Frei Lesen: Der falsche Woldemar

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Willibald Alexis

Der falsche Woldemar

Siebentes Kapitel.

eingestellt: 23.7.2007



Der deutsche Adler hat zwei Köpfe. Der eine soll schauen gen Morgen, der andere gen Abend, und einer soll den andern wach halten. Denn vom Morgen und Abend droht der deutschen Nation Gefahr! Aber die beiden Köpfe wachten nicht immer zugleich, oder ein schlauer Vogel sang dem Adler ein trügerisch Lied, daß er beide Köpfe nur nach einer Seite wandte, und darüber ist ihm viel Leids geschehen. Sie haben ihn links und rechts gezupft und ihm seine besten Federn geraubt. Da gingen links im Elsaß, in Lothringen und Burgund ihm kostbare Städte verloren, Kleinode des Reiches, daß er die Augen blind weinen könnte vor Schmerz. So verloren, daß man ihre deutschen Namen vergaß, und der größte Thurm, der gen Himmel ragte, als Wahrzeichen deutscher Kunst und Ernstes, ward ein Franzos. Und nicht minder herrliche Städte verschlangen die Sarmaten rechts, wo deutscher Handel und Kunstfleiß blühte und stolze Bürgerkraft. Und was noch an ihnen Deutsch ist in Zucht und Sitte, daran wühlen und bohren sie, bis es zerfallen sein wird und vergessen. Das geschah unvermerkt; der deutsche Adler schlief.

Andere wollten wissen, er hat darum zwei Köpfe, daß die Deutschen immer zwieträchtig waren, zwieträchtig um ihre Rechte und Freiheiten; und Einer wollte links, der Andere rechts. Darüber ist es gekommen, daß sie nicht vorwärts kamen, sondern sie blieben zurück hinter ihren Nachbarn, und die schwächer waren von Kraft und Ernst, wurden ihnen überlegen.

Noch Andre meinen, der Doppeladler bedeute die Gegenkaiser, wo zwei um die Krone stritten, und Jeder meinte, er sei im guten Recht; das waren schlimme Zeiten im Reich, und doch nicht die schlimmen. Wo offener Kampf ist unter den Besten, da stählt sich die Kraft; aber sie wird untergraben, wo sie nicht heraus darf, und sich aufzehrt im heimlichen Bohren, im Lauern, Anblasen und zweizüngigen Reden. Der deutsche Adler ist noch jetzo doppelköpfig, und das ist nicht das schlimmste. Gott aber gebe, daß er einen Leib behalte, und ein Herz, und nun, da wirs wissen, was Leid uns ward davon, daß der eine nickte und nur der andere wachte, gebe der Herr im Himmel, sage ich, daß er mit beiden Köpfen fortan ausschaue, nach Abend und Morgen.

Weil ich Euch brandenburgische Geschichte erzähle, was kümmere mich, rufen wohl Einige, der deutsche Adler? Den solle ich fliegen lassen und im Lande bleiben. Ich kanns nicht. Denn Brandenburg war nur ein Glied, ein theures Glied, meine ich, und wills Gott, soll es bleiben des großen deutschen Körpers. Und was den zerreißt, zerreißt es mit, und was ihn erhebt, erhebt es mit. Ich erzähle Euch brandenburgische Geschichten aus alter Zeit, aber ich meine, es sind deutsche Geschichten. Denn was Brandenburg litt, das litt das deutsche Reich auch. Es griff sein Herz an, und es zehrte das innerste Blut. Die Untreue und die Falschheit, die schlaue Kunst doppelzüngiger Rede und schöner Worte um schlimme Dinge, daß die Völker getäuscht wurden, hub damals an, und was die Großen thaten, wirkte auf die Kleinen zurück.

Drum, lieber Leser, muß ich Dich auf eine Weile führen aus den Heiden der Mark fort in das Reich; denn das kleine Spiel hier, ward dort ein großes: Die es eingefädelt, hatten das nicht im Sinn. Sie wollten im Dunkeln spielen, aber die Sonne beschien es, wider ihren Willen, und was in der Stille sollte abgethan sein, machte vielen Lärm. So irren die Schlauesten, und der Stahl, den sie gegen Andere zücken, fährt auf sie selbst. Da brauchen sie großer Anstrengung und rufen alle Kräfte auf, die in ihnen schlummern, selber die Tugend und die Wahrheit, daß sie der Gewalt widerstehen, die ihre Falschheit aufrief.

Die helle Jännersonne schien auf die beschneiten Felder durch das weite Reich. Aber auf den Heerstraßen spiegelte sie sich in blankem Stahlglanz. Harnische und Helme und Speere, geschmückte Rosse, Straußenfedern und stolze Banner, zogen daher, lange bunte Fäden durch den Schnee. Wo sie durchkamen, nickten und jauchzten die Leute ihnen zu und schwenkten Tücher und Mützen; sie riefen und schrieen, und die Schenken boten den Reitern Bier und Wein und wollten nicht Bezahlung nehmen.

Das waren die Fürsten und ihre Vasallen, die nach Kassel am Rhein zogen, genüber dem alten Mainz. Von allen Seiten kamen sie, von Sachsen her auf der großen Straße, von den Niederlanden, von Baiern, aus dem Elsaß, aus Schwaben und der Pfalz. Alle, wer sollt es glauben, auf Geheiß des neuen Kaisers, den sie gekürt hatten, noch nicht zwo Wochen war es her. Und der so mächtig gewesen als lange keiner, Karl der Luxemburger, der einen ritterlichen Kaiser als der Baier Ludewig aus dem Sattel geworfen, der Papst und Geistlichkeit hielt, der, wars als stände er in dem Augenblick sonder Macht und Ansehn. Denn ausrufen hatte lassen Karl der Vierte, kraft kaiserlicher Auctoritas, daß alle Fürsten zusammen kämen zur Austragung der Sache dort in Kassel am Rhein, genüber dem alten Mainz. Aber als ihm zum Hohne hatte der neue Kaiser die Fürsten nach demselben Kassel beschieden zum fröhlichen Turnier. Und sie kamen nicht zur Austragung der Sache, sie kamen frohen Muthes und lustigen Sinnes zum Stechen und Ringelrennen. Kann es um eines Kaisers Wort und Ansehn schlimmer stehen!

Wo er selbst kam, Günther von Schwarzburg, der ritterliche Mann, wie ein Held aus alter Zeit, aufrecht auf seinem Rosse – er überragte die Andern um Kopfesgröße – und so stolz seine Stirn war, so freundlich blickte das Aug: wo er selber geritten kam, da wollte der Jubel die Brust sprengen, und das Rufen dröhnte als ein Sturm in die Lüfte. Da hatten die Wärtel und Weibel zu schaffen, daß sie ihm Platz machten, Jeder wollte ihm schauen ins Aug; froh wer mit der Hand nur den Zipfel seiner Roßdecke streifte. Des Kaisers graue Wimpern feuchteten sich und er sprach: »Das ist ein froher Eintritt, wolle Gott, daß so der Ausritt sei!«

Das Volk aber sprach: »Das ist ein Kaiser! der wird sein als Rudolf von Habsburg! Kein Pfaffenkaiser; der macht uns frei aus den Krallen und Klauen der Glatzen.« Das Volk in Deutschland ist gut. Es hofft immer, und es kam kein neuer Fürst, daß es nicht glaubte, der wirds besser machen als der alte.

Die Jännersonne schien auch auf den Schnee, der auf den Dächern von Nürnberg lag, und von der hohen Veste übersahe man weiße Felder, so weit das Auge reichte; aber die Sonne spiegelte sich nicht wieder von blanken Harnischen. Es war still in der Burg; und des Kaisers Leute, die dort Neujahr gehalten, gingen verdrießlichen Blickes umher.

»Wie nahm er die Kunde auf?« fragte der Erzbischof von Magdeburg.

»So sahen wir ihn noch nimmer«, sprach sein böhmischer Vertrauter. »Er wurde blaß, es kam ein Frösteln über ihn. Zwar faßte er sich, und wollte sprechen von gleichgültigen Dingen, aber er vergaß gleich darauf was er gesagt. Die Kämmeriere schickte er fort, er wolle schlafen. Doch ist er die ganze Nacht nicht ins Bett gangen. Die Kämmerier hats durch Schlüsselloch gesehen, daß er im Armsessel sitzen blieben. Seit gestern hat ihn Keiner gesehen. Doch jetzt, heißt es, wird er kommen.«

Die Thüren öffneten sich und Karl trat ein; blaß, schweigend, finster, gebückt. Er schielte durch die Brauen auf, wer im Zimmer stand und ließ sich fallen in den Armstuhl, ohne daß er wieder grüßte. Das war nicht Karls Art.

Der Erzbischof Otto redete zu ihm Erbauliches und Kluges, von dem Undank der Nation und der Fürsten, die so leicht vergessen konnten, was Karl ihnen Gutes gethan. Wie es schier unbegreiflich sei, daß ein Volk von seinem Fürsten abfalle in so viel Tagen als er Jahre darüber regiert. Das sei offenbar das Werk des Bösen, um das der Gerechte sich nicht kümmern dürfe.

Karl hörte ihm zu als Einer dem Geplätscher eines Springbrunnens. Sah ihn nicht einmal an, aber ein häßlich Lachen zuckte um seine Lippen.

»Und vor Allem abscheulich, ja, daß ichs sage, unbegreiflich ists, warum auch die geistlichen Fürsten meinen kaiserlichen Herrn verlassen konnten.«

Karl schielte zu dem Redner: »Sie selbst werden wohl das Warum begreifen.«

»Rom wird seine Blitze schleudern und alle guten Prälaten werden sich erheben für ihren rechten Kaiser. Verlaßt Euch, durchlauchtigster Herr, auf unsern Eifer –«

Karl unterbrach ihn: »Weiß, daß der Erzbischof von Magdeburg gern reichsunmittelbar würde.«

Da traten die Anwesenden zusammen. »Jesu Maria! was ists mit dem Kaiser!«

Sie führten laute Rede, und sprachen, was ihm lieb sein mußte, daß sie ihn aus seinem Starrsinn erweckten, von der großen Zahl seiner Freunde, was sie aufbringen könnten an Gold und Mannschaften, und wogen es ab gegen das, was die Baierschen vermöchten. Einer fing auch an zu schelten auf den Gegenkaiser, daß er ein schlechter Mann sei, ein Verräther an des Kaisers Gnade.

Karl hob das Haupt: »Günther ist kein schlechter Mann; wär ers, bei der allerbarmherzigen Jungfrau, Karl von Luxemburg zagte nicht. Was könnte ihm Liebers geschehen.«

Der Magdeburger ergriff drauf wieder geschickt das Wort zu den Andern. Daß es eines großen Kaisers würdig sei, so er seine Gegner würdige. Als Stahl an Stahl sich reibe, freue sich der Held, so er einen Helden als Feind sehe. Das nur habe gefehlt, daß er den überwinde, um unüberwindlich dazustehn. Nun werde, wenn der Schwarzburger erläge, der einzige Mann, der im Reiche den Baierschen noch Ansehn gab, der Luxemburger Macht unerschütterlich sein.

Dachte er, das werde den Kaiser freudig aufregen, so irrte er. Der saß wieder, den Kopf im Ellenbogen, und lachte, als spotte er des Redners.

»Gedenke«, sprach ein Fürst, sein Verwandter, »daß Du schon einen Gegenkaiser hattest, und Du siegtest.«

»Dessen gedenk ich mit Sorgen«, erwiderte Karl, »denn er war Kaiser und ich war Gegenkaiser und drum siegte ich ob. Auch der Jahre gedenk ich und der Sorge und Anstrengung, so es mich kostete, derweil dieser nicht drei Wochen brauchte, und das Reich, als eine feile Dirne, fiel ihm zu.«

»Weil er Neues bietet«, fiel Erzbischof Otto ein. »Das Volk ist immer unzufrieden mit dem, was ist und hofft auf das, was kommt.«

Karl sah ihn scharf an: »Ist denn meine Zeit schon um? Ich meinte –« Er sprang auf und schritt im Zimmer um – »Ich glaubte noch nicht. Wer ist dieser Günther? Was will er? Was kann er? – Ja, er ist reich, er hat Kriegsruhm. Die stolze Säule eines wehrhaften Mannes. Ich wollte sein Bild aufstellen lassen, leuchtend in Stein und Erz, zu Roß, so hoch ers mag, den Feinden zum Schrecken, der Nation zum Ruhm. – Nicht wahr, er ist auch tugendhaft, man rühmt ihn sehr, die Leute tragen ihn auf Händen. Bin ich nicht auch tugendhaft?«

Alle neigten sich tief. Der schlug wie voll Entrüstung auf die Brust; Der hob die Hand wie zum Schwur in die Höhe.

»Du bist fromm und mild, als kein Kaiser vor Dir«, sprach der Erzbischof.

»Wer zweifelt an Deiner Tugend und Langmuth!« rief ein Graf.

Der Kaiser lachte auf und schaute sie höhnisch an: »Ich, Ihr Herren! Meint Ihr, ich sei ein blöder, weichmüthiger Thor? Die Tugend, die Ihr lobt, wo sie hingehört. Wer gehorchen muß, lehrt dem tugendhaft leben. Ein Cäsar muß aus anderm Stoffe sein. Ein Cäsar in dieser Zeit, der das zerfallne Reich, die trotzigen Vasallen in Zucht hält, darf kein Marc Aurel sein, kein süßer Titus. Ein Augustus, ein Tiberius thäte ihm noth. – Getraut sich dieser Günther das! In einer Zeit, wo das Reich in Ruh und Frieden schläft, da möchte er das Regiment führen. Aber getraut er sich, der großen Aufgab gewachsen zu sein, die ich mir stellte! Er übersieht nicht, was er wagt, der blinde, eitle Thor. Solche Eisenpuppen, klirrend vom Wirbel bis zur Sohle, fehlten noch, um das morsche Gebäude zu zertrümmern. Wie will er das Dutzendgespann zügeln, das nach allen Winden reißt? Wo ist seine Kunst, wo seine Rede, wo Fürsicht, Unterscheidung! Ein Narr ist Euer Tugendheld, ein Rasender. Schlagt ihn aus den Kopf, oder Deutschland ist verloren.«

Das war seinen Anhängern zur Freude geredet; sie sahen, er gab seine Sache nicht auf. Was Karl nicht aufgab, dessen ward er Herr. Da nun die Andern fort waren außer dem Erzbischof und den böhmischen Herren, trat Jener zum Kaiser:

»Gnädigster Kaiser, Ihr habt ein Wort gesprochen, daß Euren Treuen den Muth wieder giebt. Der Rausch der Freude bei unsern Feinden wird bald verraucht sein, als jeder Rausch nur kurze Frist währt. Dann erhebt Eure Banner. Der Segen der Kirche wird darauf ruhen.«

Karl aber hörte nicht, oder er that so. Er folgte wieder seinen Gedanken.

»Was sagst Du?« fragte er den Böhmen.

»Zieht blank, Herr, das ist das kürzeste.«

»Ihr lernt nichts, und Eure Gedanken sind als Würfel in einem blechernen Becher. So oft man sie schüttelt, sie geben immer denselben Klang. Der hat gelernt. Sieh, was ich mich verrechnet; aus diesem hohlen Schädel noch der Gedanke!«

Die Beiden sahen sich an.

»Wir verstehen Euch nicht, Herr«, sprach der Magdeburger.

»Betet für mich, Herr Erzbischof. Nicht laut, inbrünstig in Eurem Kämmerlein; betet für Euren Kaiser, daß er nicht in Anfechtung und Stricke falle! Betet, sage ich, mit aller Inbrunst; das andere überlaßt – das überlaßt Ihr mir gern.«

Den Tag über sah man den Kaiser nur an seinem Schreibetisch; da las er und schrieb und ließ Briefe siegeln, und sandte sie ab. Und wie mit Vielen er sprach, laut und insgeheim, es waren immer Andere; die kamen auf seinen Wink durch viele Thüren, und Keiner sahe den Andern, noch hörte Einer, was der Andere mit dem Fürsten gesprochen. Auf dem Hofe der Burg aber standen die Ritter und Kriegsleute und harrten vergebens der Kunde, die ihnen die liebste war. So ein Bote herauskam, vermeinten sie, er werde blasen lassen zum Satteln. Aber die Boten eilten hinunter in die Stadt, in ihre Herbergen; da stiegen sie auf ihre Pferde und ritten davon, der Eine rechts, der Andere links durchs Thor.

»Wartet umsonst, Ihr Herren«, sprach Graf Peter, der auch heraustrat, zu Einigen, so unmuthig unter der hohen Linde im Burgthor standen. »Der Kaiser denkt an keinen Feldzug.«

Die Ritter schauten ihn verwundert an: »Christ Jesus, er läßt ihm doch nicht gutwillig das Feld?«

»So will ich meinen Helmbusch zerreißen und mein Pferd mit einem Esel kuppeln!« rief ein zorniger Mann.

»Schande sein Dienstmann sein!« schrie ein Dritter. »So wärs mehr Ehr unter den Nürnberger Krippenfressern dienen, als solchem Kaiser. In der Mark ritt er davon, als es losging; und im Reich kratzt er aus, ehe ein Schwert aus der Scheide flog.«

»Wer sagt Euch das!« antwortete Graf Peter. »Er zieht nicht aus. Zur Freite gehts. Seid lustig Ihr Herren; Brautwerber sendet er aus, zehn Grafen und sechszig Ritter. Bürstet Eure Hüte und zieht Euch neue Wämser an, je bunter so besser. Es geht nach der Pfalz. Des Pfalzgrafen Rudolf Töchterlein soll Kaiserin werden.«

»Er warb ja schon um die von Jauer.«

»Hat sich über Nacht besonnen. Will lieber eine vom Rhein.«

»Heilige Jungfrau! Des Pfalzgrafen Tochter, der die drei geistlichen Herren umgekriegt, der den Schwarzburger – der ihn in Frankfurt zum Kaiser ausrief! Graf Peter, Ihr treibt Kurzweil mit uns.«

»Die solls werden, Ihr lieben Herren, denk ich, wenn wir die Braut heim führen. Oder meint Ihr, daß Pfalzgraf Rudolf einem Kaiser die Tochter ausschlägt, wenn der im Ernst darum freit? Rudolf ist kein Narr. Oder item, meint Ihr, daß ihm der Graubart Günther mehr ans Herz gewachsen ist, als ein Tochtermann, der Kaiser und König ist? Wahrhaftig, ich sage Euch, mit den zehn Grafen und sechszig Rittern, die gen Rhein ziehn, schlägt er den Schwarzburger sicherer aufs Haupt als mit zehntausend Kriegsknechten.«

Der Kaiser kniete in der kleinen Kapelle oben, die zierlich ist gebaut vor Alters aus runden Bogen und mit Säulen, als man in Byzanz baute, und vordem in Deutschland auch. Er kniete lange und betete. Ganz allein, und der Schließer oben an dem engen Pförtlein verwunderte sich, daß auch ein Kaiser, mit dem es die Heiligen doch leichter nehmen, so lange beten müsse, um seiner Sünden willen. Denn hätte er als Kaiser gebetet für das Reich, wären doch Prälaten und Bischöfe mit ihm zur Kapelle gegangen, und Kerzen wären angezündet worden, und die Chorknaben hätten die Weihrauchkessel geschwenkt. Er aber, der große Kaiser, hatte in der Stille nur ihn, den niedern Mann gerufen, daß er ihm die Thür aufschließe, und sonder einen Kämmerer war er in die Kapelle geschlichen und hatte sich hingeworfen vor dem Gekreuzigten.

So sah der Schließer oben von der Treppe verwundert auf den großen Kaiser nieder, der ihm zu Füßen lag, regungslos, und die Schatten wurden länger und verbargen ihn. Da die Sonne tiefer sank und die weißen Dächer färbte, und den Rauch anröthete, der aus den Schlotten der Bürgerhäuser wirbelte, erhob sich der Betende. Der Schließer zitterte fast, da der Kaiser still und blaß als ein Gespenst die Treppe heraufkam. Wars ihm, als rühre ihn ein kalter Hauch an, als der Herr des ganzen Reiches lautlos an ihm vorüber glitt. Lieb wars ihm, daß er ihn nicht ansah; er hätte den Blick nicht ertragen.

Im großen Saal an der Kapelle, wo die Kaiserbilder hangen, fiel der letzte Sonnenstrahl auf das Bild des Kaisers Karolus Magnus. Der hält ein Schwert in der einen Hand, in der andern den Reichsapfel.

Vor dem blieb der Fürst stehen. Die Hand hielt er an die Brust und sprach: »Für Dein Werk, erhabener Ahn, thu ichs. Schau gnädig auf mich, und sei mein Fürbitter. Um Dein heiliges deutsches Reich geschiehts, daß ich siegen muß; denn als wahr der allmächtige Gott auf meine Herzenspein schaut, es ist kein Mann im ganzen Deutschland, der versteht, es zu regieren, denn ich.«

Drauf in seiner Stub gab er dem Kanzler ein Pergament zurück, das er ihm gereicht. Drauf standen viele Sätze geschrieben, einer hinter dem andern; und über jedem war eine Nummer. Ein wälscher Rechtsbündiger, heißt es, hat die Rolle geschrieben.

Der Wersowetz schüttelte den Kopf: »Was itzo grad des Reiches Satzungen Euer Majestät kümmern mögen! Was solls Ordnungen, die Krone festzustellen, so die Krone selber wankt!«

»Du bist ein Slave,« entgegnen Karl, »und weißt das nicht. Der Deutsche liebt Ordnung, und so sie aufgeschrieben steht, und untersiegelt, meint er, man kann nicht daran rütteln. Das sind kluge Fürsten, so zu Papier bringen, was zwischen ihnen feststehen soll und ihren Völkern. Die Völker glauben daran; aber wer die Macht hat, kann die Schrift doch deuten als ihm gefällt. Diese Bulle, sage ich Dir, ist golden, und wann sie der Reichstag angenommen, soll ein golden Siegel drunter hangen für alle Zeit, die kommt.«

»Gebe Sanct Johannes, daß sie besser wird, als die ist. Ich trau dem Handel mit dem Pfalzgrafen nicht. Vom Wort, das er dem Schwarzburger gab, athmen noch die Lippen, wie kann ers so schnell zurücknehmen?«

»Den ersten Tag wird er verwundert schauen, daß er sein Freudenlächeln verberge; am zweiten drückt er achselzückend dem Schwarzburger die Hand und spricht vom Streit schwerer Pflichten; am dritten giebt er das Jawort; am vierten schreibt er süße Briefe an Günther, daß er nicht anders konnte, und erbietet sich zum Vermittler zwischen ihm und mir; am fünften können sie sich nicht vereinen, denn Günther ist erzürnt; am sechsten ist Rudolf erzürnt, daß Günther erzürnt ist und seine Vermittelung ausschlug; am siebenten –«

»Ist Gottes und Ruhetag,«

»Die Staatskunst hat keinen Ruhetag.«

»Und unser Herrgott hat nichts mit ihr zu schaffen, meine ich,« sagte der Böhme.

»Am siebenten sagt er sich vom Gegenkaiser los,« fuhr Karl ruhig fort, »und wäscht seine Hände in Unschuld. Du siehst, es war nur ein Wochenwerk, nicht mehr. Wär ich allen Erfolges gleich sicher! Aber der Knabe!«

»Herr, mein Kaiser, ists wahr? Ich läugnetes, ich glaubs auch noch nicht, was sie züscheln. Daß Du an Ludewig gesandt.«

»Ich sandte.«

»Den Du – vergebe mir Gott das Wort. Denkt nicht an Brandenburg mehr. S ist ein schlecht Land. Um diese ausgebrannte Sandscholle setztest Du das Reich aufs Spiel –«

»Des Herrn Wege sind wunderbar.«

»Nenne Den nicht. Das waren des Teufels Wege. Einen Strohwisch zum Fürsten zu lügen, daß ichs ausspreche, mein Kaiser, das hat die Fürsten wider Dich aufgebracht. Sie schelten Dich einen Gaukler; ich sag die Worte nicht wieder, die wir Getreue anhören müssen. Das Herz im Leibe wendet sich in uns, wenn an der Bierbank diese deutschen Krämer, diese gespreizten Geschlechtsjunker lachen und judiciren, und was der bitterste Trank uns ist –«

»Sprich es aus, Kochan,« fiel der Kaiser ruhig ein, – »daß sie Recht haben, wolltest Du sagen. Sie mögen Recht haben. Jedermann hat Recht, wie er ein Ding ansieht; denn er sieht es nur so an, als sein Auge es faßt. Der Blöde sieht kurz, der Scharfe weit. Nun gieb Dich doch zufrieden, ich will mein Unrecht gut machen; darum sende ich zu Ludewig.«

»Herr, das kannst, das darfst Du nicht. Dein Name, Deine Auctoritas steht auf dem Spiel. Du darfst nicht anerkennen –«

»Daß ich unrecht hatte, willst Du sagen. Vielleicht, vielleicht auch nicht. Was ich dem Knaben bieten lassen –«

»Macht Dir keine Sorge.«

»Aber, daß der ausgehöhlte, gedankenlose Wüstling noch einen Gedanken fassen konnte, um den ein Besserer ihn neidet, daß er, geschlagen, zu Nichts gemacht, das noch wagen konnte! Wo ist da Sicherheit!«

»Sie sagen, es kam nicht von ihm. –«

»Sagen sie das! Die Macht der Dummheit, Einige nennens Verzweiflung, ja die könnte uns zur Verzweiflung bringen an unserm Witz. Die bittere Lehre: Man soll keine Creatur zum Aeußersten bringen; denn auf diesem Aeußersten, auf diesem Rande des Seins kann aus dem zertretenen Wurm eine Hyäne springen.«

»Schlag ihm den Kopf ab und der Hahn kräht nicht mehr.«

»Meinst Du! – Ich hasse Blut. Blut macht Flecke, Blut schreit laut, Blut weckt Blut. Und wenn man den rechten Hahn nicht trifft, schreien die andern desto lauter. Dieser unschuldige Ludewig! Ich wollte ihn zu meinem Busenfreunde nehmen; wollte ihn herzen und küssen, sonder Arg, glaubs mir, Kochan. Aber daß ein Weib – dieses Weib –«

Der Böhme lachte.

»Lache nicht. Schilt mich vielmehr.«

»Du ließest Dich doch nicht von ihr täuschen.«

»Ich wußte es und – habe sie nicht vernichtet.«

Als der Kaiser aufschaute, das Dämmerlicht ging schon in Dunkel über, stand noch ein Mann an der Wand. Er war durch die Täfelthür unbemerkt getreten.

»Die Schlange muß zertreten werden,« sprach Karl vor sich hin.

»Befiehlt mein Herr und Kaiser,« sagte der Wersowetz sich neigend, »daß sein Diener sich entferne?«

Er sahe den Mann an der Wand stehen.

»Ei Du!« rief Karl, als sehe er jetzt erst den Fremden. »Bleib!« sprach er zum Böhmen. »Der Kaiser ist des Reiches oberster Richter, der Kaiser aber kann nicht Alles wissen, noch Alles ausrichten. Zum Untersuchen sind die Gerichte und zum Vollstrecken. Das freie Gericht, ich höre viele Stimmen dagegen, meine wälschen Rechtsgelehrten mißbilligen es; aber es ist da, ich überkams von meinen Vorfahren. Man sagt, der große Karl selbst hat es eingesetzt. An mir ists nicht, eine alte heilige Satzung umwerfen. Also Ankläger gegen die Gräfin sind aufgetreten?«

»Sie sind es,« sprach der Mann.

»Daß sie mit Wahrhaftigkeit prüfen! Wehe dem Lande, wo ein Unschuldiger verurtheilt wird!«

»Ihr Gatte, der Graf von Nordheim, sei am Blutsturz im Walde gestorben, hieß es. Er fiel aus Meuchelmord, und seine Wittib ist bezüchtigt, daß sie die Mörder gedungen.«

»Entsetzlich! Ich glaub es nicht.«

»Die heilige Vehme urtelt nur nach untrüglichen Zeichen.«

»Wie viele Jahre sind darüber vergangen?«

»Vor den Wissenden verjährt kein Unrecht.«

»Und wie heißt der Mann?«

»Freidank, mein Kaiser.«

»Der ihn ermordet?«

»Nein, des Schwarzburgers Leibarzt. Du wolltest –«

»Was geht mich der an! – Versteht er seine Kunst?«

»Ein Mönch, der in Paris –«

»Dort kann man Alles, schwarze und weiße Kunst. Es ist kaum denkbar, daß diese Gräfin, mit solcher Last auf dem Gewissen, so kühn, ja dreist – Und weshalb Blut ins Heiligthum des Hauses; der eins mit ihr war durch der Kirche heilig Band, weshalb an Den die frevlerischen Hände gelegt! Pfui, wer um gemeinen wollüstigen Kitzel, um sich allein Verbrechen begeht!«

»Ein abscheulich Weib!« sprach der Böhme.

»Der Graf von Nordheim war ein schwacher Mann. Hätts noch gegolten, sich, die Kinder, des Hauses Ehre zu erhalten. Aber wer bestritt ihr das Regiment! Ja, wer am Abgrund stände, und große heilige Gedanken gingen mit ihm unter – Freidank heißt der Mönch?«

»Freidank, mein Kaiser,« antwortete der Fremde. »Ihn drückt eine böse Blutschuld; die Wissenden kennen sie. Er zittert, als der Hund am Leitseil, vor dem Freistuhl, deß eherne Hand ihn leitet. Sein ganzes Leben ist eine Buße, die ihm der Freigraf auferlegt. Fehlt er einmal im blinden Gehorsam, verfällt er dem Gericht und Dolch und Strick erreichen ihn, so weit die rothe Erde reicht.«

»Und solchem Menschen vertraut der Kaiser – vertraut Günther sein Leben an. Ich zitterte, wenn er mir eine Schaale an die Lippen brächte. Laßt ihn warnen, den Schwarzburger, durch mich, er soll sich vor dem Mönche hüten.«

»Euer Majestät billigt also das Gericht über die Wittib von Nordheim?« fiel der böhmische Herr ein.

»Ich billige nichts, ich verfüge nichts. Die Hand Gottes walte über den Sündern. – Sage den Freigrafen, die im Dunkeln urteln, daß sie Acht haben auf jenen Mönch. Wenn durch ihn dem Grafen Günther Leids widerführe, gerechter Gott, die Welt ist scharf in ihrem Urtheil.«

»Habt Ihr noch etwas zu befehlen, mein Kaiser?« fragte der Fremde sich verneigend.

»Nichts, gar nichts, antwortete Karl,« zum böhmischen Herrn sich wendend; »ich bin müde von des Tages Last. Morgen, ganz in der Frühe, Kochan. Wir haben viel zu sprechen.«

Der Edle von Wersowetz ging, nachdem er sich tief verneigt, aber der Fremde war nicht gegangen; er stand gebückt an der Thür, da der Kaiser sich umwandte und verwundert schien, daß er noch da war.

»Du noch hier?«

»Wenn mein Kaiser noch eine Botschaft für mich hätte.«

»An einem Blutsturz, sagt man, sei der Graf gestorben! Wer mich eines Morgens mit der Botschaft weckte, daß der Graf an einem Blutsturz –«

»Der Graf von Schwarzburg ist ein gesunder Mann.«

»Schwarzburg! Thor, wer redet von Günther! Bei des Grafen Wittib, dem bösen Weibe, waren meine Gedanken.«

»Auch ihre Stunde schlägt.«

»Wessen noch?«

Der Kaiser sah den fremden Mann an und der Fremde den Kaiser. Beide schwiegen eine Weile.

Da trat Karl dem demüthig Harrenden einen Schritt näher und mit leiser Stimme sprach er: »Wer mir dient, soll meine Gedanken verstehn, aber wehe ihm, wenn er in tölpischer Hast meinen Willen übereilt. Vorsichtig sei er, als trüge er den heiligen Kelch in Händen, und seine Füße gingen über Glatteis. Wenn er einen Tropfen verschüttet, auf ihn komme es. Allen Menschen, die Christi Blut erlöst, auch meinen Feinden gönn ich ein langes Leben und ein seliges Ende. Auch Dem, der seine frevle Hand aufhob wider mich, und nach der heiligen Krone auf meinem Haupte griff. Gott wird ihn strafen, nicht ich.«

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