Frei Lesen: Isegrimm

Kostenlose Bücher und freie Werke

Kapitelübersicht

Die Schwedenschanze | Die Blutsteine. | Der Quilitzer Knecht. | Die Querbelitzer Schenke. | Schemelbeine. | Isegrimms Haus. | Isegrimm. | Eine Rückfahrt. | Alte Geschichten. | Die erste Nacht in Haus Ilitz. | Eine Erscheinung im Walde. | Der Ball muß sein. | Zwei Anstands-Visiten. | Malchen. | Ein Wetterstrahl im Ratskeller. | Zum Ball oder nicht zum Ball? | Die Ouverture zur Ballmusik. | Die Ballnacht. | Vorm Scheunentor. | Im Schnee. | Jede Schlacht fordert Präparationen. | Schulze und Edelmann. | Die Einquartierung. | d'Espignac. | Der kleine Krieg. | Der Versucher im Hause. | Scheiden. | Ritter und Reiter. | Wendisch oder germanisch. | Das Schwert des Cid. | Der Beichtvater. | Chaotische Besuche. | Der unbegreifliche Brief. | Das Vaterland und bürgerlichen Offiziere. | Die Brücke in die Zukunft. | Eine deutsche Konversation. | Nachtgespenster. | Der Krieg ist nicht Zeit zu Hochzeiten. | Das Ahnenbild stürzt. | Ein verhängnisvoller Brief. | Die Katastrophe. | Ein Doppelgänger. | Eine dunkle Tat. | Ein politisches Geheimnis. | Ihr von Ilitz, Ihr von Ilitz, Solltet nimmermehr nach Quilitz! | Ein Gewitterschlag. | Ein ernstes Zwiegespräch. | Friede und Resignation. | Nach sechs Jahren. | Von Hochgezieten. | Gräfin Heilsberg. | Querl. | Schluß. |

Weitere Werke von Willibald Alexis

Der Werwolf | Der neue Pitaval - Neue Serie, Band 9 | Geschichten aus dem Neuen Pitaval - 3 | Der neue Pitaval - Band 15 | Walladmor |

Alle Werke von Willibald Alexis
Diese Seite bookmarken bei ...
del.icio.us Digg Furl Blinklist Technorati Yahoo My Web Google Bookmarks Spurl Mr.Wong Yigg


Dieses Werk (Isegrimm) ausdrucken 'Isegrimm' als PDF herunterladen

Willibald Alexis

Isegrimm

Vorm Scheunentor.

eingestellt: 25.7.2007

Neunzehntes Kapitel.

Vorm Scheunentor.



Vor dem Scheunentor ist bei Nauwalk eine kahle Anhöhe Die Stadt von da sieht alt, aber trostlos aus; neben dem Koloß von Dom und den paar herrlichen Tortürmen von rotem Backstein, woran fünf Jahrhunderte die zierliche Ornamentur nicht zu zerstören vermocht, erscheinen die neueren Wohnhäuser wie nur aus Not und Bedürfnis zusammengeklebt von einem Geschlecht, dem ein böser Zauberer die absolute Nüchternheit angehaucht, wo solche Kunsterinnerungen aus der Vorzeit es täglich an das bessere Dasein seiner Väter mahnen sollten.

Die Türme und Tore verraten in ihrer Schnörkelung die Zeit Kaiser Karls IV., der Dom mit seinen gespaltenen Mauern aber den reineren Stil und Kunstsinn aus der Blüte der askanischen Herrschaft. Um die Zeit, als der wilde Heinrich Bülow Wilsnack verbrannte, ward auch Nauwalk eingeäschert; einige meinen, von den Krachten und Köckeritzen, andere von mecklenburgischen Rittern unter Hans Bassewitz. Dazumal stürzte der Glockenturm des Domes ein. Daß mans nicht mehr weiß, ist schlimm, daß mans nicht mehr wissen kann, schlimmer. Der Magistrat hat einmal, als es ihm an Raum fehlte, die alten Papiere an die Krämer verkauft. Auch den alten, geborstenen Dom wollten sie abbrechen lassen. Damals half ihm keiner, er mußte sich selbst helfen. Die Backsteine wollten nicht auseinandergehen, und der Wind schien ein Spottlied durch die Mauerritzen zu pfeifen, als die Arbeiter mit ihren Karsten, Hacken und Beilen abziehen mußten. Jetzt nisten unter den zerklüfteten Gewölben Schwalben, auch die Tauben haben eine Kolonie in dem durchlöcherten Dach gegründet.

Auf wie lange, weiß keiner; denn der Konservator der Staatsaltertümer ist schon dreimal in Nauwalk gewesen und hat den günstigsten Bericht über die herrliche Ruine abgestattet. Auch Magistrat und Bürgerschaft wissen jetzt. was für einen Schatz sie besitzen; er trägt nur zur Zeit keine Interessen. Von Restauration ist viel gesprochen. Der Stadt ist bewiesen worden, wie es ihre Ehre und ihr Vorteil zugleich sei, solch ein herrliches Kunstwerk, in der Vorzeit von ihren Vätern gebaut, ihren Kindern wenigstens zu konservieren. Die Stadt hat dies anerkannt, aber eingewandt, daß das Patronatsrecht über die Kirche schon zur Zeit der Luxemburger an verschiedene von der Ritterschaft vertragsweise, viis et modis, übergegangen, daß überdem in der Kirche seit dem fünfzehnten Jahrhundert nur gewisse Adelsgeschlechter ihre Erbgrüfte gehabt, die praesumptio also dafür sei, daß das Eigentum an Grund und Baulichkeiten auf die Ritterschaft übertragen worden; insbesondere, als auch seit der Kirchenbesserung kein protestantischer Pfarrer darin gepredigt; übrigens aber hätten sie kein Geld. – Die Ritterschaft räumte vieles davon ein, namentlich, wie es eine große Ehre sei, wenn es tunlich sei, dieses kolossale Monument einer besseren Zeit in seiner früheren majestätischen Würde herzustellen, gleichsam zur Beschämung für die gegenwärtige Generation, die für die Feier des Gottesdienstes kaum das Notwendigste und Dürftigste hergeben wolle. Sie räumt auch ein, wie das Patronatsrecht vor Zeiten einige Geschlechter wirklich gehabt; da sie es aber durch Jahrhunderte nicht geübt, sei es durch Verjährung erloschen. Was die Erbgrüfte anbelangt, lasse sich zwar nicht in Abrede stellen, daß gewisse Familien deren in der Kirche besessen, soweit aber die erhaltenen Grabsteine nachweisen, seien dies zumeist die erloschenen Familien gewesen, als wie derer von Polenz, Quitze, Quiste, Schapelow, Sparre und Striezow. Wenn eine Verpachtung wirklich aus den Erbgrüften zu erweisen, würde sie daher nur bei deren etwa noch zu ermittelnden Succssores omni jure defunctorum zu suchen sein. Wenn nun gleich die Ritterschaft zu jedem auch den größten Opfern für das Vaterland bereit sei, so müsse sie doch in diesem Punkte durchaus an dem Rechtspunkte festhalten, und nicht sowohl ihrer selbst, als ihrer Nachkommen wegen, jede Verpflichtung zu einer Beisteuer bestreiten. Uebrigens aber hätten sie jetzt kein Geld. – Beide, Stadt und Landschaft, einigten sich aber darin, es gemeinschaftlich der Regierung als heiligste Aufgabe darzustellen und es ihr aufs wärmste ans Herz zu legen, daß sie dieses Denkmal ebenso eines wunderbaren Kunstsinnes, als der Glaubenskraft unserer Vorfahren, nicht vollends zur Ruine werden lasse. Es gehöre nicht einem und nicht einigen an, es sei vielmehr das Fideikommiß der Vergangenheit an die Zukunft, daher eine National- und Landessache, dasselbe zu erhalten und zu restituieren, als leuchtendes Exempel und mahnendes Beispiele was Großes und Schönes in der Vorzeit bei geringen Kräften, aber mit vereinigtem Willen zu schaffen möglich gewesen. –

Die Regierung erklärte sich ganz damit einverstanden, sie erkannte den hochherzigen, frommen und patriotischem Sinn der Bittsteller belobend an, konnte sich aber mit ihrem Antrage insofern nicht einverstanden erklären, als noch so viele historische Monumente von allgemeinerer Bedeutung auf die nötige Reparatur warten mußten, indem die bisher unternommenen Restaurationen den dafür ausgesetzten Fonds schon weit überstiegen, und wenngleich der Kunstwert des Nauwalker Domes nicht zu bestreiten, derselbe doch immer als ein Provinzialdenkmal nur ein sekundäres Interesse beanspruche. Unmaßgeblich ward den Bittstellern anheimgestellt, ob sie durch eine Kirchenkollekte und Subskription innerhalb der Grenzen ihres Kreises den Reparaturfonds aufzubringen ermöglichen wollten, als in welchem Falle durch eine Immediateingabe vielleicht ein Gnadenzuschuß zu erhoffen sei.

Die Kollekte und Subskription haben bis jetzt 37 Taler 22 Silbergroschen 6 Pfennig eingebracht; auf die an den betreffenden Minister abgegebene Immediatvorstellung erfolgte ein huldreicher Bescheid, mit der rühmlichen Anerkennung des patriotischen Bestrebens der Unternehmer, aber mit dem Bedauern, daß es zur Zeit an disponiblen Fonds fehle.

Inzwischen hat die Landbaupolizei die Forderung gestellt, daß das Dach der Kirche umgedeckt und die Fenster einstweilen mit Brettern vernagelt würden, der allgemeinen Sicherheit wegen. Der Magistrat, an den diese Forderung zunächst ergangen, hat der Landschaft litem denunziert, diese, ihre Verpflichtung bestreitend, desgleichen gegen den Fiskus getan. Der Prozeß schwebt noch in erster Instanz; es ist also für die Tauben Aussicht vorhanden, daß sie noch lange ungestört unter dem Dache nisten können.

Wer heut die Anhöhe am Scheunentor besucht, findet sie nicht mehr kahl. Oben stehen Pappeln, etwa dreißig- bis vierzigjährig, um einen grün gehegten Hügel. Auf dem Hügel steht ein behauener Sandstein mit einer Inschrift. Die Trauerweide, die ihre Zweige darüber neigt, verkümmert aber, weil es ihr in der Höhe an Feuchtigkeit fehlt. Sie ist oft ausgegangen und wird dann wieder gepflanzt. Die Inschrift auf dem Steine hat manche Träne dem Beschauer ins Auge gelockt. Nun sind siebenundvierzig Jahre vergangen, und die Tränen sind getrocknet; die damals weinten, sind größtenteils gestorben, die Begebenheit ist fast vergessen, aber der Stein mahnt, daß wir ihrer gedenken sollen, solange ein Herz für das Vaterland uns im Leibe schlägt.

An einem Dezembertage desselben Jahres, in welchem der Vorfall in der Stadt Nauwalk spielt, von dem die vorigen Kapitel erzählten, finden wir auf der Anhöhe einen Mann, dessen Anzug einen reisenden Viehhändler verrät. Hochgezogene, dicke Kniestiefel, an denen Lehm und Kot eine lange Wanderung anzeigen, die lederne Geldkatze um den Leib geschnallt, der abgeriebene gelbbraune Manchesterrock, die Pelzmütze und die wuchtige Peitsche würden den Kundigen sofort den Schweinetreiber vermuten lassen, wenn nicht die mageren Tiere, welche an den Abhängen des Berges nach dürftiger Nahrung wühlten, die Vermutung zur Gewißheit machten. Die Aufsicht über die Tiere schien aber der Mann seinen Knechten zu überlassen, denn er lag oben nachlässig hingestreckt am Boden, den Kopf auf den Arm gestützt, im Anblick der alten Stadt wie versunken.

Betrachtete er den grauen Domkoloß, die Zinken und Zacken der Türme, die Stadtmauern, von Feldsteinen zusammengebacken in einer Zeit, die noch weit über den Dombau hinausging, oder schweifte sein Blick über die Gegend auf den Weg, den er vorhatte, ins Land? Zwischen zwei Giebeln schlummerte der Silberspiegel des Karutzsee in die graue, dunstige Atmosphäre. Der dicke Rauch aus den Schloten der Stadt, der sie nicht durchbrechen konnte, lagerte breit über den Dächern, ohne den Schnee ganz darauf fortschmelzen zu können. Es war ein unerfreulicher Anblick, und doch mußte er den Mann so gefesselt haben, daß er nicht bemerkt, wie ein paar seiner Schweine ihm nachgekommen und jetzt in einer lockeren Sandstelle dicht ihm zur Seite mit ihren Rüsseln wühlten.

Er hatte auch den Mann nicht bemerkt, der langsam ans der Stadt heraufgestiegen, jetzt mit seinem Stocke heftig nach den Schweinen schlug daß sie grunzend hinunterschossen.

»Was schlagt Ihr meine Tiere? Haben sie Euch was getan?« rief der Treiber auffahrend und griff nach der Peitsche.

»Wer hat Euch denn erlaubt, hier zu treiben?« entgegnete der andere, ihn scharf fixierend. Es war etwas von einem bürgerlichen Polizeiblick.

Der Viehhändler schien nicht so erzürnt, wie wohl bei rohen Menschen seines Schlages in der Art ist, wenn sie sich in ihrem Recht gekränkt glauben; vielmehr erwiderte er ruhig, die Peitsche wieder hinlegend:

»Ihr seid vermutlich bei der Stadt – Hier ist ja keine Pflanzung, und treiben, meinte ich, könne man, wo nichts zu verderben ist.«

»Nein, Pflanzung ist nicht hier,« sagte der andere; »aber die Toten soll man ruhen lassen. Und wers auch ist, und wies auch ist, die Schweine sollen nicht unsere Leichen aufwühlen!«

»Leichen?« wiederholte der Händler verwundert. Aber er besann sich. In der Stadt war ja jetzt ein großes Lazarett; der Ratssaal, das ganze Rathaus war mit Spreu und Krankenbetten gefüllt. Wenige Verwundete, desto mehr Kranke an jenem Fieber, das, wie der Schakal dem Löwen, den Heeren folgt, mehr hinwürgend als Stahl, Pulver und Blei. Es rafft Krieger und Bürger, Männer und Frauen, Erwachsene und Kinder fort, und sein Pesthauch dunstet weit entlang die Heerstraßen.

In Nauwalk grassierte das Lazarettfieber; um deswillen trieb er die Schweine nicht durch die Stadt. Aber der neue Kirchhof lag ja nach der Jungfernheide zu.

»Soll etwa hier noch ein Leichenacker angefangen werden?« fragte er, den Blick auf den erst frisch aufgeworfenen Bodensand werfend.

Der Nauwalker Bürger sah ihn groß an. »Das verhüte der liebe Gott! Hier haben sie ja unseren Bürgermeister erschossen.«

Der Mann aus der Stadt fuhr mit der Faust über die Stirn; es war ihm etwas ins Auge gekommen. Darüber sah er nicht, wie es im Auge des Viehhändlers aussah. Als er wieder hinblickte, lag er wieder, den Kopf im Ellenbogen, sah vor sich hin auf die Erde und rupfte gleichgültig welkes Gras: »Also hier ist das passiert?«

Dem Mann aus der Stadt mißfiels. Er warf musternde Blicke auf den Händler, auf seine Knechte unten und auf die Tiere.

»Wo kommt Ihr denn her, und wohin solls?«

»Von Berlin – nach der Uckermark und Priegnitz, wenns muß, bis Mecklenburg – wo ich was finde.«

»Hab doch alle Schweinetreiber gekannt, die hier vorbeiziehen; aber muß sagen, Euch hab ich noch nicht gesehen. Auch Eure Knechte, die haben mir ganz fremde Gesichter. Wie heißt Ihr denn?«

»Samuel Gramatzky.«

»Ihr treibt wohl das Geschäft noch nicht lange?«

»Wieso?«

»Weil Ihr so mageres Vieh aufkauft. Wer treibts denn auch so ab.«

»Für die Racker, die Franzosen, ists fett genug.«

»So, so, ist das so gemeint? Doch für die Franzosen in Berlin? Wenn einer nach der Priegnitz und Mecklenburg reist, um Vieh aufzukaufen, und unterwegs handelt er um solche schlechte Schweine, die treibt er doch nicht mit sich, sondern läßt sie stehen und füttern, bis er retour kommt.«

»Man fängt mit Kleinem an, kauft, wos geht; seh schon jeder, wie ers treibe!«

»Aber man kann aufgegriffen werden, und dann heißt es, nun legitimiere Dich.«

Der Viehhändler riß aus seiner Brusttasche eine vergriffene Brieftasche und überreichte dem Bürger einen Paß, bei dessen Durchsicht seine Gesichtszüge sich merklich änderten, er machte sogar einmal eine Bewegung, als wolle er seine Mütze ziehen. Sauber legte er das Papier wieder zusammen und überreichte es dem Fremden.

»Das ist schon was anderes, Herr Gramatzky, oder wie Ihr werter Name ist. Da steht ja der Herr Gouverneur von Berlin drunter und der Kommandant von Spandau.«

»Nicht wahr, damit kommt man schon durch! Die Franzosen hungern; da muß man sichs nun nicht verdrießen lassen und suchen, wo man was findet. Sie zahlen gut, wenn auch nicht von ihrem Gelde. Aus unserem Beutel gehts doch zuletzt. Aber was schadets? Blechen muß, wer noch blechen kann.«

»Nehmt Eure Zunge in acht, Herr Gramatzky. Denn mit Verlaub, – ich dachte, Ihr könntet so ein Spion sein –«

»Seh ich wohl wie ein Spion aus?«

»I bewahre, nun weiß ichs ja, aber man kann nicht vorsichtig genug sein, denn es gibt ihrer schon, die uns aufs Eis führen wollen, zumal seit der Geschichte mit dem Ueberfall. Herr Gott, die Stadt hat schon genug leiden müssen.«

»Wer leidet nicht! s ist viel von gesprochen, aber wo kann unsereins alles hören. Nicht wahr, der Bürgermeister hat die Garnison an die Preußen verraten?«

Der Mann schoß wieder einen schielenden Blick auf den Gerechtfertigten. Mit einem Seufzer stieß er den Stock in die Erde. Seine innere Bewegung siegte über die Furcht.

»Nein, das hat Herr Schulze nicht getan. Gott habe ihn selig. Er war ein braver Mann, und er hats nicht gewollt.«

Der Fremde zeigte wieder so viel Teilnahme, daß der Bürger ein Herz gewann und ihm erzählte, was wir wissen; nur daß, wenn zwei auch dasselbe erzählen, es nicht ganz dasselbe bleibt. Das Ende der traurigen Geschichte wissen wir aber noch nicht.

»Wäre nur der Herr Colonel damals in der Stadt geblieben, sie meinen, es wäre doch vielleicht nicht so schlimm geworden. Gar streng war er, aber ein nobler Mann, sagen sie, und hatte am Ende ein Einsehens. Aber als der Succurs kam, mußte er den Schillschen nach. Anfangs hieß es, sie wollten den ganzen Magistrat erschießen lassen, und es wäre in Nauwalk hergegangen wie in Bethlehem. An die Einquartierung werden sie denken, so lange ein Stein auf dem andern steht. In den ersten Tagen konnte jeder Soldat fordern, was er Lust hatte. Das war aber nicht das Schlimmste; die Kontribution ist noch nicht aufgebracht, und so lange behalten wir das Lazarett, und alle drei Tage muß jeder Bürger raus, um Gräber zu graben. Wie viele haben wir schon aus der Stadt selbst hineingetragen. Und Nauwalk verarmt ganz, denn wer traut sich jetzt rein?«

»Der Landadel hätte den Ball gegeben, erzählten sie drüben.«

»Nu freilich, so wars wohl, aber um den Ball eigentlich ists auch wohl nicht geschehen. Die Herrschaften waren wie der Wind fortgeblasen, und einen mußten sie haben, wie sie sagen, um ein Exempel zu statuieren. Sollten sie alle die einzeln von ihren Gütern holen und dann untersuchen, wer der Schuldigste war? Das wäre zu weitläufig geworden; die Franzosen lieben, daß es rasch geht. Na, die Herrschaften haben auch pfeifen müssen.«

»Wieso?«

»Jetzt ists kein Geheimnis mehr. Gar nicht aus böser Absicht gaben sie den Ball, sondern nur damit sie um die Pferdelieferung rum kämen! Wer wollte es ihnen auch verdenken! In unserem Kreis ist die schönste Zucht weit und breit. Das Herz brannte einem, als sie die schönen, jungen Hengste aus den Ställen des Kautzenburgers und des Quilitzers herführten. Den Reitknechten selbst traten die Tränen ins Auge. Solchen Kerls, sagten sie, muß man die Prachttiere geben, die sie nicht ästimieren; in ein paar Wochen haben sie sie zu Schanden geritten.«

»Na, wieso war denn das? Mußten sie doch liefern?«

»Freilich! Aber das war noch nicht die Lieferung. Die Herrschaften dachtens damit gutzumachen. Sie schicktens als Geschenk, oder wie sies nannten, den obersten Offizieren und dem Intendanten, der wieder hier war. Die mögen sich in den Bauch gelacht haben. Heut nahmen sie ruhig die Verehrung an, nämlich für sich, und anderen Tages kam die Ordre: daß die Pferdelieferung für den Kaiser und die Armee in so unglaublich nachlässiger Weise erfolgt sei, daß eigentlich die strengste Untersuchung erfolgen müsse, dieweil die meisten der Pferde als ganz untauglich sich erwiesen. Nur in Anbetracht besonderer Rücksichten wolle man diesmal die vorige Lieferung als gar nicht geschehen annehmen, und habe binnen acht Tagen der Kreis die dreihundert diensttauglichen Kavalleriepferde im Kreisort aufs neue zu gestellen, oder – na, das kann man ja denken. Kamen alle an, ehe acht Tage um waren.«

»Die schönen Pferde,« seufzte der Viehhändler. »Und die haben den Bürgermeister auch nicht gerettet?«

»War schon tot, der gute Herr Schulze. Er hätte sich selbst retten können, aber er wollte nicht!«

»Wollte sterben?«

»Ja, das hat er auch mal gesagt: wir müssen alle doch einmal sterben. Aber das war ein andermal. Er war nicht die Ursache von dem Ball, das ward auch vor dem Standrecht erwiesen, aber er hat, nämlich als Bürgermeister, die Musikanten bestellt. Und nun hieß es, wer hat ihnen denn befohlen, so laut aufzuspielen, als es sich für einen Ball nicht schickt? Das ist geschehen, damit die Offiziere drinnen das Schießen draußen nicht hören sollten. Das war schon richtig, aber s war nicht richtig zu kriegen, wers den Musikanten befohlen hat.«

»Einer hatte vermutlich eine Bosheit gegen den armen Bürgermeister.«

»Das nun auch nicht gerade.«

»Der Payeur soll ja Prügel bekommen haben.«

»Die hat er sich bezahlen lassen, und wie! Der hat mal angeschrieben, was ihm die Schillschen bei der Gelegenheit genommen! Das hat alles die Stadt bezahlen müssen. Wenn nicht der General einen Strich gemacht, wäre die Rechnung noch nicht zu Ende. Ueberhaupt der General war noch ein menschenfreundlicher Herr.«

»Und doch ließ der ihn erschießen!«

»Er mußte ja; es war expresse Ordre aus Berlin. Einer sollte dran glauben zum Exempel für die anderen. Dem Herrn General wars ganz gleich, wer. Er hätte auch gern Herrn Schulz gerettet, denn Frau und Kinder klammerten sich ja um seine Füße, daß es ein Erbarmen war. Drum ließ er ihn vor sich kommen und sagte ihm gerade raus, wie es steht: einem müßte er vor den Kopf knallen lassen, wen? sei ihm ganz egal. Nun möchte Herr Schulze die Gefälligkeit haben und ihm einen nennen. Denn Sie, sagte er und faßt ihm an den Knopf, werden doch nicht den Befehl an die Musikanten gegeben haben? Das schickt sich nicht für Ihr Amt, also nur raus, wer? – Wen soll ich denn anklagen? fragte Herr Schulze. – Donnerwetter, sagte der General, was kenn ich Eure Gewürzkrämer-Obrigkeiten! Ists der Kämmerer oder der Syndikus oder wer sonst? – Die haben über die Musikbande nicht zu kommandieren, sagte Herr Schulze! – Foutre! rief nun der General, wer ist denn hier Kapellmeister? – Nun müssen Sie wissen, keinen Kapellmeister haben wir in Nauwalk nicht, aber den Organisten! Das war ein kleiner, versoffener Kerl. Die Stadt wäre ihn schon längst gern los geworden, man wollte ihn nur nicht verhungern lassen. Er hatte auch beim Ball über den Durst getrunken, und er wars, dem seine Leute nicht genug lärmten. Also hattens wohl einige dem General gestochen, daß der Bürgermeister auf den aussagen sollte, und Herr Schulze hätte eine Unwahrheit gesagt. Der hatte nicht Kind, nicht Kegel, und was war an ihm verloren? Gar nichts. Vor Angst lag er dazumal schon auf dem Bett, und vorgestern haben sie ihn rausgetragen. Ist auch am Nervenfieber gestorben. Also wär die ganze Not nicht gewesen; aber Herr Schulze trat an den Tisch und sagte: Schreiben Sie ins Protokoll, ich habe den Musikanten den Befehl zum Spielen gegeben, und das ist die Wahrheit. Da stands denn geschrieben, und da wars aus.«

»Alles – alles war da aus!«

Es kam wie ein hohler Seufzer aus der Brust des Viehhändlers.

»O, es hätte noch schlimmer werden können,« fuhr der Bürger fort. »Der Herr Intendant hatte bei mir – ich bin nämlich ein Seiler von Profession – einen Strick bestellt. Weil er ein Verräter und Spion wäre, hatten sie zuerst in ihrer Rage gedroht, müßte der Kerl gehängt werden, der die Schillschen reingeführt. Gott sei Dank, da fuhr der General drunter. Den fouterte er mal zurecht; ich verstand nicht alles, aber der Intendant ward puterrot, als er von den Sackermentern oder Septembermentern und Zanklotten sprach, und daß die Geschichte mit Laternen und Stricken aus wäre, und einem ehrlichen Kerl tue eine Kugel vor den Kopf keine Schande. Ja, sie sagen, er hat den Bürgermeister, wie er mit ihm allein war, an die Brust gedrückt und gesagt: Sie sterben einen schönen Tod, Herr Schulze, Sie sterben für Ihre Stadt.«

»Und das hat niemand sonst gesagt als der französische General?«

»Es ist hier keiner gestorben, um den sie so geklagt haben. Sie hättens noch viel lauter getan, wenn nur nicht die Angst gar zu groß war vor den Franzosen.«

»Die Herrschaften vom Lande?«

»Die haben Briefe über Briefe geschrieben. Der Quilitzer, der Hofmarschall, einen französischen; er wäre selbst gekommen, wenn er nicht an der Gicht gelegen, sie möchten nur warten, denn sie wollten an den französischen Kaiser eine Bittschrift aufsetzen. Die wollten aber nicht warten, in vierundzwanzig Stunden sollte es abgemacht sein. Einige Herren kamen auch selbst. Der Wahrnim von Kautzenburg, der Quiritzer und der Baron aus Wüstelang haben die Frau Bürgermeisterin getröstet, sie wollten eine Subskription aussetzen, als wie eine Pension für sie und ihre Kinder. Der Kautzenburger ist bei ihm gewesen bis auf die Letzt im Arrest; aber ansehen mit hat ers nicht mögen. Ich sah ihn selbst weinen, wie er vom guten Bürgermeister Abschied nahm. Der Major von der Quarbitz, ich meine den Ilitzer, der ließ sichs nicht nehmen, er ging mit dem Bürgermeister raus bis hier, daß er ihn unterstützte, wenn er schwach würde. Aber er wurde nicht schwach; er war nur traurig. Zudem hat auch Herr Schulze im Gefängnis gesagt: was wäre denn das Leben jetzt anders, als ein Acker voll Not und Trübsal, und er stürbe gern, denn er sähe doch nicht wieder den Weizen blühen. Seine Frau hat ihm auch nicht viel Ruhe gelassen, dem guten Herrn Schulze. Sonst ists schon ne propre Frau, aber immer hoch hinaus. Er sollte noch mehr werden als Bürgermeister. Sie ist ne Geheimratstochter aus Magdeburg. Sage ich doch, wer sein Brot hat, der soll zufrieden sein. Der Ilitzer, sehen Sie, an dem Stein, wo Sie sitzen, da faßte er ihn noch mal an der Hand, und dann drückte er ihn an die Brust und sagte: ›Du wirst nicht umsonst sterben!‹ Ich habs selbst gehört. Sie sagen, es ist der erste Bürgerliche, den der Ilitzer umarmt hat. Die Herren Franzosen auch, das muß man ihnen lassen, waren sehr höflich. Maltraitiert, Gott bewahre! Gar nichts als nen Malefikanten; als wärs ein anständiger Herr, den sie begleiten täten, so kamen sie im Diskurs mit ihm her. Dann bat ihn ein Kapitän, obs ihm jetzt gefällig wäre? Da knieten sie nieder, nämlich Herr Schulze, ließen sich die Augen verbinden, und – s ist alles in guter Ordnung geschehen.«

Und doch wischte der Seilermeister wieder am Auge. Es mochte doch nicht alles in Ordnung sein.

Der Viehhändler unterhielt sich noch eine Weile mit dem Mann, der so gern sprach und vieles wußte. Ein Handelsmann muß sein Terrain und die Menschen kennen lernen.

»Na, das Hängen schadet ihnen nichts im Bilde, aber wenn die Franzosen sie kriegen, dann knallts auch einmal wie hier. Was den Herrn Kornett von Hurlebusch anbelangt, hat sich auch keiner sehr gewundert; der war schon nicht recht mehr bei Troste. Und was hat er denn zu verlieren! Aber der Ritzengnitzer Herr, nein, da haben sie mal den Kopf geschüttelt.«

»Daß er die Parole brach?«

»Nu ja, auch. Aber wenn sie ihn nicht kriegen, dann hat das nichts auf sich. Aber so muß einer tun, dems zu gut geht. Sage ich doch, wenns dem Esel zu wohl ist, geht er aufs Eis und bricht ein Bein. Hätte nun leben können auf seinen Gütern wie ein Nabob. Konnte ihm kein Mensch was anhaben. Wer Geld hat, braucht sich vor nichts zu fürchten. Nun wirtschaften die Franzosen drauf, und wie!«

»Können auch mal wieder verjagt werden.«

»Ihr seid ein guter Patriot also?« entgegnete der Seilermeister. »Nehmt Euch in acht, das haben manche in der Stadt gesagt – vorher – nun hüten sie sich wohl, wies vom gebrannten Kinde heißt. Oben im Gouvernement haben sie uns auf dem Korn, weil sie die Schillschen noch nicht klein kriegen können; es sind hier zu wenig Truppen, und die denken, von unseren stecken mit ihnen unter einer Decke. Ganz unrecht haben sie auch nicht.«

»Wirklich, das freut mich, Landsmann.«

»Wollt Ihr mich auf die Probe stellen? Ei seht mal, Herr Gramatzky,« sagte der Seilermeister, sich mit einem sehr klugen Blick auf den Stock lehnend. »Mit Verlaub, da müßtet Ihr doch früher aufstehen. Wir lassen den Vorwitz anderen. Ins Herz kann uns keiner sehen, das gehört uns, aber mit unserer Zunge, da hüten wir uns, und wenn die Preußen mal wieder ans Tor klopften, da würde sich keine Maus rühren – nämlich bei uns.«

»Aber hinterm Berge wohnen auch noch Leute!«

»Haltet Ihr mich für nen Bauern, dem man die Künste abfragt? Nein, mein Herr Gramatzky, ich bin ein guter Bürger, zahle meine Steuern, liebe Gott, meinen König und die Obrigkeit, und ums andere kümmere ich mich nicht. Von unruhigen Köpfen kommt keine Ruhe ins Land. Euch aber möchte ich einen guten Rat geben, nicht, wie Ihr Schweine kauft, denn mir kommt vor, Ihr handelt auch noch mit was anderem, und Ihr könntet mal an den unrechten Mann geraten.«

Der Viehhändler sah ihn scharf an: »Meint Ihr an den vornehmen General, der hier rumreist, um zu inspizieren, wies aussieht?«

»Vor dem werdet Ihr Euch wohl nicht sehr zu fürchten haben, wer solchen Paß hat wie Ihr! Aber s ist richtig, sie haben Luchsaugen, zumal seit es heißt, oben nach Schwedisch-Pommern zu wär es nicht richtig. Aber ich meine nur, nehmt Euch vor anderen Leuten in acht, wenn sie erfahren, daß – Ihr Schweine für die Franzosen aufkauft, Ihr könntet sie teurer bezahlen, als Euch lieb ist.«

»Also solcher sind doch noch hier? Bei den Bauersleuten oder bei den Edelleuten?«

»Nicht wahr, daß ich Euch die Namen nenne? Prost Mahlzeit! aber, das ist kein Geheimnis, das raucht aus allen Schornsteinen und schwitzt aus allen Koben, s ist wie ein Fieber, das ihnen die Glieder schüttelt, seit unser Bürgermeister erschossen ward. In Berlin mögen sies nicht so wissen, aber hier, es brennt, sage ich Euch, und ich möchte keinem Franzosen raten, daß er allein vom Wege abgeht. Die groben Bauern könnten ihm eins auf den Kopf versetzen, daß er s Aufstehen vergißt, wies schon die Querbelitzer getan, damals in der Mühle. Und wenn ein Schuß aus dem Busch kommt, das Pulver sieht man wohl rauchen, aber nicht, wer geschossen hat. Nichts für ungut, Herr Gramatzky, und eine glückliche Reise!«

Der Schweinetreiber blieb noch auf dem Steine, bis der Bürger unten verschwunden war, dann warf er sich auf den lockeren Sand.

»Also hier!« Er wühlte hinein, und eine Handvoll drückte er an seine Brust. »Du heilige Erde, getränkt vom Blut des ersten Märtyrers. Allmächtiger oben, der Du Dein Licht am grauen Firmament so lange uns verbirgst, wird er eine lange Reihe anfangen, oder ist es Dein Wille, daß er – der letzte war!«

< Die Ballnacht.
Im Schnee. >



Die Inhalte dieser Seite sind Eigentum der Öffentlichkeit.
Sollten trotzdem Urheberrechte entgegen unserem Wissen verletzt worden sein, bitten wir Sie mit uns Kontakt aufzunehmen.