Frei Lesen: Der falsche Woldemar

Kostenlose Bücher und freie Werke

Kapitelübersicht

Erstes Buch, Erstes Kapitel. | Zweites Kapitel. | Drittes Kapitel. | Viertes Kapitel. | Fünftes Kapitel. | Sechstes Kapitel. | Siebentes Kapitel. | Achtes Kapitel. | Neuntes Kapitel. | Zehntes Kapitel. | Eilftes Kapitel. | Zwölftes Kapitel. | Dreizehntes Kapitel. | Vierzehntes Kapitel. | Fünfzehntes Kapitel. | Zweites Buch, Erstes Kapitel. | Zweites Kapitel. | Drittes Kapitel. | Viertes Kapitel. | Fünftes Kapitel. | Sechstes Kapitel. | Siebentes Kapitel. | Achtes Kapitel. | Neuntes Kapitel. | Zehntes Kapitel. | Eilftes Kapitel. | Zwölftes Kapitel. | Dreizehntes Kapitel. | Vierzehntes Kapitel. | Fünfzehntes Kapitel. | Sechzehntes Kapitel. | Siebzehntes Kapitel. | Achtzehntes Kapitel. | Neunzehntes Kapitel. | Zwanzigstes Kapitel. | Einundzwanzigstes Kapitel. | Drittes Buch, Erstes Kapitel. | Zweites Kapitel. | Drittes Kapitel. | Viertes Kapitel. | Fünftes Kapitel. | Sechstes Kapitel. | Siebentes Kapitel. | Achtes Kapitel. | Neuntes Kapitel. | Zehntes Kapitel. | Eilftes Kapitel. | Zwölftes Kapitel. | Dreizehntes Kapitel. | Vierzehntes Kapitel. | Fünfzehntes Kapitel. | Sechzehntes Kapitel. | Siebzehntes Kapitel. |

Weitere Werke von Willibald Alexis

Der neue Pitaval - Neue Serie, Band 9 | Der Werwolf | Walladmor | Der neue Pitaval - Band 15 | Der neue Pitaval - Neue Serie, Band 4 |

Alle Werke von Willibald Alexis
Diese Seite bookmarken bei ...
del.icio.us Digg Furl Blinklist Technorati Yahoo My Web Google Bookmarks Spurl Mr.Wong Yigg


Dieses Werk (Der falsche Woldemar) ausdrucken 'Der falsche Woldemar' als PDF herunterladen

Willibald Alexis

Der falsche Woldemar

Zehntes Kapitel.

eingestellt: 23.7.2007



In der Wüste giebts grüne Stellen, wo der Thau die Gräser tränkt, Quellen auf den Felsen sickern und Blumen blühen darum, und Vögel singen in den Büschen. Oasen heißen sie, und solcher Oasen giebts in allen Wüsten; auch in der Wüste in dir. Der Himmel lacht dich bisweilen blau an, und du lachst wieder, seiest du auch noch so trostlos. Das arme Menschengeschlecht verginge ohne die grünen Flecke, daraus die Sonne strahlt und die Vögel zwitschern in den Büschen, als sei Lust und Frieden ringsum.

Ja, es sah schreckhaft aus in den Marken um das Jahr 1350, eine graue, zerrissene, unsichere Wüste so weit des Auge trug; aber glückliche Oasen gab es doch, und glückliche Menschen, deren Seligkeit wohnte in ihnen. Meine Aufgab ist schwer, denn ich soll Euch malen die Zeit, und Die, so die Zeit machten, des sind finstre, herbe Bilder, Gestalten, die lange Schatten warfen. Beim Sonnenlicht, wo es einmal freundlich mit der jungen Saat spielte, darf ich nicht lange weilen.

Aber im Vorüberzug nach dem alten Berlin, wo die Stände sich versammeln, laß ich Euch einen Blick thun auf ein glücklich Plätzlein, wo der Flieder duftete, und der Jasmin knospt und Finken und Zeisige sangen, und die Lerche stieg in die Lüfte. Hochästige Linden rankten an dem alten Schlosse auf, und es war lieblich drunter zu wandeln, wenn die Sonne durch ihr Laub schien auf den Purpur seiner Rosen. Wo der Platz war und wie der Bach heißt, der sanft durch den Garten rieselte, was kümmerts Euch. Der Flieder blüht nicht mehr, der Jasmin ist ausgereutet, die Linden sind gefällt, das Schloß ist zerstört, und du gräbst umsonst nach Schätzen. Kaum daß du Steine findest, die dir sagen, wo die Grundmauern standen.

Da durch die Büsche flog es; wars ein flüchtig Reh, so hell blitzten die Augen, wars ein Vogel, so lieblich klang der Ton: nein, es war eine junge schöne Frau, die sang und sprang, aus voller Lebenslust. Aber nicht als ein Schmetterling, der flattert und weiß nicht wohin. Sie schoß durch die Büsche, als ein schlankes Reh, da sie einen Mann sah, der stand am Baum gelehnt, und sah trüb vor sich hin. Der Mann war Heinrich, das Weib, deren Wangen jungfräuliche Anmuth röthete, und deren Seligkeit und holde Schalkheit wiederstrahlten, war Adelheid. Sie hatte ihn erreicht, und beide Arme auf seine Schultern gelegt, eh ers bemerkt, daß Einer auf ihn zukam. Mit dem holdesten Blicke, süß geschwellt von Liebe, und doch getrübt ein weniges, von einem Etwas, sah sie ihn an:

»Ertappt! Siehst Du, nun kannst Dus nicht mehr leugnen, Du schaust betrübt.«

»Ich schaute ins Abendroth, Lieb. Die Sonne blendete mich.«

»Hat sie Dir die Stirn auch in Runzeln gezogen?« Sie fuhr mit ihrer weichen Hand über seine Stirn. »Heinrich, ach, und Du seufzest.«

»Müssen wir nicht scheiden? Morgen reite ich nach Berlin – zum Fürsten.«

»Und übermorgen, als Du mir verheißen, darf ich mit der Eufemia Buch und dem alten Sydow Dir nachkommen. Darum seufzest Du auch nicht, denn Du warst schon oft bei dem Fürsten, wochenlang und im Krieg, und mein Herz bangte, und Deines auch; aber wir freuten uns Beide auf das Wiedersehn.«

»Wir werden uns wiedersehn, gewiß, mein Lieb.«

»Und doch bist Du traurig. Schon viele, viele Tage lang, und ich zerbreche mir den Kopf, was es ist, und mein böser Heinrich sagt mirs nicht. Vorige Nacht schriest Du auf, und zwei Nächte vorher, am Samstag wars, da stießest Du plötzlich die Decke von Dir und richtetest Dich im Bette grad auf. Mutter Gottes, wie stiertest Du von Dir und hobst die Hände: »Ihr hohen Richter, ich bin ohne Schuld.« Das weiß ich, Du bist ohne Schuld, Du bist rein wie ein Engel. Aber mir graute, und als ich Dich bat, Dich wieder hinzulegen, da fielst Du wie ein Gerichteter um und seufztest tief. Der Angstschweiß stand Dir vor der Stirn, daß ich Dich zudecken mußte, damit Du Dich nicht verkühltest. Heinrich, bin ichs nicht werth, daß Du mir sagst, was Dich bang macht?«

Er umfaßte sie und drückte Kuß um Kuß auf Stirn, Mund und Wangen! »Ein lieb, herzig Weib bist Du. Das Weib möchte ich sehen, das seines Mannes Liebe mehr verdient als Du.«

»Und bist doch nicht glücklich!«

»Wer recht glücklich ist, mein süßes Weib, der, weine ich, muß immer bange sein, daß es aufhört. Und wems gar so zuströmte, als mir, und Tag um Tag brächte neues Gute, so schnell, so plötzlich, als hätten alle Feyen sich verschworen, ihm Schlösser zu bauen und Gut auf Gut über ihn zu häufen, soll den nicht schwindeln, so er denkt, als rasch sie Dich itzt überschütteten, so rasch mögen sies wieder nehmen. Eine gute Grille wars, und nun kommt eine böse Grille, und heut ist Alles rosenroth und morgen ists schwarz. – Ach, Adelheid, Du senkst auch des Köpfchen.«

Sie schwieg an seiner Brust, dann sah sie ihn klar an, und schüttelte den Kopf: »Fürchte Dich nicht, Heinrich. Der Mann mag sich fürchten, ders nicht verdient, was die Feyen ihm schenken, der stolz und übermüthig drauf wird. Dem nehmen sies wieder, als sies ihm gaben. Du bist gut, Du bist herrlich, Du verdienst es. Ach Heinrich, als ich Dich an der Schmiede sah, das ist kein Schmied als die andern, dachte ich, und weißt Du, auf dem ganzen Heimweg sah ich nur Dich, immer Dich. Und wenn ich einen Amboß hörte, und Funken sprühen sah, immer tratst Du mir vors Auge.

»Und riefe nun Einer mir zu: Zurück an die Schmiede, Gesell! Würdest Du dem russigen Gesellen folgen, mein hohes, herrliches, lichtstrahlendes Weib?«

»Das sind Deine bösen Träume. Wer wagte das? Dich, den der Kaiser zum Ritter schlug. Eines großen Markgrafen Sohn.«

»Und doch vielleicht nur ein Schmied.«

»Ein Schmied ist adlig. Was wären die Ritter, sos keine Waffenschmiede gäbe. Lesen wir nicht im Winter die schönen Sagen von Wieland, dem Schmied, und dem Amylias?«

»Das sind Mährchen, Adelheid, aus alter Zeit. Die kehren nicht wieder. Laß gut sein, ich bin wieder glücklich.«

»Nein, Du bists nicht. Nun sollst Du sprechen, nun entweichst Du mir nicht. O, Heinrich, was kümmert Dich? Ists die Mutter, die uns nicht sehen will? Sie verschließt sich ja vor Jedermann, und betet. Sie sagen, sie will in ein Kloster gehn. Hat sie uns nicht freundliche Worte geschickt, daß ihr Segen auf uns ruhe.«

»Ihr Segen!« murmelte Heinrich.

»Oder meine Ohme? nickte Dir nicht neulich Graf Ulrich freundlich zu. Das that er nie und hat gesprochen: Wär er nicht dessen Sohn, wahrhaftig ich könnte den stolzen Gesellen lieb haben. – Oder – Ihr Auge trübte sich etwas – Denkst Du – Graf Woldemar. O, er ist so edel und gut. Ist er nicht Dein Freund geblieben?«

»Ein Engel ruht in seiner Seele.«

»Nun was sonst! Fürchtest die häßlichen Geschichten draußen? Daß die andern Fürsten Deinen Vater – Laß es die Fürsten ausmachen. Fürchtet sich der große Markgraf? Lachte er nicht der Drohungen neulich, daß Du fast erschrecktest.«

»Er lachte und ich erschrack.«

»Wie sein Auge leuchtete, und er sich in die Schulter hob. Fast übermenschlich stand er da. Die Buch, die Kleist, der alte Bardeleben wurden stumm vor Ehrfurcht. Laß Den allein um sich sorgen.«

»Hast Du auch die Augen leuchten gesehen!« sagte Heinrich und schaute in sich.

Da zog sie ihn auf eine Bank nieder und liebkoste ihm, und drang so fein und theilnehmend in ihn, daß er sprechen mußte.

»Ja sieh, ich bin bang, wenn ich ihn anschaue. Jemals, wenn er das Silberhaupt langsam schüttelte, wenn das helle freundliche Auge, als ein Sonnenschein, auf mir ruhte, da war mir, wie Allen zu Muthe, als müsse das Herz sich aufschließen von selber, und ihm entgegenspringen; mein Herzblut hätte er fordern mögen. Nun ist er ein Anderer.«

»Er ist so gütig gegen Dich, übergütig.«

»Sahst Du ihn, wenn er auf und niederschreitet, die Brust erhoben und den Kopf zurück; wie er verächtlich anblickt, wer ihm widerspricht; wie er auflacht, voll Spottes um den Mund, so etwas zutraf, als er gesagt, und die Andern hatten anders gesagt. So dünkt mich, müßte der große Woldemar nicht thun.«

»Er ist Dein Vater, Heinrich.«

»Mein Vater! Und was vermessen er spricht, als sei er ein Prophet und könne nicht irren. Was sie mir vom alten Woldemar erzählten, der war ein Mensch, als wir. Leicht brauste er auf; Der ist immer ruhig. Er vertrug Widerspruch, so er auch anfangs zornig wurde. Und Dieser lächelt fein, so Einer wagt andern Sinnes zu sein, als acht ers nicht, und könne Keiner mehr wissen und klüger sprechen.«

»Heinrich, lieber Heinrich, wohin irren Deine Gedanken.«

»Wünschte – ach Adelheid – ich wünschte, ich könnte in den Tag hineinleben als die Andern. S mag sein, daß mir das wunderbare Schicksal den Sinn verrücket hat, oder als wär ein Sinn aufgewacht, daß ich nun klarer sehn muß.«

»Bete, bete, lieber Mann, daß Du nicht in Anfechtung fällst.«

»Die kann doch nicht vom Bösen kommen.«

»Er ist Dein Vater, Heinrich!« wiederholte Adelheid.

» Wär ers nun nicht!«

»Christe im Himmelreich! Was Du sprichst – Du fieberst – Nein, Deine Hand ist kalt. Wenn er nicht Dein Vater wäre, was hätte er Dich, grade Dich hervorgezogen. Und so ehrt er Dich und zeichnet Dich aus, daß die Edlen neidisch sind.«

»Vor den Leuten! Bin ich allein bei ihm, ists als versänke die Liebe, so er mir zeigt, in einen tiefen Brunnen, als lagere sich Eis um seine Augen, um seinen Mund. Wär ich sein Sohn, heiliger Gott, es drängte mich doch, das Eis zu sprengen, ich stürzte ihm um den Hals, ich drückte ihn an die Brust, ich küßte seine gütigen Hände. Es drängt mich nichts, Adelheid. Mein Blut wird kalt, mein Blick immer klarer. Ist mirs, als schau ich in sein Inneres.«

»Heinrich, Du hassest Deinen Vater.«

»Ich hasse ihn nicht. Schlimmer vielleicht, wenn es ist, es ist mir, als wär er nur der Schatten meines Vaters.«

»Du bringst ihn auf wider Dich, darum, daß Du ihn nicht achtest.«

Heinrich schüttelte den Kopf. »Neulich, wir hatten viele, wichtige Dinge gesprochen vom Land und seinen Frieden, und er redete so klar, als man in einem Spiegel ein Ding wiedersieht, da er doch ein großer würdiger Fürst sei. Wollte ihm ehrfurchtsvoll die Hand küssen, zum Abschied. Aber er zog sie rasch zurück: »»Dir ziemt das nicht,«« sprach er, nicht zornig, aber ernst, und stand auf. Drauf ergriff er die Kerze und leuchtete mir hinaus, denn es war späte Nacht, und alle Kämmeriere schliefen. Ich wußte nicht, was es sollte, und an der Treppe neigte er sich, als sei ich ein fremder großer Herr.«

Heinrich schwieg, und Adelheid schwieg auch. Da klapperte hinter den büschigen Bäumen eine Mühle lustig im Winde.

»Die Leute nimmts Wunder,« sprach Adelheid nach einer kleinen Weile, »was der Müller drauf gehn läßt. Sie sind nicht gut auf ihn zu sprechen. Der Reichthum führt in Versuchung und Streiche, sagen sie, und Niemand weiß doch, wo ers her hat.«

»Ein schlauer Mann, als die Müller wohl sind,« entgegnete Heinrich. »Doch entsinne mich, daß ich ihn schon ehedem sah.«

»Denk Dir, Heinrich, sie sagen, er habe das Geld vom Markgrafen. Er hat von den Bredows viele Morgen gekauft zur Mühle, Korn und Wiesenland. – Du siehst wieder so vor Dich hin. Was kümmert Dich der Müller?«

Heinrich seufzte.

»Mutter Gottes, er wird doch kein schlechter Mann sein, der einen guten Mann erschlug, um seiner Habe willen.«

»Ich hoffe, er wird kein schlechter Mann werden.«

»Du weißt mehr von ihm.«

»Von ihm, nichts, gar nichts. Er kümmert mich nicht. Der Abendwind wird kühl, laß uns ins Schloß.«

»Die Luft ist lau. Hör wie die Blätter spielen im Winde. Hat er das Geld vom alten Markgrafen? O, sag es mir. Ich bitte Dich recht schön darum. Sie erzählen sich, der Woldemar habe eine Nacht auf der Mühle zugebracht, als er letzten Winter im Schnee verirrte. Da hätte sich der Müller mit ihm eingeschlossen, und viele Stunden mit ihm geheim geplaudert. Kein Mensch hat horchen dürfen. Nur sein Weib ist einmal rauf gekommen in die Stube, und als sie wieder kam, hat sie roth geweinte Augen gehabt; der Markgraf ritt fort, ehe der Morgen graute, und seitdem ist der Müller so hochmüthig und zeigt das viele Geld. Aber wer ihn darum fragt, den lacht er aus, und sagt, seine Mühle sei viel zu schlecht, als daß ein großer Fürst darin übernachten sollte. Heinrich was ists, mir kannst Dus sagen. Wars der Markgraf?«

»Bete Du, Adelheid, bete Du, lieb Weib mit mir, daß die bösen Geister keine Macht haben über gute Menschen. Komm in die Helle, am Feuerheerd, dort, nicht hier, was mir das Herz preßt.«

Sie saßen am prasselnden Feuer und die Flammen spiegelten an der Rüstung, die, hell polirt, an der Wand hing. Da sprach Heinrich:

»Sieh Adelheid, es wäre schrecklich, wenn Alles ein Traum gewesen. Manchesmal denk ichs, daß ich eingeschlafen wäre unter dem Baum im Walde, da ich aus dem Dorfe lief, und in dem Baume hausten Geister, als wie es in den Sagen heißt. Die hatten Kreise um mich gezogen, und giftiger Nebel war aus der Erde aufgestiegen, und Nachtvögel hatten Zauberlieder um mich gesummt. Da wäre der junge freundliche Waidmann zu mir getreten, der drauf ein edler Fürst ward: die Freien im Walde, der Dom von Magdeburg, der Markgraf, die Fürsten und der große Kaiser und der Eine schlug mich zum Ritter und der Andere machte mich zum Grafen – und Alles wäre nur Traum gewesen, und sollte ich wieder unter demselben Hexenbaume erwachen, und wäre ein armer Schmiedegesell, der nicht hat, wo er den Kopf hinlegt. Sag, wärs nicht schrecklich?«

Sie hatte ihm aufmerksam zugehört, aber nicht furchtsam, sondern ihr Auge lachte ihn groß und schelmisch an, und ihr Mund hatte sich geöffnet, und zeigte ihm halb die schönen Perlenzähne: »Und was wärs schrecklich, Du böser Gesell. Ich war doch kein Traum unterm Zauberbaume. Mich hattest Du ja schon gesehen vor der Schmiede; also ich bin wahr, ich verschwinde Dir nicht, wenn der Zauber verraucht.«

»Du bist wahr,« sprach er, »das wahrste, liebste Weib. Aber wärs nicht schrecklich! Fühls in mir deutlich, hell, daß ich zum Ritter geboren bin, und nun jagten sie mich fort aus den Schranken. Die hochmüthigen, hohnlächelnden Gesichter. Und doch wärs nicht so schrecklich, als wenn sie ihm, dem großen, herrlichen Fürsten, das ist er, dem fürstlichen Greise, Du sahst nie ein so silberweißes Haupt! den Purpur von der Schulter, den Hut vom Haupte rissen! Der müßte als ein – pfui – weh!«

»Sie werdens nicht, sie dürfens nicht.«

»Neulich Abends streift ich durch die Wiesen; kam an des Müllers Haus vorbei. Der zechte mit Etlichen. Durchs helle Fenster sah ich ihn, durch die dünne Wand hörte ich was sie sprachen. Ich mag den Mann nicht, der immer mehr wissen will als Alle. Sie redeten vom Markgrafen und dem Wunder, das Gott gethan, zu Gunsten dem Lande. Da rief der Müller, der Wein in Kopfe hatte: »»Oder ein Anderer thats.«« Nun, da sie zankten, schlug er auf den Tisch: »»Was gebt Ihr mir, und er gehorcht mir. So ich rufe, muß er an die Thür klopfen, sag ich: herein, tritt er über die Schwelle und zieht den Hut ab.«« Sie schrieen auf ihn ein. Ich hörte nur halb. Aber das hörte ich doch, als er mit seiner häßlichen, gellenden Stimme schrie: »»Hab ihm die Worte abgelauscht, drauf er erscheinen muß, vor seinem Meister, und säß er neben dem Kaiser auf dem Thron, er muß kommen.««

»Alle gute Geister!« rief das junge Weib, und faltete die Hände.

»Laß uns beten, miteinander in der Kapelle.«

»Mutter Gottes, schütze uns.«

»Ihn, Adelheid! Für ihn wollen wir beten.«

»Laß den Müller kommen, Heinrich.«

»Was kümmert mich des Müllers Gespräch. Ich wußt es längst, ich hatte es geahnt. Ach, ich kämpfte und rang damit, als Einer ringen mag mit einem Fieber, mit dem Wahnsinn, er will ihn nicht aufkommen lassen – nun gehts nicht mehr. Die Herrlichkeit Gottes, die auf seinem Antlitz strahlte, mein Auge sah es ja, daß sie nur von einem Spiegel kam, den der Böse hinhielt.«

»Heinrich, mein Heinrich, so er ein Zauberer ist, bleibe bei mir.«

»Ein Zauberer, ja, aber ein großer Zauberer, den Gott auf die Erde ließ, daß er eine künstliche Sonne mache, wo Nacht ist. Das Eis schmilzt, die Gräser knospen, die Blumen blühen, die Vögel singen wieder. Ein Zauberer, der Muth haucht in eines Volkes verzweifelnden Sinn, der die Bösen straft, und Oel gießt ins Herz der Guten, der richtet nach Gottes Vorbild, und waltet wie seine Engel, und spricht mit ihren Zungen. Gott schütze uns arme Menschenkinder, solchem Zauber widerstehn wir nicht.«

»Heinrich!« sie richtete sich auf, und sah ihn hell an. »Dich wird Gott schützen. Und ist er nun ein Zauberer, versinkt er als Traumbild, das böse Geister riefen, Du wirst nicht mitverschwinden. Du hast ihn ja erkannt, Du bist wahr, von Deiner schönen Stirn bis zur Sohle.«

»Nein, ich fühls in mir, s ist kein Zauber in mir; ich bin wahr. Wills zeigen männiglich, daß ich werth bin, solch Gemahl mein zu nennen. Um Dich, meine Adelheid, will ichs beschützen, das Schwert, das mir der Fürst, den Schild, den mir der Kaiser schenkte. Auch ganz allein. Aber, mein süß Weib, ists darum minder traurig zurückzublicken auf – Still davon! Was hinter mir, mag in Nebel und Dunst vergehn; an Deiner Seite geh ich vorwärts. Wers ehrlich meint und gut und das Rechte will, der findet seinen Weg.«

»Bleibe bei mir Heinrich, ich lasse Dich nicht zum Zauberer.«

»Ich gehe, lieb Weib. Geschworen bin ich ihm, in allen guten Dingen. Ich muß und will sein Hort sein, als weit ein Christenritter gehn darf, und will als treuer Eckart ihm stehn – seis auch, wenn der Hölle Pforten sich aufthun. Wenn ich und Du Gott recht bitten, giebt er mir wohl Kraft, daß mein Arm ihn zurückreißt.«

< Neuntes Kapitel.
Eilftes Kapitel. >



Die Inhalte dieser Seite sind Eigentum der Öffentlichkeit.
Sollten trotzdem Urheberrechte entgegen unserem Wissen verletzt worden sein, bitten wir Sie mit uns Kontakt aufzunehmen.