Frei Lesen: Isegrimm

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Kapitelübersicht

Die Schwedenschanze | Die Blutsteine. | Der Quilitzer Knecht. | Die Querbelitzer Schenke. | Schemelbeine. | Isegrimms Haus. | Isegrimm. | Eine Rückfahrt. | Alte Geschichten. | Die erste Nacht in Haus Ilitz. | Eine Erscheinung im Walde. | Der Ball muß sein. | Zwei Anstands-Visiten. | Malchen. | Ein Wetterstrahl im Ratskeller. | Zum Ball oder nicht zum Ball? | Die Ouverture zur Ballmusik. | Die Ballnacht. | Vorm Scheunentor. | Im Schnee. | Jede Schlacht fordert Präparationen. | Schulze und Edelmann. | Die Einquartierung. | d'Espignac. | Der kleine Krieg. | Der Versucher im Hause. | Scheiden. | Ritter und Reiter. | Wendisch oder germanisch. | Das Schwert des Cid. | Der Beichtvater. | Chaotische Besuche. | Der unbegreifliche Brief. | Das Vaterland und bürgerlichen Offiziere. | Die Brücke in die Zukunft. | Eine deutsche Konversation. | Nachtgespenster. | Der Krieg ist nicht Zeit zu Hochzeiten. | Das Ahnenbild stürzt. | Ein verhängnisvoller Brief. | Die Katastrophe. | Ein Doppelgänger. | Eine dunkle Tat. | Ein politisches Geheimnis. | Ihr von Ilitz, Ihr von Ilitz, Solltet nimmermehr nach Quilitz! | Ein Gewitterschlag. | Ein ernstes Zwiegespräch. | Friede und Resignation. | Nach sechs Jahren. | Von Hochgezieten. | Gräfin Heilsberg. | Querl. | Schluß. |

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Willibald Alexis

Isegrimm

d'Espignac.

eingestellt: 25.7.2007

Vierundzwanzigstes Kapitel.

dEspignac.



»Ich habe mich bei Ihnen wegen etwas zu rechtfertigen, was dem Bruch des Gastrechts ähnlich sieht. Aber der Krieg hat seine eigenen Gesetze. Sie waren Militär, mein Herr, Sie werden mich verstehen und bei Ihrer Familie wegen der verursachten Angst entschuldigen.«

So hatte der Colonel beim Eintritt in die Stube begonnen. Wir vergaßen vorher zu erwähnen, daß dem Colonel die Stube des Kandidaten eingeräumt worden. Auf speziellen Befehl des Hausherrn. Sie galt im Corps de logis als die schlechteste. Der Kandidat war in den sogenannten Rüstsaal auf dem Boden einquartiert.

»Der Soldat ist Instrument,« entgegnete ernst der Major. »Er pariert nur Ordre.«

»Nicht ganz, wenigstens nicht bei uns. Allein auf meine Anordnung sind die Ausgänge besetzt.«

»Ich werde Ihnen nicht entfliehen.«

»Ich bin von Ihrem loyalen Charakter überzeugt.«

Die Stirn des Edelmannes runzelte sich: »Die Auslegung des Wortes ›loyal‹ kann verschieden sein; ich nehme an, daß es in Ihrem Munde keinen Hohn umschließt, denn ein Militär von Ehre würde sich keine Beleidigung gegen einen alten Offizier erlauben, wenn dieser in der Lage ist, sich nicht verteidigen zu dürfen.«

»Es ist nichts Persönliches im Spiel.«

»Das hängt nun auch von der Auslegung ab. Sie ritten nach meinem Gute Querbelitz; zugleich erging Ihre Ordre, die uns zu Gefangenen macht. Da ist die Person mit der Sache, dünkt mich, sehr nahe verbunden.«

»Ich habe nicht die Ehre, Sie zu verstehen.«

»Noch ich die Verpflichtung, mich deutlicher auszudrücken. Uebrigens bin ich bereit, für jede meiner Handlungen Rede zu stehen. Meine Ansichten und Gefühle sind mein Eigentum.«

»Hier muß ein Mißverständnis sein.«

»Ich habe genug gesagt, wenn ich mein Wort darauf gebe, daß ich erst vor einigen Stunden von dem Vorfall in Querbelitz erfuhr.«

»Ach, die Posse da meinen Sie!«

»Posse –?« Der Major sah ihn verwundert an.

»Eigentlich eine gewöhnliche Einquartierungsgeschichte, die nur für den armen General Victor unangenehmer endete. Die gerechte Strafe, daß er sich wichtig machen wollen, in Dinge mischen, die ihn nichts angingen. Freilich, die Bestimmung aller dieser Pilze, die Halbgötter werden wollen, und es geht ihnen nicht rasch genug. Darum schnell etwas erfunden, was die Augen auf sie lenkt, Ueberfälle, Lebensrettungen, Verschwörungen. Wir kennen sie. Am Hofe Ludwig XV. ist nicht so viel intrigiert worden. Diesem General Victor konnte der Marschallstab ohnehin nicht entgehen. Was mußte er allein, ohne Sauvegarde, durch ein feindliches, aufgeregtes Land, – o, er verdiente eine ernstliche Strafe, und doch könnte er uns leid tun; er ist sonst ein braver Soldat –«

»Also wirklich gefangen?«

»Um bald wieder ausgetauscht zu werden. Der Kaiser hat preußische Generäle genug zur Verfügung. Aber wer dem Ridicule verfiel, ist verloren. Der Adler, der sich von Knaben an der Leimrute fangen ließ, bleibt der Spott der anderen Vögel, auch wenn er sich ungerupft losriß. – Es wäre freundlich gehandelt, wenn man hier nicht davon spräche.«

»Dann erwarte ich Ordre, wovon die Gefangenen sprechen dürfen.«

»Ihre Gefangenschaft ist morgen, wenn alles glückt, wie es angelegt ist, schon vorüber. Bis dahin bitte ich Sie, das Recht des Stärkeren gelten zu lassen, und sich ruhig in das Unvermeidliche zu fügen.«

»Was kann bis morgen entschieden werden? Ich sehe keinen Grund für diese Privathaft.«

»Und ich keinen, was ich vorhabe, zu verschweigen. Das Unwesen des Parteigängerkrieges hier, das immer mehr um sich greift, je lässiger man es angreift, soll ausgerottet werden. Der Abenteurer Schill hat durch mehrere aufeinanderfolgende, glückliche Coups einen Ruf erworben. Der Ruf ist im Kriege gefährlicher als das Verdienst. Bei der alten Organisation Ihrer Armee fand er glücklicherweise nicht die nötige Unterstützung. Statt sich eines Offiziers zu freuen, welcher auf eigene Hand etwas wagt, und diese Hand ist glücklich, hält der alte Gouverneur von Kolberg ihn am Gängelband, weil es nicht in das alte System paßt. Inzwischen ist man in Königsberg auf den kühnen Husaren aufmerksam geworden. Der alte General Lucadou soll abgesetzt werden, und man schickt einen jüngeren Offizier vom Genie, ich glaube, er heißt Gneisenau, an seine Stelle!«

Der Major wiegte nachsinnend den Kopf. »Gneisenau! das ist ein Mann, ich kenne ihn.«

»Frohlocken Sie nicht zu früh. Man besinnt sich vielleicht wieder anders. Auch dort liebt man jetzt so wenig als früher Männer von Charakter. Wer selbst denkt und selbständig zu handeln weiß, ist an keinem Hofe beliebt. Uebrigens ist Pommern ohne Einfluß auf den Gang des Krieges, und die detachierten Parteigänger, die sich über die Oder geworfen, haben hier gar keinen Anhalt.«

»Und doch so viel Ernst gegen sie?«

»Weil man auch erfahren, daß ein Major Marwitz, der bei Prenzlow mitgefangen war und sich zur See nach Königsberg geschlichen, dort den König und die Minister anliegt, ein Freikorps werben zu dürfen.«

»Den sollte ich auch kennen,« sagte der Wirt.

»Der rasende Franzosenhasser hat die tolle Idee, mit dem Streifkorps sich nach Stralsund oder einem mecklenburgischen Hafen überzuschiffen; auf requirierten Bauerwagen sollte er von da nach der Spree, unterwegs wollten sie das Land revoltieren und mit einem Coup Berlin nehmen.«

»Sie wissen Wunderdinge.«

»Des Kaisers Kundschafter wissen alles. Das Projekt kam nicht zur Ausführung, muß ich Sie abermals enttäuschen, weil man über die Uniformierung des Freikorps und den Rang der Offiziere im Verhältnis zur Linie nicht einig werden konnte. Genug für uns, der Gedanke ist da, wenn auch töricht und unausführbar, aber je romanhafter, wunderbarer, um so mehr muß er Reizendes für den deutschen Charakter haben. Dazu in Schweden ein halb toller König, der nach allem greift, nur nicht nach dem Vernünftigen. General Brune, der das Kommando in diesen Provinzen erhält, will das Terrain gesäubert um reines Feld für den Ernst zu haben, der kommen kann.«

Die ernste Sprache des Colonel hatte ernste Gedanken in dem Major erweckt; es war unmöglich, daß er der offenen Weise seines Feindes den groben Sarkasmus noch ferner entgegensetzte. Der alte Militär erwachte und trug einen Augenblick den Sieg davon über den Patrioten. Er konnte den Colonel nicht beneiden. Was lasse sich in solchem Hetzkrieg durch die Büsche tun?

»Es kommt doch darauf an, ob man den Krieg als Ziel oder als Mittel betrachtet,« entgegnete dEspignac. »Es gilt nicht in der Tat, Napoleon wirklich den Rücken zu decken, aber moralisch. Das Lüster seines Namens erfordert, daß worüber er siegreich, ein sengendes Meteor, hinfuhr, auch der Versuch, der Gedanke, gleichsam der Embryo eines Widerstandes ausgebrannt sei. Die Majestät soll, wie die Mittagssonne, alle Nebel verscheucht haben. Des Imperators Handlangern bleibt es dann überlassen, während er vorwärts denkt, hinter ihm zu kehren. Es ist das übrigens nicht meine, es ist die Vorstellung seines Hofstaates, und insofern –«

»Bleibt die Hetzjagd für seine Handlanger das, was sie ist.«

»Pflicht, mein Herr. Im übrigen, meine ich, kann sich in diesem Falle auch die Strategik zeigen! Alle Straßen und Wege sind noch in dieser Nacht besetzt. Mit einem Schlage ist es morgen geschehen, die Streifkorps sind aufgehoben.«

»Wenns glückt.«

»Das Netz ist so gespannt, sage ich Ihnen, daß der Schlag gar nicht mißglücken kann, besonders da wir genaue Renseignements über die Schlupfwinkel der Feinde erhielten.«

»Renseignements – von hiesigen –«

»Angesessenen Männern, die ihr Ehrenwort dafür eingesetzt.«

Als der Oberst den Eindruck seiner Worte bemerkte, fuhr er fort:

»Um Mißverständnissen vorzubeugen, nenne ich Ihnen meinen Gewährsmann – ich habe sie aus dem Munde Ihres Vetters, des Herrn von Quarbitz, er ist ja wohl Hofmarschall. Er war selbst bei mir in Nauwalk.«

Der Major verstummte; er schütterte zusammen und wandte dem Oberst halb den Rücken: »Ein Quarbitz ein Verräter! Auch das noch!«

»Sie würden anders urteilen, wenn Sie ihn mit angehört. Er achtet Sie mehr, als Sie ahnen, und glaubt mit in Ihrem Interesse gehandelt zu haben, indem er nur das tat, was die Pflicht eines redlichen Vaterlandsfreundes ihm gebot.«

»Daß er das Schlechte schön zu malen weiß, daran zweifelte ich nicht, daß aber auch ein Kenner die Gefälligkeit hat, es dafür zu erklären –«

»Das wundert Sie, und ich könnte antworten: ich urteile als Franzose, dem es Vorteil bringt. Doch nein, ich würde auch als Ihr Landsmann seine Handlungsweise billigen. Was sind, woraus bestehen diese Streifkorps? Aus davongelaufenen, ranzionierten Soldaten, aus Herumtreibern, verlorenen Subjekten, die sich aus Faulheit, Not, aus Lust am wüsten Leben ihnen anschlossen. Haben Ihre Behörden, Ihr König diese eigenmächtige Aushebung autorisiert, nur gebilligt? Selbst der Leutnant Schill hat seine endliche Anerkennung nur seinen Successen zu verdanken. Wäre er unglücklich gewesen, so hätte man ihn vor ein Kriegsgericht gestellt. Es liegt weder im System Ihres Staates, noch im Charakter Ihres Königs. Wer will, soll, wer hat denn nun das Recht, diesen Krieg ohne Ordre und Auftrag gutzuheißen? Oder wollen Sie ihn rechtfertigen, weil er Ihnen Nutzen bringt? Ich besorge, daß Sie da strenger urteilen als ich. Was ist ein Krieg, in Hohlwegen und Verstecken, gegen Fouragewagen und Marketender geführt? Wirft er nur ein Lot in die eiserne Kriegswage, wo nach Zentnern gewogen wird? Wen trifft die Last dieses Krieges? Uns nicht, Sie, die Bewohner der Provinzen, namentlich die großen begüterten Gutsbesitzer. Was die Parteigänger uns fortschleppen, müssen die Kreise zehn-, zwanzigmal ersetzen. Also plündern die Plünderer eigentlich nur ihre eigenen Landsleute. Wie dieser kleine, unnütze Krieg die Heere erbittert, das Friedenswerk immer schwieriger macht, davon schweige ich; aber Sie sehen selbst in Ihrer Kreisstadt seine Früchte. Einige Desperados und ranzionierte Junker haben freilich ihr Mütchen gekühlt und ihr Vergnügen gehabt, auf eine Nacht Generäle zu spielen und Städte zu erobern; aber auf wessen Kosten? Sie haben sich salviert und lachen sich ins Fäustchen, aber der arme Bürgermeister dort hat sich nicht retten können, und er hat für sie bluten, Sie, die Herren Gutsbesitzer, haben bezahlen müssen. Mich dünkt, es war ein etwas teures Vergnügen. – Noch etwas, mein Herr. Ich wollte viel zugeben, wenn Sie mir nur eine Wahrscheinlichkeit eröffnen, daß dieser Guerillaskrieg Ihrem Vaterlande, der Sache Ihres Königs hilft. Ihr König, Ihre Feldherren, Ihre Heere wurden geschlagen, vernichtet, weil eben nur König, Feldherren uns gegenüberstanden. Wäre es ganz Deutschland gewesen, oder nur ganz Preußen, der Sieg wäre dem Imperator nicht so leicht, er wäre wenigstens nicht so entscheidend gewesen. Ihr Reich, Ihre Provinzen liegen wie ein weites Beutefeld vor uns, man hat nichts Zeit zu retten gehabt. Wo erhebt sich denn eine Hand, um etwas davon dem früheren Besitzer zu erhalten? Ihre Kassen, Ihre vollen Magazine, Ihre Verwaltungsinstrumente, alles, alles ließ man uns, nicht vernichtet, nein, in voller Ordnung zum beliebigen Gebrauche zurück. – Wenn im Volke der Sinn bei der Sache gewesen wäre, würde nicht jeder Patriot zugestürzt sein, um zu retten, was an ihm? Kein Feuerbrand flog in die Magazine, kein Eimer Wasser, um das Pulver zu verderben, kein Pfund Blei und Eisen ward versenkt. Nein, man zahlte uns mit zitternden Fingern die Kassenbestände aus und erbat sich nur ängstlich Quittung darüber. Was erwarten Sie von einem solchen Volke? Es ist nur gut zum Gehorchen. Aus Lust dazu gehorcht es, wem es sei. Unsere Intendanzen sind erstaunt, sie haben im eigenen Lande nie solche Folgsamkeit und Pünktlichkeit gefunden. Kann dies Volk sich erheben, selbständig handeln, kann es sich empören, frage ich Sie? Und kann es, wenn es empört wäre, seinem Vaterlande, seinem Könige helfen? Dazu gehören andere Lokalbedingungen, anderes, südliches Blut, andere, glühende Augen, andere Sinnlichkeit. Franzosen, Spanier, Italiener, ja, die können Revolutionen machen, der Deutsche folgt nur gehorsamst den Revolutionen, welche seine Fürsten für ihn unternehmen. Man braucht ihnen nur in ihr ehrliches, schläfriges Gesicht zu sehen, um überzeugt zu sein, daß keine Marseiller Trommel sie aus ihrem Phlegma aufrüttelt. Oder erwarten Sie, daß die paar mißvergnügten Offiziere, beschäftigungslosen Abenteurer, diese desertierten Unteroffiziere und Soldaten, die nur prügeln konnten oder sich prügeln lassen, daß sie das ça ira so ihnen in Mark und Nieren brüllen würden, daß diese Bauern und Bürger aus ihrer Haut springen? Mein Herr Major, Sie sind ein Ehrenmann, aber Ihr Vetter hat mit dem vollen Bewußtsein eines Patrioten gehandelt, daß er, um Blutvergießen zu ersparen, daß er, um seines Vaterlandes willen, ein absolut törichtes, unnützes, verderbliches Beginnen an der Wurzel uns zerstören läßt.«

Es war manches in der Rede, was dem Herrn von Ilitz zu Sinne ging. Es war ihm aber ebenso wenig zu Sinn, seine Beistimmung zu geben, als jetzt darüber zu streiten. Die nächste Gefahr für sich und sein Haus schien beseitigt, aber andere Gefahren weckten andere Vorstellungen. Nach einer Pause hub er an:

»Warum würdigen Sie mich dieses Vertrauens und sperren mich doch ein?«

»Nach den Maßregeln, die ich zu nehmen gezwungen bin, war es nur Herzenspflicht, eine edle Familie über den Grund derselben zu beruhigen.«

»Ließen Sie alle Edelhöfe absperren, damit keine Nachricht hinauskommt?«

»Sie sind der einzige Edelmann, gegen den ich mich gedrungen fühlte, diese Mitteilung zu machen.«

»Doch in der Erwartung, daß ich Ihrer Raison beistimme? Sie trafen es, ja, aus diesem Kriegspielen wird nie etwas Gescheites. Eben deshalb aber sehe ich keinen Grund ab, weshalb Sie gegen mich diese Exzeptionsmaßregel fortsetzen. Es wirft einen sonderbaren Verdachtgrund auf mein Haus, es spricht sich durch und könnte für mich üble Folgen haben; zum Exempel, wenn andere Kommandierende mit nicht so wohlwollenden Gesinnungen an Ihre Stelle träten.«

»Mein Herr, ich glaube, dieser Verdacht wird Sie nicht drücken.«

»Sei es, aber ich wünschte, vor einer so wichtigen Krisis, von der das Schicksal so vieler Personen abhängen kann, mit meinem Lehnsvetter, dem Hofmarschall, Rücksprache zu nehmen.«

Der Colonel sah ihn ernsthaft an. »Wenn Herr von der Quarbitz mir als Kavalier sein Wort geben will, daß er nur und allein mit dem Hofmarschall kommunizieren und jeder anderweiten Mitteilung, mit wem es auch sei, sich enthalten will, so steht Tor und Tür ihm offen.«

»Also doch Mißtrauen?«

»Ihr Charakter rechtfertigt es.«

»Mein Herr –«

»Sie können das Parteigängerwesen als Militär verdammen, aber als Patriot müssen Sie für die, welche es treiben, Partei nehmen. Ueberdem hören, wo uns das Vaterland auf dem Spiele zu stehen scheint, die gewöhnlichen Rücksichten und Pflichten in unserem Sinne auf; wir haben nichts Eigenes mehr, also auch nicht mehr unsere Privatehre, wir betrachten uns als Atome des Landes, der Nation, des Staates, dem wir unsere Person gewidmet haben.«

»Das Wort eines wahren Edelmannes sollte mehr sein als ein Atom.«

»Aber doch immer nur die Partikel eines größeren Ganzen, dem er sich unterzuordnen hat. Es lohnt darüber kein Streit. Ich würde in dem Falle meinem eigenen, gegebenen Worte nicht trauen. Wenn es Frankreich retten gilt, ich glaube, ich bräche mein Wort. Doch das sind Ansichten, da muß jeder nach seinen handeln. Aber auf die Gefahr, Sie zu beleidigen, ich traute es auch Ihnen zu, Herr Major, – wenn ein entscheidender Kampf dort in der Gasse gefochten würde, – Sie sähen die Ihrigen weichen, Sie könnten helfen, – ich traue Ihnen zu, Herr Major, Sie vergäßen die Parole, die Sie uns etwa gegeben, nicht zu fechten, und sprängen aus dem Fenster. Der Ehrentod wäscht das gebrochene Ehrenwort. Um deswillen, – zu Ihrem Besten sperre ich Sie ein, Herr Baron.«

Der Major hatte nie geglaubt, daß er mit einem Franzosen eine so lange und friedliche Unterhaltung zu pflegen imstande gewesen wäre. Und doch, schon an der Tür, knüpfte er noch einmal an. Er sprachs nicht mit so fester Stimme; es war ein Kalkul der Klugheit. »Alsdann beurteilen Sie auch wohl jene unglücklichen Offiziere milder, welche zur Parole genötigt wurden?«

»Und ihr Wort brachen!« Der Colonel zuckte die Achseln. »Mein Herr, es gibt zwei Richterstühle. Der, auf den der Kaiser Napoleon mich setzte, und einen anderen, auf den meine Geburt mich stellte, auf den mein Herz – der Präsident eines Kriegsgerichts darf auf diese Stimme nicht hören. Er muß richten und sprechen wie Brutus. Auch in Rom, mein Herr, werden Tausende von Herzen für die edlen Jünglinge geschlagen haben, am lautesten das ihres Richters. Diesen Herzschlag erdrücken zu müssen, ist die schwerste, bitterste Pflicht des Militärs. – Genug davon!«

Wie es kam, er wußte es nicht, aber der Major fühlte seine Hand vom Colonel gedrückt. Es war der erste Händedruck eines Franzosen. dEspignac flüsterte ihm zu:

»Trösten Sie sich, einem oder dem anderen gelingt es wohl, zu entfliehen. Warum nicht ihrem Freund und Nachbar Wolfskehl?«

Der Herr von Ilitz wiederholte verwundert den Namens »Was soll der?«

»Ich verhehle Ihnen nicht,« fuhr der Franzose im vorigen Tone fort, »auf ihn gerade ist die Hetzjagd gerichtet. Was kümmern uns die verlaufenen Fähnriche und Leutenants, die Not und Depit treibt. Aber wenn ein angesessener Edelmann von Ansehen und Namen, reich, von Einfluß auf die Population, alle Gesetze der Klugheit so vergißt, da muß ein Exempel statuiert werden, damit er nicht zum Exempel wird.«

Mit einer stummen Verbeugung hatte der Kommandierende den Gefangenen entlassen. Doch hielt er ihn noch zurück: »Eine Bitte noch. Daß ja Ihre Damen nicht alarmiert werden; und wenn es nicht zu verhindern, – dann denken Sie, es sind böse Träume, die zu ändern nicht in unserer Macht ist. Wir erwachen wohl einmal selbst wieder zu besseren Zuständen!«

»Träume!« sagte verwundert der Gutsherr. »Was hat ein Offizier des französischen Kaisers mit Träumen zu schaffen?«

Ein wehmütiger, fast tragischer Zug flog über das interessante Gesicht, als er sich umwandte:

»Und ists kein Traum, daß ich – ich –« seine Hand fuhr mit krampfhafter Heftigkeit an die Brust; mit unterdrückter Stimme sagte er – »hier saß einst der Orden meines Königs, das Kreuz des heiligen Ludwig, und jetzt, jetzt bin ich – leben Sie wohl, vergessen Sie, was ich sagte, es war auch ein Traum.«

Der Herr von Ilitz war gewiß kein Träumer, aber so viele Gedanken gaukelten in dieser Nacht als Bilder um seine gefurchte Stirn, daß er die Augen schließen mußte, und dann erst wurden sie so lebhaft, daß er sie wieder aufriß. Wenn das wirklich wurde, was der Colonel ihm vertraut, war das Schicksal des jungen Menschen, seines Neffen, entschieden. Ein wieder eingefangener Offizier war vor keinem Militärgericht zu retten.

Er hatte vorhin gedacht, ihn aus dem Lande zu entfernen; auch als der Schulze das kleine Kapital ihm abschlug, hatte er nachgesonnen, wo er anderwärts die Mittel beschaffen möchte, und sogar einen Augenblick an den Baron Eppenstein gedacht, um doch ebenso schnell den Gedanken zu verwerfen. Jetzt rief er sich Theodors Bild in den Sinn, aber was sollte ihn das Schicksal des Tropfens im Meere, des Atomes besonders kümmern, wo die stürmenden Wellen anbrausen gegen alles, was fest gewesen.

Doch auch das war es nicht, was ihn zunächst aufregte. Er rekapitulierte sich die Worte des Colonel, was er über die Freischaren gesagt, über eigenmächtige Bewaffnung, Volksaufstände; er quälte sich, ihm unrecht zu geben, und je mehr er sich Mühe gab, so mehr mußte er ihm recht geben. Es schlug in das System ein, was er von je an verfochten. Aber die Vorstellung, daß er einem Franzosen, einem Feinde, recht geben müsse, brachte sein Blut immer wieder in Unruhe. Und dann die andere, daß er zum ersten Male nicht Herr, daß er Gefangener in seinem Hause war. Immerhin! aber er hatte sich ihm gegenüber in einer Art demütigenden Stellung befunden. Der Major vor dem Obristen, das wäre angegangen! Die Disziplin erfordert ärgere Demütigungen. Aber hier hatte ihm eine andere Vornehmheit entgegengeweht, – die Ueberlegenheit eines durchgebildeten Geistes. Nicht sowohl, daß ihm die Menschen, welche auf Geist Anspruch machten, unbequem waren, als daß er das selbst haßte, was man Geist nannte, weil es aus sich Gesetze schöpft, weil es Vorstellungen ins Leben gesetzt, die schon so heftig an dem Althergebrachten gerüttelt. Wie hatte er in Berlin die Aesthetischen und Gelehrten über den Kopf angesehen, um so mehr, je mehr sie in den Gesellschaften gefeiert wurden; wie manchen jüngeren Regierungsbeamten, der zu ihm auf Kommissionen geschickt war, hatte er anlaufen lassen – dem Obersten gegenüber, noch dazu einem jüngeren Manne! hatte sich das nicht gemacht. Wunden, der Autorität zugefügt, schmerzen doppelt. Zwar – wenn dEspignac der Abkömmling einer alten Familie war, wenn reines Blut in seinen Adern floß, und er nur gezwungen den Siegerfahnen des Eroberers gefolgt war, änderte sich das Verhältnis. Er war der Brutus gegen sich selbst geworden. Von einem solchen Franzosen konnte auch ein deutscher Edelmann Ansichten entgegennehmen. Aber war das die Sprache eines alten französischen Edelmannes? War nicht auch in dem Raisonnement Windiges und Schiefes? Ja, die Zeit und ihre Ideen hatten auch auf ihn Einfluß gewonnen! –

Hatte er nicht verteidigen wollen, daß ein Vasall sein persönliches Ehrenwort brechen dürfe, wenn es die Rettung seines Lehnsherren gelte? Wog ein Ritterwort, die unbefleckte Ehre eines Edelmannes nicht schwerer als –?

Und dann hatte er auch das natürliche, von Gott eingesetzte Verhältnis von Vasall und Lehnsherr geflissentlich in die modernere Vorstellung eines Kavaliers zu seinem Fürsten, oder von Gott und Vaterland übersetzt! Das war unbedenklich windig und schief, eine Konzession, die kein wahrer Edelmann machen darf! Aber hinwiederum handelte nicht dEspignac selbst im echten Geist des Ritterordens? Er gehorchte der Pflicht gegen seine Ueberzeugung, er diente in unverbrüchlicher Treue, er opferte sich, sein besseres Selbst, einem aufgedrungenen Lehnsherrn, den er im Herzen verabscheute. Solche Fälle gab es, erinnerte sich jetzt der Major. Dienten nicht viele Edelleute im Heere des Korsen, ein Narbonne, Marmont, Bourmont, die vielen La Tours, selbst ein La Roche Jacquelein! Sie mußten, aber sie dienten in echter Ritterlichkeit.

Er griff aus den Folianten und schweinsledernen Bänden, welche die eine Wand seines Zimmers bildeten, einen bestäubten Quartanten heraus. Französische Lilien im alten Holzschnitt schmückten den Titel. Sein Gesicht erheiterte sich bei einem Blatte, auf dem ein groß gemaltes Wappen stand: »Latour dEspignac! – normannisch – doch vielleicht die Wurzel bretagnisch – ein Latour Gouvion dEspignac in Urkunden zuerst genannt, aber schon Mundschenk Wilhelms des Eroberers – die Familie muß also älter sein.«

Sein Blick schweifte zum Fenster hinaus. »Auf dem Papier! Geduldiges Papier – wenn nur die Wahrheit wie ein unauslöschliches Wasserzeichen sich darauf abdrückte, und wenn – die Schrift da auf den Lumpen immer mit der Wirklichkeit stimmte!«

Da fuhr es durch die Nacht, ein roter, prasselnder Strahl, der sich in die Wolken verlor, ein zweiter, ein dritter dicht in der Nähe. Eigentlich war es schon Morgen, die Hähne hatten längst gekräht, aber es war noch tiefe, dunkle Stille auf der Erde und am Horizont, durch den die Signalraketen prasselten. Jetzt erst regte und bewegte es sich. Die Trompeten im Dorf bliesen die Reveille, darauf Pferdegetrappel. Auch im Hofe zogen sie die Pferde aus den Ställen, der Colonel schritt festen Trittes, aber leise über den Korridor die Treppe hinab. Unten hörte man seine Kommandeurstimme, aber auch die gemäßigt, als gelte es die Ruhe im Hause nicht zu stören. Jetzt ritten sie ebenso leise hinten zum Hoftor hinaus.

Ein guter Hausherr muß nach den Ställen sehen, wenn die Einquartierung abzieht. Die Franzosen lachten der Polizeivorschriften, sie gingen mit brennenden Pfeifen und Lichtern unter Stroh und Heu. Nach den Ställen zu sah alles dunkel aus, aber aus der offen gelassenen Stubentür des Obersten kam ein Lichtschein. »Wieder recht echt französisch leichtsinnig,« brummte der Major und trat hinein, um die Kerzen zu löschen. Einen Blick umher durfte er sich vorher doch erlauben. Es war große Unordnung. Ein Felleisen lag offen auf der Diele, ein anderes halb umgestürzt auf dem Sofa, Skripturen auf dem Tische. Wo waren die Zeiten, dachte er, wo der französische Offizier und Edelmann von seinen Kammerdienern im Felde so sauber und ordentlich bedient und frisiert ward, wie in seinem Schlosse. Die Schlingel von Burschen, die ihm heute aufwarten, verstehen freilich nichts von der Toilette. Aber wer seine Sachen so zurückläßt, muß doch ans Wiederkommen denken. Der Gutsherr hielt es daher für Pflicht, sich der zurückgelassenen Effekten anzunehmen. Da rutschte ein Etui, worin, dem Klange nach zu urteilen, Metallgeld war, auf die Erde. Er hob es auf, um es zu verschließen. Auf dem Lederdeckel war ein Wappen in Gold eingepreßt. Er betrachtete es am Licht, und es schien ihm dasselbe mit dem im Wappenbuche gefundenen, aber der Deckel war abgegriffen, die Formen verwischt. Als er es in den Mantelsack tat, stieß er auf eine offene Pergamentrolle. Sie schien ihm von selbst in der Hand aufzuspringen. In prächtigstem heraldischen Farbenglanz schaute ihm jenes Wappen entgegen.

Er steckte sie in das Felleisen, um es zu verschließen. Da wollte der Zufall, daß sein Auge auf die Skripturen auf dem Tische fiel. Ein Brief, der gestern mit der Feldpost angekommen, durch seine Hände gegangen, lag eröffnet. Die Adresse auf dem Couvert war: A Monsieur le Colonel dEspignac, Commandeur etc., aber der eigentliche Brief, der halb heraussah, hatte, von seiner Hand geschrieben, noch eine andere Adresse. Diese zu betrachten, war ihm doch erlaubt: »A Monsieur le Marquis Raoul Bien-aimé Gouvion de la Tour dEspignac.«

Die Kerzen mit den lang verkohlten Dochten brannten trübe, dem Gutsherrn aber dünkte die Stube wie mit einem rosigen Schein erhellt. Wer ihn gesehen, hätte den Schein auch vielleicht auf seiner Stirn bemerkt. Da stand in der Ecke neben einem Kavalleriesäbel ein altes Ritterschwert; vielleicht ein Familienerbstück. Und dieser Offizier und treue Diener des modernen Kaisers hatte weder die Beschwerde noch den Spott gefürchtet, es auf den Heerzügen, vielleicht als Amulett, mit sich zu führen. Er konnte sich nicht enthalten, es aufzunehmen, es in der Hand zu wiegen; ja, er riß es aus der Scheide und schwang es in der Luft. Welche Streiche für Tugend, für Recht, für Gott und König, gegen Ketzer, Ungläubige, Verräter, mochte das treue Schwert in der markigen Faust so vieler edler Ahnen geführt, wie manchen Ritterschlag es getan haben. Wie stimmte der dunkle Charakter der alten Stube, die kleinen Fenster mit den runden Scheiben, der schwarze Kachelofen zu dem Bild der alten Zeiten, das vor ihm auftauchte. Darüber hörte er nicht das ferne Knattern von Schüssen, welches auch die Schloßbewohner erweckte, die der Abzug der Garnison nicht schon alarmiert hatte. Sein Blick fiel auf das weibliche Porträt an der Wand, und eine andere Zeit stand vor ihm. Trat sie heraus, das blasse Gesicht aus der nachgedunkelten Leinwand, entsetzte er sich vor ihren verlöschenden Kohlenaugen, vor den krampfhaft zitternden Lippen, war er der schwarze Wolf geworden, der zähnefletschend das Schlachtschwert erhob, um die Schande aus seiner eigenen Familie zu wetzen – als die halboffene Tür knarrend weiter aufging – und die Gestalt eintrat. Er trat zurück und ließ die Klinge sinken: »Was ist das?«

Es war nur ein Moment. »Was ist Dir, um Gottes willen, was soll das?« rief die Eintretende, seine Tochter Karoline im Nachtkleide, mit allen Zeichen der Verwirrung und Angst. »Vater, was ists? – Sie schießen. – O, Du bist krank, verlaß uns nicht, was ist Dir?«

»Es ist nichts, Kind – eine Täuschung – wir sind gesund – das bedeutet nichts – hier aber – hier fand ich endlich einen Schatz, einen echten Franzosen – einen wirklichen Edelmann.«

< Die Einquartierung.
Der kleine Krieg. >



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