Frei Lesen: Der falsche Woldemar

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Willibald Alexis

Der falsche Woldemar

Eilftes Kapitel.

eingestellt: 23.7.2007



Im hohen Hause zu Berlin saßen die Stände der Marken, Geistliche, Ritter und Städte, und auf seinem Throne der alte Markgraf. Vieles hatten sie verhandelt und Gutes. Es war nicht beim Gerede geblieben, nicht eitle Klagen und fromme Wünsche. Auf das, was Noth that, hatte er sie hingewiesen, und was noth sei, das müsse in Kürze, sonder viel Worte geschehen. Da ward gut geheißen, daß viele Schlösser, die sie namhaft machten, geschleift würden; viele Zölle und Zollstädte, die zur Ungebühr entstanden in böser Zeit, sollten aufhören, und die Rechte der Stände, jedes einzeln, ward festgesetzt. Mancher Herr und manche Stadt klagten freilich, und sprachen von unvordenklicher Zeit, daß sies besessen; aber der Markgraf sprach: »Kann das ein Recht werden durch die Zeit, was in allen Zeiten ein Unrecht ist!«

Es waren lauter gute Beschlüsse und die Mehrzahl waren gute Leute, die ihr Land lieb hatten und sie lobten sie. Es ging ein Murmeln des Beifalls durch den Saal. Da erhob sich der Markgraf. Das Auge leuchtete groß, die Stirn wuchs, er selber schien um einen Fuß größer:

»Ihr edlen Herren, ist da Einer unter Euch, der sagt, es sei nicht gut, was ich sage, er hebe den Arm und spreche!«

Keiner that die Lippen auf, aber sie schauten ihn an. So hatten sie ihn noch nicht geschaut. Die Hand schlug er an die Brust und hub an, nach einer Weil:

»Was seid Ihr stille, meine lieben Getreuen?«

»Hört Ihr auf das Murmeln draußen meiner Feinde? Das sind Eure Feinde. Fürchtet sie nicht, denn ich fürchte sie nicht. Und so die Wälder sich empörten, und jeder Baum würde eine Lanze wider mich, ich fürchte sie nicht. Ich führe stärkere Heerschaaren gegen die Drachenheere. Meint Ihr, ich sei doch schwach? Stehe ich denn allein? Habe ich nicht Bundesgenossen? Die edlen Fürsten, meine Vettern, ruft Ihr mir zu. Gott schütze Euch und sie in ihrer Liebe und Treue. Aber mein Bundesgenoß ist stärker. Saht Ihr den Grafen auf den Thüringer Bergen, die Hand ausstreckend nach der Kaiserkrone? Viel schöne, klingende Worte rief er zur Nation, die verblendeten Fürsten wählten ihn, die bethörten Völker riefen ihm Heil und langes Leben zu, die goldene Krone strahlte prächtig auf seiner stolzen Stirne. – Gabt Ihr mich nicht da verloren? Um mich alten, schwachen Mann, der dreißig Jahr im Grab gelegen, der mit jedem Schritte ihm wieder zuwankt, den, sollte man denken, der Fauststoß eines Mannes niederwirft, um mich allein, mir mein Brandenburg zu rauben, brachen die Fürsten ihren Eidschwur, zerrissen die Völker ihre Gelöbnisse, um mich: Krieg, Aufruhr, Empörung durch das heilige römische Reich. Um mich, der keine Lanze mehr hat, den Geschmähten, Verläumdeten, rüstete sich der stärkste Kriegesheld; zu Roß setzte er sich, und setzte sein Alles dran: Ruhm, Reichthum, einen unbescholtenen Namen. Hätte ich da nicht versinken müssen, zerschmettert in meiner Schwäche! War er der echte und ich der falsche, wo in aller Welt lägen meine Gebeine, wohin hätte der Wind meinen Staub geweht! Denn Gott ist gerecht – – Kams so? – Habt Ihr den Donner gehört, saht Ihr den Blitzstrahl, den Gott schleuderte? Mitten in seiner Pracht und Herrlichkeit, in seinem Trotz traf er den stolzesten Krieger. Er liegt begraben als ein Empörer, und ich der schwache Greis blieb Euer Markgraf.«

Sie jubelten nicht auf. Es war tiefe Stille. Einigen mochte es nicht recht dünken, daß er einen Todten verrede, zumal der ein edler Mann gewesen, der Graf von Schwarzburg.

»Der Eure Haare auf dem Kopfe gezählt, der auf den Flügeln der Morgenröthe über die Welt fliegt, ich sage Euch: Deß Engelschaaren streiten mit mir. Woher sonst dieser schwache Arm so stark, woher die Rede, die Eure Herzen meistert, woher mein Wissen und Thun, das Gott gefällig ist, und dem Lande ein Segen! Sagt, ich rufe Euch zu Richtern an: hätt ich mit Menschenkunst das vollbracht, nur das eine: daß Ihr an mich glaubt? einige sagen, ich sei stolz. Soll ich dessen nicht stolz sein? Einige flüstern mir, ich solle für flüchtig sein, und mich fürchten. Ich fürchte mich nicht, denn ich glaube an mich und bin mir getreu. Oeffne die Hölle ihre Pforten und speie aus ihre Legionen, ich will mit ihnen kämpfen.«

Da wards unheimlich still. Einige sahen ihn sorglich an. Es dünkte sie, er sei krank, und rede als im Fieber. Was mußte der Anlaß sein, dachten sie, daß er so in Eifer ist? Wer, der an ihm zweifelte im Lande, hats laut werden lassen? Oder was geschieht draußen, und uns wirds verborgen, daß er so in Harnisch geräth und sich überhebt? Das hätte er nicht nöthig. die Märker halten doch treu an ihm.

Ein Zischeln ging durch die Versammlung von der Thür her. Einige riefen: »Stille!« denn der Markgraf wollte weiter reden, aber Andere riefen: »Hört! hört! eine Botschaft.«

Der Marschall der Stände neigte sich vor dem Throne und meldete, daß draußen ein Kaiserbote harre, der von Prag gekommen mit einem Schreiben der Majestät.

Der Markgraf, der nichts gemerkt, was die Stände in Unruh brachte, und sein Gesicht glühte, hatte die Lippen geöffnet und wollte weiter sprechen. Da rief er unwillig auf des Marschalls Rede:

»Der Bote soll warten.«

Das dünkte Vielen vermessen.

»Die Schlangen züngeln und zischen, ich höre ihr Singen und Pfeifen aus der Lausitz. Und brüllte sie, als der Löwe in der Wüste – sein Geschrei ist furchtbar – als der Schakal in der Nacht – es zerreißt das Herz – ich bin unter meinen Märkern, und höre nur ihre Sprache. Was soll ich fürchten, so die an mich halten! Die Fürsten, die ihren Eid brechen und einen falschen Kaiser aufstellten? Die Baiern, die vor Grimm schnauben und ohnmächtig sind als Knaben? Der Kaiser? Der wird, der kann mich nicht verlassen. Soll ich darum fürchten, daß sie in ohnmächtiger Wuth das Reich verwirren, daß sie Berge und Felsen versetzen möchten, um mich von Euch zu reißen? Das freut mich, und Euch sollt es auch freuen. Der plumpe Däne, hört doch, will mich entthronen. Komm er her. Ich schlug seinen Vater bei Stralsund. So wollen meine Vettern den Schwedenkönig rufen, daß er mir helfe. Bleibe er daheim im Schnee. Ich brauche keine Hülfe! – Nun ruft den Kaiserboten.«

Ein Ritter, sechs Fuß hoch, in voller Rüstung, trat, klirrenden Schrittes und hastig, durch die Stände vor den Thron, in der Hand ein versiegelt Schreiben. Er neigte sich nicht um einen Zoll, da er anhub:

»Im Namen von Kaiser und Reich, ich sein Bote, Walter Heimbold, Graf von Katzenellenbogen! Dich, wer Du auch seiest und als Du Dich nennest, – er wies mit dem Zeigefinger auf den Markgrafen, und neigte sich auch da nicht ein Bischen – lade ich, kraft kaiserlicher Macht, zum Fürstengericht nach Nürnberg auf den zwooten Tag nach Christi Himmelfahrt, bei Acht und Aberacht, daß Du erscheinest und Recht nehmest als Du verdienest und die Anklage der hohen Fürsten wider Dich lautet. Dies zu wissen.«

Drauf wandte er sich seitwärts, daß er dem Markgrafen halb die Achsel kehrte:

»Diesen Brief kaiserlicher Majestät an die märkischen Städte, so darauf verzeichnet sind. Wo ist der Aeltermann der Rathmannen und Bürger zu Berlin und Köln?«

Der erhub sich. Es war Bernhard Rode, und nahm das Schreiben, das versiegelt war.

»Das ist des Kaisers Wille, den er auch den andern Ständen durch andere Schreiben kund that, daß Ihr Euch danach richtet und von dem falschen Manne lasset. Dies Euch zu wissen.«

Und sonder Antwort abzuwarten, kehrte der stolze Bote ihnen den Rücken, und als er gekommen, schritt er aus dem Saal hinaus. Ließ sich keinen Trunk geben, als es Sitte ist, noch einen Imbis von dem Landtagsmarschall. Sein Roß stand gezäumt im Hofe, schwang sich hinauf in den Sattel, wie er die steinerne Treppe hinunterkam, und ritt, ohne den Kopf zu wenden, zum Thor hinaus.

Wohl war der Graf von Katzenellenbogen ein Dienstmann des Kaisers, aber es war auch, als sie sagten, ein Freund der Baierherzöge. Wohl wars des Kaisers Befehl, daß er den Markgrafen lüde und den Städten den Brief bringe. Aber die Art, als ers that, war nicht des Kaisers Auftrag, die, flüsterten sie nachmalen, war aus Freundschaft zu den Ludewigen. Ist ein großer Herr schlimm daran, daß er nicht Alles allein thun kann, sondern muß es den Dienern lassen. Da kommt es in Anderer Mund und Anderer Hände und nimmt deren Farbe an, und was als Wohlthat gemeint war vom Herrn, das wird zur Plage denen es helfen sollte. Gott gebe jedem Fürsten gute Diener!

Als wie ein Blitz aus heiterm Himmel niederschlägt und ein Haus trifft, daß die Fenster klirren und die Wände dröhnen, und die drin wohnen, fallen oder stürzen über die Schwelle, oder sinken auf die Knie, und halten den Athem an, vor Bangherzigkeit, wo die Flamme nun zünden werde: so wars bei den Ständen. Sie schauten als verstört über das Unerwartete. Die sahen dem Boten nach, Die auf den Fürsten und seine Räthe, Die auf die Andern; Alle hielten den Athem an, und Keiner hatte nur einen Laut gesprochen, als sie den Grafen von Katzenellenbogen schon über das Pflaster des Hofes sprengen hörten. Er ritt in die Oderberger Gasse nach Köln.

Hochroth, als wenn ein Fieber ihn schüttelte, war vorhin der Markgraf, jetzt war er blaß, und sein Auge stierte an die Balken. Aufrecht stand er vorhin, und sah höher aus, denn er war; jetzt war er zusammengesunken, und lehnte sich an den Stuhl und sank darauf hin, und saß als Einer, den der Schlag getroffen.

»Wer hätte das erwartet!« murmelte Einer in seiner Nähe und der Fürst, der es hörte, nickte. Aufrichten wollte er sich wieder und sprechen, aber die Stimme versagte. Da riefen Einige: »der Arzt! Er ist unmächtig.«

Nun ging ein Gemurmel durch den Saal, die Ordnung war gebrochen, die Marschälle wußten nicht, was sie thun sollten. Es wird lauter, und in Haufen treten sie zusammen, und sprechen und stritten. Da hörte man von der Seite: »Der Kaiser ist des Reiches Oberherr. Ihm muß man gehorchen.« Von der andern aber: »Was kümmert uns der Kaiser, der sich um uns nicht kümmerte.«

Die von den Städten, an die der Brief gerichtet, traten zusammen, und Einer verlas ihn:

»»Karl, von Gottes Gnaden, Römischer König, zu allen Zeiten Mehrer des Reichs und König zu Böheim, entbotet den Rathmannen und den Bürgern zugleich der Städte Brandenburg, Berlin, Köln, Prenzlow, Pasewalk, Angermünde, Templin, Perleberg, Pritzwalk, Kyritz, Havelberg, Nauen, Rathenow, Görzig, Straußberg, Eberswalde, Bernow und zu Köpenick, unseren lieben Getreuen, unsere Gnade und alles Gute. Nachdem wir vormals den Markgrafen Woldemar, der uns als ein Markgraf zu Brandenburg fürgeben worden, auf Unterweisung Derer, die solche Rede an uns gebracht haben, belehnt haben mit denselben Marken; auch sollte ihm etwas geschehen, die hochgebornen Fürsten von Sachsen und Anhalt mit dem Anfall von denselben Marken, die des heiligen Römischen Reiches eigen gewesen für manche Zeiten und noch ist; haben wir vernommen, daß dieselben hochgebornen Fürsten von Sachsen und Anhalt, um Recht zu finden und Gunst, auf den König zu Schweden gegangen sind, zu unserm und des heiligen Reiches Schaden, das davon geschwächt wird in seinen Rechten, sollte denn geschehen, daß der König zu Schweden, der kein Recht an uns hat, Urtheil und gültigen Entscheid finden und geben sollte, um solche Entzweiung, welche billig und zu Recht allein vor uns und dem Reiche entschieden wird. Nachdem nun desgleichen der hochgeborene Ludewig, Markgraf zu Brandenburg, des heiligen Römischen Reiches oberster Kämmerer, Pfalzgraf am Rhein und Herzog in Baiern und Kärnthen, unser lieber Oheim und Fürst, und seine Brüder, die das angeht, vor uns und dem Reiche beweisen und bewähren wollen, daß wir mit solcher Unterweisung, als sei Jener der Markgraf Woldemar, gänzlich betrogen worden, und daß er nicht der Markgraf Woldemar, Konrads Sohn sei, den man lange für todt gehalten, und sie begehrt, daß wir ihnen in Rechten die Marken wieder verleihen sollten, und, nachdem auch die andern Fürsten und Herren des Reichs uns unterwiesen; doch wir das billig und zu Rechte zu thun verpflichtet wären, darum haben wir dem oben genannten Markgrafen Ludewig die Marken wieder verliehen, als die Fürsten und Herren uns unterwiesen, daß wir zu Rechte thun sollten. Und haben deshalb Alle, die es angeht, nach Nürnberg auf einen Tag entboten; und was uns daselbst die Fürsten und Herren, unsere und des Reichs Getreue, die billiger Weise darüber erkennen, beweisen und entscheiden werden, dem wollen wir zugleich folgen. Und wen sie daselbst für den rechten Markgrafen erkennen, den wollen wir dabei lassen und behalten, als des Reiches Fürsten billig und zu thun, verpflichtet sind. Gegeben zu Prag des nächsten Montags nach dem heiligen Ostertage, im vierten Jahre unseres Reiches.««

Da Alle schwiegen, lachte Einer auf, es war der junge Tile Wardenberg von Berlin:

»Das ist mir ein bescheidener Kaiser! thut nur, was die Fürsten wollen.«

»Achtung vor des Reiches Oberhaupt!« rief der alte Bardeleben.

»Achtung vor dem, dem Achtung ziemt«, rief ein Anderer.

»Achtung vor dem, der sich selbst achtet«, ein Dritter: »Ein Wort ist Wort, und ein Kaiserwort sollte am schwersten wiegen.«

Der Bürgermeister von Nauen sprach:

»Bei Müncheberg, selbst eigen hat er uns geheißen, daß wir den durchlauchtigen Woldemar als Herrn erkennen, ich hörte es und habs nicht vergessen. Das sprach sein kaiserlicher Mund. Das Wort gilt mir mehr, als ein Wisch. Den hat ein Pfaff geschrieben.«

Eike Wins, denn auch Die von Frankfurt hatte der Landtag bescheidet, sagte: »Ihr lieben Landsleute, weß Meinung Ihr seid, wen Ihr liebt und wen Ihr haßt, sind wir nicht Alle Märker, lieben wir nicht Alle unser Brandenburg? Ists nicht hohe Zeit, daß wir uns vertragen, um dem Elend ein Ziel zu stecken? Der Kaiser, der unser Feind war, bietet uns seine Hand. Nehmt sie an.«

»S ist hohe Zeit. So sei es«, riefen Einige.

Aber die Mehrzahl tobte und rief unter einander: »Nein, so sei es nicht!« – »Wir haben sein Wort.« – »Trau Keiner dem Baiern.« – »Pfaffentücken.« – »Wir halten am Hause Anhalt.«

Eike Wins drängte sich durch die Haufen nach dem Throne. Er hob den Arm auf:

»Wer Du seiest, erhabener Herr, mein Auge sieht Dich hier zum ersten Male, und zum ersten Male höre ich Deine Stimme. Hätte ich Dich früher gesehen, vielleicht. – Auf Deiner Stirn ist Milde, und Dein Auge leuchtet freundlich. Nein, ich Dein Feind, schwöre, Du bist kein Betrüger. Wer Du auch seiest, Du liebst Dein Volk, und Brandenburgs Wohl liegt Dir am Herzen. So sprich Du selbst ein Wort des Friedens um das arme, zerrissene und zertretene Land. Sei auch Dein Recht aus dem Grabe, und Dreißig Jahre, daß es da geruht, hätten das Siegel nicht gelöst, das Pergament nicht verwittert, was fruchtet Dir Dein Recht, so Dein Volk darüber zu Grunde geht? Nimm, gütiger Herr, den Vertrag an, gehe nach Nürnberg, sprich zu den Fürsten, als Du zu uns gesprochen, und nimm ihren Spruch entgegen. Laß nicht die Kriegsnoth aufs Neue über unser Land los; ein Deutsches Herz, laß nicht die Fremden über ein Deutsches Volk entscheiden. Erbarme Dich unser, als Gott sich Deiner erbarmen mag. Wir haltens nicht länger aus.«

Woldemar, der Alte, war aufgestanden. Er trat eine Stufe herab.

»So Du Dein Volk liebst«, fuhr Eike fort, »beweis es durch die höchste Liebe, daß Du Dich hergiebst dafür, nicht dadurch, daß Du seine letzten Kräfte forderst, daß es mit Dir verblutet, und Du hast eitle Ehre und das Volk das Verderben.«

»Wer bist Du«, sprach der Markgraf, »daß Du solche Töne beschwörst?«

»Herr, ich bin nicht viel, und mein Name hat kurzen Klang. Was ich Dir zurufe, das rufen Tausende Dir zu. Alle werdens rufen, so ihr Vaterland mehr lieben als sich.«

Ein Murmeln ging durch den weiten Saal; Alle schauten wechselnd auf den Frankfurter und auf den Markgrafen.

»Du wackrer Sprecher aus der Oderstadt«, hub Woldemar an, »ich liebe mein Vaterland, und habe ihm große Opfer gebracht. Meiner Seelen Ruhe setzt ich daran; kann ein Mensch, den Gott leitet, mehr geben!«

Unverzagt fiel ihm der Frankfurter ins Wort: »Herr, Du kannst es. Du hast viel gewollt und viel gethan, wir erkennens. Aber wo bleibts? Saat, die der Wind verweht, der Huf der Fremden zertritt. Wo Du bist, werden Deine Gebote geachtet; wo Du den Rücken wendest, wacht die Zwietracht auf. Bist Du allgegenwärtig, sieht Dein Auge in die Zukunft, reicht Dein Arm dahin? Du bist ein stolzer Baum, der Schatten giebt, aber die Wurzeln schlagen nicht ins Land. Du stehst allein da. Tausend glauben an Dich, und Tausend zweifeln. Der Glaube der Völker ist der beste Schild der Fürsten. Ja, walltest Du als ein Heiliger durch das Land und thätest Wunder, die Märker wollen nicht Wunder, sie wollen Gesetze, und das heiligste Gesetz zum Wohl der Völker ist das Erbrecht: daß der Sohn dem Vater folge. Du hast keinen Sohn. Nur Vettern und aber Vettern. Daran glaubt Jeder gleiches Recht zu haben. Sie ziehn die Schwerter über Deinem Sarge, und neue blutige Zwietracht lodert auf, wenn die letzte Schaufel Erde auf Dein Grab fiel.«

Sie wurden lauter, aber Woldemar winkte ihnen schweigen.

»Kühner Mann, ich stände allein, sagst Du?«

»Der Kaiser verleugnet Dich, rief unerschrocken der Eike. Möcht ers. Wir stehn auch wohl ohne Kaiser, und zagen nicht. Aber die Fürsten fallen von Dir. Der Mecklenburger schloß Friede, den Pommern scheucht des Kaisers Wort. Meinst Du, die Sachsen und die Dessauer werden, so des Reiches Acht über ihren Häuptern schwebt, ihre Güter und Lehne um Dich aufs Spiel setzen? Oder willst Du Dich stützen auf den Erbfeind der Brandenburger, auf den Magdeburger?«

»Nein, bei Gott, ich stütze mich auf anderes!« rief der Markgraf und hob beide Arme.

Da ließen sie sich nicht mehr zurückhalten seine Freunde, da brauste es auf vor Zorn und Freude.

»Deine Märker sind mit Dir. Auf die stütze Dich!«

Der Wilkin Reiche von Köln rief: »Wer ein gut brandenburgsch Herz hat, den Arm auf!«

Da hoben sie die Arme, nicht einen, zwei. Auch die nicht Muth hatten, nun bekamen sie Muth; auch die nicht mochten, wo so viel Arme in der Höh waren, meinten sie, ihre könnten nicht hängen bleiben. Das geht wohl so in der Welt zu; wo Viele schreien, da schämt sich Einer, so er den Mund nicht aufthut, und wo Viele ihre Namen unterschreiben, da denkt der Einzelne, Du mußt es doch auch thun. Geschah viel Unglück dadurch und geschieht noch heute. Sie haben viel schöne Gesetze gemacht in der Welt, das aber haben sie noch nicht gefunden, daß Jeder ein Mann sein soll, und bedenken, was er thut. Meinen Einige, Länder und Städte könnten nicht bestehen, so Jeder einen Willen hätte und allezeit ein Mann wäre. Ob sie Recht haben, das weiß Gott allein.

Den Jubel, die Lust, den brausenden Eifer mochte der Fürst nicht erwartet haben. Er sank wieder auf den Sessel zurück. Beide Hände hielt er vors Gesicht.

»Wir halten treu am Hause Anhalt. Hoch lebe unser wahrhafter Markgraf Woldemar!«

Von den Worten dröhnten die Mauern. Wer Degen an der Seite hatte, der riß sie aus der Scheide. Das war ein schöner Anblick, die blitzenden Klingen in den Händen der treuen Männer, die auf die Bänke und Tische sprangen. Auf die Fensterbrüstungen schwangen sie sich. Jeder wollte sich und seinen Muth dem theuren Herrn zeigen.

Da Woldemar die Hände vom Gesicht ließ, sahe man, daß eine Thräne auf seinen Wimpern sich stahl.

»Wollt Ihrs wagen in Glauben und Treue?« rief er fragend hinunter.

»Wir wagens«, riefen sie, ein Ton.

»So wag ichs auch«, sprach er. »Ein Fürst soll in Glauben und Treue seinem Volke nicht nachstehn.«

Der Jubel erstickte die Worte, die er noch sprechen wollte. Lange mußte er winken, bis sie ihn wieder hörten.

»Ihr sehet mich tief erschüttert. Ich rang einen schweren Kampf, meine theuren Freunde, glaubt mir. Ich hatte schon überwunden. Wie Gott will! Der Kaiser ruft mich nach Nürnberg, daß ich mich vertheidige. Ich wollte hin, reden vor den höchsten Richtern des Reiches – da rieft Ihr mir mit anderer Stimme zu. –«

Sie schüttelten die Köpfe.

»Nicht nach Nürnberg!« –

Hans von Aken rief: »So Du dahin gehst, verräthst Du Dich und uns. Es meints Keiner treu mit Brandenburg, denn Du. Bleibe unter uns.«

»Bleib unter Deinen Märkern!« brauste es.

»Herr Christ, des Kaisers Wort!« rief der alte Bardeleben.

»Des Kaisers Schrift, Ihr Herren!« ein Anderer. »Bedenkt. Euer Muth wallt und morgen ist er hin. Die Schrift bleibt, morgen und tausend Jahr.«

Tile Wardenberg, der junge, war auf den Tisch gesprungen und riß Dem, der es hielt, das Schreiben aus den Händen.

»Schaut, so sieht die Schrift aus; vorn und hinten, seht sie Euch zum letzten Mal an. Was davon bleibt, schiert Euch nicht.«

Ein kecker Gesell war Tiele Wardenberg. Der volle Hafer sticht den Hengst. Um seinen Reichthum ging ihm Vieles hin, und die Geschlechter alle, in Berlin und Köln, hielten damals zu den mächtigen Wardenbergern. Auch in den andern Städten war ihr Einfluß nicht gering. Ha, der kecke Gesell hätte des Kaisers Schrift zerrissen, so nicht der von Nauen und Wilkin Reiche auch auf den Tisch sprangen, und sie hinderten ihn und rissen des Pergament ihm aus den Händen.

Was da nun der Eine oder der Andere sagte, der lobte es und der tadelte es, das hörte Keiner mehr; so arg war der Lärm im Ständesaal. Der Rathsschreiber von Berlin schreibt: es hätte ausgesehen, als in einem polnischen Reichstag; der von Köln aber schreibt: alle guten Leute wären zufrieden gewesen, denn es sei ein guter Beschluß durchgegangen.

Wie mans nehmen will. Ein allgemeiner Schluß kam nicht zu Stande. Sie verhandelten in gesonderten Haufen, und da trat Einer zu und da der Andere; auch in den Nebenstüblein besprachen sie sich. Aber die Verordneten von sechszehn Städten, die fürnehmsten in den Marken, die traten im großen Saal zusammen, und verständigten sich, daß sie ein Schreiben aufsetzten an den Kaiser Karl, daß sie treu halten wollten am Hause Anhalt, als der Kaiser selbst es ihnen geboten, und achteten sie eines Kaisers Wort zu hoch, und heilig, als er könne geben und wieder nehmen, als ihm Lust dünke und böse Räthe ihm zuflüsterten. Darum solle er gnädigst sie belassen bei dem Markgrafen Woldemar, den er ihnen als den echten und wahrhaften Fürsten zugewiesen, und wann ihm was geschehe, bei den Fürsten von Anhalt und den Herzögen von Sachsen, als ihren rechten Landesherrn. Und wollten sie mit Gut und Blut für diese stehen gegen männiglich, als es der durchlauchtigste Kaiser nur gut heißen könne und sie um ihre Treue loben. Dem, was die sechszehn Städte schrieben, traten auch Etliche von der Ritterschaft und der Geistlichkeit bei, aber nicht Alle.

Der alte Markgraf hatte derweil, den Arm gestützt im Lehnstuhl, gesessen. In ihm ging Vieles vor. Da er nun herunterstieg, und sie wichen vor ihm ehrerbietig, sprach er nicht in mächtigen Worten, daß er sie zur Treue und zum Beharren auffordere, als sie wohl erwartet; er sah als ein kranker Mann aus, der sich auf einen Ritter stützte, und sein Auge schien auch als eines Fiebernden.

»Ihr wollts! Also sei es. Ihr habt Euch mir verschworen. Komme was Gott fügt, ich daure aus.«

Er hielt die Hand hin den Verordneten der Städte, sie neigten sich und drückten sie an die Lippen. Mancher rauhe Mann fühlte da die Wimpern naß. »Du hältst bei uns aus«, sprach Einer, »so halten wir bei Dir bis an unser Ende.« – »Was thun Schwüre«, sprach ein Anderer, »die Liebe ist mehr.« – Ein Dritter sprach beiseit: »Der Haß auch. Verflucht die Hand, die den Baiern wieder schwört.«

Da sah der Markgraf im Vorübergehen auch den Frankfurter Verordneten. Dem reichte er auch die Hand: »Du bist mir feind und hassest mich nicht. Ich bin Dir nicht feind, Mann. Nimm dies zum Angedenken an den Greis, der Dir gern Freund wäre, gern« – er sprachs mit unterdrückter Stimme – »gern wär er Dir gefolgt. Gott hats gefügt, Gott weiß es besser.«

Der Rathsherr Wins schaute verwundert den Ring an, den ihm der Fürst in die Hand gesteckt, da war der Markgraf fort; hat ihn bewahrt als großen Schatz in seinem Haus, und ist von Kind auf Kindeskind übergegangen.

Im Eckzimmer blieben etliche Herren von der Ritterschaft stehen.

Walter von Sydow sprach: »Der Kaiser ist des Reiches Oberherr.«

»Als lang der Kaiser uns hieß, daß er echt sei, stand ich treu für ihn,« sagte der alte Bardeleben.

»Und wir nicht minder, und thaten recht,« fiel Otto von Buch ein. »Auch wer bei sich an seiner Echtheit zweifelte; denn bei sothanen Dingen, bei so außerordentlichen Fügungen ists nicht an dem Einzelnen zu richten und zu entscheiden. Er muß Dem gehorchen, der die Auctoritas hat. Der nimmt aus sich die Rechenschaft dafür. Er ist das Haupt, wir sind nur die Glieder.«

Achim von Arnim sprach: »Aufrichtig gesagt, ich konnts mir auch nie als möglich denken; aber grad darum gefiels mir.«

»Wenn man nur wüßte, was draus würde!« sagt ein Vierter.

»Unheil an allen Ecken,« antwortete der Buch. »Die Großen ziehn sich raus, und auf uns Kleinen bleibts stecken. Sonder den Kaiser, sonder die Fürsten kann er sich nicht halten. Er verschwindet, als er gekommen ist, und die zuletzt an ihm hingen, können die Zeche bezahlen.«

»Die sechszehn Städte haben sich verschworen für ihn zu stehn, Einer für Alle.«

»Soll die Ritterschaft darum zu Grunde gehn, daß die reichen Krämer der Hafer sticht! Sie fressen und wir hungern; sie sitzen in der Wolle und unsere Felder sind zerstampft.«

»Bei Christi Gnade! wir schwuren ihm doch. Und so wir abfielen von Dem, der wahrhaftig unser Herr ist, wie schälte man uns!« sprach ein Ritter. Da schwiegen die Andern eine Weil und sprachen dann leis mit einander. Die edlen Herren unter sich kamen so wenig zu einem Schluß, als vorhin die Stände. Die Einen rühmten ihn, die Andern tadelten dies und jenes; Grundes findet sich immer. Die rechneten nach, was die von Anhalt noch an Kräften aufbieten möchten, auch was sie dem Lande Gutes gethan, und mehr noch versprochen. Die zählten nach, was der Baier versprochen, an Rechten und Privilegien, und daß er vergessen und vergeben wolle: auch daß er ein Knab gewesen und schlecht berathen, damals, als das große Unglück durch ihn ins Land kam. »Hat ers gelernt, und wird ers nachmalen besser machen?« fragte Einer.

»Items ist böse Zeit, da muß mans abwarten, und nicht vordrängen,« sprach Otto Buch.

Darüber wurden sie ein, daß sie sich ruhig verhielten, bis der Tag zu Nürnberg vorüber wäre.

Zween aber sprachen beim Hinausgehen heimlich: »Das ist schon gut, aber wanns denn doch einmal geschehen muß, ist der ein Narr, der zu spät kommt.«

Da zupfte der Eine den Dechant Bruno zurück, der zugegen war beim Gespräch der Herren: »Vetter!« sagte er ihm leis, »der ist auch ein Narr, der zu früh losschlägt. Wißt Ihr, was der Kaiser will?«

»Ihr hörtet ja, was er öffentlich schreibt. –«

»Daß mans glauben soll. Aber was er im Geheim will, das ließ er nicht durch den Reichsherold ausschreien. Was er schreiben ließ, dazu drängten ihn die Reichsfürsten, er konnte nicht anders. Steht das nicht klar geschrieben im Briefe? Aber was er heimlich wünscht, das sage ich Euch als Vetter heimlich. Der Hader wird noch lange fortdauern, der alte Mann wird noch lange Freunde finden, Leute und Geld; und wenn Ihr den Brand gelöscht meint, wird er immer wieder auflodern, noch Jahre durch, so lange vielleicht, bis der Baier mürbe ist, bis er dem Jemand – ich nenne keinen – von Herzen dankt, der ihm die Mark um einen Spottpreis abkauft. Wer mein Freund ist, dem rathe ich, daß er klug in seine Mauern sich verschließt und der Dinge harrt, die da kommen; denn wer morgen zum Baiern übergeht, und meint, nun sei er im Hafen, der kann übermorgen, wenn der Baier auf dem Lande ist, aufs neue hinaus ins ungewisse Meer.«

< Zehntes Kapitel.
Zwölftes Kapitel. >



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