Frei Lesen: Der falsche Woldemar

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Willibald Alexis

Der falsche Woldemar

Zweites Kapitel.

eingestellt: 23.7.2007



Am Hohlweg in der Nacht gings heiß her. Nicht Alle waren, als ein Strom durch die Schleusen, fortgesprengt. Die Vordersten der Feinde trafen ihrer noch, wenige nur, aber Männer. Stahl klirrte gegen Stahl und Speere splitterten.

Aber ehe der volle Feindesschwarm anprallte, die Paar zu erdrücken, warf sich die Nacht dazwischen. Eine zwiefache Nacht. Die schwarzen Bäuche der Schneewolken barsten und warfen solche dichte Flocken nieder, daß Keiner das eigene Schwert sah. Auf eine Weil schwieg der Kampf. Die Trompeter riefen die Feinde zurück, daß sie sich zum Angriff ordneten. Ihre Führer mochten denken, es seien dort mehr.

»Vater, itzt rette Dich«, sprach ein junger Knappe und faßte des alten Uchtenhagen Roß am Zaum und wollte es umdrehn. »Sie reiten zurück; das ist uns günstig.«

Der Alte riß sich zornig los: »Das redt nicht Uchtenhagens Sohn.«

Kuno war kaum achtzehn Jahre; das gelbe Haar floß ihm um die Schultern aus dem Helm vor. Sein milchweiß Gesicht ward blutroth.

»Herr Gott, mein lieber Herr, Euer Sohn räth gut,« sprach ein Mann, der hieß Eisenhardt, ein Dienstmann der Uchtenhagen. »Den Platz halten wir nimmer, und ist nichts zu holen als eitel Tod. Aber so wir itzt die Rosse wenden und ihnen die Sporen geben, hilft uns Gott wohl.«

»Uns! Aber nicht unserm Markgrafen. Ist da Einer hinter Euch, der will, daß sie ihn Verräther schelten, der wende sein Pferd. Ich entlaß ihn der Pflicht, so er gegen mich hat; aber so es mein Sohn wär, der nenne förder mich nicht Vater. Und falle ich, so soll er nicht an meinem Sarge stehen.«

Ulrich Pfuel, der war den Uchtenhagen nah verwandt, und ist ihr Nachbar, er sprach: »Alter Freund, was nutzt es! Gott zeigt uns selbst den Weg der Rettung.«

»Und denen drüben, wo sie unsern Herrn suchen. Als lang ich seines Rosses Hufschlag höre, will ich hier stehen, und noch eine Weil.«

»Er hat uns verlassen.«

»So der Herr schlecht ist, solls der Diener auch sein?«

»Denkt, was Ihr dort im Oberhäuslein zu mir spracht.«

»Herr Ulrich Pfuel, mein lieber Schwager, so ich damals zweifelte, hier ists nicht Zeit zum zweifeln, hier ists zum treu sein. Ich schwor dem Ludewig, und sos ein schlechter Schwur war, wär ich doch ein schlechter Mann, so ich ihn bräche im Unglück. Ihr meine Söhne und Ihr Freunde! als der Schnee weiß niederfällt, so weiß sind meine Haare; so rein ist mein Wappenschild; so rein als Gott der Herr will, wünscht ich, daß meine Seele sei. Und so rein möcht ich in den Tod gehen. Wers mit mir will, der schlage an, wers nicht will, der reite heimlich davon, will ihn nicht sehn, noch je verrathen; denn eines todten Mannes Zunge ist still.«

Keiner antwortete, Keiner ritt fort, sie schlugen gegen ihre Schilde. Es war kein Klang, der weit wiederhallte, aber ein Klang wars doch, der stählte ihre Herzen.

Die Drommeter drüben antworteten. Das tönte anders von Stahl und Eisen, von Zaum und Zügel und Rosseschnauben. Nicht zwanzig Athemzüge vergingen, und die Lanzenspitzen klirrten gegen Panzer und Schild. Aber nach wieder zwanzig Athemzügen machten die Rosse kehrt; wer kämpft gegen den Schnee, der dicht ist als die Luft, und der heulende Wind treibt ihn durch die Helmgitter ins Auge.

»Gott sei gnädig seiner Seele!« sprach Ulrich Pfuel, der hielt den Knappen Kuno in den Armen; von der andern Seite stützte ihn der treue Eisenhardt. Dem Knaben war die Stahlhaube vom Kopf geschlagen, hing blaß mit dem Kinn über auf der Helmberge, seine goldenen Locken klebten voll Blut. So schleppten sie ihn zurück und legten ihn auf einen Stein. Er war der erste gewesen zwischen den Feinden und hatte einen riesigen Mann vom Pferd geschlagen. Da spaltete ihm die Streitaxt den Helm.

»Vater!« sprach er, da er das Aug aufschlug, »nun bin ich doch Uchtenhagens Sohn?«

»Bists,« sprach der Alte und drückte seine Hand. Einen Augenblick beugt er sich über ihn, mehr war zum Trauern nicht Zeit.

Wer da die Männer gesehen in dem Augenblick, hätte gemeint, es seien Steinbilder, die über Gräbern stehen. Ihres wurde doch erst gegraben. Die müden Krieger, die Hände faltend auf das Schwert, und dicker Schnee lagerte auf ihren Schultern.

Da schüttelte sich Dietrich, des Alten andrer Sohn, und faßte Helmeckes Arm, der der zweite Bruder war. Zorn leuchtete in seinem Aug: »Vater, laß uns ihn rächen, ich sahs, wer ihn erschlug.«

»Nicht Rache, Sohn!« sprach der Alte. »Wir sind nicht hier um uns. Nicht unser Herz ist hier, nur unsre Pflicht.«

Wie Ulrich Pfuel sah, daß dem Alten das Herz brach, als er so sprach, und neben ihm seine einzigen Söhne, die er liebte, und die er anschaute, als wären sie schon gestorben, da winkt er dem Eisenhardt, und sie beide traten den Alten an:

»Laßt uns nun hier allein stehen, gnädiger Herr,« sagte der Dienstmann. »Ein Weil halten wir noch den Paß, so wir uns hineinziehen, und oben vom Gemäuer wälzen wir Steine. Ihr aber reitet fort mit den zween Söhnen, so Euch blieben.«

»Das müßt Ihr thun, um Eures edlen Hauses willen,« sprach Ulrich Pfuel; »denn Ihr habt genug gethan.«

»Vater reite!« drängten ihn die Söhne.

»Da sei Gott für,« rief der alte Uchtenhagen, »daß ich, was eines Edlen ist, Dienstleuten überlasse.«

»Herr mein Gott,« rief der Pfuel, »der Baier verdient nicht solche Treu um uns.«

»Aber wir, daß wir uns selbst treu sind! Das ist des Adels Pflicht, daß er besser ist als die Andern. Er muß mehr thun, sonst ist er weniger, als sie. Wahrlich, ich sage Euch, es thut uns noth, daß wir den Rost kehren von unsern Wappenschilds, daß wir den Stahl hell leuchten lassen, sonst glauben sie nicht, daß er echt war.«

– »Ihr, meine lieben Söhne!« sprach er nun zu denen, da er sich wieder aufs Roß heben ließ – »Euch gebe ichs frei, wollt Ihr gehen oder bleiben? Ihr setzt mein Geschlecht fort, und es ist ein wehrhaft gut Geschlecht: das hat als Markhüter an der Oder gestritten gegen die Slaven zween Jahrhunderte. Fallt Ihr mit mir, dann sinkt mein Haus ins Grab. Aber es liegt dort mit Ehren. Besser, mein ich, begraben sein mit guter Ehre, als fortleben mit bösem Leumund.«

Die Söhne jauchzten, riefen: »Mit Dir sterben in Ehren, Vater!«

Da breitete er segnend die Hände aus und drückte Jeden auf die Stirn. Zu mehr war nicht Zeit. Es sauste heran, und ein Bolzenschauer hagelte durch den Schnee. Was klirrten die Harnische, was ward der Schnee roth von edlem Blut!

Als der Tag dämmerte, und der Morgen röthete bläßlich die Wolken in Osten, schwieg der Sturm, auch der Kriegslärm toste nicht mehr. Da standen viel hundert Krieger stumm als Trauernde auf ihre Lanzen gelehnt, und sahen das Werk an, das sie verrichtet. Manchem edlen Manne ward die Wimper feucht. Sie standen am Hohlweg, und hundert Arme hätten lange arbeiten müssen, ehe sie durch konnten, ob doch kein Lebendiger ihnen wehrte. Der Weg lag voll Trümmer, so die von der Kapelle, der alten oben, hinunter gewälzt, ganze Mauerstücke, Balken, Sparren und Bäume, und darum lagen Pferdeleiber und auf den Trümmern todte Männer. Und auf den Trümmern, den Balken und den Leichen lag Schnee; da nur weniger, da handdick, da noch mehr.

»Lebt Keiner mehr?« sprach der junge Führer.

»Keiner,« antworteten sie.

Und nun brach die Sonne vor, und leuchtete das weiße Schlachtfeld an. Oben saß noch Einer, aufrecht an einem abgebrochenen Stück Mauer. Der Helm war ihm vom Kopf gefallen, das greise Haupt lehnte an der Blende und über ihm schaute die Jungfrau Maria auf ihn nieder. Der Arm lag matt auf der Mauer, aber den Degen hielt die kalte Hand noch fest. Sein Aug war groß auf, als da er von hier befehligte und Acht hatte auf Alles; aber es glänzte nicht mehr.

»Der alte Uchtenhagen!« riefen sie.

»Einen vollen Beutel dem Meister,« rief der junge Graf von Anhalt, »wer mir den wackern Krieger genesen macht.«

Die hinaufgeklettert, schüttelten den Kopf. »Den lasse Gott genesen am jüngsten Tag!«

Da sie ihn heruntertrugen, hielt der Todte noch immer den Degen fest und ritzte Eines Hand, der zu nah kam.

»Der ist im Tod noch furchtbar,« lächelte ein Dritter.

»Und treu!« sprach der Graf von Anhalt.

»Da floß ein edel Blut hin,« sagte er noch, aber sie fanden keine Wunde am alten Mann, als sie den Harnisch losschnallten. Hatte ihn der kalte Todesschlag getroffen von großer Anstrengung; auch wohl vor großem Schmerz, da er alle seine Söhne sterben sah vor sich. Aber er hatte keine Thräne geweint.

Die edlen Herren standen still betend vor ihm. Da rieselte es roth aus dem Schnee vor, denn die weiße Decke hatte das Blut versteckt, das hier geflossen, und jetzt hoben sie die Leichen der beiden Brüder auf. Aus deren Wunden kams. Der Graf von Anhalt zog sein Tüchlein vor und taucht es in das Blut.

»Das ist ein köstlicher Quell, der Brunnen der Treue!«

Die Hauptleute trieben die Kriegsknechte an, daß sie den Weg rein machten:

»So wir die Rosse anspornen,« sprach Einer zum Grafen, »holen wir doch noch den Ludewig ein vor Mittag, denn der Schnee zeigt uns die Fährte zur edlen Jagd.«

»Nimmer das!« rief der Graf. »Seht Ihr nicht, daß dieser Mann mit seinem Tode und seiner Söhne das Leben des Baiern erkauft hat? Das ist sein Testament, mit edelstem Blut geschrieben. Das müssen wir heilig halten. Laßt ihn laufen, wohin er mag. Uns liegt ein besser Werk ob, daß wir mit Ehren bestatten, die hier mit Ehren starben. Ueber ihn komme es, den Landesverderber, das edelste Blut, das für ihn floß. Unser Werk ists, aber sein ist die Schuld.«

Da legten sie die vier Leichen neben einander auf Kieferästen, des Vaters und seiner drei Söhne; der Fürst und die Herren schüttelten ihnen die Hände. Auch Ulrich Pfuels Leiche, die war ganz zerhackt, und die des treuen Eisenhardt und der Andern. Wie mancher Mann von den Kriegern fand hier seinen Freund; dem hätte er lieber lebendig die Hand geschüttelt, und sein letztes Hab mit ihm getheilt. So gehts im Bürgerkrieg. Da rühmten sie die Todten und die härtesten Männer weinten.

Dann, nach Kriegesart, gruben sie drei Gräber nebeneinander, ein Priester segnete die Todten, und sie legten sie hinein in die kühle Erde. Den Vater und seine drei Söhne in eines, das hieß noch lange nachher der Uchtenhagen Grab. Und zu Füßen ihnen den treuen Eisenhardt; den wollten sie auch im Tode nicht von Denen trennen, von denen er im Leben nimmer wich. Aber dem alten Uchtenhagen ließen sie den Degen in der Hand. Die Priester wollten das nicht, denn zur ewigen Urständ vor Gott schicke sich nicht, daß Einer mit dem Degen komme. Aber er hielt den Griff so fest, sie hätten die Handgelenke brechen müssen. Da meinten die Fürsten, Gott wirds ihm nicht verargen, er war kein Rebell gegen den Herrn im Himmel, als er keiner war gegen seinen auf Erden. Und das Schwert hat er immer mit Ehren geführt im Leben, also wirds ihm auch jenseits keine Schande sein. Die Priester murrten wohl, aber sie mußtens doch zulassen.

In das andere Grab war Ulrich Pfuel gelegt und ein Itzenplitz. Sie waren Nachbarn und Freunde. In das dritte aber die Knechte; die haben keine Namen. Auf die Gräber wälzten sie Steine; über das der Uchtenhagen ihrer so viel, daß es ein Hügel ward. Die Bauern nachmals haben sie fortgetragen; aber das ist nicht recht, denn nun weiß Keiner, wo die letzten Uchtenhagen ruhen.

Davon heißt es im Liede so. Das Lied hat ein Ewald Kleist gemacht, sagen Einige, der war bei den Anhaltern, und ward selbst verwundet. Andere aber sagen, es hat ein Schneider gedichtet:

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