Frei Lesen: Der falsche Woldemar

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Willibald Alexis

Der falsche Woldemar

Achtzehntes Kapitel.

eingestellt: 23.7.2007



Da um Frankfurt sind tiefe Hohlwege in den Lehmbergen, und dazumal wölbten sich Kiefern und Buchen drüber zum Dache. In einem derselben ritten zween Reiter und hatten Noth mit dem schlimmen Wege. Der war voller Steine und Koth, als wie wenn es lange geregnet hat, und die Rosse versinken tief. Und von oben träuften die gelben Blätter, und fielen selber ab auf ihre Harnische und Röcke. Aber zugleich schien die Sonne gar lieblich durch und neckend; denn es war klarer Himmel worden. Die helle Sonne, wenn auch im November, erquickt das Herz. Der eine Reiter, obwohl in schwerer Rüstung, trug es auch leicht und lachte, der andere im Mantel, war schweigsam und sah finster vor sich hin.

Beide sind uns gute Bekannte. Da sie nun hinauskamen, und das offene Feld vor ihnen lag, und weiter die Hütten des kaiserlichen Heeres und die vielen Banner in die Lüfte ragten, und der Rauch von den Feuern in die Wolken wirbelte, und die Kriegsleute lustige Lieder sangen, – denn der Deutsche muß singen im Feld, sonst ists ein schlechter Krieg für ihn – da sollte man meinen, das Antlitz des Traurigen hätte sich aufheitern müssen. Denn er kam aus der Gefangenschaft, und vor ihm war die Freiheit und seine Freunde. Das sagte auch der Andere zu ihm.

»Du freust Dich nicht, Woldemar.«

Der Andere hüllte sich in seinen Mantel.

»Sie sehen uns schon«, sprach Heinrich. »Wie sie Dir entgegen reiten werden und Dich einholen! Das soll mein Herz erfreuen, daß ich ihnen meinen liebsten Herrn wieder bringe. Gieb mir Deinen Mantel; dann reite ich hinter Dir, als Dein Diener.«

»Du bist ja des Mannes Diener«, sprach Woldemar.

»Des edlen herrlichen Mannes. Ach, Woldemar das ist ein hoher, ein königlicher Greis. Er liebt Dich als ein Vater, hören hättest Du sollen, wie er um Dich zu den Fürsten redete. Selber Dein Oheim sagte, es sei zu viel, was Ludewig fordere, und nicht aufzubringen. Da sprach er zu ihm, es sei nicht zu theuer um den Erben seines Reichs. Drauf ließ er alle die Geschenke bringen, die ihm die Städte verehrt und versetzte sie bei des Kaisers Hofjuden!«

»Mit eines Juden Groschen losgekauft«, knirschte der junge Fürst.

»Und was fehlte, dafür setzte er sein fürstlich Wort ein!«

»Wer?«

»Markgraf Woldemar!«

Es zuckte in dem jungen Fürsten und er wollte sprechen, aber er schwieg und bezwang sich. Reichte dem Freunde die Hand und sprach: »Wir trennen uns hier. Reite Du grad aus und laß Dich einholen mit Trompeten. Denn Dir gebührt Ehre. Mir ziemt, daß ich dort von der Seite ins Lager schleiche.«

Er hatte sein Pferd umgewandt, und Heinrich that es im Herzen weh. Nun erst dachte ers, warum das seinen Freund so schmerzte, was ihn so froh machte. Da machte der Graf doch noch einmal kehrt. Er ritt auf Heinrich zu und reichte ihm die Hand.

»Vergieb mir Heinrich! Ich vergaß Dir zu danken, was Du um mich thatest. Kannst Du dafür, treue Seele, daß sie Dir zween Beutel Goldes gaben, statt zwo Schaaren tapferer Leute! Du wärst für Deinen Freund auch auf Zinnen geklettert, hättest lieber mit Schwertern gehandelt als mit Groschen. Es sollte nicht sein. Ich kam nur zu kurz, Du nicht. Dein Stern geht auf; meiner verbirgt sich hinter immer dichtern Wolken. Doch beim Allmächtigen, ich neide es Dir nicht. Wohl Heinrich; will mich zwingen, daß ichs Dir gönne.«

Er schüttelte ihm heftig die Hand, und wars als blinzte eine Thräne im Angesicht des Fürsten, aber er wandte es rasch ab und sprengte fort. Mit mancherlei Gedanken beschäftigt ritt Heinrich weiter, und sie waren schon um ihn und jauchzten ihn an, als er erst merkte, daß er am Lager sei.

Ein Heerlager sieht aus als das andere. Drinnen ist Alles bunt, laut und der Segen Gottes ist umhergestreut, als wäre Fülle und Ueberfluß, aber draußen, auf zwei, drei, bis sieben Meilen in der Runde, sieht es aus als eine Wüstenei, und es wird immer öder, je voller und toller es im Lager wird. Da wühlen sie in Heu und Streu, und die Hütten strotzen von Schilfdächern, aber in den Dörfern haben Sie die Häuser abgedeckt und die nackten Sparren knarren im Winde. Da treiben die Knechte das Vieh rudelweis mit den Sporen durch die Gassen, und der Rumormeister hat von früh bis spät zu thun, daß er sie sauber schafft von den Eingeweiden, den Gliedmaaßen und dem Blute, das die Kriegsleute umherwerfen, oft auch Fleischstücke, deren manches einem Bauer eine Woche den Hunger stillte. Und im Muthwill jagen sie die Gänse und Hühner und hetzen sie auf einander, daß von dem Gegacker und Geschnatter die Ohren dröhnen. Derweil ists in den Dörfern stille, man hört keine Kuh brüllen, und die Tauben flattern fort, weil sie keine Nahrung finden. Ein großes Lager ist in einer Gegend als ein Schwamm, der alle Feuchtigkeit einsaugt, und draußen wird es trocken. Der Schwamm behält das Wasser, bis mans ausdrückt; aber in einem Lager, Gott weiß, wo es bleibt. Wenn es Wochen dauert und Monden werden sie mager vor Hunger, und wenn die Gegend auch so reich war, daß ihrer dreimal so viel vollauf gehabt auf lange Zeit.

Im Lager bei Heinersdorf sah es jetzt noch so lustig aus, als sei ein großer Markt. Die Gassen waren rein. Kaiser Karl liebte die Ordnung. Blanke Spiele, wo Frauen nicht zuschauen, dünkten ihm wüste Raufspiele: drum hatte er nicht die Fürsten und Herren allein, auch ihre Frauen und Fräulein geladen und gesorgt, was an ihm, daß sie Kurzweil fänden. Da gab es Tanz und Bankette unter den aufgespannten Zelten, Ringelstechen und Pfänderspiele. Der Kaiser selber hielt sich nicht für zu hoch, er spielte mit. Sie verwunderten sich über seine feine Art, und die Fräulein hatten ihn gerne. Er aber verwunderte sich, daß sie so gar unfein waren. Er dachte, wäre das mein Land, es sollte anders werden.

Wer ihn so huldreich umherreiten sah, und er dankte für jeden Gruß und scherzte mit den Herren und schäkerte mit den Frauen, wer hätte wohl vermeinen sollen, daß so schwere Sorgen auf ihm lasteten, und daß der feine Ritter der große Kaiser war, der für das ganze heilige römische Reich denken mußte und noch mehr. Die anderen Fürsten zeigten sich nicht oft den Völkern. Der alte Markgraf aber, der ritt noch seltener aus. Es schickt sich für Einen, der vor Gericht treten soll, daß er in Einsamkeit und Stille sich vorbereitet. Und für den Kaiser schickte sichs nicht, daß er einen sah, und freundlich mit ihm verkehrte, über den er richten sollte. Die arge Welt hätte gesagt, er verstände sich mit ihm.

Aber auch mit den anderen Fürsten mied Karl heimliche Zwiesprache; er empfing sie mit Ehren, aber nimmer anders denn im Beisein seiner Räthe und bei aufgeschlagenem Zelte. – Die Sachsen und der von Anhalt waren höchst unzufrieden damit.

»Das ist der böse Trieb in der Creatur«, sprach Karl zum Herzog Bogislav von Pommern, der ihm sein Töchterlein vorgestellt, und an der Hand des lieblichen Kindes vor dem Kaiser stand, »daß Jedermann nur und zuerst an sich denkt. Sie vermeinen, ich sei nur hier ihretwegen und nicht um des gesammten Reiches willen. Da soll ich Jedem mein Ohr leihen, und er hat nur ein Anliegen für sich und verzettelt die anderen. Was kümmerts mich, wer dieses Land besitzt, hab ich nicht anderwärts im Reiche Sorge genug! Italien fordert dringend meine Gegenwart, so Burgund und meine Erblande. Was müssen sie mich immer rufen, wo sie nicht aus und ein wissen?«

»Du bist ja der Kaiser«, sagte die kleine Elisabeth, die ihn groß angeschaut.

Karl sah das kluge und hübsche Kind wohlgefällig an und streichelte ihre Backen.

»Mein liebes Kind, das ist ein schwer Amt.«

»Wem Gott ein Amt giebt, dem giebt er auch Verstand, sagt Mutter.«

Die Rede des Mägdleins gefiel dem Kaiser so wohl, daß er herzlich lachte, und fragte sie:

»Möchtest Du wohl meine Kaiserin sein?«

Elisabeth ward nicht roth, aber sie senkte ihr Köpflein und sah ihn dann ruhig an: »Ja, wenn ich groß bin. Jetzt bin ich noch zu klein.«

Da lachten Alle umher, ihr Vater aber sprach:

»Euer Majestät setze dem Kinde nichts in den Kopf. Es ist ohnedem klug genug. Ist überhaupt ein Elend, daß die Leute itzt zu klug werden. Man weiß schon nicht, wie mans mit ihnen anfangen soll. So die Fürsten klug wären, das wäre schon gut, aber was brauchts das Volk zu sein.«

»Es ist eine wunderbare Fügung Gottes«, sprach der Kaiser, »in die wir uns aber fügen müssen in Geduld. Ihr könnts nicht ändern, lieber Vetter.«

Der Pommerherzog war aber nicht um der Geduld willen da. Er hatte sich heftig beschwert über die Frechheit des Mannes, der den pommerschen Feldhauptmann, den Günther von Schulenburg, in Angermünde nicht einlassen wollen.

»Wär Eure Majestät nicht hier, ich hätte ihm die Thür eingerannt, mit pommerschen Kolben. Mich abzuweisen an der Schwelle, beim heiligen Otto, ich hätte ihm gesagt, was ein Herzog von Pommern ist.«

»Dem Herzog von Mecklenburg gings ja nicht besser.«

»Ist das Art von einem, der doch will Euer Majestät Gericht nicht vorgreifen. Aber sei er ein Fürst, so ein Fürst den andern ehrt durch seinen Besuch –«

»Ich hörte, Ihr wäret die Stiege hinaufgepoltert, sonder Anmeldung.«

»So Einer hätte mir entgegenstürzen und den Steigbügel halten müssen. Ich will nichts sagen, weil Eure Majestät darüber entscheiden wird. Aber glaubt mirs, die von Anhalt und der Sachse spielen schlecht Spiel mit uns –«

»Was für ein Spiel!« Der Kaiser stand auf und schaut den Herzog mit einem Blicke an, den der nicht ertrug. – »Ich hoffe, vor des Kaisers Gegenwart ist Alles Wahrheit. – Mein lieber Vetter von Pommern«, sprach er freundlich und legte die Hand auf seine Schultern, »ich weiß, was Ihr denkt, ich billige es auch, versteht mich wohl. Ihr habt indessen in Eurer Weisheit gewiß auch des erwogen, daß Menschen irren können. Fürsten sind auch Menschen. Der Schein kann trügen, selbst vor Gericht. Da entscheidet der Himmel allein, und wir fügen uns, wie in Allem, in seinen Willen. – Im Uebrigen vertrau ich auf den Rath meiner Fürsten. Der fromme Erzbischof von Magdeburg, den wir stündlich erwarten, seine Weisheit wird mich leiten. Wie ein Kind auf die Worte seines Vaters, trau ich auf ihn. Ludewig hat meine Ladung angenommen. Er ist kein schlimmer Mann; das dürfen wir nicht vergessen. Gott lenkt oft wunderbar die Herzen der Menschen. Sonst – ich sage das nur Euch, Vetter, – Schwedt und Vierraden, Ihr rechnets noch zu Pommern, die Brandenburger zur Ukermark – das ist gleichgültig, versteht mich recht, die Ukermark bleibt Ukermark; wollte Gott, ich könnte ihr einen so würdigen Herrscher verschaffen, als ich ihn allen Marken wünsche. Und wenn Der Markgraf wird – ich meine, wie das Gericht entscheiden wird – für den meine stillen Wünsche schlagen, dann Vetter, sorgt nicht mehr wegen des Lehnverbandes. Ich klage meine kaiserlichen Vorfahren nicht an; sie ruhen in Gott. Aber es war unbillig, was sollte der mächtige Pommer grade bei Brandenburg zu Lehne gehn! Ich schweige, wie gesagt, darüber, Vetter, ein Kaiser darf nicht die leisen Gedanken des Menschen verrathen. Aber – lieber Vetter von Pommern, jedes Wort mehr wäre von Ueberfluß – und Ihr wißt, was ich will.«

»Was will er denn?« sprach halblaut der Herzog, als er aus dem Zelt trat und die Hand betrachtete, die noch den Druck der kaiserlichen fühlte.

»Das hat der Kaiser nicht gesagt, Vater!« antwortete Elisabeth.

Aber der Kaiser sah der Kleinen wohlgefällig nach: »Was meinst Du?« sprach er zu Kochan von Wersowetz, der noch vergebens in den Zügen seines Herrn nach der Richtung seiner Gedanken studirte.

»Die Pommern stehen nicht auf festen Füßen.«

»Wenn sie getrunken haben, mein Kaiser, als wir Alle. Sonst, seht doch die Beine an!«

»Ich meine die Söhne meines Vetters. Sie siechen schnell hin.«

Der Böhme war jetzt auf den richtigen Weg gebracht: »Euer Majestät, Pommern ist kein Weiberlehn.«

»Kaiser und Reich können es dazu machen, wo Gefahr ist, daß ein so ehrenwerthes, altes Geschlecht ausstirbt. Pommern ist ein alt slavisch Land als Böhmen. Nicht Kochan?«

»Gewiß, Herr!«

»Es thäte Noth, daß seine Fürsten ihre rechte Aufgabe erkennten. Sie begünstigen allzusehr die Deutschen. Nichts als deutscher Adel, deutsche Colonisten, deutsche Städte. Ich bin zwar auch von deutschem Blute, aber ich weiß, was es heißt, Fürst über ein edles slavisches Volk zu sein. Nicht wahr, Kochan?«

»Eure Werke, Herr, wird Böhmen in Ewigkeit rühmen.«

»Ein Fürst soll edle Sitte fördern, aber er darf die alten Sitten, die Sprache und das eigne Wesen seines Volkes nicht unterdrücken. Das wäre despotisch und unverständig. Aus einem tüchtigen Volke, das sich selbst vertraut, wächst dem Fürsten seine heiligste Kraft. So wollte ich in Böhmen. Es ist Unrecht, wie die Pommerfürsten thun, die den edlen Stamm, auf dem sie sprossen, gering schätzen. Es ist ein Jammer, wie sie das slavische Wesen verkennen. Die alten pommerschen Geschlechter starben aus, in Wehmuth und Groll, daß man ihrer nicht achtet. Es wäre ein gutes Werk, so ein Fürst –«

»Wie mein Kaiser über Pommern herrschte.«

»Was sagtest Du da, Kochan!« fuhr der Kaiser aus scheinbarem Nachdenken auf.

»Böhmen und Pommern ein großes slavisches Reich. Die Brücke zwischen beiden ist nur zu lang. Schade, daß Gott Euer Majestät zur Zeit noch keinen Sohn geschenkt.«

»Ich zähle ja selbst erst dreißig und zween Jahre«, lächelte Karl.

»Aber die kleine Prinzessin kaum acht. Zudem trauern Euer Majestät noch um Dero Gemahl die erlauchte Kaiserin Blanca, des Königs von Frankreich hohe Schwester.«

»Gott habe sie seelig, mein frommes Gemahl!«

»Desgleichen, Ihro Majestät, sind die Heirathsverhandlungen mit der Prinzessin Anna von der Pfalz im besten Gange. Oder so diese sich zerschlügen, neigten Eure Majestät Dero Augen auf die Tochter des Herzogs von Jauer. Durch jene Vermählung käme ein großer Theil der Oberpfalz an Böhmen. Durch diese Verbindung der noch übrige Theil von der Schlesy an Böhmen und zugleich an Deutschland. Schlesien ist auch ein slavisch Land und liegt uns näher.«

»Du hast recht; das Nächste muß man zuerst bedenken. Aber, setzte er still lächelnd hinzu, das Entferntere darum nicht aus den Augen verlieren.«

Da ritt ein lustiger Jagdzug mit Hörnermusik am kaiserlichen Zelte vorüber, edle Frauen, Ritter und Edelknaben. Darunter die Gräfin Mathilde und ihre Tochter. Sie grüßten ehrerbietig, und der Kaiser grüßte gnädig und freundlich wieder.

»Die gehen auch noch Krähen jagen«, sprach der Böhme. »Ander Wild kriegten unsere Leute nicht in der Müncheberger Heide.«

»Weißt Du, wonach sie jagen!« sprach Karl. »Diese Gräfin weiß zu viel –«

»Ihr neuer Galan ist bei ihr«, lächelte der Böhme. »Doch wollen die Leute behaupten, die Tochter sehe ihn günstiger an, als die Mutter.«

»Ich gönne Jedermann Kurzweil. Wer seinem Vergnügen, geht nicht seinen Gedanken nach.«

»Da reitet auch der Graf von Anhalt – ganz hinterher.«

»Der ist nicht mehr gefährlich!« sagte Karl Athem schöpfend. »Man muß die Leute in der Nähe sehen; der Ruf täuscht.«

»Als ritte er einem Leichenzuge nach. Nur Geduld, Herr Graf! Im Ernst ist solch ein Nebenbuhler doch nicht gefährlich, dem unser Mann die Sporen anschnallte.«

»Grade Leute wie Diesen, liebe ich«, fiel der Kaiser ein. »Nur den Mund brauchen sie aufzusperren, und das Glück fliegt hinein.«

»Aber zu solcher Erbin müßte das Maul doch noch größer sein.«

»Weißt Du es? Er ist ein Sonntagskind. In Welschland enterte mancher glückliche Bandenführer, nicht besser als er, eine Fürstentochter und den Fürstenhut dazu. Ich wollte, er diente mir, als er dem Manne dient.«

»Der Mann läßt kaum Einen vor sich, aber sein Ritter muß täglich um ihn sein. Die von Anhalt selber sind schon neidisch drauf.«

»Mir gefällt der Mann nicht«, sprach der Kaiser aufstehend. »Es ist kaum glaublich, was das Volk ihm anhängt.«

»Das dumme Volk!« sprach der Böhme.

»Volk ist Volk«, sprach der Kaiser. »Aber es giebt eine Macht, gegen die der Könige ihre nichts ist. Die Macht der Wahrheit. Es wäre wunderbar, höchst wunderbar –«

Erstaunt sah ihn der Vertraute an.

»Geheimnisse mag Jeder ablauschen, aber dieser richtige Blick, diese Festigkeit! – Er vergiebt sich nichts, und giebt doch, was ein Fürst geben muß. – Seine Vorordnungen! Was verschließt er sich vor mir in stolzer Demuth, die mir nicht gefällt.«

»Es ist ein alter Mann.«

»Wo lernte er so stehen, so blicken! – Sende noch einen Vertrauten heimlich nach Frankfurt – Dieser Ludewig ist eigentlich nicht gefährlich, ein harmloser Wüstling, mit dem ein verständiger Mann sich leicht verträgt, so er nur fähig wäre, seinen eignen Vortheil zu begreifen.«

»Herr, Ihr müßtet vor der Welt einstehen, daß Ihr einen falschen –«

»Ich!« fuhr Karl auf. »Ich werde handeln, wie das Gericht entscheidet –«

Das mocht es grad nicht sein, was er sagen wollte, mindestens nicht zu seinem Vertrauten. Aber der Klügste vergißt sich unterweilen vor sich selbst, was nicht auch vor einem Freunde? Aber in dem Augenblicke schmetterten die Trompeten der Lagerwächter, die in die Hörner stoßen, wenn ein Fremder anreitet. Der Erzbischof von Magdeburg ritt ins Lager: »Den sendet mir der Himmel«, sprach der Kaiser. »Ich lege meinen irdischen Willen in die Hände seiner himmlischen Weisheit.«

Da war es rührend zu sehn, wie das Haupt der deutschen Nation dem Kirchenfürsten, der doch sein Vasall war, um mehrere Schritte entgegenging.

Otto von Magdeburg aber hielt rasch, als er den Kaiser gewahrte, und sprang herab und eilte ihm entgegen.

»Zu viele Ehre, hoher Kaiser, Eurem Vasallen!« sprach er, und wollte ein Knie neigen. Aber der Kaiser ließ es nicht zu, er breitete die Arme aus und sprach doch:

»Wohl dieses Reiches Vasall, dessen Oberhaupt ich bin; aber sind wir nicht alle Vasallen des himmlischen Reiches? Beugen wir unsere Knie vor ihm!«

»Amen«, sprach der Erzbischof.

Da feuchtete manche Thräne die rauhen Wangen der Krieger, als sie sahen wie der höchste Fürst dieser Welt und der Fürst der Kirche nicht in Hochmuth, sondern in Demuth sich überboten. Da schritten sie Beide zur Lagerkapelle und Beide knieten vor dem Hochaltar inbrünstig betend. Der Erzbischof erhub sich dann und segnete den Kaiser mit lateinischen Worten, die Allen herrlich klangen. Dann schritten sie Beide, Arm in Arm, in das innerste Zeltgemach, und was sie hier zusammen sprachen, hat Niemand gehört, auch nicht Karls vertrauteste Männer.

Unter dem Volke hieß es, der Kaiser lege sein Glaubensbekenntniß ab, denn in letzten Nächten hätten ihn Zweifel beschlichen, daß seine Rechtgläubigkeit nicht die rechte wäre.

»Ja«, sagte Einer aus dem Volke, »die Könige und Kaiser habens gut. Die können rechtgläubig sein! Denn wo sie mit dem Denken in die Irre gehen, und ihnen was aufstößt, da brauchen sie nur einem Bischof zu winken; der hat immer sein Ohr bereit und setzt sie zurecht. Aber unsereins kann glauben, was er will, da kümmert sich kein Bischof drum; so wir nur den Opferpfennig richtig zahlen. Und fassen wir mal nen Priester, daß er zum rechten sehen soll, wies in uns aussieht, da wird er ungeduldig und weiß am Ende selber nicht ordentlich Bescheid.«

»Lieber Mann«, antwortete ein Anderer, »den Königen gehts wohl auch nicht allemal besser. Der hochselige Kaiser Ludewig, der hatte doch Bischöfe und Prälaten zur Hand, so viel er wollte, und die gelehrtesten Franziskaner, die dicke Bücher geschrieben haben, wie der Wilhelm von Occam; und ehe er sichs versah, war er doch festgeritten im Irrglauben, daß er nicht mehr raus konnte, und war ein Ketzer, er wußte nicht, wie er dazu kommen. Das hängt oft vom Allerkleinsten ab. Und das ist ein Glück, das vom Himmel kommt, wenn man rechtgläubig bleibt. Den Einen triffts so, den Andern so.«

Nachdem der Kaiser wohl eine Stunde mit dem Erzbischof geheim gesprochen, sagt er. »Ihr habt mein Gewissen beruhigt und meinen Zweifel gelöst.«

» Item er ist ein Ketzer« sagte der Magdeburger, »das ist der erste und der Hauptgrund, weshalb ich Euer Majestät vor jedem Gedanken an einen Vergleich mit Ludewig abrathe.«

»Bedarf es noch eines Andern!« sagte der Kaiser.

»Desgleichen aber hat er im Reiche noch zu viele und mächtige Freunde, als daß er auf billige Bedingungen schon jetzt hören möchte. Euer Majestät würde sich vergeben, wenn der Trotzkopf die dargebotene Hand ausschlüge. Kurfürst Rudolf von der Pfalz ist sein nächster Verwandter.«

»Aber so Gott will, mein künftiger Schwiegervater,« lächelte der Kaiser. »Meint Ihr nicht, daß es lockender ist, eines Kaisers Vater, als der Freund eines gebannten Markgrafen sein?«

»Gewiß. Allein rechne mein Kaiser nicht auf den Pfalzgrafen. Seit er erfahren, daß Euer Majestät auch um die Hand der Prinzessin von Jauer werben –«

»Das ist höchst verdrießlich!« unterbrach Karl. »Diese elendem Zwischenträger! Daß man von Räthen abhängt, die nicht reinen Mund halten können! Widersprecht dem laut, Herr Erzbischof, in des Kaisers Namen – Oder nein, nur im Stillen. Man kann nicht wissen. Genug davon. Eure Gründe haben mich überzeugt. Keinen Vertrag mit dem Baiern. Und in der Hauptfrage –«

»Ich sah den glorreichen Woldemar kaum als Kind. Indeß der Fürst von Dessau –«.

»Genug,« unterbrach ihn Karl. »Und ihr leistet darauf einen Eid –«

»Daß Fürst Albrecht ein ehrenwerther deutscher Mann ist. Sein Wort ist Gold. Er ist alt, hat Erfahrung, Ansehn, gilt für klug – wenigstens bei sich zu Haus. Wenn solche Zeugen nicht gelten, giebt es kein gültig Zeugniß vor Gericht.«

»Es wäre besser, wenn gar kein Gericht nöthig wäre.«

»Aber die Nation verlangt es. Das deutsche Volk ist ein gerechtes Volk.«

»Auch ein Kaiser kann irren, wenn er von schlechten Räthen berathen wird. Ich baue nur auf meine Räthe. Was weiß ich davon?«

»Ich könnte dasselbe erwidern. Aber in gewissen Lagen wird es zur Pflicht, eine Ueberzeugung zu gewinnen, denn nur die Ueberzeugung macht uns zum Handeln stark. Dann wird es zweite Pflicht, für die so, versteht sich zum allgemeinen Besten, gewonnene Ueberzeugung, unser Bestes einzusetzen, um ihr Gewicht zu geben, so vor uns als vor der Welt. Auch unsere Zweifel müssen wir hineinwerfen, ja selbst einer schwachen andern Überzeugung, die uns beschleichen möchte, dürfen wir dann kein Gehör mehr geben; sonst handeln wir halb und laden den Vorwurf der Untreue auf uns. In Anbetracht nun, daß unser Werk ein gutes, Gott wohlgefälliges, ja gewissermaßen heiliges ist –«

»Die Frage, Herr Erzbischof, ist, könnt Ihrs, wollt Ihrs beschwören? Das fragt Euer Kaiser.«

»In so fern der Fürst von Dessau mit gutem Gewissen schwört, schwör ich auch mit gutem Gewissen.«

»Und ich entscheide als Kaiser mit gutem Gewissen. So ists ja abgethan.«

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