Frei Lesen: Der falsche Woldemar

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Willibald Alexis

Der falsche Woldemar

Zehntes Kapitel.

eingestellt: 23.7.2007



Die Stadt Brietzen ist jetzt ein kleiner Ort, und wer durchfährt, sieht nur eine breite Straße mit schlechten Häusern. Größer war er auch wohl vor Alters nicht; aber so wie heut hat er nicht ausgesehen.

Die Stadt Brietzen war immer ein kleiner Ort, aber sie war eine Grenzstadt gegen die Sächsischen Marken. Eine Grenzstadt ist das Thor ins Land, und das Auge des Landes, das auf die Nachbarn schaut und Acht hat, was dort vorfällt. Sie muß ihre Thürme und Mauern gut in Stand halten, denn, so ein Feind einbricht, sie trifft es zuerst, und sie muß ihm die Zähne weisen, und die Lärmstangen aufrichten, und Boten senden, den Andern zur Warnung. Den müssen sie freilich gut bezahlt haben, und er ist doch ein schlechter Lügner, der da die Gegend rühmte, wo Brietzen liegt, und wo heute keine Berge sind und Flüsse, da waren auch keine vor fünfhundert Jahren. Aber wer die Stadt im Abendlicht sah, der mochte sich doch freuen. Da streckt sich ein weiter grüner Anger hin, an einem hellen Wasser, das sich durchwindet, und Weiden und Buschwerk stehn um das Wasser. Und inmitten des Angers die Stadt, als wie ein Siegel, das die Vorfahren darauf gedrückt, mit ihren hohen Ringmauern, bespickt mit Thürmchen und Thürmen, mit Zinnen und Weichhäusern, und dahinter die Giebel der Häuser und wieder die Thürme der Kirchen und des Rathhauses. Sah doch jede Stadt auch von fern als ein Wald von Lanzen, zum Zeichen dessen, daß ihre Bürger des Anfalls gewärtig waren. Und um die hohen Mauern, unten aus Feldsteinen, oben von gebrannten Ziegeln, zog sich ein tiefer und breiter Festungsgraben, der aus den Gräben der Wiesen sein Wasser empfing. Und daß es eine alte Wendenstadt war, das sah ihr Jeder an, wie sie da lag. Denn so in den Sumpf bauten nur Die hinein, während die Deutschen die Höhen suchten. Die Wiesen sind alleweil noch da, die im Frühjahr gar anmuthig grünen, aber drüber hinaus stehn nicht mehr die Kieferwälder, zwischen denen nur sparsam die Kornfelder vorblitzten und die Straßen kreuzten sich. Die Wälder sind gefallen, und das Korn keimt spärlich auf aus dem Sande, der frei ward. Auch die tiefen Gräben sind nicht mehr. Aber da, wo sie waren, ranken Hopfen und Wein und Bohnen lustig an den Mauern auf, und die Birnbäume, die vor Alter zittern, sprechen davon, wie lange die Zeit her ist, von der ich rede, als das Körnlein noch nicht war, daraus sie Schößlinge wurden. Ja, einer von den wackern Bürgern, die dazumal treu hielten an ihren Herren, heute kennte er seine Stadt nicht wieder, und schüttelte traurig den Kopf. Häuser baute man für sich, für Kinder und kam es hoch für Kindeskinder. Aber die Mauern und Thürme, die sind die Ehre der Stadt, die baut man doch für die Ewigkeiten. Ach, wo suchst du die Mauern, die so fest hielten in der Treue, und von den Thürmen schaut einer, oder zweie nieder, und die Stadt paßt nicht zu den Thürmen und die Thürme passen nicht zur Stadt.

Aber wo so viele Treue war, und ihr Name wird bleiben in alle Zeiten, da suchst du doch nach einem Denkmal. – Es ist kein Stein in der Stadt aufgerichtet, kein Bild, das die Geschichte erzählt. An den Thoren und am Rathhaus schaust du dich vergebens nach verwitterten Schildern um, daß doch eines von der That Zeugniß gebe. – So wird sie verzeichnet stehen in den Urkunden, und die sind verschlossen unter sieben Siegeln im Rathhaus. Es mögen Urkunden gewesen sein, aber wozu sind alte Scripturen nütz, sagte ein Kämmerer vor vielen Jahren? Sie nehmen Platz weg, und vermodern, und kosten Mühe sie aufzubewahren. Darum ließ er sie verkaufen in die Butterkeller und an die Höker. Aber die große Geschichte, die als ein Strom die Bächlein in sich aufnimmt, die hat doch bewahrt die Thaten der treuen Bürger von Brietzen? Nein, auch sie ist darüber weg gespült, und aus dem großen Strome ragte nichts als ein Name vor. Der ist uns überliefert. Das ist das Alterthum und das Heiligthum Derer von Brietzen, ein Bild ohne Formen, und du magst ihm Gestalt und Farbe geben als du Lust hast.

Die Herberge der Stadt war ein groß Gebäude, unten von Stein, oben von Holz, und hatte viele Kammern und Gemächer, auch Treppen und Gallerien; denn viel Kaufleute zogen durch Brietzen, so die aus der Mark kamen, als die ihre Waaren heimführten. Aber auch für hohe Herrschaften war das Haus zugerichtet; und oft logirten selbst Fürsten hier, denn es war kein wohnlich Schloß in der Stadt, und in der Herberg waren die Betten warm und hoch, und in der Küche ging das Feuer nicht aus, und der Bratengeruch duftete bis in die Höfe der Nachbarn. Solche große Höfe als jener Zeiten sieht man nicht mehr in einer Herberge. Das war Leben und Lust. Da standen die Wagen, vollgepackte und leere, die nicht in den Schuppen unterkamen, im Freien, und mancher Karrengaul, ja auch manches Ritterpferd, wenn die Ställe voll waren. Und zwischen den Pferden standen die Esel, deren es gar viele gab in der Mark. Die waren angebunden und fraßen aus Säcken und Halftern; aber die Schweine liefen frei um, und die Hühner und Enten und Gänse desgleichen, und dazwischen fuhr ein Hund und jagte sie, und die Tauben flatterten von den Dächern.

Und wie die Thiere untereinander, so die Menschen. Um einen Rippenstoß brauchtest du nicht zu sorgen, und Lärm drum anfangen, ich hätts dir nicht rathen mögen. Ein Haus, wo man für sein Bett bezahlt, ich weiß nicht wie viel Pfennige, ist nur für die Herren; ihre Diener die lagen auf Stroh und Säcken, unter den Gallerien; traf sie auch die Zugluft, waren sie doch vorm Regen geschützt, der von oben kommt. Kam er von der Seite, du lieber Gott, er macht doch nur naß. Was Bauern und Krämer und gemeine Leute waren, war Platz unter den Wagen, wars gut, sonst ist der Himmel das sicherste Dach; es stürzt nie ein. Und murrte der nicht, dem der Stallknecht über die Beine trat, – er fuhr nur auf, und schlief wieder ein, – was hattest du ein Recht, wenn er den Tränkeimer ausgoß, und die Ladung klatschte dir über den Kopf! Da stäubte ein Müller den leeren Sack aus, den Mägden ins Gesicht, daß sie puderweiß wurden, und hier schlich ein Kärner der Dirne nach, die oben ins Kämmerlein trat, und die lose Magd winkte ihm; aber da er die Treppe hinauf und die Thür aufklinkt, drückt ihn nicht das herzige Mägdlein, sondern ein stämmiger Lümmel in seine Arme, und sie ringen und rollen die Stiegen hinunter. Ja, auch wenn sie sich die Köpfe wund geschlagen, die boshafte Dirne hätte doch gelacht, und die Andern dazu.

Was rechtschaffene Schläge sind, die muß Keiner fürchten, so er die Welt sehn will. So was erfrischt das Blut, und die Leute lernen sich kennen und achten. Auch schläft sichs darnach besser. Der Wirth, just ein Mann, wie er zu solchem Haus sich schickt, fuhr auch nicht gleich darunter, als es heut Sitte wäre. Die Schürze vorm dicken Bauche, und die Hände in den Seiten, schaute er lieber zu und lachte mit. Es hieß dazumalen:

Wer da will löschen, was ihn nicht brennt,
Der da in sein Unglück rennt.



Hätte er drunter gepoltert, und von des Hauses Frieden gesprochen, da war leichtlich ein Friede, den er nicht mochte, über sein Haus kommen. Die Gäste wären fortgeblieben. Rief lieber Dem zu, daß ers nicht auf sich sitzen lasse und Jenem, ob er Stubenhockers Kind sei, und was er gar Lustiges vorbrachte. Nun und wenns zu arg wurde, winkte der Schalk dem Knechte. Der goß einen Wassereimer über ihre Köpfe. Das, meinte er, gebe kühles Blut und mache den Wirth nicht arm.

Nun müßt Ihr wissen, wie die alten Herbergen waren. Da liefen um den Hof, am Hauptgebäude und an den beiden Flügeln, also von drei Seiten, bisweilen auch von der vierten, wo ein Hinterhaus war, hölzerne Gallerien mit Dach und Pfeilern, in die man aus den Wohnstuben hinaustrat, um zu einander zu kommen, und das Gesinde wartete hier auf. Die Herrschaften selber standen da oft, wenn es ihnen in den Stuben zu schwül ward und zu eng, und lehnten sich auf das Geländer, das war ihre Kurzweil, denn mit was muß der Mensch sich beschäftigen, daß er die Zeit verbringt. Und war hier allzeit ein Schauspiel. Neckten sich nicht die Bursche mit den Mägden, und flogen nicht die Knüttel, so war wohl ein Marktschreier, der bot Heilmittel auf für alle Krankheiten. Da sammelten sie sich um Einen, der aus fernen Landen kam und erzählte Wunderdinge, ein Pilger oder ein Kriegsmann. Ward plötzlich still sonder Zureden und Aller Blicke waren auf ihn. Nun hatte wohl eben ein Bettelmönch von einem Fasse herab über die Hoffahrt der Welt gepredigt und von dem Elend, darin die Menschheit versinkt, und ging umher mit einem Büchslein, um die Scherfe der Mildthätigen zu sammeln. Einige zogen ihre Beutel vor, Andere schlichen fort. Da wirbelte schon die Trommel und ein Hanswurst sprang in seiner Jacke mit Schellen, ein Affe saß ihm auf dem Kopf, und die noch eben betrübten Gesichts dem Bußeprediger zugehört, drängten sich um den Bärenführer, so er nur Platz fand, um seine Bestien tanzen und springen zu lassen. Der Bettelmönch war vergessen, oder er stand selber unterm Volk, und hielt sich den Bauch vor Lachen.

Aber überm Volk, wenn die Trommel ging, oder ein Bänkelsänger seine Stimme erhub, flogen alle Thüren auf, und die Herrschaften, Herren und Fräulein, lehnten sich auf die Gallerien, und war das auch ein lustig Schauspiel für die unten, Kopf an Kopf über sich die vornehmen Herren und ihre Frauen zu sehen. Und für den Gaukler wars noch lustiger; denn wenn sein Bub mit dem Teller umging, von Denen unten fiel wenig drauf; aber aus der engen Gallerie konnten sie ihm nicht fortlaufen, und so Einer ein Silberstück einwarf, das ließ der Bub so klingeln, daß die Andern sich schämten, und auch nicht weniger einwerfen mochten. – Solche Herbergen giebt es nicht mehr. Aber was aus ihnen geworden, sehen wir noch in jeder Stadt. Diese Höfe und ihre Gallerien waren die ersten Schauspielhäuser. Denn da stellten die umziehenden Gaukler ihre Actiones vor, das Volk schaute unten, die Fürnehmen oben zu. Und nachmals. da man die Art gut gefunden, baute man dafür eigene Häuser, und im hinter baute man auch ein Dach über den Hof, denn auch das Volk ward feiner, und wollte nicht im Nassen zusehn. Und so wurden die neuen Häuser, die kennt männiglich.

In einer guten Herberg war alle Zeit Schauspiel, sagte ich. Meine übrigens, für Jedermann ist Schauspiel, wo er das Aug auch hinrichtet, so er nur Auge dafür hat. Denn die Fliege, die in der Sonne spielt, ja die Staubkäferchen, die sich im Licht drehen, in allerhand wunderlichen Reigen, daran kann der Sinn sich erquicken, und der Verstand mag nachsinnen, woher das? Wirkt die Sonn allerwärts große Schauspiele, selber da, wo sie nicht scheint, im Kerker unter der Erde unterhält sich das Aug des armen Gefangenen, wie die Spinne webt ihre Netze im Dämmerschein, und aus dem feuchten Gemäuer rechnet er die Zeit aus, und denkt den Gesetzen des Falls nach. Nur Der sieht keine Schauspiele mehr, der übersatt ist und meint, er sah Alles, und weiß Alles und gähnt, wenn die Sonne aufgeht; und der Frühling, der allergrößte Zaubermeister, der aus dem Tode Leben weckt, und mit grünem Glanze die graue dürre Erde überglüht, ihm ist er Alltägliches. Um deswillen sahen die Menschen von ehemals mehr Schauspiele denn wir. Hatten nicht nöthig Quadersteine aus den Gebirgen zu brechen und zu behauen und große Häuser aufzurichten, und sie mit Gold und Farbe zu bekleben, und aus tausend Lampen Lichter strahlen zu lassen, die sich brechen mußten im Widerscheine. Nur das Fenster thaten sie auf, und der freie Sinn sah im Tageslicht, was du in keinem Schauspielhause siehst.

Gab es keine Possenreißer noch Kaufleute, die ihre reichen Waarenschätze abluden, so kam oder ging doch ein fürnehmer Herr, und seine Trompeter bliesen. Denn wer dessen ein Recht hatte zu blasen, unterließ es nimmer, es wäre ihm selbst zur Unehre gewesen und der Stadt zum großen Leidwesen. Große Herren sind da, daß sie ihren Glanz leuchten lassen vor den Leuten; und das ist den Geringeren ihr Recht, daß sie sich daran freuen, da sie selber nicht Glanz haben.

In der Herberge von Brietzen lagen große Herrschaften, und die Leute des Einen rüsteten zum Abzug. Das war der Graf Günther von Schwarzburg, einer der herrlichsten Fürsten Deutschlands. Sein Stammschloß liegt in Thüringen auf einem Berg an der Schwarzach; eine stattlichere Burg und ein anmuthiger Thal suchst du im ganzen deutschen Lande umsonst. Aber der große Kriegsmann war reich und hatte Besitztümer aller Orten. So auch in der Lausitz und am Spreewalde, wo die Stadt Spremberg den Schwarzburgern zugehörte. Und im deutschen Reiche war kein Fürst mehr geachtet als er, um seinen graden Sinn, seine Tapferkeit und seine männlichen Tugenden. Er hielt es mit dem Hause Baiern aus alter Freundschaft, und weil er meinte, daß sie im Recht waren. Nicht daß er die Jungen lobte, und was sie thaten; aber zu ihrem Vater hatte er gehalten als ein deutscher Mann, um deshalb schmerzte ihn die Unbill, die seinen Söhnen widerfuhr. Um deswillen war er von Spremberg in die Marken geritten auf die Kunde von den neuen Dingen, und hatte, was an ihm thun wollen, dem zu steuern, nicht um Vortheil, um das Wohl der Gesammtheit willen. Aber es war ihm nicht gelungen, er war zu grad, und die Fürsten zu krumm. Nun kehrte er betrübt nach Haus.

Aber nicht mit hängendem Kopfe, wie Einer, der eine Sache aufgiebt. Aufrecht ging er als ein Mann, dem die Schlechtigkeit der Welt das Herz weh macht, aber sein Geist ist gesund, und an sich läßt Ers nicht kommen. Da, wie er über den Hof schritt, die Heldengestalt, wichen sie scheu vor ihm und blickten ihn doch mit Lust an. Die geringen Leute sprachen: »das ist ein Fürst.« »Der verdiente Kaiser zu sein«, meinte Einer. So hoch er war, er grüßte sie freundlich, und wo er einen Dürftigen sah, der nicht zu sprechen wagte, winkte er seinem Schreiber, daß er ihm einen Almosen reiche. Zwei Rüstwagen standen schon bespannt, und mehrere Maulthiere; so nur reiste ein fürnehmer Herr. Und seine Reisigen saßen mit Stahlhauben und Pieken auf den Rossen, und desgleichen hielten zwölf Drommeter unterm Thorweg, – sechs davon hatte ihm die Stadt, zu Ehren des hohen Gastes, gegeben, daß sie ihn bis auf Weichbild geleiteten. Und sie schmetterten lustig in ihre Stücke, des Herrn gewärtig, der noch oben von einer edlen Frau Abschied nahm.

Da stand Graf Günther in dem Kämmerlein vor der Gräfin Mathilde, und erhub sich. Zwei Gesichter, in denen war viel zu lesen von frühern Zeiten. Stolz beide, aber es war ein anderer Stolz des Grafen und der Gräfin. Wenn sie hinaufschaute zu dem hohen Mann, fuhr der Blitz ihres unstäten Auges zurück vor dem ruhigen Auge des Helden.

»Das also Euer letzt Wort, liebe Base?« sprach er. »So fahrt denn wohl – in Frieden sag ich nicht, Euere Aussicht ist Unfriede.«

»Der Herr geleite Euch auf Euren Wegen, Graf Günther!«

»Darf ich Euch nicht wiedergeben, Base, denn der Herr ist nicht auf den Wegen, die Ihr wandelt.«

»Ich habe schon meinen Beichtvater«, sprach sie rasch.

»An Pfaffen fehlt es Eurer Sache nicht, das sei Gott geklagt. Ihr seid ein kluges Weib, Base, aber der Zorn und die Rache geht mit Euerer Klugheit durch. Ihr seid blind. Traut Ihr Euren Verbündeten? Nein. Hofft Ihr auf den Mann, den Ihr zum Markgrafen machtet? Ihr verachtet ihn. Oder baut Ihr auf den Kaiser? – Ich sage Euch, das ist die schlechteste Stütze, baut auf Alles, nur nicht auf seine Treue. Er hat in Paris alle Wissenschaft gelernt, aber nur eine übt er: die heißt gewinnen. Mit weß Würfeln er spielt, ist ihm gleich. – Baut auf Sand, auf Rauch, aber nicht auf Karl von Böhmen.«

»Ich traue auf mich selbst.«

»Eines Weibes Rache kann viel. Wir wissens aus dem Land Italien. Gott sei Dank, daß wirs nicht aus Deutschland wissen. Aber Base Mathilde, die Rachelust ist ein reißender Strom, ein Feuer, das der Sturm peitscht; sie reißt nieder, baut nicht auf. Ich kannte ja Euch als junges Fräulein. Das Feuer in Eueren Augen sagte mir viel, als Ihr mit meinem armen Vetter am Altar standet. Ich konnts nicht hindern. Ich sahs voraus: das nimmt kein gut Ende. – Geschehen ists, aber Ihr habt falsch gerechnet.«

Sie glühte auf: »das sind vergeßne Dinge. Nicht ritterlich ists vom Grafen Günther.« –

»Ich schweige gern vom Vergeßnen. Aber auf dem Vergangenen sollte der Mensch Lehre schöpfen für die Zukunft. Ein Wüthiger kann Reiche umstürzen, aber er darf nicht sinnen, was er für sich bei Seite schaffe. Das lähmt ihm die Kraft. Ihr wollt Euren Feind verderben und zugleich für Euch gewinnen. Dem Markgrafen wollt Ihr Euer Reich opfern, und zugleich ein Markgrafenthum für Eure Tochter erschleichen.«

Sie hob ihren Nacken: »Des Stolzes bin ich, Vetter, denkt Ihr darum kleiner von mir?«

»Nein! Aber daß beides zugleich eine große Aufgab ist für ein Weib.«

»Gott befohlen, Vetter! Ich sprach Euch nicht um Eure Hülfe an.«

Er ging noch nicht: – »Ludwig ist auf dem Wege nach Baiern – Ich weiß für gewiß, er ist schon nahe. – Ach Base, es könnte ein Augenblick kommen, wo Ihr Hülfe bedürft. Ihr zittert, und Eure Lippen werden blaß.«

»Nennt mir alle verruchte Namen, nur den nicht mehr.«

»So durchschauert Euch sein bloßer Name! – Wenn er nun vor Euch träte, selbst! Würden Eure wilden Vorsätze vorm Lächeln seiner Lippe Stand halten? Würdet Ihr noch Gift schleudern ihm ins Antlitz, wenn seine schönen Augen Euch anblitzten? Man sagt, ihm widerstand kein Weib.«

Er hatte ihre Hand erfaßt: »Base, s ist traurig, daß es kommen mußte; aber wer ändert das Geschehene: mein schwächlicher, siecher Vetter, der Graf von Nordheim, war kein Mann für Euch. Das heißt, einen muthigen Renner und einen keuchenden Gaul an ein Joch spannen. Das unnatürliche Joch zerriß, Gott weiß Alles, ich bin ein Mensch und beuge mich vor seinen unerforschlichen Rathschlüssen. Er wird richten, ich schweige. – Hört mich weiter.«

»Er betrog mich schändlich – unaussprechlich – um mein Seelenheil hat er mich betrogen!«

»Als Fürst, und auf Geheiß seines Vaters –«

»Reicht er der Tyrolerin die Hand, die unter tausend heiligen Thränen mein war.«

»Leichtfertig, aufbrausend, ist doch sein Herz –«

»Das feile Herz«, unterbrach sie ihn, »das hat er mir bewahrt, wollt Ihr das etwa sagen, hoher Vetter? Dies Herz, das an jedem Strauche hängen bleibt; wenn er das Wams lüftet, weht es der Zugwind fort, der Mond zieht es an sich; er wirft es in den ersten besten Graben, in einen Pfuhl. Dieses Herz! – sie lachte furchtbar auf – dies Herz ekelt mich an, und könnt ich es wohlfeil wieder haben, brauchte nur den kleinen Finger auszustrecken, eher wollt ich ihn abreißen von der Hand, der nach so gemeinem Besitz sich krümmt. Sein Herz, könnt ichs zerstampfen in einem Mörser, mir wäre wohl, aber er fühlt es nicht. Nach seiner Hand begehrte ich, ich hatte ein Recht, ein theuer erkauftes Recht, Fürstin zu sein. – Nun still Vetter! – Ich will ihm ins Auge sehn, so wie Euch – nein nicht wie Euch. Ihr seid im Rechte gegen mich. Ihr könnt meinen Blick ertragen. – Er, o daß er vor mir stände! Aug gegen Aug. Niederschmettern sollte ihn mein Blick. O, ihr Heiligen, schenkt mir den einzigen Wonnemoment!

»Mathilde! Ihr liebt ihn noch.«

»Ich ihn lieben!« Sie schrak auf, ihr Auge leuchtete irr, ihre Hände preßten sich krampfhaft, aber sie schwieg.

»Ihr wärt eine Fürstin geworden«, fuhr er ruhig fort, »die hätte seinen Geist zum Würdigen gelenkt.«

»Die Maultasch von Tyrol ist ihm würdiger.«

»Gestehen will ichs Euch, was ein Vetter nicht sollte. Ich weilte gern bei dem Gedanken. Der Graf von Nordheim war ein schwacher, er war auch ein verdrießlicher Mann, er plagte Euch ungerecht, er erkannte nicht Euer hohes Wesen. Ich gönnte es Euch, an eines Mannes Seite Eures Lebens Euch zu freuen.«

»Die Wünsche liegen im Grabe.«

»Man sagt, auch Margarethe siecht ihm zu. Ihre Ehe ist unglücklich.«

Sie erhob sich stolz. Ihr Auge blitzte: »Graf Günther von Schwarzburg, Euer Name ist zu gut zu dem Geschäft. Ich kenne wenig Männer, die ich achte. Laßt mir den Glauben, daß Ihr Einer seid. Die Gräfin von Ruppin ist mindestens zu gut, daß Einer sie, wie ein abgelegt Kleid wieder aufnimmt, wenn ihm das neue nicht gefiel. Mit Ludewig von Baiern ist meine Rechnung abgeschlossen. Die Mutter vererbt ihre Rechte auf die Tochter. Für die hoffe ich. Für die will ich handeln. Nennts Hochmuth, schlaue Rechnung. Mein Alles setz ich dran. Das ist einer Mutter Rache. Sie soll Markgräfin werden. Wollt Ihrs hindern?«

»Was Gott mir Kraft giebt, ja!«

»Thörichter Mann. Sie ist das einzige Kind – Eures Vetters! Was ist Euch der Baier?«

»Nicht um den Baiern ists.«

»Was steht Euch näher?«

»Mein deutsches Vaterland! Euer Treiben ist Unrecht. Eures Bundes Sinn ist Lug und Trug. Bin nur ein kleiner Fürst im großen Reiche, aber was an mir, wills thun, daß Recht und Gerechtigkeit darin sei. Viel Schlechtes geschah in alten Zeiten. Das ist noch nicht geschehen, daß Fürsten betrügen als Gauner. – Sagt mir nichts von Eurer guten Absicht. So hilft Keiner zum guten Rechte. Böse Saat trägt böse Früchte. Diese Brüder von Baiern, ich lobe sie nicht. Sie vergeuden wie verschwenderische Erben das Gut ihres Vaters, ihr Wandel ist ein Aergerniß. Das aber ist viel ärger, was Ihr treibt. Ein Schandflecken bleibts deutschem Namen und deutscher Nation. Darum will ichs hindern, ists nicht mit Gutem, mit dem Schwert. Aufrufen will ich die Fürsten, alle guten und aufrichtigen Männer. Glückts uns nicht, sollen Die nach uns kommen, doch sagen, es gab derzeit noch Männer im Reich, denen Ehr und Recht kein Ton und Wort war. Base, gute Nacht, es thut mir leid, daß wir so scheiden.«

»Alles wollt Ihr dran setzen, um des Deutschen Reiches Ehre?«

»Helf mir Gott, so will ich.«

»Und einer Mutter verargt Ihr, wenn sies um ihr Kind will. Ist das Reich ein Kind, das man unterm Busen trug, an seinen Brüsten nährte? Fürsten und Städte sinds, die sich neiden und befehden, wo Jeder an sich reißt, was er erhascht. Und die Königskrone ist ein Apfel, um die der Bruder den Bruder verräth. Um die Krone, Günther von Schwarzburg, nicht wahr, darum ists erlaubt, ein klein Unrecht zu begehn? Oder nein? Dann löge die ganze Geschichte. Ihr wagt nicht, nein zu sagen. Böten die Fürsten sie Euch, nicht wahr, auch Ihr, ein so edler grader Mann, Ihr kämt aus Eurem gemessenen Schritt. Der Eid, den Ihr Karl schwurt, würde ein Stoßseufzer, den der Wind von den Lippen nimmt, und er ist vergessen. Lügt Euchs nicht vor, Ihr thätet mehr darum. Um den heiligen Glanz brächt Ihr Verträge und gegebne Worte.«

»So mir die Fürsten das Vertrauen schenkten, beim Allmächtigen, ich sollte es ehren. Das ist ein heiliger Ruf! Nicht um den Glanz; um meines Deutschen Vaterlandes, um des Ganzen Wohl, und ich wollte ein guter Kaiser sein.«

»Ihr um das Ganze; einer Mutter Ganzes ihr Kind. Darum nehmt Ihr Deutschland, ich will nur das kleine Brandenburg.«

»Alles fügt Gott«, sprach Günther und schüttelte ihr ernst die Hand. Noch einmal wandte er sich um an der Thüre: »Base, seht Euch vor. Euch selber traut zum Wenigsten. Daß nicht das liebeheiße Weib die Mutter verräth!«

Die Stiegen dröhnten von seinem ehernen Tritt, das Haus schütterte von den Hufschlägen der Rosse, als sie mit klingendem Spiel durch den Thorweg ritten. Alt und Jung ritten ihm nach.

»Dich fürchte ich nicht«, sprach die Gräfin, die sinnend am Fenster stehen blieb, als der Zug längst zum Thore hinaus war. – »Wen denn?« fuhr sie auf, als sie sich umwandte. Das Zimmer war leer, das Zwielicht warf seinen Dämmerschein auf die Gegenstände; die Schatten der Giebelhäuser von drüben stiegen höher an den weißen Kalkwänden, es war so still, als es vorhin laut war.

»Wen denn?« wiederholte sie. – »Was weiß der mit weißem Haar von den Gefühlen, die die Brust eines Weibes sprengen! – Ich habe ihn geliebt, ja! – Aber – es war Thorheit – ich möchte ihn nicht wiedersehen, niemals, auch nicht wenn – Nein, ich möchte ihn auch nicht zücken sehn in seinen Todesqualen. – Er könnte zurückrufen – Fort, häßliche Bilder! – Was macht mich weich, und eine Centnerlast drückt die schwache Brust!«

Es war der Abend, der die Geister bewältigt. Auch die Starken. Es war das Geläut vom Thurme – langsam, dumpfes Todtengeläute. Die Töne summten ihr, wie alte, wohlbekannte – Sie warf einen Blick hinaus; ein schwarzer Zug bewegte sich über die Straße, einige Fackeln voran; »Wen begraben sie?« rief sie hinunter. – »Einen Bürger aus dieser Stadt«, antwortete der Wirth. »Der arme Mann ging wohl und gesund in den Wald, und am andern Morgen fand man ihn in seinem Blute. Es komme über seine gottlosen Mörder. Niemand kennt sie.«

»Grad so läuteten sie, als er –« Das sprach sie hingesunken auf einen Sessel und verhüllte das Gesicht. Die Zugluft aus dem offenen Fenster weckte sie aus einem langen Hinstarren. Es fröstelte sie, ihr war so einsam zu Muth. –

Da summte ihr ein Liedlein ins Ohr. Eine heitre leichte Weise; es klang nicht wie hier vom Land. Die Sängerin war die junge Gräfin Adelheid. In ihrer Kammer unfern saß das Fräulein, und hatte am Rade gesponnen, aber wie das Licht ausging, sank ihr die Spindel aus der Hand. Sie war ans Fenster getreten, das über die Mauer hinaus auf Wiese und Wald ging. Da wars, als wolle sie, wie das Sonnenlicht ausging, es sich hell machen, daß sie die Silberlaute ihrer Kehle in das aufsteigende Dunkel schickte. Eines der Lieder, als sie hörte singen in den Alpen, wenn die Sonne ihre Firnen anglüht.

Die Sonne weilte nicht einen Augenblick länger darum hinter dem finstern Kieferwalde; auch ihr letzter Wiederschein war fort, und die Maid schüttelte, wie verdrießlich darüber, das Köpfchen. Aber hinter ihr rauschte die Thür auf, und sie fühlte sich von lieben Armen gedrückt, und an die Brust gerissen, so heftig und innig. Sie wäre fast erschrocken, hätte es zu ihrer Art geschickt. Heftig war die Mutter, aber nicht in der Zärtlichkeit. Sie weinte und hielt sie umschlossen, und drückte viele Küsse auf Stirne, Wange und Mund, als fürchtete sie für ihr Kleinod, daß sies verlieren könne, oder so herzt man, was man verloren glaubte, und man findet es wieder.

»Du bleibst mir doch.«

»Schreckte Dich wieder ein häßlich Gesicht auf, Mutter lieb. Mußt nicht so bös träumen.«

»Du läßt nicht von mir, Du verräthst mich nicht? Nicht Adelheid, Du Kind meiner Schmerzen, Du wirst mich nicht täuschen, nicht hassen, nicht ver–«

Adelheid fuhr mit der seinen Hand kosend über die heiße Stirn der Mutter: »Neulich träumte mir, ich hätte zwei Mütter, eine weiße Mutter und eine schwarze Mutter, und Du warst die eine und auch die andere. Da bat ich Dich, so Du zu mir kämst, daß Du immer die weiße Mutter wärst. Und Du lächeltest mirs auch zu, – aber Du wurdest immer schwärzer, und Dein Lächeln ward bös, und Deine Augen funkelten, als wollten sie mich durchbohren.«

»Die schwarze Mutter ist fort, die weiße ist jetzt bei Dir, Kind. Glaub es mir.«

»Du solltest den Priester den Bann sprechen lassen wider die bösen Geister, und die Kammer sprengen mit Weihwasser, eh Du Dich niederlegst.«

»Licht! Licht!« rief die Gräfin. »Wenns immer Tag wäre, es wäre besser.«

Die Diener trugen Kerzen herein. Aber wo viel Licht, ist auch viel Schatten. Die spielten an den Wänden, eine schlanke Spinnerin, und eine hohe Frauengestalt; die saß, den Kopf auf den Arm, und der Arm ruhte auf der Sessellehne. Die eine in tiefen Gedanken, die andere mochtest du ein gedankenlos Kind nennen.

»Singe ein Lied, Adelheid!«

Sie stimmte an; das Lied kam nicht heraus.

»Es will nicht thun, Mutter.«

»Ein frohes, heitres, helles Lied.«

»Hier ists so eng und klein. Die Stimme versagt mir. Ziehn wir nicht bald fort?«

»Wenn der Kaiser kommt, der große Kaiser. Der hält einen feinen Hof. Da herrscht artige Sitte. Da wird meine Adelheid glänzen wie ihr geziemt unter den Fürstinnen.«

»Er liebt nicht die Jagdlust.«

»Ein Kaiser ist über Alles. Die Fürsten sind seine Jäger. Und schöne edle Fürsten. Und an der Seite des edelsten wird meine Adelheid prangen. Was läßt Du die Spindel sinken?«

»Ach Mutter –«

»Du wirst eine Fürstin werden, wie dieses Land sie seit lange nicht sah. Und er ein Fürst, ein großer, herrlicher Markgraf, wie seine Ahnen –«

»Das müssen große Männer gewesen sein! Albrecht des Bären Rüstung, weißt Du noch Mutter, wie Woldemar auf die Zehen treten mußte, daß er nur ans Visir mit den Augen kam.«

»Sein Geist schwelgt in den Ritterzeiten.«

»Einen Ritter dachte ich mir anders.«

»Denkst Du auch?« entfuhrs ihren Lippen. »Hüte Dich Kind vor den Gedanken. Böse Geister geben sie ein.«

»Du mußt es besser wissen.«

»Ich weiß davon. Wer die Menschen sich besser, schöner denkt, und Bilder macht, wie sie sein könnten, geräth auf gefährliche Wege, kennt die Welt nicht; was schlecht ist, täuscht durch Glanz. Das Gute ist oft unscheinbar. Darum wählen die Eltern für ihre Töchter, so ists von Alters, und es ist gut.«

»Sie sagten doch, mein Vater sei nicht gut gewesen gegen Dich –«

»Dein Vater!«

»Und Du warst unglücklich. Ja, es haben es Viele gesagt, und Du hast nie Gutes von ihm gesprochen. Die alte Base in Nordheim sagte, man hätte Dich gezwungen. Du wärst noch sehr jung wesen, und hättest es nicht verstanden.«

»Basengeschwätz! die reden gern von alten Zeiten und rühren häßliche Dinge auf, Mährchen! Für meine Adelheid wählte ich gut! Woldemar ist kein verdrießlicher Schwächling. Kein argwöhnischer Mann, der Schritt und Tritt beschleicht; nicht auffahrend und von unartiger Sitte. Du wirst nicht zu erröthen haben, wenn Du an seiner Seite unter die edlen Frauen trittst.«

»Zu einem Gatten, meinte ich, müsse die Frau hinaufschauen. Das will mir nicht zu Sinn, daß ich zu ihm hinunter sehn muß.«

»Wenn er Markgraf ist, beugen sich die Größten vor ihm. Und Du wirst Herrin eines großen Landes.«

»Und eines kleinen Mannes.«

»Adelheid!«

»Ich hasse ihn nicht, Mutter, aber was ist ein Freier, der nicht redet und nur singt!«

»Er dichtet die Lieder für Dich.«

»Schöne Lieder, aber sie klingen wie zur Himmelskönigin, oder zu einer schönen Fee.«

»Und sein Auge, wenn er singt, ruht auf Dir.«

»Ja, von fern, als wär ich kein Mädchen von dieser Welt, sondern eine Erscheinung. Und reich ich ihm die Hand: »»Gott grüß Euch Graf!«« Da spricht sein Auge, Gott weiß was, aber sein Mund schweigt.«

»Grillen.«

»Nun sieh, Mutter lieb, ein Mann ist das doch nicht, der seine Lippen nicht aufthut. Und wenn er sie bewegt, ist mirs, als wollte er sprechen: du bist schon gut, aber ich dachte doch, daß du besser wärst. Ein Mann, den ich lieben soll, wie er ist, der muß mich lieben, wie ich bin.«

Sie stimmte die Weise eines Liedes. Ein wohlbekanntes Liebeslied. Markgraf Ludewig galt als der Dichter:

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< Neuntes Kapitel.
Eilftes Kapitel. >



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