Frei Lesen: Der falsche Woldemar

Kostenlose Bücher und freie Werke

Kapitelübersicht

Erstes Buch, Erstes Kapitel. | Zweites Kapitel. | Drittes Kapitel. | Viertes Kapitel. | Fünftes Kapitel. | Sechstes Kapitel. | Siebentes Kapitel. | Achtes Kapitel. | Neuntes Kapitel. | Zehntes Kapitel. | Eilftes Kapitel. | Zwölftes Kapitel. | Dreizehntes Kapitel. | Vierzehntes Kapitel. | Fünfzehntes Kapitel. | Zweites Buch, Erstes Kapitel. | Zweites Kapitel. | Drittes Kapitel. | Viertes Kapitel. | Fünftes Kapitel. | Sechstes Kapitel. | Siebentes Kapitel. | Achtes Kapitel. | Neuntes Kapitel. | Zehntes Kapitel. | Eilftes Kapitel. | Zwölftes Kapitel. | Dreizehntes Kapitel. | Vierzehntes Kapitel. | Fünfzehntes Kapitel. | Sechzehntes Kapitel. | Siebzehntes Kapitel. | Achtzehntes Kapitel. | Neunzehntes Kapitel. | Zwanzigstes Kapitel. | Einundzwanzigstes Kapitel. | Drittes Buch, Erstes Kapitel. | Zweites Kapitel. | Drittes Kapitel. | Viertes Kapitel. | Fünftes Kapitel. | Sechstes Kapitel. | Siebentes Kapitel. | Achtes Kapitel. | Neuntes Kapitel. | Zehntes Kapitel. | Eilftes Kapitel. | Zwölftes Kapitel. | Dreizehntes Kapitel. | Vierzehntes Kapitel. | Fünfzehntes Kapitel. | Sechzehntes Kapitel. | Siebzehntes Kapitel. |

Weitere Werke von Willibald Alexis

Isegrimm | Der neue Pitaval - Neue Serie, Band 9 | Geschichten aus dem Neuen Pitaval - 3 | Der neue Pitaval - Neue Serie, Band 4 | Der neue Pitaval - Band 15 |

Alle Werke von Willibald Alexis
Diese Seite bookmarken bei ...
del.icio.us Digg Furl Blinklist Technorati Yahoo My Web Google Bookmarks Spurl Mr.Wong Yigg


Dieses Werk (Der falsche Woldemar) ausdrucken 'Der falsche Woldemar' als PDF herunterladen

Willibald Alexis

Der falsche Woldemar

Siebzehntes Kapitel.

eingestellt: 23.7.2007



In der Stadt Frankfurt, die an der Oder liegt, sah es aus wie zu Mitsommerszeiten, und es war doch November. Die Blumenkränze, die an den Häusern hingen, die Fahnen, so von den Thürmen wehten, die hundert Wimpel, die auf den Oderkähnen flaggten, sprachen dem Himmel Hohn, der voll grauer Wolken hing und alltäglich seine Schleusen öffnete, und es regnete lange Stunden, ja Tage hindurch, und die Gassen waren aufgewühlt und am Markt ein großer Morast.

Wars, als achteten sie des Wetters nicht. Da waren die Trinkstuben voll und die Becher erklangen beim frohen Rundgesang; da gab es Gelage und Bankette. Da, wenn der Wind nur weniges die Wolken vertrieben, und die Dächer getrocknet, und helles Blau durch das Novembergrau vorblickte, schaarten sich aus den Gewölben und Thorwegen bunte und lustige Gestalten zusammen, und ein ausgelassener Mummenschanz trieb sich jubelnd durch die Gassen. In langen Zügen schwenkte und tanzte er hier und dorthin, und brachte Lebehochs und dabei lustige Reimsprüche Dem und Jenem, dem Bürgermeister und Syndicus oder wer sich um die Stadt verdient gemacht. Zumal aber wurde der Jubel laut und dröhnte bis über die Mauern, ja, in des Feindes Lager, und die Drommeten schmetterten und die Pauken wirbelten, wenn sie vors Rathhaus kamen. Ihr Markgraf hatte drinnen sein Quartier, und wenn sie eine Weile geschrieen, öffneten seine Kämmerer das Fenster, und er trat vor und grüßte. Sprach er noch dazu ein paar Worte von seinen treuen Frankfurtern, dann wollte das Getös kein Ende nehmen. Der Markgraf ward eher müde, ders nur anhören mußte, als die Bürger, dies ihre Kehlen kostete.

Aber es gab in Frankfurt auch andere Aufzüge. Da schmetterten auch die Drommeten und die Trommeln wirbelten und aus den Gewölben und den Thorwegen stürzten sie vor; doch nicht im bunten Maskenhabit, sondern Pickelhauben auf dem Kopfe und Büffelwämmser, Harnische und Schienen um den Leib. Die Hellebarden und Morgensterne, die Streitkolben und Streitäxte flimmerten über ihren Häuptern, und so zogen sie hinauf auf die Wälle; und die Stadtbanner rauschten auf den Mauern neben der Baierfahne. Regenschauer und Wind merkten die Tapfern nicht vor den Pfeilschauern, die um ihre Köpfe prasselten, und der gute Schild, der die Bolzen auffing, wenn er das Wasser auch auffing, das vom Himmel fiel, so that ers nebenher; die Bürger kümmerte es wenig.

Hart ängstigten die Belagerer die Stadt. So nahe ihnen standen aufgepflanzt die Banner von Anhalt, der rothe Adler von Brandenburg, und die Zeichen aller der Städte und Ritter, die zum alten Woldemar hielten. Bei Pilgram wehten die Fahnen der Sachsenherzöge, und auf dem Wege von Müncheberg her flatterten der kaiserlichen Adler so viele, daß man sich wundern konnte, wie eine einzelne Stadt Muth hätte, so Vielen und Mächtigen Trotz zu bieten, bei Unwetter und Nacht, daß man sich wundern konnte, woher die in der Nacht noch die frische Kraft hatten, daß sie immer wieder auf der Mauer standen, rüstig und frisch. Die in Frankfurt waren gezählt, die davor lagen, zählte Keiner, und die vom Sturme heut müd und wund waren, konnten sich morgen pflegen; und für sie rückten Andere auf, mit Sturmleitern und Rollwagen, drauf große Reisigbunde lagen, ihnen zum Schutz, bis sie an die Gräben kamen, und dann warfen sie die Bunde hinunter und sprangen nach, und ihre Leitern klirrten an den Mauern.

Aber die von Frankfurt konnten sich nicht ängstigen. Mocht es zur Nachtzeit sein, oder im Morgennebel und die Wolken trieften, sie sprangen auf, nach dem Spieß hinter der Thür, wann der Thürmer ins Horn stieß und die Trommeln wirbelten. Da loderten ihre Feuerbecken und Pechfackeln, daß sie durch die Nacht sähen, da siedeten ihre Frauen heißen Brei für die Stürmenden, als sie sagten, daß die armen Schelmen sich wärmen sollten, und stürzten ihn aus den großen Häfen über ihre Köpfe. Kein Feind kam bis auf die Wälle, oder sie zogen ihn mit Stricken hinauf, da er jämmerlich an der Leiter hing, und um Quartier bat. Keine größere Lust für die Frankfurter aber, als so die Feinde unter ihrem Schilddach, das sie über ihren Köpfen schlugen, anrückten, und ihre großen Schleudern werfen Feldsteine und Eichenklötze drauf, daß das Dach barst und zerriß. Die Stürmenden stürzten auseinander und fielen übereinander. Dann hagelten nur so die Pfeile von den Mauern. Und doch gabs noch eine größere Lust. So der Sturm abgeschlagen war, und der Feldhauptmann der Belagerer ließ zum Abzug blasen. Das war ein lautes Hohngelächter auf den Wällen, auch die Todwunden schrieen mit. Da hieß es: Seht nur die Pfaffenknechte. Da schalten sie die tapfern Brandenburger Lügenknechte, weil sie einem falschen Manne dienten.

Den Regen nannten die Frankfurter ihren liebsten Bundesgenossen, und den Wind ihren Busenfreund. Sie mochten beide ertragen unter ihren Dächern, und wenn ihre Straßen auch träuften, und ein Kothmeer waren, in einer Stadt hilft man sich schon; aber die draußen blieben drin stecken bis an die Waden, denn der Boden ist dort fett, und Manchen hätten sie mit Schlingen fangen mögen, die sie von den Mauern auswarfen. Und der Wind warf ihre Zelte um. Es ist im Spätherbst schlecht Krieg führen. Darum gelobte der Rath in Frankfurt, er wolle, wenn Friede wäre und der Bann gelöst, allen Marienbildern, so viel ihrer in der Stadt und im Weichbilde standen, neue Mäntel schenken, um des Segens willen, so die heilige Jungfrau ihnen geschenkt.

Es war ein heißer Morgen gewesen, nicht von der Sonne, die hatte vierzehn Tage nicht geschienen über Frankfurt, sondern vom Streite. Der Sturm war abgeschlagen, minder von den Pfeilen, die um die Hauben der Stürmenden schwirrten, als vom Wetter, das sich drein geschlagen, als wärs unwillig so langen Kampfes, der zu keinem Ende führte. So blutig es in der Nacht herging, sah man doch eine Viertelstunde danach an den Wällen nichts vom Blute; die Regengüsse hatten es fortgeschwemmt. Die Belagerer waren froh, wie sie ihre Hütten erreichten, es dachte Keiner daran, sie zu verfolgen; die Bürger krochen müde in ihre Kämmerlein. Ihre Frauen kochten ihnen warme Suppen von Bier und Gewürz. Kaum brauchte es der Wächter auf der Mauer. In dem Schlagwetter wäre Sanct Jürgen selbst nicht ausgeritten, um den Drachen zu suchen.

Im großen Saale des Rathhauses trat Markgraf Ludewig ein, als er vom Walle kam. Er träufte von Wasser. Da ihm die Kämmerer den Harnisch abnahmen und die Schienen losschnallten, wollten sie ihm auch das Wamms ausziehen, und brachten trockne Kleider. Denn ein Stahlpanzer hält wohl Geschosse ab, die des Menschen Hand schnellt, aber nicht die, die der Himmel herabschickt. Doch Ludewig duldete es nicht: »Wein her!« rief er. Er wollte von innen aus trocknen.

Da erst bemerkte er am Fenster einen blassen Jüngling, der im grünen Polsterstuhle saß, den Kopf im Arm gestützt. Er schaute durch die runden Scheiben auf die Wasserströme, die aus den Drachenköpfen auf die Erde träuften, und dann schaute er hinauf nach der Wetterfahne am Thurm. Er sah so trüb auf als das Wetter, nur nicht so stürmisch.

»Kommst Du als Sieger wieder!« sprach der Jüngling gleichgültig.

»Grüß Dich Gott, mein Gefangener!« erwiderte Ludewig. Denn es war ein Gefangener, nicht in Ketten, aber an seinem stolzen Ritterwamms hing nicht Schwert und Dolch, das Gehenk war leer.

»Als Sieger gewiß,« fuhr der Baier fort. »So ich aber noch zehn Mal auf die Art siege, will ich meinem Heiligen hundert armdicke Kerzen geloben, daß er mich auch Mal verlieren läßt.«

Er schenkte den Humpen voll und stürzte ihn auf das Wohl des Andern aus; aber er setzte ihn nieder mit einem hellen Fluch, als ihn wohl ein Ritter braucht, aber ein Fürst bedächte sich: »Das ist kein Krieg, sage ich Dir, wo es keine Abwechselung giebt. Wochenlang hinter Mauern liegen, das halte ein Andrer aus.«

»Troja hielt zehn Jahr vor den Griechenrittern aus, und Hector verzagte nicht.«

Ein boshaft Lächeln breitete sich über Ludewigs Lippen: »Ein schönes Troja, dies Frankfurt! Der Bürgermeister und sein Rath sollten Dir einen Ehrenbecher bringen für den schmeichelhaften Vergleich.«

»Es ist Deine Stadt!«

»Beinah hätt ichs vergessen.«

»Dein Reich, für das Du fichst. Du nennst es Dein Volk. Mit Deinem Herzblut ists nicht zu theuer erkauft, und Deine Ehre hängt dran. Und Du – bist frei.«

Der Gefangene war aufgestanden, sein blaß Gesicht war roth worden, ein schmerzlich Gefühl hatte ihn übermannt, und er wandte sich ab.

Da stampfte Ludewig den Becher auf den Tisch und sprang auch auf: »Verdammt, daß ichs vergaß, Woldemar, vergieb mirs, Graf von Anhalt; aber Du gestehst, unter diesen Ellenreitern vergißt sich seine Rittersitte. Gieb mir die Hand.«

Er faßte den Arm des Andern und zog ihn freundlich zu sich, und schüttelte seine beiden Arme: »Zu mir, und thu mir Bescheid. Ein Gefangener und der ihn fing, sind nimmer Feinde. Denn dieser freut sich gleich als ein Kunstmeister seines Werkes, das seine Arbeit ist.«

Woldemar lächelte: »Ob sich aber das Werk allemal freut, daß der Künstler es machte!«

Er war ein schlechter Zechgenosse, der Graf von Anhalt.

»Dein Wundfieber ist vorüber,« sprach der Baier. »Mein wälscher Meister, der seine Kunst versteht, sagt, Du könntest wieder trinken als ein rechtschaffener Ritter. Stoß an: Auf Besserwerden! Das Kriegsglück ist ein launisch Weib. Sie giebt sich nicht dem besten Mann, sondern der ihr zum besten gefällt. Um deshalb soll man aber nimmer verzagen. Denn aus Lust zum Wechsel wirft sich die Dirne Dir doch wieder um den Hals, und das, wenn Du es am wenigsten erwartest.

»Vielleicht auch am wenigsten verdiene,« sprach Woldemar vor sich.

»Was fehlt Dir bei mir?« fuhr Ludewig fort, der einen Becher um den andern ausstürzte. »Sei mir Freund, als es meinem Vater, den Gott seelig habe, Friedrich von Oestreich war. Mein Vater, Ludewig der Kaiser, fing den Herzog von Oestreich als ich Dich fing, in offener ehrlicher Schlacht. – Freilich, Dich fing ich in der Nacht, und es ging nicht so ehrlich zu in Brietzen. Was thuts! – Ludewig und Friedrich, wie wir, sie stritten um eine Krone. Jeder hielt sich für den würdigsten, und darum nur, um nichts Anderes, waren sie sich feind. Hassen wir uns etwa? – Und darauf, nachdem er ihn lange Jahre in ritterlicher Haft gehalten, reichte mein Vater dem Oesterreicher die Hand: willst du mein Freund sein, so sollst du nicht länger mein Gefangener sein, nein, du sollst mit mir theilen, Tisch und Lager, Sorge und Freude, das Regiment und die Krone. – Nun, Herr Graf von Anhalt, soll ich Dir erzählen, wie es ward? Auf den Straßen kannst Du es hören. Am Main und an der Donau singen sie noch die schönen Lieder von Ludewigs und Friedrichs Freundschaft, und von der deutschen Treue. – Was hindert Dich und mich, es auch so zu machen? – Was um eine Kaiserkrone ging, geht es nicht um einen Fürstenhut! Vertrugen sie sich um das ganze deutsche Reich, wie, sollten wir uns nicht um das lumpige Brandenburg vertragen? – Bedenke es, und schlage ein. Mit frohem Herzen laß ich blasen, und zieh noch heut nach Baiern. Du bleibst als mein Statthalter. –«

»Das ist aus der Mährchenwelt!«

»Ei Du liebst sie ja. Als man sagt, kennst Du die Wälder, und das lose Volk darin. Ja, man will behaupten –«

»Daß der ein Thor sei,« unterbrach ihn Woldemar, »der auf die Falkenbeize geht, wo nur Krähen schwärmen.«

»Ich meinte es gut mit Dir,« sprach Ludewig, aber es war eine Miene, als ein großer Mann einem Kleinen. sagt, daß er sein Freund sei.

»Es meinens all zu viele gut mit mir,« entgegnete Woldemar. »Ich habe genug Beschützer und Vormünder, und will für mich selbst stehen.«

Der Baiernfürst war aufgestanden und klopfte dem Andern auf die Schulter: »Dafür bist Du zu klein, Vetter.«

Als hätte er drei Humpen geleert, glühte des Grafen Antlitz voll edlen Zornes. Unwillkürlich griff er nach der Linken, als führte er noch ein Schwert:

»Herzog! das fordert Blut!«

»Sobald Du Dich losgekauft, wann und wo Du willst. Mit seinem Gefangenen schlägt sich Niemand. Er könnte sich ja das Lösegeld todt schlagen. – Laßt gut sein, Woldemar. Ist denn klein sein ein Schimpf? Da würde der Handschuh in viele tausend Stücke gerissen, so alle ihn aufnehmen wollten, dies trifft. Die Zeit der Riesen ist vorüber, seit die Zwerge sich zusammenthun. Das müssen wir auch lernen, Freund, Jeder von uns, es ist Keiner groß genug, um für sich allein zu stehen. Mein Vater Ludewig war auch ein großer Mann. Es rühmtens Viele. Konnte er dem Bunde der Kleinen widerstehen? Grade der Kleinste unter seinen kleinen Gegnern, der Lützelburger Ränkeschmied, der böhmische Fuchs, kam auf wider ihn, weil er der Verschmitzteste war, und mein Vater ihn zum wenigsten achtete. Du handelst klug, Vetter, daß Du nicht zu mir kommst, daß Du drüben bleiben willst. Das sind gescheite Leute, ein wahrer Wespenbau; gegen den kommt auch ein Adler nicht auf. Weil ich einen lebendigen Mann, den sie mir gegenüber stellten, aus dem Sattel heben könnte, haben sie einen Todten aufs Roß gesetzt. Wo soll den eine Lanze treffen, der nichts ist als ein Schatten und ein Klang. Zahle Dein Lösegeld, Woldemar, reite hinüber und wirf Dich ihm zu Füßen, schwöre, Du willst an ihn glauben, und er giebt Dir auch einen Bissen ab. Anders bekommst Du nichts. Glaubt Deinem ehrlichen Feinde.«

»Nimmermehr.«

»Zwing Dich zum Glauben, als die Uebrigen. O, es ist eine Lust zu sehen, wie Einer um den Andern, als hätt er Bauchgrimmen, sich drückt und windet, bis der pure, helle Glaube rauskommt. Wie der Zweite den Ersten überbietet im bessern Wissen, um einen bessern Bissen. Der Kaiser Fuchs wird Gericht halten. Da gelten Zeugen. Was ist ein Eid? Ein Hauch, der von den Lippen kommt. Was davon auf dem Gewissen sitzen bleibt, waschen die Pfaffen mit vollgültiger Absolution Dir ab. Wozu giebts falsche Zeugnisse, wenn man sie nicht bei einem falschen Manne brauchen sollte! Wenns Meineide giebt, um was lohnt sich Einer mehr, als um eine Krone! Dein Ohm schwor, er habe ihn bei Stralsund gesehen; schwöre Du – was weiß ichs – aber mehr muß es sein, als die Andern, sonst ist Deine Waare schimmlicht und findet keinen Käufer. Am gescheitesten, Vetter, laß Dirs von den Glatzen sagen, Wort um Wort, lern es auswendig. Du schwörst da was trifft, denn ich bin Dir gut und möchte nicht, daß Du umsonst Deine Seele verkaufst.«

Der junge Woldemar stand aufrecht: »Wir sind Feinde, Herzog Ludewig. Mein Anrecht auf dies gute Land, ich laß es Dir nicht, Dir zum Wenigsten, der Du das Gut nicht schätzest, das treue, gute Volk nicht liebst. Der ist nur seines Volkes wahrer Fürst, der es liebt, mehr als sich selbst; wills Gott, wir kämpfen noch einmal darum, in guten Ehren. Markgraf will ich sein, sos Gott fügt, nicht Statthalter. Aber bei allen wahrhaftigen Märtyrern, den falschen Mann erkenne ich nicht an. Mein Recht ist rein und gut als mein Wille. Verflucht die Gabe, und verwirkt sei mein Recht, so ichs einem Betrüger verdanke.«

Ludewig lächelte: »Demnach thäte ich am gescheitesten, ich ließe Dich umsonst frei. Wer unter seinen Feinden Zwietracht säet, hat halb gewonnen.«

»Dank Dir Deine Großmuth. Einmal werden diese Mauern weichen.«

»Rechne nicht darauf, lieber Vetter. Der Herbst war mir ein guter Bundesgenoß, ein weit beßrer noch wird der Winter. Die Völker der Belagerer werden schon mürrisch, sie hungern; die Seuchen raffen viel Leute fort. Der Schnee und die Wölfe in der Müncheberger Heide sind gut baiersch gesinnt. Rechne auch nicht auf Deine Sippschaft. Der Krieg kostet Geld. Dein Oheim erschrak, Dein Vater in Dessau ließ sagen, es sei unmöglich, so viel Lösegeld aufzubringen. Und Deine Vettern von Sachsen, meinst Du, daß die ihr Hemd vom Leibe ziehen werden, Einen loszukaufen, der ihre Erbschaft schmälert? Oder die Bischöfe? O, die werden Seelenmessen für Deine gefangene Seele lesen! Oder der Kaiser? Der Böhme zahlt mir wohl ein halb Pfund Groschen, wenn ich Dich nicht los lasse. Denn sie behaupten, mein lieber Vetter, Ihr von Dessau hättet einen absondern Bund geschlossen, und der Mann sei Euer Mann, und Dir, gerade Dir solle er die Mark verschreiben, zu Abgunst der Andern. Das wäre sehr fein, daß Betrüger sich unter einander betrögen, aber Karl ist noch ein feinerer Betrüger. Er will allesammt betrügen und die Mark für sich.«

»Fünfhundert Mark!« rief der Graf aus.

»Ich brauche zum Kriege Geld.«

»Es ist viel Geld für ein kleines Ländchen!«

»Soll ich Dich geringer schätzen, mein Vetter!«

»Ich zahle sie! Auf mein Wort, Herzog Ludewig, ich bringe die fünfhundert Mark auf, wenn ich frei bin. Laß mich los, auf mein fürstlich, auf mein ritterlich Ehrenwort. Du sollst deß keinen Schaden haben.«

Der Markgraf Ludewig schwieg eine Weile; schiens, als hole er die Antwort mit einem langsamen Zuge aus der Kanne: »Bleib bei mir, Vetter, und trink mit mir, das ist gescheiter. Für Dich und mich. Sieh, Vetter, Deinem Worte trau ich. Dein Wort ist Geld. Aber wer nimmt es als Geld, wenn es ein Wort bleibt? – O, fahre nicht auf, Du willst zahlen auf Heller und Pfennig. Wie aber, wenn Deine Vettern nicht wollen, wenn Dir kein Christ und Jude borgt? – Dann kommst Du wieder. – Ich glaubs, daß Dus jetzt willst. Aber ein Vogel, wenn er einmal frei ist, da mag der Vogler lange pfeifen. – Ruhig, lieber Vetter, ich trau Dir, aber den Andern trau ich nicht. Die binden Dich vielleicht fest. Klagst ja selbst über ihr Gängelband. Oder Dich trifft ein Pfeil, ein Stein, wer zahlt mir dann die fünfhundert Mark? Bei meiner Liebe zu Dir, ich mags nicht auf mich nehmen, daß Du als ein Wortbrüchiger aus der Welt gehst. In Summa, da ich Dein Lösegeld brauche und diese Welt voller Ränke und Hinterlist steckt, ists sicherer, ich behalte Dich, und nicht Dein Wort. Du bist mir ein lieber Kumpan, aber was hab ich an Deinem Worte? Kanns mit mir würfeln, zechen, singen? Was ist ein Wort, ein Ehrenwort, ein Ritterwort, ein Fürstenwort? Vetter, wenn mans auf die Wagschaal legt, wahrhaftig, nicht mehr als ein Schall.«

Da wandte der junge Fürst das Gesicht ab, und mochte denken an Ludewigs kaiserlichen Vater und seinen Freund, Friedrich den Oesterreicher. Denen hatte ein Wort mehr gegolten.

Ludewig war lustig und guter Dinge, als Einer, der auf saure Arbeit den vollen Becher stürzt, und merkte nicht, wie die leichte Rede den Andern verdroß. Aber sein Gesicht verzog sich lang, da Abgeordnete des Raths gemeldet wurden. Ihm wären Zechgenossen lieber gewesen.

Sie traten ein, die ernsten Gesichter und neigten sich tief, und er grüßte sie adlig und setzte sich. Dann winkte er ihnen, daß sie sprächen. Bei sich dachte er: »muß ich schon wieder eine Rede hören!« Er mußte es, denn er hatte den Rath angegangen um ein Darlehn, und sie brachten ihm den Bescheid.

Eicke Wins war Sprecher für die Stadt. Er redete viel und Gutes; aber der Fürst hörte nicht, was er hören wollte. Von der Frankfurter Treue und festem Glauben an ihren Herrn huben sie an, und daß sie nicht wanken und weichen wollten, ob auch alle Städte und Herren sich dem falschen Manne verschworen, und der Kaiser selber ihnen anders gebiete, was sie doch zu Gott nicht hofften. Aber sie wüßten, daß Markgraf Woldemar der Große eines wirklichen Todes verstorben und begraben ruhe zu Chorin, und es sei eitel Pfaffentrug, daß er aufgestanden, und auch eines Kaisers Wort könne einen Todten nicht lebendig machen.

So ein Fürst hören muß, was er längst weiß, wer verargts ihm, daß er ungeduldig wird! Ludewig sprang auf, und drückte die Hand dem Rathsherrn auf die Schulter: »Daran erkenn ich die Weisheit meiner Frankfurter. Ein todter Mann bleibt todt, wir aber habens mit dem Lebendigen zu thun. Nicht wahr, Herr Eicke Wins, für seines Fürsten Leben giebt ein guter Bürger, was er hat? Der Todte kanns ihm nicht wiedergeben, aber der Lebendige lohnts ihm.«

Eicke Wins neigte sich tief: »Herr, Ihr sprecht ein gerechtes Wort. Das haben die Frankfurter bewiesen und beweisens Tag um Tag, und wollens fürder beweisen. Und so unsere Mauern brechen, auch dann noch wollen wir stehen, selber als eine Mauer um unsern Markgrafen, denn er ists. Hundert und Etliche sind schon gefallen, und Viele liegen in den Siechhäusern, aber als der Rath die Gemeinheit fragte –«

»Da antworteten die wackeren Frankfurter«, unterbrach ihn der Fürst, »bis in den Tod! Ich weiß es, lieber Getreuer, hab es selbsten gehört. Aber bei Gott, ich will nicht Euren Tod. Euer Glück will ich, Euren Frieden. Ist nichts mir zu theuer, daß ich ihn nicht damit erkaufe.«

»Das weiß die Stadt«, fuhr der Rathsherr fort. »Und als ein schlechter Mann sagte: Du wolltest uns dem Kaiser verkaufen, so er Dir Geldes genug biete, den ließ der Rath greifen und schlagen, denn nicht um Geld ist Dir zu thun, sondern als Du sagtest –«

»Richtig, richtig!« unterbrach der Markgraf. »Wer mit Karl von Böhmen handelt, verliert. Nun wißt Ihr aber als gute Kaufleute, die gar viel durch meinen Hofhalt gewonnen, die ich mit Privilegien beschenkt, und deren Handel blüht, daß ein Fürst zum Kriege Geld bedarf. Für Euch führe ich diesen Krieg, für Handel, für Eure reiche Stadt.«

»Die reich war vor dem Kriege«, sagte schnell der Rathsherr. »Die Zufuhr von drüben über der Oder wird von Tag zu Tag sparsamer. Unsere Truhen wurden auch leer. Unsere Ausrüstung, die Ausbesserung der Wälle kostete schweres Geld, ohne das, was wir zur Bezahlung Deiner Völker bereits vorschoben. Unser Handel ist todt, die Straßen gesperrt, unsere Kähne liegen brach, unser Nothstand ist groß –«

»Und demnach wird mein treues Frankfurt –«

»Den Namen verdienen, als Du ihn dem alten Brietzen schenktest. Mit Leib und Seele. Herr –«

»Das weiß ich, und die tausend Mark –«

»Die können wir nicht auftreiben, gnädigster Herr.«

Ludewig fuhr köpflings in die Höhe. Sein Blick war nicht holdseelig: »Nicht auftreiben!«

»Ist uns unmöglich, durchlauchtigster Markgraf. Wir erwogens gestern im Rath, beschliefens drauf bei uns, und habens heut noch mal erwogen im Rath –«

»So vieler Rath um nichts! Bei den heiligen drei Königen, ich hätte Euch allen Rath geschenkt, so Ihr das Geld gebracht.«

»Du wollest nun gnädig erwägen, hoher Herr, und darum sind wir hier: Erstens –«

»Erstens, Ihr bringt nichts, zweitens, Ihr wollt nichts bringen, und drittens, scheert Euch zum Henker!« rief der aufgebrachte Fürst und ging mit großen Schritten auf und ab.

Aber die Bürger jener Zeit ließen sich nicht durch ein rauh Wort abschrecken, klagten auch nicht, daß es ihnen unendlichen Schmerz mache, die Ungnade ihres Fürsten. Neigten sich zwar die drei Rathsherren tief als es sich schickte, standen aber fest auf ihren Füßen, und sprach eben so fest der Eicke Wins:

»Erstens wollten wir Dich bitten, daß Du um deshalben nicht ungeduldig auf Deine treue Stadt Frankfurt blicken mögest, sintemalen wir die tausend Mark nicht um looser Gründe willen, sondern nach reifem Vorbedacht, und in Erwägung der gemeinen Noth verweigern müssen. Da Du aber, als wir nicht zweifeln, des Geldes ermangelst und zur Führung der Fehde bedarfst, wollte Dir der Rath untertänigst anheim geben, ob Du nicht denen Juden eine Schätzung auflegen möchtest; als, wie Dir und männiglich bekannt ist, dieses Volk in der letzten Zeit durch Wucher und Zinsen und Schacher sich über die Maaßen bereichert, und es durch die Sünden der Väter und die Verfolgung unseres Herrn und Heilands, so von Alters als in unsern Zeiten, sattsam verdient hat, daß man eine schwere Hand auf sie lege.«

Ludewig blieb stehen und strich seinen Bart: »Ei seht doch, kam Euch die Weisheit über Nacht? Es sind gescheite Leute, meine Frankfurter. Die armen Juden sollen zahlen!«

»Sie sind nicht arm, gnädigster Markgraf. Das Volk ist eitel Lüge, Lüge vom Wirbel bis zur Zeh. Ihre Lumpen stecken voll Goldes. Wenn man in ihre schmutzigen Häuser brechen wollte, man würde erschrecken, was Reichtum sich da findet.«

»Ihr mögt sie nicht auf Eurer Messe?«

»Sie sind unsre andern Blutsauger, das ist wahr. Die Pfaffen sind wir los, aber die Juden, wer wird die los, wo sie einmal nisten! Sie verderben Handel und Wandel, und wie die Raupen sind sie da, man weiß nicht, woher. Wir liegen zu nahe an Polen, das heckt sie.«

»Das ist Euer ganzer Rath für mich?«

»So Ihrs uns heißet, gehn wir Euch auch getreulich zur Hand, und weisen Eurem Schatzmeister, als gute Unterthanen, Diejenigen, so die Schätzung am leichtesten aufbringen.«

Ludewig erhob sich fürstlich: »Sagt Eurem Rath, so er Rath will, braucht Ludewig von Baiern nicht ans Rathhaus von Frankfurt zu klopfen. Die Juden sind meine guten und lieben Kammerknechte. Sagt das dem Rathe. Will nicht Aufrederei gegen meine Juden. Sagt das dem Rathe. Sagt ihm noch, Himmel und Hölle! sagt ihm, was ihr wollt und haltet das Maul. Euren Rath, steckt ihn ein und freßt ihn auf, mit Stumpf und Stiel. Mir nutzt er nichts.«

Betkin von Osten, der mit den Abgeordneten eingetreten war, zupfte dem Fürsten am Rock: »Er nutzt Euch doch.«

»Schändlich! mir meine Juden anzugeben!« fuhr der Markgraf fort. »Fleißige bescheidene Leute ums Ihre bringen. Schönen Dank für die Freiheiten und Privilegien, mit denen ich die knickrigen Krämerherrn überschüttet! Bin ich ein Räuber? Ich bin ein Fürst!«

Betkin Osten stand hinter ihm: »Herr greift zu, der Rath ist gut. Die Juden sind gut. Schatzt sie!«

Ludewig sprach ihm ins Ohr: »Ich habe sie ja schon geschatzt.«

»Wann?«

»Ehegestern, heimlich!«

»Was thuts! – heut noch ein Mal. Du mußt der treuen Stadt was zu Liebe thun. Die kränkst Du, wenn Du ihren guten Rath abschlägst.«

Ludewig zuckte die Achseln: »Es geht nicht mehr.«

»Die Juden haben immer Geld.«

»Die verfluchten Juden!« stieß Ludewig zwischen Fluch und Seufzer aus, »haben mir abgezwackt da einen Revers, daß ich sie bei der allerheiligsten Jungfrau nie mehr schatzen will.«

Herr Eicke Wins trat wieder vor: »Des nächsten zum zweiten, damit Du nicht vermeinest, hoher Herr, wir weigerten des Geldes uns aus störrigem Sinn und nicht aus gutem Vorbedacht und nach gutem Beschluß, haben wir unsere Gründe durch unsern Syndicus ausarbeiten und niederschreiben lassen, so auf sächsisch als auf lateinisch und zu Pergament sauber bringen, und unser Stadt Insiegel daran gehängt. Wollest die Urkund gnädig hinnehmen und Unser in Liebe gedenken.«

Ludewig nahm wohl das Pergament, es wog leicht in seiner Hand.

»Ihr lieben Getreuen von Frankfurt!« sprach er, »Ihr sollt nicht sagen, daß ich zornig bin. Da Ihr Eurem Fürsten nichts geben wollt, darf er auch nichts von Euch nehmen. Als ich Euer Geld nicht kriege, will ich auch nicht Eure Gründe. Schließt sie in Euer Archiv zum ewigen Angedenken dessen, daß Ihr Euren Fürsten in seiner Noth stecken lasset. Bin Euch übrigens in Gnade gewogen.«

Er winkte ihnen, daß sie gehen sollten. Aber Betkin Osten, der gesehen, daß der Eine noch etwas unterm Mantel trug, sprach zum Markgrafen: »Die guten Leute haben, als ich meine noch ein Drittes.«

»Durchlauchtigster Herr! Als wir Dir gesagt, kann die Stadt nicht aufbringen das Darlehn, das Du gnädigst von ihr forderst. Jedennoch haben die von den Geschlechtern absonders sich berathen, was ihnen möglich wäre, daß sie zusammen schössen, daß sie Dir zeigen, wie sie treu an Dir hängen. Darum so haben wir zum Aeußersten zusammengebracht Funfzig Mark, so wir Dir verehren wollen, und bitten Dich, daß Du selbige als eine Verehrung gnädiglich von uns hinnähmst.«

»Was!« rief Ludwig auf. »Den Bettel mir! Tausend Mark und dafür funfzig! Mit einem Zehrpfennig mich abspeisen, als wär ich ein Bettelritter, der von Stadt zu Stadt reitet. Aus den Augen mir! Ludewig von Baiern bin ich, und Ihr, zum Teufel mit Euch!«

Da gingen die Herren langsam. Ludwig saß mit kochendem Gesicht im Armstuhl.

»Funfzig Mark!« sagte nachdenklich Betkin Osten.

»Abscheulich! So mit seinem Fürsten und Landesherrn verkehren!« sprach Ludewig. »Als wär es um funfzig Mark zu thun.«

»Nicht als Anlehn, als Verehrung«, sagte der Osten. »Sie habens baar unterm Mantel, ich sah es.«

»Bei sich haben sies?«

»Jetzt gehen sie raus. Soll ich sie zurückrufen?«

»Sie verdienens nicht«, sprach der Fürst nach einer Weile. »Aber man muß ihnen auch nicht vor den Kopf stoßen.«

»Das Pack verstehts nicht besser, gnädiger Herr.«

»Weißt Du was! Ruf sie zurück. Sie haben doch nen guten Willen. Den muß man ehren.«

Die Rathsherren kamen zurück, und das Geld glänzte in neu geprägten Silberstücken auf dem grünen Tische. Der Herr war freundlich, und sprach wieder gnädig mit ihnen, und ließ ihnen durch seine Schenken einen Becher reichen. Den leerten sie, mit einem Knie gebeugt, und auf das Wohlsein ihres gnadenreichen Fürsten und Herrn. Der ward immer holdseliger und fragte sie nach Dem und Jenem und was wohl die Wünsche seiner lieben Frankfurter wären?

»Als Du uns vergönnest«, sprach Eicke Wins, »zu reden, wie uns ums Herz ist, daran wir unsern wahrhaften Herrn erkennen, so ist es wohl schwer, was uns drückt. Das Viertel eines Jahrhunderts lastet nun schon der Bann auf uns. Hören wir nicht Meßgeläut und Glockenklang, und der Weihrauch duftet nicht in unsern Kirchen. Die Pfaffen sind herrschsüchtig, gefräßig und unkeusch und habgierig über die Maaßen. Das ist wohl wahr, und der Mensch kann sonder Pfaffen leben, die nicht zum Guten führen, vielmehr zum Bösen. Aber der Mensch kann doch nicht leben ohne den Herrn und seine Heiligen und seine allerheiligste Kirche. Was gute Leute sind, das hilft sich. Aber der gemeine Mann lebt als die Heiden ins Gelag hinein, ja, möcht ich sagen, als das liebe Vieh, denn er verlernt die heiligen Gebete und Gebräuche. Weiß kaum Mancher noch, wie er den Englischen Gruß machen soll und fällt nicht aufs Knie, wo er etwan einen Priester sieht, der das Allerheiligste trägt; ja, es ist schrecklich zu sagen, sie lachen darüber, als wär es Heidentand. Das ist wohl arg, und wollte Gott, daß es anders wäre. Lieber, gnädiger Herre, darum wollten wir Dich bitten, daß, als es ginge, Du machtest, daß die Glocken wieder läuteten in unserm Lande.«

Der Markgraf war sehr ernst worden, aber nicht bös schaute er sie an: »Könnt ichs, Ihr Herren«, seufzte er, »es sollten die Glocken wieder läuten hell als in Tyrol und Baiern durch alle Marken. Gott bessers! Er wirds bessern. Was wünscht Ihr sonst?«

Da räusperten sich die Herren und besprachen sich leis. Sie wagten nicht recht mit heraus; sie meinten, es sei fast zu viel gebeten.

»Durchlauchtigster Herr Markgraf, hub endlich der Wins an, »dem Brietzen an der Grenze hast Du den Namen geben Treuenbrietzen. Sind wir deß weniger werth, Dein treues Frankfurt, das an Dir hielt durch die vierundzwanzig Jahre und jetzt die saure Belagerung ausficht sonder Murren?«

Der Markgraf schwieg.

»Gebts ihnen«, flüsterte der von Osten, der hinterm Stuhle des Fürsten stand. »Es kostet nichts.«

»Wir wollens überschlagen«, sprach der Fürst. »Heut will ichs erwägen im Rathe, über Nacht beschlafen und morgen will ich beschließen.«

Der Osten verzog den Mund und trat vertraulich an die Rathsherren: »Was gilt Euch der Name? S ein schöner Name: Treuenfrankfurt.«

Die Herren sahen ihn an, aber Eicke Wins sprach: »Herr von Osten! die Treue erkauft Niemand, die kommt aus dem Herzen.«

»Ihr seid in Gnaden entlassen, meine lieben getreuen Frankfurter«, sprach Ludwig und stand auf. »Von Herzen gern gäb ich Euch den Namen, aber als Reichsfürst muß ich nebenbei Bedenken tragen, so Erwägung heischen vor Kaiser und Reich. Dem einen Brietzen konnt ichs schenken, daß es treu heiße, denn das andere Brietzen an der Oder gehört mir auch, und ists ihm gerechte Strafe, weil es am Betrüger hält. Aber das Frankfurt im Reich gehört mir nicht; und wärs eine arge Kränkung der Kaiserstadt, wo mein Vater gekrönt wurde, so Ihr an der Oder Treuenfrankfurt würdet und die am Main nennte man wohl gar das untreue Frankfurt. Darum, Ihr Lieben, bescheidet Euch bis auf Weiteres. In meinem Herzen seid Ihr Treuenfrankfurt. Das Uebrige wollen wir beschlafen.«

Die Rathsherren waren gegangen, ihr Geld geblieben. Ludewig sprang auf: »Zum höllischen Pestpfuhl die Krämerseelen! Treue und kein Geld! Ich wills in Aufschlag geben das treue Frankfurt! Wer zum meisten bietet, hats!«

Er ging zornig auf und ab: »Holla, Herr Vetter von Anhalt, Ihr seid im Preis gestiegen! – Wißt Ihr, wie viel Ihr mir heute werth wurdet! Tausend Mark. Bei Gott im Himmel! ich brauche Geld! tausend Mark, Vetter. Laß Euch nicht los, um keinen Heller weniger, so wahr ich Ludewig der Baier bin.«

Markgraf Ludewig war ein ritterlicher Herr und an seiner Sitte mochtens Wenige ihm gleich thun; heut war er aber in wirrscher Laune. Und dann sind die Feinen oft am schlimmsten. Ists mit der Feinheit ein doppelt Ding. Die es von Seele sind, und ihr Wandel war gottgefällig, bleibens auch, wenn es schlimm geht. Die aber in Ueppigkeit und als Gewaltige ihrer Lust nachlebten, und nur fein waren vor den Leuten, als wie man ein glänzend Kleid anzieht, damit man gefällt, die werden, wenn es schlimm geht, recht unfein und ausfahrend, als kehren sie dann heraus, das die so lang verschließen mußten, und wollen sich nun entschädigen für den Zwang.

Markgraf Ludewig fuhr umher, da der Graf Woldemar hinausgegangen, als wär er nicht unter seinem Getreuen, deren er doch bedurfte in seinen Nöthen. Da war ihm Das und Jenes nicht recht, da hätte Der das thun sollen und Jener dieses und schmähte auf die Mark und ihre Leute, daß sies gar nicht verdienten, was er um sie thue. Was habe er davon als Verdruß und Undank. Und so ers recht bedenke, thue er am gescheitesten, so er sie dem Kaiser verkaufe. Der Böhme sei der rechte Herr für solch ein Land.

Hatte er gemeint, sie würden widersprechen, da hatte er sich geirrt; sie schwiegen. Ein Ritter sprach: »Man muß es dem Luxemburger lassen, Ordnung weiß er einzuführen, wo er das Regiment hat.«

Das gefiel Ludwig noch übler, daß seine eigenen Mannen seinen Feind lobten.

»Das mein ich, daß der Luxemburger sein Geld gut anwendet«, sprach er. »Bezahlt meine Räthe, daß sie ihm das Wort führen. Wißt Ihr noch mehr zu seinen Gunsten? Wollt mich ihm verkaufen? – Was sag ich, Ihr habts ja schon gethan.« Er war aufgesprungen und schritt zornig umher. Mancher, den sein Blick da traf, senkte die Augen.

»Sünd und Schande! in meiner Ritter Taschen klimpert des Kaisers Geld. – Beschwatzen ließen sie sich von einem Pfaffen. – Wo wären wir heut, wenn meine Ritter Männer waren!«

»Herr!« sagte Betkin Osten, der auch die Augen niedergeschlagen hatte, »Friedrich von Lochen rieth es uns selber.«

»Wenn Einer Geld fortwirft, soll mans nicht liegen lassen«, sagte Konrad Winning, »zumal Feindesgeld.«

Der von Sack aber sprach: »Und rein fortgeworfen wars. Ohnedem hätten wir ihn nicht angegriffen. Wir waren zu schwach.«

»Sind wir jetzt stark«, sagte Ludewig, »da sie uns in das Mausenest gesperrt.«

»Stärker als damals«, sprach der von Sack. »Der Feind, als er auf Saarmund ausrückte, da schon war er doppelt so stark als wir. Unterwegs strömten sie ihm zu. Wäre der Kaiser noch zugestoßen, wäre Keiner von uns davon kommen.«

»Weil der Kaiser eine Memme war«, rief Ludewig auf, »mußten wirs auch sein!«

»Wir handelten nur als es klug ist im Krieg. Das Geld, gnädiger Herr, so uns der Pfaff zusandte, daß wirs sagen, haben wir zu Deinem Besten verwandt, das ist, auf unsre Rüstung. Lösten auch dafür Deine Rosse und Rüstwagen ein, so viel Stellmeiser gefangen, und war Dir es ganz recht, daß wir des Kaisers Geld genommen. Du lachtest, als Dus hörtest, und hast uns nicht gescholten damals. Zudem verhandelten wir dabei zu Deinem Besten, daß der Kaiser gen Berlin vorrückte und ließ uns dafür hinter seinem Rücken über die Spree bei Köpnick. Ohnedem wären wir nicht nach Frankfurt kommen, sondern zum Treffen mit seinem Heere. So der Kaiser auch das Schlagen vermied, seine Feldhauptleute hätten losgeschlagen, und als schwach wir waren, wir wären aufgerieben. Nun haben wir die feste Stellung hier, die Oder ist unser, und Zufuhr von der Neumark und Polen und der Schlesi. Das, gnädiger Herr Markgraf, verdanken wir, und Du dankst es auch, daß wir es heimlich thaten mit dem Pfaffen.«

»Ist das offene ehrliche Fehde! Sind das Ritter!« rief Ludewig. »Wird mans glauben in der Folgezeit!«

»Gnädiger Herr«, sprach Ludewigs Geheimschreiber, der inzwischen auch eingetreten war, »man muß unterscheiden, mit wem mans zu thun hat. Anders ficht der Christ und Abendländer gegen Türken und Heiden, anders gegen seines Gleichen. Karl ficht gegen Deine Herrschaft nicht mit dem blanken Schwert, sondern mit Ränken, also bist Du des vollen Rechts, Dich gleicher Waffe gegen ihn zu bedienen. Und als die Waffen zwischen den verschiedenen Feinden, so sind sie auch zu den verschiedenen Zeiten. Weißt Du, ob man nicht in der Folgezeit mit Verhandlungen statt mit Schwertern Kriege führen wird? Item ist es im Kriege erlaubt, jeden Vortheil der sich uns bietet, zu ergreifen. Ja, es ist Pflicht. Wer Blutvergießen spart, ist Gott aber wohlgefällig, darum ist es auch nach Gottes Willen, so man mit Geld abthut, was, ohnedem Menschenleben kostete.«

»Und noch mehr, wenn man Geld kriegt«, sprach Betkin Osten für sich.

»Am Ende soll ich noch meine Ritter beloben, daß sie sich bestechen ließen«, sagte Ludwig.

»Wen Du beloben müßtest«, sagte Konrad Winning, »das ist der Ritter, welchen der Kaiser an den Mann schickte, daß er nicht losschlagen solle. Denn ohne den, Herr, wärs uns schlimm ergangen. Sein Roß stürzte, daß er ihn ereilte. Da warf er sich auf zween Bauerpferde; wenn das eine müd ward, schwang er sich aufs andere, und kam noch just am Morgen an, als der Mann auf der Höhe bei Trebbin seine Völker zur Schlacht ordnete.«

Betkin Osten sagte: »Die Fürsten sollen gespuckt haben, und seine Hauptleute mit den Zähnen geknirscht. Ich weiß es von einem Vetter, der dabei stand. S ist wunders, was der Mann über sie vermag. Der Sachse und Der von Anhalt sagten, der Kaiser hätte ihnen Quark zu befehlen, wo es ihr Erbe gilt, und der Mann allein war es, der sagte, man müsse dem Kaiser gehorchen. Und sie fügten sich.«

»Die Puppe muß dem gehorchen, der sie am Draht führt. Wundert Euch das!« sprach der Markgraf.

»Einige gute Leute drüben«, sagte Konrad Winning, »schwören Stein und Bein drauf, er sei der echte.«

Ludwig lachte bitter. Betkin Osten aber erzählte weiter, was alle in Verwunderung setzte. Wie der Mann die Botschaft auf dem Hügel angehört und drauf lange Zeit dem Boten ernst ins Gesicht geschaut. Als die Hauptleute schrieen: »Es ist eitel Trug!« habe er gen Himmel geschaut, und gerufen: »Es ist Wahrheit und sein Fingerzeig.« Drauf habe er den Boten zu sich gerufen in eine Hütte, dieweil die Fürsten unmuthig draußen stehen geblieben. Aber, wie auch die Hauptleute gedrungen, sie sollten zur Schlacht blasen lassen und sich nicht kehren an den alten eigensinnigen Mann, es habe es Keiner auf sich nehmen wollen. Solches Ansehens genieße er, und verstände den Krieg als ein geborner Feldherr, was Alle sehr verwunderte.

Einige meinten, das sei richtig, daß er aus dem Morgenlande gekommen. Und es heiße, daß er beim Priester Johannes gewesen, der habe ihn Weisheit gelehrt und so geheime Kenntnisse, daß er die verborgensten Dinge wisse. »Er hat ihm die Todten aus der Gruft beschworen«, sagte Einer, »und ihre Gesichte; so hat er die Gestalt vom Markgrafen Woldemar angenommen, und auch die Wunde über der Stirn.«

»Die hätte er bequemer mit einem Küchenmesser«, sprach bös der Markgraf. »Will mir auch eine Wunde schneiden, so darum das elende Volk mir traut.«

Da es der Markgraf ungern vernahm, zischelten sich die Herren noch Vieles leise zu. Wie der Bote, der ein Räuber gewesen, darauf mit dem Manne aus der Hütte getreten, und wie er ihn den Fürsten vorgestellt als seinen liebsten Freund. Worüber Jeder sich Unterschiedliches gedacht. Und auf der Stelle habe der Markgraf das Schwert gezogen und den Boten niederknieen lassen, und ihn zum Ritter vorm ganzen Heere geschlagen. Die Märkischen hätten gemeint, um einer Botschaft willen verdiene Einer das noch nicht. Aber der Mann habe geantwortet: er wolle es vor Kaiser und Reich verantworten. Und drauf habe der neue Ritter ihm zur Seiten reiten müssen, als wie sein Sohn, und auch der Kaiser habe es gebilligt, und rede man im Heere Wunderbarliches von dem Recken.

Ludewig, den gar große Ungeduld plagte, war wieder aufgesprungen, er hatte es gehört: »Verwunderts Euch! Lüstet Euchs für Eure Söhne nach dem Ritterschlag? Brut hält zur Brut. Er war ein alter Räuber, als ich weiß, aus den Heiden, und das ist ein junger Räuber. Einer ist des Andern werth, und dieser Kaiser solcher Leute.«

Als der Markgraf das sprach, schmetterten draußen Trompetenstöße, und da sie zum Fenster hinausschauten, schien die Sonne, so grad durch die Wolken brach, auf viel Volkes, das um zween Reiter sich drängte. Reiter, hochbewimpelt mit Federn, der eine im glänzenden Harnisch, der Andere im bunten Heroldsrocke, den Stab in die Lüfte schwingend. Es war ein froher Anblick den Bürgern, sie jauchzten drum, und der Zug bewegte sich nach dem Rathhause.

»Was soll das?« fragte Betkin Osten, als Betke Botel eintrat und einen Kaiserlichen Herold und Abgesandten meldete.

Der Markgraf nickte Gewährung.

»Er ists. Derselbe«, murmelten die Ritter.

»Sanct Florian und Sanct Martin!« rief Ludewig, »der Gesell, der mich vom Rosse stieß.«

Die Boten traten ein. Das war ein schöner Anblick, der Ritter, und Die ihn sahen freuten sich der Heldengestalt. Um Kopfesgröße über die Andern ragte Heinrich, und sein glänzender Stahlharnisch saß wie gegossen um die schlanken, starken Glieder. Sein Helmbusch wogte bis fast an den Balken. Und vor den Markgrafen trat er, als sei er gewohnt vor Fürsten zu stehen, und schaute aus dem aufgestülpten Helmsturz Ludwig an, als wärs ein alter Bekannter, und er habe recht große Freude, ihn wieder zu schaun.

»Der fiel von adligem Blute«, flüsterte Konrad Winning dem Osten zu. »So schaut kein schlechter Mann.«

»Sprichs nicht zu laut«, lächelte Betkin; »der sieht mir dafür aus, daß er um seiner Mutter Ehr Dir die Knochen einschlägt.«

»Sprich!« sagte der Markgraf und nickte ihm, dem Ritter, stolz zu.

Aber Heinrich trat um einen Schritt zurück und wies auf seinen Begleiter: »Zuvor der Bote eines Höheren, als Dirs beliebt Herr Herzog!«

Der Herold pflanzte seinen Stab auf: »Im Namen meines Herrn. Karl von Luxemburg, König von Böhmen, erwählter Römischer König und Kaiser, allzeit Mehrer des Reiches, Dir Herzog Ludewig von Baiern, wie auch Grafen von Tyrol, seinen Gruß!«

Ludwig fuhr auf, aber er faßte sich: »In Anbetracht, guter Herold, daß Du unterwegs viel Wind und Wetter geschluckt, will ichs überhört haben, daß Du dem Einen zu viele Titel und dem Andern zu Wenige gabst. Was entbietet Dein Herr, der König von Böhmen, der ein Bischen zu früh nach meines Vaters Kaiserkrone griff, was entbietet der allzeitige Mehrer seines Reiches dem Churfürsten und Markgrafen von Brandenburg, der hier die Ehre hat, in Person vor Dir zu sitzen. Machs kurz, wir haben nicht Zeit als Andere thun, uns um Dinge zu kümmern, die uns nichts angehn.«

Der Herold fuhr fort:

»Daß er gekommen in die Marken gegen das Slavenland, auf die Kunde davon, daß ein Mann daselbst aufgestanden, der sich Woldemar nenne, und fürgebe, Markgraf Woldemar der Alte, des Markgrafen Konrad Sohn zu sein, und, daß dies Irrungen mancherlei verursacht, ob er es sei oder fälschlich fürgebe, darum ist er in eigener Person gekommen und will gutes Gericht halten als Richter und höchster Schiedsherr im Römischen Reiche. Und was er entscheidet mit seinen Räthen, das soll Recht sein. Und das Gericht wird er halten in seinem Lager zu Heinersdorf bei Müncheberg am Dienstagen nach dem ersten Advent. Und läßt es Dir kundthun, vor allen diesen Gegenwärtigen durch mich, daß Du Dich gestellen mögest und fürbringen von Deiner Seite, was Du habest fürzubringen zur Wahrung Deiner Ansprüche. So Du erscheinest, bring ich Dir sicher Geleit, so Du aber nicht erscheinest, als wird wider Dich –«

Ludewig war aufgestanden. Sie fürchteten, er werde dem Herold ins Gesicht speien. Der schwieg auch still, als eingeschüchtert von dem Blicke. Aber Ludwig, da er eine Weile ihn zornig angeschaut, stieß er heraus:

»Ich werde erscheinen.«

Und dann winkte er ihm mit der Hand, daß er gehen solle. Es war keiner froher als der Herold, der doch auch ein Mensch ist, und so das Schelten auch nur dem Herrn gilt, dessen Kleid er trägt; unterem Kleide schlägt doch auch ein Herz in Furcht und Lust. Die Andern schauten sich desgleichen verwundert an; wußten nicht, wo Ludewig hinaus wollte.

»Und Du?« sprach der Fürst und wies auf Heinrich. »Wer sendet Dich?«

»Mein Herr und Gebieter, Markgraf Woldemar von Brandenburg.«

Da schwoll die Zornesader fingerdick auf Ludewigs Stirn: »Wer erfrecht sich des Betrügers Namen in meiner fürstlichen Gegenwart zu nennen! – Gesell, hörtest Du nicht eben, daß der Kaiser über den Mann Gericht halten wird? Wer bist Du, daß Du Dich erdreistest als Bote eines Verbrechers zu mir zu kommen.«

»Sein Mann und Ritter, Herr Herzog von Baiern. Und er sendet mich zu Euch, daß ich Euch fragen soll –«

»Das ist zu arg!« schrieen sie von allen Seiten. »Hört ihn nicht.« »Er ist kein Ritter.« – »Reißt ihm die Sporen ab.«

Das hätte wohl Keiner gethan, der Heinrich ins Gesicht blickte. Er stand auch da, die Linke am Schwertgriff, ruhig, als wärens Mücken, die um ihn schwirrten.

»Hinaus!« sprach Ludewig und wandte ihm halb den Rücken. »Der Markgraf von Brandenburg nimmt keine Botschaft an von Dieben und Gaunern.«

»Ihr wollt mich also nicht hören?« sprach Heinrich, und ließ die Degenscheide fallen. Daraus wandte er sich wieder an die ihm folgten, und sprach: »Packt wieder auf die Rosse.«

Nun sah mans, wie seine Leute volle klirrende Säcke trugen. Da erst blickten Aller Augen auf ihn und sein Gefolge. »Was mag er gewollt haben,« fragten Einige. »Man hätte ihn doch hören müssen,« sagte der Kanzler.

Ludewig sprach zu Betkin Osten: »Als Du sagtest, hat ihn der Kaiser anerkannt.«

»So ists, als Ritter. Er erscheint an seinem Hof.«

»Wenns der Kaiser that,« meinte Ludewig, »dann kann man auch mit ihm sprechen, ohne sich zu vergeben.«

»Herr Abgesandter!« rief dem Heinrich Betkin Osten nach.

»Nicht doch,« verbesserte Ludewig. »Als Abgesandten erkenn ich ihn nicht. Als Ritter – wie heißt Du, das thut nichts zur Sache. Was willst Du?«

»Im Namen meines Herrn, des Markgrafen Woldemar, soll ich Dich fragen –«

»Frag Du für Dich allein. Du kriegst eine bessere Antwort,« fielen sie ihm ins Wort.

»Was Du Lösegeld begehrest für den jungen Grafen Woldemar von Anhalt, den Gottes Hand und des Krieges Geschick in Deine Gewalt gab? Als an ihm, will er seinen theuren Vetter lösen. Und bin ich deß beauftragt mit Dir zu verhandeln.«

» Wer will den Grafen lösen?« Alle hatten den Boten verwundert angeschaut.

»Der, dessen Namen Dir Ohrensausen macht. Will ihn drum nicht wiederholen.«

»Was bietet er mir?«

»Ist kein Handelsmann, der aufschlägt und abdingt. Was Dir der Graf werth sei, das sollst Du gradaus sagen.«

Ludewig wandte sich zu seinem Kanzler: »Wir setzten ja wohl auf tausend Mark das Lösegeld?«

Die Herren schauten den Boten an, was er drauf sagen werde. Fast war es doch zu viel gefordert; es haben größere Herren um ihre Lösung gedingt.

»Er läßt wohl mit sich handeln,« flüsterte ihm der Kanzler zu.

»Tausend Mark ist viel,« sprach Heinrich, »doch meinem Markgrafen nicht zu viel um einen theuren Vetter. Nehmt Ihrs, Herr Herzog mit gutem Gewissen, so darf ichs zahlen mit guter Vollmacht. Denn Markgraf Woldemar sagte mir: um einen Prinzen vom Hause Anhalt darfst Du nicht dingen, was er werth sei.«

Da wurden die Beutel auf seinen Wink gelöst und das Geld aufgezählt auf den Tisch. Alle gafften drauf; denn viel Geld beieinander hat einen eigenen Glanz; der verblendet auch gute Augen. Auch der Markgraf, ders noch nicht glauben mochte, daß sein Feind so viel auftreiben können, und da ers konnte, daß ers ihm schicken werde, sah noch drauf, als wärs Zaubergeld.

»Ists richtig? Ihr versteht das besser,« sagte der Bote, der vom Tisch absah, als kümmere er ihn wenig.

Der Kanzler sprach mit seinem Herrn leis. Ludewig aber rief aus:

»Der Graf von Anhalt ist frei.«

»Also ist mein Geschäft abgethan,« sprach der Bote und neigte sich. Er wollte gehen.

»Hallo!« rief ihn Ludwig an, da er mit den Sporen in den Teppich gerathen war. »Du bist der Sporen noch nicht gewohnt. Meine Kammerknechte sollen Dich los machen.«

»Kanns selber,« sprach der Bote und riß den Teppich mit dem Fuß durch.

»Hab gar nichts wider den Boten,« sagte der Markgraf zu den Seinen, die ihm ins Ohr gestichelt. »Der Knecht schlachtet nach dem Herrn. Wo sollte er einen bessern herkriegen?«

»Seine Besten, Herr Herzog,« sprach Heinrich, ders gehört, »die schickt mein Markgraf aus, wenn er Euch schlägt. Geld, meint er, nehmt Ihr von Jedem an.«

Ludewig sah ihn von Kopf bis Fuß an: »Deine Zunge ist flink wie Deine Füße. Ums Botenlaufen bei Nachtzeit schlug man Dich ja wohl zum Ritter. Das ist ein gutes Botenlohn.«

»So man mich drum schlug, hab ichs doch um anderes verdient.«

»Wie das?«

»Das ist von Aelter her.«

Die Ritter lachten. »Am Ende ists ein alter Edelmann, der aus Versehn dem Müller die Säcke trug.«

»Er ritt auf nem Esel, und meinte, es sei ein Pferd,« rief ein Andrer.

»Komm zu uns, wollen Dir Lehrstunde geben, wie man im Sattel sitzt.«

»Mich schönstens zu bedanken. Wie man Einen raus hebt, das lernt ich schon in Brietzen. Da, als mein gnädiger Herzog vergönnet, mein ich, sind mir die Sporen verdient. S war kein Mann als ich bin, es war der Herzog Ludewig von Baiern, der aus dem Sattel flog.«

Als die Abgesandten zur Thür hinaus waren, schüttelte Ludewig den Kopf: »Das ist ein fürchterlicher Feind!«

Die Ritter hörtens unwillig. Sie wollten ihm Muth einsprechen; denn noch war keine Schlacht verloren.

»Was schiert mich die Schlacht,« sprach Ludewig! »Wie kann man aber Einen überwinden, der aus Nichts Geld macht unds hingiebt wieder um Nichts! Oder fürchtet Ihr den Grafen von Anhalt? Ich gäbe nicht zwei Hund – –« Er lachte hell auf, und überzählte das Geld: »Aber, kommts auch von einem falschen Manne, das Geld ist doch nicht falsch.«

< Sechzehntes Kapitel.
Achtzehntes Kapitel. >



Die Inhalte dieser Seite sind Eigentum der Öffentlichkeit.
Sollten trotzdem Urheberrechte entgegen unserem Wissen verletzt worden sein, bitten wir Sie mit uns Kontakt aufzunehmen.