Frei Lesen: Der neue Pitaval - Neue Serie, Band 9

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Willibald Alexis

Der neue Pitaval - Neue Serie, Band 9

Marschall Bazaine.

eingestellt: 16.8.2007



»Als nach dem Kriege von 1866 ein Kampf zwischen Norddeutschland und Frankreich wahrscheinlich geworden war«, so beginnt die nachher näher zu erwähnende Anklageschrift des Generals Rivière, »sann der Marschall Niel, abgesehen von andern vorbereitenden Maßregeln, darüber nach, wie angesichts dieser ernsten Möglichkeit unsere Streitkräfte zusammengesetzt und vertheilt werden müßten. Schließlich entwarf er den Plan, drei Heere zu bilden, zwei in erster Linie in Lothringen und im Elsaß, ein drittes in Reserve bei Châlons. Außerdem sollten zwei getrennte Truppenkörper zu Belfort und Lyon gesammelt werden; sie waren bestimmt, der Kern neuer Reserven zu sein. Nach der Ansicht des Marschalls sollte der Oberbefehl über die drei Armeen den Marschällen Bazaine, MacMahon und Canrobert anvertraut werden.«

Bazaine war also von vornherein zu einem Obercommando bestimmt, und zwar vom Marschall Niel, vielleicht dem bedeutendsten Organisator auf dem Gebiete des Heerwesens, den Frankreich seit langer Zeit besessen hat.

»Leider«, fährt die Anklage fort, »gab man im Augenblicke der Mobilmachung diese weisen Plane auf, vertheilte die Armee in langgestreckter Front an der Grenze, und konnte sogar infolge der Verwirrung, welche in dem kritischen Zeitpunkte des Ueberganges vom Frieden zum Kriege eintrat, der Verzögerungen, welche die Einberufung der Reservemannschaften und die Anordnung des Verwaltungswesens erlitt, und welche man wohl hätte voraussehen sollen, und der Ungewißheit über die Plane des Feindes die Zusammenziehuug der Corps nicht rechtzeitig bewirken; der Feind überraschte uns, ehe sie beendet waren. So wurden wir, die wir die Herausforderer gewesen waren, überfallen!«

Am 15. Juli 1870 wurde Bazaine zum Commandeur des 3. Armeecorps ernannt und gleichzeitig bestimmt, daß bis zum Eintreffen des Kaisers auch das 4. Corps – General Ladmirault – das 5. – General de Failly – und das 2. – General Frossard – unter Bazaines Befehl stehen sollten. Am 16. Juli wurden seinem Commando alle an der nordöstlichen Grenze versammelten Corps unterstellt, jedoch immer nur bis zum Eintreffen des Kaisers, der sich den Oberbefehl vorbehalten hatte. Der Kaiser traf am 28. Juli zu Metz ein, Bazaine führte also bis auf weiteres nur den Oberbefehl über das 3. Corps, und mußte am 2. August mit zwei Divisionen die Unternehmung gegen Saarbrücken, diese glänzendste aller Waffenthaten, stützen, bei welcher es vier französischen Infanterieregimentern, einem Chasseurregiment, einem Bataillon Jäger und sechs Batterien, mit 20000 Mann in Reserve, nach vierstündigem Kampfe gelang, sechs Compagnien preußischer Infanterie, vier Geschütze und eine Hand voll Cavalerie zum ruhigen, unbehelligten Rückzuge zu bewegen. Freilich fochten die Franzosen auch unter den Augen ihres Kaisers und seines heldenmüthigen Söhnleins! General Rivière erwähnt dieses großen Ereignisses nur mit den etwas kühlen Worten »Eine am 2. August zu Saarbrücken vom 2. Corps bewerkstelligte Recognoscirung hatte nichts Genaueres über die feindlichen Stellungen ergeben.«

Am 5. August wurden das 2., 3. und 4. Corps unter Bazaines Befehl gestellt und am 6. August bei Spicheren gründlich geschlagen. Am 12. August wurde der Marschall zum Oberbefehlshaber der gesammten Rheinarmee, welche den Rhein erst unter sicherer deutscher Escorte wiedersehen sollte, ernannt; die Einzelheiten der nun folgenden kriegerischen Vorgänge werden später zu erwähnen sein, jetzt mag es genügen, daran zu erinnern, daß die Rheinarmee trotz tapferer Kämpfe in und um Metz stehen blieb, immer fester, immer enger von den deutschen Truppen eingeschlossen, bis endlich am 27. October der Telegraph durch ganz Deutschland die frohe Nachricht verkündete:

Diesen Morgen hat die Armee Bazaines und die Festung Metz capitulirt. 150000 Gefangene, incl. 20000 Blessirte und Kranke. Heute Nachmittag wird die Armee und Garnison das Gewehr strecken. Das ist eins der wichtigsten Ereignisse in diesem Moment. Dank der Vorsehung! Wilhelm.


Und es war in der That ein hochwichtiges Ereigniß, hochwichtig nach drei Richtungen hin. Die größte, stärkste Festung Frankreichs kam in deutsche Hände, die beste, organisirteste und erprobteste Armee des Feindes war kriegsgefangen, und die großen deutschen Heermassen, welche so lange an Metz gebannt waren, wurden frei und konnten gegen die neugebildeten französischen Armeen, welche hier und da in nicht ungefährlicher Stärke und kühn genug aufgetreten waren, auch einige vorübergehende Erfolge erzielt hatten, verwendet werden. Die Franzosen fühlten dies nur zu gut. »Als die Uebergabe bekannt wurde«, so berichtet der metzer Correspondeut der londoner »Daily News«, »wurde das Volk wüthend. Die Nationalgardisten verweigerten die Uebergabe der Waffen, und am 29. October nachmittags erschien ein Dragonerrittmeister an der Spitze eines Haufens von Soldaten, welche schwuren, eher zu sterben als zu weichen, während Albert Colignon, der Redacteur der ultrademokratischen Zeitung ›Journal de Metz‹, auf einem weißen Rosse umhersprengte, ein Pistol abschoß und sie aufforderte, auszubrechen und den Sieg oder den Tod zu suchen, um der drohenden Schmach zu entgehen. Die Thüren der Kathedrale wurden erbrochen und fast die ganze Nacht hindurch die Sturmglocken geläutet. Als General Coffinières erschien, wurden drei Pistolenschüsse auf ihn abgefeuert. Endlich zerstreute er mit Hülfe zweier Linienregimenter den Pöbel, aber das Geschrei der Wuth, der Entrüstung, des Schreckens dauerte die ganze Nacht hindurch. Ehrbare Frauen rannten in den Straßen umher, rauften ihr Haar und schrien wild: ›Was soll aus unsern Kindern werden?‹ Soldaten, betrunken und nüchtern, wankten in unregelmäßigen Gruppen umher, ohne Mützen, mit zerbrochenen Säbeln, heulend, schluchzend, weinend wie Kinder. ›O armes Metz, einst die stolzeste unter den Städten! welches Unglück, welches unerhörte Ereigniß! Wir sind verkauft, alles ist verloren, es ist aus mit Frankreich!‹« Und als Bazaine tags darauf die Reise nach Wilhelmshöhe antrat, da zerschlugen in Ars, wie derselbe Berichterstatter mittheilt, Weiber mit den Fäusten die Fenster seines Wagens und riefen: »Verräther, Schuft, Betrüger! wo sind unsere Männer, die du verrathen hast? gib uns unsere Kinder zurück, die du verkauft hast!« Ja, sie würden den Marschall gelyncht haben ohne die Dazwischenkunft der deutschen Gensdarmen. Ganz ähnliche Scenen ereigneten sich in Paris, als dort die Trauerbotschaft bekannt wurde, und fast hätte schon damals die Commune sich zur Herrin der Stadt gemacht.

Das war schlimm, aber nichts Ungewöhnliches unter einem so leicht erregbaren Volke, und um so eher zu entschuldigen, als die »Regierung der nationalen Vertheidigung« bis zum letzten Augenblick phantastische Siegesberichte, glänzende Schilderungen der Heldenthaten Bazaines in Umlauf gesetzt hatte. Schlimmer war, daß nun dieselbe Regierung ohne Prüfung, lediglich auf Grund von Muthmaßungen und leeren Gerüchten, sich zur Stimmführerin des sinnlosen Geschreies über Verrath hergab. Am 29. October veröffentlichte sie eine Proclamation, welche zum Widerstande bis aufs Aeußerste aufforderte und folgendermaßen begann:



Franzosen!

Erhebet euere Seelen und euere Entschließungen auf die Höhe der erschrecklichen Gefahren, welche über das Vaterland hereinbrechen; es hängt von uns ab, das Unglück zu ermüden und der Welt zu zeigen, was ein großes Volk ist, welches nicht untergehen will und dessen Wuth sich inmitten der Schicksalsschläge nur steigert.

Metz hat capitulirt!!!

Der General, auf welchen Frankreich, selbst nach der Expedition von Mexico, rechnete, nimmt dem schwer gefährdeten Vaterlande mehr als hunderttausend Vertheidiger. Bazaine hat Verrath geübt, er hat sich zum Werkzeuge des Mannes von Sedan gemacht und zum Mitschuldigen der Eroberer, und mit Verachtung der Ehre der Armee, über welche er die Obhut hatte, hat er, selbst ohne eine letzte Anstrengung zu versuchen, hundertundzwanzigtausend Kämpfer, zwanzigtausend Verwundete, seine Gewehre, seine Kanonen, seine Fahnen und die stärkste Citadelle Frankreichs, Metz, bis auf ihn jungfräulich rein von aller fremden Besudelung, den Fremden überliefert. Ein solches Verbrechen steht selbst über den Strafen der Gerechtigkeit; und jetzt, Franzosen, messet die Tiefen des Abgrundes, in welchen euch das Kaiserthum gestürzt hat.

Zwanzig Jahre lang hat Frankreich diese corrumpirende Gewalt ertragen, die in ihm alle Quellen der Größe und des Lebens versiegen machte. Das Heer Frankreichs, seines nationalen Charakters beraubt, ohne es zu wissen ein Werkzeug der Regierung und der Knechtschaft geworden, ist trotz des Heldenmuthes der Soldaten durch den Verrath der Anführer in den Unfällen des Vaterlandes vernichtet worden; in weniger als zwei Monaten sind zweimalhundertundzwanzigtausend Mann dem Feinde ausgeliefert worden. Unheilvolles Nachspiel zu dem militärischen Handstreiche vom December!

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< Anna Böckler.



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