbild. Vergebens rief er ihre Freiheit an und ihren Schöppenstuhl. Da schickte der Bischof, der war von der Sippe des gerichteten Richters, Kaplane und Decane zum Rath. Der Kirche Diener sollen zum Frieden reden und zur Sühne. Das thaten sie auch. Sie lagen den Rathmannen, die noch zauderten, in den Ohren, daß sie um eines schlechten Bauern willen nicht in Feindschaft geriethen mit den Herren und Rittern. Da wiesen sie des Bauern Sohn aus. Der konnte Gott danken, daß er bei Nacht und Nebel die Heide erreichte. Sein Hof und seine Hufen waren verfallen, so sprachen die Gerichte. Wurden losgeschlagen; die auf der Stadt kauften sie um ein Spottgeld.«

»Ist das kein schön Mährlein, Gräfin?« fuhr er nach einer Pause fort. »Und saget, wärs nicht noch wunderbarer, so des Bauern Sohn den Groll in der Brust verschlossen, und wäre fortgegangen in die Fremde, und verdingte sich als Knecht, – als Lastthier zu arbeiten? Unter den Schlägen und unter dem Joche vergißt der Mensch, daß er frei war. Oder klingt Euch das ein Mährlein, daß er Rache schwor beim blutigen Schädel seines Vaters, bei seiner Mutter Todesröcheln, und daß er den Schwur nicht vergaß, noch vergessen wird! Der Graf von Nordheim war unter Denen, die den rothen Hahn auf seines Vaters Dach setzten.«

»Nun bist Du wieder ein reißend Thier,« sprach die Gräfin. »Bleib bei dem Mährlein, mir ist wohler, so ich Dich heulen höre um Rache, als wie Du da aufrecht standest. Zurück, zurück! in Deine Wälder. Den Raubthieren wird Manches abfallen.«

»Ich will nicht Abfall.«

»Dein Unglück willst Du. Wo lerntest Du Fürst spielen?«

»Des Bauern Sohn sah sich in der Welt um. Ihr wart ja auch in Welschland, Gräfin? Auch in der Stadt Roma. Saht Ihr dort nicht einen Mann, der viel von sich sprechen macht, und ist kein Fürst, kein Graf; nichts war er. Als Ihr meint, ein Hund, den man mit dem Fuße tritt. Und was ist er jetzt! Cola heißt er, und Rienzi nennt ihn das Volk. Das schreit in die Lüfte, wo er kommt, das stürzt auf die Kniee und küßt den Boden, wo er hintritt; das hebt ihn auf seine Arme und trägt ihn durch die Stadt, und ein Purpur hängt um seine Schultern, ein Baldachin schwebt über seinem Haupte. Saht Ihr einen Fürstensohn, vor dessen Blicke Adel und Herren so im Staube zittern? Die hochgebornen Patricier küssen ihm den Saum seines Kleides. Seinen Befreier nennt ihn das Volk. Er greift, hängt, köpft, rädert Grafen und Herzöge. Der Priesterrock schützt nicht den Uebertreter. Von wem hat der Rienzi gelernt Fürst spielen!«

» Das ists? Ein Henker der Edeln willst Du sein. Ein blutlechzender Tiger. Wehe dem armen Lande und Volke!«

Ein boshaftes Gelächter antwortete ihr: »Das Volk! Ei ich meinte, das ginge Euch nichts an; Ihr wolltet nur für Euch spielen. Als ein Freund sprech ich, laßt Euch rathen. Für das Volk, da ist ein Klotz gut. Er braucht nicht Arme und Beine zu rühren, so er nur mit dem Kopf nickt und schüttelt, wie Ihr ihn anstoßt. Aber Ihr habts nicht mit dem Volk allein zu thun. Deutschland sieht zu, Kaiser und Fürsten; ja die ganze Welt ist Euer Zuschauer. Geht geschickt zu Werke. Den Markgraf Ludewig kennt Ihr, Frau Gräfin. – Mit seiner Lanze stößt er noch allemal Eure Puppe um, so sie nur ein Gliedermann ist. Des Baiern Freunde sind noch stark im Reiche; sie haben scharfe Augen für jeden Mißgriff, den Ihr begeht, und die Waffen, die Ihr gebraucht, mögen sie gegen Euch wenden. Auch sind nicht alle Pfaffen auf Eurer Seite. Mancher Prälat hälts mit dem Baiern. Was der Dominicaner thut, belauert ihm der Franciscaner. Ihnen giebts keine größere Lust, als auf seine Weise ihren Feinden ein feines Spiel verderben. Tücke wider Tücke. Die Märker sind starre, trotzige Gesellen, halten sich gern den Nacken frei vom Pfaffenjoch. So frei als die Frankfurter denken Viele im Stillen. Muß Euer Mann sich verbergen unter den Kutten, kann er nicht sprechen frei von der Leber, wagt er nicht sich den Völkern zu zeigen, ists um sein Ansehen gethan. Das erwägt, Frau Gräfin, und wählt: Eine Puppe oder einen Mann? Ich bin der Mann.«

Wieder stand er aufgerichtet vor ihr, nicht als des Bauern Sohn, sondern als der Markgraf. Die Haare waren aus dem Gesicht gestrichen, und unter einer hohen Stirn und buschigten Brauen bohrten auf das Weib die Augen eines Habichts. Er schlang den zottigen Mantel um die Schulter, und an dem Finger der Hand, die ihn zusammenhielt, glänzte der Siegelring:

»Dein letztes Wort? Ich gehe.«

Sie hatte Worte gesammelt, eine Rede bereitet, die sollte anfangen: »Nimmermehr« und enden: »Aus Nimmerwiedersehen.« Aber die Laute stockten, die Zunge versagte ihr. So oft sie die Augen aufschlug, sie schlug sie wieder nieder.

»Was bietest Du mir?« sprach sie. Ihre Stimme war tonlos.

»Was der Räuber wußte, hat der Markgraf vergessen. Friede Dir von mir.«

»Und das ist Alles?« sprach sie, ohne ihn anzublicken.

Sie fühlte den Druck einer rauhen Hand: »Deiner Tochter blinkt ein Fürstenhut. Sei klug, und es gelingt.«

Der Stellmeiser winkte ihr, da man Tritte auf dem Gange hörte, und drückte ohne Geräusch die Thür im Täfelwerk auf, durch die er verschwand: »Wir sehen uns in Magdeburg wieder.«

Die Gräfin sprach: »Fahre wohl, Stolz! Er sollte der Schemel sein für meine Füße, und nun ich sein Werkzeug! – Wessen Werkzeug?« Sie schauderte zusammen.

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