Frei Lesen: Der falsche Woldemar

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Willibald Alexis

Der falsche Woldemar

Fünfzehntes Kapitel.

eingestellt: 23.7.2007



Auf einem Hügel kniete ein Mann vor einem alten Marienbilde. Das Bild hatte der Sturm geworfen, es hing schief über, und die Zeit hatte das Holz mit gelbem Moos überkleidet. Es war ein dürftig Bild, als davor Bettler ihre Andacht verrichten mögen. Aber dem Manne, der davor kniete, wallte ein prachtvoller Mantel in reichen Falten von der Schulter, goldene Sporen blitzten an den Ritterstiefeln und ein Barret lag neben ihm, mit kostbaren arabischen Federn, die hielt ein Schloß von flimmernden Edelgesteinen fest. Den Kopf übergebeugt, betete der Mann einen Rosenkranz ab, und bei jeder Perle, die er durch die Finger fallen ließ, neigte er sich und berührte fast mit der Stirn den Boden.

» Sanctissima mater! einen so frommen Herrn sahen wir lang nicht in diesen Marken!« sprach unten ein geistlicher Herr und faltete die Hände gen Himmel.

Es war der Prälat Bruno aus Brandenburg. Ein Ritter neben ihm faltete nicht die Hände, er stützte sich auf sein groß Schlachtschwert unmuthig: »So er bei jedem wurmstichigen Kreuz den Rosenkranz abbetet, wann kommen wir dann ins Land.«

»Das ist schon märkisch Land, edler Herr,« sagte der Prälat.

»Sand ists, aber kein Land,« sprach der Ritter, und fuhr mit der stählernen Fußspitze in den Boden, daß der Staub ihnen um die Nas wirbelte. »Wo ein Esel verhungern muß, was hadern darum Fürsten!«

Ein anderer Ritter trat zu ihnen, von Blicken und Gewand, daß man sah, er war fremd hier zu Lande. Pechschwarz war sein Haar und Bart, und kohlschwarz das Auge. Ein Kettenhemde von den feinsten Ringen schmiegte sich ihm um den Leib und die Glieder, und ein gekrümmter Degen hing ihm zur Seite. Auch derlei Eisenhauben trägt man nicht für gewöhnlich im deutschen Lande. Ein Greif war über der Stirn, und die Reiherfedern auf dem Kamm wallten nicht gen Himmel, vielmehr sie waren übergekämmt und schlugen nach dem Nacken. Es war ein edler Böhme und hieß Kochan von Wersowetz.

Er sprach leis: »Wo der Kaiser betet, weiß er, warum er betet.«

»Für das Heil dieses Landes, sonder Zweifel, und der heiligen –«

»Kann sein, Herr Dechant,« unterbrach ihn der Böhme, »aber doch für sein eigenes auch! Ihr werdets ihm erlauben. Um Nichts betet Niemand.«

»Wir kamen doch nicht ins Land, um zu beten,« sagte der andere Ritter. »Und will er beten, da hätte ers bequemer vor seinem Zeltaltar.«

Der Böhme lächelte: »Da siehts Niemand.«

Der Prälat wollte eine tröstliche Miene machen und von Kaiser Karls wohlbekannter Rechtgläubigkeit und Frömmigkeit reden.

»Hochwürdiger Herr,« unterbrach ihn Jener, »wer weiß nicht, daß wir allein durch unsere Frömmigkeit römischer Kaiser wurden! Aber am Wege beten hat auch sein absonderlich Gutes. Insonders, wo es hoch ist –«

»Ich sage Euch,« hielt der Prälat für Pflicht einzufallen, »daß der hochwürdige Kaiser nicht, um von Land und Leuten gesehen zu werden –«

»Ei, aber um Land und Leute zu sehen.«

Vertraulich unterfaßte der Böhme den Arm des andern Ritters, und indem er den Arm auf die Schulter des Prälaten legte, wies er auf den Knieenden: »Nicht wahr, er betet? – Wer wills bezweifeln, aber seht nur scharf zu – wie seine Augen zwischen den Fingern schielen! Er läßt Dir keine Sylbe aus in jedem Paternoster, aber er zählt auch die Bäume, und so ers könnte, die Grashalme. Er betet und rechnet zugleich. Das ist ein Kaiser.«

»Mein Seel,« sagte der Ritter, »so er beten könnte, daß Weinschläuche an diesen Kiefern wüchsen, lohnte sichs. Aber dies Land gehört auch in die Litanei, davor uns Gott bewahre.«

Der Kaiser erhob sich jetzt und schaute um sich. Man mochte da weit ins Land sehen von dem Hügel. Unten war es still, ein welcher Heerestroß auch im Felde umtrieb. Das waren Völker verschiedener Art, als sie nur einem Kaiserzuge folgen. Grafen und Ritter auf stolzen Rossen, in Stahl vom Wirbel bis zur Zeh, mit ihren Troß-Reisigen. Und eben so viele zu Fuß mit Spießen, die bis in die Kieferwipfel reichten, und flinke Armbrustschützen. Streitrosse und Packpferde und schwer beladene Wagen standen weithin auf dem Felde, und noch mehrere kamen zugezogen auf der Straße, daß der Staub bis in den Himmel wirbelte. Völker aller Nationen waren es, das sagten ihre Farbe und ihre Gesichter, und ihre Tracht und Waffen. Da waren Franken, Schwaben, Elsasser, Burgunder und Flanderer. Die mochten für Brüder gelten; aber andere nicht, denen sahst du ihr fremdes Wesen auf den ersten Blick an. Es waren die Böhmen, die ihrem Könige nicht nach Kaiserrecht, vielmehr als Unterthanen ins Feld folgten. Die Märker kannten sie; den andern Deutschen vom Abend waren sie fremd, und sie rückten ihre Zelte von einander. Als lange der Kaiser gebetet, war es still geblieben, nun er aber aufgestanden, rührte sichs allerwegen. Da hämmerten sie Hölzer ein zu den Zelten, und rammten Pfahle fest; die Tränkeimer wurden geschwenkt und mit wildem Hallo und Jauchzen gingen die Knechte nach Wasser und trieben die Rosse zur Schwemme. Und es krachte von Aexten in dem Walde links und rechts, und manche Kiefer, die stolz nach oben über die andern geschaut, stöhnte, und ihre Krone schwankte, und dann sank sie hin, als ein Thurm, der über niedere Häuser einstürzt. Das Gebüsch umher zerdrückte sie.

Als der Kaiser herabschritt, wirbelten die Trommeln und die Trompeten schmetterten. Er dankte mit der Hand und nickte adlig mit dem Kopfe. Aber er bedeckte noch nicht sein Haupt. Als er nun drei Schritte hinunter war, wandte er sich noch einmal nach dem Bilde, senkte halb seine Knie und neigte sich tief, als kein Fürst vor einem Menschen und was Menschenhand gemacht. Das niedere Volk schwenkte nun die Mütze und schrie seinen Namen. Er that, als acht ers nicht.

Der Kaiser war kein alter Mann, er mochte dreißig zählen oder darum, aber die Stirn war voller Runzeln, und in seinen feinen grauen Augen blitzte nichts von der Lust der Jugend; auch war er nicht hochgewachsen als der große Karl und die Sachsenkaiser, er war eher klein, und doch war an ihm, daß Jeder wußte, er war mehr und von besserer Art. Rührig war er, so viel einem Fürsten ziemte, und doch, wenn er sich aufrichtete und Einen scharf ansah, auch ein Größerer senkte unwillkürlich den Blick.

»Heil dem Lande, dessen Fürst Christum ehrt!« sprach der Prälat. »Heil dem Sieger, der an der Schwelle kniet und dem Herrn giebt, was des Herrn ist.«

»Preis dem Herrn der Heerschaaren, der mich führte die Pfade, um seiner heiligen Kirche zu dienen,« entgegnete der Kaiser. »Euren Segen, frommer Vater, zu dem guten Werke, darum ich kam.«

Karl neigte sich, die Hand auf der Brust. Der Prälat breitete in ehrerbietiger Entfernung die Arme über das kaiserliche Haupt und sprach lateinisch den Segen.

» In manus tuas domine, commendo spiritum meum,« erwiderte der Fürst und richtete sich auf, und bedeckte wieder das Haupt.

»Amen!« sprach der Prälat.

Der Kaiser schaute sich um, als mustere er das Lager, das sie aufschlugen, und mochte nicht auf Alles Acht haben, was der Prälat weiter redete von der besonderen Schickung des Himmels, daß er den Kaiser gerade jetzt hergeführt.

»Sorgt dafür,« sprach der Kaiser zu zween Hauptleuten, als er die Futterknechte ausreiten sah, »daß sie nicht als Wölfe in die Lämmer fallen.«

Einer der Hauptleute antwortete als wie spöttisch: an feinem Stoppelfeld sei nicht viel zu mähen, und wo der Hagel einschlug, da thue der Regen nicht mehr schaden.

»Das Körnlein, das der Huf zertritt, geht dem Maule verloren,« erwiderte der Kaiser. »Ich wills nicht, daß sie als Heuschrecken herfallen und zertreten und auffressen, was sie finden.«

»Es ist doch nicht unser Land!« sprach Graf Peter.

Der Kaiser warf ihm einen scharfen Blick zu: »Wißt Ihr, weß Land das ist! Bei Sanct Johann, dem allerheiligsten Täufer, da wüßtet Ihr mehr, als ich weiß, Graf Peter! – Ist das Land nicht Gottes Land?« wandte er sich an den Prälaten.

»Seit fünfhundert Jahren, durchlauchtigster Kaiser, ward es.«

»Steht nicht dort das Bild seiner allerheiligsten Mutter,« fiel der Kaiser rasch ein. » Ave sanctissima mater! – Schickt sichere Leute mit, Hauptmann, daß sie auf den Böden das Heu nicht herumstreuen, als Kehricht. Das ist der Knechte Art. Wo sie nur vergeuden können! Wo Stroh ausreicht, sollen sie nicht die vollen Garben aus den Scheunen nehmen. Daß wir hungern können, und an die nach uns kommen denkt Keiner.«

»Durchlauchtigster Kaiser!« sprach der böhmische Herr, »Als Euch beliebt, harren etliche der Herrschaften, so ich nannte, auf gnädiges Gehör. Die Gräfin –«

»Ihr seht doch,« entgegnete der Kaiser, »daß der fromme Prälat noch vor mir steht. Recht und Gerechtigkeit Allen, doch das Zeitliche hat Zeit, wo wir dem Ewigen dienen.«

Die Ritter gingen ihm langsam nach, dieweil der Kaiser an des Prälaten Hand nach seiner Zelle schritt.

»Die schöne Gräfin hätte sich selber melden sollen,« sagte Graf Peter, »dann hätte er den Pfaffen stehen lassen.«

»Je nachdem,« entgegnete der Böhme. »Er dient den Frauen, damit sie ihm dienen.«

»Frauen und Pfaffen, und Pfaffen und Frauen!« rief Graf Peter. »Aber was gilts? Auch diesmal kommt es nicht zum Schlagen, zum ordentlichen, mein ich, daran das Herz sich freuet.«

»Laßt dafür den Baiern sorgen.«

»Wir werden hin und hermarschiren, verhandeln, Boten senden, mitsprechen und wenig thun.«

»Und doch erreichen, was wir wollen, nämlich unser durchlauchtigster Herr und Kaiser,« sagte mit schlauem Blick der Böhme. »Oder was entging noch Karl von Böhmen, danach er trachtete?«

In einem Zelte saß der Kaiser, und die Vorhänge waren weit aufgeschlagen, daß das Volk ihn sehen konnte. Die Abendsonne spielte auf dem Wiesengrün und den Büschen und Wäldern, und der Abendnebel stieg auf aus den Wassergründen. Der Kaiser saß gestützt im Armsessel; um ihn, näher und ferner, seine Herren, Prälaten und die gnädigen Gehörs warteten. Er bewegte nicht Leib, nicht Kopf, aber seine kleinen Augen blickten unvermerkt umher; ich meine, er sah jedes Fältchen auf der Stirn, und wie der Abendwind in jedem Federbusche spielte.

Ihm zunächst stand der Dechant von Brandenburg. Sie sprachen leis mit einander, und die Nächsten hörten nichts, was sie sprachen. Der Geistliche berichtete von dem Ueberfall von Brietzen. Ludewig hatte ihn frei gelassen mit einer Meldung an den Kaiser. Karl schaute finster vor sich. »An unserm Willen lag es bei Gott nicht, durchlauchtigster Herr, daß wir die Stadt nicht gewannen.«

»Was hilft mir Euer Wille,« sprach der Fürst.

»Der gute Wille aller treuer Märker ist für meinen gnädigsten Kaiser.«

» Ein Rauchhuhn, das Ihr mir bringt, ist mir lieber, als hundert, so Ihr mir bringen wollt.«

Der Dechant zuckte die Achseln: »Wo soll es herkommen! Wissen wir doch selbst kaum, was wir noch haben, und was wir nicht haben.«

Der Kaiser fragte ihn scharf aus nach Zins und Decem, den sein Bisthum hätte? Der Domherr hatte sich dessen nicht versehen. Er wußte schlecht Bescheid.

»Wofür gab Euch Gott Augen und fünf Sinne? Was Ihr wisset, sollt Ihr niederschreiben, und was geschrieben steht, solltet Ihr im Kopfe tragen. Das gäbe Ordnung. Alles in einen Sack gethan, giebt nur Unordnung, und Unordnung bringt Unglück, und aus Unglück kommen Klagen; Klagen helfen Niemand.«

»Die bösen Zeiten, Herr, verrückten alle Satzungen. Die Weisesten vergaßen, was vor Alters Recht war.«

»Der Weise erinnert sich aber immer, so nicht des Anderen, doch seines Rechts; und so er klug ist, theilt ers mit einem Mächtigern, daß ihm der zu seinem Theile helfe.«

Die Augen des Kaisers und des Geistlichen begegneten sich, und schier mein ichs, sie hatten sich verstanden. Etwas fuhr der Geistliche zurück: »Du gerechter Gott, wenn wir noch von unserem Bischen theilen sollten!«

»Muß ich nicht theilen mit dem Papste!« sprach Karl vor sich hin. »Der ist ein Thor, der da vermeint, er kann allein stehen und ist sich genug.«

»Ohne die Fürbitte der Heiligen,« respondirte der Geistliche.

»Den Heiligen Ehr, und Anbetung, was sie verdienen; allein in dieser sündigen Welt hilft eine Hand der andern. Der verdient nicht, zu gewinnen, der einen Bundesgenossen fortweist vor der Schlacht, weil er sich stark wähnt, allein zu schlagen. Der uns ein schwacher Bundesgenoß war, mag ein starker werden den Feinden. Wer den Heller nicht aufhebt, findet auch nicht den Gulden. Was hieltet Ihrs nicht mit dem Adel? Was zanktet Ihr mit den Städten, daß sie Euch nicht mögen! Ihr, Ihr selbst habts verdorben, als die Zeit Euch noch gut war. Wahrlich, ich sage Euch, große Klugheit thut Euch noth, so Ihr Euch in diesen Marken halten wollt. Gebt und theilt bei Zeiten von Euren. Mammon, oder es kommt die Zeit, wo man nicht mit Euch theilen will.«

Der böhmische Herr näherte sich mit Einigen. Der Kaiser winkte ihm und sprach laut:

»O, Ihr edlen Herren hättet es mit anhören müssen, was dieser weise Mann mir Wunderbares vertraut: Gräueldinge, die mein Ohr nicht glauben möchte, daß ein christlich Volk derlei erdulden müssen, und von Dem und dessen Dienern erdulden, der sich seinen Landesherr nennt. Allein der Weisheit der Diener unser allerheiligsten Kirche verdankt das arme Volk hier, daß nicht auch die letzte Spur von Ordnung zertreten ward. Ich wills ihnen in Liebe gedenken! Seckelmeister! der Mutter Gottes auf jener Höhe stifte ich eine Kapelle. Ein goldbrokaten Kleid und von den schönsten Edelsteinen auf unsern Bergen eine Krone auf ihr Haupt. Die Maria zum goldenen Eintritt sei sie genannt.«

Das Gesicht des Dechanten hatte sich wieder aufgeheitert. Er wollte vorm Volk eine Gegenrede halten, als der Kaiser plötzlich auffuhr: »Wer ist die edle Frau dort?«

»Dieselbe Gräfin von Nordheim, die schon so lange auf gnädiges Gehör –«

Rasch richtete sich der Kaiser als ein ritterlicher Jüngling auf. Sein Blick war fast zornig. »Läßt man hier zu Lande edle Frauen unterm Troße warten? Das ist eine böse Sitte.«

Wohl hätte Einer sehen mögen, daß die Falten des Unmuths auf der Stirn der hohen Frau lagerten; sie hatte schon lange gestanden, und die Kämmerer wußten doch ihren Namen, und sie hatten ihn doch dem Kaiser genannt. Doch nun er aus dem Zelte trat und ihr entgegen, und vor seinem Wink die Reihen der Ritter und Grafen ehrerbietig wichen, um ihr Platz zu machen, flog wieder ein freudiges Roth über ihr stolzes Antlitz. Sie wollte ein Knie beugen, doch er faßte ihre Arme und ließ es nicht zu. An seiner Hand führte er sie ins Zelt, und die Kämmerer mußten den Sessel ihr hinsetzen. Nicht als ein Kaiser saß er neben ihr, als ein Ritter schien es, der auf die Worte seiner Dame lauscht.

»Nun, bei den Heiligen aller guten Ritter!« rief er aus, da ihm die Gräfin ihre Noth in Kürze erzählt, und wie sie gerettet worden – es war aber vorher besprochen mit den Kämmerern, was sie reden sollte. – »Frevelhafter als Frevel ists, mit Brandfackeln ein Weib ängstigen. Dies sollte Ludewig büßen, bei meinem Schwerte.« –

Die Gräfin senkte den Blick. Der Dechant wagte leis einzuwerfen: »Dieses Mal kam das Feuer nicht von den Baiern.«

Karl hörte nicht drauf, oder mochte nicht drauf hören. »Verwirkt hat er das Markgrafenthum, dreifach und zehnfach, und wärs nur darum. Denn seine Grafen sind vom Reich gesetzt, daß sie die Hülflosen schützen, nicht, daß sie die Schwachen gefährden, und Fürsten, so gegen Frauen ihr Wort brachen, stieß der große Karl aus der Reihe seiner Paladine; König Artus schickte sie von seiner Tafelrunde; ich will nicht schlechter sein als die großen Könige der Christenheit. In meinem Lande soll Sitte herrschen. Denn wo der wüste Mann die zarte Frau nicht achtet, ist kein Reich.«

Der Pfalzgraf sagte, daß die Räuber, so die Gräfin auf dem Wege gefährdet, des Gerichtes harren.

»Richtet sie! Auf der Stelle! Am nächsten Baume an der Heerstraße. Ihr Antlitz soll nicht das Antlitz der Majestät beleidigen. Mich führt Morgen eines anderen Weges. Mag Ludewig von Baiern dann an ihren verzerrten Mienen lesen, wie sein Kaiser Die straft, die das Recht der Frauen nicht ehren!«

Er war wieder aufgestanden und schritt, die Arme verschränkt, auf und ab.

»Ist denn kein Adel in diesem Lande, wenn kein Fürst da ist! Muß des Kaisers geheiligte Person kommen, um Strauchdiebe zu richten! Sind keine Ritter, kein einziger, der wahrhaft seine Sporen verdiente?«

Sein Blick fiel auf Heinrich. Die Gräfin neigte sich und sprach: »Dieser, mein kaiserlicher Gebieter, ist der junge Kämpfer, dem Eure Magd, als Euch berichtet, ihr Leben verdankt.« Der Kaiser maaß ihn lange, und es gefiel ihm, daß der Gesell so aufrecht stand und ihm unverzagt ins Gesicht schaute. Er redete ihn an und Heinrich gab gescheidte Antworten.

»Beim Täufer Johannes, ich glaube, so ich Dich zu einem schlüge, überhöbe ich die Ritter dieses Landes der Schmach, daß ein gemeiner Gesell sie an Rittersinn ausstach. – Du standest schon zu lang vor Deinem Kaiser, knie nieder.«

Heinrich blickte verwundert auf und trat einen Schritt zurück.

»Als Schelmen knie und als Ritter sollst Du aufstehn.«

Alle wußten, was Karl meinte. Der Kaiser schlug gern zu Rittern, ob er schon für seine eigene Person die blanken Spiele nicht liebte. Heinrich aber kniete nicht nieder. Die Herren wußten nicht, was ihm war. Wer stürzt nicht nieder, so ein Kaiser gebietet. Die Gräfin Mathilde sprach ein gütig Wort, daß er einfältigen Sinnes sei und die große Ehre nicht fasse.

»Den Schelmen will er Dir austreiben, und Du sollst ehrlich werden«, sprach ihm der böhmische Herr zu.

»Ein Schelmen bin ich nicht«, rief Heinrich, »und ein Ritter möcht ich schon werden; aber mit guten Rechten.«

»Thor!« rief Graf Peter. »Wie wird Einer mit mehr Rechten ein Ritter, als so ihn der Kaiser dazu schlägt?«

»Er muß es doch verdient haben«, antwortete Heinrich unverzagt. »Wills Gott, ich wills auch noch verdienen. Aber, so der gnädige Kaiser mich darum zum Ritter schlüge, müßte ich mich schämen mein Lebtag, daß mir das Lohn einträgt über Gebühr, was mir Schande wäre ohne Maaßen, so ichs nicht gethan.«

Sie sperrten den Mund auf vor Verwundern. Der Kaiser wandte zum Dechanten Bruno den Kopf um: »Sind ihrer Viele von der Art hier zu Lande?«

Was der Dechant geantwortet, das weiß ich nicht.

»Wahrhaftig, das Regiment wäre wohlfeil«, setzte Karl hinzu.

Der Böhme brummte in den Bart: »Ein Ritterschlag kostete ihm auch nichts.«

»Du freier Mann, was willst Du noch, da Du meine Gnade nicht magst?«

Nun war Heinrich betroffen: »Verargt mirs nicht, allgnädigster Herr Kaiser, daß ich nicht nehme, drauf ich kein Recht habe. Denn nachmalen, da Ihr fort wärt, wiesen sie mit Fingern auf mich, als auf den Hahn, der Pfauenfedern trägt, und sprächen: Der ist aus des Kaisers Mache! Und stände als ein Fremder zu meinen Landsleuten und meinem Landesherrn.«

»Wer ist Dein Landesherr?« herrschte ihn der Kaiser an.

»Markgraf Woldemar der Alte, sos meinem gnädigen Herrn beliebt«, antwortete Heinrich unerschrocken.

Da schaute sich der Kaiser unter seinen Großen um und sah manches Lächeln um die Lippen. Er selbst verzog nicht den Mund; aber zu seinem Kanzler sprach er auf lateinisch: »Der hat einen guten Glauben.«

Als der Kanzler, auch lateinisch, erwiederte: »Ich will ihn aufnotiren als Zeugen für den Nothfall«, da erst lächelte der Kaiser.

»Sos mir aber nicht beliebt, Du«, sprach er zu Heinrich. »Gesetzt, mir gefiele der alte Mann nicht, wer ist dann Dein Landesherr?«

»Dann ists das erlauchte Haus Anhalt, deß uralt Recht zu schirmen und herzustellen mein gnädigster Kaiser ins Land kommt.«

»Der läßt sich nicht irren«, sagte Graf Peter.

Obs dem Kaiser gefallen oder nicht, das weiß ich nicht, was Heinrich so keck sprach: denn Karl verrieth nicht, was er dachte durch das, was er that. Er war aufgestanden und erbrach einen Brief, den ihm der Kanzler hinhielt und dann einen zweiten, und auch noch andere, und reichte sie, wenn er gelesen, dem Kanzler zurück, und verordnete auf lateinisch, was geschehen solle. Auch hörte er Diesen und Jenen gnädig an und die Meldungen der Boten.

»Mich nimmts Wunder, Herr Wilkin Eckebrecht, daß Ihr als sein Abgesandter kommt.«

So sprach er zu einem Ritter, der athemlos als Bote Markgraf Woldemars herangesprengt war, und der Marschalk hatte ihn hastig vorgeführt, und seine Meldung schnell gesagt. Denn ehe nicht dem Kaiser vertraut worden, was Einer wollte, ward er nicht vorgelassen.

Der Ritter wollte antworten, der Kaiser ließ ihn nicht zur Rede.

»Es sei schicklicher wesen, meine ich, Dein Herr sei selber kommen, statt seines Boten. So der römische Kaiser die Sache nicht zu gering achtet, daß er in eigener Kaiserlicher Person kommt, ziemt es dem Fürsten, daß er selbst ihm entgegen reite.«

»Mein hoher Kaiser«, sprach betroffen der Bote, »als ich eben gemeldet –«

»Deine Meldung gefällt mir aber nicht«, unterbrach ihn der Fürst. »Reite zu Deinem Herrn zurück und sag, daß er das Schwert in die Scheide steckt.«

Aber den Herren um den Kaiser gefiel noch minder, was der Kaiser gebot. Denn es war von Mund zu Munde gegangen, um was der Bote kam. Es hatte Ludewig, nachdem er Brietzen gerettet, mit allen Treuen, die er gesammelt, sich nicht nach Frankfurt gewandt, vielmehr wollte er zu einem kühnen Streiche gen Brandenburg los, um seinen Feind im Herzen anzugreifen. Er mochte hoffen, daß Die von Brandenburg, als nicht gar zufrieden, wie der alte Markgraf die Berliner begünstigt, ihm wieder zufielen, und auch von Spandow rechnete er auf Hülfe. Zum Glück ward es durch schnelle Boten in Berlin ruchbar, und Woldemar, der Alte, hatte Reisige, Ritter und Bürger aufgeboten, und war ihm entgegen gerückt. Das meldete sein Bote, und daß er um deshalb nicht, als es sich zieme, ihm entgegenreite und ihn empfange. Vielmehr ließ er den Kaiser bitten, daß er ihm zuziehe, und den Feind von der Seite angreife.

»Der Plan ist gut!« jauchzte der Böhme. Die Ritter rasselten in ihren Harnischen. Es galt zu schlagen. Im Lager war Aufstand, die Rosse wieherten, die Speere und Schilde blinkten. Sie dachten nicht anders, als der Kaiser solle zum Aufbruch blasen lassen, auf der Stelle.

Des Kaisers Stirn war finster. Die Feldherren und Hauptleute drangen auf ihn ein. Sie brachten gute Gründe vor. Daß Ludewig schwach von Kräften sei, und seine Schaaren, die er aus Baiern im Fluge gebracht, übermüdet. Daß er dem Angriff, der, unerwartet, von zweien Seiten komme, nicht widerstehen könne. Daß sie durch Wälder und Moor unbemerkt ziehen konnten und ihn überfallen. Daß an einem Tage, mit einem Schlage der Krieg entschieden sei.

»Sein Schicksal ruht in Deinen Händen, Kaiser«, sprach der Feldhauptmann.

»Lobsinget dem Herrn!« rief der Dechant. »Er gab den Ketzer in die Hände des Gerechten.«

Der Kaiser schwieg noch immer, unbeweglich war sein Gesicht. Da rief einer seiner Hauptleute zum Zelt hinaus: »Drommeter! Blast zum Satteln! Das Lager aufgebrochen!«

»Mit Nichten!« rief der Kaiser, aber mehr unwillig denn in Zorn. »Das Lager bleibt. Das Heer ist müde. Koppelt die Rosse und stellt doppelt Wächter auf, daß sie nicht Nachts uns überfallen.«

Obschon in des Kaisers Gegenwart, und es der Kaiser selbst sprach, ging ein Murmeln durch die Ritter. Der ließ die Degenscheide auf den Boden fallen, Der knirschte mit den Zähnen, Der rüttelte sich, und Kochan von Wersowetz warf sich in einen Feldsessel, daß die Rüstung krachte. »Dacht ichs doch!«

Der Dechant von Brandenburg wollte das Wort nehmen, Graf Peter zupfte ihn zurück: »Ist verlorne Müh, und so Ihr alle Heiligen zu Hülfe ruft. Er hat immer Angst, wo blank gezogen wird. Mit Reden thut ers ab. Seht, er öffnet schon den Mund.«

»Ihr Herren!« sprach der Kaiser, »ich kam in dieses Land, nicht als Partei, als Kaiser kam ich, der über den Parteien ist, nicht zum Mitschlagen und nicht zum Zuschauen: zum Richter. Nach Kaiserrecht und Weisheit, die mir Gott gnädig sende, will ich urteln und entscheiden, wer von den Beiden der Rechte sei. Das ist mein Ruf hier. Bei der geheiligten Person der Majestät, Niemand soll mit ihr spielen! Und, Du Bote Deines Herrn, vermelde ihm, daß Du seinen Kaiser sahst, und was er sprach! Merk es wohl; wo der Kaiser ist, schweigt die Fehde und das Kriegsgeschrei verstummt. In des Kaisers Gegenwart ist der Fürst nur ein Diener, der Kaiser spricht und er gehorcht. In die Scheide soll er den Degen stecken und ihn nicht wieder ziehn, bis daß die Sache ausgetragen ist. Das sag ihm auch: der ist in meinen Augen der beste Diener, der in die Hände seines Herrn seine Sache stellt. Vor mein Gericht lade ich ihn, das ich vor Frankfurt halten will, in Gottes Angesicht und unter guter Fürsten Rath. Aufs Roß, Bote, das Tröpflein Blut, das den Sand roth macht, komme auf Dich.«

So sprach der Kaiser, als wär er in großem Zorn. Die ihn kannten, glaubtens doch nicht.

Wilkin Eckebrecht war ein Märker von altem Schrot und Korn. Er hörte es ruhig an und sprach: »Mein Roß ward lahm vom Ritt. Und als ich meine, sind sie sich längst in den Haaren, bis Einer durch die Nacht zu ihnen findet. Was Gott zusammenfügt, das muß der Mensch zusammen lassen.«

»Wer ist der schnellste Reiter im Heer!« rief der Kaiser mit lauter Stimme. Man hätte denken mögen, daß die ungefüge Rede des Märkischen Ritters den Fürsten verdrossen. Hätte ihn auch wohl ein Anderer zornig angeschnaubt und in Hast geschickt. Karl von Luxemburg war ein weiser Mann; wenn er nach einem Ziele sprengte, peitschte er nicht auf den Hund am Wege, der ihn anbellte. Er hatte ein fein Aug und ein scharf Ohr. Aber was er nicht sehen wollte, das sah er nicht, und was ihn nicht frommte, daß ers hörte, ging als der Wind an seinem Ohr vorüber. Aber was er einmal gehört, er vergaß es nimmer.

Die mißvergnügten Gesichter sah er nicht, und hörte nicht das Brummen der Hauptleute; aber sein Blick fiel auf Heinrich und haftete drauf als ein Blitz, der traf.

»Kennst Du die Wege nach der Zauche?«

»Weg und Stege, Herr!«

»Bei Nachtzeit durch die Wälder?«

»Bei Sternenschein und Sonnenlicht will ich den kürzesten finden.«

»So sattle das schnellste Roß, Bursch, das beste aus meinem Marstall dem Manne hier! Die Sporen ihm in die Weichen, laß es nicht verschnaufen. Laß Dich nicht erschrecken vom Geschrei der Eulen. Der Hirsch, der im Busch ausfährt, sporne Dich zur Hast. Als Deines Kaisers Bote reitest Du zu Deinem Markgrafen. Es gilt sein Markgrafenthum; er soll nicht schlagen, bei seines Kaisers Zorn!«

Der Kaiser hatte gesprochen. Er schritt ins Innere seines Zeltes.

»Schad um das schöne Thier!« sprach Graf Peter kopfschüttelnd, da sie einen herrlichen arabischen Renner vorführten und Heinrich sich hinaufschwang.

»Glück auf, Du Friedensbote, und brich Dir unterwegs den Hals«, rief ihn Einer höhnisch an.

Aber es war, als gehörten Roß und Reiter zu einander. Es bäumte sich, da er es so kräftig mit den Schenkeln faßte, als wolle es mit ihm über Berge und Thäler fliegen. Ritterlich neigte sich der Kaiserbote noch einmal vor der Gräfin, die ihn gedankenvoll anschaute; dann gab er dem Thiere nur einen leisen Druck mit dem Knie und es flog davon. Ueber Hecken und Gräben setzte es, und bald war Roß und Reiter im Abendnebel verschwunden.

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