Frei Lesen: Isegrimm

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Kapitelübersicht

Die Schwedenschanze | Die Blutsteine. | Der Quilitzer Knecht. | Die Querbelitzer Schenke. | Schemelbeine. | Isegrimms Haus. | Isegrimm. | Eine Rückfahrt. | Alte Geschichten. | Die erste Nacht in Haus Ilitz. | Eine Erscheinung im Walde. | Der Ball muß sein. | Zwei Anstands-Visiten. | Malchen. | Ein Wetterstrahl im Ratskeller. | Zum Ball oder nicht zum Ball? | Die Ouverture zur Ballmusik. | Die Ballnacht. | Vorm Scheunentor. | Im Schnee. | Jede Schlacht fordert Präparationen. | Schulze und Edelmann. | Die Einquartierung. | d'Espignac. | Der kleine Krieg. | Der Versucher im Hause. | Scheiden. | Ritter und Reiter. | Wendisch oder germanisch. | Das Schwert des Cid. | Der Beichtvater. | Chaotische Besuche. | Der unbegreifliche Brief. | Das Vaterland und bürgerlichen Offiziere. | Die Brücke in die Zukunft. | Eine deutsche Konversation. | Nachtgespenster. | Der Krieg ist nicht Zeit zu Hochzeiten. | Das Ahnenbild stürzt. | Ein verhängnisvoller Brief. | Die Katastrophe. | Ein Doppelgänger. | Eine dunkle Tat. | Ein politisches Geheimnis. | Ihr von Ilitz, Ihr von Ilitz, Solltet nimmermehr nach Quilitz! | Ein Gewitterschlag. | Ein ernstes Zwiegespräch. | Friede und Resignation. | Nach sechs Jahren. | Von Hochgezieten. | Gräfin Heilsberg. | Querl. | Schluß. |

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Willibald Alexis

Isegrimm

Der Versucher im Hause.

eingestellt: 25.7.2007

Sechsundzwanzigstes Kapitel.

Der Versucher im Hause.



Des Unglücks war doch schon ein hinlänglich Maß über Haus Ilitz in dem Jahre ausgeschüttet; aber es schien doch noch nicht genug.

Zu den halb Abgesperrten – denn wer hätte den versprengten Nachrichten von dem, was draußen vorfiel, den Eingang ganz verschlossen – ward gegen Mittag auf einer Bahre der sterbende Colonel dEspignac gebracht. Er wolle hier sterben, hatte er auf die Frage geantwortet, wohin man ihn tragen solle. Ein Säbelhieb hatte zwischen Nacken und Hals getroffen, so ward er besinnungslos unter seinem Pferde vorgezogen.

»Schon recht so,« hatte der Major gerufen. »Er war zu gut unter dem Schofel!«

Wie richtig er geurteilt, sollte sich nur zu bald erweisen. Minchen, die zuerst zur Besinnung gekommen, und in der allgemeinen Verwirrung, was nötig war, angeordnet, hatte die arme Mutter vergeblich mit dem Trost aufzurichten gesucht, daß die Anwesenheit des Obersten die beste Sauvegarde für das Haus sei. Unter den ins Dorf zurückkehrenden Truppen schien die Disziplin aufgelöst. Sie quartierten sich ein wie in eine eroberte Stadt. Nichts mehr von der weisen Oekonomie, auf welche die früheren Befehlshaber streng gesehen. Man drang in Keller und Küche, man warf Hafer und Heu auf den Hof. Menschen und Tiere schienen in kannibalischer Vergeudung sich für die Strapazen entschädigen zu wollen. Die Offiziere, mürrische, rohe Menschen von gemeinen Gesichtern, waren taub gegen die Klagen, blind gegen die Exzesse. Auf dem schon gedeckten Mittagstisch für die Familie ließen sie sich anrichten, ohne auf einen Platz für die Mitglieder Rücksicht zu nehmen. Wilhelminen, die es dennoch nicht unterlassen konnte, auf einige Ordnung zu sehen, reichte ein Sergeant-Major die Schüssel, um sie dem Kapitän, der am anderen Ende danach verlangte, zu bringen. Sie tat es, ohne eine Miene zu verziehen.

»Schon recht so,« hatte wieder zum Erstaunen der Mutter, die eine Aufwallung erwartete, der Vater gesagt, »es ist ehrenvoller, ihre Dienstboten zu sein, als mit ihnen Brüderschaft zu trinken.«

Daß sie mit der Herrschaft im Hause auch kaum ein Wort wechselten, mochte man ihnen vergeben, denn sie hatten unter sich zu viel zu sprechen und die eintretenden Boten und Ordonnanzen anzuhören, aber die vorige Gefangenschaft, die doch nun von selbst gelöst schien, sollte noch strenger werden. Man sperrte die Bewohner ohne viel Umstände auf den einen Flügel des Hauses ab; es hieß, wegen der eingebrachten Gefangenen und anderer verdächtiger Leute. Die Kommunikation mit ihnen sollte unmöglich werden. Dafür kam die Botschaft, daß eine außerordentliche Kommission aus der Kreisstadt eintreffen werde, um die verdrießliche Angelegenheit zu untersuchen und dafür zu sorgen, daß nicht auch Unschuldige bestraft würden. Eine Kommission, bestellt, um nicht die Ungerechtigkeit in Nauwalk zu wiederholen, welche trotz des Druckes der Fremdherrschaft so laut besprochen ward – einige meinten, sie schreie zum Himmel, – war gewiß vom guten, wenn die ernannten Kommissäre nur Vertrauen eingeflößt hätten, aber es waren außer dem Payeur-General französische Schreiberseelen von derselben Farbe, dazu einige benachbarte Gutsbesitzer, die außer dem Bereich ihrer Ställe und Scheunen für nichts Augen und Sinn hatten, und zu allem ja sagten, was ihr Führer sagte.

Ueber die Lippen des Majors war nur ein bitteres Lächeln gefahren, als am Nachmittag auch sein Lehnsvetter aus Quilitz einfuhr.

»Zu viel Güte,« empfing er ihn, als der Hofmarschall gegen Abend unangemeldet in sein Zimmer trat. »Es könnte Ihnen doch Ungelegenheiten verursachen. Ich hätte es Ihnen vergeben, wenn Sie mich diesmal ganz ignorierten.«

Der Lehnsvetter erwiderte durch einen stummen, kräftigen Händedruck.

»Wir haben wohl wichtigeres zu sprechen. Wir stehen an dem bittersten Ernst; wo der Mann gegen den Mann aussprechen darf und muß, was er denkt. Es ist heilige Pflicht der Selbsterhaltung, sage ich Ihnen, uns über unsere Lage klar zu machen. Geht das noch eine kurze Weile wie jetzt fort, so sind wir alle ruinierte Leute, ohne daß etwas Besonderes zu geschehen braucht.«

»Sie haben auch von der Einquartierung erschrecklich zu leiden,« entgegnete der Gutsherr, ohne daß er in die Wärme des Tones einging, so wenig er sich überwinden können, den Händedruck warm zu erwidern, wie er gegeben ward.

»Wie wir alle,« entgegnete der Hofmarschall; »ob etwas mehr, darauf kommt es hier nicht an. Bester Herr Vetter, und nun möge doch jeder Schleier zwischen uns reißen. Alle Menschen können sich nicht venerieren, nicht lieb haben. Sie sind ein Mann, ich bin es auch, keiner würde in Ohnmacht fallen, wenn er wüßte, wie der andere über ihn denkt. Ich wünschte, Sie kennten mich ebenso gut, wie ich über Sie denke, als ich glaube, Ihre Gesinnung über mich zu kennen. Ich weiß, wie Sie meine Versuche in Nauwalk ausgelegt; selbst daß ich jetzt zu dieser Kommission mich ernennen ließ, ist Ihnen ein Greuel. Gut, gut, Ihnen gefällt nichts an mir, aber was verschlägt denn das, wenn ich Sie frage: wollen Sie nicht das einen Augenblick vergessen und Hand in Hand mit mir gehen, wo es nicht unsere, wo es die Wohlfahrt der Tausende unserer Mitbürger gilt?«

»Der Herr Vetter kommt also nicht meinet- und nicht seinetwegen, sondern um des allgemeinen Besten? Das kommt mir freilich unerwartet.«

»Nein, auch da Wahrheit zwischen uns! Ich kam auch Ihretwegen. Sie sind wegen Ihrer Gesinnung bekannt, gerad heraus verrufen – warum nicht, es ist ja eine Schmeichelei für Sie! Mit mehr Grund, als den armen Bürgermeister da, konnte man Sie wegen dieser Vorfälle beim Kragen fassen, wenn man Ihnen übel wollte. Das ist nun beseitigt, genug davon; ich rechne so wenig auf Ihren Dank, als ich ihn verdiene. Es hat sich alles glücklich gefügt, und Sie haben selbst das Beste getan, was ich, offenherzig gesagt, kaum von Ihnen erwartet, Sie haben sich diesmal selbst überwunden.«

»Lieber Gott, man lernt doch auch mit den Jahren,« sagte der Major und griff nach der Pfeife im Winkel. »Kann ich Ihnen – offerieren?«

»Obligiert. Sie setzen den Stürmen jetzt eine stoische Ruhe entgegen. Das ist gut, aber nicht genug. Wo das Schiff im Sinken ist, muß jeder zuspringen.«

Der Major hatte tief aufgeseufzt. »Mit wem haben Sie denn konspiriert?«

»Mit der Vernunft, oder wie Sie es nennen wollen. Wo niemand ist, der retten will und kann, wird es eines jeden Pflicht. – Von dem Leutnant Schill erwarten Sies doch nicht?« Der Gutsherr schüttelte den Kopf.

»Und noch weniger von Gottlieb Köpkes Söhnen und meinem Schlingel von Kutscher. Das ist es ja eben, Tunichtgute, die nichts zu verlieren haben, wären imstande, uns alle zu ruinieren, wenn wir länger ruhig zusehen. Diese Plane, alles in Unordnung zu stürzen, sage ich Ihnen, das Oberste zu unterst zu kehren, gehen aber weiter. Da hat der Marwitz aus Friedersdorf in Königsberg einen Plan ausgeheckt –«

»Woraus nichts wird,« unterbrach der Major.

»Es kann aber einmal etwas daraus werden, hitzige Tollköpfe gibt es überall und in jedem Stande. Die gewitterschwüle Luft erweckt Phantasien auch in sonst gesunden Köpfen. Wer nichts zu verlieren hat, ist bereit, alles auf eine Karte zu setzen; die Zahl derer, die das Ihre verloren haben, mehrt sich aber mit jedem Tage.«

»Wissen Sie etwas, oder sehen Sie Gespenster?«

Der Hofmarschall rückte seinen Stuhl näher, indem er seine Sprache mäßigte.

»Positiv weiß ich allerdings noch nichts, aber was man in den Bureaus der Gouvernements sich zuflüstert, scheint Grund zu haben. Es schleichen Emissäre umher, in allerhand Gestalten, die von Tugend und Vaterland sprechen. Man vigiliert auf sie; aber daß ihr ausgestreuter Funke Zunder findet, beweist Ihnen das leidige Beispiel aus unserem Dorfe. Sie werden nicht überall so plump operieren; in den Städten geschieht es feiner; man führt eine gelehrte, ästhetische, philosophische Sprache, um die verwirrten Begriffe noch mehr zu verwirren. Auch bei uns klopft man auf den Busch, wie wir uns wohl in dem und dem Falle verhalten, was wir dann und wann wagen möchten?«

»Hat man auch bei Ihnen angeklopft?«

»Ich glaube durch meine offen ausgesprochenen Ansichten mir diesen unheimlichen Besuch von der Tür gehalten zu haben. Aber, rein heraus, Vetter, für Sie war ich besorgt, ich bin noch jetzt nicht beruhigt. Sie muß man zu gewinnen suchen, wenn man aufs Landvolk wirken will. Sie wird man versuchen, Ihr prononcierter Charakter lockt dazu. – Sie schweigen, um des Himmels willen, wäre schon jemand hier gewesen?«

»Nein.«

»Aber wenn der Versucher käme?«

»So wird er mich finden als treuen Vasallen des Markgrafen und Kurfürsten von Brandenburg, meines gnädigen Herrn. So wird er, soll er, das hoff ich zu Gott im Himmel, auf diesem Strich Erde alle Vasallen des durchlauchtigen Hauses finden. Wenn mein König ruft, werde ich bereit stehen, woher und wohin, was auch mir droht.«

»Das konnte ich erwarten,« entgegnete nach einem kurzen Verstummen der Hofmarschall, ohne noch den Eindruck ganz verwunden zu haben, den die laut betonten Worte hervorgebracht. – »Ich mußte es erwarten, oder ich hätte mich in Ihrem Charakter geirrt. Wenn der König ruft, das heißt, ausdrücklich befiehlt, so würden Sie dem Befehl gehorchen, wie er auch laute, Sie würden Ihr Glück, das Ihrer Familie, alles in die Flammen werfen, um als gehorsamer Bürger des Staats und Untertan –«

»Vasall meines Königs,« korrigierte der Major.

»Sie würden auch über das eidliche Gelöbnis, das wir den Behörden ablegen mußten – hinwegsehen. Darüber können die Ansichten verschieden sein; in der Tat, ich bekenne, daß meine – doch darauf kommt es nicht an, über Gewissensskrupel ist in solcher Zeit nicht zu disputieren. – Teuerster Vetter, wie ich Ihren ritterlichen Charakter mir immer konstruiert habe, so würde ich Sie deswegen aus vollem Herzen verteidigen. Aber – die Prämisse ist falsch: der König ruft nicht und wird nicht rufen.«

»Woher wissen Sie das?«

»Vorläufig habe ich Ihnen die Trauerbotschaft zu melden, daß der König eine große Schlacht verloren hat. Alle Tapferkeit unserer Truppen, der mächtige Beistand der Russen, die Gunst des Terrains, vermochten nicht, den schon halb errungenen Sieg festzuhalten. Die Preußen fochten mit Löwenmut, sie wurden gut geführt. Fehlt noch etwas, um den Glauben an Napoleons Unüberwindlichkeit zu befestigen, so hat es diese Schlacht getan. Ich glaube, der Ort heißt Eylau. Seine Majestät und der Hof sollen über die russische Grenze – sich zurückgezogen haben. – Nun frage ich Sie: Was bleibt uns?«

»Der Glaube, daß Preußen nicht untergehen kann« – rief der Major nach einem dumpfen Schweigen, – »der Glaube, daß sein König es nicht verlassen kann, daß sein Herz dort so lebendig für seine Untertanen schlägt, als in ihrer Mitte – die Hoffnung –«

Er schwieg – es war zu viel, zu viel auf einmal.

»Dies süße Spiel mit der Hoffnung,« sagte der Hofmarschall mit Wehmut. »Und daß sein Herz dort so lebendig für uns schlägt, als in Berlin und Charlottenburg, wer bezweifelt das! Am Nordpol, unter Eisschollen, würde es nur von dem Wunsche glühen und klopfen. Aber – mit einem warmen Herzen erobert man weder, noch verteidigt man Königreiche. Kennen Sie unseren König?«

Es mußte etwas auf den Major Bezügliches in der Frage liegen. Er ließ die Blicke sinken. »Er wird im Unglück seine wahren Freunde kennen lernen.«

»Täuschen Sie sich nicht. Es kostete schon ungeheure Mühe, um Haugwitz von ihm loszureißen, Lombard hat er auf der Stelle freigegeben, selbst die Königin, die ihn in gerechtem Zorn in Stettin verhaften ließ, dadurch bloßstellend. Das hatte niemand erwartet.«

»Weil der Pöbel die Verhaftung impretierte, der Pöbel hat nicht mitzusprechen.«

»Welche Aufmunterung aber für die, welche auf Bestrafung der Verräter dringen. Auch haftet Beyme an ihm wie eine Klette; der ungestüme Stein, Rüchel, die Prinzen, alle arbeiten vergebens daran, ihn zu entfernen. Selbst der feine und schlaue Hardenberg ist gescheitert. Mein werter Vetter, Sie sehen mit dem hoffenden und gläubigen Auge eines wahren Patrioten, ich – hege keine Hoffnung mehr, weil ich weiß, wie die Dinge in Königsberg stehen, – gerade so wie es in Berlin aufhörte – dieselbe Unschlüssigkeit, Ungewißheit. Niemand weiß, wer Koch und Kellermeister ist. Ein stiller und ein lauter Hader zwischen den Ministern und dem Kabinettsrate, unter den Ministern selbst; einer möchte den anderen verdrängen, täglich neue Kombinationen. Man will regenerieren, das heißt, man spricht davon; einer hat diese Meinung, der andere jene, der König kann sich nicht entschließen, was er einen alten, treuen Diener nennt, unrecht zu geben, so bleibt es beim alten. Das Militärwesen war verrottet, darüber sind jetzt alle einig, es ist ein allgemeiner Chorus. Sie könnten jetzt an die Umschaffung gehen, denn an Leuten fehlt es nicht, Davongelaufene, Ranzionierte, Freiwillige; Pferde, Munition, Monturen wären zu beschaffen, da England und Rußland helfen, Zeit hatte ihnen Napoleon und der Kot gelassen, den er mehr als unsere Armee fürchtet, aber geschehen ist nichts. Der Herr von Scharnhorst sinnt und planiert, aber Rüchel, der auch nicht fortzuschaffen ist, dominiert und weiß alles besser. Man lebt von der Hand in den Mund, ordnet für heute an und läßt den Zufall für morgen sorgen. Der Zufall war aber noch immer der Freund des Kaisers Napoleon. Er weiß ihn zu benutzen, wir, wenn er sich einmal für uns erklärt, nicht, und in diesem Augenblick schon ist vielleicht das Königreich Preußen, das heißt, was von ihm geblieben, auf russischen Grund und Boden versetzt, und seine Existenz hängt von der Gnade des Zaren ab.«

»Und des Herrn, der Himmel und Erde schuf, und – und –«

Der Major war in einer Aufregung, die er doch heute von sich fern halten wollte. »Und wenn der König, mein gnädiger Herr,« fuhr er fort, »des Sinnes wirklich entbehren sollte, der sein Geschlecht groß und herrlich gemacht hat auf Erden, wenn er in seiner zu großen Güte mehr auf die Elenden und Schlechten hört, als auf die Redlichen, wenn er nicht wie ein Hohenzoller wagen, sein Alles einsetzen will, um sein Alles zu retten, dann steht ihm doch noch zur Seite eine stille, erhabene Frau, ein Engel an Güte und – man weiß es jetzt – eine Frau, die das Herz am rechten Fleck hat, und einen Blick, der das Niederträchtige und Falsche erkennt. Man fängt an, sie jetzt zu erkennen, und wenn ich auch nichts auf die Gerüchte gebe, die uns von ihrem Mute, ihrem Verstande, ihrem Scharfblick zu Ohren klingen, ich habe jetzt einen anderen Beweis dafür. Umsonst wird Bonaparte die Königin Luise nicht durch seine niederträchtigen Schmarotzer und Tintenkleckser besudeln lassen, denn er tut nichts umsonst. Er muß sie fürchten. Mein Herr Hofmarschall, wenn Bonaparte zu fürchten anfängt, fange ich an, zu hoffen, und wen er fürchtet, auf den setze ich mein Vertrauen.«

»Glauben Sie in der Tat, daß Ihro Majestät die Königin den Einfluß hat?« entgegnete der Hofmarschall nach einigem Besinnen. »Ihre Ansicht über die erhabene Frau, wer teilte sie nicht! Aber ich hatte doch manche Gelegenheit, das Verhältnis der erlauchten Gatten zu beobachten, und zweifle dennoch. Ich will zugeben, daß in ihr in den letzten Jahren eine Aenderung eingetreten ist, aber Seine Majestät ist derselbe geblieben, seiner Natur nach wird er immer derselbe sein. Sie ist eine Zauberin, aber keine Königin der Nacht, nur ihre Liebenswürdigkeit schafft Wunder, ihr Haß ist ohnmächtig. Hat sie, seit 1805, wie man sagt, Politikerin, auch nur einen einzigen aus der Haugwitz-Clique zu sprengen verstanden? Selbst den Lombard ließ ihr Gemahl, gleichsam ihr zum Trotz, wieder frei. – Vetter, wir sind unter uns, ja, er ist unser König und voll magnifiker Eigenschaften, solcher, die jeden Privatmann zierten, aber – was brauche ich Sie zu erinnern, wie er einst einen alten Edelmann, den Sie genauer als ich kennen, um einer freimütigen Darstellung willen abfahren ließ, und der Edelmann sprach doch nur für die Ehre und die unzweifelhaften Rechte seiner Standesgenossen –«

»Von den liberalen Federfuchsern, denen er seinen Namen hergeben muß, nicht von ihm, kam die Abfertigung.«

»Und er ist heut wie je in deren Banden. Er durchschaut, haßt sie vielleicht, wollen Sie mir entgegnen. Ist das nicht schlimmer, daß er sie doch nicht von sich abzustreifen den Mut hat! Sie haben den Mut und die Frechheit, zu bleiben, weil sie wissen, daß er sie nicht lassen kann. Es gibt nun einmal Naturen, die, ihrer eigenen beschränkten Gaben und Kräfte sich bewußt, darum sich freiwillig unter das Urteil anderer gefangen geben. Sie müssen ein Leitseil haben. Daran klammern sie sich so fest, daß alle Aussicht, Umsicht, und damit auch alle Wahl ihnen abgeht. Sie wollen nichts Besseres hören, denn frei werden sie nie, den Instinkt haben sie, und um nicht in neue, vielleicht schlimmere Knechtschaft zu geraten, klammern sie sich nur noch fester an die alte. Diesen Naturen ist es zugleich eigen, daß sie alles Geniale hassen, und genial ist in ihren Augen, was aus dem Geleise weicht, in das sie von Jugend aufgespannt sind. Die Königin muß in der Ekstase, in die sie die Verhältnisse gestoßen, dem Könige als genial erscheinen; statt ihn zu apaisieren, was er gern hätte, was er von der Gattin erwartet, regt sie ihn auf, sie denunziert gegen seine alten Freunde, sie fordert geistige Anstrengungen, Anschauungen, die ihm unbequem sind. Sie will die Königin zeigen, und er will nur die liebende, treue Hausfrau. Er ist heroisch gesinnt im Dulden, aber nicht, in außerordentlichen Verhältnissen über sich selbst zu erheben; und das verlangt sie von ihm, wenn nicht in Worten, dann in stummen Blicken, Seufzern. Darum fürchtet er sie, und das Gerede, daß er sich von seiner Frau leiten lasse; und schon darum wird er nichts von dem, was sie ihm rät, sondern lieber das Gegenteil tun, um nur den Schein zu retten, daß er sich nicht regieren, beherrschen läßt. – Vetter, der König wird nicht rufen. Schade, daß ein so vortrefflicher Mann an einen Platz gestellt wurde, für den er zu viel Tugenden hat und zu wenig Ehrgeiz.«

Es mußten eigene Gedanken den Major beschäftigen. Er ließ sonst nie ein Wort gegen seinen Monarchen ungestraft vorübergehen.

»Wer weiß« – rief er, nur wie unwillkürlich durchs Fenster auf den abgebrochenen Turm die Blicke gerichtet. – Hatte der Hofmarschall den stillen Prozeß seiner Gedanken verfolgt, als er mit halb lächelnder Miene einfiel:

»Allerdings, jener Turm stände wohl noch ungebrochen, wenn seine Vorfahren von den milden Gesinnungen der gegenwärtigen Majestät beherrscht gewesen. Es wäre manches anders! Wir gestellten unsere Ritterpferde und wären steuerfrei; wir wären nicht ruiniert, sondern reich, denn wir besäßen wie viele schöne Güter, die man als verwirkte Lehne uns damals genommen hat – zum Besten des Allgemeinen natürlich, und unsere Vorfahren mußten demütig schweigen. Schade nur, daß das Allgemeine so wenig Erinnerung und Gefühl für die ihm erwiesene Wohltat hat! Wir sprächen auch wohl in den Landtagen mit, und unsere Stimme klänge etwas lauter und vernehmlicher, als die von den grünen Tischen. Sie müßten auf uns hören, während wir jetzt unser Ohr spitzen müssen, um nur alle Wohlmeinenheit zu verstehen, die sie in ihrer Weisheit über uns ausgießen. Der angeborene Adel gälte noch als geborene Räte des Fürsten, und die Gehalte und Pensionen für die hergelaufenen oder gütig aufgenommenen Fremden, aus allerlei Schreibe- und Friseurstuben und, Gott weiß wo sonst her, preßten nicht den Blutschweiß von uns armen Kontribuenten. Für unsere Bauern sorgen wir allein und vielleicht besser, als die Regierung es meint, die uns in ihrer gütigen Fürsorge täglich etwas mehr von unseren Rechten und Pflichten abnimmt, und, wenn alles wiederhergestellt wird, wie es war, noch weit mehr abnehmen wird. Die Lust hat sie dazu. – Wer kann dafür, daß dies eiserne Geschlecht vor vierhundert Jahren aus Franken ins Land kam – wir hatten es nicht gerufen – und an uns schüttelte und rüttelte, bis alles anders ward, als Gott und Natur es gemacht. Nun meinen einige – ich nicht, aber es sind gute Patrioten – warum wir uns denn abhasten, Leib und Seele einsetzen sollten, damit jene korrumpierten Zustände fortdauern und wieder anfangen.«

Der Major hatte vorhin mit um so steigender Aufmerksamkeit jetzt zugehört, als er vorhin seinen Gedanken Audienz gegeben. Sein Auge leuchtete auf, wie der Schiffer dem Sirenengesang lauschen mag, aber wie ein kluger Schiffer, der die Klippe kennt, in welche die süßen Töne ihn verlocken wollen.

»Herr Hofmarschall, Sie vergessen, daß Sie mit der Vernunft konspiriert haben. Kauft man ein altes Recht durch ein neues Unrecht wieder? Was man uns räuberisch einst genommen, erhalten wir es etwa zurück, wenn wir einem neuen, weit schlimmeren Räuber beistehen, denen ihr Alles und auch das zu entreißen, was sie durch jahrhundertalte Verjährung von uns besitzen? Mit nichten. Ihre Zunge geht mit Ihrer Klugheit durch, oder erwarten Sie von Bonaparte –«

»Nicht daß er,« fiel der Vetter ein, »den Quiritzern ihr Lanken und Schöneiche, den Rochows ihr Potsdam, noch Ihnen die Dorgelower Marken wiedergibt, aber der Sieger, der aus der Revolution sich erhob, um sie unter die Füße zu treten, bleibt nicht der Liebhaber ihrer Maximen, wenigstens nicht von denen, die ihm keinen Vorteil bringen. Pikiert er sich nicht, an seinen Hof den alten Adel zurückzurufen! Könnte er in Frankreich auch die Feudalrechte wiederherstellen, ihn würde es nicht kümmern. In Frankreich geht das nun freilich nicht; was indes sollte ihn hier daran hindern, wenn er sich dadurch, ich sage nicht ihre Liebe erkaufte, aber doch den Widerstand eines ehemals mächtigen Standes paralysierte. Wie kajoliert er die Dalbergs –«

Es war ein Fehlschuß. Des Majors Auge schoß einen jener Blitze, welchen eine Verwünschung zu folgen pflegte; aber er wollte heut Herr über sich bleiben: »Wer sich kajolieren läßt!«

Weiter sagte er nichts, der Hofmarschall harte es aber vollkommen verstanden. Es war also auch jetzt hier noch kein Terrain zu gewinnen. Er protestierte dagegen, daß ein kurmärkischer Edelmann sich durch solche Künste je gewinnen lassen werde. Liege doch Napoleons Hand gerade um deswillen so spezifisch schwer auf Preußen, weil hier die Eroberung so schwer geworden, welche in seinen Kriegen allemal der durch die Waffen vorangehe; das müsse eigentlich das Bewußtsein des wahren Patrioten erheben und stärken.

Wenn nun aber die Blicke auf die Zukunft ihn unterstützten! Nicht die Zukunft meine er, die im Schoße der Vorsehung ruhe, über die das rollende Geschoß des Kriegsgottes entscheide; da müsse man in Ergebenheit den Willen der Allmacht erwarten. Aber wenn nur die Zukunft, welche wir uns selbst bereiten, unseren Wünschen und Bedürfnissen entspricht.

»Denn, mein werter Vetter,« schloß er, die Tür schon in der Hand, »gerade das, worauf Sie hoffen, ist es, was mich besorgt machen könnte. Siegt die Königin über das Kabinett, so wird der Krieg, darauf können wir gefaßt sein, mit einer neuen Energie fortgeführt. Vielleicht gehen wir alle darüber zu Grunde, wenigstens werden die letzten Kräfte des Landes verzehrt – aber – nun, mein Gott, auch darüber ist es verschieden zu denken erlaubt – am Ende besser, mit Ehren untergehen, als mit Schande bestehen! Aber – durch welche Mittel wird die Kriegspartei siegen! Es klingen wunderbare Nachrichten vom Pregel herüber, mit welcherlei Genies und Feuerköpfen Ihro Majestät verkehrt, welche Pläne, Projekte daselbst ans Licht gefördert werden! Daß sie für den Freiherrn von Stein exzentrisch eingenommen ist, hat nicht so viel auf sich, sie hält ihn allein gegen Seine Majestät, dessen Magen sich immer beschwert fühlt, wenn der Reichsfreiherr zu argumentieren anfängt und mit Poltern aufhört. Stein bleibt ein genialer Kopf, und bei allen seinen Irrtümern immer ein wirklicher Edelmann. Aber was kriecht und schlängelt sich da alles an, in die harmlosen Matinees, die Teeabende Ihrer Majestät! Bürgerliche, Gelehrte, Kaufleute haben Zutritt. Da sollen Prediger und Philosophen das Wort führen, einige sich sogar in das Vertrauen der Fürstin eingeschlichen haben. Man hört Ideen über die Geschichte der Menschheit, als ob es sich um das Menschengeschlecht handelte, wo es nur den letzten Zipfel von Preußen zu retten gilt. Wenn man der Bestimmung des Menschengeschlechts und den letzten Zwecken des Lebens nachhängt und denkt, so weiß man aus Frankreich, wohin das führt; nicht dahin, abzuwägen und zu bedenken, welche unveräußerlichen Rechte jeder Stand, jede Familie, jede Person hat, und daß es des Staates erste Pflicht ist, jedem zu schützen und zu bewahren, was das Seine ist, sondern zu der Ansicht, daß alles veräußerlich ist, alles genommen werden kann – zu des Staates oder der Menschheit Bestem. Und gerade darauf steuern sie los. Die Haare würden Ihnen zu Berge stehen, wenn Sie hörten, was man flüstert, was selbst Stein, was Hardenberg vorgeschlagen! Auflösen möchte man alles, Standes-,Korporations-, Zunftrechte, Stifte, Kommunen, Klöster, um für das Allgemeine etwas zu fischen. Man will uns ins Fleisch, das ist so ein Lieblingsausdruck dieser philosophischen Aerzte, das faule Fleisch will man ausschneiden, damit das Gesunde gerettet werde!«

»Zu Opfern müssen wir bereit sein!«

»Wer ist das nicht, zu großen Opfern, das versteht sich ja von selbst. Aber zu Opfern darf man uns nicht zwingen, sie müssen freiwillig dargebracht werden.«

Der Major hatte mit entschiedenem Tone jene Worte gesprochen, aber als der Hofmarschall seine Theorie von der Opferbereitwilligkeit und deren Grenzen auseinandersetzte, besonders dahin steuernd, daß man von dem keine freiwilligen Gaben mehr fordern dürfe, dem man schon mehr genommen, als er billigerweise geben könne, hatte er längst nicht mehr darauf ein Ohr. Denn er hörte auf etwas anderes, und rief plötzlich:

»Da ist ein Unglück geschehen!« Als er die Tür aufriß, stürzte schon die gnädige Frau herein, Minchen folgte, auch der alte Diener.

»Nur keine Tränen! Schnell heraus! Was gibts? – Ist der Colonel gestorben?« –

Die Mutter warf sich schluchzend an seinen Hals. »Ach, Wolf« – sie konnte nicht mehr – Minchen wandte sich ab und wischte eine Träne aus dem Auge.

Amalie war ihnen langsam gefolgt, leichenblaß, aber sie zitterte nicht. Klaren Blickes sah sie den Vater an: »Theodor ist gefangen.«

Minchen umfaßte sie mit schwesterlicher Innigkeit. »Es ist noch nicht alles verloren – er lebt noch – er ist nur leicht verwundet.«

»Er lebt nur, um zu sterben,« rief Malchen mit einer gehobenen, so klaren Silberstimme, wie man sie nie aus dem Munde des Kindes gehört. Dann aber, als hätte sie ihre Kraft erschöpft, war sie zusammengesunken; der Glanz ihres Auges war erloschen, die eben noch so belebten, feststrahlenden Züge waren matt, der klare Teint grau, so saß sie auf dem Stuhl, und als sie die Augen wieder öffnete, horchte sie mit fast lächelndem Munde dem zu, was die andern sprachen.

Der junge Mensch war vor einer halben Stunde eingebracht worden, mehr wie ein Verbrecher, den Gendarmen auf der Straße ergriffen, als wie ein verwundeter Offizier, den man auf dem Felde gefunden und zum Kriegsgefangenen gemacht. Sein Kopf war mit einem Tuch umwunden, aus dem das Blut träufelte; Dragoner trieben ihn zwischen sich her. Die Mägde im Haus hatten laut beim Anblick geschrien. Sie waren dafür von den Soldaten barsch zurecht gewiesen worden. Man hatte den Kornett mit anderen Gefangenen in den abgebrochenen Turm gesperrt, ein häßlicher Franzos, der die Tür abschloß, hatte zur Großmagd gesagt: der käme auch nicht wieder los!

Das etwa erfuhren die Anwesenden durch die von Schluchzen unterbrochenen Reden der Frauen, der Frau von Ilitz und die nicht weniger unruhigen Berichte des alten Hans. Minchen war mit ihre Schwester beschäftigt. Auch der Major war stumm; er sagte nur, wie in sich versunken, halb zum Lehnsvetter gerichtet:

»Das ist auch ein Opfer! – Ob wirs freiwillig bringen?«

Der Herr von Quilitz hatte wohlfeile Trostesworte für Mutter und Tochter. Er sprach von der Möglichkeit einer Freisprechung, Flucht. Wie wenig er daran selbst glaubte, verriet, daß er sogleich darauf noch mit einem anderen Trost bereit war:

»Vielleicht stirbt er auch an seinen Wunden, und dann wird uns die Exekution erspart.«

In dem Augenblick öffnete sich die Tür, und ein freudestrahlendes Gesicht blickte herein. So sahen wir auch Karolinen noch nicht.

»Er lebt!« rief sie und ließ in ihrer Freude die Tür hinter sich auf.

»Wer?«

»Der Colonel! Die Wundärzte haben ihn untersucht. Der erste Feldscher war ein Dummkopf. Nur der Blutverlust hatte ihn so entstellt. Es ist eine leichte Wunde, in wenigen Wochen geheilt.«

Karoline hatte nicht geahnt, zu welcher Scene sie kam; in ihrer Sorge um den Verwundeten hatte sie von dem, was diesen Auftritt veranlaßt, nichts erfahren. Am plötzlichen Verstummen, wie alle die Augen niederschlugen, konnte sie merken, daß ihre Mitteilung wie eine grelle Disharmonie in die Accorde hier gefahren war. Den Moment hatte der Lehnsvetter benutzt, sich durch die offene Tür zu entfernen. Vorher aber hatte er dem Major zugeflüstert: »Es ist doch möglich, daß der Colonel noch Ihrem Hause von Nutzen wird, halten Sie ihn nur warm.«

< Der kleine Krieg.
Scheiden. >



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