Frei Lesen: Der falsche Woldemar

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Willibald Alexis

Der falsche Woldemar

Zwölftes Kapitel.

eingestellt: 23.7.2007



Am Geweih zählt der Waidmann die Jahre, die der Hirsch erlebte; an dem Kieferbaum zählt der Förster die Triebe, und weiß, wie lang der Baum stand. Woran zählt der Mensch die Jahre, die über ein Land kommen, und eines war so schlimm als das andere? Die Winde rauschen heut, als vorm Jahr, es regnet und Schnee fällt, und, ists Frühling, sprießen die Kräuter grün wie vordem, der Wald belaubt sich, die Lerchen singen in den Lüften, und die Sonne scheint lustig auf die Creatur, als sie alle Jahr schien. Es ist kein Unterschied.

Wo setzet nun ab der Strom der Zeit seine Maale und Merken und Schichten, daß man seinen Fortgang erkenne? Das Wasser läßt doch Ränder am Ufer zurück, und sie setzen Pfähle hinein, daran seine Höhe geschrieben stehet, zur Kunde und Warnung. Mahnts und erinnert denn nicht die Menschengeschlechter, daß die Jahre rollen, und wir mit? Das weiße Haar, der gebückte Gang, der träge Athem und das kalte Blut, der Boten sind viele, die uns mahnen, daß wir dem Grabe näher kommen als der Wiege. Aber wenn die Leichenglocken läuten, klappert auch der freundliche Storch überm warmen Haus, und wenn die Schaufel die letzte Erde wirft, schreit ein Kind dafür die vier Wände an.

Es sind schon Maale und Merken, aber die sieht man nur aus der Ferne, oft erst wenn Jahrhunderte vergingen. Die im Strome mittreiben, sehen sie nicht, als wir nicht sehen, daß die Erde sich dreht und wir mit, derweil wir meinen, wir stehen fest und die Sterne mit ihrer Sphäre drehen sich um uns.

Ob der junge stattliche Mann, der mit unterschlagenen Armen am Kieferbaume stand, in seinen Knorren und Ansätzen las, wie viele Jahre vergangen waren, seit er eine kleine dünne Pflanze aus dem lockern Boden schoß, und nun wars ein hoher, knorriger Baum, deß Aeste in den Himmel ragten? – Der Baum war alt, er war nur jung. Aber als streng und scharf die Kiefernadeln, so sein Gesicht. Fast bitter warfen sich seine Lippen. Der Nordwind, der ihn anstrich, zog die weiche Haut zusammen; denn er war nicht von hier. Das sah man dem Bau seines Gesichtes an, dem dunkeln Haare, den schwarzen leuchtenden Augen. Im Süden war er geboren, aber auch eine Natur, die dem Norden trotzt, als in der Vorzeit der Sohn Italiens, der Römer, der seine Waffen trug durch das deutsche Land.

Ein Römer war auch er, dort geboren, aber deutschen Blutes. Ludewig von Baiern, den sie den Römer genannt. Der stand auf der Höhe vor dem Dorfe und Schlosse Tempelhof, da wo man hinuntersieht über die beiden Städte Berlin und Köln. Dorthin schaute er unverwandten Blickes.

Die um ihn standen, aber in einer Entfernung, als es Untergebenen ziemt vor einem hohen Herrn, waren, gleich dem Fürsten, in Harnischen, doch minder, als man sie zur Schlacht anthut, als wie zu etwas Festlichem; mit Scherpen, Federn und bunten Panzerröcken von Sammet und mit köstlichem Pelz. Es waren baiersche Herren, die wir schon kennen, als der treue Hauptmann Friedrich von Lochen, Caspar der Törringer. Auch der Köckeritz Minning, Sack und die Andern aus dem Lebuser Lande, die von Alters an den Baiern hingen. Doch Viele auch von den ritterbürtigen Leuten, so wir vordem im Lager des Markgrafen Woldemar gesehen, Alle jetzt nicht mit den Farben und Zeichen von Anhalt, sondern sie trugen der Baiern ihre. Und manche hohe Herren noch, auch Fürsten von gutem deutschen Adel, die mit Ludewig dem Römer ins Land gekommen waren. Und auf einer Seite standen etliche zehn geistliche Ritter, in weißen Mänteln mit rothen Kreuzen, das waren die Johanniter, die ihre Comthurei in Tempelhof hatten, und in ihrem Schlosse, das stattlich dazumal war und wohl befestigt, hatte Ludewig der Römer eine Woche und drüber übernachtet, derweil er aus dem Lager die beiden Städte drängte.

Und so still als er war, hielten sich die Ritter. Sie flüsterten nur unter einander. Des Herrn Sitte geht auf die Diener über. Ist der leicht, so sind sies auch. Ist der streng und ehrbar, sie zwingen sichs zu scheinen. Der Hofhalt um seinen Bruder, Ludewig den Aeltern, war ein andrer, lärmend gings da her, voll Lustigkeit und Spott, und der Herzog lachte mit darein. Er hätte nicht so lang können auf offnem Felde stehn und kein Wort sprechen. Und hätte ihn der Nord angeblasen, als jetzt den jüngern Bruder, er hätte ihm den Rücken gekehrt.

Der Herzog winkte den Comthur der Johanniter zu sich. Das Gebiet, wo er stand, gehörte dazumal noch dem Orden. Auch der Berg, der nach dem Tempelhof heißt, bis weit hinein, wo jetzt Stadt ist, war der Ritter Land; und sie hatten viele Streitigkeiten und Fehden darum mit den Kölnern.

»Wie alt ist der Baum?« fragte der Herzog.

Der Comthur maaß ihn mit dem Aug und sagte es.

»Und wie hoch war er vor fünf Jahren?«

Der Comthur wies dem Fürsten die Ansätze. »Dort so ungefähr.«

»Fünf Jahre so groß und sieben da,« sprach der Fürst. »Also das drüber ist der Wuchs der Schande. Man sollte ihn kappen von da.«

Der Comthur, der merkte, was der Fürst meinte, entgegnete: »Hoher Herr, als Du vergönnst, die Triebkraft geht von unten auf, und hat jeder Jahresschoß in sich einen Zusatz von den fünf Jahren.«

»So wärs denn besser, daß man, zur Ehre des Landes, den ganzen Baum fällte.«

»Da müßtest Du alle Bäume im Lande fällen lassen,« sagte der alte Bardeleben.

»Es wird ja nun nicht mehr lange dauern,« sprach der Comthur beschwichtigend. Ihm war bange bei dem Gespräch.

»Das spracht Ihr vor fünf Jahren auch. Vor vieren, vor drei; noch voriges Jahr.«

»Du hast fünf Städte erobert. Vier der allertrotzigsten unterwarfen sich Deiner Gnade.«

»Und stehe nun hier schon eine Stunde, und warte auf die Verordneten der rebellischen Städte.«

Da fing der Comthur an aus Herzenslust gegen Die von Berlin und Köln zu schmähen, wie sie voll Hochmuth und Stolz wären, und keinem Nachbar das Seine gönnten. Kein guter Christ möge sich mit ihnen vertragen; denn es seien Ketzer allzumal, und geistlichen Herren gönnten sie nicht das liebe Brod.

Ludewig sah ihn scharf an, und der Comthur, der ein gar rothes Gesicht hatte, voller Pickeln, wurde blaß. Er hatte sich überredet im Eifer und vergessen, daß der Herzog auch im Bann war, und die Päpstlichen schalten ihn einen Ketzer.

Otto von Buch trat heran: »Es muß was fürfallen sein in den Mauern. Gebietest Du, mein Herzog und Herr, daß wir einen Ritter ans Thor senden, uns zu erkunden, was an dem Zaudern Schuld ist?«

Der Herzog erwiderte: »Ich kam nicht, um zu bitten, noch zu fragen.«

»S ist unerhört von den Krämern, ihren Herrn so warten zu lassen,« sprach ein Herr von Rochow.

»Du kamst, um zu richten und zu strafen,« sagte der Feldhauptmann von Lochen. »Hätte Dein Bruder das von Anbeginn geachtet, es stünde anders.«

»Mit Nichten!« entgegnete ihm der alte Bardeleben.

Die um ihn verwunderten sich, und seine Freunde erschraken, die eben gesehen, wie strenge der Fürst den Comthur angeschaut. Das hatte er nicht allein darum gethan, daß er vom Banne und Ketzern sprach, sondern weil die geistlichen Ritter vordem am festesten dem Woldemar anhingen. Die zu ihm übergegangen vom Adel und den Städten, er strafte sie nicht, aber er zog sie nicht zu Rathe und sprach wenig mit ihnen. Darum beeiferten sie sich, daß sie ihm dienstwillig erschienen, und sprachen schöne Worte, und waren immer zur Hand jetzt, die allerersten, daß sie seinen Verdacht, um ihrer Untreue willen, ablenkten. Als daher der alte Bardeleben so keck dem Hauptmann widersprach, erschraken sie.

»Mit nichten, mein gnädiger Herzog, und so Gott will, als bald unser gnädiger Markgraf und Kurfürst, wiederholte der Bardeleben. Dies Volk hier zu Lande ist nicht eins, das man mit dem Fuß tritt, und es liegt still. Wer es lenken will, der muß es lernen anfassen, als ihm noth thut. Sonst sträubt es sich und schlägt aus.«

»Blick mich nicht so durchdringend an,« fuhr der Alte fort. »Du siehst in meinem Herzen doch nichts, als was die Lippen sprechen. So locker unser Sandboden, der Baum der Treue schießt doch gar feste Wurzeln, es kommt drauf nur an, als man ihn pflanzt.«

»Heiliger Christ, ich habs gelernt in Eurem Land.«

»Möchtest Dus lernen, Herr, Dein Bruder hats nicht gelernt. Der lockerte am jungen Baum, nicht aus Bosheit und Härte. Als Knaben thun, so die jungen Stämme rütteln im Frühling um die Maikäfer zu schütteln, oder sie klettern hinauf aus Muthwill, um der Vogelnester willen und schädigen den Wuchs in Ewigkeit. So Du nun willst anders thun, als Dein Bruder, was Gott füge, und ich glaube, Du wirst es, thus nicht mit Strenge. Der Baum, der dreißig Jahre lose war, und wuchs, als die Winde ihn trieben, den drückt Keiner, auch mit einem eisernen Arm, daß er grade wächst.«

»Ritter Bardeleben, ziemt die Sprach dem Edelmann vor seinem Fürsten?«

»Ich meins, durchlauchtigster Herzog, so es ein Edelmann ist. Der wankt nicht als ein Rohr, wie der Fürst athmet. Der soll aufrecht stehn, und zum Herrn sprechen unverzagt, wos dem Lande noth thut, nur der Geringere wagts nicht.«

»Zucht thut diesem Lande noth, rechter Gehorsam gegen seinen Fürsten.«

»Gewiß, Herr! Fehlt auch nicht der rechte Gehorsam den Märkern, so nur die Fürsten recht gebieten. Bei allen Völkern thun vor Allem Noth Männer, so treu und unerschrocken vor ihren Fürsten sprechen, was das Volk leidet, denkt und wünscht. Denn ohne die, wie soll ers hören; ist doch sein Ohr nur eines Menschen Ohr, und die um ihn, singen ihm lieber lustige Liedlein, daß er bei guter Laune bleibe. Das frommt so ihnen, das Land kümmert sie nicht. So wars bei Deinem Bruder, der hatte schlechte Räthe.«

Der von Lochen stampfte das Schwert in die Scheide, und warf dem Bardeleben Blicke zu, als der Lindwurm Sanct Görgen: »Dankt Gott, daß Ihr ein alter Mann seid. Eure Weisheit ging in den Bart.«

»Du warst von den Bösen nicht, aber von den Guten warst Du auch keiner,« entgegnete ihm hitzig der Bardeleben.

»Was ich war, war ich ganz.«

»Ein Voigt Deines Herrn, aber kein Hauptmann des Landes. Ein guter Zöllner warst Du, ein Seckelmeister und Aufpasser, wos Noth thut; aber die Noth hast Du nicht gesucht, sondern nur die vollen Beutel. Dank hast Du Dir verdient, nur nicht vom Volke. Solche Voigte als Du haben Deinen Herrn aus dem Lande getrieben.«

Die Andern warfen sich drein, denn dem Lochen schwollen schon die Adern, und wie alle hitzige Leute sind, in dem Bardeleben kochte es auf.

»Hans Bardeleben!« sprach der Herzog und sah ihn scharf an. »Deine Stimme klang laut bei den Steinhäusern, als Du die hellen Haufen der Empörer gegen meinen Bruder triebst. War dazumal bei Landshut im Baierreiche und habe Deine Stimme doch gehört. Mich dünkt, itzt solltest Dus Andern überlassen, ihrem Fürsten die Wahrheit sagen. Verstehst Du! Solchen, die nie einen Fingerbreit von der Treue wichen.«

Da der alte Ritter antworten wollte, winkte ihm der Herzog: »Du hast einen Rostfleck auf dem Harnisch, Alter. Laß Deine Knappen ihn weg putzen, dann rede weiter.«

Vielen that es um den alten Mann leid. Er war von besonderer Art, und wollte immer gern klüger sein, als die Andern; aber er war von gutem Schrot und Korn, und freundlichen Sinnes. Der Herzog, meinten sie, habe ihn schwer gekränkt.

Aber der Bardeleben verfärbte sich nicht. Er sah auf den Flecken: »Meinst Du diesen, mein gnädiger Herzog? – Den laß ich nicht wegputzen noch feilen. S ist noch ein Blutfleck von den Steinhäusern her. – Schaust Du mich verwundert an, ob meiner Dreistigkeit, so sag ich Dir, das war ein Ehrentag für den alten Bardeleben, denn ich warf mich vor meinen Herrn, den alten Markgrafen, als Deines Bruders Reiter im letzten Ringen uns wollten überreiten. Schlug sie zurück, hab ihn gerettet, da spritzte edel Blut auf den Panzer. Deß hab ich keiner Reue, noch daß ich aushielt, treu auf seiner Seite. Denn bis dahin hatte ihn Land und Volk für den rechten Mann erkannt, und ich, vergönns, bin nicht baiersch, ich bin vom Land und Volk. Bin ein Theil von ihm, sein Blut ist meins, seine Sprache meine, sein Denken, Thun, sein Lieben und Hoffen. Wir Alle haßten Deines Bruders Regiment und liebten den Alten. Deß schäm ich mich nimmer. Wills vor jenem Tag, vor jenem Richter verantworten, und nicht schweigen thu ich, denn ich that recht.«

»Heilloser Rebell!« rief der Törringer.

»Trotzt noch auf seinen Verrath!« ein anderer Baier.

Der Herzog winkte ihm schweigen: »Noch, Ihr Herren, bin ich nur des Markgrafen Bruder. Um deswillen sei ihm der Trotz vergeben. Sprich, was brachte Dich denn vor fünf Jahren zur bessern Einsicht, daß er ein Betrüger ist?«

»Die Einsicht, hoher Herr, hab ich noch heut nicht. Aber zum Gehorsam gegen Euch brachte mich des Kaisers und des Reiches Spruch.«

»Des Kaisers!« rief Ludewig und seine Lippe warf sich höhnisch.

»Des Kaisers. Sonder seinen Spruch zu Nürnberg wär das Havelland Dir verschlossen blieben, und hättest uns Ritter alle, Mann für Mann, eine Mauer wider Dich.«

Da trat Ludewig einen Schritt auf ihn zu, mehr spöttisch als zornig blickte er ihn an. »Und wenn der Kaiser morgen ausschreien läßt, Ihr sollt doch an den Betrüger glauben, dann glaubst Du wieder. Jetzt weiß ich doch, warum dem Böhmen dies Land so viel galt. Mit allen seinen Ränken und seinem Gold könnte er in der Welt nicht so viel Glauben kaufen, als sie ihm hier auf sein Wort schenken.«

Unterweilen hatte man Staub aufsteigen sehen in der Niederung und es ward lebendig. Drommeten spielten und Pauker; und deutlich sahe man jetzt aus dem Thore von Köln kommen einen langen Zug Menschen, zu Roß und zu Fuß. – Die Ritter reckten die Hälse, und Friedrich von Lochen, der scharf hinsah, schüttelte den Kopf:

»Gnädiger Herr, ich rathe, daß wir uns fürsehen.«

Sie sahen ihn groß an: »Was solls?«

»Das sind ihrer zu viel, zum Schlüssel bringen.«

»Desto besser,« entgegnete ein Anderer, »so Jeder auch den zu seinem Haus bringt.«

»Da, die Fahnen der Geschlechter,« fuhr der Hauptmann fort. »So ziehen sie aus ins Treffen.«

Ludewig richtete sich auf: »Ihre Boten gestern –«

»Versprachen Unterwerfung,« fiel der von Lochen ein. »Wissen wir, was über Nacht drinnen vorging! Die Wächter haben viel Lärmen gehört. Diesen Bürgern ist nicht zu trauen. So über Nacht schaarten sie sich damals zusammen und erschlugen den Abt von Bernow. Am Abend vorher wars Friede, wie um Weihnachten!«

Der Herzog schaute finster vor sich und sah dann die Ritter einzeln an, als wolle er ihre Meinung lesen.

»Hätts mir der Kaiser verheißen, daß er morgen die Städte übergebe, da könnte ich heute Sturmleitern rüsten, aber diesen Bürgern möcht ich trauen!«

»Dreimal Thoren!« rief Conrad Winning, »so sies wagten auf offenem Felde wider uns ausrücken.«

»Wünsche, sie wärens,« sagte der Töringer.

»Warum?«

»Weils besser ist, mein ich, mit Schlägen durch ein Thor zu brechen, als mit Redensarten durchkriechen.«

»Was sagst Du?« wandte sich der Herzog an den Bardeleben.

»War ihnen nimmer Freund.«

»Darum frage ich Dich.«

»Herr, da sie am alten Woldemar hielten, wankten sie nicht, selbst um des Kaisers Wort. So sie Dir aber gestern Treue versprochen, dann magst Du heute drauf bauen.«

Da gebot der Herzog mit lauter Stimme, daß die Reiterschaaren, die auf des Hauptmanns Wink schon ausrückten, wieder kehrt machten, und setzte sich selbst auf einen Feldstuhl: »Ihr hört, der Bardeleben bürgt für sie. Mißtraun zeigen entehrt den Sieger.«

Mit großem Gepränge kamen sie den Berg herauf; aber Wenige nur in voller Rüstung, als man zur Schlacht zieht. Nur als ein Mächtiger, der sich unterwirft, und er will doch sehen lassen, was es auf sich hat, daß er das Knie beugt, darum solle ihn der Andere nicht zu lange liegen lassen. Um deswillen kleidet er sich wohl in Sammet und Purpur und hängt sich schwere güldene Ketten um den Hals, und reitet auf seinem besten Pferde, und hinter ihm die reich gekleideten Diener, so viel er aufbringen mag.

»Als unser Herrgott will, und sein Auge sieht auf die Länder und Völker, also geschieht es, und um kein Haarbreit anders.« So hub der Bürgermeister von Berlin an, da er sich auf ein Knie niedergelassen, und die beiden Rathsherren neben ihm knieten auch, der eine mit den Schlüsseln von Köln, der andere mit denen von Berlin. – »Er hats gefügt, daß Du Sieger bliebst, also unterwerfen wir uns seinem heiligen Willen.«

»Und überreichen Dir,« fuhr der Rathsherr fort, »in Ehrfurcht und Gehorsam die Schlüssel dieser Städte.«

Darauf schwiegen sie, und Alle schwiegen auch. Der Herzog sprang auf.

»Habt Ihr nichts mehr zu sagen?«

»Was gebietet unser Ueberwältiger?« sprach Peter Rode, der Bürgermeister war.

Etliche traten um den Herzog, der zornig den Rathsherren den Rücken gewandt. Sie redeten ihm zu, daß er ihnen gnädig sei, auch die baierschen Herren. Denn, so er sie im Zorn abweise, möchte ihr Trotz erwachen, und es sei noch viel Kraft hinter den Mauern: er zwinge sie nicht durch Sturm oder Hungersnoth. Ein böses Beispiel müsse es den Andern geben; wogegen, wenn die großen Städte Berlin und Köln, sich in Güte unterwürfen, die andern kleinen nicht mehr zu widerstehen wagten.

Die Herren winkten den Abgeordneten, daß sie aufständen, als käme es vom Herzog. Friedrich von Lochen aber musterte sie grimmig, und sprach ihnen leis zu: »An Euch ists, daß Ihr seinen Zorn abwendet, nicht, daß Ihr Oel ins Feuer gießt.«

Auch der Bardeleben trat heran: »Lieben Herren, ein Feind spricht aufrichtig. Euch vor Allen ist er erzürnt, darum, daß Ihr die Baierwappen verbranntet. Wenn Ihr nicht Muth habt, hinter Euren Mauern ihm zu trotzen, so zeigt Muth, daß Ihr Euch in Wahrheit ihm unterwerft.«

»Ihr ließet Euren Herzog lange warten!« wandte sich Ludewig zu ihnen. Er hatte seinen Zorn bemeistert.

»Du giebst uns die Rede frei,« hub Peter Rode an, »und wenn Du ein rechter Herr bist, willst Du, daß wir recht von Herzen reden. Unser Herz war bei dem alten Fürsten. Zweenhundert Jahre hatten sie regiert; waren mit uns eins worden, in Sprache, Sitte, Liebe. Die dauerte auch über das Grab hinaus. Willst Dus schelten, Herr Herzog? So Du solche Liebe in Deinem Baiern hast, und der Kaiser setzte ein fremd Geschlecht ins Regiment, wolltest Dus schelten, so Deine Baiern das Alte mit dem Neuen verglichen? Da mißhagt uns immer das Neue, so das Alte gut war. Wolltest Dus schelten, so sie zur Gruft des alten Geschlechtes pilgerten, und am Eisengitter ihren Seufzern Luft machten? Und so ein Gewitterschlag das Thor sprengte, und Einer träte vor, von Gesicht und Wesen, als der alte Fürst, und spräche: Ich bins, meine lieben Baiern, wolltest Du schelten, wenn sie glauben, die da liebten und hofften?«

»Fünf Jahre sinds, daß Ihr des Kaisers Gebot trotzt, der Euch die Wahrheit sagen ließ.«

»Kann ein Kaiser gebieten, daß wir nicht lieben?«

»Aber daß Ihr gehorsamet.«

»Des Kaisers Wort in Ehren; aber die Treue ist schöner. Vor allem die Treue, die ein Mann sich selbst schuldig ist.«

Ludewig warf einen Seitenblick auf den alten Bardeleben: »Die hat der Kaiser nicht umgestimmt.«

»Nein, Herr,« fuhr Peter Rode fort. »Gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist, aber Gott, was Gottes ist. Seine Briefe haben uns nicht erschüttert, noch zittern wir vor Deinen Reisigen und Sturmböcken. Denn einige hast Du überwunden und andere nicht. Mit Gott, sollten auch unsere Mauern Dir widerstehen.«

»Und nun ist Gott nicht mit Euch,« fiel rasch der Herzog ein, und Friedrich von Lochen lachte höhnisch auf:

»Weil wir den Krämern die Straße verlegten. Der Gott der Kaufleute geht mit dem Winde. Nun fordern sie gar wohl, wir sollen ihnen um den Hals fallen, daß sie sich doch noch besonnen haben.«

Peter Rode senkte den Kopf. Tile von Brugge, der Schultheiß und Münzmeister, erhob seinen: »Wir haben triftigen Grund, warum wir itzt von dem Woldemar abfallen; dieweil wir nämlich erkannt haben –«

»An dem ist das Wort!« wies ihn Ludewig ab. »Woher kam die späte Erkenntniß?«

»Lieber sagt ichs nicht,« sprach Peter Rode. »Was frommts Dir, zu wissen, warum wir ihm das Thor wiesen. Dir öffneten wir es ja, und wollen Dir treu und gewärtig sein –«

»Unter den Bedingungen,« fiel Tile Brugge ein, »die in der Handfeste verzeichnet sind.«

»Sprich!« sagte der Herzog, der dem Schultheißen keinen Blick gönnte.

Man sah, wie schwer es dem Peter Rode ward:

»Herr, so Du Einen lieb gehabt, hörst Du gern, daß sie ihm Böses nachreden?«

»Wen der Richter aufruft, muß sprechen.«

»Nun so wisse, er ist ein anderer worden. Der bei uns einzog, dem hätten wir nicht geboten, daß er unsere Stadt meide. Wir hätten ihn geschirmt, und hätte es unser Gut und Blut gekostet. Aber er ist verwandelt. Daß ichs sage, er ist in der Verhexung.«

Die Ritter schauten verwundert; nur Ludewig warf verächtlich die Lippen.

»Seit wann erwachtet Ihr aus Eurer Verhexung?«

»Nicht, als Du meinst, durchlauchtigster Herzog, ist es. Der Mann, der so klaren Sinnes und hohen Verstandes war, daß die Gescheitesten vor ihm zu Schanden wurden, ist, so hats den Anschein, an sich selber zu Schanden worden. Da schon wolltens Einige bemerkt haben, als ihn vor fünf Jahren auf dem Landtage der Kaiserbote gen Nürnberg lud, daß er irre redete von seiner großen Kraft, und fast gottlästerlich, daß er sich überhob. Aber wir rechteten nicht, denn wir achteten des Greises Worte, und was der Siebenziger that in der großen Drangsal, kein Jüngerer hätte es ihm nachgethan. Gott sieht in das Herz der Creatur, wir nicht. Sei es nun, daß zu großes Lob, als Einige meinen, ihn irrte, seis, daß alles ihm zutraf, als er sagte, und es ließ ihn irren an sich selber. Er, der immer freundlich gewesen, war auffahrend, herrschsüchtig, fast tobte er, so nur Kleines nicht geschah, als ers geheißen. Sonst milde im Urtel und begütigend, stampfte er, wo Einer ihm widersprach, sein Schwert auf, und schüttelte den Kopf, als wär er nicht ein Mensch, der irren kann. Wen wir lieben, von dem ertragen wir viel, wenn auch mit Unrecht. Er hatte uns viel geschenkt und Vieles klug geordnet in der Stadt Haushalt, aber nun wollte er sich in alles mischen, alles allein ordnen. Grad seit ihn seine Feinde so hart drängen, und die Sorge des Regiments wird mit jedem Monat kleiner, seitdem wächst von Tag zu Tag sein Eigensinn in kleinen Dingen. Da ließ er bei Nachtzeit oder vor Morgengrauen die Räthe rufen, und stellte sie zur Rede, und schalt sie, um dies und jenes. Sagte ihm Einer: das sei nicht des Fürsten Sorge, sondern der Stadt ihre, so fuhr er auf: So er nicht sorge, so sorge Keiner! Stellten wir ihm aber für, was Berlin und Köln für ihn gethan, schlug er sich auf die Brust: »»Habt Ihr etwas für mich gethan?«« – Herr, entgegnete ich, unsere Liebe für Dich ist größer noch als unsere Thaten. Da rief er mit einem erschrecklichen Blick: »»Meine Liebe ist als der Ocean, und Eure ist als ein Tropfen darin.«« Da ward es uns denn klar, daß der Greis irrsinnig worden.«

Der Herzog hatte mit verächtlicher Miene hingehört.

»Sehr möglich doch, gnädiger Herr,« sagte der Comthur, »daß die Zauberkraft nur auf gewisse Jahre ausreichte. Ist sie vorüber, welkt und schwindet die Creatur hin, als wie ein Säufer, wenn er aus dem Rausch erwachte; ist ein erbärmlich hinfällig Wesen dann.«

»So mag wohl auch aus Schmerz ein starker Mann am Verstande leiden,« fuhr Peter Rode fort, »wenn Alles von ihm abfällt, und er fühlt, daß es mit ihm zum Ende geht. Ach, mein gnädiger Herzog, so Ihr ihn da gesehen, beim Auszug aus dem Thor, und wärt Ihr sein Todfeind, eine Thräne hätts Euch doch gekostet.«

Tile Brugge ließ sich nun nicht mehr halten: »Und das ist es, gnädigster Herr, weshalb wir in unserer Schuldigkeit uns verspätet. Statt gestern, als gedingt war, mit seinen Rittern Berlin zu verlassen, that es Noth, daß wir ihn heut morgen aus dem Thor brachten.«

»Widersetzte er sich?« frug der Bardeleben.

»Die Thorheit läßt sich nicht wiedersagen. Seine Wagen standen schon gerüstet und seine Rosse gesattelt, als grad das Volk, da es nun frei sich meinte, die Jüdengasse stürmte.«

»Hielt es der Mann in Zucht, ich meine, wider die Juden?« unterbrach ihn der Herzog.

»Freilich, das ist ja seine Thorheit, aber zu unserem und Deinem Glück. Das Volk hielt, ich meine die Zünfte, an ihm als Kletten und überschrieen uns jederzeit. Sie sind die Schuldigen, daß Berlin des Kaisers Gebot so lange trotzte. Wir, von den Geschlechtern, hätten uns längst mit Dir in Güte verständigt.«

»Straf den Schultheiß Lügen,« unterbrach ihn wieder der Herzog, zu Peter Rode gewandt. » Ihr Rathleute von Berlin und Köln, Ihr, nicht das Volk, hieltet zum Betrüger und machtet ihn stark«

Des Bürgermeisters Blick sagte: Ja!

»Aber das Volk ist itzt allerwärts schwierig wider die Juden, als Dir bekannt ist,« fuhr Tile rasch fort, »weil diese Hebräer, gemästet auf ihrem Reichthum, nicht wissen vor Uebermuth, was thun. Es sind noch schwere Anklagen wider sie da, das weiß Gott; und ein christlicher, wahrhafter Regent sollte das untersuchen, und die Juden strafen, nicht sie in Schutz nehmen.«

»Mein Bruder Ludewig hats gethan,« herrschte der Herzog stolz ihn an. »Er nannte sie seine lieben Kammerknechte.«

»Damals Herr, aber was haben sie seitdem in unsern Marken gesündigt, durch unrechten Wucher, unsere Reichsten arm gemacht. Es ist nur ein Schrei durchs ganze Land wider sie. Das Volk knirscht mit den Zähnen, wo es einen Judenbart sieht. Die Obrigkeit ist wahnsinnig, so sie jetzt in Schutz nehmen will. Das that Woldemar, wo er konnte, und dadurch hatte er die Bürger wider sich aufgebracht, dadurch seinen Arm gelähmt, dadurch hast Du gesiegt.«

Ludewig der Römer wandte sich mit einem bittern Lächeln zu seinem Hauptmann: »Hörst Du, Friedrich, wem wir unsre schönsten Siege verdanken! Wir meinten unsrer Tapferkeit, und es waren die Juden!«

»Genug, durchlauchtiger Herr, gestern bei Sonnenuntergang, als wir vermeinten, sein Abzug werde in Friede vor sich gehen, entstand wider Erwarten ein Aufruhr in der Jüdengasse. Die Weinschröter und Knochenhauer trieben unschuldig Kurzweil, zausten einige Hebräer an den Barten; der junge Tile Wardenberg, ein rasches Blut, war drunter, der jagte unter den Judenmädchen, man sagte nach Einer, dies ihm angethan. Da sprang die thörichte Dirne zum Fenster hinaus. Das Volk schrie Zeter und Wehe, Mord und Blut. Es hagelte Schläge, Steine. Die Metzger schlugen nun los. Aber mit einem Bischen Plünderung und einem paar Todten wäre es noch abgegangen, so nicht der Markgraf – ich sage, der Alte – vom Thore aus umkehrte auf das Geschrei, und mit seinen Rittern in die Jüdengasse sprengte. Kaum wars zu glauben, hätten wir nicht des Thörigen noch mehr erlebt: der selbst ein Flüchtling war, wollte das Volk abbringen, ja, er strafte es mit giftiger, zorniger Rede. Anfangs, als sie ihn so aufgebracht sahen, erschracken sie und wichen. Denn, es wagt dem Alten Niemand ins Antlitz zu widersprechen. Als sie aber das todte Judenmädchen fortschleppten, und die Alten, Weiber und Männer, ein entsetzlich Geheul erhuben, und um Rache schrien, schwoll ihm die Zornesader. Hob drohend den Arm und sprach Dinge, die man nicht glauben sollte. Drauf ließ er den jungen Tile Wardenberg von seinen Leuten greifen, und forderte vom Rath, daß wir ihn straften.«

»Und Ihr habt ihn gestraft?«

Verwundert sah der Sprecher den Herzog an.

»Durchlauchtiger Herr, als ich sagte, es war eine Judendirne. Zum Fenster naus war sie gesprungen. – Die Wardenberg, mir grad nicht freund, sind das mächtigste Geschlecht im alten Berlin. – Sieben von seiner Sippe sitzen im Rath.

»Und da beruhigte sich der Mann, und zog friedlich aus dem Thor?«

»Nein, Herr Herzog, als ein Rasender! – Im Rathhause selbst erschien er, sprach und redete, ja ich kann sagen, er tobte. Daß wir den Tile verstrickten und richteten. Da sie die Köpfe schüttelten, beschwor er bei unsrer Seelen Seligkeit, beim Andenken an die alten Fürsten, bei ihm selber, und was er uns Gutes gethan, bei der Stadt Gerechtigkeit und unsrer Kinder Wohl, daß wir gerecht wären gegen Jedermann auf gleiche Art. »Jeder nach seinem Stand, und als es Herkommen ist,« antwortete Andreas Rathenow. Da hob er die Arme und schrie: »das sei ungerecht. Es sei auf Erden nur ein Recht, das komme vom Himmel.«.Wer noch nicht wußte, wies um ihn stand, der erfuhr es nun, da er für die Juden redete, als wären es Menschen wie wir, Waisenknaben christlicher Eltern, deren wir uns annehmen müßten, und nicht die verruchten Kinder der verruchten Eltern, die unsern Heiland ans Kreuz schlugen. Da schauerte sie Alle, als wenn der böse Geist Menschengestalt angenommen, und redete mit Engelszungen und wollte uns verführen. Einer schlich um den Andern weg, und ich ließ ihn mahnen durch den Rathsschreiber, daß er von dannen gehe.«

»Ich war nicht dabei,« fuhr nach einer Pause Peter Rode fort. »Auf der Brücke hinter einem Pfeiler sah ich ihn ausreiten. Da blieb er eine Weile halten und schaute sich die Stadt noch einmal an, darin er sieben Jahr das Regiment geführt, und weise Gesetze gegeben. Die Morgensonne schien gerade auf die Thürme Unsrer Lieben Frauen und Sanct Nicolas. Da schlug er plötzlich, als ein Besessener das Kreuz auf die Brust, und dem alten Mann stürzten die hellen Thränen ins Gesicht. Dann riß er das Pferd um und gab ihm die Sporen. S war wohl traurig. Kein einziger von seinen vielen Freunden hier folgte ihm.«

Auf dem Hofe zum Tempelhof söhnte sich Ludewig mit den Städten Berlin und Köln aus, wegen ihres »Zusammenhaltens mit dem falschen Woldemar,« und ertheilte ihnen Verzeihung, und ließ ihnen eine Urkunde darüber aufsetzen. Doch zog er noch nicht in die Stadt ein, das geschah erst später, noch zeigte er ein gnädig Angesicht den Abgeordneten. Er entließ sie stumm als ein erzürnter Gebieter.

Aber nachmals versprach er ihnen doch alles, was gebeten, verzieh ihnen alle Uebertretungen, daß er sie nicht versetzen, noch verpfänden wolle, »noch vom Lande sondern,« auch keinen von denen, die Güter haben, verweisen; ja er vernichtete, was er früher verordnet, bestätigte ihre älteren Privilegien, erließ ihnen die Landemien, wenn ihre Lehngüter in andere Hand übergegangen und versprach alle Schulden, die sein Bruder Ludewig und dessen Hofgesinde gemacht, zu tilgen. Auch zwang er sie nicht, als er im Zorn bei den kleinen Städten gethan, daß sie das Thor zumauern mußten, dadurch der falsche Markgraf in die Stadt eingegangen war.

In seinem Zelte hatte zum Herzog so der alte Bardeleben gesprochen: »Mit eiserner Hand, gnädigster Herr, zwingest Du die Märker nimmer. Du magst mit Sturmleitern ihre Mauern erobern; so Du nicht ihr Herz gewonnen, bist Du nicht ihr Herr. Gerechtigkeit ist gut, die ist der Grundpfeiler eines Hauses; aber ist nichts andres drin, bleibts ein unwohnlich Haus. Man wird nicht heimisch und sehnt sich hinaus. Die Brandenburger sind leicht gewonnen, so Einer es versteht. Er muß ihr Vater sein, aber Einer, der nicht immer straft, und Alles will besser wissen, und keinen andern Sinn duldet, als seinen. Muß bisweilen auch mit ihnen spielen, nachsehen ihren Schwächen, seis auch einmal mit sich spielen lassen; es sind gute Kinder, sie gehen nicht übers Maaß. Der alte Mann verstand es, weiß Gott, wer er ist, woher ers hat, aber ein brandenburgisch Herz hatte er und kannte sein Volk. Du stündest nicht hier, trotz Kaiser und Reich, so er blieben wäre, was er war. Nicht Deine Gerechtigkeit, nicht Deine siegreichen Waffen, nicht die Fürsten und Völker, so Dir zu Hülfe ziehn, der Teufel in ihm hat ihn geschlagen. Berlin und Köln hast Du nun, und Deine Sturmböcke werden noch manche Mauer brechen; aber er kann den Teufel abschütteln, das ist der Hochmuth, er kann Dir noch furchtbar werden. – Die von Dessau und Sachsen, wenn nicht offen, so stützen sie ihn im Geheim; noch Jahre lang magst Du kämpfen mit der Märker Zähheit und Ausdauer. Das arme Land, von Pestilenz heimgesucht, von innerer Zwietracht, träumend von Judenblut, zu einer Wüstenei kannst Dus machen um Dein Recht. Erbarme Dich lieber seiner, überwinde Dich, bändige den Sturmwind Deiner Rache und lasse den Sonnenschein der Gnade das zerrissene, wunde Volk erwarmen. Dann bist Du sein Herr.«

Ludewig gab ihm stumm die Hand und wandte sich ab. Bei sich sprach er: »Mein muß es werden, und ich will ein guter Herr sein.«

< Eilftes Kapitel.
Dreizehntes Kapitel. >



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