Frei Lesen: Der falsche Woldemar

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Willibald Alexis

Der falsche Woldemar

Achtes Kapitel.

eingestellt: 23.7.2007



Die goldene Herbstsonne, die über den Städten schien, glänzte auch über das Land. Sie leuchtete den Siegern aus ihren Wegen. aber auch den Flüchtlingen auf ihren einsamen Pfaden und Straßen.

Es war eine große Jagd los über das ganze Land. Die Glocken in den Dörfern stürmten, die Straßen rasselten von Harnischen, die Trommeln wirbelten in die Luft.

Wunden wurden geschlagen, Lanzen gebrochen und Glieder, und Staub aufgewühlt, aber große Schlachten sieht man nicht, wo ein panischer Schrecken vor den Siegern hergeht.

Da lag ein schöner Buchenwald, lang und tief, und seine Kronen waren gelb, und gegen Mitternacht war das Laub schon roth angehaucht von den Nachtfrösten. Die Morgensonne stand am blauen Himmel und schaute auf den Wald und das Feld, und die Luft war durchsichtig und klar, ein scharfes Auge konnte den Raubvogel auf drei Bogenschußweiten entdecken. Und still war es, wie an einem Sonntagmorgen. Wars als feiere die Natur ihren Sabbath. Die Thiere des Waldes lagen still auf ihren Lagern. Keines Sperlings leichtfertiges Gezwitscher. Höchstens in weiter Ferne hämmerte ein Specht an die mächtigen Stämme, und die Luft, die in den welken Blättern am Boden rasselte, und linde die Kronen durchsäuselte, war das einzige Geräusch, so weit das Ohr reichte.

So still mochte es stundenlang sein. Aber jetzt war das Rauschen im Walde stärker. Die Luft war ein Windzug. Die Zweige schlugen zurück, und dürre Aeste knickten und prasselten. So ists, wenn ein Eber durch das Dickicht bricht. Das aber mußte ein Rudel Eber sein; der Eber schießt in wilden Sätzen über den Boden: diese stampften auf. Hufschläge dröhnten, und Rossegewieher und Klang von Stahl und Erz. Nicht ein Rudel wilder Thiere, keine Meute Hunde, eine Schaar reisiger Männer suchte durch das Dickicht ihren Weg. Und so viel Lärm Männer in stählernen Kleidern und mit Wehr und Waffen zu Roß machen, doch war es bisweilen als hielten sie, wie Diebe, den Athem an, um zu lauschen, ob sie nicht belauscht würden. Dann knisterten nicht die Zweige, die Schienen dröhnten nicht und selbst die Rosse athmeten still. Es war, als sei es nur ein Waldspuk gewesen, des wilden Jägers Lärm, und er ist in die Schluchten der Erde versunken, oder zerstoben in die Lüfte, ein Dunstbild. Doch wenn es eine Weile still geblieben, dann rauschten wieder Laub und Zweige, die Schilde klirrten, der Boden wurde gestampft, und das Geräusch kam näher.

Das hatte ein Ohr von Anbeginn sehr aufmerksam belauscht, und nichts war ihm entgangen. Denn so still und öde es war, in dem hohen, gelben Riedgras lag Einer hingestreckt, der sich von der Sonne wärmen ließ. Doch sobald der erste Luftzug das Rauschen herantrug, wo du nicht anders gemeint hättest, als es sei ein Vogel, der von Ast zu Ast flattert, hatte er sich aufgerichtet, und den Kopf halb übers Gras, horchte er, wie der Hase in seinem Lager, wenn er den Windlärm hört. Wenn es still ward, legte er den Kopf auf die Erde, und fuhr wieder auf, bis er jetzt, die Augen starr auf einen Punkt, mit den Augen zuckte, und rasch untertauchte, und sich länglings hinwarf. Das Gras rauschte über ihn, und wenn Ihr Verstecken gespielt, Ihr hättet ihn lange suchen mögen.

Und grad da, wo er die Augen zuletzt hingerichtet, brach es heraus. Ein Regen von welken Blättern schüttelte zur Erde, als ein geharnischter Reiter, und dann zwei, und dann ihrer mehre zum Vorschein kamen. Sie schauten sich fürsichtig um, nach allen Winden, aber es blieb still. Sie sprengten links und rechts; denn hier lichtete sich der Wald, und nach Mittag öffnete sich ein weites Feld voll rothblauen Haidekrautes. Aber da sie auch dort nichts sahen, und nichts sich regte, winkten sie in den Wald hinein, von wo sie gekommen, und eine ganze Schaar folgte ihnen. Die Führer sprachen zusammen, und dann gaben sie ein Zeichen, daß sich die Leute zum Rasten am Saume des Waldes verteilten.

Die wackern Männer kamen nicht als Sieger aus einem Strauße. Die Harnische waren voll Beulen, mancher Helmbusch abgeschlagen, manche Schiene hing herab. Der verband sich den Kopf, und Dem steckten sie den Arm in eine Binde, als gut es sich thun ließ. Und Aller Gesichter schauten aus, wie gekocht und voll Staub. Und wie gar sehr ermattet warfen sich die Meisten ins Gras, aber die Rüstungen schnallten sie nicht los, noch wurden die Rosse entwappnet. Nur die Helme banden sie ab, und suchten nach Wasser, das unfern zwischen den Felsen vorblitzte.

Der oberste Anführer, mit der baierschen Binde um den Leib, lag auf einer kleinen Anhöhe, den Kopf im Arm gestützt, und schaute, ein bleich und länglich Gesicht, ingrimmig vor sich.

»Was thut Ihr da, Betkin?« rief er einem andern Ritter zu, der unfern stand und die weißen Fasern, die sich um den Harnisch geschlungen, ablas. Der schaute sonst gar wohlgemuth, ein beleibter Mann. Ihn mußte der Strauß nicht eben angegriffen haben. Er lachte, wie ihn die Faden neckten. Denn die er mühsam eben abgesponnen, schlangen sich, wenn der Wind ging, ihm wieder um den Nacken, und in einem Eisenkleide hantirt man nicht leicht.

»Mach mich frei von Netzen und Stricken,« lachte der Ritter.

»Betkin von Osten liebt doch sonst die Netze der Weiber.«

»Nur nicht von alten, Hauptmann! Ein verruchter alter Weibersommer.«

»Die Beulen von den Bauerknitteln kriegst Du doch nit los von dem Stahl!« sprach der Andere nach einer Weil.

»Hauptmann, wärs nach mir gegangen« – sagte Betkin.

»Wären wir in die Pfanne gehauen,« unterbrach ihn der Hauptmann, der kein anderer war, als Friedrich von Lochen selbst, des Markgrafen Ludewig oberster Landeshauptmann. »Heiligste Frau von Zell, das Bürgerpack!«

Betkin Osten warf sich neben dem Baiern nieder.

»Teupitz ist noch unser.«

»Nichts ist unser, wo Ritter alte Weiber sind,« brummte der Baier.

Der Osten brummte ein Liedlein, was sie im Land sungen:

»Friedrich von Lochen,
Friedrich von Lochen!
S ist heuer gar theuer,
Das Fleisch frißt der Baier,
Uns läßt er die Knochen,
Friedrich von Lochen!«



Der von Lochen verzog den Mund, daß seine Zähne zum Vorschein kamen: »Das Liedlein, mein ich, sollen sie nachmalen ganz anders singen. Kennen nun unsre Feinde. Da soll manches fettes Lehn verfallen sein.«

»Das ist vernünftig gesprochen, ein Trost, Herr Friedrich.« Betkin schaute recht vergnügt vor sich. »Wenn Ihr zum Kehraus blast, mir laßt so ein paar Städte. Etwa Prenzlow und Perleberg. Donnerwetter, ich will einreiten mit Meinen, daß Kind und Kindeskind erzählen sollen vom Betkin Osten.«

»Hol der Teufel die Städte,« sprach der Landeshauptmann. »Ihr, der Adel, Ihr, was hat er Euch gethan? Wo strafte er einen Ritterbürtigen, wo hat er ein Schloß gebrochen, und wie lohnt Ihrs ihm!«

Betkin Osten zog die Fruchthalme des Riedgrases aus: »S ist noch nicht aller Tage Abend.«

»s giebt keine Ehre,s giebt kein Ritterthum in diesem Lande,« brummte der Hauptmann fort. »Auf Euern Hufen sitzt Ihr, klebt auf Euern Lehmhaufen, schindet die Bauern, zwickt und plagt die Kaufleute. Haltet mit eisernen Zähnen an Eurem eignen Rechte fest, an Euren Satzungen und Herkommen, die Ihr Euch selbst gemacht, dem Allgemeinen zum Schaden, aber so es gilt fürs Ganze, für das Land. – Was greint Ihr, Betkin? S ist so, bei Gott im Himmel, s ist eine Schande!«

»Mag sein.«

»Das wendische Blut, das hündische, will Euch nicht aus den Adern. Hörte noch von keinem Märkischen ein frei Wort vor seinem Herrn sprechen, s wär denn eine Klage, daß man ihm nen Pfahl auf seinem Hofe krumm bog. Der reine deutsche Adel bei uns, das ist ein Adel.«

»Läßt der sich nehmen, was sein ist?«

»Nein. Aber er denkt nicht an sich allein. Er spricht auf den Landtagen und vor den Fürsten von der Leber weg, nicht für seinen Stand allein, für alle Stände. Euch ist der Himmel vernagelt, Ihr seht nicht weiter, als wo Eure Gerechtsame aufhören. Was sagt Ihr dazu?«

»Ihr trankt zu viel Wasser am Brunnen, das knurrt in Eurem Leibe.«

»Was schaut Ihr Euch um, Betkin?«

»Ob Keiner uns stören wird.«

»Das ist hier kein Adel nicht, sag ich, kein sächsisch und kein fränkisch Blut. Ihr seid zum Ritterstand kommen, wie die blinde Henne zum Korn. Auf ein ordentlich Turnier sollte man Euch nicht lassen. Ich sags, von den Bürgern wunderts mich nicht. Aber Ihr, die Säulen des Landes, Ihr reißt auf, als man sich darauf stützen will, Ihr kriegt die Angst, daß Euch der Pfaffenpopanz an Eure Schlösser und Renten geht, an Eure heillose Freiheit, Ihr dreht den Mantel um, eh noch der Wind umschlägt.«

»Knurrts noch lange, Friedrich Lochen?«

»Wenn er seiner Feinde Herr wird, als wir zu Gott hoffen, sollt er guten deutschen Adel in dies verfluchte Land führen, als es in Pommern geschah, und in Mecklenburg.«

»Nun habt Ihr ausgesprochen doch, Herr Friedrich von Lochen?«

»Habs. – Und was habt Ihr dagegen zu sagen?«

»Kein Sterbenswörtlein!« entgegnete ruhig der von Osten; aber er hatte sich aufgerafft und schüttelte den Helm und setzte ihn auf.

Der Hauptmann richtete sich, da er das sah, auch auf: »Was solls?«

»Bin ein märkischer Edelmann, Herr von Lochen, ob wendischen Blutes, oder deutschen, das schiert mich nicht. Aber Eure Rede ist so lang gerathen, daß die Zung zu kurz ist, um darauf zu antworten.«

Da blitzte die Morgensonne auf einen langen Degen, den er zog. Der Baier, einen Augenblick besann er sich, dann riß er auch an der Linken und sein Schlachtschwert kam heraus. Aber er ließ die Sonne darauf spielen und besahs, stieß es dann vor sich auf den Boden und stützte sich mit beiden Händen darauf.

»Betkin Osten, könnte Euch noch zweierlei sagen.«

»Kurz, als Euchs beliebt.«

»Ein Märkischer seid Ihr; abers giebt auch gute Ritter hier zu Lande. Wills zu Gott nicht gemeint haben, daß Ihr zu den schlechten gehört.«

»Habt Ihr nichts anders zu sagen, Herr Friedrich von Lochen?«

»Item, ein guter Ritter steht jedem guten Ritter, wo es sei. Aber da ich auch des Baiern Landeshauptmann bin –«

»Ueberlegts, aber schnell,« sprach scharf der Osten.

»Und breche die Pflicht gegen ihn und gegen das Land, für das ich mehr einstehen muß« –

»Quält Euch nichts sonst, die Sorg ist nicht mehr groß,« lachte der Ritter.

Es wäre wohl zweifelhaft geblieben, wenn sie losgingen, wer der Stärkere war. Der von Osten war eines halben Kopfes kleiner, aber stämmig, und Einer der so hart drauf los ging, als er hart lang ausdauerte. Ihm war Fechten eine Lust; man sahs ihm an. Der Baier war länger und schlanker, auch einige Jahre älter; aber ein erfahrener Kriegesmann und ein kunstgeübter Fechter. Ein solcher geht nicht so leicht und um nichts los; aber als der Löwe, wenn er Blut gesehen, ist er furchtbar. Die Andern sahens mit Schrecken, wie der Hauptmann den Helm aufstülpte, und die Ritter ihre Kürasse und Schienen sich fest schnallen ließen. Da maßen sie schon den Platz und theilten Licht und Wind, es kam aber zum Glück nicht dazu, daß sie die Schwerter kreuzten.

Denn zween Ritter waren inzwischen herangesprengt, welche die ausgestellten Wächter alsbald an ihren Zeichen als Freunde erkannten, darum hatten sie keinen Lärm gemacht; auch nicht, als sie dahinter Staubwirbel sahen, und eine ganze Schaar zog an von der Gegend von Teupitz her. Es waren die von Uchtenhagen, die hatten sich mit ihren Reisigen und Andern durchgeschlagen, nachdem sie Völker in Frankfurt geworfen, und manchen glücklichen Strauß hatten sie bestanden.

»Plagt Euch der Teufel!« sprach der alte Busso von Uchtenhagen, als er vom Sattel gesprungen. Er hatte es in der Kürze erfahren, warum sie blank standen. »Ihr guten Freunde, ist das Zeit die Schwerter zu kreuzen? Meint Ihr, es ist Sommerlust und zur Kurzweil angethan?«

Da waren auch Bussens drei Söhne, Dietrich, Kuno und Helmecke, herangekommen, auch mehrere Ritter, die mit ihm waren, als Betke Botel, Heine Waldow, der Nicolaus von Köckeritz, Wilkin Strantz und noch verschiedene aus dem Lebusischen, die dort angesessen sind: Tile Glaser, Walter von Sack, Friedrich von Winning und ein Klepitz. Alle waren im Bann, weil sie es gegen den Bischof, den Lebuser, gehalten und der bairischen Herrschaft zugethan.

»Wollte ich doch lieber, daß mir der Sattelgurt platzt, wenn ich einhaue, als daß Ihr losgeht«, sprach Nicklas Köckeritz.

»Hat Euch der Sonnenstich toll gemacht«, fuhr der alte Uchtenhagen fort. »Du mein Heiliger, eine Ehrensache sollen wir All ausmachen. Ja, gegen unsers Herren Feinde; aber ist das Ehre für Dich, daß Du Den niederstreckst, oder für Dich, wenn Du ihn unterkriegst? Herr Friedrich von Lochen, sind wir nicht Märkische von Adel? Was schiert Euch, in weß Adern wendisch Blut rinnt, das sind alte Dinge, die weiß Keiner genau. Und Du, Betkin Osten, zeig ihm, daß er Unrecht hat, wir sind Deine Zeugen für Dich. Aber dann zeug Du für Dich selber, daß Du Vernunft annimmst. Denn so Du doch losgehen willst, so zeugst Du, daß er Recht hat. Bist Du nicht im Bann, und er und wir Alle? Trägst Du nicht mit Recht Deinen Sporn, als wir Alle, hast Du nicht geschworen Ihm als wir? Wir sind unser nicht viel, aber so wir zusammen stehen, Rücken an Rücken und Schild an Schild, Herr du mein Heiland, es ist noch Zeit, aber es ist die höchste Zeit!«

Der Busso Uchtenhagen war ein sehr alter Mann, aus der guten Zeit, und wer ihn sah, hatte ihn lieb. Sein weiß Haar hing ihm bis über die Schultern hinab, und in sein hellgrau Aug sah man gern. Er hielt auch seine Söhne in guter Zucht, durften nicht am Wege liegen; das konnte man nicht von jedem Edelmann sagen. Da, nachdem er gesprochen, sprachen Alle so zum Guten, und so laut und dringend, daß Die wohl nachgeben mußten. Friedrich von Lochen steckte zuerst das Schwert ein. Sagte:

»Nehms zurück. Ihr führt gute Männer zu Zeugen.« Betkin thats ihm nach sonder Zaudern, dann reicht er ihm die Hand. Das Lachen aber konnt er nicht lassen:

»Kanns nicht leugnen, – Herr Friedrich von Lochen, hätt aber lieber für mich selbst gezeugt.«

»Das ist einer Sach bösester Feind«, hub der alte Uchtenhagen an, »so ihre Freunde sich entzweien. Und sie entzweien sich, wenns in ihnen selber nicht gut ist und tüchtig. Wer sich fürchtet, der schreit, wer sich schämt, der prahlt. Weil Euch der Bauer dort geklopft, das ist Eure Scham, die in Euch wurmte und biß, nur mußte der Aerger raus, aber er kam an den unrechten. Daß Ihrs vor Euch selbst verbärget, wie Ihr ausgerissen seid, vor den Knütteln, fuhrt Ihr auf einander los und schimpftet, bis Ihr die Schwerter zogt. Ja, so ists, ein alter Mann sagts Euch, und ein alter Ritter. Aber meint Ihr, daß Ihr dadurch die Ehre wieder heil macht, daß Ihr die Schwerter wider Euch kehrt? Umgekehrt, Ihr grabt der Ehre ein Grab. Das ist Ehre, daß Einer nicht verzweifelt, auch wos schlimm geht. Es ist kein Wald so dicht, es kommt am Ende Licht, und keine Haide so groß, am Ende trifft man doch auf ein Haus. Aber wer sich hinstreckt, und sagt, es hilft nichts, es geht nicht, dann gehts auch nicht. So wolltet Ihrs thun, weil Ihrs zum Unrechten angreift. Was wartetet Ihr nicht, bis wir kamen? Wir hattens Euch melden lassen. Nein, Ihr wolltets für Euch allein ausmachen, damit Ihr allein Ehre hättet. Nun habt Ihr nichts. Hieltet Ihr zusammen, schontet Eure Kräfte, bis wir zusammen stießen, wir wären dann noch stark genug, uns in eine Stadt zu werfen, bis der Markgraf aus Baiern kommt. Nun habt Ihrs verspielt, nun sind wir abgeschieden von unsern Freunden, und müssen durch die Haiden und Wälder ziehen, um nur frei Land zu gewinnen.«

Der alte Uchtenhagen durfte so sprechen, auch vor dem von Lochen. Der war ein Jüngling gegen ihn. Er und die Seinen hatten gethan, was an ihnen. Da sie nun Kriegsrath halten wollten, war der gute Rath theuer. Keiner wußte Erfreuliches. Von den Boten, die nach Tyrol gegangen, war wohl Nachricht, aber sie hatten den Markgrafen nicht diesseits der Alpen getroffen. Er war von Botzen nach Italien gezogen, zu großen Lustbarkeiten, so ihm zu Ehren der Herzog Gran Cane von Verona veranstaltet. Der alte Uchtenhagen schüttelte den Kopf, Friedrich von Lochen sah finster vor sich.

Die Ritter hatten sich wieder gelagert. Das war ein traurig Bild, wie Jeder den Kopf im Arm stützte, und weß Harnisch noch spiegelte, der sah ein sehr lang Gesicht drin.

»Wir kommen nicht mehr durch nach Frankfurt«, sagte der Köckeritz.«

»Uns bleibt nur die Lausitz«, sagte ein Anderer.

»Wo bleibt sie uns!« sprach Betkin Botel. »Den Städten dort trau Einer!«

»Das Land ist von den Banden durchschwärmt. Wigand von Eichstädt fiel ihnen schon in die Hände.«

»Höll und Teufel!« rief Wilkin Strantz, »daß Ritter mit dem Gesindel fechten sollen. Lieber als mit Stellmeisern mich schlagen, würf ich mich links in den Spreewald.«

»Um mit den Pferden zu ersaufen« rief Hermann Waldow.

»Wir sind abgeschnitten«, setzte Busso von Uchtenhagen bitter hinzu. »Uns bleibt nur Teupitz.«

»Uns bleibt noch etwas anders«, sprach jetzt Friedrich von Lochen, der schweigsam da gesessen. »Teupitz ist ein klein Schloß, das uns Viele nicht acht Tage hält; und wenn wir es hielten, was hielten wir unserm Herrn! Können wir ihm nichts erhalten, auch uns selber nicht, so mögen wir ihm nutzen, daß wir für ihn sterben. Seid Ihr edle Herren deß so gewillt, der hebe die Hand auf.«

Da hoben Alle die Hand.

»Seine Feinde sind Viele«, fuhr der Hauptmann fort. »Werfen wir uns auf Einen allein, den mögen wir noch, Arm an Arm, Schild an Schild, niederrennen, den Anderen zur Warnung.«

»Was an uns, Herr Landeshauptmann«, sprach der alte Uchtenhagen, »das soll geschehen, und Ihr sollt sehen, wie Märkische Treue aushält. Aber wo ist der Eine, den wir fassen mögen? Das ist ja das Elend. Ein Wespennest ists, und kein Kopf, kein Mann da, ihn aus dem Sattel zu heben.«

»Warum ein Mann! Es mag auch ein Weib sein.«

Boshaft sprach das der Baier, die Ritter verstandens und lachten. Ihm wars nicht spaßhaft. Seine Brauen runzelten; sein Blick war voller Ingrimm.

»Das Weib hats eingerührt! Ich weiß es für gewiß, das Weib solls entgelten bei der heiligen Jungfrau von Zell.« Die Ritter traten zusammen, und in vielen kochte es auf. Sie dachten mit Unwillen der Tage, als die Gräfin von Nordheim, an des Markgrafen Seite, als eine Fürstin im Lande geherrscht. Da ging alles nach ihrem Willen, und ihr Wille war kraus. Die damals gemurrt, hatten nachgehens gelacht.

Der Landeshauptmann sprach zu ihnen im Geheim, und die Anderen hörten nur Worte; das war der Name der Gräfin, und das Schloß da sie hauste, wenn sie in den Marken war, das hieß Wörbelin. Es war nicht weit ab vom Wege, und so sie scharf ritten, waren sie um Mitternacht dort. Und Alle schauten froh und ihre Augen blitzten listig; aber mit einem Male lachten sie auf, und schauten auf Betkin Osten, der aufsprang und den Arm schüttelte, als hätte ihn eine Wespe gestochen. Denn Einer hatte vorgeschlagen, er solle ihr Hüter sein, wenn sie die Gräfin gefangen, und für sie einstehen: »Gebt mir lieber den Teufel zu hüten!« rief er.

Da lachten Alle, und ist gut, daß der Mensch auch noch lachen mag, wenn er in Nöthen ist, und der Zorn ihn überkommt. Sie lachten, weil es landeskundig war, wie Betkin zur Gräfin Mathilde gestanden, und sie ihn am Narrenseil gehabt. Er konnte ihren Namen nun nicht hören, ohne daß ihn die Finger juckten. Aber Friedrich von Lochen winkte ihnen mit gar finsterm Blick Schweigen. Er sah unter den Reisigen einen Mönch, dem hatten sie die Hände auf den Rücken gebunden, als einem Verbrecher, und er schaute sehr blaß, als von bösem Gewissen. »Das ist der verruchte Kapuziner«, rief Betkin Botel, »der auf der Kanzel in Brandenburg das Mährlein vom auferstandenen Woldemar gepredigt.«

Wie da das Aug des Landeshauptmanns den Mönch traf, wußte er sein Loos, und es ruckte ihm in den Knieen. Keine böseren Leute gabs wider Pfaffen und Mönche im ganzen Land, als Friedrich von Lochen und den Voigt von Wulkow, den Herrmann, der dem Lebuser Bischof in Göritz eingeheizt Die hatte der Bann so getroffen, sagten die Geistlichen, daß alles in ihnen versengt war von Gottesfurcht. Wehe dem Mönch, den sie griffen, und er war ein Uebertreter!

»Wir fingen ihn an der Spree, daß Ihr ihn judicirtet«, riefen die Märkischen.

Saht Ihr den Bruder, wie er zu Brandenburg predigte und die lange Gestalt wuchs bis an das Gewölbe? Itzo, dem stählernen Mann gegenüber, sank er zusammen. Gar klein und kläglich sah er aus.

»Judicirt gnädig über mich!«

Wer Geister schaut und weissaget, sieht schärfer als andere Menschenkinder. Drei Blicke sah der arme Mönch, die kein Anderer bemerkte. Der erste Blick durchbohrte ihn, der zweite traf einen dürren Ast; der dritte war gen Himmel, aber nicht nach der Sonne und dem blauen Aether. Einer Schaar Raben galt er, die über ihren Häuptern kreisten, und ein häßlich Lächeln schwebte über dem Mund des Baiern: »Ist schon judicirt.«

Er hob den Arm zu den Reisigen. »Rasch, wir müssen reiten!« Die verstandens. Ihr Gelächter schnitt dem Mönch in die Seele.

Er schaute sich nach den Rittern um. Da war kein Mitleid auf Eines Gesichte. Nur der alte Uchtenhagen sprach ernst: »Er hats verwirkt.«

Nun stürzte der Bruder auf die Knie. Sie hatten die Arme ihm losgebunden, er streckte sie in die Höh; aber er bat nicht um Barmherzigkeit, er kannte seinen Richter.

»Nur zween Worte schenkt mir.«

»Und keines mehr, bis die Schlinge gedreht«, sprach der Baier.

»Gestrenge Herren, was nutzt Euch mein Tod?«

»Daß Du nit mehr Todte weckst.«

»Die Zunge sprach wider den Geist.«

»Wer hieß Dich prophezeihen?«

– Der Kapuziner schwieg einen Augenblick, dann schrie er heraus: »Satanas! Am Kreuzweg, wo ich einschlief, kamen böse Geister über mich. Sein Geist sprach auf mir, nicht der Geist des Herrn. Nun weiß ichs. Ich will widerrufen und büßen.«

»Ist zu spät.«

»Ist noch nicht zu spät, Friedrich von Lochen. Vor Kaiser und Reich werden Gerichte gehalten werden. Ihr werdet nach Zeugen suchen. Verschließet nicht den Mund Eines, der gut Zeugniß für Euch sprechen mag.«

»Das sind bessre Zeugen für uns«, sprach Niclas Köckeritz und ließ den Degen in der Scheide klirren.

»Beichte vor Dir selber«, sagte Friedrich von Lochen. »Drei Minuten geb ich Dir Zeit.«

»Es ist gesattelt.« Betkin Osten wies auf die Rosse.

»Schnell abgethan, so es doch sein muß«, sprach der alte Uchtenhagen.

Aber der Baier hatte die Blicke des Mönches verstanden. Er gab den Andern ein Zeichen.

»So ich Dich verstehe, Mönch, sprich. Spielst Du falsch, und willst uns hinhalten, hängst Du an den Beinen.«

»So ich aber gut spiele, was ist mein Lohn?«

»Je, wie Deine Beichte werth ist.«

»Herren! Ihr trefft auf ein leeres Nest.«

»Wo flog der Vogel hin?« fragte der Landeshauptmann, der jede Miene des Mönches bewachte.

»Soll ich frei ausgehn?«

»Auf Ritterwort, Dir soll Gnade abgewogen sein, je nachdem Du Wahrheit abwägst, die uns gut ist. Kein Wort zu viel, kein Wort zu wenig.«

Der Kapuziner schöpfte Athem und schaute um sich. Lauter Gesichter wie der Stahl ihrer Harnische. An der entlaubten Eiche hing am hohen Ast ein Strick, zween Knechte saßen droben, und drunter hatten sie ein ledig Saumthier gestellt; darauf sollte er steigen. Er schauderte zurück und sprach hastig, als wolle er nun die gefährliche Wissenschaft mit eins von sich schütten.

»Die Gräfin Mathilde ist nicht mehr in ihrem Schloß. Zu Wörbelin träft Ihr Sächsische, aus Wittenberg. Ihr lieft dem Verderben in die Arme; Herzog Rudolf ließ seine Völker einrücken, er traut der Gräfin nimmer.«

»Ist sie auf dem Wege nach Berlin?«

»Die Fürsten riefen sie dahin; sie antwortete, sie werde kommen, aber sie zaudert und findet Ausflüchte. Das Spiel der Fürsten ist nicht ihres mehr. Sie traut nicht und fürchtet den alten Mann, den sie zum Markgrafen gemacht.«

»Was ist ihr Spiel?«

»Als ich weiß, hält sies geheim mit dem Grafen von Dessau. Die freien Banden, die gegen Mittag durch die Marken schwärmen, sind im Dienst der Gräfin. Damit schreckt sie das Land. Darum zaudern sie noch, dort nach der Lausitz zu, für den Fürsten aufzustehn.«

»Was, zum Teufel, will die schöne Hexe?« rief Niclas Köckeritz.

»Sie verhandelt mit ihrem Vetter, die Fürsten sind unzufrieden mit dem Magdeburger. Er hilft ihr die Städte bereden.«

»Will sie uns dem Krummstab verkaufen!« sprach Betke Botel.

»Britzen und die anderen Städte sollen die Sache hinhalten, bis der Kaiser ins Land kommt, dann sollen sie aufstehn und den jungen Woldemar von Anhalt zu ihrem Herrn ausrufen und vom Kaiser erbitten.«

»Den jungen Woldemar von Dessau!« sprach nachdenklich der Hauptmann. »Ei seht, in diesem Sande schießen die Markgrafen wie Pilze über Nacht auf! Weißt Du mehr davon?«

»Ich selbst ward darum ausgesandt, als Ihr mich fingt, gestrenge Herren. Gnade mir Gott, so ich mehr weiß –«

Busso Uchtenhagen meinte: es sei eine gute Kunde, daß die Verbündeten schon zwieträchtig wären.

»Ihm einen Strick werth«, sprach der Baier. »Weißt Du nichts weiter?«

»Doch, doch!« hastete der Mönch, der vergebens in den eisernen Zügen des Baiern nach einer Bewegung gesucht. – »An wem ist Euch gelegen? – Wen wollt Ihr fangen? Sprecht, gnädige Herren.«

»Der verriethe seinen Herrn und Heiland um den Strick«, lachte Osten.

»Hängen muß Einer!« schrie der Köckeritz.

»Führst Du uns, wo wir den jungen Woldemar fangen, bist Du frei«, sprach der Baier.

Der Mönch erblaßte: »Herr, das ist außer meiner Macht. Bei allen Heiligen, das kann ich nicht; das weiß Keiner, wo er ist. Selber der Dechant Bruno weiß es nicht. Das ist ihre Herzenspuppe. Die bringen sie erst vor, wenns Zeit ist. Das ist so wahr – Um Gott, Ihr Herren, ich weiß nichts weiter!«

»An den Ast mit ihm!«

Sie hatten den Schlotternden aufgerissen. Noch ein Mal wandte er sich um:

»Ists Euch um ein Weib zu thun? – Die Gräfin ist in Brietzen, mit dem Dechanten Bruno, ein klein Gefolge nur. O, Ihr seid stark genug, wenn Ihr zu Nacht – durch die Wälder stehlt Ihr Euch bei Tage – in der Mauer weiß ich ein Pförtlein. Noch als ich ausging, war sie nicht eins mit den Rathmannen. Sie sind keines Ueberfalls gewärtig. Gewiß, Ihr nehmt die Stadt im Anlauf.«

»Aufgesessen!« rief der Baier.

Das Blut kehrte auf die Wangen des Mönches zurück.

»Hauptmann, und was mit dem?«

»Auf ein Roß mit ihm. Pfaff! Um eine Hexe läufst Du frei. Aber logst Du, und sie entwischt, am Thor von Brietzen wird doch ein Nagel sein, der einen Schelm trägt.«

»Juchhei! Jagd auf ein Weib und was für ein Weib!« jauchzte der Ritter Osten.

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