Frei Lesen: Isegrimm

Kostenlose Bücher und freie Werke

Kapitelübersicht

Die Schwedenschanze | Die Blutsteine. | Der Quilitzer Knecht. | Die Querbelitzer Schenke. | Schemelbeine. | Isegrimms Haus. | Isegrimm. | Eine Rückfahrt. | Alte Geschichten. | Die erste Nacht in Haus Ilitz. | Eine Erscheinung im Walde. | Der Ball muß sein. | Zwei Anstands-Visiten. | Malchen. | Ein Wetterstrahl im Ratskeller. | Zum Ball oder nicht zum Ball? | Die Ouverture zur Ballmusik. | Die Ballnacht. | Vorm Scheunentor. | Im Schnee. | Jede Schlacht fordert Präparationen. | Schulze und Edelmann. | Die Einquartierung. | d'Espignac. | Der kleine Krieg. | Der Versucher im Hause. | Scheiden. | Ritter und Reiter. | Wendisch oder germanisch. | Das Schwert des Cid. | Der Beichtvater. | Chaotische Besuche. | Der unbegreifliche Brief. | Das Vaterland und bürgerlichen Offiziere. | Die Brücke in die Zukunft. | Eine deutsche Konversation. | Nachtgespenster. | Der Krieg ist nicht Zeit zu Hochzeiten. | Das Ahnenbild stürzt. | Ein verhängnisvoller Brief. | Die Katastrophe. | Ein Doppelgänger. | Eine dunkle Tat. | Ein politisches Geheimnis. | Ihr von Ilitz, Ihr von Ilitz, Solltet nimmermehr nach Quilitz! | Ein Gewitterschlag. | Ein ernstes Zwiegespräch. | Friede und Resignation. | Nach sechs Jahren. | Von Hochgezieten. | Gräfin Heilsberg. | Querl. | Schluß. |

Weitere Werke von Willibald Alexis

Der Werwolf | Geschichten aus dem Neuen Pitaval - 3 | Walladmor | Der neue Pitaval - Neue Serie, Band 4 | Der neue Pitaval - Neue Serie, Band 9 |

Alle Werke von Willibald Alexis
Diese Seite bookmarken bei ...
del.icio.us Digg Furl Blinklist Technorati Yahoo My Web Google Bookmarks Spurl Mr.Wong Yigg


Dieses Werk (Isegrimm) ausdrucken 'Isegrimm' als PDF herunterladen

Willibald Alexis

Isegrimm

Zum Ball oder nicht zum Ball?

eingestellt: 25.7.2007

Sechzehntes Kapitel.

Zum Ball oder nicht zum Ball?



Der Ball war angesetzt. Der Landadel gab ihn, das heißt, einige der in Nauwalk anwesenden Edelleute hatten patriotisch die Summe zusammengeschossen, dem Point dhonneur der anderen es überlassend, sich auch zu beteiligen. Es war der einzige Weg gewesen, aus dem Gewirr der Meinungen herauszukommen. Wenn man die Häupter einig sieht, wollen es die Glieder auch scheinen. Der Hofmarschall von Quilitz, der Johanniterritter von Quiritz und der Freiherr von Wahrnim-Stintenfang waren diese Häupter, und sie hatten ihr Geld gut angelegt, denn von den übrigen Familien wollte es jetzt eine der anderen zuvortun, ihren Namen zu unterschreiben und den Beitrag zu zahlen. Auch Wahrnim-Hintzenacker und Wahrnim-Kautzenburg; der erstere hatte vorhin laut dagegen deklamiert, der letztere es bedenklich und nicht zeitgemäß gefunden. Sie wurden sogar empfindlich und ließen einfließen, daß man sie zurückgesetzt. Auch im Stadtrat kam es zur Sprache, und Stimmen regten sich, ob man sich denn die Sache von den Rittergutsbesitzern über den Kopf wegnehmen lassen, ob man nicht aktiv daran teilnehmen solle. Der öffentliche Charakter des Festins sei noch nicht zu verkennen, so wenig als die lobenswerte Absicht, eine Harmonie zwischen den Angesessenen und der Bevölkerung mit Einquartierung herzustellen. Wer zöge den nächsten Vorteil, als die Stadt selbst, denn wenn auch die ganze Provinz den angedeuteten allgemeinen mitgenösse, fiele doch die wohlmeinende Gesinnung der Franzosen zuerst auf die Stadt, wo sie gegessen, getrunken und im Quartier gelegen. Außerdem flösse das Geld in die Taschen der gewerbetreibenden Bürger. Wenn sie nur das Maul aufsperren, mitessen, mittrinken und mittanzen wollten, was würde das nachher wieder für Anzüglichkeiten, Raillerien und Anklagen von seiten der Landedelleute geben, und was könne man mit Grund dagegen sagen!

Von der anderen Seite ward erwidert, das Stadtgut sei schon verschuldet, die ausgeschriebenen Kontributionen kaum aufzutreiben, derer, die noch kommen würden, nicht zu gedenken, die Bürger von der Einquartierung erdrückt; wie wolle man es vor ihnen verantworten, zu einem Balle entweder neue Schulden zu kontrahieren, oder einen Umlauf bei den Bürgern zu veranstalten! Man tue genug, wenn man den Ratssaal gratis hergebe, dazu die Stadtmusikanten, und an den Roland die Laternen hänge.

Demnächst ließ man einfließen: man wisse doch auch nicht, wie die Sache ablaufen, und eine zu große Bereitwilligkeit einst übel vermerkt werden könne. Was habe es Mühe gekostet, der Stadt die kleine Garnison zu verschaffen; wer wolle die Verantwortung auf sich nehmen, daß sie ihr im Frieden wieder entzogen würde? Diese Ansicht siegte mit großer Majorität, jedoch mit dem Amendement, daß der Magistrat seine Stadtmusikanten selbst beköstigen und taxmäßig vergüten wolle. Ein Unteramendement fand allgemeine Zustimmung, daß ins Protokoll zu setzen sei: »es geschehe dies, um sie in der Uebung zu erhalten, weil in dieser schlimmen Zeit nirgends mehr Musik gemacht werde.«

Ein Umstand, der im Rate gar nicht berührt wurde, sprach bei dieser Entscheidung mit. Der Entschluß des Ballkomitees war schon bekannt, die Bürgerlichen diesmal nicht auszuschließen, sondern die Einladung auf alle Honoratioren, soweit dies irgend tunlich, auszudehnen. Die Freude in Nauwalk war groß, bei den Frauen hatte der Adel dadurch sehr gewonnen. Welches Saatkorn innerer Zwietracht er in die friedliche Stadt dadurch geworfen, wie üppig es wucherte, wie es lange Jahre Nauwalk in zwei Parteien schied, bis erst das ganze Versöhnungsfest, der Krieg und der Aufruf des Königs an alle Söhne des Vaterlandes 1813, eine Aussöhnung bewirkte – das hatte der Adel damals selbst nicht bedacht. Es war wirklich in wohlmeinender Absicht geschehen, als er dem Magistrat Carte blanche gab, alle Honoratioren einzuladen, ohne die Personen zu nennen, ohne die Grenze zu bestimmen. Der Bürgermeister hatte schwere Stunden, Tage. Die Klagen wegen der Einquartierung waren nichts gegen die, welche er von den nicht Eingeladenen hören mußte. Wie er auch mit dem Syndikus und Kämmerer alte Register und Bücher nachschlug, wo stand denn positiv geschrieben, wer ein Honoratiore sei? Es war Usance, und die Usance hatte gewechselt. Das Natürlichste war, das Festkomitee um eine offizielle Auslegung anzugehen. Der Herr von Wahrnim-Stintenfang aber zuckte die Achseln: in einer so delikaten Angelegenheit müsse er die Entscheidung ganz der Weisheit des Magistrats überlassen; übrigens, und dabei drückte er dem Bürgermeister verbindlichst die Hände, ihm sei der Niedrigste gleich dem Höchsten; . . . . sei es denn eine Zeit, um Standesunterschied zu hadern? Sie wären alle hier nur Menschen, Brüder, Bürger! Der Hofmarschall sagte ähnliches; der Herr von Quiritz: er sei zu unbekannt mit den Verhältnissen . . . er war der nächste Nachbar der Stadt.

Hätten sie nur ihm allein die Ohren vollgeklagt, aber sie stürmten auch zu seiner Frau. Sie mußte vieles hören, was sie als Frau des regierenden Bürgermeisters nicht mehr hören zu dürfen glaubte. War er denn als Bürgermeister geboren, war sein Vater nicht ein Grobschmied gewesen, und seine Cousinen, die Töchter jenes wohlhabenden Kupferschmiedes, sollten nicht für Honoratioren gelten! Es soll nicht bei Tränen im Zimmer stehengeblieben sein; der Vorwurf ist aber auch hart, daß man aus Hoffart sein eigenes Blut verleugne. Die Frau Bürgermeisterin weinte aber noch insbesondere in ihrer Kammer, und in einem Augenblicke des Affektes mußte ihr Mann das bittere Wort hören: »Hättest Du mir das damals in Halle gesagt!« Irren wir nicht, so wurden die Kupferschmiede nachträglich für Honoratioren erklärt, was indes auch für sie wieder unangenehme Demelés mit ihren Cousins, den beiden Klempnern, hervorbrachte. Dagegen blieben die Magistratspersonen unerbittlich bei ihrer Weigerung, auch andere sehr respektable Schuhmacher und eine Schneiderfamilie anzunehmen, obgleich letztere in Stettin mit einer der ersten Kaufmannsfamilien verschwägert war. Andere, ich verschweige ihren Namen, wählten einen ungleich kürzeren, aber exakteren Weg; sie beklagten sich bei den französischen Behörden. Sie fanden die freundlichste Aufnahme, besonders wenn die Frauen und Töchter freundlich und hübsch waren. Ja, man traute seinen Augen nicht, und es war lange ein Skandal, der Payeur-General erschien auf dem Balle am Arm einer Bierschenkerstochter aus der Vorstadt, die hübsche Gustel genannt. Es ließ sich ihr zwar nichts Böses nachsagen, auch war der Vater ein wohlhabender Mann, aber den Stammgästen setzte sie selbst das Bier auf den Tisch, die Honoratiorinnen nickten ihr nur gnädig mit dem Kopf zu und fragten sie höchstens: Wie gehts denn, Gustel? – Das mußten sie sich gefallen lassen, der Feind war im Lande; aber den Schneidertöchtern gaben es die Honoratiorinnen auf dem Ball zu verstehen, was sie von ihnen dachten. Sie sprachen kein Wort mit ihnen.

Wir sind der Geschichte vorausgeeilt. Von den eben berührten inneren Zerwürfnissen in Nauwalk merkten die Fremden nichts. Selbst Frau Rothenmeier im Deutschen Haus und der Wirt von der goldenen Gans hatten sich unter Vermittelung des Magistrats geeinigt. Der eine, glaube ich, besorgte das Flüssige, der andere das Konsistente. Nur in einer Familie war man nicht einig. Die Ilitzer hatten einen Expressen nach Haus geschickt mit der Anfrage, ob der Vater damit einstimme, daß sie den Ball besuchen, und der Bote war nicht zurück. Es war nahe an Mittag.

»Und die Sonne scheint wieder seit zehn Uhr,« sagte Minchen am Fenster. »Drüben kommen schon trockene Steine vor.«

»In der Heide oben ists ganz trocken und warm,« bemerkte Karoline. »Baron Eppenstein sagte vorhin, man könne da einen Spazierritt machen.«

Frau Rothenmeier blickte zur Tür herein: »Haben Sie nur ein bißchen Geduld, meine Herrschaften. Der Andreas ist links rum gegangen über die Wiesen und die hohe Binde. Da ists noch grausam naß, aber er hat große Wasserstiefeln an; der kennt den Weg. Und dann nimmt da einer doch auch unterwegs einen über die Lippen. Wer weiß, wo er da sitzen geblieben ist.«

»Aber gestern Abend schon fort.«

»Wenn ihm nur nicht ein Unglück passiert ist!« sagte die Mutter.

»Gnädige Frau, man muß nicht gleich ans Schlimmste denken, und nicht zu viel fragen. Das sagte mein Seliger immer. Wer viel fragt, kriegt viel Antworten. Halten Sies nicht für ungütig, aber ich hätte gar keinen Boten ausgeschickt. Herr Gott, der gute Herr Major haben da wohl an anderes zu denken, als an nen Ball. Vielleicht ist er auf dem Felde und Andrees kann lange suchen. Und wer weiß, als er seine liebe Familie in die Stadt einpackte, was er da gedacht hat. In Nauwalk sind sie mal tanzlustig. Das wissen auch der Herr Major. Lieber Gott, Sie waren auch einmal jung und Leutnant, und man erzählt sich hier manches.«

»Er erlaubts nicht, ich weiß es,« wiederholte die gnädige Frau.

»Erlauben nicht, nein, gnädige Frau, wenn ich mich unterstehen darf, das zu sagen. I Gott bewahre, Sie sind nun mal jetzt etwas irritiert, Sie werden Ihrer lieben Familie nicht sagen lassen: in Gottes Namen, tanzt! Das, nein, das kann er nicht. Aber im Herzen denken Sie: meinen Kindern gönnte ichs schon, und wenn ich nicht sagen lasse, so mögen sie tun, was sie wollen. Nachher können Sie schon, wenn es erlaubt ist, etwas brummen, aber was tut das. Vielleicht brummen Sie auch nicht, Sie tun, als wüßten Sie nichts davon. Warum er aber den Andrees nicht zurückschickt, das weiß ich auch.«

»Frau Rothenmeier,« sagte Minchen, »wenn Redoute ist, wüßte ich eine gute Maske für Sie – die Schlange aus dem Paradiese.«

»Das gnädige Fräulein hat zu gütige Intentionen. Ich und eine Schlange!«

»Oder spielen Sie den Apfel auf dem Baume?«

»Der fiele von selbst runter, Eva braucht gar nicht danach zu greifen,« sagte Karoline.

»Wenigstens unterstehe ich mich zu sagen, meine verehrten Fräulein, in dem Apfel wäre nichts Saures und auch sonst nichts Böses. Ist Tanzen wohl was Sündliches? Eine Motion ist es für den Körper, daß das Blut nicht ins Stocken gerät, gegen die Melancholie und den Menschenhaß ein Radikalmittel, sagte unser Physikus. Daher werden in England so viele verrückt, sagte er, weil sie zu wenig tanzen, oder zu langsam. Fragen Sie den Herrn Kandidaten. In der Bibel steht schon, daß David getanzt hat. O, es haben noch andere große Herrschaften getanzt, und mein kleiner Finger sagt mir, es wird aus dieser niedrigen Stube eine Dame auf dem Balle brillieren und strahlen, und der Kragen, den Fräulein Wilhelminchen dazu näht, da brauche ich meinen Finger nicht zu fragen, der ist nicht für dies schlechte Haus und – halt, da kommt der Andrees die Treppe rauf –«

Es war zwar nicht der Andrees, aber der Hofmarschall mit seiner Gemahlin. Er hatte einen Boten nach Quilitz geschickt, um noch einzelne Sachen zum Ball holen zu lassen. Da der Bote noch immer nicht zurück war, wollte er sich bei der Cousine erkundigen, ob vielleicht ein Irrtum vorgefallen; es kam wohl, daß die Leute Ilitz und Quilitz verwechselten. Die Herrschaften tauschten nun ihre gegenseitigen Vermutungen und Besorgnisse aus. Der Andrees und der Mangold waren beide Säufer, beide Schwätzer und Feinde. Man statuierte also die Möglichkeit, daß sie sich auf dem Rückwege begegnet, miteinander eingekehrt, getrunken, geschwatzt, gezankt, geprügelt, blutig geschlagen oder eingeschlafen wären.

»Il ne faut pas dépendre de ses sujets,« sagte der Hofmarschall, in sein Spanioldöschen mit dem Finger tapsend, nachdem die Gattin mit dem Ausruf: »Schöne Geschichten!« sich auf einen Stuhl geworfen. »Die nötigen Rubans werden sich ja allenfalls auch hier auftreiben lassen!«

»Hören Sie, Cousinchen Karoline!« lächelte die lange Rike. »Etwa im Laden bei der Frau Kämmerer, oder bei der Putzmamsell am Scheunentor?«

»Schlimmstenfalls müssen wir denken, daß wir auf dem Lande sind,« entgegnete die Angeredete.

»Und, ein Gänseblümchen im Haar, zufrieden sein! Nicht wahr? Ja, das paßt für Sie, liebes Kind, aber –«

»Aber bis der Bote nicht zurück ist,« fiel die Mutter ein, »wissen wir ja garnicht, ob Quarbitz will? Und ich bin so gewiß überzeugt, er will nicht –«

»Chère cousine, wenn Sie das wissen, warum haben Sie denn überhaupt geschickt?« sagte die Hofmarschallin. »Vorhin konnten Sie tun und lassen, was Sie wollten, nun dependieren Sie von einem betrunkenen Hausknecht.«

Der Hofmarschall hatte behaglich Platz genommen. »Meine Liebe, Du willst nicht bemerken, daß chère cousine sehr wohl weiß, was sie tun wird und, wie sie sich selbst sagt, tun muß. Geht sie denn gern auf den Ball? So wenig als Du und ich und wir alle. Es ist ein Opfer, das wir bringen – den Verhältnissen, dem Wohl unserer Mitbürger. So würde es der Major ebenfalls ansehen, wenn er hier wäre. Daß er nicht hier ist, verdenke ich ihm nicht. Er kann sein Naturell nicht überwinden, und das ist respektabel, ganz in seinem Charakter. Sein ganzer Sinn sträubt sich dagegen, daß wir den Franzosen einen Ball geben, er verargt es uns, daß wir es tun, das ist ganz in der Ordnung; aber hältst Du ihn für so wenig klug, daß er öffentlich dagegen Widerspruch tun würde? Wenn er das wollte, würde ihn Wetter, Podagra und sein Dorf nicht abhalten, herzureiten und laut dagegen zu schreien. Das sieht jedes Kind ein. Was wäre es aber anders, als ein solcher Protest, wenn alle Familien erscheinen, und nur seine nicht? Glaubst Du, daß ein Mensch sich einbildete: Frau Majorin hätte das aus eigenem Willen getan, sie würde ihren Kindern die einzige Erholung verweigern, die man hier in der Stadt haben kann, um derentwillen die Gutsbesitzer da sind? Nein, liebe Friederike, es sind nicht eben viel gescheite Leute hier, aber das wüßte jeder: Cousine handelte nur so auf Anweisung ihres Mannes. Sie würde man nicht tadeln, es fiele alle Verantwortlichkeit auf den Major zurück. Ganz allein auf ihn. Und, nimm mir nicht übel, sie ist nicht gering. Wenn die Ilitzer sich von etwas abschließen, was der übrige Adel tut, so hat das was zu bedeuten.«

»Ich glaube nicht, daß mein Mann ganz so denkt, lieber Cousin. Das ist viel zu hoch von uns gedacht!«

»Bescheidenheit, wo sie hingehört, und Ehre dem Ehre gebührt. Wenn der Major sich etwas in den Kopf gesetzt hat, so geht nichts im Kreistag durch. Die Franzosen wissen das auch sehr gut. Ach, was würden Sie für Einquartierung nach Ilitz bekommen!«

»Das wäre ja schrecklich!«

»Tu las voulu, George Dandin, vous lavez voulu, würde der Herr Intendant die Achsel zucken.«

»Wenn nur der Bote käme!« rief die unglückliche Frau, als Stiefeltritte abermals auf der Treppe hörbar wurden. Es war aber nicht der Bote, sondern der Kandidat. Er hatte auf beiden Wegen ausgesehen, von dem Boten war nichts zu entdecken gewesen.

»Tant mieux, so wird unsere gute Cousine als Familienhaupt und gute Mutter rasch den Entschluß fassen, auf den die lieben Töchter sehnsüchtig warten.«

»Was sagen Sie nun dazu, Herr Mauritz?« Die Geängstete blickte zum Kandidaten auf.

»Was wird unser guter Herr Mauritz sagen können,« nahm der Hofmarschall das Wort, »als daß der Mensch in solchen Dingen tun muß, was die Vernunft gebietet,« und in Kürze, nur mit etwas schärferem Ton faßte er die vorigen Gründe zusammen, diesmal aber an die Frau Majorin gewandt, daß der Kandidat es nebenbei hören konnte, wie vorhin die Majorin es nur nebenbei hören mußte, was er seiner Frau sagte. »Die Theologie hat doch damit nichts zu tun, auch nicht die Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit,« schloß er aufstehend und klopfte mit der Autorität eines Gönners auf die Schulter des Kandidaten und mit der Zuversicht, daß die Sache damit geschlossen sei. Der Kandidat hielt sie nicht für geschlossen.

»Die Theologie hat damit allerdings so wenig zu tun, als die Philosophie das Tanzen verbietet, auch will ich nicht in Abrede stellen, daß es Fälle gibt, wo die Vernunft fordert, daß man einen Ball besucht. Ob dieser Fall hier ist, bescheide ich mich des Urteils. Aber da unsere gnädige Frau den Herrn Major zum Schiedsrichter aufrief, so scheint mir die natürliche Folge, daß sie sich selbst ihres Urteils begeben hat. Zuerst zu fragen, und dann zu tun was uns gefällt, wäre eine Inkonsequenz. Das sage ich unbeschadet meiner eigenen Meinung. Keine Antwort halte ich auch für eine.«

Eine Hilfe kam dem Hofmarschall und auch der guten Frau von Ilitz, von woher beide sie nicht erwartet. Wilhelmine sah den Kandidaten mit einem ihrer klaren Blicke an, denen man nicht widerstand.

»Herr Mauritz, wir wollen aber Ihre Meinung wissen. Was Sie eben sagten, das war nicht gesagt, als daß Sie sich aus der Sache herausziehen wollen. Ihnen hat der Vater aufgetragen, für uns zu denken und zu sorgen, ich meine in solchen Dingen, wo wir nichts davon verstehen, was sich im Umgang mit den Fremden schickt und nicht schickt. Das ist nun nicht ehrlich von Ihnen, wenn Sies von sich abwickeln wollen und auf andere. Sie sind sonst ehrlich; seien Sie es jetzt auch. Sie sollen also nicht hinterm Berge halten, sondern gerad heraussprechen, was Sie davon denken. – Ich will Ihnen zu Hilfe kommen. – Ich ginge recht gern auf den Ball und tanzte mich mal aus; man hat ja so keine Bewegung in den engen Stuben. Karoline hat noch mehr Lust. Mutter sähe sich die Sache auch recht gern mal an; sie langweilt sich hier. Was Malchen will, weiß ich nicht; das tut aber nichts zur Sache. Ob Sie mit wollen, Herr Mauritz, oder nicht, das tut auch nichts. Denn tanzen werden Sie doch nicht. Sie können also unbesorgt zurückbleiben. Wenn der Onkel aus Quilitz und unsere Tante uns chapronieren, so ist für den Anstand gesorgt und sie übernehmen die Verantwortung. Und damit basta!«

»Wenn im Familienrat schon beschlossen ist, so ist meine Ansicht überflüssig.«

»Nein, nein, so kommen Sie uns nicht fort, Herr Mauritz. Wir wollen hin. Wir verstehen es aber nicht. Sie verstehen es, und wenn Sie es für unrecht und schlecht halten, dann bleiben wir zu Hause.«

»Wir, Wilhelmine!« unterbrach die Aelteste. »Wir andern hätten denn doch auch noch unsere Meinung frei.«

»Cest bien drôle,« sagte die lange Rike. Ihr Gemahl fand es aber gar nicht »drollig«, sondern unbehaglich, mit seinem ehemaligen Hauslehrer eine Verhandlung über das zu haben, was sich schickt und was sich nicht schickt, und das, wo er schon das Siegel der Autorität auf seine Meinung gedrückt.

Der Kandidat hatte die Autorität nicht anerkannt. Behaglich war indes auch seine Lage nicht, um so weniger, als er nirgends in den Gesichtern etwas sah, was ihm Beistand versprach. Wo Gegner ringsum, wächst den Mutigen der Mut.

»Ich halte es nicht für passend, wenn die gnädige Frau mit ihren Töchtern den Ball besucht.«

»Mauritz, was fällt Ihnen ein,« rief die lange Rike. »Die Raison! Wenn der Hofmarschall mich hinführt –«

Der Kandidat verbeugte sich. »So wird Ihr Herr Gemahl seine Raison dafür haben. Meine gnädige Frau haben keine jungen Töchter auf den Ball zu führen.«

»Zu bewachen, wollen Sie wohl sagen,« fiel der Herr von Quilitz ein. »Ist unsere Chapronage nichts für meine Cousinen? Ist Ihnen die Gesellschaft etwa nicht gut genug, die den Ball arrangiert?«

»Die ehrenwerteste, aber wir kennen die geladenen Gäste nicht.«

»Ach charmant! Das sind die Grillen meines guten Vetters. Weil Bürgermädchen mittanzen. Wollen wir sie etwa heiraten? Nur Futter zum Tanz für die französischen Offiziere: wir können ganz unter uns bleiben. Zum Menuett engagiere ich selbst meine Cousine Karolinchen, wenn es ihr gefällt. Zum Walzer werden sich schon bessere finden.«

Der Kandidat fuhr mit ruhigem Tone fort: »Die Töchter und Frauen aus der Stadt sind unseren Damen bekannt, nicht aber die Damen, welche sich in der französischen Suite befinden. Wir wissen nicht, wer die Frau Generalin ist, die ihrem Gatten nachreist, oder voranreist; ebensowenig kennen wir die Gräfin, ihre Nichte. Die Pflicht der Gastfreundschaft, die Humanität und unsere ganz besondere Lage fordert, das Beste zu denken und anzunehmen. Aber eben diese besondere Lage fordert auch, diesen fremden vornehmen Damen eine besondere Auszeichnung zu gewähren. Wenn die Herren dies auf dem Balle tun, werden sie ihre Gründe dafür haben, sie erfüllen nur die allgemeine Pflicht der Galanterie. Sie vergeben sich nichts, auch dann nicht, wenn später sich ermitteln sollte, daß diese fremden Damen nicht – den Rang beanspruchen dürfen, den man ihnen einräumt. Ich weiß aber nicht, Herr Hofmarschall, ob die Herren sich nicht später Vorwürfe machen könnten, wenn sie auch ihre Frauen und Töchter in eine Gesellschaft gebracht, welche ihrer – nicht angemessen wäre.«

Der Kandidat hatte eine unangenehme Seite berührt. Die Frau von Ilitz sah nach dem Ofen, wo Malchen, anscheinend teilnahmslos, stand. Die Mutter dachte nichts Schlimmes von der Komteß, aber diese Freude hatte Schlimmes für die Familie angeregt. Man war übereingekommen, ihrer nicht mehr zu erwähnen. – Der Hofmarschall war einige Schritte auf und ab gegangen, bis er zu einer Resolution gekommen:

»Unser guter, lieber Mauritz, ich möchte ihn embrassieren für seine Sentiments. Meinst Du nicht auch, Rikchen, daß er durch den Umgang mit guten Familien profitiert hat? Es paßt nur nicht hierher. – Es hört uns doch niemand? – Meine Freunde, wer sind denn diese französischen Offiziere, diese Obristen, Generale, Marschälle? Nach unseren Begriffen alle aus der Roture. Wer darf denn das aber fragen, wer erkundigt sich nach ihrer Familie, ihrem Stammbaum! Sie sind nun mal die Gesellschaft hier; und, verstehen Sie wohl, die dominierende. Wen sie gelten lassen, muß auch für uns gelten. Sie haben das unter sich abzumachen und nicht wir. Wir haben gar nicht uns darum zu kümmern. Das ist so ungefähr wie an den kleinen Höfen, wo man gern junge Engländer rezipiert. Vom Augenblick an, wo sie sich in einem anständigen Rock und Namen und mit gewissen Manieren präsentieren, sind sie Edelleute, und es ist ganz gleichgültig, ob ihr Vater ein Messerschmied oder Brauer war. Selbst wenn mans erführe, ignoriert mans. Ach, meine Freunde, es wäre mit aller unserer Sozietät schlecht bestellt, wenn man nicht die Kunst des Ignorierens verstünde; nicht immer, aber es gibt Augenblicke, wo sie zur Pflicht wird.«

Die Frau von Ilitz hielt die Frau Generalin van Malchern für eine charmante und gütige Dame, und glaubte nicht, daß man ihr etwas Böses nachsagen könne. Die lange Rike hatte einen mokanten Blick mit ihrem Gemahl gewechselt. »Was sagen denn die jungen Damen dazu? Karolinchen, tun Sie doch den Mund auf.«

»Wo die Tante aus Quilitz hingeht, da meine ich, können auch wir hingehen. Die französischen Offiziere sind auch nicht so schlimm, als die Leute sie verschreien. Als der Reichsgraf von Waltron 1805 bei uns in Quartier lag, sagte er zu Vatern, es wäre noch immer etwas Chevalereskes unter ihnen, und das Schlachtfeld adle den Mann.«

»Und der Reichsgraf von Waltron-Alledeese ist ein kompetenter Richter,« schaltete der Hofmarschall ein.

»Geben Sie sich nur drein, Sie sind überstimmt, Herr Mauritz,« sagte die Hofmarschallin. »Herr Jemine, bedenken Sie doch, liebster Mensch, wir tanzen ja nicht für uns, wir tanzen ja nur für die Pferde.«

Die Mutter blickte ihn ängstlich erwartend an: »Da doch unser Cousin meint, daß es anständige Damen –«

»Ich meine nichts,« unterbrach der Cousin, »als daß es ein anständiger Ball ist. Dieu me préserve, daß ich für alle Tugenden einstehen müßte; nicht einmal in dieser Stadt. Man erzählt ja erbauliche Einquartierungs-Geschichten. Die hübsche Frau Kämmerer soll ihrem Mann einmal die Tür vor der Nase zugeschlagen haben, weil ihr Sergeant Major noch soupierte. Sollten wir sie darum etwa vom Ball exkludieren!«

Wilhelmine stand an den Stuhl der Mutter gelehnt.

»Nun, Herr Mauritz, Mutter und ich warten. Gehen wir, so muß ich Bolzen bestellen; wir haben viel zu plätten.«

»Die kleine Schelmin!« Die lange Rike war aufgestanden. »Als ob Herr Mauritz etwas anderes sagen könnte, als die Familie beschlossen hat. Ich will unten im Vorbeigehen der Frau Rothenmeier sagen, daß sie alle ihre Bolzen ins Feuer tut.«

»Wenn die Familie beschlossen hat –« sagte der Kandidat. Minchen fiel ihm ins Wort:

»Nein, nein, nein! So kommen Sie nicht fort. Klar und deutlich, was ist Ihre Meinung?«

»Sie hat sich nicht geändert, nur bestärkt. Im Geiste Ihres Herrn Vaters, kraft des Vertrauens, das er mir geschenkt, und im besten Sinne für Ihre Familie, ersuche ich Sie und warne Sie: bleiben Sie zu Hause.«

»Cest impertinent!« rief die lange Rike.

»Mein Gott, was ist denn da zu tun?« fragte die Mutter. »Kinder, sagt doch selbst?«

Amalie war vorgetreten: »Liebe Mutter, ich bleibe zu Hause, wenn Du nicht anders bestimmst.«

»Ich auch,« – sagte nicht so froh Wilhelmine. »Der Herr Kandidat mag recht haben, und Mutter, Du wirst nun wohl auch bei uns bleiben müssen, denn Vater hat uns einmal den Tyrannen mitgegeben. Aber vergessen werde ich es Ihnen nicht, Herr Mauritz, und nehmen Sie sich in acht, wenn Sie einmal sich auf etwas recht gespitzt haben – die Ostersuppe versalze ich Ihnen.«

»Dann bleiben wir zu Hause,« sagte halb fragend, halb beistimmend die Mutter.

»Ich nicht,« – fiel Karoline ein – »vorausgesetzt, daß die chère Tante aus Quilitz mich unter ihren Flügeln mitnehmen will, und die Mutter es nicht verbietet. Du wirst doch nicht, liebe Mutter, fordern, daß wir alle dem Herrn Kandidaten gehorsam sind?«

»Aber Linchen!«

»Ich werde vor dem Vater verantworten, was ich tue. Vater mag sehr gute Absichten gehabt haben, als er Herrn Mauritz in der Eil der Abfahrt die Vollmacht gab, aber nimmermehr, daß er unsere Familie tyrannisieren soll, denn zum Präzeptor hat er ihn nur für unsere kleinen Brüder, soviel mir bewußt, angenommen. Ich glaube vielmehr, unser guter Vater wird mir dankbar sein, daß wenigstens eine aus der Familie den Mut hat, ihren eigenen Willen zu haben, und entgegen dem des Herrn Kandidaten Mauritz.«

»Charmant!« rief die Hofmarschallin und ihr Gatte.

»So ist die Familie wenigstens beim Balle repräsentiert.«

»Und wie!« rief Minchen, indem sie Karolinen auf die Schulter schlug. »Sie soll meinen Levkojen-Aufsatz haben. Mehr kann eine Schwester nicht tun, der das Herz im Leibe blutet, alles um einen grausamen tyrannischen Kandidaten.«

»Wenn nur alles in Frieden abgeht,« sagte die gute Frau von Ilitz.

< Ein Wetterstrahl im Ratskeller.
Die Ouverture zur Ballmusik. >



Die Inhalte dieser Seite sind Eigentum der Öffentlichkeit.
Sollten trotzdem Urheberrechte entgegen unserem Wissen verletzt worden sein, bitten wir Sie mit uns Kontakt aufzunehmen.