Frei Lesen: Der falsche Woldemar

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Willibald Alexis

Der falsche Woldemar

Zwanzigstes Kapitel.

eingestellt: 23.7.2007



Vor des Kaisers Zelte war ein anderes, größeres ausgespannt, mit aufgeschlagenen Vorhängen und Schranken darum. Der Kaiser saß im Purpurmantel auf einem erhöhten Throne, neben ihm der Erzbischof von Magdeburg und andere hohe Prälaten. Die Fürsten und Grafen ringsum auf Bänken, und viele Geistliche und andere Räthe standen mit Pergamenten und Büchern, und geharnischte Ritter darum. Es ging nicht still her; denn so oft Einer sprach, und ihnen gefiel es, sprachen sie mit. Da riefen sie laut, und die Ritter klirrten mit ihren Harnischen und Schilden. Die Wenigsten draußen, wie Viele auch sich drängten um zuzuschauen, hörten und sahen, was geschah.

»Sagt mir, was solls, wenn die Fürsten aufstehen und die Arme heben?« fragte die Gräfin Mathilde den Dechanten Bruno, der sich durch das Volk zu ihr gearbeitet. Denn Unruhe war überall und die Boten liefen hin und her. Die Gräfin aber saß auf einem hohen Gerüste und sah doch nicht viel.

»Sie stimmten dem bei, was er sagt.«

»Aber was schreien sie?«

Der Dechant machte sich Platz, daß er die kleine Leitertreppe zum Gerüste hinaufstieg, und zu ihrem Ohre stand.

»Er erzählt ihnen brandenburgische Geschichte«, lächelte er. »Die Jahreszahlen giebt er am Schnürchen an und wie die Markgrafen aufeinander folgen, von Albrecht dem Bären an. Er darf nicht inne halten und Athem schöpfen, so schreien sie All verwundert mit einer Lunge: Das weiß er auch!«

»Und der Kaiser?«

»Muß die brandenburgische Geschichte nicht genau kennen. Er hört gar andächtig zu; wirft bisweilen Fragen ein, und wenn er richtig antwortet, scheint er über die Maaßen verwundert. Anfangs schaute die Majestät erstaunlich grimm. Nun er aber so gut besteht, wird das Gesicht immer freundlicher, er beugt sich vor, auf den Arm gestützt, und wiegt den Kopf. Jetzt ist er bei den beiden Helden-Jünglingen Johann und Otto. Da laufen manchem alten märkischen Edelmann die Thränen von den Backen, wie er die Treue und Tapferkeit und Herrlichkeit der alten Zeit schildert. Kommt er bis zu seinem Vetter Konrad, dann gebt Acht, bricht die Rührung von allen Seiten aus.«

»Man kann doch auch drinnen kaum vor dem Lärm hören.«

»Ist auch nicht von Nöthen.«

»Vergönnt, gnädigste Frau, daß ich zurück gehe. Ich möchte gern dabei sein, wann der Kaiser vom Throne steigt und ihm um den Hals fällt.«

»Wird er das?«

»Das muß er. Das Volk will etwas zur Beglaubigung.«

»Aber die Welt wird andere Beweise fordern.«

»Wir nicht. Der Baier ist nicht erschienen, er wird, was die Doctoren nennen in contumaciam abgewiesen.«

»Das Gericht ist noch nicht zu Ende. Mir sagt – ich weiß nicht was – wenn er doch –«

»Erschiene! Ei, gnädige Frau, da trifft Eure innere Stimme mit der des Kaisers zusammen. Karl meint, da Ludewig zugesagt, werde er sein Wort lösen; aber anders, als wir vermuthen; er fürchtet einen Ausfall, sieht das Lager schon stürmen, und schaut sich deshalb ängstlich um, so oft nur zwei Schilde zusammenklappen. Seht dort die Mauer von Spießen, sie ist nicht umsonst aufgestellt.«

Die Gräfin sah hinaus. Sie sah über die Spieße fort und ward unruhig: »Führt mich hinab.«

»Ich sehe nichts, Gräfin. – Das ist Staub. – Vielleicht eine Heerde die sie eintreiben.«

Mathilde war aufgestanden: »In mein Zelt, Bruno. Ich sehe mehr und wills nicht sehen.«

Der Geistliche hatte die edle Frau in ihr Zelt geführt. Er dachte mancherlei, da er die weiße Hand an seine Lippen drückte. »Sie haßte ihn, als ein Weib hassen kann, und zittert doch vor der Möglichkeit, ihn zu sehen. Mit Nadeln wollte sie ihn todt stechen, den sie geliebt, wie ein Weib lieben kann; hat herauf beschworen einen Sturm, und da er ihn niederwirft, wäre sie im Stande, ihm den Arm zu reichen, wenn er eine Lüge lispelt. Ihr Werk ist dies, das große, gefährliche, und nun wir auf der Höhe sind, und nicht zurück können, gefällt sie sich in einem Schäferspiel als zärtliche Mutter. Warum das? – Weil ein Weib. – Die Kirche that wohl, daß sie auf einem Felsen baute und den Priestern –«

Es war nicht Zeit und Ort, um Betrachtungen nachzuhängen, warum es für einen schlauen Mann nicht gerathen ist, mit einem leidenschaftlichen Weibe einen Bund zu schließen. Der Markgraf hatte gesprochen, als der Dechant sich wieder durch die Schranken drängte; und so stürmisch es vorhin war, als er zu reden anhub, so still war es jetzt. Die ihn nicht ausreden ließen, horchten, ob er noch reden werde, und die lachend den Kopf abgewandt und über die Schulter gesprochen, streckten die Köpfe vor, um ihm näher zu sein, dem wunderbaren Redner. Die Räthe sahen sich verwundert an, zween hatten Mühe, daß sie niederschrieben, was er gesagt, und ein Doctor aus Welschland, der in rothem Talare zu des Kaisers Füßen saß, schlug das große lateinische Gesetzbuch Blatt um Blatt nach; aber der Doctor verstand nicht drei Worte deutsch.

Da sahen die Fürsten und Herren den Kaiser an, fast ungeduldig, daß er sprechen solle. Aber der Kaiser blickte auf den Doctor, und fragte auf lateinisch: »Findest Du den Fall?«

»Dieser Fall kommt im ganzen römischen Rechte nicht vor«, antwortete der Doctor, »darum ist es an Dir, o Cäsar, daß, wo kein Recht ist, Du das Recht machest.«

»Am Kaiser ists!« rief Einer.

»Der Kaiser spreche!« riefen Viele.

»Hast Du nicht mehr Beweise für Deine Echtheit?« fragte Karl den Markgrafen.

Da ward es unruhig. Einige riefen: »Er hat bewiesen!« Andere: »Was solls noch?« Um den Erzbischof von Magdeburg drängten sich Mehrere in eifriger Rede. Die wollten ihm Eideshelfer sein.

»Davon steht nichts in diesen Büchern geschrieben«, sagte der lateinische Doctor zu dem Kanzler des Kaisers, der es ihm erklärte, was die Herren wollten.

»Aber in unseren alten Satzungen und Gewohnheiten«, rief zornig ein alter Graf.

»Und nach denen soll ein Kaiser urteln. Nicht, daß er Recht macht, wo keines ist; er findets, wos ihm weise Leute zeigen«, sprach Albrecht von Dessau.

Da hoben Etliche, Fünf oder Sieben, die Hände und riefen: »Wir sind dem Magdeburger Eideshelfer.«

»So ists entschieden!« – »Was bedarfs noch für Beweises!« Der Kaiser hob den Arm, daß es wieder stille ward, und zeigte auf den Markgrafen.

»Für mich keines. Aber Ihr seht, er selbst will noch sprechen. Da sei Gott für, daß ich einen Angeklagten nicht reden lasse. Denn so ers auch vor uns bewiesen hat, sind wir, die hier versammelt sind, allein seine Richter? Nach uns kommen Andere, die mögen anders urteln. Um deshalb ists an einem gerechten Richter, daß er dem Verredeten kein Mittel nimmt, damit er auch vor den noch Ungebornen sich vertheidige. Sprich edler Fürst.«

Woldemar öffnete den Mund. Da ward es todtenstill. Als Musika klang seine Stimme.

»Womit beweist Einer, daß er er selbst ist? Durch Zeugen, die ihn gekannt ehedem. Ach, Ihr edlen Herren, des Menschen Sinne sind trügerisch. Euren Eid in Ehren; doch was kann Einer bezeugen, als daß ich dem gleiche, den Ihr vor fünf und zwanzig Jahren und länger ein, zwei Mal, kommts hoch, drei – fünf Mal gesehen habt. Täuschen Euch nicht Eure Sinne? Der Beweis ist schwach, als es des Menschen Entsinnen ist. Er träumt gern von alten Zeiten. Das ist Art an uns, daß wir das Gewesene uns schöner malen. Denn uns gefällt das, was ist, nicht, darum suchen wir Trost in dem, was war. – Bin ich darum Woldemar, daß diese Narbe Stirn und Wange theilt? – Da kann ein Jeder, der vor Blut nicht erschrickt, und ein Messer führen mag, zum Woldemar sich schneiden. – Oder daß ich seine Heimlichkeiten weiß? – Dann ist Der dein Ebenbild, der durch die Thürritzen lauscht und dich im Schlaf behorcht, der deine Briefe öffnet und geschickt das Wachs wieder aufdrückt. O, daß in meinem Brandenburg nie solche Knechte zu Ehren kämen! – Was beweist es Euch, daß ich des Todten geheimes Denken weiß, so Ihr nicht wißt, daß ich dasselbe denke! Die gottlose Kunst weiß Todte zu wecken, und der Nekromant bestiehlt sie um ihr verschwiegenstes Geheimniß. That ich das, nun ja, dann bin ich Woldemar vor dem großen Haufen, der das Edle vom Gemeinen nicht zu scheiden weiß. Bin ichs aber auch vor Euch, den Fürsten der Nation? Des Kothes Erbe nur, wo der Geist zur bessern Welt flog? Wollt Ihr das untersuchen, meine edlen Richter, dann brecht die Steine auf in Chorin, und hebt den schweren Eichensarg aus der Gruft. – Doch nein, auch das nicht einmal mögt Ihr da erkennen. Die Verwesung macht uns Alle gleich; ein Possenreißer und ein großer Markgraf sind Lumpen und Moder –«

Er hielt inne. Mit kräftiger Stimme hub er wieder an:

»Wahrheit wollt Ihr? Ists so? O, dann laßt diese Zeugen gehen; belastet nicht ihr Gewissen, daß sie zitternd Aussagen stammeln über Dinge, deren sie sich kaum entsinnen. Rollt die vergelbten Pergamente wieder zu; aus Todten wird nie Lebendiges gezeugt. Die Wahrheit steht in einem andern Buche, ein Buch, darin Jeder lesen sollte: Glaubt Ihr an meine Echtheit, dann bin ich echt. Das Volk glaubt schon; mein treues, gutes Volk. Es fragt nicht, ob dies Maal stimmt, ob das Haar so aus meine Stirn fiel, ob ich von vergeßnen Dingen weiß; das Volk glaubt an meine Thaten. Ihr seid klüger, seht weiter als das arme Volk. Erkennt Ihr, daß der Geist meiner Ahnen in mir, dem armen Greise noch lebendig ist, erkennt Ihrs, daß ich ihr Enkel bin in ihrem guten Geiste und ihrem guten Schaffen? Das fragt Euch, das sprecht, das zeugt, Ihr edlen Herren. Das ist der Spiegel, den vergleicht: Hier, mein Ahnherr Albrecht, der gewaltige Bär, seine kühnen Söhne; verfolgt ihr Thun, wie sie das Erbe des großen Ahnen festigten, Schritt um Schritt vorwärts, keinen zurück. Seht dort die beiden Heldenjünglinge, zwei Dioskuren, Johannes und Otto, die Stammväter zwoer Linien; edlere Fürsten, leuchtend in ihren Thaten und still und fromm in ihrer Seele, sah Deutschland nicht. Und meine Väter, Vettern und Oheime, Ihr kennt sie, vergleicht. – Und nun der Woldemar, der war, und den, der ist. – Hier schweige ich, es ziemt nicht dem alten Manne, daß er den Jüngling lobt. Was er war, die Geschichte sagt es. Fragt auf dem Markte, fragt in den Hütten, fragt seine Feinde, das werden sie Euch sagen: er liebte sein Land und mit seinem Allen wollte er nichts, als sein Land groß und herrlich machen in Deutschland, sein Volk ehrenhaft, in Sitte und Zucht, in Glück und Unglück nicht verzagend. Er wollte es nicht untergehen lassen in Trägheit und Zwieträchtigkeit, in Dumpfheit und kleinem Sinn. Er wollte – Ich sprach genug. Ich ward müde und habe doch keine Rast, ich ward alt und mein Herz schlägt noch so frisch bei meines Volkes Leiden. Die alten Wunden bluten wieder, ich vergehe in Schmerz, denn mein Werk ist als nicht gethan. Ich schaue Euch frei ins Antlitz, Ihr großen Fürsten Deutschlands, Ihr könntet meine Kinder sein, aber Ihr seid zu jung, um meinen Schmerz zu fassen. Alles ist hin, was ich that, alles zertreten, was ich säete, und vor mir mein Leben so kurz. Ich kanns nicht vollenden. Helfe mir Gott, daß ichs doch anfing. Nun sprecht: bin ich wahr oder falsch?«

Einen Augenblick war es still. Man hörte die Athemzüge. Dann wie ein Sturmwind, der vor dem Donner hergeht, brauste es: »Er ist wahr! Er ists.«

Da erhob sich der Kaiser: »Ist da Keiner, der an ihm zweifelt. Wer für ihn zeugt, der hebe den Arm!«

Die Fürsten sprangen auf und hoben die Arme. So viel edle Zeugen sah man nie schwören.

Der Kaiser zählte umher: »Es ist Keiner.«

Aber eine Stimme rief aus dem Gedränge: »Einer doch!« Und ein hoher Ritter drängte sich durch. Drei Fuß hoch wehte der Helmbusch, blau und weiß, auf dem Kamm des silbernen Helmes, aber sein Visir war geschlossen. Die Herren fuhren zurück, Einige griffen nach ihrer Linken. Der Kaiser schaute nach den Trabanten; aber der Ritter war allein, nur zween oder drei standen hinter ihm.

»Der Eine bin ich«, rief der Ritter mit lauter Stimme, sie klang wie Hohngelächter durch das Helmgitter. »Giebt man doch dem Teufel selbst einen Sachwalter, was wollt Ihr keinen für die Wahrheit. Ich zweifle, Ihr Herren! Nicht doch, ich sags gradraus, er ist nicht wahr, er ist nicht echt. Er ist kein Markgraf, ein Betrüger ists. Und Ders sagt, so seh ich aus.«

Er schlug den Helmsturz zurück.

»Ludewig von Baiern!« riefen die Ritter. Der Baier sah sich hochmüthig um; auch vor dem Kaiser neigte er nicht das Haupt.

Karl war nur einen Augenblick blaß worden. Er richtete sich auf, und faßte ihn scharf ins Auge:

»Herzog Ludewig! seid mir willkommen, wiewohl es schicklicher wesen, Du wärst früher und anders kommen.«

»Kommt Ihr als Zeugen wider Diesen?« fragte ihn der Erzbischof von Magdeburg.

»Das wäre zu viel Ehre für ihn!« sprach der Baier.

»So schaut er also aus! Seht ihn Euch an, Friedrich von Lochen – Betkin! Schnell, so schaut ihre Puppe heut aus, wer weiß, ob morgen noch. Der Puppenspieler muß oft wechseln, wenn er dem Volk gefallen will.«

»Das ist zu arg!« schrieen sie.

»Hier mein alter Uchtenhagen, Du hast ihn gekannt«, sprach Ludewig, als unbekümmert, wie wenn er unter den Seinen wäre. »Streng Deine Augen an, ob sie gut gemalt und geschneidert haben? Sah Dein Markgraf so aus?«

Da waren nur drei, die ruhig blieben. Die Andern schrieen, das sei nicht seine Rede, das heiße, auf des Kaisers Wort pochen; es sei verwirkt, man solle ihn fahen. Die drei Ruhigen waren der alte Markgraf, Herzog Ludewig und der Kaiser. Der sprach:

»Herr Herzog Ludewig von Baiern, als Du Dein Wort lösetest und erschienen bist auf meine Ladung, lös ich Dir meines, Du hast frei Geleit und freie Rede. Aber Deine Rede ist an Deinen Kaiser; denn er ist Richter. Was sagst Du und was klagst Du?«

Ludewig schöpfte Athem, als presse ihm der Groll, dran er würgte, die Lunge. Dann riß er den Helm ab und warf ihn nieder.

»Bist Du der Kaiser? Mein Vater war auch Kaiser, aber kein Pfaffenkaiser. Hilf mir Gott im Himmel, was ich klage! Dich Karl von Böheim klag ich an, vor allen himmlischen Mächten – warum? das soll ich sagen. Hats da Worte für! – Meinem Vater, der Dir vertraute, hast Du die Kaiserkrone abgelauert, mein Haus hast Du ins Unglück gestürzt, mich – was hast Du mir gethan? Bei den heiligen drei Königen, es war so viel, daß ichs vergaß. Was willst Du noch. Aufsässig machen meine Vasallen? Seis, ich will sie wieder fassen. Den Pfaffen einheizen? Sie mögen kommen. Mein Weib beschwatzen, daß sie hinter meinem Rücken Erbverträge schließt? Ist Deine Art. Seis, ich fürcht Dich nicht. Wo hinaus solls? Mir meine Erblande nehmen, Tyrol mir stehlen? Aber aus diesen Marken, hats da gar kein Mittel mich zu treiben, Du weiser Cäsar, als ein Mährlein? Bin kein Kind, meine Leute sind zu Jahren und Verstand gewachsen. Es thuts nicht. Sinne auf Anderes. Sieh, ich lache. Nein, ich lache nicht, wenn ich Dich anschau. Es kocht in mir, daß Deutschland solchen Kaiser hat, daß Du den Stuhl befleckst, auf dem mein Vater glorreich saß. Dich Karl von Luxemburg, Dich allein, klag ich an vor diesen Fürsten, die Kaiser wählen, wenn sie gut sind, und Kaiser absetzen, wenn sie schlecht werden, Dich klag ich an der Dieberei, der argen Hinterlist, solcher Tücke und Ränke, die des Teufels und der wälschen Pfaffen sind, aber keines deutschen Mannes.«

Er schlug mit dem Stahlhandschuh gegen die Eisenbrust. Nur der Kaiser entsetzte sich nicht. Der antwortete ruhiger denn vorhin; freundlich klangs:

»So Du mich anklagst, Herzog von Baiern, das gehört vor ein ander Gericht. Nach Regensburg bescheid ich Dich vor den Fürstentag. Hier sind wir wegen dieses Mannes, und was Du vorzubringen hast, das sprich in Bälde.«

So Einem, den die Galle überläuft, der Andere ruhig antwortet, ists als ein Glas Wasser, das Du auf Feuer gießest. Ists noch mächtig, prasselt es auf, hats aber schon ausgebrannt, dann knisterts nur und verglimmt. Der Baier schwieg und schaute sich im Kreise um. Das Aergste war heraus, und hatte den Kaiser nicht zu Boden geworfen; was in ihm kochte, das fand nicht Worte mehr.

Der Erzbischof trat vor: »Herr Herzog von Baiern, im Namen dieses hohen Kaisergerichts, so Ihr noch Gründe habt wider diesen, sprecht wider ihn.«

»Wider den hab ich nichts zu sprechen«, sagte der Herzog, ohne ihn anzusehn. Aber er zog von der Linken den Stahlhandschuh. »Meine Rede ist nur zu Ehrlichen, Edlen, Ebenbürtigen. Wers ist und wagt, bei seinem Seelenheil und der Allbarmherzigen Mutter Gottes, zu behaupten, daß jener Mensch ein Markgraf war und kein niederträchtiger Schelm und Betrüger, werth, daß er vom Prachervoigt durchs Land gepeitscht wird, wers glaubt, der hebe ihn auf. Ich stehe ihm als ein guter Mann. Gott sei mit mir!«

Der Handschuh flog zu Boden. Es ward still einen Augenblick. Die geistlichen Räthe und die Kanzler erhoben sich. Der Doctor aus Padua schlug auf sein Buch. Die Fürsten aber blickten sich an ob der frechen Forderung. Einige mochten aufstehen, aber setzten sich wieder verlegen. Da lachte Ludewig höhnisch:

»Rieths Euch auch, ist besser ihn liegen lassen.«

Das war zu viel. Fürst Albrecht von Dessau und der Mecklenburger, auch der dicke Rudolf von Sachsen und seine beiden Söhne sprangen zugleich in die Höh.

»Zehntausend Teufel!« rief der Mecklenburger. »Als ich Dich bei Cremmen lauste, Herr Baier, hab ich Dich gelehrt, was Sprache man mit den Mecklenburgern reden soll. Dein Handschuh mag auf der Tenne faulen. Hier ist meiner, daß Du mir das freche Wort auffrißest.«

»Er hat die Fürsten beleidigt!« riefen ein Fünf, Sechs, und rissen auch ihre Handschuhe und warfen sie hin. Das klirrte: »Hier meinen – meinen – meinen« rief es. »Kaiser und Reich sind geschändet.«

Ludewig merkt es nicht, daß der alte Uchtenhagen ihn zupfte. Friedrich von Lochen ward bange, da er den Ingrimm der Fürsten sah, und wie Karl keine Miene verzog.

»Macht Eure Schand zur Schande des Reiches. So ists recht. Das arme Reich hat breite Schultern. Nehmt meinen Handschuh nicht; so ists mir recht. Ihr seid rechtschaffene Männer. Ich will nur Den zum Höllenpfuhl schicken, so an die Fratze glaubt. Heda, ist Keiner da; mein Schwert ist raus!«

»Das Schwert blank in Kaisers Gegenwart«, schrieen sie, » Crimen laesae! Verstrickt ihn!«

Weiß Gott, wozu es noch kommen wäre, wahrhaftig aber nicht zur Ehre der Fürsten und des Reichs, denn sie sagten sich arge Dinge und forderten sich mit Scheltworten, und doch nahm Keiner den Handschuh des Andern auf. Da aber trat der alte Woldemar vor einen Schritt und neigte sich vor Karl.

»Vergönnst Dus erhabener Kaiser, daß ich seinen Handschuh aufnehme?«

»Du!« Alle sahen ihn verwundert an.

»Mich trifft sein Schelten, nicht diese Fürsten. Laß mich auch allein mit ihm ausmachen.«

»Ihr seid zu alt.«

»Nicht zu alt, daß der Zorn nicht meine Adern als eines Jünglings durchbebt.«

Der Greis drückte beide Hände, als im Krampf, auf die Brust und schaute den Baiern an, mit solchen Augen, Ludewig selber schlug seine nieder. Es ward still um viele Pulsschläge. Woldemars Lippen bebten. Er kämpfte. Aber die gemeint, es werde losbrechen als ein Strom, der die Schleusen sprengt, als ein Donner des Zorns, der über die Orgel rauscht, waren falsch. Der alte Mann hatte sich bekämpft.

»Gott ist über uns, und die Gerechtigkeit zwischen uns. Wer rein ist, der wird siegen. Du hast viel Feinde, Herzog von Baiern. Die hat Jeder, wer es ehrlich meint. – Ich glaubte sie nicht, die Gerüchte, die in fernem Morgenlande zu meinen Ohren klangen. Sie mochten Dich verläumden. Drum kam ich als Pilger, mit eigenen Augen zu schauen, nicht um Dir das Land zu entreißen. So Du nicht mit Rechten Brandenburg erworben, Du mochtest es doch mit Güte besitzen. Ein Fürst, der gut Regiment führt, hat ein heilig Recht in seinen Werken. Stärker ist es, als das aus Blut und Verträgen. Das Viertel eines Jahrhunderts, dacht ich, besitzt der Fremde mein Erbe. Da konnt er säen und erndten, bauen und richten. Wunden, die ich zurückließ, mocht er heilen, Herzen gewinnen. Ich wollte Dir mein Brandenburg lassen und meinen Segen, wenn ich Dich als guten Fürsten fand. – Heiligste Mutter Gottes, was hast Du gethan! mein, was Du nicht gethan, das ist Deine Sünde; die ärgste, so Einer begeht, den Gott hinstellt zum Fürsten. So spielte noch kein leichtfertiger Knabe mit dem Erbe, das der Vater ihm ließ: so wirthschaftete kein untreuer Verwalter im Weinberge seines Herrn. Wo ist mein Volk, wo mein Land, Herzog von Baiern? Wo ist der blühende Garten voll Wandel und Leben, voll Ordnung und Sitte, die Woldemar gepflanzt, wo ist der Ruhm der Herrschaft, meiner Völker Wohlsein? – Wo mein Volk? – Was hast Du mit meinem Volke gemacht? Sprich, die Märker sind ein ehrliches und gutes. Treu halten sie aus, wer ihnen treu ist, es giebt nicht bessere Freunde im Unglück. Wie Du mit ihren Gütern spielst, hast Du gefrevelt mit ihren Herzen. Ihre Habe ist Asche, ihre Herzen sind zerrissen, ihr Muth ward stumpf. Ihre Wege sind Ungerechtigkeit, ihre Festen sind Raubnester, die Luft, die ich athme, sind Pest und Todesseufzer.

Der Greis hielt einen Augenblick inne. Niemand rührte sich.

»Herr des Himmels! das ist Dein Werk! Gieb mir mein Volk wieder! Gieb mir das Land zurück. Die Wüste voll Fluch und Unrecht, die Mörderhöhle voll Raub und Schande erkenne ich nicht dafür. Gieb heraus den Raub, ruchloser Verschwender des Heiligsten; heraus die zertretene Sitte, den Fleiß, die Treue, die Arbeit meiner Jahre. Ja, stampfe auf den Boden, Räuber, die Reben stampfst Du nicht aus den verwüsteten Weinbergen, aus den Aschenhaufen wachsen nicht Christi Kirchen wieder auf. Die Frauen und Jungfrauen, gieb ihnen ihre Unschuld, ihre Ehre zurück, um die Du sie betrogst. Schaffe mir wieder die Tausende, die sie in Litthauens Wälder schleppten, die holden Kinder und die armen Mägdlein. Dein fluchen sie unter der Peitsche des Barbaren! Die Gemordeten, ruf sie ins Leben! Die Zerrissenen – Du ließest sie zerreißen – sprich ein Zauberwort und füge ihre Glieder wieder zusammen. – Ich stand an einem Grabeshügel, ich hörte und sah Vergangenes: – Ein holdes Mägdelein, allein war sie überblieben, alle mei– alle ihre Lieben röchelten im Brandschutt, sie stand regungslos, ein Opferlamm vor den Räubern. Die stritten sich um sie, als Habichte um eine Taube. Da hob der wilde Hauptmann den Säbel, es sollte sie Keiner haben, er spaltete das unschuldige Kind. Dank ihm, der wilder war als Du. Du hast es nicht gethan, Du ließest es geschehen. Gott verzeih es Dir, ich kann es nicht verzeihen. An jenem Hügel schwur ich einen theuern Eid wider Dich, der Du mein treues Volk zerreißen, spalten ließest, wie der Litthauer die Maid. Dich klag ich an, Dich Ludewig von Baiern allein, vor Himmel und Erde, Gott und Menschen! Und hingen zehn Siegel drunter, zehn Mal hast Du Dein Recht verwirkt. Und sprächen zehn Kaiser, und zehn mal zehn Reichstage für Dich, Du warst, Du bist nicht dieses Landes rechter Herr, Du bist – Gottes Gnade mir, schlimmer als der blutige Mörder, als der Räuber, den Habgier treibt, Du bist der gedankenlos gleichgültige Würgengel meines Volks. So lang ein Athem in mir lebt, sollst Du nicht Markgraf sein. Sieh, mit diesen Waffen fecht ich gegen Dich, zerschmettre meinen alten Schädel, wenn Dus kannst. Gott ist über mir; er ist bei meinem Werke.«

»Er ist rasend«, rief Ludewig und wandte sich ab. Der von Lochen erschrak, da er seinem Herrn ins Gesicht sah. Er war verwandelt.

Da sprang Woldemar von Anhalt, der junge, vor und bückte sich: »Ich nehme Deinen Handschuh auf, Ludewig. Vor Gottes Gericht verfechte ichs gegen Dich und männiglich: Der dies sprach, war Woldemar, Markgraf von Brandenburg.«

Da, schon als der Greis mit so eindringender Stimme gesprochen, und zuletzt war es herausgestürzt als ein Feuerstrom, war ihnen Allen wundersam zu Muth gewesen. Aber sie sahen sich an als alte Leute, die sind schwer zum Entschluß zu bringen, und liebens nicht, daß es scheint, es hätte sie Eines Rede bewegt. Sie meinen, was ein Anderer reden kann, das könnten sie auch, so sie nur den Mund aufthun. Nun aber der junge Graf so sprach und mit heller Stimme, als kams aus tiefster Brust, und sein Auge leuchtete, da durchrieselte es auch die Alten.

Unter die grauen Wimpern des alten Markgrafen drängte sich eine Thräne. Er sah nicht länger auf den Baiern, er sah nur in das frische schöne Gesicht des jungen Grafen, und seine blassen Wangen rötheten sich. Dann hob er die Arme, dieweil um seine Lippen ein schmerzlich Lächeln schwebte. Der junge Graf sprang auf ihn zu. Wollte er dem Greise die Hand küssen, oder vor ihm niederknieen?

»Verzeiht Ihr mir, edler Vetter?«

Der Markgraf drückte ihn an seine Brust und hielt ihn wieder von sich und schaute ihm vergnügt ins Gesicht. »Mein lieber, lieber Vetter. Das ist mein schönster Tag, wo ich Dich gewann.«

»Ihr habt mich bezwungen, und ich muß an Euch glauben.«

»Ein edel Roß bäumt sich schon vorm Schatten der Ruthe«, sprach der Markgraf, »dieweil selbst der Sporen das träge nicht aufbringt.«

»Und ich darf mit gutem Gewissen für Deine Echtheit in den Kampf gehn, mein edler Ohm?«

»Mein Ruf ist echt. Gott ist deß Zeuge«, entgegnete der Alte.

Dem alten Fürsten von Dessau rollten nun die hellen Thränen von den Wangen. Er drückte dem Herzog Rudolf die Hand, der nicht wußte, was er dazu sagen sollte. Kaiser Karl schaute freundlich und nachdenklich vom Thron herab, er allein war nicht gerührt und beobachtete Alles, und da der Doctor aus Padua ihn fragend anblickte, sagte er: »Steht das auch in Euren Büchern?«

»Eures Weilens ist nimmer hier«, hatte Friedrich von Lochen dem Herzog zugeflüstert, und so waren Alle in Leidenschaft und Getös, sie merkten nicht einmal – bis auf den Kaiser, da er mit Seinen aus dem Zelte ging.

Sie warfen sich zu Roß. Da sie einritten, wars als wie der Sturmwind, da er die Thorflügel einer Scheune sprengt, nun sie ausritten, wars als Diebe in der Nacht, die über Hecken setzen, und die Hofhunde sind hinter ihnen. Ueberm Stahlkleid trägt man keinen Mantel. Aber wie Ludewig voraus ritt, allein, schweigsam, es war als ein Mann, der den Mantel über die Ohren zieht; Niemand soll ihn sehen, er sieht auch Keinen an.

Item so schweigsam ritten seine Herren, jeder einzeln! »Was soll man nur denken!« murmelte Betke Botel.

»Das weiß der Teufel!« antwortete Betkin Osten.

Ludewig riß plötzlich sein Pferd um und sprengte zurück.

»Pestilenz! hat er mich nicht gefordert? Mir wars so.«

»Der kleine Graf nahm Euren Handschuh. Das ist richtig,« antwortete der Ritter Osten.

»Straf mich Gott, so muß ich wohl zurück,« sprach der Markgraf.

Die Ritter schwiegen. Betke Botel schüttelte den Kopf:

»Das hat gute Weil, gnädiger Herr. War nur so Gerede. Man wußte nicht, was man sprechen sollte.«

»Ist mir so fürkommen je!« murmelte Betkin Osten.

»Frankfurt halten, das ist Eure erste, und Fürstenpflicht; die Ritterpflicht kommt nachher,« so sprach Friedrich von Lochen, der herangeritten war. – »Seht da die Schneewolken, die ziehn uns zu als Entsatz. Hatte mein Auge gut im Lager ringsum, halten wir uns nur noch zehn Wochen, müssen sie die Belagerung aufheben.«

»Hättet auch keine Ehr mit dem Kleinen«, sagte Betkin. »Renntet ihn nieder beim ersten Zusammenstoß.«

»Und er brach sein Wort,« schnaubte Ludewig. »Versprach mir, an den Mann nicht zu glauben, und –«

»Nun glaubt er doch,« brummte Betkin.

Der alte Uchtenhagen war ihnen vorübergeritten, langsam, derweil sie so sprachen. Er saß gebeugten Kopfes auf dem Pferde.

»Du rühmst Deine Mark, Alter, es sei ein ehrlich Volk,« sprach Ludewig, »und die Betrüger wachsen wie Pilze auf.«

Der Uchtenhagen sah den Fürsten ernst an: »Betrüger! – Ach, gnädiger Herr, so sieht kein Betrüger aus. Wars mir, als schaute der große Woldemar tief in meine Seele und rief: Petrus, du verleugnest mich?«

Ludewig gab seinem Roß die Sporen und redete mit Keinem ein Wort mehr, bis das Fallgitter von Frankfurt hinter ihm niederfiel. Aber bei sich sprach der grimmige Mann: »Ein Land für Wehrwölf und Hexen. Hols der Teufel, daß ich sein Fürst bin.«

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Einundzwanzigstes Kapitel. >



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