Frei Lesen: Der falsche Woldemar

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Willibald Alexis

Der falsche Woldemar

Sechzehntes Kapitel.

eingestellt: 23.7.2007



Um des Kaisers Zelt standen in weiter Runde die Nachtwachen, daß kein Lauscherohr und keines Spähers Auge die geheiligte Nähe belauere. Es war tief still, aber in dem geräumigen Innern ging der Fürst auf und ab, und sein Gesicht war unruhig. An der Wand stand der Dechant Bruno, das Barret in den Händen drehend, und horchte demüthig, was der Kaiser sprach.

»Reitet! Reitet!« schloß Karl. »Die Sterne leuchten Euch.«

»Mehr noch Euer Majestät kaiserliche Gnade.«

Der Kaiser sah ihn scharf an; auf des Priesters Lippen weilten Gedanken; Gedanken, die vor der erhabenen Gegenwart sich nicht trauten, Worte zu werden.

»Sprich!« sagte Karl.

»Der Baiernherzog traut mir nicht.«

»Als Du als sein Abgesandter zu mir kamst, sonder Beglaubigung, habe ich Dir getraut.«

»Die Botschaft, gnädigster Kaiser, welche ich von Ludewig zu Euch trug, bedurfte keiner Beglaubigung. Im Uebermuth des Siegers ließ er mich in Brietzen frei, und schickte mich voll frechen Hohnes zu Eurer Majestät.«

»Sprich zu ihm als Diener der Kirche.«

»Und liehen die Engel mir ihre Zungen, allerdurchlauchtigster Kaiser, wo soll ich Worte finden, die in des Ketzers verhärtetes Herz dringen? Ja, so ich Euer Majestät eigne Worte, Buchstaben um Buchstaben nachspreche, dieser Baier wäre so frech –«

»Glaubst Du es?« – unterbrach ihn der Kaiser.

Der Dechant schlug sich auf die Brust: »An was mein kaiserlicher Herr spricht! Ich wär ein Majestätsverbrecher, wenn ich nicht glaubte.«

»Das ist mir lieb«, sagte der Kaiser. »Also wird Dein Glaube Deiner Zunge Kraft leihen. Du wirst zu ihm reden, wenn nicht mit Engelszungen, doch als ein erfahrner, ein gewandter Priester, der nicht zum ersten Male – einen Laien von etwas überredet, woran er selbst noch zweifelt«, setzte Karl mit leiserer Stimme hinzu. – »Oder zagst Du vor dem nächtlichen Ritt, fürchtest, daß er Dich greifen läßt, hast nicht Lust, ein Märtyrer zu werden?«

Nach einigem Zaudern entgegnete der Dechant: »Der Auftrag, den mein Kaiser jenem Gesellen gab, war leichter. Denn der Mann, an den er gerichtet ist, muß Euch gehorchen, als das Werkzeug Dem, der es machte, und der es braucht, als er Lust hat. Meine Botschaft ist gefährlicher, denn wer einen Strom hemmen soll, der durchbricht, wird leicht selbst von der Fluth fortgerissen. Aber es ist nicht um mich, daß ich zaudere! Um Euer Majestät Respekt und kaiserliche Würde ists. Als höchster Schirmherr und Richter kommt Euer Majestät – wer glaubt das nicht! Wir Alle! Nur der Baier nicht. Ihr kommt nur, um Blutvergießen zu hindern und Frieden zu stiften – wer möchte daran zweifeln; aber Ludwig zweifelt nicht allein, er lacht mir ins Gesicht, so ichs ihm sage. Sagen soll ich ihm, daß Euer Majestät sonder Haß und Abgunst kommt, nur das Wohl dieses unglücklichen Landes im Auge, daß sie nicht neue Wunden schlagen, sondern die geschlagenen heilen will, daß Ihr ein streng unparteiisch Gericht hegen wollt, daß er darum das Schwert einstecken und vertrauensvoll sich gestellen soll – o, das ist alles lautre Wahrheit, wie die Sterne am Himmel, aber, durchlauchtigster Herr, ein Ketzer glaubt es nicht.«

»Ich glaubt es vielleicht auch nicht«, sprach der Kaiser für sich, und schritt auf und ab.

»Wozu studirtest Du in Padua«, fuhr er fort, »wenn Du ein Ding nicht von zwei Seiten anzufassen weißt? hoffst Du auf Pfründen und weißt Deine Zunge nicht zu spitzen, Deine Rede nicht in süßen Honigseim zu wickeln, daß sie das Ohr eines leichtsinnigen Ketzers umstrickt? Ihr habt Eure Studienzeit vergeudet, laßt Euch von den Professoren das Lehrgeld zurückgeben. Klagt nicht über das Volk, so es Euch widerspenstig ist. Habt Ihr die Kunst nicht, Einem zu beweisen, was er glauben soll, dann bindet Eure Ränzel, und sucht Euch ein ander Land.«

»Ich will beten, Durchlauchtigster, daß die Himmelskönigin den Ketzern Glauben schenkt.«

»Wenn Eure Gedanken faul sind, dann betet Ihr. – Ueberlaßt doch das Beten uns Laien, wenn wir nicht aus und ein wissen«, fuhr Karl in anderem Tone fort. »Ihr habt einen Stock davon gesammelt, der Euch aushilft; darum, wenn Noth ist, sollt und dürft Ihr reden und Künste brauchen, die uns Laien die Sünde, so noch hinter uns ist, verbietet. Ich will beten, Du reite!«

Der Prälat rang die Hände: »Mein Herr und Kaiser, er schlägt doch los.«

Der Kaiser war nicht erzürnt. Er ging noch einige Schritte auf und ab. Dann warf er sich in den Feldsessel: »Du magst Recht haben. Solchen Naturen kommt man mit Gründen nicht bei. Die wollen durch Ueberraschungen gelenkt sein. Es ist gut, daß nicht alle Menschen vernünftig sind! Das Regiment wäre schwer.«

Der Dechant athmete auf: »Ihr sendet mich nicht als Abgesandten an den Baiern.«

»Wenn Du ein schönes Mädchen wärst. Aber Du reitest. Es soll, es darf nicht geschlagen werden. Du hast Bekanntschaften unter seinen Hauptleuten und Rittern. – Still, ich weiß es; der Betkin Osten war Dein Zechbruder, Betkin Botel ist Dir verwandt, auch mit Konrad Winning bist Du –«

»Die sind Alle im Bann!«

»Nun, Dein Glaube wird doch so fest stehen, daß sie Dich bei einer Kanne Wein nicht zum Ketzer machen.«

»Hoher Kaiser, ich verstehe Euch nicht.«

»Gott will Frieden auf Erden.«

»Amen!«

»Im Banne sind sie freilich, Ihr nennt sie Ketzer – gewiß, das sind sie, und behüte mich mein Schutzpatron, daß ich einen Ketzer vertheidigen will, aber ein Ketzer mag doch ein guter Ritter sein. Das Schwert frägt nicht nach dem Glauben. Sie sinds, seine Baiern, wie seine Märker. Für Ritter und Feldhauptleute von ihrem Ruf – verstehst Du unbeschadet ihre Ketzerei – ist es kein Ehrenwerk, mit solchem hergelaufenen Menschen Schwerter kreuzen. Ich wenigstens schämte mich, wenn ich mit guten Feinden gekämpft, dasselbe Schwert gegen Einen zu ziehen, von dem ich nicht weiß, wo er her ist. Verstehst Du mich?«

»Ich verstehe und begreif es doch nicht.«

»So handle mit guter List und im guten Glauben. Red ihnen die Thorheit ins Gewissen, mit Einem sich zu schlagen, wo man sich schämen muß, wenn man siegt.«

»Mein Kaiser, Ihr selber –«

»Was habe ich damit zu thun! Ich kenne ihn nicht, ich weiß nichts von ihm, als was mir die Fürsten berichtet. Ich kann hintergangen sein, wie jeder Andere. Um es zu untersuchen bin ich im Lande.«

»Sie glaubens doch nicht.«

»Sie sind Ketzer«, sprach der Kaiser. »Du sagst ihnen, Anfangs hätte ich geglaubt, doch nun stiegen mir Zweifel auf. Ich witterte böses Spiel und fange an, mich der Sache zu schämen. Ich sammelte Zeugen wider den groben Betrüger, und mein Gericht würde der Welt ein Exempel geben, auf was Weise ein Kaiser, um der Gerechtigkeit willen spricht. Ich hasse gar nicht diesen Ludewig. Er ist ein Knabe ohne Sinn und Geistesfähigkeiten. Einen Vormund müßte er haben, und ich wollte seine Sache zum Guten wenden. Wenn er vernünftig sich beschiede, zufrieden wäre, mit dem, was man ihm läßt – o, ich wollte ihm so viel lassen, daß er im Sinnenrausche ins Grab taumeln sollte! Zum Feinde ist er mir zu unbesonnen, keine Ehre ists ihn besiegen, ich wollte sein wahrhafter Freund sein. Deutschland ist reich genug, ihn für seine Ansprüche zu entschädigen.«

Der Dechant schüttelte den Kopf: »Sie glaubens nicht.«

Der Kaiser winkte ihn näher seinem Sessel. Mit noch leiserer Stimme sprach er: »Was Ketzer von ihm glauben, kann einem rechtgläubigen Christen gleichgültig sein; und Dich, Bruno, sprech ich im Voraus von jeder Majestätsbeleidigung frei, die über Deine Lippen käme. Sie werden Dir doch glauben, wenn Du auf mich schimpfst? Erleichtere Dein Herz. Was Du willst, was Du denkst, sprich es aus, es ist zu einem guten Zwecke. Daß mich die Sache anfängt zu verdrießen, daß ich ihrer gern überhoben wäre. Sag ihnen, ich wünschte nichts sehnlicher als eine Schlacht; eine Schlacht will ihre Opfer. Entweder würde ich diesen Menschen los, der mir und meinem guten Leumund zur Last, oder vielleicht, wer weiß es, bliebe auch sein Gegner. Dann könnte ich ungehindert schaffen. Erfinde, was Dir gefällt. Male mich mit schwarzer Kohle an die Wand. Wenn sie noch zweifeln, laß mich mein Wort brechen, ich hätte Dir eine Pfründe, ein Bisthum versprochen. – Versteh mich, ein Bisthum, das nächste was ledig wird, könnte der Lohn sein, wenn sich die Hauptleute weigern, mit dem verächtlichen Kerl sich zu schlagen.«

»Ein Bisthum den Hauptleuten?« sagte Bruno.

»Bist Du nach keinem lüstern?«

»Das zeigt mein Kaiser mir, aber was den Hauptleuten in der Luft? Diese wilden Kriegsleute begnügen sich nicht wie der Kirche demüthiger Sohn mit einer Aussicht in die leere Ferne.«

Der Kaiser lächelte und drückte an eine Lade, die aufsprang: »Nimm die zween Beutel und vertheile sie gut. Verstehst Du mich, gut ist das, was wirkt.«

Der Dechant wog die beiden Beutel und verneigte sich tief: »Mein durchlauchtigster Gebieter, ich werde, obwohl in solchen Diensten nicht geübt, in Ludwigs Lager reiten, mit Gott.«

» Und dem Gelde«, sagte nachdrücklich der Kaiser. »Noch eins, Herr Dechant von Brandenburg. Das Volk sagt: mich hätten die Pfaffen zum Kaiser gemacht, aber ein Kaiser kann aus Pfaffen Bischöfe, Erzbischöfe, er kann auch einen Papst machen. Erwägt das wohl auf Eurem mühsamen Ritte, Herr Dechant. Auch ein Kaiser ist übel bestellt ohne den Segen der Kirche; aber der Kirche Diener sind schlimmer in einem Reiche, da der Kaiser seinen schirmenden Arm von ihnen abzieht. Es ist für Beide das beste, wo sie verschlungene Hände machen.«

Auch ein Fürst, der Niemand vertraut als sich, muß Vertraute haben: das ist der Fürsten Loos und Fluch. Auch Kaiser Karl hatte Solche, denen er das innerste Herz aufschloß. Aber sein Herz hatte viele Kämmerlein, und denen er das eine aufthat, blieben die anderen verschlossen. Man wollte, daß er in seinem väterlichen Böhmen Deutsche zu Vertrauten hatte, in Deutschland hatte er Böhmen.

Der Edle von Wersowetz hatte, nur durch eine gewebte Wand getrennt, im Vorzelt dem Gespräche zugehört. Jetzt, da der Dechant gegangen, trat er ein, sonder Meldung.

»Reibe Funken aus solchem Holze!« sprach Karl vor sich hin.

»Die wälschen Pfaffen verstehen auch den stummen Wink«, entgegnete der Böhme. »Zwang dieser zähe Holzkopf doch meinen Kaiser, seine geheimsten Gedanken bloß zu geben.«

»That ichs!« fuhr Karl auf.

»Bei Gott, nein, mein Herr und Kaiser; denn ich selbst begreife noch zur Stunde nicht, warum Ihr das uns abwehrt, was wir von ganzer Seele wünschen müssen.«

»Weil ich dies blinde Ungefähr hasse. Was ist eine Schlacht? Ein Würfelspiel. Siegt der Beherzte, der Gerechte? Siegt allemal nur der Mächtigere? Wohlerwogene Pläne, geschickte, lange, Vorausberechnungen, die Früchte einer Lebensarbeit, wenn wir am Ziele sind, wer ist da Thor genug, daß er sie auf ein stählernes Brett setzt, so ihn nicht die Noth dazu treibt! Mein Vater, König Johann – Gott schenke seiner ruhelosen Seele die ewige Ruhe! – setzte sein Königthum, seines Volkes Wohl, seines Hauses Glück, sein Alles setzte er aus Uebermuth auf dies eherne Würfelspiel. Der irre blinde Königsgreis, der thatenwürdig auf Fehde auszog, wo er sie fand, der blind ins Schlachtgetümmel von Azincourt sich führen ließ, soll mir ein Beispiel sein, oder eine Lehre? Als das Schwert des Engländers seinen Schädel spaltete, und Frankreichs Boden sein heißes, königliches Blut trank, was hinterließ er uns? Vergeudete Schätze, einen zerrütteten Haushalt, ein verwahrlostes Volk, Zerwürfnisse in seiner Familie. Was seiner Ehre? Den Ruf eines irrenden Ritters, der als ein Klopffechter für eine fremde Sache focht, die ihn nichts anging. Was blieb von ihm als ein wüstes Angedenken, und der Fluch von Tausenden! – Mich lüstet nach dieser Erbschaft nicht. Die Zeit der irrenden Ritter ist vorüber. Wem Gott ein Haus gab, der wahre es, wem er ein Reich schenkte, halte es zusammen und wirke und schaffe für dies Reich. Niemand lebt mehr für sich allein, die wüste Zeit des müßigen, liederlichen Gesanges, der eitlen Abenteuer ist abgestorben; wer mitleben will mit den Andern, muß auf einen großen Zweck hinstreben; der heißt nicht spielen, fechten, singen, er heißt Nutzen. – Euch lüstets noch, ich weiß es, die tolle Lust auszulassen im Spiele des Zufalls. Schlagen möchtet Ihr, um zu schlagen. Wills Gott und seine allerheiligste Mutter, es soll zum längsten gewährt haben. Das ist die Sünde, wider die ich kämpfen will, und mein kaiserlich Wort hab ich eingesetzt, ich will im deutschen Reiche –«

»Den Zufall, mein Kaiser, wirst Du nicht draus verbannen«, unterbrach ihn der Böhme. Kochan wußte, wann er dem Fürsten widersprechen durfte, und wann Karl es wünschte. Wo Einer sich in Eifer geredet, und ihm fehlen die Worte, dankt er es Dem, der ihn unterbricht. –»Zudem«, fuhr er fort, »ist die Sorge umsonst; so der erste Bote nicht vor Eil den Hals bricht, sind sie schon auseinander.«

Der Kaiser saß in sich versenkt: »Es schadete auch nichts. Ein Treffen, wie das nur sein kann, reibt ihrer Beiden Kräfte auf, und entscheidet nicht.«

»Hat Karl seinen Willen geändert, sinnt mein Kaiser auf Versöhnung mit dem Hause Baiern?«

»Zur Zeit noch nicht. Der tolle Renner hat noch zu viele Lebenskraft. Weiß Gott, woher?«

»Du willst ihn mürbe machen, die Sache in die Länge ziehen.«

»Untersuchen will ich!«

Der Böhme lachte auf, als es sich heut nicht schickt, daß man vor einem Fürsten lacht.

»Kennst Du den Mann?« sprach der Kaiser.

»Den Mann noch nicht; aber Die ihn zu einem Manne machten.«

»Mir gefällt Vieles hier nicht«, sagte Karl kopfschüttelnd. »Was ein leichtes Dunstbild sein sollte, das ein Blick der kaiserlichen Sonne, wenn sie darauf strahlte, auseinander trieb, hat Formen und Gestalt angenommen.«

»Der Popanz ward zu einen. Menschen mit Fleisch und Blut«, lachte Kochan. »Ei, Euer Majestät sind ein guter Geisterbanner.«

»Geist!« fuhr Karl auf, »das ists ja eben. Wer ist da der Geist, der handelt! – Wenn ein Magier ihrer aller Gehirn in eins zusammen backte, so kommt noch nicht mehr als ein mittelmäßiger Kopf heraus. Meine Gegenwart war nothwendig. Das muß ich untersuchen.«

»In der That, unglaublich, ja tollkühn beinahe«, fuhr Kochan fort. »Er stößt seine Bundesgenossen vor den Kopf. Der Herzog von Mecklenburg schnaubt vor Wuth. Er hat seinen Amtleuten bei schwerer Strafe anbefohlen, daß sie kein Schloß in der Priegnitz den Mecklenburgern öffnen.

»Wer?«

»Nun er, der Mann.«

»Du meinst der Schneider, der ihm die Kleider zuschnitt. Mit dem haben wir es nur zu thun; dessen Scheere will ich probiren, dessen Fäden verfolgen. Wahrhaftig, ein Schneider, so geschickt, daß ein römischer Kaiser ihn zu seinem Purpurmantel könnte Maß nehmen lassen.«

»Vielleicht auch eine Schneiderin«, lächelte der Böhme.

Der Kaiser schwieg nachdenklich: »Nein!« sprach er entschieden. »Wenigstens fiel ihr der Faden schon aus der Hand. Weibergespinnste sind fein, aber je feiner angelegt, um so verworrener. Sie spinnen sich im Eifer hinein, und am Ende, von Angst und Leidenschaft gestachelt, zerreißen sie das ganze Gewebe, um heraus zu kommen. Weiber kann man brauchen; das Heft läßt ihnen ein Verständiger nie in der Hand.«

»Schön ist sie noch –«

»Und gefährlich«, fiel Karl ein, aber sein Gesicht blieb regungslos. »Sie hatte die Hand in diesem Spiele, aber man hat sie hinausgewiesen. Ihren frühern Bundesgenossen traut sie nicht mehr. Sie sucht nach einem neuen. Mich möchte sie nun gewinnen. Sie nutzt uns nicht mehr, aber sie kann uns schaden.«

»Solchen Feindinnen wäre Karl von Luxemburg gewachsen.«

»Verachte nie ein Weib! Schmeichle ihren Grillen, und Du magst sie an einem seidenen Fädchen lenken; aber scherze nie mit ihrer Leidenschaft. Die schweift als die Kometen am Himmel, und des Klügsten Berechnung wird an ihr zu Schanden. Du sahst nicht ihr irres Lächeln, wie ich es sah, diesen züngelnden Blick. Hüte Dich vor der Wuth eines Weibes, die ihr Opfer sucht. Warum kam sie zu uns? Aus unbefriedigter Rache. Wenn der Durst nun gestillt wäre! vollauf gestillt, und die Wuth machte dem Mitleid Platz.«

»Unmöglich!«

»Regenschauer und Sonnenschein wechseln im April. Die Leidenschaften im Busen einer aufgebrachten Frau – genug davon. Itzt hat sie unterweilen ein Spielzeug, das muß man ihr erhalten.«

»Ein Spielzeug? Welches?«

»Der Gesell ist doch lang genug, um ihn zu bemerken, den ich in die Nacht hinausschickte.«

Der Böhme lachte: »Dem mein Kaiser den Ritterschlag –«

Karl erhob sich. Die Sache war ihm zu gering, ihr weiter Aufmerksamkeit zu schenken. Er schlug den äußern Zeltvorhang zurück, und seine Blicke schweiften über das Lager auf die Gegend, über welche die letzte Mondsichel ihr mattes Silberlicht ausgoß. Die Feuer zwischen den Zelten und Hütten schwelten aus, die Kriegslieder erstarben; nur dann und wann hörte man das Stampfen eines Rosses, den beerzten Tritt eines fernen Wächters. Sonst war tiefe Stille. Das Zelt stand auf einer Anhöhe, und eine weite flache Gegend, Wieswachs und Moor und Kieferwälder wechselten in weiten Strecken mit Feldern, auf denen der helle Sand zu Tage lag.

»Siehst Du den Nebel?« sprach Karl nach einer Weile.

Dem Böhmen fröstelte, er hatte den zottigen Pelz um seine Schultern geschlungen: »Was bedeutets?« fragte er. Er meinte, der Kaiser sehe Gespenster im Dunste.

»Wasser bedeutets,« antwortete Karl. »Da sieh auch dorthin wieder ein langer Streif. Ein Land, das solche tiefe Gründe, so breite Seen und Flüsse hat, ist kein armes Land. Gräben müssen die Sümpfe durchstechen, um sie trocken zu legen; Kanäle das Land durchschneiden.«

»Und was weiter!«

»Ein großer Kanal muß Elbe und Oder verbinden, Straßen durch die Wälder gehen, die Burgen der Ritter gebrochen; wo die kleinen Flüsse in die großen münden, feste Schlösser mit Kaiserlichen Pfalzen erbaut; sichere Hauptleute hinein gesetzt mit Völkern, die nur dem Fürsten geschworen sind. O, es läßt sich etwas hier bauen!«

»Mit den paar Feldsteinen, die im Sande liegen!«

»In jedwedem Lande baut der Mensch, mit was Stoff der Boden ihm liefert. Hats hier keine Marmorblöcke als in Welschland, liefert die Erde fetten Thon. Laß die Märker Ziegel brennen, sie verstehn es; ich will damit Schlösser bauen und Thürme, die der Zeit trotzen sollen.«

»Ihr, der Kaiser!«

»Weißt Du einen Bessern?«

»Ein besser Land, Herr, weiß ich, zehn für eins. Habt Ihr nicht Böhmen! Werden im Reiche keine Lehne offen, die mehr Eurer Sorge lohnten, die Euch zehnfach zurückgeben, was Ihr säet! – Schließt das Zelt, mein kaiserlicher Herr, das sind die giftigen Nachtnebel, die Karl von Luxemburg lüstern machen auf diese Sandbüchse.«

Karl schloß nicht das Zelt. Mit verschränkten Armen schaute er unverwandten Blickes hinaus: »Böhmen und die Marken gehören zusammen, die Lausitz ist das Band zwischen ihnen. Das Land, wo die Oder entspringt und die Elbe ein eignes Reich bis zur Ostsee, Boheim, Schlesien, die beiden Lausitz, die Marken, Pommern und die reichen slavischen Handelsstädte am Ostmeer und die am Nordmeer, unter einem Könige, das wäre ein Reich, ein Bollwerk für Deutschland gegen den Osten, als es Burgund werden könnte gegen den Westen.«

»Mein gnädigster Kaiser,« sprach der Böhme, »dies Brandenburg bleibt doch nur die Streusandbüchse des heiligen römischen Reichs.«

Karl lächelte: »Bisweilen braucht ein Fürst auch Sand zum Streuen.«

»Unsere Heiligen kriegen Zähneklappern vor Hunger, wo das Volk von Heidegrütze lebt.«

»Ich wollte es lehren, wie man dem Boden andere Früchte abgewinnt. Der Handel sollte blühen!«

»Aber dies zähe Volk! Lieber einen Wehrwolf abreiten, als einen Märker zur Zucht bringen.«

» Kennst Du das Volk?« rief der Kaiser. »Weißt Du, was es werden kann, so ein Fürst an seiner Spitze steht, der diese zähe Kraft zum Guten lenkt? Mit Füßen ward es getreten und ausgereutet fast unter den Gräueln dieser Herrschaft, und doch richtet es sich noch auf und reckt den Hals nach dem Himmel. Ich sage Dir Kochan –«

Der Kaiser schlug mit der Hand an den Pfeiler, an dem das Zelt ausgespannt hing. Eine knorrige Kiefer, die sie abgestützt hatten. »Sieh, dem Baume haben sie mit der Axt seine Aeste abgehauen, gekappt haben sie ihn und Nägel hinein getrieben, und sein Fleisch, seine Wurzeln klammern sich im Sande fest. Du meinst, er ist todt. Aber laß die Herbstregen seine Wurzeln wieder netzen, und die Frühjahrssonne den Stamm erwärmen, so treibt er wieder junge Schößlinge und grünet fort; es ist ein guter Stamm, voll gesunder Säfte. So ist auch das Volk, das auf diesem Sande wuchs. Ich wollte viel damit thun; es sollte ein großes Volk werden in Deutschland, wär es meines.«

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