Frei Lesen: Isegrimm

Kostenlose Bücher und freie Werke

Kapitelübersicht

Die Schwedenschanze | Die Blutsteine. | Der Quilitzer Knecht. | Die Querbelitzer Schenke. | Schemelbeine. | Isegrimms Haus. | Isegrimm. | Eine Rückfahrt. | Alte Geschichten. | Die erste Nacht in Haus Ilitz. | Eine Erscheinung im Walde. | Der Ball muß sein. | Zwei Anstands-Visiten. | Malchen. | Ein Wetterstrahl im Ratskeller. | Zum Ball oder nicht zum Ball? | Die Ouverture zur Ballmusik. | Die Ballnacht. | Vorm Scheunentor. | Im Schnee. | Jede Schlacht fordert Präparationen. | Schulze und Edelmann. | Die Einquartierung. | d'Espignac. | Der kleine Krieg. | Der Versucher im Hause. | Scheiden. | Ritter und Reiter. | Wendisch oder germanisch. | Das Schwert des Cid. | Der Beichtvater. | Chaotische Besuche. | Der unbegreifliche Brief. | Das Vaterland und bürgerlichen Offiziere. | Die Brücke in die Zukunft. | Eine deutsche Konversation. | Nachtgespenster. | Der Krieg ist nicht Zeit zu Hochzeiten. | Das Ahnenbild stürzt. | Ein verhängnisvoller Brief. | Die Katastrophe. | Ein Doppelgänger. | Eine dunkle Tat. | Ein politisches Geheimnis. | Ihr von Ilitz, Ihr von Ilitz, Solltet nimmermehr nach Quilitz! | Ein Gewitterschlag. | Ein ernstes Zwiegespräch. | Friede und Resignation. | Nach sechs Jahren. | Von Hochgezieten. | Gräfin Heilsberg. | Querl. | Schluß. |

Weitere Werke von Willibald Alexis

Der Werwolf | Walladmor | Geschichten aus dem Neuen Pitaval - 3 | Der neue Pitaval - Neue Serie, Band 4 | Der falsche Woldemar |

Alle Werke von Willibald Alexis
Diese Seite bookmarken bei ...
del.icio.us Digg Furl Blinklist Technorati Yahoo My Web Google Bookmarks Spurl Mr.Wong Yigg


Dieses Werk (Isegrimm) ausdrucken 'Isegrimm' als PDF herunterladen

Willibald Alexis

Isegrimm

Eine Erscheinung im Walde.

eingestellt: 25.7.2007

Elftes Kapitel.

Eine Erscheinung im Walde.



Ein Blick auf jede Spezialkarte wird dem Leser den Weg veranschaulichen, welchen der Wagen zu machen hatte, auf dem die Ilitzer Herrschaften nach der Kreisstadt fuhren.

Die kleine Quierlitz, von der man meint, sie müsse im großen Torfmoor ertrinken, hat doch noch Kraft, die lange Sandhügelreihe, die Kleistower Berge, zu durchbrechen, und jenseits fällt sie in die Ritze. Hier wollte Thurneisser Goldsand fischen; darüber sind die Krebse ausgegangen. Die Ritze schlängelt sich nun durch die feuchten Wiesen, die Langewische und den Wildenbruch, etwa eine halbe Meile. Es ist viel Schilf. Von daher kommen die Kibitzeier nach Berlin. Wo die Ritze in die Gnitze sich ergießt, da liegt, wie jeder weiß, Ritzengnitz. Das Haus war im dreißigjährigen Kriege von Max Piccolomini verbrannt; das jetzige ist erst nach dem siebenjährigen Krieg aufgebaut.

Als die Wolfskehle, die bei denen von der Quarbitz auf Ilitz zu Lehn gingen, reich geworden unter der guten Wirtschaft von Marcus Ephraim, den ihr Vater als Gütervormund eingesetzt, schwoll ihnen der Kamm; sie prätendierten, ihre Vorfahren wären Schloßgesessene gewesen und hätten nur zu böser Zeit ihre Güter denen von der Quarbitz zu Lehn übergeben. Aber im Prozeß vorm Kammergericht ward bewiesen, daß sie nie ein Schloß gehabt, nur ein Lehmhaus, mit Stroh drauf. Sie einigten sich drauf aber doch gütlich und fanden die von der Quarbitz mit dreitausendfünfhundert Talern ab für ihre Lehnsrechte. Der Boden im Winkel zwischen Ritze und Gnitze ist pures Gartenland; daher kommen die besten Borstorfer Aepfel.

Um so blendender glänzt der Snadberg, die Wolfskehle, mit seinen weißen Spitzen schon in der Ferne aus dem vollen Grün der Gärten. Daß darauf ein Wartturm oder gar eine Burg gestanden, ist eine Fabel der Familie. In der Kehle mögen sie vor alters Wölfe gefangen haben; daher der Name. Jetzt vermutet man, daß unter dem Sattel Braunkohlen lagern. Die Ritzengnitz aber, wie nun der Fluß heißt, ergießt sich immer noch in südlicher Richtung in zwei Seen; zuerst in den kleineren Moltzen und von da in den großen Karutz. Da fließt sie seitwärts nach Abend ab und heißt nun die Beeste. Wie die Beeste bei den Schmöckewitzer Bergen in die Elbe kommt, weiß jedermann.

Das Fließwasser, worauf sie das Holz vom Karutzsee nach Nauwalk flößen, ist nicht mehr die Ritzengnitz; es sind pure Wiesenwasser. Im Karutzsee, der einer der größten in der Kurmark, wurden die berühmten Karauschen gefangen. Nach der Volkssage haben die Wenden, als sie beim letzten Aufstande das Kloster Kogel zerstörten. die Nonnen in diesen See geworfen; davon wären die Fische so fett. Auch findet man Bernstein darin, das wären ihre letzten Tränen. Von dem vierhundertjährigen Prozeß zwischen den Quitz, Alvensleben, Schapelow und Kröcher mit dem Fiskus, wie weit jeder fischen dürfe, sage ich nichts. Die Quitz und Schapelow sind darüber ausgestorben. Neunzig Jahre vergingen, ehe die andern sich als Successores legitimierten.

Als dann die Kröcher und Alvensleben gewannen, wars mit den Karauschen zu Ende. Sie hatten nach Uebereinkunft einen Administrator in der hohen Binde niedergesetzt; der legte pünktlich alle Jahr Rechnung ab, und sie war immer richtig, aber es hat weder der Fiskus, noch die Alvensleben und die anderen je einen Fisch aus dem Karutz bekommen. Es ging alles auf die Kosten. Wenn einer der edlen Herren die Karauschen kosten wollte, mußte er sich beim Administrator zu Gaste bitten.

Von Querbelitz, das in der Mitte zwischen Ilitz und Quilitz liegt, wie der Kopf zwischen den Schultern, geht der geradeste Weg nach Nauwalk über die Wiesen und Fließe bis an den Karutzsee, von wo es nicht mehr weit ist. Auf dem Buttertrab kam selten ein Reiter fort, geschweige denn im Wagen, und in den Wiesen wird es noch schlimmer. Also fuhren sie von Ilitz und Quilitz jeder auf seiner Seite des Bruchlandes; die Ilitzer in der Niederung, die Quilitzer auf der Höhe. Beides sind große Umwege. Und doch fuhr der Herr von der Quarbitz auf Ilitz, wenn er nach Nauwalk wollte, nie auf seiner Seite, sondern wählte den noch größeren Umweg, er fuhr über Querbelitz bis dicht an die Quilitzer Feldmark und schwenkte dann in den Quilitzer Weg ein. Da wurden es an drei Meilen, und auf seiner hatte er nur zwei. Was er vorgab, daß der Weg dort höher, also trockener sei, das war nicht der Grund.

Der Ilitzer Knecht fuhr den nächsten Weg. Der Herr sah es ja nicht; und wenn er es gesehen, heut würde er nichts einzuwenden gehabt haben. Nur als sie links die Wolfskehle aus den rotbraunen Obstbäumen vorblitzen sahen, seufzte etwas die gnädige Frau. Es waren Erinnerungen an vergangene Tage.

»Mit denen hätten wir auch gute Nachbarschaft halten können! Es waren charmante Leute, die Herren von Wolfskehl,« setzte sie hinzu, »und wer weiß, wird aus dem Leutnant auch noch was Solides.«

»Der Vater kann es nicht verschmerzen, daß sie nicht mehr seine Vasallen sind,« sagte die Aelteste, um den Kandidaten von den Verhältnissen zu unterrichten. Die Mutter fuhr fort:

»Aber da sollen Sie mir sagen, Herr Mauritz, ob das christlich ist, daß er mit seinem Vater im Sarge noch zankt, weil der, wie er sich ausdrückt, um einen Pappenstiel seine Lehnsrechte aufgegeben hat.«

Herr Mauritz hätte auch hierauf erwidern mögen, daß das Christentum mit der Frage wenig zu tun habe. Er umging aber die Antwort, indem er sie in die Frage verwandelte, was das mit dem Ort und der Stelle für Zusammenhang habe?

»Wir sind hier aus der Ritzengnitzer Feldmark,« ward ihm erwidert. »Wenn die alten Quarbitze nach Nauwalk fuhren, ward immer ein Bote an den Herrn von Wolfskehl vorausgeschickt, mit der Meldung, daß sie dann und dann passieren würden. Alsdann gestellten sich zur bestimmten Stunde der Hausherr oder seine Söhne, zu Pferde oder zu Fuß, an der Grenze ihres Gebiets, begrüßten als Vasallen ihren Lehnsherrn, erkundigten sich nach seinem Wohlsein, fragten um seine Befehle und invitierten ihn, ihr niedriges Haus mit seiner Gegenwart zu beglücken. Natürlich trat er nie ein, hatte nie etwas zu befehlen, befand sich immer sehr wohl, erkundigte sich auch nach dem Wohlsein der Familie seines lieben Vasallen, grüßte höflich und fuhr ab. Jene rauhe Formel des »Er«, wie der Quarbitzer Senior an die Ritzengnitze schrieb, ward im persönlichen Umgang nicht gebraucht, auch nicht die Versicherung, daß er ihnen immer hold und gewärtig sein wolle.«

»Ins Gesicht wagten sie sich die Albernheiten nicht zu sagen,« sprach Minchen.

»Der Vater war oft als Knabe mit seinem Vater, der streng darauf hielt, Zeuge dieses Auftritts gewesen, und sein kindischer Stolz hatte sich auf die Zeit gefreut, wann diese Ehre ihm gelten würde. Darum hatte er es nicht verwinden können, daß der Vater dies uralte, heilige Verhältnis in einem Augenblick und um so geringen zeitlichen Gewinn auf immer hingeben konnte.«

»Um deswillen fährt der Vater den Weg auch nicht mehr.«

Und die Mutter fuhr fort:

»Es erinnert ihn zu schmerzlich, sagt er, an die guten alten Zeiten, die täglich mehr und mehr untergehen. Nun bitte ich Sie, Herr Mauritz, wenn das noch zu meiner Zeit gewesen wäre, ich hätte ja nicht gewußt, wo hinsehen. Diese reichen Ritzengnitze, wo die Jäger und Lakaien von Gold und Tressen starren, mit ihrem silbernen Pferdegeschirr, die hielten hier vor unserer alten Landkutsche und machten uns die Honneurs, und sprächen von ihrem niedrigen Hause, und es ist wie ein Palast für Prinzen, und unser räucheriges altes dagegen! Nein, man muß doch auch wissen, was an der Zeit ist und was sich schickt. Und, ich frage Sie, was kann ein vernünftiger Mensch davon haben? Sie lachten uns, wenn wir den Rücken gekehrt, herzlich aus, wie sie schon damals getan; ich weiß es vom Vetter aus Quilitz. Auch bei Hofe haben sie von der köstlichen Komödie erzählt. Ich fühlte und dachte es gleich, wie wir zur Huldigung in Berlin waren. Sie sahen uns so an, und in ihren Blicken las ich, was sie dachten: Ach, das sind die!«

Die Wagenräder stolperten jetzt auf Damm und Brücke über den Teil des Flusses, der den Moltzensee und den Karutz verbindet. Jenseits am Karutz sind die Ufer steil. Von dem finstern Kiefernwald, mit dem sie bestanden und der den Ritzengnitzen gehörte, sieht man heute nicht mehr viel. Der Seerosen und die Pechhütte konnten auch in siebenundvierzig Jahren nicht die ganze Jungfernheide aufzehren, aber die Administratoren ließen nach dem Kriege schlagen, ein Jahr immer mehr als das andere; einiges ging auf der Flöße nach Nauwalk, das beste Holz durch die Beeste nach der Elbe, zumal nach dem Hamburger Brande.

Auf der Höhe geht die Straße nach der Stadt; sie trifft da auch mit der Quilitzer zusammen, und von manchen Punkten hat man noch jetzt durch die hohen Kieferstämme, die am Rande stehen geblieben, schöne Niederblicke auf den See. Aber von dem jungfräulichen Walddunkel, das so oft die Beeren lesenden Kinder erschreckte und in die lichten Gestelle zurücktrieb, ist nichts mehr zu finden. Die Gestelle schneiden aber noch durch die Schonungen in den See hinab.

Der Wagen hatte, mühsam durch den Sand sich hinaufwindend, die Straße oben gewonnen, wo er sanft hinrollte, denn auch ein Regen wie gestern konnte diese Sandwege nicht verderben. Auch war es seit heut morgen klarer geworden, und es blitzte etwas Sonnenlicht in die schwarzen Kiefern. Da glaubten sie ein seltsames Geräusch zu hören, es fuhr durch die Büsche, nicht wie der Wind, sondern wie das wilde Heer. Karoline hatte ein Blaseinstrument schmettern gehört, Wilhelmine bestritt es, die Mutter sah sich ängstlich um: wenn sie hier nur nicht Franzosen begegneten!

Das sei wohl möglich, meinte Herr Mauritz, da in Querbelitz Einquartierung angesagt gewesen, die in der Nacht nicht gekommen; von den regulären Truppen habe man aber nichts zu fürchten. »s ist nur so allein im Walde!« meinte die Mutter, als es im Gestell knisterte und stiebte, wie von einem aufgeschreckten Wilde. Die Pferde scheuten. Eine Erscheinung wars, träumen ließ sie sich in einem arabischen Märchen, aber nicht an einem rauhen Novembertage in einer kurmärkischen Kieferheide.

Aus dem Gestell zur Linken schoß eine Reiterin gerad im Augenblick, als die Kutschpferde die Oeffnung passieren wollten. Auf dem fahlgelben, elegant gebauten Renner lag sie mehr, als sie saß, das wunderschöne junge Mädchen. Die Linke hielt leicht den Zügel, die Rechte die Reitpeitsche, den Arm zurückgesteckt, wie ein verfolgter Beduine mit dem Säbel gegen die Verfolger gekehrt.

Ihr Kopf berührte fast den ihres Falben, aber ihre schelmisch blitzenden Augen waren, soviel der Schleier zu sehen erlaubte, auf die hinter ihr kamen gerichtet. Wie malerisch wallte dieser Schleier, am kleinen Hute befestigt, in den Lüften zurück; ein grüner Schatten, der seine fliehende Gebieterin zu verlieren fürchtet. Wie phantastisch schwankten auf dem Hute die braunen Farnkrauthalme, welche die Schöne in künstlerischer Laune daran gesteckt. Ueber das herabflutende weiße Untergewand schmiegte sich ein blausammetner Kaftan knapp an die schönen Formen des Oberleibs und zeichnete die Linien der vollen vollkommen schön gebauten Arme. Aber die schwarzen Augen, die aus dem von Freude, Spannung, Schelmerei und List glühenden Gesichte blitzten, waren es, welche den Beschauer, wie der Blick der Schlange den Vogel, gefesselt hielten.

Diesen Blick schenkte sie den Insitzerinnen des Wagens, als sie über den Weg gesetzt war, aber, wenn der Ausdruck erlaubt ist, nur die Schlacke fiel ihnen zu; der blitzende, lebendige, schoß über den Wagen fort, nach der wilden Meute, die mit einem Hussa das Gestell heranbrauste.

»Mesdames, arrêtez, sil vous plaît! – Non, non, avancez, mesdames! – Fermez la porte – barricadez le chemin – je vous en prie!«

Ein Wirbelwind von Worten. Die Reiterin wollte das Gestell hinabstürzen.

»Herr Gott, da stürzt sie!« schrie Minchen auf. – Sie wäre auch gestürzt, denn wenige Schritte davon senkt sich das Gestell so jählings in den See, daß man im Winter das Holz herabrollen läßt, wenn – ihr Pferd nicht so gut, sie nicht eine so vortreffliche Reiterin gewesen wäre. Im Nu hatte sie das Tier umgeworfen, sie war wieder oben, an dem Kutscher vorbei und sprengte den Weg nach Nauwalk hin.

Der Kutscher aus Ilitz, der leider kein Französisch verstand, war ruhig weitergefahren; da die Tür also nicht geschlossen, das Gestell nicht barrikadiert war, fuhr die Meute der Verfolger heraus. Zwar genötigt, einen Umweg um die Kutsche zu machen, brauchten sie doch die Hoffnung nicht aufzugeben, die Reiterin noch einzuholen.

Die Reiter hatten keinen Blick für die Kutsche und ihre Insitzerinnen; diese ließen ihre Blicke auf den Vorübersprengenden haften, so lange es möglich. Jene glühten, zwar nicht so schön als die Reiterin, aber ebenso voll Spannung, Erwartung, Erhitzung! Diese saßen stumm und still, eine war ganz blaß geworden, die Mutter nur brach das Stillschweigen, als der Sturm vorüber gesaust: »Mein Gott, was war denn das?«

Darauf wußte oder wollte keine eine Antwort geben, aber jede hatte einen oder mehrere aus dem Korps der Verfolger erkannt. Es waren junge Herren aus der Umgegend. Den rotköpfigen Herrn von Quiritz hatten alle gesehen; seine Güter liegen auf der anderen Seite des Karutz. Auch der Leutnant Wolfskehl von Ritzengnitz war darunter. Aber auch französische Offiziere. Es war eine partie de plaisir. Sie lachten und nickten sich zu. – »Herr Gott,« rief die Mutter aus, »wenn ich recht sah, da war auch Theodor bei.«

Minchen bezweifelte es, Karoline bestritt es. Der Kandidat wußte es. Malchens Knie, die ihm gegenüber saß, zitterten heftig gegen die seinen; ihr Gesicht verbarg sie mit dem Tuche, sie hatte von der Zugluft zwischen den Seen Zahnschmerzen bekommen. Er schnitt den Streit darüber durch die Bemerkung ab, es scheine Parforcejagd zu sein, vielleicht würden sie an der Pechhütte Auskunft erhalten.

Es traf so ein. An der Pechhütte stand der Förster von Ritzengnitz und unterhielt sich lachend mit den Arbeitern. Sie stritten darüber, wer sie einkriegen würde. Eine Jagd sei es nun eigentlich nicht, erklärte er den Damen, aber sein junger Herr habe ein Jagdfrühstück einigen Herren und Damen aus der Nachbarschaft gegeben, und dazu seien auch von den französischen eingeladen worden; auch eine Generalin mit ihrer Nichte, die der Armee nachreisten, deren Namen aber sehr geradebrecht aus seinem Munde hervorkamen. Der der Generalin war ganz unverständlich, der der Nichte konnte wie Komtesse dAignillon klingen. Was sie eigentlich spielten, wisse er nicht, aber es wäre wohl eine Art Zeckjagen, die Gräfin wäre eine verteufelte Reiterin und hätte pariert, wenn sie ihr und ihrem Falben nur so und so viel Schritt Vorsprung gäben, sollte keiner sie kriegen; wenn aber einer sie doch kriegte, sollte er einen Kuß haben. »Bis itzo ist sie allen entwischt,« schloß er, »aber endlich läßt sie sich doch kriegen, oder es müßte keine Frauensperson sein. Sie wird auch schon wissen, von welchem sie sich kriegen läßt. Uebrigens werden die gnädigen Herrschaften Ihnen schon noch weiter begegnen; denn wo die Gestelle aus sind, müssen sie retour, und dann gehts ein paarmal kreuz und quer über die Landstraße. Kilian,« rief er zum Kutscher, »halte nur Deine Klepper ordentlich stramm, sonst gehen sie auch durch.«

Kilian murmelte einen Fluch durch die Zähne. Welcher Kutscher läßt seine Pferde bespötteln! Aber der Förster hatte recht. Es traf so ein!

Die Reiterin oder ihr Falber schien erschöpft, als sie durch rasche Wendung in eine Schonung die Hetze aus den Augen verloren. Sie wollte die Straße trassieren, als durch die Büsche ein Reiter ihr den Weg abschnitt. »Grâce!« rief sie lächelnd und nicht erschreckt. Wie sollte auch der bildhübsche junge Mensch, blond, blauäugig, um seine Lippe keimte kaum der Flaum, ein schönes Mädchen erschrecken, als er nach dem Zügel ihres Pferdes und damit ihre Hand griff. Wie erschöpft hatte sie den Kopf, eine Ueberwundene, sinken lassen, ihre Wangen streiften sich.

»Cest pour vous en secret!« flüsterte sie. »Mais pour lui en public!«

Kaum waren die Worte gesprochen, als die Schelmin einen derben Schlag mit der Reitgerte auf das Pferd des Siegers tat; es bäumte sich, der Reiter, alles eher als dessen sich versehend, stürzte. Im selben Augenblick stieß eine weibliche Stimme einen zerreißenden Schrei aus, im selben Augenblick flog aber auch die Dame über die Straße. In der Mitte erhob sie sich im Sattel, die Gerte hoch in der Hand. »Trompés, Messieurs, je suis encore libre, trompés!« rief sie und verschwand in den Büschen. Die Hetze ihr nach, aber weit voran in Carriere der Ritzengnitzer. »Du sollsts nicht lange bleiben. Ich habe Dich doch.«

Der Schrei kam aus dem Wagen der Ilitzer Herrschaften, die gerade jetzt um die Biegung der Straße fuhren. Ja, es war Theodor, der vom Pferde gestürzt. Aber es war weicher, märkischer Sand; der tut niemand Schaden. »Er klopft ihn sich schon ab,« sagte die Mutter, und wollte ihren Neffen heranrufen. Aber Malchen rief mit ängstlicher Heftigkeit Kilian zu, er möge weiterfahren.

»Warum denn?«

»Es ist doch gut,« meinte Herr Mauritz, »denn die Reiter könnten wiederkommen.«

Kilian war schon von selbst dem Wunsche des Fräuleins nachgekommen.

Aber sie trafen auf eine andere Fährlichkeit. Was versammelte die Hunderte von Menschen, was die Bajonnette und klirrenden Reiter auf dem Mühlenanger vor der Stadt? »Herr Gott, sie schießen!«

»Das ist aber kein Gefecht,« beruhigte der Kandidat, der emsig hinaussah, die Damen. Der ersten folgte eine zweite, dritte Salve von mehreren Flintenschüssen. Ein dumpfes Murmeln, untermischt mit Geschrei von Weibern und Kindern. Als der Wagen sich langsam näherte, ritt ein Gendarm heran und befahl dem Kutscher, durchzufahren, es schien auf den Wink eines kommandierenden Offiziers, der zu Pferde hielt. »Herr Gott, was gibt es hier?«

»Eine Exekution,« antwortete eine wohlbekannte Stimme von der anderen Seite des Wagens. Es war Baron Eppenstein. »Schließen Sie die Augen, meine Damen, es ist da nichts für Sie zu sehen. Die Marodeure von Dames Mühle werden füsiliert. Neun Stück. Die Franzosen wollen exemplarische Mannszucht halten. Es ist ein neuer Kommandierender heut angekommen.«

Ja, wer kann die Augen schließen, wenn man ihm sagt: vor Dir geschieht das Entsetzlichste, was Du sehen könntest! Drei mit verbundenen Augen knieten auf dem Sandhügel, drei blutende Körper wurden fortgeschleppt, und drüben im Sand eine tiefe Grube! Sie trugen die Leichen ihrer Kameraden.

Malchen war mit einem Aufzücken, das aber kein Schrei wurde, in Ohnmacht gesunken, die Mutter hielt sich die Hände vors Gesicht, konnte es aber nicht lassen, durch die Finger zu sehen. Der Kommandierende ritt ja an den Wagen, eine elegante militärische Gestalt von schönem, ernstem Gesicht. Er fixierte die Damen mit Kennerblicken, indem er sprach:

»Beeilen Sie sich, meine Damen. Es ist kein Schauspiel für zarte Frauen. Der Krieg ist ein furchtbarer Richter. Wir tun es für Ihre Ruhe und Sicherheit. Ich bitte inständigst, eilen Sie und verschließen Sie Augen und Ohren.«

Minchen zog rasch die Gardine vor das Fenster. »Verzeihen Sie, Herr General, das ist auch nötig, wenn wirs nicht sehen sollen.«

Karoline rief:

»Aber, Mine, wie ungeschickt wieder, der General, siehst Du ja, wollte noch mit uns sprechen.«

Kutscher Kilian hatte aber die Pferde schon angetrieben. Als sie die Scheunenbrücke passierten, knatterte ihnen die nächste Salve nach, die letzte hallte an den Gewölben des alten Turmtores wieder. So war das Entree der Ilitzer Herrschaften in der alten Stadt Nauwalk.

< Die erste Nacht in Haus Ilitz.
Der Ball muß sein. >



Die Inhalte dieser Seite sind Eigentum der Öffentlichkeit.
Sollten trotzdem Urheberrechte entgegen unserem Wissen verletzt worden sein, bitten wir Sie mit uns Kontakt aufzunehmen.