Frei Lesen: Der falsche Woldemar

Kostenlose Bücher und freie Werke

Kapitelübersicht

Erstes Buch, Erstes Kapitel. | Zweites Kapitel. | Drittes Kapitel. | Viertes Kapitel. | Fünftes Kapitel. | Sechstes Kapitel. | Siebentes Kapitel. | Achtes Kapitel. | Neuntes Kapitel. | Zehntes Kapitel. | Eilftes Kapitel. | Zwölftes Kapitel. | Dreizehntes Kapitel. | Vierzehntes Kapitel. | Fünfzehntes Kapitel. | Zweites Buch, Erstes Kapitel. | Zweites Kapitel. | Drittes Kapitel. | Viertes Kapitel. | Fünftes Kapitel. | Sechstes Kapitel. | Siebentes Kapitel. | Achtes Kapitel. | Neuntes Kapitel. | Zehntes Kapitel. | Eilftes Kapitel. | Zwölftes Kapitel. | Dreizehntes Kapitel. | Vierzehntes Kapitel. | Fünfzehntes Kapitel. | Sechzehntes Kapitel. | Siebzehntes Kapitel. | Achtzehntes Kapitel. | Neunzehntes Kapitel. | Zwanzigstes Kapitel. | Einundzwanzigstes Kapitel. | Drittes Buch, Erstes Kapitel. | Zweites Kapitel. | Drittes Kapitel. | Viertes Kapitel. | Fünftes Kapitel. | Sechstes Kapitel. | Siebentes Kapitel. | Achtes Kapitel. | Neuntes Kapitel. | Zehntes Kapitel. | Eilftes Kapitel. | Zwölftes Kapitel. | Dreizehntes Kapitel. | Vierzehntes Kapitel. | Fünfzehntes Kapitel. | Sechzehntes Kapitel. | Siebzehntes Kapitel. |

Weitere Werke von Willibald Alexis

Geschichten aus dem Neuen Pitaval - 3 | Isegrimm | Der neue Pitaval - Band 15 | Der neue Pitaval - Neue Serie, Band 9 | Walladmor |

Alle Werke von Willibald Alexis
Diese Seite bookmarken bei ...
del.icio.us Digg Furl Blinklist Technorati Yahoo My Web Google Bookmarks Spurl Mr.Wong Yigg


Dieses Werk (Der falsche Woldemar) ausdrucken 'Der falsche Woldemar' als PDF herunterladen

Willibald Alexis

Der falsche Woldemar

Drittes Kapitel.

eingestellt: 23.7.2007



Zu jener Zeit ging Manches, was heut schnell geht, sehr langsam, aber Etliches, was heut langsam geht, ging dafür sehr schnell. Zum Beispiel das Judiciren. Sie brauchten keine Berge von Akten, um Einen zum Galgen zu erhöhen.

Hans Lüddecke hatte es vollauf verdient um sie. Das wußten sie, und er wußt es auch. Hätte Hans Lüddecke sie alle von Gransee hängen können, er hättes mit Vergnügen gethan, auch ohne Zeugen und Beweise; also dachten sie, wir wollens ihm auch thun, ohne Kram und Umstände; und über Nacht war das Urtel fertig, ein so gut Urtel als eines heut, woran sie neun Wochen schreiben; und morgen früh sollt er hängen. Es war kein Federstrich gethan. Als ihm der Schultheiß die Gründe sagen wollte, sprach der Ritter, die schenke er der Stadt als Angebinde.

Auf dem Bund Stroh, das sie auf den steinernen Boden geworfen, schlief er so fest, als wärs seines Großvaters Bett im rothen Haus. Wenn er da hineinstieg, versank Hans jedes Mal, daß man nichts von ihm sah, und man merkte es nur an seinem Schnarchen, daß er da war. Aber er lag selten im rothen Haus. Meist am Wege oder in den Schenken auf der Bank. Da mocht es kaum weicher sein.

Der Wärter mußte ihn am Kragen rütteln, und mit dem Schlüsselbund ums Ohr klingeln, daß er aufwachte. Die Sonne, die schon lustig durchs Gitter flimmerte, hatte es nicht gethan. Auch der Minorit nicht, der mit dem Meßbuch auf dem Stein neben ihm saß. Nun er die Augen aufschlug und die nassen, grauen Mauern sah, fuhr er übers Gesicht und drehte sich stöhnend um, als wenn er gern noch schliefe und sprach: »S ist also doch richtig!«

»S hat seine Richtigkeit,« sagte der Wärter.

Den Augenblick nutzte der Minorit, wo Hans Lüddecke nicht fluchte, neigte sich über ihn und sprach ihm ins Ohr und betete mit ihm.

Der Gefangenwärter hätte doch kaum geglaubt, daß der Ritter die Glatze über sich ließ.

Wie nun der Mönch aufstand und die Arme kreuzte zum Segen über den Ritter, rief ihm der zu: »Nun ists abgethan. das merk Dir. Hier, wo Keiner zusah, als das Schafsgesicht, ließ ichs geschehen, aber draußen komm mir nicht mehr in die Quer.«

»Draußen?« sagte der Minorit, und hob die Hände.

»Draußen will ich nicht flennen. Unsers ist abgethan.«

Hans Lüddecke, wie nun der Minorit hinaus war, schüttelte sich, und mit einem recht herzhaften Fluche jagte er fort, was noch von Schlaf an ihm hing:

»Ans Hängen solls gehn, wahrhaftig!«

»Ist ein schlecht Frühstück, sags auch.«

»Einen Ritter am Hanf!«

»Wer weiß!« sprach der Schließer und setzte sich auf einen Schemel zu ihm. Zwischen einem Gefangenen und dem Gefängnißwärter pflegt es oft freundlicher herzugehen, als du denkst. – Insonderheit wenn dem Gefangenen das letzte Stündlein nahe ist, überschleicht ihn, ich weiß nicht was. Es macht ihm jedwedes Menschen Angesicht lieb, war es auch häßlich und schielte, wie der lahme Schließer von Gransee.

»Wer weiß«, sprach der Schließer, »die Herren haben so judicirt.«

»Käsekrämer, einen Edelmann! Es ist keine Gerechtigkeit, himmelschreiender Mord ists.«

»Gestrenger Herr! So ich einmal sterben müßte durch den Strick, das wär mir dasselbe, obs eines Kaisers Strick wäre, oder ob ein Schnapphahn ihn drehte.«

»Du hast keine Ehre im Leibe.«

»Nein. Die hab ich nicht. Dabei kommt auch nichts raus. Weiß der Himmel, wozu sie zu all dem Elend, das uns anhängt, noch das erfinden mußten. Ist das einem Menschen was nutz, daß er Ehr im Leibe hat, wenn er kein Brod vorm Munde hat? Und was ist das für Ehr, daß ich Schließer bin in Gransee? Das ist ein Nest. Hätte meine Mutter seliger mich nicht abgehalten, dann wär ich Freiknecht worden zu Köln, und itzt vielleicht Abdecker zum alten Berlin. Und wie lebt der Mann? Wie ein Fürst! Aber sie schlug die Hände über den Kopf, und das Weibvolk schrie mit: »Junge! der Schinder ist unehrlich!« Was bin ich denn nun? Bin ich ehrlich, weil ich den Bürgern ihr Loch schließe? Vier Pfennig die Woche, trocken Brod und Wasser, und die Ehre; die wird mir wohl gestohlen sein. Ich fühle sie nicht.«

Rasch fuhr der Ritter auf, die Fesseln klirrten an seinen Füßen: »Jochem, was gilts! – Du sollst Brod haben und Bier und Feiertags Wein saufen auf Lebenszeit. Meine Brüder werdens Dir gedenken, und sollen Dich auf Händen tragen. Sollst haben nen Scharlachrock, mit Pelz verbrämt, verstehst Du!«

»Verstehn thue ich schon«, entgegnete der Schließer langsam, und putzte und zählte sein Schlüsselbund. »Es geht aber schon nicht. Einmal, Gestrenger, weil, so ich auch keine Ehre im Leibe habe, darf ichs doch nicht, denn ich bin der Stadt geschworen, und dann gehts auch nicht an, weils heller Tag ist, und drittens mag ich auch nicht, denn der Scharlachrock mag sehr schön sein, aber ich möcht doch nicht drin stecken. Sie wiesen mein Lebtag mit den Fingern auf mich und die Buben sprächen: »Der hat seine gnädigen Herren verrathen.«

»Vieh!« brüllte Der vom rothen Haus und warf sich wieder hin. »Wer wird Hand an mich legen?«

»Hm, hm!« brummte der Schließer.

»Muß ihn doch zu sehn kriegen, daß ich ihm sage, wie man nen Ritter angreift.«

»Ich solls Euch wohl eigentlich noch nicht sagen, Gestrenger, aber mir hat es auch Keiner gesagt; hab es draußen im Lärm so abgehört. Die Herren von Ruppin haben rein geschickt, und daher ist das Wesen auf dem Markte. Sie haben Denen von Gransee, weil sie ihre Lehnsherren sind, untersagt, daß sie nicht –«

»Mich hängen!«

»Um so was kümmern sich die Grafen nicht; sind zufrieden, wenn man sie in Ruhe läßt in kleinen Dingen. Nein, es ist was Großes. Die Bürger sollten sich nicht unterstehen und glauben, daß der Pilgersmann, der durchs Land zieht, das wäre, was sie dächten oder nicht dächten. Er wärs vielmehr nicht, das sollten sie denken, und treu bei der alten Herrschaft halten. Na, nun ist, wie Ihr denken könnt, großer Aufstand, denn der Havelberger Bischof hat ihnen sagen lassen, der Pilgersmann wäre das, was sie dächten, und wenn er ankäme, sollten sie ihn aufnehmen wie sichs gebührt, er ließe es ihnen sagen, der Bischof. Nun kann sich Einer vorstellen, was das draußen für Lärm hat. Die Einen sagen: er ist es, und die Andern sagen, er ist es nicht; und die Einen sagen, man müsse Gott gehorchen. Die Einen wollen die Thür verschließen, die Andern wollen sie aufsperren; denn er soll im Anzug sein, sagen die Einen, und die Andern sagen nein! Es ist zum davon laufen, so viel Wesens um einen todten Mann.«

»Und wen?« fragte der Gefangene.

»Der alte Markgraf von Ehedem. Nun Ihr werdet ja auch davon gehört haben.«

»Der ist todt.«

»So! Ihr seid also für den Tod? Nun mir kanns gleichgültig sein, und Euch auch. Ein todter Mann kann Euch nicht helfen und ein Lebendiger auch nicht mehr. Ihr müßt Euch selber helfen.«

»Ja, wenn Der lebte!« Der Ritter blickte vor sich nieder.

»Zwänge die Granseer auch nicht, daß sie nur einen Pfennig zulegten zur Verköstigung. Das ist ein schlechtes, schäbiges Volk hier, und als gesagt, ich wills nicht gesagt haben, aber Ihr müßt Euch selber helfen.«

Es lauerte noch etwas im Gesicht des Schließers.

»Ihr habt das Weibsvolk zu sehr aufgebracht. Das brummte und zwickte hinter den Ohren der Rathmänner. Wer weiß, ob Ihr nicht davon gekommen wärt mit dem schweren Lösegeld. Aber Keiner von den Herren hätte eine Nacht schlafen können. Mit Weibern ist nun einmal schlecht spaßen. Sie verstehn keinen Spaß. Aber als gesagt, es hat sich da was zugetragen, und nun hängts von Euch ab, ob Ihr baumeln sollt oder ein Andrer.«

Stier sah ihn der Ritter an. »Ein Andrer?«

»Der Thurmwart, der ward auch judicirt. Von Rechts wegen. Denn er hat sich besaufen lassen, zu Eurem Wohl und der Stadt zum Schaden. Hätt er sich besoffen zu Eurem Schaden und der Stadt Wohl, das wär ihm hingangen. Da schlug ihnen, weiß nicht was, aber Einige meinen, das Gewissen, nämlich den Herren, um das, daß sie zween zugleich hingen, um ein Ding, und Einige meinten, es wäre genug gethan, so man Einen um der Stadt Gerechtigkeit willen baumeln lasse, den Andern könne man um der Stadt Gnad und Barmherzigkeit willen begnadigen. Aber wen man nun begnadigen sollte, das war die Frage. Hängen! wen man griff, blindlings, man hatte den Rechten. Aber das Begnadigen! Wen denn?«

Der Ritter spie an die Wand: »Mich begnadigen! Diese Lausekrämer!«

»Nu, nu, Herr, es ist noch nicht so weit. Als ich sagte, so sie Euch begnadigt, sie hätten nie vor ihren Weibsen die Augen wieder aufschlagen. Also, so kam man dahin überein, und das hat Alles wohl geschienen, daß mans Gott überließe.

»Gott!«

»Und Euch Beiden. Versteht mich, so, daß wenn Ihr also hinget, so müßtet Ihr denken, daß Ihr nicht für Euch allein hinget, sondern Ihr hinget für Euch und für den Andern. Wenn aber der Andere loskäme, so käm er nicht um sich allein los, sondern um sich und Euch.«

»Höll und Teufel! was solls?«

»Den Wartthurm draußen kennt Ihr. Nun seht, ums kurz zu machen, sie wollen Euch beide einsperren –«

»Einsperren!«

»Ja, und dann sollt Ihrs unter einander ausmachen, wer den Andern runter kriegt. Denn Einer muß runter fliegen von der Zinne. Der ist judicirt, und wer oben bleibt, versteht Ihr mich, der ist salvirt, der hat der Stadt Gnade.«

»Schurken, was ist das?«

»Herr Gott, was schwellen Euch die Adern an der Stirn! – Lieber Herr, der Mathis ist ja lahm als ich bin. Ihr braucht nicht bang zu sein. Und im Grunde ich auch nicht, denn wenn Ihr ihn runter schmeißt, das heißt, er schmeißt Euch nicht runter, dann komm ich auf den Thurm. Einen Pfennig mehr auf den Tag, zu Lichtmeß ein Wams und auf Martini drei Gänse, das ist die ganze Bescheerung, aber Erhöhung ists doch, aus dem Loch auf den Thurm.«

Da ers nun inne ward, was der Stadt Gnade solle, sprang der Ritter als ein wildes Thier in seinen Ketten; er wäre dem Schließer an die Gurgel gefahren, wären nicht jetzt die Wachen eingetreten, und Bürger mit Hellebarden, und die Weiber auch. Da nahm sich Hans zusammen, grimmig sah er aus, aber doch als ein Mann; kein Wort sprach er, und schritt wie ein Edelmann einher, da sie ihn abführten. Aber der arme Sünder neben ihm schaute dafür desto jämmerlicher, schrie und beschwor die Bürger, fiel aufs Knie und umklammerte die Muttergottesbilder, daran sie vorbei kamen.

Auf dem Anger unter der Warte schlossen sie einen weiten Kreis um die zwei Verurtheilten, und der Schultheiß trat vor und erklärte ihnen, was der Rath in seiner Weisheit beschlossen: daß die Stadt aus ihrer Gnade, ob sies gleich Beide verwirkt, Einem von ihnen das Leben schenke, sofern der Eine an dem andern in der Stadt Namen das Henkeramt vollstrecke. Dergestalt, daß sie Beide sollten eingesperrt werden, sonder Waffen und Wehr in den Wartthurm. Wems nun gelinge, daß er den Andern von der Zinne der Warte herabstoße, der solle frei sein, als habe Gott für ihn entschieden, und in Gnade von der Stadt entlassen. Aber der Andere, der sei der Gerichtete, vor der Stadt und vor Gott, und sofern er nicht durch den Sturz umgekommen, habe der Scharfrichter an ihm sein Werk zu thun.

Einen Augenblick war es todtenstill. Darauf heulte und schluchzte der Thurmwart, daß es ein Erbarmen war. Um Christ Jesu Willen bat er die gestrengen, gnädigen Herren, ihn mit Schwert und Strang, mit Beil und Eisen zu richten, nur nicht in den Thurm sperren mit dem Lüddecke. Das heiße eine Maus werfen in eines Löwen Käficht. – Sie sagten ihm, daß, um ihre Kräfte gleich zu machen, solle dem Ritter der eine Arm auf den Rücken gebunden werden. Umsonst; er schluchzte und heulte.

»Bindet ihn, hackt ihm die Hand ab, und er ist doch der Wolf und ich das Lamm. Mit den Knieen hat er nen Stier gebändigt, drauf er saß, da er die Arme voll hatte. In Eurem Dienst, Ihr gnädigen, gestrengen, lieben, barmherzigen Herren hab ich viel tausend Nächte gewacht, und davon bin ich schwach, davon kams, daß ich eine Nacht schlief. Lieben, guten Herren, Gottes Gnade und Barmherzigkeit über Euch, nur nicht mit dem Lüddecke in den Thurm.«

Ja, wenn er zu einem Stein gesprochen, der wäre eher weich worden. Hätten die Herren den Spruch zurückgenommen, da hätte das Volk gemurrt und wer weiß, was draus worden! Denn Kinder und Völker wollen Schauspiele haben, und wem ein Spielzeug versprochen, schreit, so mans ihm nimmt. Uns von heut dünkts ein grausam Schauspiel, aber in alten Zeiten kam es wohl vor, daß sie noch grausamer spielten. Sie sperrten den ungetreuen Kämmerer auf den Rathsthurm und schenkten ihm Gnade, wenn er hinabklettere; und was uns durch Mark und Bein schütterte, wenn er am Gesims hing, wo nur die Dohle fußt und der Dachdecker schwindelt, das war ihnen Lust zu schauen.

Einige Kluge aber meinten, die Rathmannen hätten das nicht ohne Absicht so geordnet, damit Aug und Ohr der Bürger abgewandt werde von einer andern Sache. Die Bürger und die kleinen Leute warteten schon längst auf die Dinge, die da kämen, und glaubten an den Woldemar. Denn wer nichts hat, hofft immer aus das Neue. Er meint, er kann nur gewinnen. Der Rath schwankte noch, Viele waren dagegen, zumal der alte Andreas aber wär lieber gestorben, als daß er Unrecht that. Deshalb war es ihnen lieb, daß des Volkes Sinn auf Anderes gelenkt würde, bis sie mit sich einig wären.

Der Lüddecke hatte dem Jammer des Thurmwarts zugehört, wie Einer einer Fliege zusieht, die sich am Lichte verbrannt hat, und nun schwirrt und summt wie toll. Einen Mann dünkt es ein windig Unglück; der Fliege gehts ans Leben. Nun aber rüttelte er sich, und die Augen rollten wie kleine schwarze Kugeln in dem blutrothen Gesicht.

»Ists Ernst?«

»Es ist ein gut Urtel, das wir über Dich gefunden,« sprach der Schultheiß.

»Ein Urtel! Ein Schandurtel!« schrie er. »Wer hieß Euchs suchen, deß Ihr kein Recht habt?«

Der Schultheiß sprach: »Hans Lüddecke, Du bist verfehmt vor Kaiser und Reich. Mit Rechte haben wir Dich gerichtet. Aber aus Gnaden schenken wir Dir, statt des Strickes, ein gut Gottesgericht.«

»Ich spuck auf Eure Gnade. Ihr mir Gnade!«

»Du kannst fechten um Dein Leben,« fuhr der Schultheiß fort.

»Stellt mir nen Ebenbürtigen.«

»Vor Gott, und ums Leben sind Alle gleich.«

Da stürzte ihm der Thürmer zu Füßen und wimmerte: »Um der Mutter Gottes willen, Erbarmen! Ihr seid ein Herr und ich bin ein Knecht. Ihr seid dran Schuld, um Euch duld ichs. Ihr schicktet zu mir den Kärner. Thut mir nichts zu Leid, allerbarmherzigster Herr!«

Der Ritter stieß ihn mit dem Fuße fort, und der Schaum stieg ihm auf die Lippen:

»Den mag ich nicht. Euch will ich erwürgen –«

Und nun stieß er Flüche aus, Verwünschungen, so entsetzliche, und zieh sie so arger Dinge, daß mans nicht niederschreiben kann. Fluch und Elend wünscht er über sie, Unfruchtbarkeit über ihre Weiber, Schande über ihre Töchter, Armuth und Pestilenz über die Stadt. Es war entsetzlich zu hören. Drum verboten sie ihm, daß er mehr rede. Er aber brüllte fast und überschrie die Trommel, die sie rühren ließen.

»Ich will reden, reden, wenns der Tag nicht hört, solls die Nacht hören. Vor alle Gerichte der Welt lade ich Euch, und so die nicht hören, eins hört mich. Hier, vor Luft und Wind, die sind Zeugen, vor der Erde, die soll auch zeugen, vor dem Wasser, das da aus der Wolke fällt, lad ich Euch, vor die freien, unsichtbaren Schöppen, deren Stuhl ist auf der rothen Erde im Land Westphalen, aber ihr Arm greift bis an die Schlösser und Hütten. Daß Ihr sonder Macht und Fug einen Edelmann verstrickt und gerichtet: Deß klag ich Euch an. Auf der Heide werde Euer Urtel gesprochen, auf dem Kreuzwege sollen die Vehmboten sich begegnen, und es breche über Euch zusammen zehntausendmaltausend das Unwetter der Rache, über Euch, Eure Weiber, Kinder, Sippe, über Kindeskind und Eure Stadt, bis das Gras drauf wächst.«

Das hörte man kaum mehr, ob er doch als ein Rasender schrie. Denn die Trommel wirbelte immer lauter, und die Knechte faßten ihn und rangen mit ihm. Da kostete es noch großen Kampf mit dem riesenstarken Mann, bis sie ihn gebunden und hineingehoben mit sammt dem Thürmer, und man schloß die Pforte, und stellte vier starke Männer Wache. Zween mit Hellebarden, zween mit Armbrüsten. Da war an kein Entrinnen zu denken.

Rathmann, Volk, Weiber und Kinder erwarteten nun, was da kommen würde. Da gab es viele Meinungen. Einige hielten dafür, es sei doch kein recht Gottesgericht, sintemalen der Ritter stärker sei, auch mit der gebundenen Hand, als der arme Schlucker. Aber ihnen ward gesagt, daß sie dem Hans, da er sich so widersetzt, beide Arme gebunden.

»Der hat einen Wolfsrachen«, sagte ein Weib, »er beißt den Mathis ins Genick.«

Ein Weber zischelte und schielte auf die Rathsherren: »Man ließ ihm auch einen Hammer, heimlich; die Herren wissens nicht.«

»Lieber Mann«, sagte das Weib, »der tritt ihn mit dem Fuß nieder, bis er den Hammer hebt.«

Martin, der Schmied, meinte: »Wenns um den Tod geht, beißt auch ein Hase.«

»Aber paßt Acht«, sagte ein Anderer, »der Hans müßte ja dumm sein, so er nicht eine scharfe Ecke findet, daran er die Stricke losreibt.«

Die Andern aber riefen, daß sie still seien; man wollte hören, ob sie an einander wären. Aber man hörte nichts. Das war ihnen sehr wunderlich. So viele Hunderte hier auch beisammen standen, und es war über die halbe Stadt draußen, auch nicht Einer war, dem bang das Herz schlug, und er hätte es anders gewünscht. Und auch nicht eine Frau. Da nickten die andern der wackern Walpurg zu und meinten, nun möchte der Hans selber einen Besen sich wünschen, darauf er zum Gottseibeiuns ritte.

»Was Ihr da vorbringt«, sprach Andreas Grote zu Denen um ihn, »daß der Thürmer es minder verdient, dem ist nicht so. So er kein Räuber, ist er doch ein Schelm wider uns. Ein Dieb, der den Pflug stiehlt, den man nicht verschließen kann, ist nach aller Länder Satzungen mehr strafbar, als der ein verschlossen Ding fortnimmt, denn er bricht den Frieden und das Vertrauen. Also auch hat der Mann unser Vertrauen gebrochen, und uns geraubt unsern Frieden, und darum ist er uns mehr Uebertreter noch, als der fremde Mann, der keine Pflichten zu uns hat.«

Wie wunderten sich aber Alle, da, es war noch kein Stündlein um, die Beiden oben auf dem Thurm sichtbar wurden. Selbander stiegen sie zur Zinne, ganz friedlich; schauten weder blutig aus, noch sehr blaß. Der Ritter ging ledig seiner Bande, kreuzte die Arme und schaute in die Luft, und der Thürmer Mathis stand sonder Furcht neben ihm.

Einige glaubten, es wäre eine List, daß der Ritter den Thürmer beschwatzt, daß er ihn herauf ließe, und nun, da sie oben, werde er ihn packen, und über die Brüstung werfen. Aber der Lüddecke warf sich neben der Zinne nieder und grinste sie eine Weile an. Dann schrie er hinunter, daß sies hören konnten: »Denkt wohl, weil Ihr Schinder seid, ein Ritter wär auch zum Abdecker gut. Die Hand soll verkrummen, die Euch was zu lieb thut.«

Da ward es still, wie auf nem Kirchhof. Sie glaubtens kaum, was sie hörten. Einer sah den Andern an. Da kniete der Thürmer Mathis an der Brüstung nieder, und streckte die Arme in die Höhe: »Barmherzigkeit! Als wie der strenge Ritter mir armen Manne gnädig war, übet auch Ihr Gnade.«

Aber der Ritter hielt ihm die Faust hin: »Hund! greine nicht. So Du die Schufte um Gnade bittest, ist unser Pakt zerrissen!«

»Sie haben einen Pakt geschlossen«, murmelten die Leute; den Frauen rieselte es über die Haut.

»Es hilft ihm nichts«, rief Martin, der Schmied. »Will uns überlisten. Wir dauern aus.«

Da fiel grad ein heftiger Regenschauer nieder, und der Wind trieb die Wolken. Die Frauen hüllten sich in ihre Mäntel und nahmen die Kinder drunter. Hans Lüddecke lachte:

»Ihr werdet noch oft naß werden und trocken wieder, bis Hans Lüddecke sagt: Nun ists genug. Euch bitten! Eher werden Eure Gerber nicht mehr stinken, und Eure Kinder die Windeln nicht mehr naß machen. Lugt rauf, reißt Eure Kalbsaugen auf und schaut meine Fahne. Die pflanz ich auf, als Klage wider Euch, als Ruf, um ein gut Gericht. Ich rufe zu Allen, so männlich, ehelich, gut geboren sind, daß sie einem männlich, ehelich, gut geborenen Manne beistehen wider Euch. Ich rufs von Morgen bis Abend, zu den Fürsten und Herren, zu den Rittern und guten Leuten. Ich rufs zu den Winden und Wolken, zu den Sehenden in der Nacht, zu den Wissenden der freien Stühle. Einer wird mich sehen, Einer mich hören, als wahr ich heiße Hans Lüddecke, und die Heiligen im Himmel sitzen, und Gott Vater, Sohn und heiliger Geist! Amen. Ueber Euch komms!«

Der Ritter hatte zween Tücher, die seine Farbe trugen, an den Knauf der Wetterstange gebunden, und sie flatterten lustig im Winde. Aber die Bürger sprachen unter sich: »Wer laut schreit, wird heiser, und endlich quält ihn doch der Hunger.« Darum, als es Mittag ward, schickten sie ihre Frauen und Buben nach der Stadt, den Mittagsimbiß zu holen, und als der Regen sich verzogen, lagerten sie umher auf den Steinen, und löffelten und speisten aus Näpfen und Töpfen. Auch zündeten sie Feuer an, und brieten Fleisch am Spieß, als um ihn recht zu ärgern.

Aber da rief er höhnend hinunter: »Denkt Ihr mich auszuhungern! Habt vergessen die Speiskammer zu leeren. Der Mathis hat sich gut vorgesehen. Er kennt Euch. Das trink ich Euch zu, daß es Euch ergeht, als Ihrs verdient!«

Und er trank aus einem Krug Bieres, den ihm der Wärter gebracht, und wischte sich den Schnauzbart. Drauf schnitten und aßen sie Beide, als es schien mit großer Lust, an einem Schinken und bissen von einem Laibbrod. Den Knochen warf, als sie fertig waren, Hans Lüddecke den Granseern vor die Füße.

Zählte ihnen dann auf, wie viel Brode und Schinken und Käse sie im Thurm hätten, daß sies könnten aushalten, und so die Städter Lust spürten, acht Tage sie zu belagern. Er sagte gewiß mehr, als da war.

Die Rathmannen schüttelten die Köpfe: »Der Hans prahlt, sagte der Kämmerer Krickeberg; doch man kanns ihm zutrauen, daß er an sich hält, als lang es geht. Er ist ein großer Fresser und Säufer, wo ers hat. Doch konnt er Tage lang hungern und frieren, wo er auf der Lauer lag; wie wird ers nicht, wo es das Leben gilt.«

Sie wurden nun uneins. Von Vertrag wollte Keiner wissen; und der Ritter wäre auch nun wohl nicht heruntergekommen, um sich hängen zu lassen, ob er doch vorhin erklärt, der Strick sei ihm lieber als ihre Gnade. Einige wollten im Zorn die Thür aufbrechen, und sie vom Thurme stürzen.

»Das giebt nur blutige Köpfe, Ihr lieben Leute«, höhnte sie der Ritter, und zeigte ihnen den Hammer, und brach Ziegelsteine von der Zinne, die er zur Kurzweil auf sie schmiß. So sie auch das Thor erbrachen, die enge Treppe wäre Keiner heil heraufgekommen.

Andreas und der Kämmerer hielten die Zornigen zurück:

»Es ist unsre Gnade, daß wir ihm dort Luft gegeben und Freiheit. Ein Wort, das ein Kaiser gab, und ein Wort, das eine Stadt gab, die muß man gleich heilig achten.«

Darauf stellten die Rathleute Wachten aus, die ihn belagerten; sie standen aber so weit ab, daß die Steine, die er warf, sie nicht trafen. Zwölfe standen des Tages, und ein zwanzig des Nachts, und zündeten Feuer drum an, daß sie sich nicht heimlich Herunterlassen und entwischen konnten. Auch ketteten sie Hunde an, und verrammelten die Thür noch fester von außen.

Davon sangen sie nachmalen ein Spottlied, die Granseer hattens aber wahrhaftig nicht verdient:

  • Seite:
  • 1
  • 2
< Zweites Kapitel.
Viertes Kapitel. >



Die Inhalte dieser Seite sind Eigentum der Öffentlichkeit.
Sollten trotzdem Urheberrechte entgegen unserem Wissen verletzt worden sein, bitten wir Sie mit uns Kontakt aufzunehmen.