Frei Lesen: Der falsche Woldemar

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Willibald Alexis

Der falsche Woldemar

Viertes Kapitel.

eingestellt: 23.7.2007



»Schmettere ihn zu Boden, allmächtiger Gott! Schlage ihn mit Blindheit und Raserei! Schleudere deine Blitze auf seinen Scheitel, daß die Erde unter seinen Füßen berste und der Abgrund ihn verschlinge. Verflucht sei er diesseits und jenseits, verflucht sein ganzes Geschlecht, verflucht Kind und Kindeskind in alle Ewigkeit! Amen.«

So sprach ein blasser Mönch von der Kanzel des Domes herab, die hagern Arme aus den zurückfallenden Aermeln der Kutte ausstreckend, wie die Krallen eines ungeheuern Geiers, der in den Lüften nach unsichtbarer Beute schnappt. Die Donnerworte dröhnten durch die Gewölbe, die Scheiben zitterten, die Orgel tönte wieder, als wenn ein Geist der Rache mit unsichtbaren Fingern über die Tasten streifte. Es war nicht wie in einer christlichen Kirche, als in einem Heidentempel wars, wo ein finsterer Beschwörer die bösen Geister ruft. Kein Sonnenschein fiel durch das bunte Glas, und trüb schauten gegen die dunkeln Wolken die farbigen Gestalten der Märtyrer und Heiligen. Die Versammelten saßen niedergebeugt Kopf an Kopf und athmeten nicht; es hauchte sie an, wie Eisluft, die über Gräber streift. Die zarten Weiblein durchzuckte es, wie wenn Einer mit kaltem Stahl ihnen durch Herz und Brust fahre. Sie schlürften des Mönchs Worte ein wie Gift, das die Nieren ausbrennt, und doch hielten sie nicht die Ohren zu; es war Gift, das mit Wollust kitzelt. So hatte noch kein Prediger im Dom zu Brandenburg zu den Herzen gesprochen.

So Eine jetzt den Kopf erhoben, und hätte dem blassen Manne ins Gesicht geschaut, wäre sie niedergesunken vor Entsetzen. So sieht kein Lebendiger aus. So leichenblaß, das Gesicht so lang, der Mund halb geöffnet, und die schwarzen Augen wie brennende Kohlen, die in den großen Höhlungen unstät sich drehten. Der Bart umfloß nicht sanft und kraus den Mund, als es der Maler liebt; borstig zerrissen, gelb und roth starrte er um das Todtengesicht, auf dem kein Ausdruck war, als der des Fluches. Die braune härene Kutte, vom Strick umschlungen, schlotterte um den Leib. Man meinte, wenn er heftig die Arme schüttelte, müsse sie ihm abfallen und ein Gerippe werde dastehen.

Aber er schüttelte nicht die Arme. Er stand regungslos da, um Minuten, den Leib vorgebeugt, die nackten Arme dräuend in den Lüften, athemlos wie die Tausende unten. Man konnte ihr Herz klopfen hören durch die öde Kirche; seines nicht. Es war Stein. Endlich kehrte der Athem zurück, der Anhauch der Wange verrieth, daß das Blut ihm wieder pulse; die Brust hob sich, und er senkte die Arme.

Die Worte, die er gesprochen, waren die wahrhaftigen Bannworte, die der heilige Vater, Clemens der Sechste, wider Kaiser Ludewig den Baiern und sein Geschlecht aus Avignon geschleudert.

»Wann war es, Ihr gläubigen Söhne und Töchter dieser Stadt, daß der heilige Vater diesen Bann sprach?« fuhr er fort. »Im Jahre des Heils 1345, am 13. April, es war der grüne Donnerstag. Zween Jahre sinds. Und wo ist der Kaiser, der in Stahl und Erz Rom trotzen wollte, der, die Krone der Majestät um sein Haupt, sich vermaß, Kaiser zu bleiben, der Kirche zum Hohn und Christi Stellvertreter zum Trotz? – Fraget die Würmer, die seinen Leib fressen. Fraget die Geister der Hölle, die seine Seele trugen zu ihrem Fürsten. Steiget hinab in das Reich der Finsterniß, und wenn ihr höret unter dem Heulen und Zähneklappern Einen, der zehntausendmal ärger heult, es ist Euer Kaiser. Noch ist kein Jahr um, sieben Monden nur, da ritt dieser Ketzer stolz und wohlgemuth aus München, um zu jagen. Nicht nach der Gottseligkeit, sondern nach dem Hirschen, der so brünstig in wilden Gedanken ist als er, nicht nach der Frömmigkeit und dem reinen Glauben, sondern nach den Vögeln in den Lüften, die sind so unbeständig und wetterwendisch, als er war. Nicht das Kreuz in der einen, den Rosenkranz in der andern Hand; vielmehr auf der linken einen Falken, in der rechten einen Speer. Die ihn schauten, stolz auf seinem stolzen Roß, vermeinten zu sehen die Herrlichkeit der Welt und jauchzten ihm zu: Heil ihm und langes Leben! – Gott der Herr sah ihn auch und hatte ihm sein Ziel gemessen. Die Vögel in den Lüften sangen, und die Lust war rein und blau, und der Sonnenschein fiel goldig in den Octoberwald. – Das war eine lustige Jagd. Da Mittags, als er das Hifthorn an die Lippen setzte, die Waidgenossen zu rufen: nun ist die Jagd aus, laßt uns freuen beim Mahle auf grünem Teppich! Da blies er hinein. Es kam kein Ton heraus. Herr Gott, was ist das! riefen alle Junker und Ritter. Und wo noch eben die Sonne geschienen, wards dunkel; von den Alpen blies ein eiskalter Wind über den Forst graue und schwarze Wolken. Es ward finster und schaurig. Die Vögel sangen nicht mehr. Die Krähen flogen aus den Wipfeln und krächzten ein Grabeslied. Was ists, schrieen die frohen Jäger. Gottes Stimme wars. Sie rief: »»Die Jagd ist aus. Ich lasse dem Jäger sein Wild.«« – Und davon flog er mit seinen himmlischen Heerschaaren. Der Geist der Finsterniß mit den Seinen rauschte in den Wipfeln der Eichen. Da bäumte sich das Roß, darauf der Kaiser geritten. Es trug keinen Lebendigen mehr. Das unvernünftige Vieh sah, was des Menschen Augen nicht gewahrten: wie Satan dem Ketzer den Hals umdrehte. So stürzte, der der Mächtigste war unter den Menschen, wie ein Steinblock, der an einer Klippe hing, und das Band, das ihn hielt, giebt nach, so stürzte er, ein kalter Klumpen, dumpf auf die Erde. Das Roß, Schaum um die Nüstern, stürzte mit heulendem Gewieher in die Weite. Keiner hat es eingeholt, Keiner sah es wieder. Kaiser Ludewig, der Ketzer, verröchelte im Schooß eines Bauern, den sie zwangen, daß er ihn halte; denn die Furcht des Herrn war über die Jäger und Ritter gekommen. Es mochte ihn Keiner anrühren, der vorhin vor ihm gekniet; und dem sein Athem, wenn er sprach, Balsam war, schauderte itzt, als sei es eine Pestleiche. Also straft Gott der Herr die Gottlosen und richtet, die Christi Vertreter in Bann gethan, und in ihrem Hochmuth vermeinen sie, sie hätten dessen nicht zu achten. Der Grund, auf dem er starb, heißt itzt der Kaiseranger. Gehet nach München und schauet zu, ob er noch grün ist. Das Gras verdorrt, wenn es aufwächst. Unfern steht ein Kloster, das heißt Fürstenfeld. Also fällt der Fürst der Welt, der dem Fürsten der Ewigkeit nicht gehorcht. Das Gericht, Ihr Bürger, geschahe am eilften October in der Mittagsstunde im Jahre des Heils 1347.«

Abermals hielt der Mönch wie erschöpft inne. Aber seine Blicke starrten nicht mehr ins Leere, er schaute versenkt vor sich nieder, als sammle er aus den Grüften der Verdammten neue Flüche für die Lebendigen. Es war still wie vorhin; nur einzelne Weiber schluchzten.

»Deine Hand ist stark. Dein Athem ist ein Sturmwind, wenn du die Bösen vertilgest; dein Blick ist ein Feuerstrahl, der Städte verschlingt, wenn du zürnst. Wie lange willst du zaudern, bis dein Gericht vollendet ist!« So hub er von neuem an, langsam die Arme ausstreckend, bis sie wie Meilenzeiger gen Himmel standen, und die Finger der Hände schienen wie Flammen das Gewölbe der Kirche berühren zu wollen. – »Gott Zions, ist denn deine Langmuth unerschöpflich! Soll der Fluch nur halb erfüllet sein? Soll der Zweifel der sündigen Erdensöhne, der wie der Wurm nicht stirbt, neue Atzung finden dadurch, daß dein Gericht so lange währt! Beten denn die Heiligen an den Schemeln deines Thrones nicht täglich zu deinem Zorne, daß er sich in ganzer Fülle und Herrlichkeit entlade, als ein Gewitterstrom nach schwülen Wochen über die dürstende Erde? Erbarme dich der Gläubigen und Guten, so wenig ihrer sind! du erbarmtest dich ja auch des Noäh in den alten Tagen, und rettetest ihn durch die Schleusen des Himmels, die du über die Gottlosen aufthatest, von ihrer ruchlosen Gemeinschaft. Herr Zebaoth, wir rufen dich, wir flehen mit Zittern, höre uns, daß wir nicht verkommen unter den Rachen der Ketzer, daß unsere Reinheit nicht befleckt werde durch die Berührung der Ausgestoßenen. Wann? wann wird er wiederkehren der eilfte October?«

Seine Arme zitterten, er schaute nach links, nach rechts. Sein Gesicht war jetzt so Bewegung, als es vorhin Stein war. Er lehnte sich weit über die Kanzel und breitete segnend die Arme aus!

»O betet! betet!« nicht mehr klang es wie Donner der Orgel; es war eine gedämpfte, tief bewegte Stimme. Als senke sich das schwere Gewölbe auf ihn und die Versammelten, und gedrückt hauchte er es ihnen zu: »Betet mit mir, Ihr Christen; denn es ist an der Zeit. Den Sünden ist ihr Maaß gemessen. Ein Land, das in Gottlosigkeit verkehrt, und jeder Schritt ist ein Schritt in der Sünde, über ein solches Land kommt das Verderben, man sieht es nicht, und es ist da! es war heute Tag und morgen ist Nacht. Soll ich Euch malen, wie Aegypten heimgesucht ward, oder Ninive zitterte, weil das Volk nicht hörte auf die Stimme der Propheten? Nein. Denn was sind die Sünden Ninives, die Gräuel Sodoms, die Eitelkeit und Thorheit von Pharaonis Kindern gegen die Schuld, so auf dieser Mark Brandenburg lastet! – War in jenen Ländern das Kreuz des Herrn erhöht, predigte ein Diener der heiligen katholischen Kirche, klang die Stimme des heiligen Vaters den Völkern zu den Ohren? – O, Ihr Andächtigen, wäre ihnen das Heil widerfahren, sie hätten sich gekreuzt und zu Boden geworfen, ihre Gewänder zerrissen, hätten die Haare und die Brust mit den Nägeln zerfleischt. Solches Heil wiederfuhr nicht dem Lande der blinden Heiden. Aber dir, Brandenburg wiederfuhr es, und wie hörtest du auf die Stimme des Herrn? Wie begegnetest du seinen heiligen Priestern? – Geschlachtet hast du einen heiligen Abt vor seinem Kirchthurme, zerrissen den Gesalbten, und einen Scheiterhaufen errichtet und verbrannt seinen Leichnam. Wehe dir Berlin! die Steine schwitzen Blut, die Mauern beben vor Angst, die Kirchthürme wanken; die Wolken eilen, über solche Stadt fortzuziehen. Und was thaten Bürgerschaft und Rathmannen? Erbebten sie in ihrem Innersten? Fingen, griffen sie die Thäter, brannten und räderten sie die Frevler, zogen sie aus in Sack in Asche, pilgerten sie nach allen Heiligenschreinen, lagen sie Wochen, Monde, Jahre lang vor den Füßen Sanct Peters, daß er die Stadt in seiner Gnadenfülle losspreche? – Nein. Sie schirmten und schützten die Frevler. Aber das Land, bebte das, wie vom Donner gerührt, wie in einem großen Hause, wo Viele zusammen leben, und Einen befällt die Pest? Da scheuen sie vor ihm, besprengen sich, und laufen fort, als weit sie können. Scheueten, liefen sie vor den Bürgern Berlins? Zogen sie eine Mauer um die verpestete Stadt? – Nein. Sie verkehrten mit ihr, handelten und tauschten, heiratheten und trieben Kurzweil. Mehr als das – sie waren gleichgültig. – Nur du, Gott Zebaoths, du warst langmüthig, du ließest sie strafen durch Bann und Interdict, daß sie zur Besinnung kämen. O, es ist schrecklich, wo die Glocken verstummen auf den Kirchen, als höre Gottes Stimme auf, zu dem Menschen zu reden. Kein Weihrauch duftet in den Kirchen, keine Messe wird gelesen, keine Klingel schallt. Kein Priester auf den Gassen mit dem Allerheiligsten. O Christen, denkt Euch das, faßt es in Eurem Gemüthe; keine Sacramente werden gereicht dem sündigen Büßer, der sich nach der Beichte sehnt; die Stühle sind geschlossen, kein Ohr neigt sich zu seinen Lippen. Frohe Brautleute, sie bitten um den Segen der Kirche: des Priesters Mund ist versiegelt. Die unschuldigen Kindlein wachsen auf, eintreten möchten sie in den Bund der Christenheit; denkt Euch den Schmerz der Eltern: kein Priester, der sie firmelt! Und die armen Sterbenden, so die Hände ausstrecken nach der letzten Oelung. Ihr letzter Todesschrei, er verhallt umsonst. Der Franziscaner, der sich ihrer erbarmt, der zu ihnen schleicht auf nächtlichen Stegen, ohne Chorknaben, ohne Weihkessel, er trägt die Monstranz verhüllt unterm Mantel. Christen! denkt Euch, die Monstranz verhüllt, und der arme Mann muß Gott bitten, daß er keine Sünde begeht! – Herr der Barmherzigkeit, das rührte doch ihre verstockten Herzen.«

Aus hohler Brust lachte der Mönch. Es klang fürchterlicher durch die Gewölbe wieder, als vorhin seine Donnerstimme.

»Ei nicht doch. Sie sind guter Dinge und lustig als zuvor. Durch die zerstörten Kirchen heult der Wind, in den verbrannten Klöstern nistet die Dohle, über den zerstörten Kapellen wuchert die Nessel. Sie kümmert nicht, das aufzubauen, was die Heiden zerstört. Schaaren von Priestern ziehen barfuß, bettelnd, frierend durchs Land. Ihre Pfühle, darauf sie den Kopf legen, der Stein; ihre Decke, damit sie sich wärmen, Schnee und Wind. Wer nimmt sie auf, da sie klopfen? Wer wärmt sie, wer speist sie, wer führt sie? Ist da kein Herr im Lande, der sich ihrer erbarmt? – Keiner. Keine Stadt, wo die Frömmigkeit noch zuhaus ist? – Keine! Sie saufen und schmausen und füllen sich den Bauch und rufen: unser Markgraf ist ein Ketzer als wir, er ist gebannt und geflucht als wir! Kümmert Euch nicht um den Tag, der morgen kommt. Laßt uns lustig bleiben, es ist Höllensabbath im Lande!

»Nun Herr! so öffne denn deine Schleusen, aber nicht Wasser gieße aus, das ist zu schwach, deine Feuerströme sende nieder, wegzubrennen die Schande und den Frevel. Nichts soll bleiben, denn Kohle und Asche von der Rotte Kora, den Söhnen Amaleks; laß die Flamme auch fressen den Boden, drauf ihre Füße getreten; die Erndte ist reif. Es ist nichts zu verderben.

»Und du bleibst still. Sendest keine Zeichen, daß du deinen Diener hörst!« so hub er abermals an, indem er wie in Verzückung des Schmerzes die Arme wieder aufhob und die Hände klammerte. »Erbarme dich der Wenigen, der Lämmer unter den Wölfen. – Ja, du bist gnädig. Du willst nicht, daß Alle verderben um den Einen. – Aus ihnen selber soll der Rächer aufstehn? – Aber ich predige und schreie ja, und sie bleiben taub. Sie wissen alles und bleiben gleichgültig und legen die Hände in den Schooß. Dort, siehe die Rathmannen in dieser Stadt, dort die Ritter, die Meister, die Bürger, wo hebt Einer seinen Arm, der Kirche und Dir zum Dienste? Meine Stimme wird heiser, ich kann nicht mehr. Sprich du zu ihnen, ihr Gewissen zu erwecken. Zeige ihnen den Engel, auf einem weißen, leuchtenden Rosse, der sie führe zur Schlacht wider den Ketzer; ein Engel muß es sein, Herr, denn einem Menschen trauen sie nicht. Unter allen Lebendigen in Brandenburg Keiner, der es wagt, den Arm zu erheben wider Deine Feinde!«

Schräg gegenüber der Kanzel saß auf dem Hochchor ein schönes Weib. Ihr Mieder von violettem Sammet mit Goldketten und Spangen reich verziert, umschloß nur knapp den vollen Busen. Sie war kein Bürgerweib; auch für die von den niedern Geschlechtern war sie zu reich und üppig gekleidet. Du hättest sie leicht heraus erkannt, denn alle Frauen saßen mit gesenkten Häuptern und zitterten oder hielten ihre Tücher vor den Augen. In ihren schwarzen, großen Augen sahest du keine Thräne, vielmehr etwas von Ungeduld, auch Stolz; sie wußte Beide nicht wohl zu bergen. Sie warf ihre Blicke umher, schiens doch, um zu schauen, was Wirkung die Rede hervorbringe. Auf sie selber hatte sie keine; denn wenn sie ihr Tüchlein vornahm, war es nicht, um die Augen, sondern den Schweiß zu trocknen, der von Stirn und Nacken perlte. Es war sehr heiß.

Diese stolze Frau, als jetzt ihr Blick und der des Mönches sich begegneten, fiel nicht in Ohnmacht, auch erschrak sie nicht vor dem hohlen Auge und dem Geistergesicht; sie blinkte ihm vielmehr zu, unmerklich vor den anderen, er aber merkte es. Und zugleich wies sie mit dem kleinen Finger seitwärts auf die hohen Chorfenster. Was Keiner in seiner Herzensangst gewahrte, sahe sie, daß das Licht draußen fort war, und dunkel schwarz sah es hinter den Scheiben. Die Schwüle kam nicht davon allein, daß die Kirche voller Menschen war, sondern ein Gewölke stand über der Stadt. Der Mönch blickte auch seitwärts, und als ob er sie verstände, sah er auf das Weib und senkte dann die Augen.

Nun war es als sinke er vor Verzückung getroffen zu Boden. Er kniete nieder und lehnte das Gesicht auf das Pult. Eine schreckliche Stille, die viele Minuten dauerte. Es ward dunkler und dunkler in dem Schiff; den unten Sitzenden dämmerten nur noch die Gewölbe über ihren Häuptern, die oben saßen, unterschieden nicht mehr die Köpfe Derer zu ihren Füßen. Ein dumpfes Geräusch bebte durch die schwere Luft und die hohen Fenster zitterten. Da richtete sich das blasse Antlitz noch einmal auf. Noch einmal hob er die Arme, und den Ton hatten sie noch nicht vernommen. Kein Donnerorgeln, kein heiser Aechzen; wie wenn der Sturm, in Gewölben gefangen, eine Pforte sprengt und nun voll, kräftig, ein Strom, der alles mit sich reißt, hervorbraust, so klang des Mönchs Stimme.

»Halleluja! Gott Israels, du hörst dein Volk. Unter den Lebendigen ist keiner. Deine Posaunen rufen die Todten! O, lauter, Herr! Ein Zeichen ihnen, daß das Fell über ihren Ohren springt, die Haut über ihren Augen bricht!«

Ein dumpfer Donner rollte über den Häuptern, und zugleich brachen die Wolken, ein Unwetter hub an. Platzregen und Hagelschauer schlugen und hämmerten auf das Dach der Kirche und peitschten gegen die Fenster.

Wer da in die Herzenskämmerlein hätte blicken mögen! Die da schluchzten, schrien jetzt auf; die da starr gesessen, wie von Stein und Erz, bebten. Es war auch entsetzlich wie eine Nacht vor dem jüngsten Tage. Das Gewitter entlud sich, aber es wurden viele Gewitter, so dicht über der Stadt, daß die Wolken an den spitzen Dächern ihre Bäuche ritzten. Von der Stimme des Predigers hörte man nichts. Es war ein rollender Donner, ein Wasserschwall, der gegen die Scheiben klatschte und niederfloß. Aber wenn ein Blitz die Nacht erhellte, dann sah man das bleiche Gespenst auf der Kanzel mit aufgerissenem Munde, mit leuchtenden Augen, mit den Händen arbeitend in der Luft.

»Sprenge die Todespforten! Oeffne die Grüfte! Sende uns ihn, den Ersehnten, den Fürsten des Volks! Ich sehe ihn, Herr, durch die Schauer deiner Nacht, durch den Dunst der Gräber. Er regt sich, er stürzt aufs Volk, er ists, dein größter Fürst. Jetzt, jetzt – krache Thor des Grabes, hebe dich Leichenstein! –«

Das hörten noch Alle. Der Mönch sprach es in einer Zwischenpause, wo ein Donner auslief. Aber jetzt zuckte ein Blitz, oder waren es drei, fünf, zehn Blitze zugleich, denn durch alle Fenster flammte es im selben Augenblick, und eine Helle, blendender als des Tages Licht, ergoß sich durch das Innere der Kirche. In alle Winkel drang es, hinter die Pfeiler, in die Blenden, bis an die äußersten Spitzen der Kreuzgewölbe und zugleich auf die Fliesen des Bodens, daß die dort Stehenden unwillkürlich hinab schauten, als wolle das Feuer ihre Füße versengen und in die unterirdischen Grüfte dringen. Und mit dem Blitz zugleich entlud sich ein furchtbarer lang aushaltender Donner, er rollte über den Köpfen, er rollte unter den Füßen. Die Fenster klirrten, die Pfeiler zitterten, die Gewölbe wankten, der Boden unter ihnen dröhnte. Der Schlag, der niederfuhr, sausend, prasselnd, krachend, – Jeder fühlte ihn, so nahe war es, – konnte hundert Thüren aus ihren Angeln heben, hundert Grabgewölbe sprengen, hundert Leichensteine fortwälzen. Die Weiber schrieen, die Männer hielten die Hand vor die Augen. Betäubt Alle, und doch hörten Alle die entsetzliche Stimme des Mönches: »Er ist da!«

Das hatte er mit emporgehobenen Händen, auf den Zehen stehend gerufen; dann war er wie von einem Schlage getroffen zusammen gesunken. Wer hatte Augen, das zu sehen! Es war ein Aufruhr, als man ihn in einer Kirche selten erlebt. Feuer! schrieen sie draußen, und drinnen schrieen die Weiber. Eine lag in Ohnmächten und die Andere rief um Hülfe. »Er kommt, er ist da!« und die Eine dachte der Erbfeind; die Andere, ich weiß nicht was. Die Männer riefen da nach dem Sigristen, nach den Kirchenwärtern, und dort schrieen sie: »Um Gottes willen, Ihr erdrückt uns.« Es war nicht mehr blaues Schwefellicht, eine rothe Flamme zuckte durch das Kirchenfenster. »Es hat eingeschlagen, es brennt!« »Die Todten stehen auf!« wimmerten ein paar alte Mütterchen auf ihren Knieen liegend und rangen die Hände. Es hätte sie Niemand fortgebracht, auch wenn die hellen Flammen in die Kirche schlugen. »Oeffnet, öffnet!« riefen die Aeltermänner. Wer sollte öffnen, wo das Thor weit auf war; aber die Masse, die hinaus wollte, verstopfte den engen Eingang, und von draußen schlugen Ströme Regens herein. Da rannten aneinander und stießen sich, die vorwärts und zurück wollten, die den armen Weibern Hülfe brachten und die nur an sich dachten. Wie manche ward getreten, wie mancher kostbare Mantel von den Schultern gerissen, wie manche Pelzhaube kam unter die Füße. Die Mütterlein beteten und schrieen: »Das ist die Sünde der Welt!« die am Fenster riefen: »des Böttchers Haus brennt! Rettet, rettet!« Es wußte Keiner aus und ein, und die Glocken stürmten, ohne daß sie Einer zog, und die Orgel tönte, ohne daß ein Finger drauf war.

Das schöne Weib in violettem Sammetmieder in der Emporkirche war aufgestanden und sahe zu, als wie man einem Schauspiel zusieht, das uns gefällt. Alsdann, da sie Luft an dem einen Seitenpförtlein sah, stieg sie über zwei andere Frauen, die hinter ihr ohnmächtig lagen, hinweg, winkte den Edelknaben, die unfern vom Pfeiler standen, und schritt ruhig nach dem Ausgang.

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