Frei Lesen: Der falsche Woldemar

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Willibald Alexis

Der falsche Woldemar

Neuntes Kapitel.

eingestellt: 23.7.2007



Das war ein harter Kampf gewesen in der Grube. Die ältesten unter den Stellmeisern entsannen sich nicht, daß Zween so erbittert auf einander losschlugen. Jeder Schlag sauste und traf. Das war ein banges Zuschauen; wie hielten sie den Athem an, wie schöpften sie Luft aus tiefer Brust, wann die unten stille hielten, an die kühle Erdwand gelehnt, um zu verschnaufen, und sie wischten den Schweiß und das Blut ab. Sonst jauchzt die Menge, je wie Einer Partei nimmt für Den oder Jenen; das war hier nicht. Es war eine gar bange, scharfe Erwartung.

Und nun war der Kampf längst zu Ende, die Sonne zur Rüste gegangen, das Abendroth blinkte nur noch durch die fernen Kieferbüsche und die Mondensichel ward heller am dunklen Himmel. Auf dem Platz, wo die Räuber versammelt gestanden, und die Beiden ihre Kräfte maßen, war es tief still. Von Allem, was vorhin da war, war nichts mehr als die Tritte im Sande. Aber in der Grube sah man Blut auf dem zertretenen, aufgerissenen Boden, die steilen Wände waren zur Seiten herabgerissen, und inmitten der Grube war ein länglicher Hügel, der mußte erst seit Mittag aufgeschüttet sein und war dürftig mit Rasen belegt. Es ging eine milde Luft und bewegte die Halme der Gräser und die Wipfel der Kiefern. Die Raben krächzten, und als jetzt der Mond heller zu leuchten begann, kreisten Raubvögel in den höhern Lüften. Sie witterten Atzung. Nur ein einsamer Pilger stand an der Grube und faltete im stillen Gebete die Hände über seinem Stabe; alsdann ging er langsam weiter. Aber wir folgen nicht ihm, vielmehr den Fußtritten im Dickicht, durch das die Räuber sich Bahn machten. Sie mußten sich zerstreut haben; Spuren ihrer Tritte sah man allerwegen hin. Nur dort auf der feuchten Wiese, wo ein Fußpfad unter dem dicken Gestripp sich hervorwindet, und der Thau lag auf dem Grase, war der Pfad breiter. Hier waren ihrer Viele mit einander gezogen, und nicht mit leichten Füßen, sie hatten oft angehalten und ausgeruht, als trügen sie schwere Lasten. So etwas sieht ein geübt Auge leicht, und wären ihnen Feinde auf den Hacken gewesen, die hätten sie hier gut ereilt.

Wohl mehrere Stunden weit von dem Mordfleck entfernt, wo der Wald sich wieder öffnet, hielten Einige an. Es war sichtlich, daß sie den Schatten der Bäume nutzten, um nicht von jedem Auge sogleich entdeckt zu werden. Der Wald zog sich um einen Sumpf voller Schilf, und der Sumpf, der sich nach links und rechts dehnte, ward dort zum hellen See, den das Abendroth anhauchte. Ueber dem See aber, gar nicht entfernt, schauten Dächer aus dem Dickicht vor, und Thürme und Mauern. Und wer es wußte, konnte trocknen Fußes über den See bis an die Mauern durch das Schilf sich winden. Aber einem Unkundigen hätte ichs nicht gerathen, daß er den verborgenen Weg suchte. Die Herrschaft im Schlosse selbst nutzte ihn wohl, aber nicht öffentlich. Es hat wohl Gründe, weshalb Einer aus seinem Hause spät hinausgehen mag, und will nicht, daß Andere es wissen und auch thun.

An der Stelle zu Ausgang des Waldes, und das Erdreich senkte sich nach dem Sumpfe zu, dort also lagerten Etliche von den Räubern und es hatte den Anschein, als warteten sie auf eine Botschaft. Denn sie standen, mit untergeschlagenen Armen an die dicksten Baumstämme gelehnt, daß deren Schatten ihren eigenen verberge. Unter einen Baum hatten sie eine Trage niedergestellt. Von frischen Kieferbüschen war sie geflochten, roh als der Wald sie gab, und darauf lag mit Tüchern und Laubzweigen zugedeckt ein Mann mit blassen Wangen und geschlossenen Augen. Mochte man meinen, er sei schon ein Todter.

Vier oder sechs hatten umsichtig den Wunden durch den Wald getragen. Einer von ihnen saß zu Füßen der Bahre, und hatte ängstlich auf den Mann hingeschaut; aber seine Miene ward heiterer, da er ihn am Handgelenk faßte und das Blut wieder ruhiger pulsen fühlte.

Da schlug der Wunde die Augen auf und schloß sie wieder, das Abendroth blendete ihn: »Wo bin ich?« sprach er.

»So Gott will, bald in Sicherheit.« antwortete der Andre.

Nun schwieg er eine Weile, als müsse er das Gedächtniß sammeln, es ward ihm aber schwer. Da fingen zween Nachtigallen an im Baume zu schlagen: »Ach, Du bist es,« rief er und schaute Woldemars freudiges Gesicht. »Wo bleibst Du so lang? Du legtest Dich doch auch unter dem Baum nieder.«

»Das war gestern, Bruder, und seitdem sind zwanzig Stunden und mehr verstrichen – Stunden, die wiegen wohl viel tausend auf,« setzte er hinzu.

Der auf der Bahre sann den Worten nach, und seine Augen fingen an zu glänzen: »Ich kämpfte – ja ich kämpfte. Mit Dir doch nicht?«

»Nein, für mich strittest Du, Heinrich. Um meine Ehre setztest Du Dein Leben dran. Du hast gesiegt für mich. Mein Leben und meine Ehre danke ich Dir – o wenn Du nur nicht Dein Leben daran gesetzt.«

»Mein Leben!« der Gesell sah ihn verwundert an, und immer deutlicher trat ihm zu Sinn, was geschehen, und er hatte es in der Betäubung vergessen. Da hob er die Hand, und hatte deß Kraft, und fuhr sich über die Stirn. – »Mein Leben, Woldemar! Mein Leben, das fängt doch erst an!«

»Ach lieber Heinrich, halte Dich ruhig,« sprach Woldemar besorgt. »Denn nun steigen die Nebel aus den Sümpfen und die Luft wird giftig, zumal Wunden. Drum laß mich Dich wieder in die Decken hüllen. Es soll nicht lange währen, so wirst Du, als Gott will, heimliche Unterkunft finden, drüben in den Gebäuden.«

»Wunden!« rief Heinrich. »Ich schlug gute Wunden, nicht wahr?«

»Auf den Tod, Heinrich.«

»So? – Das eben sah ich nicht mehr. Da flimmerte es mir schon vor den Augen. Es wankte Einer nach dem letzten Streich, das weiß ich noch; aber ob er wankte, oder ich –«

»Er stürzte, aber darauf schwanktest Du auch, und fielst um erschöpft. Er ist begraben.«

»Ja, er ist todt, der wüste Gesell,« rief Heinrich. »Ihr habt ihn nicht tief genug verscharrt. Sie wühlens auf, die Wölfe.«

Das, sah man, sprach er aus dem Wundfieber; denn er hatte als leblos gelegen, da sie den Räuber einscharrten, und ihn hatten sie mit Mühe über die Brüstung der Grube hinaufgeschafft; er hatte kein Glied geregt.

»Heinrich, lieber Heinrich, Deine Wunden!«

»Ich ward ja nicht wund!« rief er plötzlich und richtete sich auf. »Das sind nur Schrammen. Sein Blut ist das, nicht meins.«

Und so wars. Ein alter Mann von den Genossen, der hinzutrat, bestätigte es. Der junge Bursch, so beherzt als flink, habe so gut abgewehrt und ausgewichen, daß ihn nie die Schwere eines Streiches traf. Er aber lief unzählige Mal den Goliath an, und wenn er ihn auch nicht jedes Mal ans Herz traf, doch ging es tief ins Fleisch. Und da entsann sich Heinrich selber des ganzen Kampfes wie er gewesen, hell und herrlich, und erzählte es wieder, wie auch Woldemar ihn bat, daß er schweigen möge. Und so lange sprach er, bis die hellen Bilder ihm unklar wurden, und die Augen umirrten. Die Nachtigall hatte längst aufgehört zu schlagen; dafür sangen die Unken aus dem Sumpfe. Das Abendroth war verglüht; dafür stand der Mond am Himmel, aber ein Hof wölbte sich um ihn, und wo sein Strahl zur Erde wollte, konnte er nicht durch den Nebel dringen, welcher aus Moor und Rasen, aus Wasser und Wiese vorquoll. Sahs wie ein Leichentuch aus, das über die Erde ausgespannt ist, und darin schaukeln sich die Spitzen der Bäume, der Häuser und Thürme.

»Ach, du barmherzige Mutter Gottes!« rief plötzlich Woldemar, als Heinrich blaß wurde, und mit halb noch offenem Munde sank er zurück. »Es schlug kein treuer Blut in Eines Herzen.«

Der alte Räuber berührte ihm sanft die Schulter: »Deß keine Sorge, junger Herr. Ein Leben als dieses, das reißt sich nicht so leicht los von solchem Leibe. Darin bleibts gern. Ich kann davon sprechen; sah ihrer zwölf und mehr, wie sie auf den Galgen stiegen, drei davon aufs Rad. Da sah Mancher unten auch aus wie Mehl, und die Glieder schlotterten ihm, als hingen sie an Bindfaden. Man meinte, ein Schnitt mit dem Taschenmesser, und sie wären durch. Und was hielt grade solche Creatur oben aus, und schrie dazu wie ein brüllender Stier! Der ist nur matt. Gebt ihm drinnen zu trinken und Fleisch und Brod. Glaubt nur, Herr, er hat die Zeichen, daß er noch lange lebt; ist einer von Denen, dies weit bringen. Es steht ihm an der Stirn geschrieben.«

Der alte Mann hatte Recht. Knapp waren zween Stunden vergangen, als Heinrich wieder die Augen aufschlug, und dabei athmete er lang und frisch, als wache er aus einem gesunden Schlafe auf. Aber der Baum rauschte nicht mehr Lieder über seinem Kopfe, das Abendroth blinkte nicht mehr durch die Zweige, und auch der Mond fing nicht sein Licht in dem Silberschleier, den der Nebel über die Erde gespannt. Es war ein niedrig Gewölbe über ihm, und enge Wände ringsum, die den Schein der Lampe dürftig zurückwarfen. Für Einen, der unter Gottes großem Himmel immer gelebt, konnte es ausschauen, als ein großes Grabgewölbe, voll Stock und Ruß, und die Spinnen hatten ihre Gewebe zwischen den Kreuzbögen ausgespannt. Auch war es still, da schlug nicht die Nachtigall, noch flatterten Nachtvögel durch die Sträuche; die Frösche waren verstummt und der Erwachende hörte nur eines Menschen bange Athemzüge.

»Du hast gute Träume gehabt?« fragte Woldemar.

»Träume!« Heinrich rieb sich das Aug. »Freilich warens auch nur Träume. – Und es ist gut, daß es nur ein Traum ist,« setzte er hinzu. »Denn siehe, ich kämpfte wieder den ganzen Kampf durch, aber es war nicht der lange Gesell, sondern Du warst es.«

»Mit mir, Heinrich! Da sei Gott für. Um was lagen wir aneinander?«

Statt nun bös und nachdenklich zu schauen, ward des Gesellen Gesicht immer freundlicher: »Sie lächelte doch gar zu holdselig und schön.«

»Was, um ein Mädchen!« lachte Woldemar auf. Fast lauter als es recht war. »O Du lieber Bruder, um ein Mädchen, da müssen wir uns nicht streiten. Wohl ists die Lockspeis, die der Teufel oft zwischen Zweie wirft, die sich gut sein wollen. Aber zwischen uns soll ers nicht thun. Sieh Heinrich, als Du da in die Grube sprangst um meinetwillen, und Alle glaubten, Du würdest nicht wieder herauskommen, da schwor ich Dir, hier auf das Muttergottesbild, das ich um den Hals trage, Dirs ewig zu gedenken. Und hier hast Du wieder meinen Handschlag. Drücke fest zu. Das soll nicht lösen. Keines Hauptmanns und keines Kaisers Wort, auch der Tod nicht, als an uns ist. Auch keine schöne Maid nicht, lieber Heinrich. Denn schöne Mädchen sind freilich als die lieblichen Blumen auf dem Anger. Aber es hat viel Blumen und treue Freunde giebts wenige.«

Da schlug Heinrich froh ein.

»Nun sind wir wahrhafte Brüder. Und so ich Dich je verließe, so soll die Mutter Gottes hier schwarz werden. Wenn Du in der Noth bist, so ruf mich. Wenn Du eines Zeugen brauchst, so schwör ich für Dich. Liegst Du gefangen, so will ich auf den Thurm klettern, und hab ich keine Axt mehr und kein Messer, will ich mit den Zähnen an dem Gitter reißen. Wo es sei, ich will meine Stimme für Dich erheben, und meine Stimme ist stärker draußen als Du glaubst. Du sollst auch Alles erfahren nachmalen, wer ich bin, und wie ich draußen heiße; denn unter Brüdern, als wir sind, darf nichts Geheimes bleiben. So Du aber ein Mädchen liebst, da will ich nicht Dein Nebenbuhler, ich will Dein Brautwerber sein. –«

Statt nun, daß das den Andern froh machen sollte, sah er fast betrübt nieder, und schüttelte den Kopf: »Ach es ist nur ein Traum, und ich schäme mich, daß ich davon träumen mochte.«

»Ein freier Mann und ein Gesell als Du hat sich nichts zu schämen. Welche Dein blau Auge lange ansieht, glaube mirs, das müßte ein gar hochmüthig Frauenzimmer sein, so es nicht wieder in Dein Aug sähe.«

»Es sah mich auch an, als die Sonne den Wurm ansieht. Doch sei still, lieber Bruder.«

»Als Du willst,« lächelte der Freund. »Aber aus Dir soll was werden. Gleich wie Du aus dem schwarzen Stück Eisen den blanken Stahl schmiedest, so will ich Dich schmuck und fein kriegen, daß Du in die Welt schauen sollst, und Niemand sieht Dir den Schmied an.«

»Ach, sie ist ein hoch Edelfräulein!«

Woldemar schaute sinnend vor sich nieder: »Als ich Dir gestern im Walde sagte, die alten Zeiten waren auch darin besser. Ein Mägdlein und Fräulein, das ihren Schatz treu innig liebte, und die Sippschaft sah scheel dazu, und sagte Nein, sie sagte doch Ja, und ließ sich von ihm entführen, und es stand um die Sitte nicht schlimmer als heut. Fürsten und Kaisertöchter, sage ich Dir, sprangen so, verschämt und keck zugleich, zum Liebsten aufs Roß; die Väter stürmten freilich hinter drein und brummten und fluchten und belagerten sie in Wald und Berg; aber auf die letzt gabs immer Versöhnung und Hochzeit und Kindtaufen. Ich sage Dir, das war gute deutsche Sitte. – Du hörst mich nicht an. Was ist Dir, Heinrich?«

»Ach, wo bin ich, lieber Bruder? Wo sind wir? Es schaut als ein Gefängniß aus. Wurden wir geschlagen? Sind wir gefangen?«

Da erklärte ihm Woldemar, er könne sich zur Ruhe geben, sie wären an einem sichern Ort; wie die Stellmeiser viele Freunde hätten, die sie heimlich herbergten, auch in den Schlössern. Aber solche Freunde dürfe man nicht verrathen, und darum müßten sie sich stille halten. Auch erklärte er ihm, was seitdem vorgefallen, und daß aus dem Anfall auf die Ruppiner Grafen diesmal nichts geworden, denn während daß sie in der Grube schlugen, sei eine Botschaft an den Obristen gekommen, daß sie hätten beschlossen keinen Hinterhalt zu legen.

Darob hätten Viele den Kopf geschüttelt. Doch müsse es etwas bedeuten, um was der Obrist von dem abgehe, was er beschlossen. Aber es sei ein gar seltsam Wesen an ihm; und was er spreche, das sei oft das Gegentheil von dem, was er denke, und was er thue vor den Leuten, sei die Widerpart von dem, was er heimlich sinne: »Er sorgte,« schloß Woldemar, »daß ihm der wilde Hyndemit übern Kopf wachse, denn er hatte schon viel Anhang unter den Schlechten. Darum war ihm das Gottesurtel recht. Er wollte ihn los sein. Und nicht um mich wars, daß er um mein Leben bange war, warum er Dich wählte. Er sahs Dir ab, daß Du der warst, den er brauchte. Ich merkte es, wie von Anfang sein Blick auf Dich fiel. So ist er verschlagen und klug, und weiß Niemand wie er mit ihm steht. Du magst nun heut zufrieden sein, denn er sorgt für Dich als ein Vater. Aber sieh Dich für auf morgen, denn morgen ist nicht heute.«

Da mußte vor Heinrichs Augen etwas schweben, das ihnen einen seltsamen Ausdruck gab.

»Wäre das auch nur ein Traum gewesen! rief Heinrich wieder. Ach Gott, das wäre schade.«

»Du träumerischer Held, der so wacker schlägt, was sahst Du?«

»Die große helle Landesfahne hielt er in der Hand, die ragte über die Fichten, und er stand als ein Kaiser, und all die Freien um ihn wurden Grafen und Herren in leuchtenden Harnischen, und sie knieten vor ihm nieder, und er schlug sie zu Rittern, und belohnte sie – und der Wald umher öffnete sich –«

»Wer trug die helle Landesfahne?«

»Der alte Markgraf!«

»Welcher alte Markgraf?«

»Ach nun weiß ich. Es war auch das nur Traum. Aber es wär so schön gewesen, nicht wahr, wenn ers war!«

»Was war?« rief der Andere.

»Unser Fürst, der große Woldemar!«

Woldemar that den Mund auf und sah ihn gar verwundert an: »Was solls?«

»Ei, lieber Bruder, der Du seinen großen Namen führst, Du weißt doch, was das ganze Land weiß, daß der alte Markgraf nicht todt ist, vielmehr er lebt. Und unter uns verkleidet und unerkannt, damit er uns kennen lerne, die Gerechten und Ungerechten; und Einige sagten längst, daß er im Walde sei als Hauptmann unter den Freien.«

Was Heinrich sprach, das war kein Funken, der auf Stein fiel. Es zündete, aber nicht wie es sollte. Woldemar ward nachdenklich, und hörte nur halb, was Heinrich weiter sagte, daß das jetzt doch jedes Kind schon wisse, und die Krämer erzähltens auf den Märkten, und die Bettler trügens durchs Land, und in den Städten holten sie wieder die alten Farben und Banner von Anhalt aus den Rüstkammern, um sie auf die Thore zu pflanzen, wenn er erschiene. Heinrich war sichtlich zu Kräften gekommen. So munter redete er und zuversichtlich, daß der Markgraf kommen werde, und sein Reich in Besitz nehmen, und Alles wieder herstellen, wie es gewesen, und die gute Zeit und die Gerechtigkeit wieder in die Marken bringen. Und ob dem Freunde nicht das Herz im Leibe schlage, so er denke, daß sie es seien, die ihn wieder in seine Schlösser und Städte einführten und begleiteten, wenn der alte Fürst als wie im Triumph durchs Land ziehe.

Woldemar wiegte sich im Stuhl und schüttelte den Kopf. »Ein alter Mann solls thun!«

»Der weiß doch am besten, was uns noth thut!«

»Ich dachte mir,« sprach Woldemar vor sich hin, »das müsse ein junger Mann sein.« Und er pfiff eine lustige Jägerweise zwischen den Lippen, als hätte er vergessen, daß sie sich nicht verrathen sollten, und er halte es dem Andern noch eben selbst anempfohlen.

»Ja, lieber Bruder, ein alter Mann bleibt er doch, so er sich auch sonst verstellt. Das Gehen wird ihm auch schwer. Man sieht es ihm ja an.«

»Wem?«

»Sahest Du ihn?«

Verwundert blickte nun Heinrich auf den Freund: »Unsern Hauptmann! Die rothen Haare sind nicht auf seinem Schädel gewachsen, und die langen grauen Augenbrauen mögen auch falsch sein, aber laß sie ihn abreißen, ein alter Mann steckt doch darunter, und kein junger wird zum Vorschein kommen. Soll doch beinahe ein Menschenalter sein, seit Markgraf Woldemar verstarb, als es hieß.«

»Der Hauptmann – der Teufel von Soltwedel!« rief Woldemar aufspringend, – »der!«

Fast erschreckte Heinrich vor dem Schreck, den sein Freund bekam.

»Wer anders, so er unter den Freien ist. Sagtest Du nicht selber, es habe ihm noch Keiner ins Herz geschaut, und sein ganz Wesen sei geheim.«

» Der ein Fürst!« Und ein hochmüthig Lächeln schwebte um des jungen Gesellen Lippen. »Dann ward stinkicht die Hoheit im langen Grabe. O pfui Heinrich, wie häßlich mußtest Du träumen.«

»Da gaben mir den Traum vielleicht böse Nixen ein dort auf der Wiese, und er ist nicht der echte.«

»Echt oder falsch, es ist ein falscher, häßlicher Gedanke, sag ich Dir. Die alte Zeit war jung. Nicht als ein modernd Gespenst, nicht als einen Lumpenstock mit alten Fetzen wollen wir sie haben. Wir träumten ja von Morgenroth. Frisch, jung und schön, so wollten wir sie willkommen heißen.«

Er redete noch manches vor sich hin, was Heinrich gar nicht, oder nur halb verstand. Da hielt er es für Pflicht, als er sah, wie sein Traum den Freund in üble Laune gebracht, was er konnte, ihm von abzureden. Und daß er sich auch denke, ein so großer Fürst, wenn der nach langen Jahren, wo er es verlassen, wieder in sein Land komme, müsse anders auftreten, als in so niedriger Gestalt. Er sprach manches Verständige, und Woldemar hörte auf ihn und hörte doch wieder nicht. Er nickte wohl zu den Gründen, die der Andere anführte, aber er schüttelte auch wieder den Kopf, und man sahe, ein Gedanke, den er nicht mochte, und er hätte ihn gern von sich abgeschüttelt, der hatte Wurzel geschlagen in ihm; aber ein Funke, den er gern ausgetreten, hatte sich gefangen, und griff weiter um sich.

»Niemand weiß um seine Herkunft – wer weiß denn überhaupt von ihm! Wer sah ihn nur einmal recht von Aug zu Aug! – Sein herrisch Wesen, seine lauernden Blicke – er hat von Allem Kenntniß – o es wäre! – Nicht wahr, Heinrich,« lachte er auf, »darum lohnte sichs, in die Wälder laufen, und was wir besitzen den Rücken wenden, um so betrogen zu werden um die Hoffnung!«

»Er wollte Dir nicht bös«, sprach Heinrich.

»Das wird ein Reich werden, und wir seine Barone! Der Baier wird aus dem Land geschlagen, aber wir werden einfallen in die Hühnerställe und die Schweine dem Bauer fort treiben. O pfui, Heinrich, tausendmal pfui! es ist der häßlichste Gedanke, daß eine Eiche zur Distel werden kann. Fürstenblut so gemein. Denn gemein ist er und widerlich vom Scheitel bis zum Zeh. Reiß ihm alle seine Pflaster und Flechten ab, Du triffst auf keinen fürstlichen Zug, auf keinen ritterlichen Nerv. Aber Dein Traum log nicht. Er ists! Er ists, den sie erwarten. Es stimmt, wie der Schlüssel ins Schlüsselloch. Ein Pfaffenfürst. Er stinkt nach ihren schweißigen Händen, nach ihren dumpfen Zellen. Wir sind doppelt betrogen!«

»Du und ich!« sprach Heinrich, der sich aufgerichtet. »Wo zwei so als wir zu einander halten, ei lieber Woldemar, ich meine, wir werden stehen als wackere Leute, wo wir auch stehen.«

Der Andere drückte ihn an die Brust: »Da hast Du ein gut Wort gesprochen. Das wollen wir. Denn gute Männer in einer bösen Zeit, das sind wie Sterne am dunkeln Himmel. Besser freilich, so ein großer Stern aufgegangen wäre, der hätte Allen geleuchtet; doch – thue Jeder, was an ihm. Ja, lieber Bruder, ich träumte auch in meinem Sinne von einem Woldemar, aber das war ein junger, ritterlicher Markgraf, der sollte auch das Reich erobern seiner Ahnen, auch Glück und Gerechtigkeit zurückbringen, und es wäre kein falscher gewesen. Nun kommt ein alter Woldemar, zu dem die alten Weiber schreien und die Pfaffen räuchern vor ihm. Ein abgeschmacktes Ammenmährchen! Nein, wie Gott will und nicht die Pfaffen. Du bleibst beim jungen Woldemar, nicht wahr!«

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