Frei Lesen: Der falsche Woldemar

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Willibald Alexis

Der falsche Woldemar

Siebentes Kapitel.

eingestellt: 23.7.2007



Auf der langen Brücke stand, als wir Alle jetzt wissen, das gemeinsame Rathhaus der vereinigten Städte. Man kann davon an einem andern Orte des Mehreren lesen, darum beschreibe ich es hier nicht. Es war ein stattlich Haus und die Spree war breit, und wars der Mittelpunkt der Macht und des Ansehens beider Städte.

Hier stand, vor den Schwellen und an der Gerichtslaube, ein aufrechter Mann. Dem sah mans auf den ersten Blick an, daß er was galt, und mehr noch, daß er was gelten wollte. Er war um Kopfeslänge größer als der Fürst, den er anredete und den Kopf trug er über die Schulter zurückgeworfen. Dick war er nicht sehr; er war in die Länge geschossen, und nicht im Bauch, in der Miene und in der Haltung war die Würde stecken blieben. Ein Mann, in seinen besten Jahren, oder etwas darüber. Das war Tile von Brugge (oder Bruck, als ihn Einige schreiben) aus einer alten, und mächtigen Familie; er war Schultheiß von Berlin als es seine Väter schon waren, und zugleich Münzmeister, das heißt, er schlug alljährlich die Münze um, die sie ihm einliefern mußten, und sie kriegten neue Pfennige für die alten, was viel abwarf, nicht den Leuten, sondern den Münzmeistern. Denn die Leute kriegten weniger als sie einzahlten, um die Mühe des Prägens; aber die Münzmeister gewannen an Silber für ihre Mühe. Das Recht gehörte von Uranfang den Landesherren; aber sie hattens oft versetzt und verkauft und verschenkt an Städte oder Einzelne. Und wo nicht, da hatten sies an einzelne Münzmeister ausgethan, die den Gewinn der Herrschaft abliefern mußten; aber in ihrem Seckel behielten sie genug davon und wurden reiche Leute. Es war eine schlimme Einrichtung für Bürger und Volk. Und ward viel geklagt, zumal wenn die Münzmeister schlechte Münze prägten.

Der trat dem Markgrafen entgegen und hieß ihn willkommen, derweil Peter von Rode, ein Rathmann, ihm den Ehrenbecher reichte. Woldemar brachte ihn an die Lippen und sprach:

»Aus das Wohlsein meiner guten Städte Berlin und Köln.«

»Und auf Eures, Herr Markgraf! das trinke ich im Namen der Städte Euch zu!«

So sprach der Schultheiß und trank aus einem andern kleinen Becher. Nun aber setzte er hinzu, und blieb so aufrecht als er war:

»Das ist ein guter Tag, mein ich, Herr Markgraf von Brandenburg, wo die zwo Städte Euch anerkennen.«

»Was ists für ein Tag heut?« wandte sich Woldemar zu seinem Gefolge um, als habe er die Anrede nur halb gehört.

»Es ist am Tage von Saint Mauritius«, antworteten sie.

»Es ist der Tag«, fuhr der Schultheiß mit gar dreistem Tone fort, »ein glücklicher für Euer Gnaden, wo die zwo größten Städte dieser Marken sich für Euch aussprechen. Denn als in welche Wagschaale sie ihre Stimme legen, das hat in diesen Landen noch immer den Ausschlag geben.«

Woldemar sprach: »Dünkt mich, es sei auch für die Stadt ein glücklicher, wo sie ihren rechtmäßigen Landesherrn wiedersieht.«

»Das ists«, sprach feurig Peter von Rode. »Und der Tag soll verzeichnet werden in unsre Chroniken. Und aus dem Tage mögen viele Tage, und aus den Tagen viele Jahre werden!«

»Wer seid Ihr?« sprach Woldemar und blickte ihn freundlich an.

»Peter von Rode«, antwortete Der. »Rathemann dieser Städte und Bürger von Berlin, und Euer fürstlichen Gnaden getreuer Unterthan.«

»Ihr sollt mir lieb und werth bleiben«, sagte der Fürst. »Und kenne ich Euer Geschlecht und weiß, daß es allezeit treu dem Landesherrn war, und sich nie überhob.«

Er sprach darauf etwas, daß es ihm lieb sei, wie so viele edle Familien die wüste Freiheit draußen mit dem Frieden und der Ordnung in den Ringmauern der Städte vertauscht. Denn sonder Zucht und Sitte sei der tapferste Mann nicht besser denn ein Stier, der alles niederwirft, aber nichts aufrichtet.

Das gab große Zufriedenheit bei Vielen. So bei den Geschlechten als bei den Zünftigen. Nur der Schultheiß Herr Tile Brugge war nicht zufrieden. Denn der Fürst redete so freundlich mit Allen; und ihn ließ er stehen, als wäre er nicht da. Hätte es merken können, daß die Andern es vergnügte, denn er war wegen seiner Hoffahrt nicht geliebt. Aber dazu war er zu stolz.

Nun sie den Fürsten ihnen so gnädig sahen, hätte Jeder gerne vorgebracht, was ihm am Herzen lag. Die Rathmänner luden ihn ein, die Treppe hinaufzusteigen, und den Imbis zu nehmen, den ihm die Stadt bereit.

»Dazu ist nachmalen Zeit, Ihr Herren«, sprach der Fürst freundlich, »denn Die in Berlin wollen ihren Markgrafen auch sehen.«

Tile von Brugge sagte: »Zu wissen, Ihro fürstliche Gnaden, daß beide Städte in diesem Hause auf der Brücke eines sind. Und dies ist ihr fürnehmstes und höchstes Haus. So Ihr da einkehrt, seid Ihr in beiden Städten zugleich.«

»Herr Schultheiß«, entgegnete Woldemar, »ich kenne noch ein höher Haus, darin zuerst einzutreten ziemt einem Pilger der heimkehrt, das ist Gottes Haus und seiner Heiligen.«

Da zogen sie über die Brücke nach Berlin. Und was es hier gab, dem Fürsten zu Ehren, das mag sich Jeder selbst denken. Der Mensch kann viel denken, und doch hat auch das sein Ziel; aber was er ausführt, da sind die Schranken noch enger, und fast schaut eins aus als wie das andere, wer scharf zusieht. Der Wille möchte zwar, und Einer thäte es dem Andern gerne zuvor; aber was roth ist und schwarz in Köln, ist auch roth und schwarz in Berlin; und so ists gar in Rom auch. Die Nürnberger haben viel erfunden, aber keine neue Farbe für die Freude und für den Schmerz.

Woldemar war vom Roß gestiegen und mit den Herren ging er zu Fuß durch die engen Gassen. Wo ein Marienbild stand in den Blenden, oder ein Kreuz erhöht war unter den Schwiebbögen, neigte er sich und verrichtete seine Andacht. Sie gingen vorüber am Fullergarten, der ist an der Spree, wo die Wollenweber ihre Tücher spannen, und dann nach Sanct Gertruds Spital, wo die kleine Kirche unter den alten Lindenbäumen gar ehrwürdig vorblickt. Er trat hinein und betete am Altar, was Denen vom Spital eine große Ehre däuchte. Darauf ließ er durch seine Kämmerer Silberpfennige unter die Frauen austheilen. Er schied mit ihrem Segen.

Als sie nun einlenkten in die Papengasse nach dem neuen Markte, stieg Rauch in die Lüfte und schlugen Flammen auf. Es ist der Ort da, wo sie die Uebelthäter richten mit dem Schwerte, und nachmalen stand bis auf späte Zeiten ein Galgen dort. Wenn man auch nicht henket, ists doch gut, meinten unsre Väter, daß die Leute auf Hängen denken. Itzo denken sie anders, und haben den Galgen fortgenommen. Es ward aber nach dieser Zeit noch mancher Mann hier vom Leben zum Tode gebracht; so zwanzig Jahre nach dieser Geschichte der Konrad Schütze, des Magdeburgers Geheimschreiber, den die Berliner um deswillen mit dem Schwerte richteten, weil er einer schönen Frau Unziemliches auf der Straße ins Ohr sagte. Nämlich er fragte sie, die eines Rathmannen Weib war: »Schöne Frau, willst Du mit mir ins Bad gehen in den Kregel?« Das däuchte die Berliner so arger Frevel, daß sie den Konrad griffen und richteten. Das war wieder ein geistlicher Herr. Nachmalen verbrannten sie hier die Hexen, die rothe Augen haben.

Darum erschrak Woldemar schier, als er die Flamme sah, aber Die um ihn lächelten, wie man lächelt, wo man Einem eine heimliche Freude bereitet, und sie wollen ihn überraschen. Denn als nun Platz ward, und er den Holzstoß sah, standen drum die Stadtknechte und warfen die Wappen und Schilder der Baiernherrschaft ins Feuer, und das Volk jubelte und schrie: »Die ist nun vorbei!«

Die Rathsherren, die da meinten, das sollte den Fürsten froh machen und gut auf sie stimmen, hatten fehlgeschossen. Er sprach:

»Wer hat das geordnet?«

»Es ist unser Beschluß«, sagte Heineke von Aken.

»Ihr habt nicht gut beschlossen«, versetzte er. »So das das Volk thut, man lasse ihm die Lust und drücke ein Auge zu. Aber kluge Leute müssen nicht handeln, als Zorn und Lust sie treibt im raschen Augenblick.«

»Herr! wir thun es um unserer Liebe zum Hause Anhalt wegen.«

»Das Haus Baiern hat nimmer regiert hier«, sprach ein Strobant, »drum weg mit seinen Zeichen.«

»Es hat regiert«, sprach Woldemar mit Nachdruck. »Es hatte die Herrschaft vom Kaiser; drum wars in gutem Rechte, Ihr Männer. So ich komme mit besserm, und nehme ihm, so Gott will, was es nicht verstand zu nutzen, ist darum etwa nicht gewesen, was war?«

Sie schauten verwundert auf.

»Herr! Dir zur Schmach hängt das Baiernwappen. Drum müssens gute Märker vertilgen.«

»Das Böse vertilgst Du nicht«, sprach der Fürst, »dadurch, daß Du es leugnest. Du vertilgst es durch das Gute, das Du wirkst. Der Baier hat hier geherrscht, laß ihm die Erinnerung, als ich ihn ruhen ließe in den Grüften von Chorin, so Gott ihn von dieser Erde abgerufen. Wahrhaftig, ich ließe ihn bei meinen Vätern schlafen, denn er war Markgraf. Drum laßt ihm auch seine Zeichen stehen. Die Farbe der Ascanier daneben werden um so heller leuchten.«

Wer mochte das begreifen! Sie schüttelten die Köpfe und folgten ihm zur Kirche. Aber Unterschiedliche, die den Rathmannen feind waren, die das geordnet, freuten sich, und da war Einer und der Andere, so neben dem Herrn ging, der ihm zuflüsterte, daß er im Rathe dagegen gesprochen, oder seine Verwandten, und noch manches Aegerliche von dem und jenem Rathsmann. Der Fürst sagte nichts darauf.

An der Kirche, wo die Zugänge ohnedem eng sind, von den vielen kleinen Häusern, die sie darum aufgemauert, und man muß sich durch schmale Gäßlein schlängeln, da war das Gedränge sehr groß. Die Knechte und Weibel mußten das Volk zurückstoßen, um nur dem Fürsten und den Seinen Platz zu machen. Dort stand ein Kreuz aus Granitstein gehauen, und an dem Kreuze hing an fünf Eisendrähten eine Lampe. Woldemar sah das Kreuz und die Lampe zum ersten Male. Die Lampe brannte noch nicht, und das Kreuz war noch ein Granitblock, der in den Sumpfwiesen der Oder lag, und die böse That, aus der das Kreuz wuchs, war noch nicht geschehen, als er die Mark verließ. Das Land war rein von einem großen Verbrechen. Darum schaute er finster auf den Stein. Er wußte, was er bedeute.

Nun aber trat aus der Kirchenpforte ein Priester in vollem Chorschmuck, und um ihn Andere mit Räucherfässern und Kerzen. »Was will der Abt von Bernow hier?« murmelte das Volk. Der hob beide Arme und schritt dem Fürsten dreist entgegen:

»Daß ich Dich begrüßen sollte, Du Gesandter des Herrn, und Heil rufen dem Lande, das seinen rechten Fürsten wieder schaut! Aber nein, ich bin hier, um Wehe zu schrein. Hemme Deine Schritte, Erlauchter Markgraf, siehe Dich vor, wohin Dein Fuß tritt.«

»Was solls!« unterbrach ihn Woldemar.

»Dies ist die Blutstätte, wo ein heiliger Mann unter schändlichen Morderhänden fiel. An diesem Steine verröchelte er. Wende Deine Augen rechts. Dort häuften sie Holz und Bretter und Reisig, und verbrannten seinen Leichnam.«

»Ich weiß es,« sprach der Fürst. »Und wer bist Du?«

»Der vor Allen berufen ist, seinen Namen –«

»Wer Du bist, Deinen Namen, Priester,« fiel ihm Woldemar in die Rede.

»Mein Name ist Gervinus, Abt über Verdienst, der Kirche von Bernow, und gewürdigt bin ich der großen Gnade, Nachfolger des heiligen Märtyrers Nicolaus zu sein, den die Berliner hier erschlugen, während Du fern warst.«

»Frommer Abt, den ich begrüße, was ist Dein Begehren?«

»Steht es nicht über Dir mit flammenden Schriftzügen im Firmament geschrieben? Sprechen nicht diese Steine zu Dir? Rufen nicht die Lüfte um Rache? Um ein gutes Gericht bitte ich.«

»Wie!« rief Woldemar, »ließ Ludewig den Frevel ungerächt?«

»Er richtete als ein Ketzer und der Sohn eines Ketzers. Löscht man einen Feuerbrand mit einem Becher Wassers? Reinigt man die Pestluft, so über einer Stadt schwebt mit einem Pfauenwedel? Mit Pfennigen kauft man sich vor dem gerechten Richter nicht los von einer Schuld, wo Könige zu arm sind, sie zu zahlen. Du bist ein christlicher Richter, Dein harrte die Kirche, und durch mich spricht ihr Mund.«

»Wahrhaftig! ich glaubte, das sei abgethan,« sprach Woldemar.

Das Volk murrte, die Stirnen der Rathmannen verzogen sich finster. Der Fürst hob sich in die Brust und schaute mit gerunzelter Stirn und großen Augen zurück.

»Wie, Ihr Herren! Ihr hättet nichts gethan, den Frevel zu sühnen? Das ist bös und arg von Euch, bei Gott, wußte ich das, ich wäre nicht in Eure Stadt getreten.«

»Herr!« sprach ein Rathmann; aber der Fürst ließ ihn nicht zu Worte kommen.

»Dieser fromme Abt sagts. Ihr werdet ihn doch nicht Lügen zeihen. Er klagt. Antwortet! Denn, bei allen Heiligen, ehe ich nicht weiß, daß Ihr gethan, was an Euch, eine böse That gut zu machen, tritt nicht mein Fuß über diese entweihte Schwelle.«

Die Bürger und Herren zitterten vor Ingrimm und Angst. So groß und schrecklich blickte der Fürst. Aber der Abt erhob seine Hände und kreischte:

»Du bist der wahre Herr, der Richter in Israel! Das ist ein wahr Gericht. Noch immer ist diese Kirche entweiht. Deine Sohle befleckt sich, so Du eintrittst.«

Der Fürst hörte nicht auf ihn. Im Eifer fuhr er fort:

»Wie! habt Ihr denn nicht zum heiligen Vater Boten gesendet, Eure Edelsten nach Avignon, daß sie fußfällig um Gnade flehten? Da hätte doch die ganze Stadt barfüßig hinpilgern müssen!«

»Herr, das haben wir,« sprach Peter Rode, »Boten über Boten sendeten wir, daß der heilige Zorn abgewendet werde. Sie lagen viele Jahre lang auf der Stadt Kosten in den Herbergen von Avignon. Das waren schwere Reisen. Drei, viermal sandten wir.«

»Aber vermutlich mit leeren Händen? Der Hof des heiligen Vaters bedarf viel Geldes, er muß sorgen für die ganze Christenheit.«

»Gnädigster Herr,« antwortete der Rode, »mit Taschen und Säckeln zogen sie hin, und wir mußten immer nachschicken. Schon das hatte den Städten über die Maaßen gekostet.«

»Ist dem so?« fragte der Fürst den Abt.

»Wir werden Euch aufschlagen unsre Stadtbücher.«

»Aus Klugheit zahlten sie das, nicht aus reuigem Sinn,« sprach der nun dreister gewordene Abt. »Und was sie in Avignon zahlten, wer weiß in wessen Hände!«

»Gnädigster Herr, als alle Welt weiß,« sprach der Rathenow, »ordnete der Papst ein gutes geistliches Gericht, der Bischof von Ratzeburg, der von Brandenburg untersuchten. Sieben hundert fünfzig Mark Silbers mußten wir allein nach Brandenburg Strafe zahlen.«

»Ist dem so, Herr Abt?« –

»Sie haben sie gezahlt, aber –«

»Einen Altar mußten wir errichten,« fiel der Sprecher für Berlin ein, »in dieser Kirche, den Du sehen wirst, gnädigster Fürst, der ist von uns mit zwölf Stücken jährlich ausgestattet. Zween Altaristen bestallten wir dazu.«

»Ist dem so, Herr Abt?«

»Den Brüdern des Erschlagenen in Neustadt Eberswalde zahlten wir schweres Blutgeld.«

»Sie wolltens nicht nehmen,« fuhr der Abt dazwischen.

»Sie nahmens, nur hätten sie gerne noch mehr genommen,« riefen die Rathsherren.

»Dies Kreuz, Herr Markgraf, richteten wir, diese ewige Lampe daran zündeten wir an, der That, die nicht gut war, zu ewigem Gedächtniß. Mein Gott, was sollten wir mehr thun?« sprach Rode.

»Fünfhundert Mark,« fuhr der Rathmann fort, »zahlten wir der Probstei Bernow Entschädigung.«

»Ihr nahmt es doch nicht an,« fiel Woldemar ein und schaute den Abt streng an.

Der Abt antwortete nicht, sein roth Gesicht wurde etwas blaß.

»Ihr nahmts nicht an! wie hättet Ihr sonst noch Recht zu klagen?«

»Mit nichten, Herr. Sie nahmen es,« riefen die Rathmänner.

»Jährlich zahlen wir ein Pfund am Sanct Julianentage, daß sie Vigilien und Seelenmessen lesen um den Erschlagenen.«

Woldemar trat einen Schritt vor und schaute den Abt ernst an: »Habt Ihr noch etwas zu klagen, Herr Abt von Bernow?«

»Bezahlt man mit Pfennigen und Pfunden die Seele eines Heiligen?«

»Die unsterbliche Seele eines Menschen erkauft man nicht mit allen Schätzen dieser Welt,« sprach Woldemar; »doch was Menschen sündigen, das büßen sie hier mit dem, was vor der Welt Werth hat und gilt. Mich dünkt, die Berliner haben genug gebüßt.«

Peter Rode, den nun auch der Zorn überlief, sprach: »Herr Markgraf, das ist auch nicht, was sie wollen. Es ist der Pfaffen Gierigkeit allein. Den todten Prälat, den mochten sie selber nicht, als er lebte. Nun er erschlagen, ists ihnen ein fetter Braten, eine Silbergrube, daraus sie nicht genug ausbeuten und prägen können. Sie möchten uns zwingen, wegen der Pächte und Zehnten in –«

»Genug!« rief der Markgraf, »Herr Abt Gervin, ich kam, als Ihr seht, in die Kirche zu gehn –«

»Ihr kamt, erlauchter Fürst, als Gottes Werkzeug. Durch Lug haben sie das Urtel erschlichen. Ihr wärt nicht, den wir erwarteten, so Ihr nicht umstießet Alles, was sonder Euern Willen der Ketzer that und zuließ.«

So sprach der erhitzte Prälat. Der Fürst aber hob seinen Arm:

»Da sei Gott für, daß ich umstoße, was gut ist, weil es nicht von mir ist. Nur das Unkraut, das auswucherte, will ich vertilgen. Ihr Rathsherren, ist diese Kirche Unsrer lieben Frauen schon wieder nach Schick und Ordnung geweiht?«

»Das ist sie,« sprach Peter Rode. »durch den hochwürdigen Bischof von Brandenburg.«

»Platz, Herr Abt!« rief Woldemar vorschreitend. »Es ist nicht gut, daß man im Zorn in eine Kirche geht.«

Und er schritt an ihm vorüber, und Ritter und Herren folgten. Was für stumme Blicke warfen die Rathmänner dem Abte zu; der eilte, daß er sein kirschbraun Gesicht verbarg, und als es dunkelte, ritt er in einer Kaputze nach Bernow. »Der ist mal abgeblitzt!« sagten die Berliner. Wer den Schaden hat, darf für den Spott nicht sorgen. Auch schickte ihm nachmals der Bischof von Brandenburg einen Verweis. Die von Bernow hätten zwar gern noch lange von ihrem erschlagenen Abte gezehrt; aber von da ab mußten sie stille sein.

Der Probst von Berlin, der in der Kirchthür dem Vorfall nicht ungern zugesehen, empfing mit großen Ehren den Fürsten im Portal und führte ihn zum Hochamt. Das ist nie so feierlich begangen worden, als an dem Tage; die ganze Kirche strahlte voll Kerzen. Und von Sanct Marien zogen sie, in großem Zuge, nach Sanct Nicolaus, und auch in der Klosterkirche, am hohen Hause, verrichtete der fromme Fürst seine Andacht.

Wer die Stadt an dem Tage sah, und wie Alle eines Herzens und eines Sinnes waren, der dachte nicht, daß hier so viel Zank und Streit war, als irgend wo, wo Menschen bei einander wohnen, in engen Ringmauern, und was der Eine auf seinem Hofe thut, das sieht der Andere aus seinem Fenster. Es ist nicht anders in der Welt, wo viele Rechte sind, und es ist nur wenig Raum dafür. Die von heut meinen, sie könnten nicht leben in solchen Gemeinwesen, wo nichts fest steht, als daß Jedes weiß, was sein Recht ist. Aber sie lebten damals glücklich in Unfrieden, als wir heute glücklich in Frieden. Ja, wenn sie wüßten, wie wir leben, sie hielten das schier für unmöglich, und ein großes Unglück, daß ein Bürger sich nicht kümmern darf um die Stadt, und seine Hobelbank ist ihm mehr werth, als des Magistrats Schränke und seiner Zünfte Handfesten.

Aus diesen Reibungen ging mancher gute Mann hervor. Davon will ich schweigen. Es hat jede Zeit ihre Reibe- und Probirsteine, die sind nur anders geschliffen, nach den Menschen und ihren Sitten. Aber war auch kein Fürst, der die Vereinzelten zusammen rief und ihre Kräfte und Sinne auf ein Ziel lenkte, Gott und Natur, die wirkten zum Guten; und solcher Augenblicke, wo Alle eines Sinnes wurden, gab es viele. Da hörten die Zänkereien auf, da vergaßen sie die kleinen Rechte, warfen Alles hinein in einen Topf, und aus ihrer Aller Liebe und Aller Haß ward eine mächtige Flamme. So hoch brennt sie selten heut. So wars, als sie den Bernower Abt erschlugen, so loderte sie heut auf für den wieder gewonnenen Markgrafen.

Sie trugen ihn fast auf ihren Köpfen heim zum Rathhaus. Sie jauchzten ihm zu, sie riefen ihn an als einen lieben Vater. Und was bewilligten ihm droben die Rathsherren! Ein anderer Fürst hätte lange mit ihnen dingen mögen. Friedrich von Lochen, der baiersche Landeshauptmann, hatte den Rath vergebens gemahnt, die schuldige Orbede, 150 Mark Silbers zu zahlen. Sie war schon zu Martini vorigen Jahres fällig; aber so viel er auch Boten sandte und schrieb, (und seine Schriften darum liegen noch im Rathhaus) immer hatten sie Ausflüchte, das Geld sei noch nicht beisammen. Heute war es mit einem Male da. Sie zahlten es auf ein Brett.

Ein Landesherr braucht Geld, zumal Einer, der fast nackend aus der Gefangenschaft zurückkehrt. Und noch mehr Einer, der Fehde führen muß, und ein ausgesogen Land findet. Das trug er den Herren vor, in kurzer, nachdrücklicher Rede, denn wo die Sache spricht, braucht es nicht vieler Worte. Freunde zwar wären bei ihm, aber eines Herrn beste Freunde seien seine Unterthanen, und der Völker wahrhaftester Freund sei ihr Fürst. Der fremde Helfer denke nur an sich; und je mehr Hände kämen für sie zu streiten, desto mehr Hände mit ihnen zu theilen. Möge aber auch ganz Baiernland seine Männer schicken und Tyrol seine Schützen, ja, wenn das Reich und der Kaiser selbst gegen sie rüsteten, er wollte es aufnehmen mit ihnen, daß sie mit Schanden abzögen: so seine Brandenburger, Mann für Mann, schwören bei ihrem Fürsten zu halten, und beim Hause Anhalt.

Da riefen die Herren mit einer Stimme: »Wir halten treu bei Anhalt!«

Nun überschlug er mit ihnen, als wären Alle seine Freunde und geheimen Räthe, was Schlösser, Festen, Städte und Aemter der Baier versetzt, und die wieder eingelöst werden müßten. Seltsam, daß Keiner meinte, der Markgraf solle sie ohne Weiteres zurücknehmen, weil der Baier sie ohne Recht versetzt. Keinem von Allen kam das bei, was heute so Vielen gar löblich und nothwendig erschiene. Sie hatten seine Wappen verbrannt, und hätten sie ein Bild von ihm besessen, sie hättens ihm zum Schimpf zerstückt und ins Feuer geworfen. Das däuchte sie Recht, aber Einem einen Schilling nehmen, der ihm mit Rechten und aus Verschreibung zukam, das unterstanden sie sich nicht, auch nicht zum allgemeinen Besten. Ja, selbst der Gedanke, daß so etwas möglich sei, kam ihnen nicht in den Sinn.

Da sie überschlugen, welche Güter zunächst eingelöst werden mußten, kostete die Lösung eine schwere Summe, nämlich 207½ Pfund 6 Schillinge und 48½ Mark Brandenburgisch Silber. Die verhießen ihm die beiden Städte bis Morgen als Anlehn zu beschaffen, und er verschrieb ihnen dafür in der Urkunde, die noch da ist, alle Bede und alles Bedekorn aus dem Teltow und Bernow und alle Pflege aus der Stübbeniz und deren Gehölzen, item die Abgabe von den Dörfern Tempelhof, Mariendorf und Marienfelde. Die sollten sie erheben bis zum Tage Nicolai, wo er wieder zurückkehren wollte und sie bezahlen.

Da er nun tafelte mit den Herren, war es kein Wunder, daß sie darum standen, so dicht, daß die Küchenmeister und ihre Knappen kaum durchkonnten. Sie mußten mit den Ellenbogen die Leute zurückschieben, daß die Herren nur zu essen und zu trinken bekamen. Und wars natürlich, daß sie neugierig waren, wie Einer isset und trinket, der so viele Jahre todt war.

Aber Woldemar hob die Tafel schnell auf und hatte nicht viel gegessen. Denn er sah Viele stehen, so mit Bitten und Klagen ihn angehn mochten, und traueten sich kaum. Die Rathsherrn meinten, das habe Zeit bis auf den andern Tag, da er müde sei. Aber er antwortete ihnen freundlich:

»Was du heute thun kannst, verschiebe nicht auf Morgen. Denn das Heute ist dein, und du weiß nicht, ob es das Morgen ist.«

»Aber Ihr müsset der Ruhe pflegen um unser Aller Wohl«, sprach der Bürgermeister; »denn Ihr seid alt.«

»So ich der Ruhe pflegen wollte, wär ich nicht zu Euch kommen«, entgegnete der Fürst. »Meine Aufgabe ist Unruhe. Mein Ziel ist Frieden, aber nicht für mich, für Euch.«

Da hörte er aufmerksam und gnädig die Leute an. Die tröstete er, Denen gab er Rath. Er schlichtete und spendete Gaben. Alle verwunderte es, wie er die Menschen kannte. Einige wies er auch streng zurück, denn ihre Klage war ungebührlich. Einer seiner Hofleute hatte, im Wein oder im Stolz, mit Denen, wo er einlag, sich gezankt und sie geschlagen. Der Bürger und sein Weib traten weinend vor und wollten Recht vom Markgrafen. Der Angeklagte war mit ihnen gekommen und höhnte noch die Leute, sie möchten nur klagen; was sie denn für Recht erwarteten, da der Fürst nicht gegen seine Leute sprechen werde. Die Leute aber waren sehr aufgebracht und schrieen, ihnen müsse Recht werden.

»Das soll Euch werden«, sprach der Markgraf, »aber an mir ists nicht, daß ich darüber spreche.«

»An wem denn?« rief der Bürger, und wies auf seiner Frauen Schulter, die roth und blau war. So hatte der trunkene Ritter sie mit dem Handschuh geschlagen.

»Hier steht Euer Richter«, sprach der Fürst, und wies auf den Schultheißen Tile von Brugge.

»Es ist Euer Mann, den sie verklagen!« sprachen Etliche, auch selbst Rathmannen sprachen das.

»Den richtet der Fürst, nicht am Schultheiß von Berlin ists, Recht zu sprechen wider einen Ritter«, sprach Einer von Lossow.

»Doch! Herr Petze von Lossow«, entgegnete der Fürst. »So es die Herren vergessen haben, ich vergeß es nicht, was ich am Tage Sanct Ambrosius, des Bekenners, vor einunddreißig Jahren diesen Städten gewährte. Schlagt nach die Handfesten von 1317. Als ich mich recht entsinne, ward die Urkund in deutscher und lateinischer Schrift aufgesetzt. Euer Vater, Herr Lossow, war Zeuge dabei.«

»Die Schrift hat gute Gültigkeit«, sprach der Schultheiß erfreut.

In der Urkunde hatte Markgraf Woldemar der Große bestimmt, daß seine Vasallen, weß Standes sie auch sein mögen, um ihre handhaftige That, so sie in Berlin verübt, und was Wunden und Gebrechen daraus entstanden, als Beulen und blau unterlaufene Flecke von Schlägen, sich vor dem Gerichte des Schultheißen der Stadt zu Rechte stellen sollten und wegen der That Rede und Antwort stehen und ihr Urtel empfangen. Aber so deutlich das geschrieben war, und die edelsten Ritter waren Zeugen, das ward oft vergessen und oft nicht gehalten. Zumal nicht, wenn der Fürst selbst in der Stadt war.

»Ihr wolltet, Herr?« sprach Tile Brugge.

»Dem Rechte seinen Gang. So Ihr mit Rechten Schultheiß dieser Städte seid, wißt Ihr, was eines Schultheißen Pflicht.«

»Das bin ich!« rief Der, und richtete sich wieder auf. Denn seit heut Morgen trug er den Kopf doch etwas niedriger. Sie hatten ihn verhöhnt darum, daß ihm der Markgraf den Rücken kehrte, und hatten ihn geneckt, Woldemar werde ihm die Schultisei, die er von Baiern zu Lehn empfangen, wieder abnehmen.

»Mit Rechten bin ich Schultheiß und trage zu Lehn das Richteramt; so ists, Herr Markgraf. Und als lang die Städte Berlin und Köln auf dem Erdboden stehen, gedenke ich, sollen die Brugge allein Recht sprechen über Bürger und Adel, und kein ander Gericht.«

So, kaum demüthig, erhob er sich wieder.

Der Fürst lächelte: »Ihr denkt lange hinaus, Herr Tile von Brugge.«

»Als lange Recht Recht bleiben wird. Denn wir kauften das Richteramt mit gutem Gelde.«

»Mögt Ihr es nicht wieder einmal verkaufen? Oder Eure Kinder und Kindeskinder?«

»Das werden sie nicht. Das sollen sie nicht. Ich wills festsetzen durch gute Satzungen. Wir sind reich.«

»Währt der Reichthum ewig?« sprach nachdenklich der Fürst. »Und sei es. So Eure Nachkommen nun das Richteramt schlecht verwalteten, solls ihnen die Stadt, der Landesherr nicht nehmen, nicht wieder abkaufen dürfen?«

Tile schaute ihn mit offenem Munde an und die Rathmänner auch. Er sprach ihnen Unverständliches. Wie konnte Einem, oder einer Familie etwas genommen werden, was ihre ist, und sie willigten drein, außer durch Raub und Krieg!

Da erhob sich Woldemar: »Genug dessen, Ihr Herren. Die Zukunft ist fern, und wir haben genug zu thun, was uns nahe liegt.«

Da standen auch schon Andere, die sich beschwerten. Es war von Alters viel Streitigkeit wegen der Mühlen am Mühlendamm, die dem Landesherrn gehörten, und die Bürger mußten dort ihr Korn mahlen lassen. Nun drückten die Mühlherren, so die Fürsten gesetzt, die Leute, und auch die Mühlknappen, als Herrendiener, maßten sich mehr an, als ihnen zukam, meinten die Bürger. Und es gab deshalb viel Schererei. So mußten sie, außer dem Pfennig fürs Mahlen, von jedem Scheffel die Mahlmetze geben, und die Mühlmeister und Knappen nahmen seit vielen Jahren noch außerdem Abzüge. Da Etliche aus den Geschlechtern vom Markgrafen die Mühlen gepachtet, so vertrat der Rath die Mühlherren gegen die Bürgerschaft um der Sippschaft willen. Es heißt: eine Hand wäscht die andere.

Darüber klagten jetzt einige Meister von den Gewerken: »Sie haben uns verheißen Abstellung der Uebelstände, von einem Jahr zum andern, und es geschieht nicht. Die geringen Leute leiden gar sehr darunter. Denn ists nicht genug, daß sie die Mahlmetze lassen müssen von jedem Scheffel, und das Korn ist doch ihr; die Knappen fahren noch mit dem Streichbrett über das Maaß, und das Mehl, so abfällt, ist ihre.«

Die Rathmannen meinten, der Fürst werde um so was sich nicht kümmern. Es waren die Strobant, Ronnebom, die Dannewitz und Helmsuver, welche damals die Mühlen in Pacht hatten.

»Was ist Eure Antwort, Ihr Herren?« fragte er.

Der eine Ronnebom lächelte und sprach: »Zu Gnaden, Herr Markgraf, wir wollens mit den Mahlgästen schon ausmachen in Gütigkeit. Das sind zu geringe Dinge für einen Fürsten.«

»Was Euch gering ist«, sprach Woldemar, »den armen Leuten ist es groß Ding.«

»Die Mühlknappen streichend für sich«, sagte der Ronnebom.

»Man muß den Schelmen auch was gönnen«, lachte der Fritz Dannewitz und Konrad Helmsuver.

»Was zahlt Ihr den Knechten Lohn?« fragte der Fürst.

Die Herren wollten nicht mit der Sprache heraus. Es war sehr wenig.

»So ists, gnädigster Herr Markgraf«, sprach der Zunftmeister. »Sie sind aufs Stehlen angewiesen und müssen davon leben, uns zum Schaden.«

»Ihro markgräfliche Durchlaucht«, nahm jetzt der alte Strobant das Wort, »als es bei Mühlen ist, das kann nicht Jeder wissen. Ehedem schüttelten sie das Mehl, und was abfiel, das nannten sie Staub und blieb ihre. Nun schütteln sie nicht, sondern nehmen ein klein Brettlein und streichen oben ab.«

»Wo steht denn geschrieben, daß der Staub den Mühlknappen ist?« sprach der Fürst.

»Das ist von Alters so, gnädigster Herr.«

»Ein bös Herkommen muß ein guter Mann ändern.«

»Und wie streichen sie!« fuhr der Kläger fort.

»Mit der Schärfe oder mit dem Rücken?« fuhr Woldemar dazwischen.

Das wußten die Wenigsten, was er meinte. War nämlich der Müller ihr Streichbrett als ein Messer, die Schneide grad und glatt, aber der Rücken krumm. Wenn sie nun über die Metze strichen, drehten sies um, was nicht Alle merkten, und fuhren ins Maaß hinein, wodurch viel Mehl abfiel.

»So Ihr nicht bessres für Euch habt, Ihr lieben Herren«, sprach der Fürst und stand auf, »das ist eine Unbill, und so sie noch so alt ist, die muß abgestellt werden. Habt Ihr deß Schaden. so bringt es bei der nächsten Pacht vor, und unser Rentmeister soll Euch willig hören.«

Darauf hieß er seinem Kanzler, daß er eine Urkunde aufstelle, der gemeinen Bürgerschaft zu Nutz, daß sie an den landesherrlichen Mühlen am Mühlendamm von allem befreit würden, was sie bisher über die rechte Mahlmetze entrichteten. Die Schrift ist heute noch da, und hat des Woldemar Gesetz gegolten durch viele Jahrhunderte und so lange, als die Bürger gezwungen waren, am Mühlendamm mahlen zu lassen. Alle verwunderten sich über die Einsicht des Fürsten, und Alle waren froh; auch die Familien, die darunter litten. Es dünkte sie gering ihr Verlust, da sie solchen Fürsten dafür gewannen, der so auch für geringe Dinge sorgt.

Es war Abend, aber ein schöner Herbstabend, als ein ansehnlicher Trupp Reiter über die hohe Ebene von Teltow gen Berlin ritt. Die Sterne funkelten am schwarzen Horizont, und die Reiter hatten Eil und sprachen wenig mit einander. Der alte Herzog von Sachsen war es, mit dem Fürsten von Dessau, die sich verspätet hatten, und nun eilten, um vor Nachtanbruch ins Thor zu kommen.

Die Sterne standen aber nicht fest am Himmel, hier schoß einer nieder, und dort ein anderer, schnell, daß das Aug ihnen nicht folgen konnte. Die Reiter sahens trotz ihrer Eil.

Bei Nacht, und wenn man in Hast ist, die Herberg zu erreichen, spricht man nicht viel. Jetzt aber schoß es, wie ein großer Sternklumpen, nieder und in die Erde. Die Rosse scheuten und die Reiter hielten einen Augenblick an. Dann ritten sie langsamer, und Einer dichter zum Andern. Es hieß vor Alters in Deutschland, die Nacht ist Niemands Freund. Wo Freunde sind, die halten da gern zu einander.

»Sahs mein Lebtag nicht so schießen«, sagte der Sachse. »Vetter, was hats wohl zu bedeuten?«

»Mit Verlaub«, sprach ein Junker, »ich hab es mir deuten lassen von einem alten Weib in Brandenburg, die sich darauf versteht. Als die Sterne jetzt alle Nacht schießen, wie toll, das bedeutet den Fall des Hauses Baiern. Als ein Stern nach dem andern vom Firmament abfällt, so fällt ein Schild um das andere auf ihrem großen Heerschilde ab. Das ist ins Gevierte blau und weiß. Zuerst fallen die weißen Felder, das sind die Sterne, dann kommen die blauen dran, das ist das Firmament. Die blitzenden Sterne nun sind die Länder, so sie gewonnen, die verlieren sie zuerst; das Firmament, das sind aber ihre Stammländer, die verlieren sie nachmalen.«

»Vetter von Dessau, meint Ihr das auch?«

Der ritt in seinen Mantel gehüllt und schaute ernst vor sich: »Das ist der Himmel über Brandenburg und nicht über Baiern.«

»Und was solls da?«

»Ich meine, als ein Stern nach dem andern abfällt, das deutet darauf, so wird ein Ländlein und eine Provinz um die andere von Brandenburg abfallen. Es zersplittert, und was ein groß Reich war, werden lauter kleine Stücke.«

»Das Wetter noch mal!« äußerte der Herzog Rudolf. »Daran hab ich nicht mal gedacht.«

»Das Sternschießen bedeutet unsern Vertrag. Darin wir uns versündigt haben gegen unsre Vorfahren und das deutsche Reich.«

Der Sachsenherzog brummte verdrießlich und ritt wieder schneller. Dann aber hielt er inne und ließ den Dessauer herankommen:

»Es kann noch anders werden, wenn man klug ist. – Klug muß man sein, sag ich Euch.«

»Das war nicht klug von uns, daß wir zu lang schliefen«, entgegnete der Dessauer.

»Was nur der Kerl in Berlin gemacht haben mag ohne uns! Vetter, er weiß ja nichts –«

»Wer weiß? –«

»Tollheit! Wie das Volk dort ist, pfiffig und gescheut, wenn er den Mund aufthut, und Keiner sagte ihm, was er reden soll, sie wissens gleich, wo er her ist.«

»Da wüßten sie mehr als wir«, sprach der Dessauer vor sich.

»Die Sporen in die Weichen, Vetter, wir müssens wieder gut machen. Das wars ja, warum ich nicht nach Berlin wollte. Vetter, Vetter! das Reich soll nicht zerfallen. Wollen die Sterne lügen machen.«

»Gott geb es!«

»Er giebts. – Will Euch was im Vertrauen sagen. Euch nur allein. Laßt die Andern vorreiten. – So. – Vetter Albrecht, unser Vertrag, darauf gebt keinen Pfefferling.«

»Das wäre!«

» Ihr denkt doch nicht an den Kurhut? Zwar vom selben Blut als wir, kommt Euer Recht erst daran, wenn unseres erloschen. So unerlaubten Ehrgeiz habt Ihr nicht, lieber Vetter.«

»Vetter Rudolf, ich bin ein alter Mann. Was sollte ich für mich daran denken!«

»So recht. Für Eure treue Freundschaft sollt Ihr Euren Lohn haben. Nun sag ich Euch: der Kaiser, mit dem bin ich eines Sinnes. Karl ist für mich. Er hats meinem Kanzler von Tronca, in Karlsbad, auf sein heilig Wort zugesagt. Den Vertrag verwirft er und zerreißt er, aus Kaiserlicher Machtvollkommenheit, als wider des Reichs Gesetze. Ein Kurfürstenthum soll nicht zerstückt werden. Nichts, sag ich Euch, nicht so viel bekommt der Pommer, nichts der Mecklenburger. Und wenn ers noch so fest mit den Zähnen hält, der Magdeburger muß Plauen rausgeben. Die Mark bleibt ein Kurland, das ist des Kaisers heiliger Wille, und ich werde Markgraf und Kurfürst.«

»Das hat Euch der Kaiser zugesagt?«

»Meinem Kanzler Dietrich von Tronca. Er kann nicht genug versichern, wie der Kaiser gütig war und Liebes von mir sprach. Er wüßte keinen Bessern, dem er die Mark gönne.«

»Und war er erzürnt darüber, daß sie zersplittert würde?«

»Zornig über die Maaßen, Vetter! Denn Deutschland bedürfe gegen den Osten ein stark Reich und eine kräftige Mark. Darauf müsse Jeder halten, der es mit der deutschen Nation gut meine. O, er ist ein kluger Fürst.«

»Das ist er. Und darum wollte er einen tüchtigen Markgrafen.«

»Der – Woldemar muß ein Testament schreiben, hat er gesagt, darin er mich, mich allein zum Erben einsetzt.«

»Das wird ein groß Reich«, sprach der Dessauer, »Sachsen und die Mark eins! Zwei Kurhüte auf einem Kopf! Das konnte selbst unser Ahnherr, Albrecht der Bär, nicht erzwingen.«

»Unsere Ahnen in Ehren, lieber Vetter«, sagte Herzog Rudolf. »Aber das sind andere Zeiten. Itzo wirkt mans nicht mit der Faust allein. Man muß mit Klugheit zu Werke gehn.«

Und dabei spornte er sein Roß. Aber es war müde und fiel gleich wieder in Schritt.

»Wärs nur nicht so weit von Dessau – wollte sagen von Wittemberg bis Berlin«, lächelte der Dessauer.

»Ich lasse eine grade Straße bauen«, entgegnete der Sachse, »von einer Hauptstadt zur andern, die soll, uns zu Ehren, die Anhaltstraße heißen.«

Es schoß wieder ein Stern durch die Lüfte, just dahin, wo die Städte liegen im Thal.

»Ihr werdet doch nicht so schnell hinkommen, als der Stern dort«, sprach Graf Albrecht. »Denn auf der besten Straße braucht Ihr viele Tage, man mags ersinnen als man will. Und das ist nicht gut, wenn ein Fürst so weit von seinen Städten.« –

Die Ritter von ihrem Gefolge, welche voraus geritten waren, hielten plötzlich still. »Was ist das! Berlin brennt!« »Nein, Köln auch.« – »Beide Städte!« riefen Andere. Die Fürsten sprengten heran. Ein heller rother Schein hauchte über den Städten und die Thürme glühten im Widerschein; deutlich sah mans nicht, wegen des Waldes, und da sie nun in Hast den Berg hinunter sprengten, wo die Bäume die Häuser verdeckten; und sie ritten lange im Dunkeln und hörten und sahen nichts.

Einige hielten dafür, es sei eine Hinterlist der Baiern, der Friedrich von Lochen habe die Stadt in Brand gesteckt, da er sie nicht halten können. Den Herzog quälte ein anderer Gedanke, daß Woldemar die Sache schlecht angefangen, er wäre mit den Bürgern aneinander gekommen, und da sei die Stadt in Brand gerathen. »Ich sagt es Euer Liebden, es taugte nichts, den Kerl allein hinlassen. Mit dem Volk müssen andere Leute reden.«

Da meinten Einige schon, es sei für die Fürsten gerathen, daß sie nicht mehr weiter ritten, sondern daß sie beim Comthur in Tempelhof Nachtquartier suchten. Aber Einer sagte: »Wir hören doch nichts von Sturmlärm. Die Luft weht her, und es ist still.« Und bald darauf kam ein Anderer zurück, der vorauf geritten war, mit der Botschaft: Die Städte seien nicht in Brand, sondern in Freuden. Der Himmel sei hell von den vielen Feuern auf den Gassen und den Pechfackeln, so die Bürger angezündet aus Lustigkeit. Es sei eine Faschingsnacht, so in Köln als Berlin.

Das beruhigte beide Fürsten, ob es sie doch Wunder nahm, daß ihnen auf dem ganzen Wege keine Botschaft entgegen kam. Das Thor nach dem Teltow war verschlossen, die Brücke aufgezogen. Ja, ihre Ritter mußten lange pochen und die Drometer ins Horn stoßen, bis nur Leute erschienen; so war Alles in der Stadt beschäftigt. Nun schickt sichs in aller Welt, wo ein Herzog von Sachsen und ein Fürst von Anhalt einreiten will, daß sie ihm entgegenkommen und für die Ehre danken und ihn hineingeleiten; zumal aber, wo sie beide Fürsten erwarten mußten. Es dauerte aber lange Zeit, ehe nur ein Rathsherr ankam, der das Thor öffnen ließ, und sich schüchtern entschuldigte, daß ers nicht gewußt, wie so hohe Herren noch so spät die Stadt beehren würden.

Der Sachsenherzog sah ihn nicht zum mindesten freundlich an. Der Dessauer aber riefs ihm zu Gemüth: »Je später der Abend, je schöner die Gäste. Das ist von Alters so.« Aber danach sah es nicht in Köln, nicht in Berlin aus. Wo sie der Rathsherr durchgeleitete, und er nahm den Weg über den Mühlendamm, schauten die Bürger sie verwundert an, und waren des späten hohen Besuches gar nicht gewärtig. Der Rathsherr mußte es ihnen ins Ohr züscheln, wer die Herren wären, daß sie nur Platz machten und die Mützen rückten.

So kamen sie zum hohen Haus, nach mancherlei Aufenthalt. Und dort war auch wenig gethan, sie zu empfangen. Die Ritter und Gäste taumelten umher vom vielen Wein, den sie, nicht für sich, zu Ehren der Herrschaft getrunken. Da sie nun die Treppe hinaufgestiegen und ihre Ankunft ihrem Vetter vermelden lassen, trat ihnen im Vorsaal Konrad von Redern entgegen, des Woldemar Oberkämmerer, und entschuldigte seinen Herrn, daß er von des Tages Last und Mühe zu müde sei, er ruhe auf seinem Lager aus. Sie möchtens gnädig bis morgen anstehen lassen; da wolle er sie empfangen, als es so gnädigen Herren, seinen Vettern, gezieme.

Rudolf von Sachsen stieß einen Fluch aus, und es war gut, daß ihn Niemand hörte. Albrecht von Dessau flüsterte ihm einige Worte ins Ohr, wo er ihn erinnerte an das, was er selber vorhin ihm gesagt, daß man heut zu Tage nicht mit der Faust, sondern nur mit Klugheit durchgreift. Der Herzog brummte noch viel, aber er war sehr müde und hungrig, und es war keine Stunde um, da hatte er alles vergessen, was er gesagt und gedacht an dem Tage, und schnarchte in seinem Himmelbett, daß man es durch die dicken Mauern des hohen Hauses hörte. Das heißt heut das Lagerhaus.

Aber nach demselben Stündlein, und es war schon still worden in der Stadt, und die Freudenfeuer verlöschten, schlich der Fürst von Dessau, in einem Mantel verhüllt bis über die Ohren, dieselbe Treppe, als vorhin, hinauf, und pochte leis an. Der von Redern öffnete ihm eben so leis, und da er ihn erkannte, neigte er sich ehrerbietig, und flüsterte: »Mein gnädiger Herr erwartet schon Euer fürstliche Gnaden.« – Und Woldemar selber öffnete die Thür und ließ den Dessauer ein. Dort sprachen sie im Geheim bis Mitternacht, und der Fürst trat mit frohem Gesicht heraus.

Am Morgen drauf ward der Herzog von Sachsen durch einen Lärm auf der Straße geweckt. Trompeter bliesen, und ein Herold schrie mit lauter Stimme zum Volk, das, wo er stehen blieb, sich um ihn sammelte:

»»Kund und zu wissen sei männiglich, und zum Gedächtniß dieser Dinge ist es niedergeschrieben, daß es nicht vergeht und Irrungen und Zweifel einreißen. Wir Woldemar, von Gottes Gnaden Markgraf von Brandenburg, zu Lausitz und im Lande Landsberg, wir verkünden, daß dies nun soll offenbar sein, Allen, die diesen Brief ansehen und ihn anhören: daß wir um ihrer mannigfachen wohltätigen Dienste halb, die uns oft ( dicke) gethan sind von unsern lieben Bürgern unserer Städte Berlin und Köln, ihnen hierdurch alle Rechte und Freiheiten zusagen, und bestätigen, so sie von Alters durch uns und unsere Vorfahren, als auch in jüngster Zeit mit Rechten erworben. Item verheißen wir ihnen und versprechen ihnen, auf ihr geziemlich Ansuchen, daß wir verfolgen wollen die mit Schlössern angesessenen Ruhestörer im Lande, sonder Ansehn von Person und Reichthum, wollen ihnen ihre Vesten nehmen, und ganz und gar, als uns die Städte dazu ihren Beistand zusagen, alle Schlösser zerstören, so neu erbaut sind, auch nicht gestatten, daß fernerhin neue Burgfrieden erbaut werden, es sei denn auf den Gränzen gegen des Landes gemeine Feinde und mit unsrer Zustimmung. Auch wollen wir die Städte nicht mit unsern Kriegsmannen belegen, wie ihr altes Recht ist, auch nicht mit Mann und Roß in ihre Thore ziehen, es sei denn, daß sie durch Vertrag sie uns in Güte öffnen. Item, als wir ihnen schon vor einunddreißig Jahren gewährt, sollen sie des Rechtes sein, unsere Diener, hoch oder niedrig, so aus handhaftiger That in den Städten betroffen wurden, vor ihren Schöppenstuhl zu ziehen, und sie zu richten, als Recht ist. Und so wir unser Wort nicht halten, was Gott verhüte, alsdann sollen die Städte, wie die andern Städte, und mit ihnen gemein, des Rechtes sein, einen andern Landesherrn zu wählen.««

»Was sagt Ihr dazu, Vetter?« rief der Herzog dem Dessauer zu, der eintrat.

Der Fürst schwieg.

»Sonder uns zu fragen. – Wer ist der falsche Mensch?«

»Ew. Liebden, wir sind an den rechten gerathen.«

< Sechstes Kapitel.
Achtes Kapitel. >



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