Frei Lesen: Geschichten aus dem Neuen Pitaval - 3

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Willibald Alexis

Geschichten aus dem Neuen Pitaval - 3

Der Patriot von Montason

eingestellt: 7.8.2007



Bonaparte hatte Ende 1796 die Österreicher aus Italien nach Tirol zurückgedrängt, Jourdan hatte am unteren, Moreau am oberen Rheine gesiegt, und nachdem Baden und Württemberg und endlich auch der Schwäbische Kreis mit der Französischen Republik einen Waffenstillstand geschlossen hatten, wurden die österreichischen Alpenländer von zwei Seiten her bedroht. Es war vorauszusehen, daß die französische Rheinarmee von Norden her nach Vorarlberg vordringen werde, um dort ihre Vereinigung mit der italienischen Armee zu vollziehen.

Die kaiserliche Regierung hatte es aufgegeben, Vorarlberg zu verteidigen. Aus Innsbruck hatte daher das Landesgubernium an die Behörden zu Bregenz am Bodensee den Befehl erteilt, bei Annäherung der Feinde ihren Amtssitz zu verlassen und sich nach Tirol zurückzuziehen.

Am 9. August rückten die Franzosen gegen Bregenz vor. Die Beamten verließen auf jenen Befehl hin sofort die Stadt, um sich auf der Straße südlich nach Feldkirch und von dort aus östlich über Bludenz nach Tirol zu begeben.

Diese Beamten waren der Kreishauptmann Landvogt von Indermauer, der Kreisoberamtsrat von Franzin, der Bregenzer Bürgermeister Weber und einige Unterbeamte des Kreis- und Oberamtes.

In Bregenz standen noch einige österreichische Truppen. Diese marschierten an dem gleichen Tage ab, aber leider nicht als Eskorte der Behörden, sondern erst nach ihnen. Der Abzug war übrigens durchaus nicht übereilt, denn noch an demselben Tage besetzten die Franzosen Bregenz.

Die Gemüter der Vorarlberger waren schon durch andere vorangegangene Vorfälle aufs höchste erregt: die Wogen des Patriotismus gingen hoch. Aber dieser Patriotismus erhob sich nicht bis zu der reinen Begeisterung und dem aufopfernden Mute der Tiroler. Die Vorarlberger hielten sich für verraten und suchten nach Verrätern.

Da erscholl die Kunde: Indermauer, Franzin, der Bürgermeister von Bregenz fliehen, die höchsten Obrigkeiten des Landes verlassen das Land. Von der geheimen Instruktion, nach der sie handelten, war dem Volke nichts bekannt. Die Gärung wuchs. »Was soll aus dem Lande werden, das seine Obrigkeiten verlassen, um es ohne Rat und Leitung dem Feinde preiszugeben? Was soll diese feige Furcht bedeuten zu einer Zeit, in der sich die Truppen noch nicht auf dem Rückzuge befinden? Warum verläßt der Kreishauptmann von Indermauer nicht bloß sein Kreisamt, sondern auch das Landschützenkorps, das noch vor dem Feinde steht, und er ist sein Oberkommandant?«

So fragten schon die Vernünftigen, der Pöbel aber schrie laut: Verrat! Das Mißtrauen wuchs bis zur Gespensterfurcht, und jenes entsetzliche Wort, das in jedem mehr oder minder freien Gemeinwesen der wahren Freiheit mehr geschadet als genützt hat, wurde zur Losung, die durch das kleine Land ging. Der Pöbelpatriotismus ist in allen Ländern geneigt, hinter einem allgemeinen Unglück immer das Verbrechen einzelner zu suchen.

Dieser Pöbelpatriotismus ist überall derselbe, im Lager fanatisierter Demokraten und Royalisten, am scheußlichsten freilich, solange die Weltgeschichte Zeugnis davon gibt, in kirchlichen und religiösen Kämpfen.

Wer als Patriot gelten wollte, wiederholte, vergrößerte das Geschrei. Es gab auch sonst Mißvergnügte, Herabgekommene, Gesindel aller Art in den Bergen von Vorarlberg. Viele, die nichts zu verlieren hatten, hofften bei einem Aufstande zu gewinnen; andere hatten sich wegen mancher Unbilden und Bedrückungen zu beklagen. In welchem Lande wird das nicht der Fall sein? Ob die Kreisbeamten von Vorarlberg vor einem halben Jahrhundert ihre Untertanen besonders bedrückt haben, wird uns nicht gesagt.

Zuerst flog das Gerücht von dem Einfall des Feindes von Norden nach Süden, es genügte, um einen Todesschrecken zu verbreiten; dann kam der Ruf von dem schwärzesten Landesverat, dessen die sich schuldig gemacht hatten, die vom Kaiser eingesetzt worden waren, das Land zu schützen, und endlich kamen die fliehenden Regierungsbeamten selbst.

An jedem Orte, wo die Wagen hielten, umringten sie erbitterte Menschenmassen, man überhäufte die Beamten mit den schmählichsten Vorwürfen und rief ihnen Verwünschungen nach. Trotzdem kamen sie glücklich nach Feldkirch und von da seitab nach Bludenz.

Hier aber war die Erbitterung zur Wut gestiegen, die ganze Bevölkerung schien auf den Beinen. Man schloß die Tore des Städtchens hinter den Wagen; man kündigte den Beamten mit drohendem Tone an, hier habe ihre Flucht ein Ende, sie dürften nicht weiter reisen.

Vor dem Städtchen liegt ein Nonnenkloster St. Peter. Als wären sie Verpestete, wurde ihnen dieser abgeschlossene Ort zum Aufenthalt angewiesen. Man forderte aber zugleich das feierliche Versprechen von ihnen, daß sie so lange sich dort aufhalten und ihre Amtsgeschäfte fortsetzen wollten, bis der Feind nach Bludenz vorgerückt sei.

Das konnte nicht lange dauern.

Die Beamten glaubten das Kloster als Behörden zu beziehen, aber kaum waren sie in den Mauern, als sie sich schon als Gefangene behandelt sahen. Man besetzte alle Ausgänge mit Wachen, man forderte ihnen die Waffen ab und entriß sie ihnen unter Hohnreden und Beleidigungen. Die Patrioten verteilten die Waffen als gute Beute unter sich.

Bludenz und die ganze Umgegend war in Aufruhr, aber er sollte sich bald über das ganze Land ausbreiten. Ein reitender Eilbote war mit einem Schreiben hinaufgejagt in das Tal von Montafon, das die Gemeinden zum Landsturm nach Bludenz entbot. Das Schreiben forderte die Montafoner auf, die Glocken zu läuten und wohlbewaffnet in Eile nach der Stadt zu ziehen. Wozu? Um den Franzosen eine Landwehr entgegenzusetzen? Davon war nicht die Rede. Es galt nur die gefangenen Landesverräter zu bewachen. Und die Montafoner, ein verwegener Schlag Bergbewohner, folgten augenblicklich diesem Aufruf.

Der erste bewaffnete Haufen war schon abends gegen sieben Uhr in Bludenz. Man verlegte jetzt die Wachen, die bis dahin draußen gestanden hatten, in die Zimmer selbst, in denen der Landeshauptmann, der Oberamtsrat und der Bürgermeister sich befanden. Sie waren der rohesten Gemeinheit und den gröbsten Schmähungen und Beschimpfungen der aufgeregten Bauern preisgegeben, ohne daß sich eine Lokalbehörde von Bludenz gezeigt zu haben scheint. Doch arteten die Mißhandlungen zunächst noch nicht in Tätlichkeiten aus.

Aber die Menge draußen ward größer, immer neuer Zuzug kam heran, immer größer ward die Erbitterung. Die Erhitzung hatte aber noch einen anderen, sehr natürlichen Grund: den genossenen Wein. Die Klosterküche hatte Speisen für die Patrioten liefern müssen, und was man an Flaschen gefunden hatte, war geleert worden. Sie genügten aber nicht für die Menge und ihren Durst, man preßte und erpreßte mehr. Endlich drohten die Tumultuanten den Klosterjungfrauen das Haus über dem Kopfe anzustecken, wenn sie nicht den Schlüssel zum Keller ausgeliefert bekämen. Nachdem das erreicht war, stieg die künstliche Erhitzung auf einen bisher noch nicht erreichten Grad.

Mit klingenden Bechern und lallenden Zungen klagte man über des Landes Not. Einer wollte den anderen überbieten in kräftigen Verwünschungen gegen die Hochverräter. So mochte im Zustande der allgemeinen Schwelgerei und Erhitzung jeder glauben, daß alle eine gleiche Erbitterung und Entrüstung antreibe, und niemand merkte, daß er nur das in Bewegung gesetzte Werkzeug anderer war.

Nachdem man sich vom Abend bis in die Nacht hinein zu einem Patriotismus angefeuert hatte, der glaubte, keine Rücksicht mehr nehmen zu brauchen und keine Schonung mehr üben zu dürfen, drang um elf Uhr ein Haufen der Frechsten, mit Flinten, Hellebarden und Säbeln bewaffnet, unter wildem Toben in das Zimmer, in dem Indermauer und Franzin an einem Tische saßen.

Man beschimpfte, bedrohte, kitzelte und beängstigte sie mit Hellebarden und Bajonetten. Ob sie geantwortet, gebeten, gedroht oder sich zu verantworten gesucht haben, wird uns nicht gesagt; wahrscheinlich aber taten die Unglücklichen das nicht, was die feigen Elenden wohl erwartet hatten: sie setzten der Wut nicht Wut entgegen, was jene zur raschen Tat ermutigt hätte. Endlich gelang es einem der Betrunkenen, den Landeshauptmann von Indermauer durch einen Bajonettstich am Fuße zu verwunden.

Kaum sahen die Bestien Blut fließen, als auch das ihre vollends in Wallung geriet. Sie fielen über die beiden Opfer her, rissen sie hin und her, stießen sie von den Stühlen, wälzten sie auf dem Boden umher, stachen sie mit den Bajonetten, hieben sie mit Säbeln und schlugen sie mit den Gewehrkolben.

Aber sie töteten sie nicht, entweder weil ihnen auch jetzt noch der rechte Mut zum Verbrechen fehlte, oder weil die Betrunkenheit ihre Kräfte lähmte. Indermaner erhielt dann mehrere Säbelhiebe über den Kopf und einen Stich in die linke Seite und Franzin außer mehreren Kopfhieben einen tiefen Bajonettstich an den Fuß.

In diesem Zustande blieben die Unglücklichen gegen vier Stunden, bis drei nach Mitternacht, auf dem Boden in ihrem Blute und zu den Füßen der betrunkenen Rotte liegen. Von Wein, Übermut und wahrscheinlich auch von Rachegefühl denen gegenüber, die eben noch ihre Herren gespielt hatten, glühend, ließen sie an den Schwerverwundeten allen möglichen Hohn und die gemeinsten Beschimpfungen aus und quälten sie mit fortwährenden Todesdrohungen.

Doch jetzt gelang es einigen Gutgesinnten und Nüchternen, in das Blut- und Saufgelage einzudringen und durch den wüsten Lärm ihre Stimme erschallen zu lassen. Es waren der Beichtvater des Klosters und ein unter den Montafonern sehr angesehener Ortsvorstand, Vonier, denen es nach großer Anstrengung gelang, die Wut wenigstens auf einige Zeit zu dämpfen.

Man erlaubte jetzt den Nonnen des Klosters einzutreten und die Verwundeten, so gut es ging, zu verbinden. Aber der Stillstand dauerte nur kurze Zeit. Die Wut draußen flammte wieder auf; das Volk drang in neuen Haufen ein und kam jetzt auch in die Kammer, in der der Bürgermeister Weber sich bis dahin unbelästigt von dem Pöbel aufgehalten hatte. Sie gaben ihm Faustschläge und versetzten ihm Kolbenstöße.

Nur mit äußerster Anstrengung gelang es den oben genannten Männern, die Wütenden davon abzuhalten, sich aufs neue auf die kaum notdürftig Verbundenen zu stürzen und ihnen die Verbände wieder abzureißen.

Endlich, nach unsäglicher Anstrengung, setzte man es morgens um vier Uhr durch, daß die Verwundeten Indermauer und Franzin zu Bett gebracht wurden, wo sie nun etwa fünf Stunden lang zwar nicht Ruhe hatten, aber doch, ohne tätlich angegriffen zu werden, lagen; denn die Bauern, die sie als Wache umstanden, tobten und schimpften ununterbrochen auf sie und drohten ihnen fortwährend mit dem Tode.

Der Fanatismus des Landvolkes war indessen unablässig bearbeitet worden. Die drei Opfer sollten sterben, das stand jetzt auf allen Gesichtern, und dennoch – es fehlte den teils schon wieder trunkenen, teils eben erst aus dem Rausch erwachten Mördern doch noch der Mut, dem Wurm, den sie so lange gequält hatten, durch einen Tritt den Garaus zu machen. Sie kamen und gingen und griffen halb zu und wichen wieder.

Haufenweise stürmten die brüllenden Montafoner in das Krankenzimmer, sie hoben die Fäuste, schimpften, drohten mit den Waffen, aber sie gingen wieder fort, um neuen Haufen Platz zu machen. Endlich, nachdem die Unglücklichen eine Stunde lang fast in einem fortwährenden Sterben gelegen hatten, drang gegen zehn Uhr der wildeste Trupp mit lautem Mordgeschrei auf das Bett zu.

Vonier und der Beichtvater erkannten, daß kein Erbarmen mehr von den durch Trunk und Rachgier ihrer Sinne beraubten Männern zu erwarten sei. Es kam ihnen nur auf Aufschub an. Vielleicht war dann eine Rettung auf andere Art möglich. Der Ortsvorstand Vonier flehte und beschwor die Rotte im Namen Gottes und aller Heiligen, die Verurteilten wenigstens als katholische Christen sterben zu lassen. Er bat sie nur um eine Stunde Zeit, damit die Gefangenen beichten könnten.

Das wagten die Mörder nicht abzuschlagen: sie glaubten gute katholische Christen zu sein. So gelang es ihm, die ganze Schar und mit ihnen die Wachen aus dem Zimmer zu entfernen. Der Beichtvater erschien, und das Zimmer wurde geschlossen. Welchen Plan man zur Rettung der Unglücklichen gehabt hat, ist unbekannt.

Doch selbst dieser kurze Waffenstillstand wurde nicht gehalten. Noch war keine Viertelstunde vergangen, als man die Türe mit Gewalt sprengte. Der Bürgermeister Weber war eben beim Beichten. Man stieß den Beichtvater fort und schlug mit Kolben auf Weber und Franzin los. Den Landeshauptmann Indermauer riß man aus dem Bett und schlug ihn mit den Gewehrkolben, bis er zu Boden sank. Umsonst beschwor der Geistliche die Wütenden im Namen Gottes, der auf diese Greuelszene herabblicke. Die Unglücklichen schwammen wieder aufs neue am Boden in ihrem Blute, und die Unmenschen fuhren fort, blind und wie rasend mit ihren Säbeln auf die Beamten einzuhauen und sie mit Gewehrkolben zu bearbeiten.

Der äußersten Anstrengung des Geistlichen gelang es endlich, eine Galgenfrist bis zur Vollstreckung des Urteils zu erwirken. Er wollte nur den Sterbenden das »Glaube, Liebe, Hoffnung« vorbeten. Aber nur Indermauer hatte noch so viel Kraft, die Worte nachzusprechen: eine letzte Todesvorbereitung in Gegenwart der Henker, die ihre gezückten Schwerter schon über die Köpfe schwangen.

Kaum war das letzte Wort verhallt, als einige den Bürgermeister Weber bei den Haaren faßten, ihn über die Schwelle, die Treppe hinab und in den Klosterhof schleiften. Hier ließ man ihn liegen und machte Platz. Einer legte die Flinte an und schoß. Wahrscheinlich zitterte ihm der Arm infolge seines betrunkenen Zustandes. Er traf ihn nicht. Schnell wandte er das Gewehr um und schlug ihn mit dem Kolben dermaßen, daß der Schaft zersprang und der Schädel in Trümmer zerschmettert wurde.

Auch der Oberamtsrat von Franzin war bei den Haaren aus dem Zimmer gezogen worden. Dabei hatte er noch so viel Lebenskraft, daß er sich mit Händen un0 Füßen wehrte. Aber ehe er die Treppe hinabgeschleift werden konnte, wurde er schon auf dem Gange mit Kolben totgeschlagen und niedergestampft.

Indermauer war eigentlich schon eine Leiche, als ihn die Wüteriche, denen er in die Hände gefallen war, die Treppe auf dieselbe Weise hinabschleiften. Als man jedoch noch einige Lebenszeichen an ihm zu bemerken glaubte, durchbohrte man ihm mit einigen Kugeln die Brust.

Webers und Indermaners Leichen lagen blutbedeckt auf dem Hofe. Der Anblick zweier Leichen genügte aber den Blutgierigen nicht. Sie stürzten die Treppe hinauf und schleppten auch Franzins Körper hinab. Franzin konnte vielleicht noch nicht ganz tot sein, vielleicht war es aber auch nur der wollüstige Durst nach noch mehr Greueln: man versetzte auch ihm noch einen Schuß.

Die anderen Kreisbeamten, die im Kloster eingesperrt waren, wären dem gleichen Schicksal nicht entgangen, wenn nicht die Gutgesinnten – man nennt uns immer nur den Ortsvorstand und den Beichtvater –, während die Kannibalen ihren Blutdurst an den drei vornehmen Beamten befriedigten, die anderen in die inneren Räume des Nonnenklosters zu bringen gewußt hätten. Hier waren sie jedenfalls sicher. Die Wüteriche mußten dieses Sanktuarium achten. Wahrscheinlich hatte man während der gewährten Beichtfrist auch die drei Hauptopfer dorthin schaffen wollen.

Die Patrioten blieben aber nicht beim Verbrechen des Mordes stehen, sie benutzten die Gelegenheit auch zum Plündern. Noch während der Metzelei fiel man über die Koffer, Felleisen, Säcke und Kleider der Beamten her. Nach der Abschlachtung zog man den Leichnamen ihre Kleider aus und verteilte sie. Der Wert der geraubten Gegenstände einschließlich des baren Geldes betrug gegen siebentausend Gulden.

Nicht lange nach diesen Vorgängen müssen die Franzosen in Bludenz eingerückt sein; jedenfalls besetzten sie das Land nunmehr und hatten es geraume Zeit inne. Man weiß nicht, ob unter ihrer Herrschaft eine Verfolgung der Mörder oder auch nur eine Nachforschung nach ihnen stattgefunden hat. Eine politische Mordtat, in der Hitze des Parteikampfes erfolgt, war es nicht, wie es sich bei der späteren Untersuchung ergab, und dem Laufe der Ziviljustiz, auch gegen Verbrechen, ließen die französischen Behörden, schon aus Klugheit, überall ihren Gang, ohne sich einzumischen. Freilich wenn man die Greueltat als aus politischen Affekten hervorgegangen hätte betrachten wollen, wäre die Stimmung, aus der sie möglicherweise hervorgegangen war, gerade eine solche gewesen, die auf den Schutz der Sieger und Eroberer am wenigsten Anspruch gehabt hätte: wilde, fanatische Patrioten hatten ihre Obrigkeit erschlagen, weil diese Obrigkeit es unterlassen hatte, sie und das Land gegen den einbrechenden Feind zu verteidigen. Hier hätten die Franzosen, wie jeder siegreiche Feind, wirklich genug Recht und Veranlassung zum Einschreiten gehabt.

Jedenfalls aber ist es nicht geschehen, und die Montafoner zogen unbehindert mit ihrer blutbefleckten Beute in die Berge zurück. Der Mord und der Raub blieben Jahre hindurch ungeahndet, wichtige Weltereignisse mögen die Erinnerung an diese scheußlichen Vorgänge in den Hintergrund gedrängt haben, aber in den Tälern und den Bergen von Bludenz wird man oft genug an die Tat gedacht haben. Dabei gewann das, was vor Jahren als eine Gesamttat roher, fanatisierter Gemüter erschienen war, einen ganz anderen Anstrich. Man verglich nun die verschiedenen Erzählungen der Augenzeugen und der Zeugen vom Hörensagen miteinander, und es ist auch möglich, daß sogar mancher der Mitschuldigen, ernüchtert vom Rausch und von der zu blutigen Rache, die Sache selbst anders betrachten lernte, sich ihrer schämte und in der Reue darüber Mitteilungen machte, die zu Anzeigen wurden. Kurz, man wußte endlich, daß das Verbrechen, das die Stadt Bludenz und das Tal von Montafon schändete, weniger ein Akt patriotischer Rache und Verzweiflung als ein Bubenstück einzelner oder gar nur eines einzelnen gewesen war, der durch allerhand Mittel die Wut der Menge bis zum Äußersten anzuregen gewußt hatte. Man wußte den Namen dieses Menschen recht gut, man kannte den Menschen selbst sehr genau, und jedermann traute ihm auch die Schändlichkeit zu, deren man ihn beschuldigte.

Darüber waren beinahe zwei Jahre vergangen, und Vorarlberg war wieder österreichisch geworden. Erst jetzt wagte man, oder hielt man sich für verpflichtet, das Ereignis zu untersuchen und zur Verhaftung der Täter zu schreiten.

Über die Natur des Verbrechens war man sich sehr bald endgültig klar geworden. Aufruhr konnte es nicht sein, denn Indermauer und Franzin konnten, da sie den Befehl hatten, ihren Amtssitz und die ganze Provinz zu verlassen, schwerlich noch als die wirklichen Obrigkeiten des Landes gelten. Es war demnach nur ein Raubmord, und bald waren die Täter ermittelt – jeder kannte sie – und eingezogen.

Die Untersuchung, die am 2. Februar 1798 eröffnet wurde, kam zu folgenden Ergebnissen.

Die Erregung des Volkes in Vorarlberg war von selbst entstanden. Sie war gegründet auf die Erbitterung der gesamten Bevölkerung über das Verhalten der Beamten, die sich bis zur Raserei gegen die vermeintlichen Verräter steigerte. Die offene Gewalttat aber, die Ermordung der sogenannten Landesverräter, war das überlegte Werk eines Bösewichts.

Der Anstifter und Anführer bei allen Greueltaten war Franz Joseph Tschofen. Er war nicht ohne Anlagen, hatte aber seine Stellung eingebüßt und sein Vermögen im Spielen, Trinken und Schwelgen durchgebracht. Er war als ein liederlicher, nichtswürdiger Bursch bekannt. Bei der Obrigkeit war er gefürchtet als einer, der, weil er nichts zu verlieren hatte, zu allem fähig war, und die Obrigkeiten jener Zeit glaubten, im Vollgefühl ihrer Autorität, nicht nötig zu haben, schlechte Subjekte zu schonen. Er mochte ihren Druck, ihre Verfolgung und ihre Verachtung erfahren haben und glühte vor Rachbegier, es ihnen vergelten zu können.

Der erste Antrieb zu seiner scheußlichen Tat war also der Haß, den er auf die Obrigkeit geworfen hatte. Dann aber stachelte ihn auch die Eitelkeit an, sich für das Gefühl bürgerlicher Unbedeutendheit und öffentlicher Verachtung durch irgendeine Rolle zu entschädigen. Der Hauptantrieb bei diesem zur tiefsten Gemeinheit gesunkenen Charakter aber war wohl, daß er sich in dem Gewirr einer Volksbewegung bei freier Zeche einen lustigen Tag machen und noch nebenbei mit guter Beute nach Hause ziehen zu können hoffte.

Das Feld für Demagogen ist bei ungebildeten Massen überall dasselbe, nur die Taktik und die Losungsworte sind je nach der Zeit verschieden. Mit Ideen konnte man zu Ausgang des vorigen Jahrhunderts die Bauern von Vorarlberg nicht entflammen, aber das Wort Verrat hat zu jeder Zeit auf alle Menschenklassen eine wunderbare Wirkung ausgeübt. Polen fiel nicht durch die Macht und Willkür seiner Feinde, sondern durch seine innere Zerrüttung, und ihr Hauptagens war das krankhafte Mißtrauen, das im Losungsworte Verrat zur zerstörenden Flamme ausbrach. Polen winkte mehrmals die Rettung, Mißtrauen und das Verratgeschrei vereitelten sie.

Verrat flüsterten auch die Vorarlbergs sich zu, Tschofen sprach das Wort laut aus und streckte unter seinen rohen und unwissenden Landsleuten aus Montafon eine Fahne aus, um die sich die Haufen mehr und mehr sammelten, und daß ihre Wut bis zur Raserei stieg, daß keine Erholung, kein Nachdenken, keine Besinnung Platz greifen konnten, war sein Werk.

Er war es, der zu St. Peter, nachdem der Landeshauptmann und seine Gefährten ins Kloster gebracht worden waren, mit Ungestüm von ihnen die Auslieferung aller Waffen erzwang. Er war es gleichfalls, der den reitenden Boten nach Montafon absandte, er, der den Brief schrieb mit der Aufforderung an die Gemeinden, bewaffnete Trupps nach Bludenz zu senden, um öie Abreise der Landesverräter zu verhindern. Ob er den Einwohnern des Städtchens nicht die rohe Gesinnung und die Unwissenheit zutraute, auf die er bei seinen Montafonern rechnen konnte?

Sobald die Gebirgsbewohner in Trupps ankamen, mischte er sich unter sie und schilderte ihnen den Verrat und die Freveltaten der gefangenen Beamten. Durch die unverschämtesten Lügen und Verleumdungen betörte er ihre Leichtgläubigkeit und regte ihre Leidenschaftlichkeit durch alle Künste, die tückische Bosheit nur ersinnen mag, bis zur Erbitterung auf.

An Gleichgesinnten fehlte es in der Menge nicht, wenn auch an gleich kaltblütig Verwegenen, Die Lust zu Gewalttaten, dazu, sich in ihrer rohen Kraft gehen zu lassen, ist ungebildeten Menschen natürlich; bei den Allergemeinsten aber blitzte die Begierde nach wohlfeiler Beute auf – und der Sprung über das Gesetz war ja eine patriotische Handlung: alles geschah ja für den Kaiser und für das Haus Österreich. Der Schlechte zieht den Schlechten an, die Nichtswürdigsten im Haufen erkannten bald in Tschofen einen Führer, unter dem es sich lohne zu dienen. Als seine Vertrauten und Helfer schürten sie das Feuer.

Möglicherweise wäre es doch noch gut ausgegangen, denn die rohe Menschenmasse ist wohl zu Gewalttaten aufgelegt, wie der Impuls sie eingibt, aber es bedarf künstlicher Mittel, diese Aufregung zu erhalten, wenn die Besinnung erwacht. Vor einer wirklichen Bluttat, und vor allem dann, wenn nach einer raschen Tat das erste Blut geflossen ist, erschrickt der Natursinn. Tschofen war es, der dafür sorgte, daß die Aufrührer nicht zur Besinnung kamen. Er schaffte den Wein herbei, er zwang die Nonnen unter der Drohung, daß er ihnen sonst das Haus anzünden werde, ihren Keller zu öffnen, und ermunterte die Bauern unablässig zum Zechen. Manchem drängte er den Wein mit Gewalt auf. Einem Jakob Wachter, der sein eifrigster Mithelfer geworden war und bereits übermäßig getrunken hatte, schüttete er wider dessen Willen noch fast ein Maß Wein in die Kehle.

Das stimmt mit der Erzählung überein, wie wir sie schon kennen. Der Anreiz zur Missetat war da, aber er kam aus keinem gewaltigen leidenschaftlichen Antriebe, der alles mit sich fortreißt, er mußte immer wieder von neuem angestachelt werden: die Mörder dringen brüllend vor, um zu morden; sie toben in der Erwartung, daß ihnen irgend etwas den Mut leihen werde, und als das nicht geschieht und sie sich bald in Drohungen und kleinen Mißhandlungen erschöpft haben, ziehen sie sich wieder zurück, um sich von neuem zu berauschen und von neuem vorzudringen. In dieser Beziehung erscheint dieser Fall ebenso psychologisch interessant als einzig in seiner Art.

Bei den Ausbrüchen der Wut seit elf Uhr abends sah man den Tschofen immer als Anführer. Er forderte zu den Mißhandlungen der Unglücklichen auf und gab dazu das erste Zeichen, das verabredete Wort »Hopp!« Er befahl besonders dem Jakob Wachter, mit seinem Säbel auf die am Boden Liegenden loszuhauen; er stand vorn an der Tür, als den Wütenden die Beichte zu lange dauerte und sie die Tür endlich aufsprengten; er stieß den Bürgermeister Weber, als er zu entfliehen suchte, ins Zimmer zurück, und er war es, der alle Bemühungen der Gutgesinnten durch seine Überredungskraft bei den Tumultuanten zu vereiteln suchte, indem er deren Worte verhöhnte und ihnen einen falschen Sinn unterlegte.

Ein Zug, der uns überliefert ist, kann dazu dienen, die Charakteristik dieses Menschen zu vollenden. Als auf dem Gange, der Treppe und dem Hofe die letzten Hiebe auf die Opfer niederfielen und die Schüsse auf sie abgefeuert wurden, war Tschofen nicht dabei. Sobald er voraussehen konnte, daß die Unglücklichen ihrem Schicksal nicht entgehen könnten und die eigentliche Metzelei beginnen würde, flüchtete er sich aus dem Zimmer in die inneren Gemächer des Klosters. Hier sah er durch ein Schlüsselloch der eisernen Tür zu, wie Franzin totgeschlagen wurde und man Indermauer und Weber bei den Haaren über den Gang zur Treppe hin schleifte, damit sie im Klosterhof den Rest empfingen. War das Vorsicht, damit er, wenn die Sache vor den Richter käme, die eigentliche Täterschaft abstreiten könnte, oder geheimes, gespensterhaftes Grauen, die Feigheit, die den Verbrecher oft vor dem Letzten ergreift, nachdem er mit grausamer ausdauernder Verstocktheit alles bis zu diesem äußersten Schritt getan hat? Wahrscheinlich beides.

Erst nachdem der letzte Schuß gefallen und der letzte Streich geführt worden war, schlich er aus seinem Schlupfwinkel hervor, um bei der Teilung der Beute nicht der letzte zu sein. Auf seinen Anteil kam außer sechs Pistolen, die er sich sogleich nach der Entwaffnung der Beamten selbst zugeeignet hatte, der blutige Rock des Bürgermeisters Weber, der mit seinen silbernen Knöpfen einen ansehnlichen Wert hatte.

Franz Joseph Tschofen wurde in erster Instanz zu sechzigjähriger Kerkerstrafe (wie alt er damals war, wird uns nicht gesagt) und Zwangsarbeit mit dem Zusatz verurteilt, daß er alle drei Monate mit zwanzig und jedesmal am 10. August mit fünfundzwanzig Stockstreichen gezüchtigt werden solle. Die oberste Justizstelle in Wien milderte zunächst durch das Erkenntnis vom 17. August desselben Jahres dieses Urteil dahin, daß er statt der sechzig nur dreißig Jahre zu sitzen habe. Aus Gnade wurden auch diese dreißig Jahre in zwanzig verwandelt. Die Stockschläge scheinen geblieben zu sein.

Inzwischen war der Krieg wieder ausgebrochen; man meinte, daß, da politische Beweggründe in diesem Straffalle mitgespielt hatten, auch politische Momente bei der Bestrafung mitsprechen dürften, und entließ am 22. Februar 1799 den meisten Mitschuldigen Tschofens ihre noch übrige Strafzeit, wie es im Dekret heißt, »aus Staatsrücksichten«.

Die Gnadengesuche für Tschofen selbst wurden in Wien stets zurückgewiesen. Endlich wurde ihm für den Fall ununterbrochenen Wohlverhaltens nach Ablauf seiner halben Strafzeit auf gnadenweisen Erlaß der übrigen Hälfte Hoffnung gemacht.

Nach den Wechselfällen des Krieges kam Vorarlberg mit Tirol unter bayrische Hoheit. Tschofen büßte damals im Zuchthause zu Buchloe sein Verbrechen, und seine noch lebende Mutter kam mit einem Gnadengesuche für ihren Sohn beim Könige von Bayern ein. Der Jurist Feuerbach trug als Referent dem Könige den Fall vor, konnte jedoch in Anbetracht der Schwere des Verbrechens und der bekundeten Gemütsart des Verbrechers den Antrag nicht unterstützen, so daß er zurückgewiesen wurde. Das bedeutete eine Anerkennung des strengen Urteils der österreichischen Justiz über einen Fall von Ehrlosigkeit, wie er wohl nicht selten vorkommen mag, aber nicht oft mit solcher Deutlichkeit in die Erscheinung tritt wie in der gemeinen Tat des Patrioten von Montafon.

< Der Schwarzmüller
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