Frei Lesen: Isegrimm

Kostenlose Bücher und freie Werke

Kapitelübersicht

Die Schwedenschanze | Die Blutsteine. | Der Quilitzer Knecht. | Die Querbelitzer Schenke. | Schemelbeine. | Isegrimms Haus. | Isegrimm. | Eine Rückfahrt. | Alte Geschichten. | Die erste Nacht in Haus Ilitz. | Eine Erscheinung im Walde. | Der Ball muß sein. | Zwei Anstands-Visiten. | Malchen. | Ein Wetterstrahl im Ratskeller. | Zum Ball oder nicht zum Ball? | Die Ouverture zur Ballmusik. | Die Ballnacht. | Vorm Scheunentor. | Im Schnee. | Jede Schlacht fordert Präparationen. | Schulze und Edelmann. | Die Einquartierung. | d'Espignac. | Der kleine Krieg. | Der Versucher im Hause. | Scheiden. | Ritter und Reiter. | Wendisch oder germanisch. | Das Schwert des Cid. | Der Beichtvater. | Chaotische Besuche. | Der unbegreifliche Brief. | Das Vaterland und bürgerlichen Offiziere. | Die Brücke in die Zukunft. | Eine deutsche Konversation. | Nachtgespenster. | Der Krieg ist nicht Zeit zu Hochzeiten. | Das Ahnenbild stürzt. | Ein verhängnisvoller Brief. | Die Katastrophe. | Ein Doppelgänger. | Eine dunkle Tat. | Ein politisches Geheimnis. | Ihr von Ilitz, Ihr von Ilitz, Solltet nimmermehr nach Quilitz! | Ein Gewitterschlag. | Ein ernstes Zwiegespräch. | Friede und Resignation. | Nach sechs Jahren. | Von Hochgezieten. | Gräfin Heilsberg. | Querl. | Schluß. |

Weitere Werke von Willibald Alexis

Der neue Pitaval - Neue Serie, Band 9 | Der neue Pitaval - Band 15 | Der falsche Woldemar | Geschichten aus dem Neuen Pitaval - 3 | Der Werwolf |

Alle Werke von Willibald Alexis
Diese Seite bookmarken bei ...
del.icio.us Digg Furl Blinklist Technorati Yahoo My Web Google Bookmarks Spurl Mr.Wong Yigg


Dieses Werk (Isegrimm) ausdrucken 'Isegrimm' als PDF herunterladen

Willibald Alexis

Isegrimm

Das Schwert des Cid.

eingestellt: 25.7.2007

Dreißigstes Kapitel.

Das Schwert des Cid.



Aber im Hausherrn war wieder jene Unruhe, welche, wenn sie nicht ein Gewitter verkündete, wie eine schwüle Gewitterluft auf die Familienglieder drückte. Es knisterte dann bei jeder Berührung, und wer ihm begegnete, war einer harten oder bitteren Bemerkung gewiß. Warum denn noch nicht angerichtet sei! mußte Minchen hinnehmen, als die dampfende Schüssel bereits hereingetragen ward; der Kandidat bekam die Frage, auf die eine Antwort gewiß nicht erwartet wurde: ob er die Jungen nicht gelehrt, daß Kinder mit scharfen Waffen nicht spielen dürften? Wenn in einem Hause nichts als Unfug geschähe, bekam die ganze Gesellschaft zu kosten, sei es am Ende das Gescheiteste, wie der Vetter in Quilitz getan, das ganze Haus abreißen zu lassen.

Ueber das Essen klagte er nicht; es war zu streng in der Haushaltung untersagt, über die Speisen zu sprechen; aber er aß mit Hast, bis sein Blick auf den Colonel fiel.

»Was ist denn das mit Ihrem Schwerte, Herr Colonel? Die Jungen sagen, es wäre der Degen des Cid. Die Stahlarbeit kann nicht so alt sein, wenn es auch die Form ist. Kam das von Ihnen?«

»Der kriegts auch,« zischelte Wilhelmine zu Malchen. »Das Gewitter verzieht sich.«

Dem Colonel schien die Frage nicht ganz angenehm, er lächelte:

»Es ist eine Familientradition, die Sie nicht interessieren würde; die Geschichte ist auch zu weitläufig. Ich würde als Waffenschmied selbst wegen der Echtheit der Waffe Bedenken tragen, aber –«

»Den Jungen haben Sie doch gesagt, es wäre das Schwert des Cid?«

»Wer gibt uns ein Recht, an dem zu zweifeln, was so viele Gute, Bessere und Einsichtige vor uns geglaubt haben! Werfen wir nicht dadurch eine Blame auf unsere Vorfahren, und wohin führte das, wenn die Enkel das Privilegium hätten, die Satzungen der Vorfahren umzuwerfen, bloß hin auf doch immer zweifelhafte Prozesse der Wissenschaft, Vernunft, Kritik! Ich lasse diesen Fall hier ganz unentschieden, auch ob einer meiner Vorfahren diesen Stahl aus Spanien mit nach Frankreich gebracht; das Histörchen, wie er mit einem Nachkommen des Campeador zusammengetroffen und das Schwert ihm abgerungen, will ich sogar als eine Erfindung nationaler Eitelkeit preisgeben; aber was durch so viele Generationen als ein Heiligtum, ein Amulett betrachtet ward, hat schon um dieses ihm anhangenden Glaubens willen einen Wert, wärs nun auch nichts weiter als Symbol der wahren Chevalerie. Der Cid war das Prototyp des echten Rittertums. Beim Anblick dieses überkommenen Schwertes, mußte sich nicht jeder aus meiner Familie gemahnt fühlen an die hohen Tugenden, denen er nachzustreben hatte, wenn er es umhing? Mußte er nicht geheimnisvollen Schauer empfinden, sich wie dadurch aufgenommen in den Ritterorden?«

Der Colonel mußte die Winke nicht bemerkt haben, welche Karoline ihm zuwarf. Der Major hatte seine Käserinde in kleine Teile zerschnitten und klimperte mit dem Messer auf dem Teller, bis ein »Papperlapapp« über seine Lippen kam. Das seien auch Extravaganzen, vor denen man sich zu hüten habe. Der Ritterorden, wie gewisse Poeten ihn darstellen, sei nie etwas so allgemeines gewesen, als man sich einbilde. Immerhin möge es einen guten Grund gehabt haben, es sei aber ebenso zur Spielerei geworden, und die alten Romandichter und fahrenden Künstler hätten mehr hineingedichtet, als je darin zu finden gewesen. Und wenn das Institut auch in gewisser Zeit in der Normandie und Provence als eine geschlossene Kaste existiert, so hätte es überall verschiedene Couleur angenommen. Das Rittertum in England, Schottland, Wales, ja selbst das in Spanien sei ein himmelweit verschiedenes Ding von dem in Frankreich gewesen. Und wenn man es auch zur schwäbischen Zeit in Franken und da im Süden nach französischen Mustern kultiviert hätte, so sei es doch in der Art nie in den sassischen Landen rezipiert, geschweige denn oben in Dänemark und Schweden. Und es seien da, ohne Schwertschlag und Fahnenwache und die andern Alfanzereien ebenso tüchtige, mannhafte Reiter hervorgegangen, als die, welche sich in ihrem Dünkel sans peur et sans reproche nannten.

»Mit Vatern ist heut nicht gut Kirschen essen;« diesen Satz versuchte Wilhelmine dem Colonel auf französisch deutlich zu machen, während der Major noch fortfuhr, die Eigentümlichkeiten und Vorzüge der altgermanischen und sächsischen Gau- und Kriegsverhältnisse zu entwickeln. dEspignac hatte für seine hübsche Nachbarin nur ein freundliches Lächeln, während er den Auseinandersetzungen des Vaters mit steigender Aufmerksamkeit folgte.

»Meinen Sie nicht auch,« sagte er, als der Hausherr schwieg, »daß es für die deutschen Verhältnisse besser gewesen, wenn das Regiment bei den sächsischen Stämmen geblieben wäre?«

»Ich meine gar nichts,« brummte Isegrimm und holte den Zahnstocher heraus.

Der Gast schien es nicht gehört zu haben, indem er fortfuhr:

»Schon um deswillen, weil die fränkischen und schwäbischen Kaiser bei ihrer auswärtigen Politik die innere vernachlässigten. Was hat es Deutschland geholfen, daß die Hohenstaufen nach den italienischen Kronen griffen! Darüber büßten sie die Achtung für die Gerechtsame der heimischen Familien ein, und hätten sie ihr Ziel erreicht, wie sähe es mit der deutschen Freiheit aus?«

»Die hat der Henker geholt! So oder so!«

»Ich weiß noch einen Grund, auf die Gefahr hin, daß Sie mich noch einen Jakobiner schelten. Die sächsischen Kaiser und Fürsten waren dem Volke näher geblieben, aus dem sie, auf ihren Schilden getragen, sich zu ihrer Würde erhoben. Sie waren ihres Ursprungs eingedenk, während diese Salier und Hohenstaufen aus Byzanz und Rom nur gar zu gern für ihre Stirne den orientalischen Nimbus borgten. Wie interessant sind zum Exempel für mich diese alten Entführungsgeschichten, die, wie auch die kaiserlichen Väter zuerst wüteten und mit Feuer und Schwert verfolgten, doch in der Regel damit endeten, daß sie die schöne blonde Tochter dem freien blonden Manne und Ritter, wenn auch ohne Schlag und Sporn, zum Ehegemahl gaben. Das hat für mich etwas ungemein Rührendes. Wie viele Familien der Freien und Edlen wurden auf diese Weise in die Verwandtschaftskreise der Fürsten gezogen, während auf der andern Seite die jüngeren Söhne gewissermaßen ins Volk wieder über- oder zurückgingen. – Ich meine doch« – sagte der Franzos, als der Wirt ihn fragend ansah – »daß von den niedersächsischen Häusern mehrere ihren Ursprung aus deutschen Fürstengeschlechtern ableiten. Die Kaiser werden doch ihre nächsten Blutsfreunde, die jüngeren Söhne, welche bei der Teilung der Stammgüter knapp ausgingen, vor allem in die eroberten Lande gesetzt haben. Ich begreife nicht, warum man gerade dafür noch Beweise fordert, wie ich in Ihrem Quartanten las. Diese Art Nepotismus war damals ebenso an der Zeit, als natürlich. Solche wichtige Posten, die mit großer Eigenmacht notwendig verbunden sein mußten, durften nur denen anvertraut werden, auf deren Treue man sich verlassen konnte, weil für einen Grenzgrafen die Versuchung zu nahe lag, je wie der Krieg sich neigte, für hüben und drüben Partei zu ergreifen. Hats doch historisch sich überall so gestellt: die Grenzgrafen waren entweder verbissene Hunde, die man nur loszulassen brauchte, oder es wurden Amphibien, welche klug die Kraft der Gegner abwogen, immer den Schutz des Stärkeren suchend, geduckt den Sturm über sich fortrauschen ließen, um dann die Gelegenheit zu ergreifen, die sich zu ihrem Vorteil bot. Dagegen half nur ein Mittel, nicht tapfere Männer und feste Charaktere, sondern nur Männer aus der Blutsfreundschaft zu Vögten und Grenzgrafen einzusetzen. Charaktere können geknickt werden, gerade die festesten sind der Versuchung am meisten ausgesetzt, weil der Ehrgeiz verräterisch mitspricht, und die Kaiser und Reichsverweser konnten eigentlich nicht anders, wenn sie pflichttreu gegen das Reich handeln wollten, als daß sie ihre Familie, ihre nächsten Angehörigen begünstigten.«

Dieser Beweis a priori für etwas, was der Major so gern a posteriori bewies, war ihm neu, er hörte aber zu, und seine Stirn entrunzelte sich allmählich. Er machte Einwendungen, um sie bekämpfen zu lassen. Er ließ sich beweisen, welche bedeutende, wenn auch zweifelhafte Rolle die Grenzgrafen überall gespielt, wo durch Abstammung und Sprache voneinander getrennte Volksstämme sich gegenüberstanden. Auch den Einwand hinsichts der Namen, der ihm im Kampf mit den Heraldikern so oft Kopfzerbrechen verursacht, wußte der Marquis aufzulösen.

Geschlechtsnamen hätten sich erst weit später gebildet, die Schößlinge der freien und edlen Herren, die in die neuen Lande gesetzt worden, hätten daher in dieselben keine Familien- und Geschlechtsnamen, sondern nur ihre Taufnamen bringen können. Ja, es sei das vielleicht Politik in jener grauen Zeit gewesen, daß man die Geschlechtsnamen vermieden, um die Anhäufung von Macht und Reichtum in einer und derselben Familie nicht zu offen zu Tage zu legen. Der Neid sei immer wach gewesen. Wodurch sei Heinrich der Löwe gestürzt, als durch den Neid über seine weit zerstreuten, zu großen Besitztümer. Um einen Familienzusammenhang zwischen den einzelnen Dynasten zu ermitteln, sei die Sequenz der Taufnamen ein unschätzbarer Faden, der aus dem Labyrinth führe. Gesetzt, daß zum Beispiel einmal der Name Hohenzollern verschollen sei, würden spätere Historiker noch immer aus dem Wechsel der Namen Friedrich und Friedrich Wilhelm auf den Zusammenhang der Familie schließen dürfen. So sei es von großer Wichtigkeit, die Taufnamen in den Familien der alten Kaisergeschlechter zu verfolgen; wie Konrad und Friedrich die immer wechselnden Namen bei den Hohenstaufen, so seien Otto und Heinrich die bei den Sachsenkaisern gewesen; erst später sei man von der alten Pietät zu der Frivolität übergegangen, den Kindern willkürliche, hübsch klingende Namen beizulegen. Wo man in den Grenzländern nun bei einzelnen Dynasten oder die es vordem gewesen, eine geschlossene Sequenz von Taufnamen finde, gleich denen in der Kaiserfamilie, welche bei der Eroberung des Landes tätig gewesen, da sei für ihn wenigstens der Beweis geführt, daß eine Blutsverwandtschaft stattgefunden.

Alle Runzeln waren von der Stirn des Majors verschwunden, sein Auge blitzte auf.

»Das ist es ja! Aber öffne einer den Gelehrten das Hirn, so verschrumpft wie das Pergament, wenn sie mit ihren Theorien durch die Wand rennen wollen. In der Familie der Supplinburger führten namentlich die Seitenzweige, soweit Urkunden sprechen, die Namen Lothar, Ludolf und Wolf, in strikter Reihenfolge. Unter Kaiser Lothar, dem Supplinburger, ward diese Provinz definitiv erobert, und solange Quarbitze auf Ilitz und Querbelitz sitzen, führen sie den Taufnamen Lothar, Ludolf und Wolf. Ist das nichts, ist das Zufall? Legten unsere frommen Vorfahren sich Taufnamen an, wie der Komödiant die Schminke? – Herr Marquis, ich sage Ihnen, das ist ein hundemäßiges Elend, daß man auch zur Historie und Heraldik Gelehrte braucht. Wenn wir das selbst arrangieren könnten, wäre es anders.«

Die Mutter seufzte beim Namen Lothar; so hatte ihr Erstgeborener geheißen, der beim Baden ertrunken war. »Der gute Lothar weiß nichts von dem, was uns Not und Kummer macht.«

Das Wechselgespräch zwischen Wirt und Gast ward immer lebendiger. Da kam denn auch das Familienwappen zur Sprache, das unbegreifliche, mit seinen Vierzacken nach oben gekehrte Instrument, das einige für eine Heugabel, andere für einen vielarmigen Leuchter, noch andere für eine unbekannte wendische Waffe erklärten. Auf einem Siegel unter einer Urkunde Kaiser Lothars glaubte man ein ähnliches Gebilde gefunden zu haben, nur schade, das Wachs war breitgedrückt.

Die auf Quilitz hatten im Laufe der Zeit einen prächtigen Leuchter daraus gemacht, während die Ilitzer bei den stumpfen Formen der alten Ueberlieferung verharrt waren, ein Umstand, der frisches Oel in die alte Flamme der Familienzwietracht gegossen hatte. – Ferner kam aufs Tapet die Nürnberger Urkunde, in welcher der Rat beiläufig von der gens clarissima Quorbelizzorum sprach, und den Holzschuhern, an welche sie gerichtet, bei einer Pön von so und so viel Mark auferlegte, mit ihnen Frieden zu halten, ob usum communem rei publicae.

Auch der großen Wendenschlacht wurde gedacht im Moor. Daß die Deutschen sie zuerst verloren, nahm der Major für ausgemacht, weil die Wilzen Zeit gehabt, ihrem an den Blutsteinen gefallenen Krole das große Königsgrab aufzutürmen, aber die Sachsen hätten vermutlich in den folgenden Tagen mit erneuter Kraft angegriffen und das Feld behauptet. Daß da ein großer Kriegshauptmann die Ehre der Deutschen gerettet, daß dies ein Vorfahr der Familie gewesen, daß vielleicht ein Ehebund mit einer hinterbliebnen Tochter des letzten Wilzenkönigs stattgefunden, daß daher der Respekt, mit dem man diese Heidengräber durch bald ein Jahrtausend geehrt und geschont, herrühre, wollte er nicht für erwiesen annehmen, aber der Sage müsse man doch auch ihr Recht lassen.

Der Colonel schüttelte den Kopf: »Das glaube ich nicht. Verzeihen Sie, daß ich unumwunden meine Meinung ausspreche. Ehen zwischen den Siegern und den Erbtöchtern der überwundenen Völker kommen zwar in der Geschichte vor, jene wollten ihre Herrschaft befestigen, aber der Fall, daß ein germanischer Häuptling eine Slaventochter heiratet, ist doch immer nur Ausnahme. Der Haß, durch die langen, barbarischen Kriege genährt, war so groß wie die Verachtung, welche der Deutsche gegen den Slaven empfand. Selbst in England ereignete es in erster Zeit sich nur selten, daß ein Normann eine Sachsentochter heimführte. Wenn es da wie eine Befleckung des Stammbaums galt, was mehr hier! Und was brauchten denn die Deutschen, nachdem sie die Wenden niedergetreten, ihren Namen so entwürdigt, daß daraus der Name Sklav ward, noch derartige Verbindungen! Was uns erniedrigt, befestigt uns nicht. Der reine germanische Stempel ist auf den Gesichtern aller Ihrer Familienglieder unverkennbar. Auch in den Porträts, die ich gesehen. Ich wollte darauf wetten, hier kommen gar keine Mesalliancen dazwischen. Und welches Kleinod ist reiner und unschätzbarer, als reines Blut!«

Darauf war man nicht gewärtig gewesen, der Eindruck war ein verschiedener; Karoline sah den Colonel verwundert an; Wilhelmine, die ihm nie besondere Aufmerksamkeit gezeigt, machte aus ihrer Serviette komische Figuren, um die andern zum Lachen zu bringen. Die Mutter schien peinlich berührt. »Ach, mein Gott, wozu denn das! Die sechzehn Ahnen, das ist doch eigentlich nur eine rechte Qual für den, der sie haben soll, und die anderen auch. Wem nützt es und was wird doch dabei durch die Finger gesehen und betrogen!«

»Es kommt nur darauf an, daß man das reine Blut recht versteht,« sagte der Vater seufzend, indem er die Tafel aufhob. »Auf die sechzehn Ahnen der Quiritze zum Exempel geb ich nicht so viel! Wenns nur auf Kommenden und Stiftskreuze abgesehen ist, wenn der Sinn nicht adlig, das Streben nicht rein blieb vom Krämergeist, so ist mir das soi-disant reine Blut keinen Pfifferling wert. In dem Sinne verlangt die Satzung ebenbürtige Ehen. Bis man mir aber den Beweis führt, daß in einem Roturier, seis Kaufmann oder Gelehrter, ein adliger Sinn existieren kann, bleib ich bei der alten Adelsprobe, und ich glaube, ich werde mein lebelang dabei bleiben müssen.«

»Wenn ers nur bei sich behielte und nicht gegen jeden ausspräche!« seufzte die Mutter, die sich auch schon daran gewöhnt, den Colonel als Hausfreund zu betrachten, vor dem es keine Geheimnisse gibt. »Wie oft sind wir dadurch in die Klemme gekommen, denn es gibt doch jetzt so vornehme Bürgerliche und in den höchsten Aemtern. Und unsre seelensgute Königin und der König auch, gehen mit ihnen um, als wärens Menschen wie wir. Das ist ja wider den Respekt, wenn wir gegen das tun, was unsere Monarchen wollen.«

»Darum bin ich auch mal auf die Festung geschickt worden,« sagte der Major und strich sich nicht ungefällig ums Kinn. »Trotzdem, daß ich ein so schrecklicher Rebell war, hat mich aber mein gutes Weib doch nicht verlassen. Dafür ist sie auch aus einer Familie mit sechzehn Ahnen, die sich alle ebenso wenig als meine darum kümmerten, wenn sie recht taten, ob es unten oder oben mißfiel. Sie hätte auch keinen Bürgerlichen genommen, wie doch die lange Rike mal drauf und dran war.«

»Wolf, wie Du wieder redest!« und die Mutter war doch zufrieden, daß er wieder so redete.

Der Colonel sagte, das sei das Kennzeichen eines echten Stammes, daß er verschieden gefärbte Blüten treibe, und jede doch durchdrungen vom selben Saft und Atem; im Grunde genommen, hätten auch alle dieselbe Gesinnung. »Nicht wahr, mein Fräulein?« redete er scherzend Wilhelmine an, die mit einigen zusammengerafften Tellern und Gläsern vorüberstreifen wollte.

»Ich bin aus der Art geschlagen,« war ihre Antwort; »ich glaube, wir stammen alle von Adam, und es ist kein Unterschied –«

»Nur daß einige weiß wurden, andere schwarz und viele sogar rot,« fiel der Colonel ein und wollte ihr behilflich sein, als die Gläser auf dem Teller schwankten, es fiel aber dabei eines und zerbrach.

»Und einige wurden Franzosen und andere Deutsche,« sagte sie schnippisch darauf. »Und die Franzosen sind da, um alles zu zerbrechen und zu zerstören, und die Deutschen, um alles gut zu finden, was sie tun.«

»Ich glaube, Wilhelmine stammt vom Aschenbrödel!« rief der Vater, um die Laune der guten Stunde zu erhalten, während Minchen die Glasscherben aufsammelte.

»Dann steht gewiß auch schon ein reicher Prinz hinter der Tür, der sie heimführen wird,« lächelte der Colonel.

»Ich verbitte mir alle Beleidigungen gegen meine Schwestern,« sprach die Knieende. »Prinzen haben nichts in der Küche zu schaffen. Und ich bin nun einmal für die Küche geboren.«

»Ich glaube wahrhaftig, sie spricht die Wahrheit.« Die Laune schien dem Hausherrn doch etwas zu vergehen. Minchen klaubte gar zu emsig auf der Diele.

»Eine spanische Prinzessin ist einmal mit einem Koch durchgegangen,« warf Karoline hin, welcher Minchens auffälliges Treiben auch zuwider war; aber Minchen hatte ihren Kopf auf dem rechten Fleck.

»Durchgehen werde ich nicht, wenn auch Schwester Linchen mich aus dem Hause wünschen sollte, weil – vielleicht meine Ansichten ihr zu hausbacken sind. Und mit einem Koch am wenigsten; ich liebe nicht den Hautgout.«

»Kinder, was ist das wieder zwischen Euch!« Der Wink der besorgten Mutter, welche Minchen auf die runzelnde Stirn des Vaters aufmerksam machen wollte, ging verloren. Welcher Dämon war in das Mädchen gefahren.

»Wie ich kleiner war und an unserm Stammbaum die vielen bunten Herzen und Schilde sah, dachte ich immer, wenn das doch Birnen und Aepfel wären, und man könnte sie schütteln. Und das denke ich jetzt eigentlich noch. Um des lieben Himmels willen! was haben wir denn von unseren Ahnen? Weil die einmal gelebt, Gott weiß wann, durfte ich mit dem nicht spielen und mit dem nicht umgehen, und das schickt sich nicht und jenes auch nicht. Was würden die Vorfahren dazu sagen? hieß es. Ach Gott, die lieben Vorfahren kümmern sich darum nicht, und wenn sie da oben oder unten Aug und Ohr für das haben, was hier passiert, so müssen sie herzlich froh sein, wenn wir sie in Ruhe lassen und gar nicht von ihnen sprechen. Denn wenn wir ihnen nachsagen wollten, was sie getan und nicht getan, nicht wies auf ihren Leichensteinen steht, sondern was sich die Leute von ihnen erzählen, so müßten sie ja wie die Puter rot werden. Darum braucht man sich auch gar nicht vor Gespenstern zu fürchten, meine ich, wenn es welche gibt, denn wenn die auch noch so kreideweiß wären, ich wollte ihnen Dinge ins Gesicht sagen, daß sie kokliko würden.«

Es war nicht Minchens Art; in dem Scherz war ein Ernst, eine Absicht.

»Gottloses Mädchen!« rief die Mutter, »begegne nur mal dem schwarzen Wolf.«

»Dem! Mama, gerade dem würde ich mal die Wahrheit sagen. Was hast Du schwarzer Unhold ein Recht, uns zu erschrecken? Hast Du im Leben nicht schon genug gespukt und Schlechtes getan, und wer muß Dir denn die Hintertür aufgemacht haben, daß Du Dich unterstehen darfst, aus dem Grabe wiederzukommen und Deine Nachkommen zu erschrecken, die zehntausendmal besser sind als Du? Hättest Du ein vernünftiges Einsehen gehabt, daß die Ehen im Himmel geschlossen werden, wo der liebe Gott und die Engel auch nicht nach der Ahnenprobe fragen, so hättest Du nicht die Hand an Deine eigene Tochter gelegt, drei Menschen wären nicht unglücklich geworden, und Du brauchtest nicht als Geist zu spuken.«

»Mine! Was ist in Dich gefahren?«

»Nichts als die pure Vernunft, Mama, als die Herren so gelehrt über die alten Scharteken sprachen. Wenns mal so sein muß, dann gehts eben wies geht, und man heiratet in die sechzehn Ahnen hinein, wie man aus dem Fenster springt, weil die Treppe brennt. Aber wenn Ihr aus Büchern und Gott weiß woher beweisen wollt, daß es so und gar nicht anders sein kann, dann ist mir immer, als müßte ich auflachen. Wenns so war, ists doch nicht mehr so, und am wenigsten jetzt, und wo siehts denn danach aus, daß es einmal wieder so werden wird!«

Die Mutter schien dem Unwetter im voraus parieren zu wollen, das sie auf des Vaters Stirn sich sammeln zu sehen glaubte.

»Minchen, Du wolltest doch nicht die ungeratene Tochter spielen und Dich gegen Deiner Eltern Willen verheiraten?«

»Ans Heiraten denk ich gar nicht; wo ist denn jetzt Zeit dazu! Ihr braucht nicht bange zu haben, ich heirate weder, noch laß ich mich entführen, wenn Ihr nicht wollt. Aber verschicken laß ich mich noch weniger als gutkonditionierte Ware, wie die armen Fräulein aus Hannover, wo auf dem Begleitschein steht: unbefleckt mit sechzehn Ahnen, beim Empfange wohl nachzusehen, spätere Reklamationen werden nicht beachtet. Pfui über die Schande, wenn das Fräulein ausgepackt wird, das für den Herrn von Quiritz verschrieben ist; nicht über das arme Mädchen, sondern über die häßlichen Kaufleute, die sie eingepackt haben. Als Adam die Eva nahm, fragte er nicht, wie viel Ahnen sie hätte, denn es gab noch keine Stammbäume, sondern nur den fatalen Apfelbaum; und Eva fragte noch weniger, ob sie dem Adam ihre Hand reichen dürfe. Adam hatte keinen einzigen Ahnen, und war doch gewiß der erste und älteste Edelmann. Heiraten, wie gesagt, das will ich nicht, wenn Ihrs nicht wollt, aber lieb haben, das ist doch eine andere Sache, und da laß ich mir gar nichts ge- und verbieten, daß Ihr es wißt, so wenig, als Vater mich zwingen konnte, daß ich seinen struppigen Tiras lieber haben sollte als den schmucken Waldmann, den er nicht mag, weil er auf eigene Hand jagt. Wenn ich einen einmal lieb haben sollte, das sage ich Euch, so wäre es mir ganz egal, und ich fragte nicht danach, ob er wendisch wäre oder bürgerlich oder türkisch. Aber Ihr braucht auch darum keine Angst zu haben, denn die Männer hierzulande sind wahrhaftig nicht danach, daß man sich in sie verliebt, und die aus der Fremde zu uns kommen, von denen will ich gar nicht reden. Und apropos, sechzehn Ahnen sind noch nicht das Schlimmste; Ahnen sind doch nur Bilder an der Wand; sie tun den Mund nicht auf, und wenn ihre Visage uns ennuyiert, können wir ihnen mit Kohlen einen Schnurrbart anmalen und sie auslachen.«

»Was ist denn noch schlimmer?« lachte der Vater. Die Mutter hatte sich versehen. Isegrimm hatte seine Portion Groll für heute ausgegeben.

»Papa, Geldsäcke sind noch weit, weit schlimmer, und was Ihr auch sagen und demonstrieren mögt, darauf läufts am Ende doch raus. Hat nicht dem Baron Eppenstein sein ekliger Bruder, den kein Mensch mag, so häßlich und spitz ist er, und wer mit ihm spricht, kriegt nen Hacks weg, hat der nicht die schöne Gräfin gekriegt, die noch weit mehr Vorfahren hatte, als nötig sind, und es ist auch gegangen! Es ist nicht nur gegangen; ihre Cousins sagen, es ist noch ein rechtes Glück, und ihre Cousinen, davon will ich gar nichts sagen. Die schöne Frau von Eppenstein hat auch einen bösen Mund, das ist wahr, und alles, was sie sagt, muß man nicht glauben. Darum glaube ich auch nicht, was sie in Berlin in der Gesellschaft sagte, ihr Mann hätte beide Hände in den Taschen gehabt und gegähnt und dann angefangen: ›Apropos was ich sagen wollte, ich wollte Sie fragen, ob Sie meine Hand wollen?‹ Und da hätte sie auch gegähnt und geantwortet: ›Ist denn das so eilig? Ich weiß ja noch nicht, welche Ihrer kostbaren Hände Sie mir geben wollen.‹ Das ist gewiß nicht wahr, aber das weiß ich, ihre Cousinen, die nicht so schön sind, sondern häßlich, die sprängen auf und antworteten gleich ja, wenn ein Bräutigam käme mit einer halben Million am Beine, und wenn er vor lauter Gähnen gar nicht zur Frage käme, auch immerfort gähnte. Aber, wen das tröstet, dem sage ich: wenns im Hause brennt, und ich müßte absolut raus, dann spränge ich doch noch lieber unter die Ahnenbilder, als auf die Geldsäcke.«

Man war lachend auseinandergegangen; das hatte Minchen beabsichtigt. Unter dem Lachen versteckte sich aber ein anderer Eindruck; das hatte das muntere Mädchen vielleicht auch beabsichtigt. Eine Dissonanz war künstlich versteckt.

Der Kandidat glaubte sich allein im Saal zurückgeblieben, als er einige melancholische Töne, wie Wellen, die am Strande sich brechen, über das Klavier laufen ließ. Da fühlte er einen sanften Hauch; Malchen stand vor ihm. Er faßte ihre Hände; so blickten sie sich in einer stummen, aber beredten Sprache an.

»Was wollte Wilhelmine damit? Dein Vater war in einer schlimmen Laune; es kostete die ganze glatte Kunst des Obristen, ihn nur zu beschwichtigen. So an seinen eingewurzelten Gefühlen mutwillig zu rütteln, das war eine Herausforderung; es hätte recht zur Unzeit ein Ungewitter ausbrechen können.«

»Ach, lieber Herr Mauritz, mir ist, als würden noch recht viele Ungewitter ausbrechen. Da ist es gut, wenn eines so vorüberzog.«

»Liebt sie, ich meine, denkt sie wirklich an den Baron Eppenstein?«

»Das weiß ich nicht, aber – sie dachte, Albert, an andere.«

Der Name schien ihr nur nach einem inneren Kampfe herauszukommen.

»An wen sonst konnte sie dabei denken?«

»An uns. – Minchen ist besser als wir alle, weit besser, als wir es um sie verdienen. Auch ihr Necken ist niemals bös gemeint; sie will nicht merken lassen, was sie Gutes tut.«

»Sie wüßte –«

Malchen nickte.

»Darum sei nicht bange. Es ist auch so besser, damit es bald alles klar wird, und jeder weiß, was er tun muß, als daß es so lange schwebt. Ich weiß das ja,« setzte sie mit einem Seufzer hinzu, »aus der Geschichte mit meinem armen Vetter. Wie wäre es besser geworden, wenn wir uns alle gefragt hätten, was wir wollten?«

Er schwieg, vor sich hinblickend.

»Albert, was ist Dir! Wir haben nun schon eine Bundesgenossin. Die gute Wilhelmine! Was sie für sich redete, war für uns gesprochen. Vater würde sagen, sie hat Bresche geschossen, und Du fürchtest Dich nicht vor dem Sturm.«

Er war aufgestanden und hielt sie, sanft ihre Schultern umschlingend, an seiner Brust.

»Nein, Amalie, den Sturm fürchte ich nicht. Nicht die Zornader des empörten Edelmanns, auch nicht mehr den Vorwurf des gekränkten Vaters, daß ich das Gastrecht brach, meineidig wurde als Lehrer und Geistlicher gegen die heiligste Pflicht, die er mir aufgetragen, daß ich sündhafte Gedanken entzündete in der spiegelreinen Seele seiner Tochter, die ein halbes Kind war. Auf die Sprache werde ich antworten. Ich werde ihm gerade ins Gesicht sehen. Du bist kein Kind mehr. Der Gott, der über der Natur ist, gab ihr seine Gesetze, und der Keim wird Knospe, und die Knospe schießt zur Blüte, gerade wenn er es will. Seine Fügungen sind unerforschlich, und jener Feuerstrahl, der das Leben des armen Jünglings auslöschte, sollte das Licht in Deiner Seele entzünden. So ist es, ich tat nichts hinzu, auch Du nicht; es war sein Wille. Das ist ein Schild, den heb ich auf, wenn das Ungewitter losbricht, und, ich fühle es, seine Blitze werden abgleiten, ohne mich zu töten und zu verwunden. Ich werde zu ihm sprechen: Du harter Vater liebtest Dein Kind, ja, Du hast es geahnt, weil es Dich durchschauerte, was Gott dem Kinde gegeben, aber pflegen wolltest Du diese Gaben nicht, denn Du wolltest es ziehen nach Deinem Willen, es sollte sich fügen und biegen lassen nach Deinem Maße, aber der Herr hat ihm ein anderes Maß gesetzt; da wehte er mit seiner Hand, es schnellte auf, und die Lilie wuchs auf dem Felde, wie er es wollte, nicht wie Du. Grolle nicht, denn Du grollest gegen ihn. Was der Herr tut, ist wohlgetan.«

Sie hatte, den Kopf an seiner Brust, ihm zugehört; jetzt sah sie ihn mit ihren klaren Augen freudig an.

»So wirst Du zu ihm sprechen, so hatte ich es erwartet, aber –«

»Ich könnte doch stocken, wenn seine Blicke Zorn dunkeln –«

»Nein, Albert, das wirst Du nicht, auch wenn er ungerecht würde, wirst Du gegen meinen Vater gerecht sein – aber ich kann die lange Lüge nicht ertragen. Jetzt habe auch ich Mut, aber – wenn – ich weiß nicht, ob ich die Kraft dann behalte.«

»Wenn Du sie jetzt nur hättest, und dann nicht mehr, dann, Geliebte, wäre es nicht die rechte Kraft gewesen, nur ein Rausch, eine Exaltation der Gefühle. Prüfe Dich. Lügen wir denn, wenn wir schweigen?«

»Ich werde auch dann noch Kraft haben,« sagte sie nach einigem Besinnen. »Gewiß, Albert, ich werde mutig bleiben und schweigen, solange Du es willst. Ja, Liebster, ich wills auch darin Dir beweisen. Ich habe keinen Willen, wenn Du willst; Du wirst auch wissen, warum Du so handelst, und tust es nicht, um mich zu prüfen, ob ich bestehe. Aber Dir ist etwas, was Du mir nicht sagen willst. Hat Dich heut abend etwas verletzt? Was sorgst Du –«

»Daß nicht Zeit ist, für uns zu sorgen.«

Sie sah ihn verwundert an.

»Ich frage mich: haben wir denn ein Recht, jetzt an uns zu denken, ein Recht, die Kraft, die Gott uns lieh, nur für uns zu gebrauchen, wo Tausende und Millionen von uns fordern, daß wir für sie leben, ein Recht, für uns etwas zu wünschen, wo unsere vollen, großen Wünsche allein auf die Rettung des Königs und des Volkes gerichtet sein sollen? Ich brauche Dir nicht zu sagen, daß die Tausende und Millionen nicht so fragen und denken. Aber sollen wir den Millionen nachleben, die in den Tag hineinleben, oder ist es unsere Aufgabe, uns über sie zu erheben, die Selbstsucht zu unterdrücken, zu töten. Ists nicht die Bestimmung der wahrhaft Edlen, statt dem Troß, der auf der breiten Straße der Gemeinheit fortzieht, zu folgen, sich herauszureißen und wenigstes den Versuch zu machen, ob einer, ob viele uns folgen? Ich habe die Ahnung, daß schwere, große Stürme heraufziehen – das Vaterland muß uns alle rufen, so oder so – und jetzt gerade sollen wir die Kraft des edlen Mannes lähmen mit einer Liebesgeschichte! Wenn der König in Preußen einen letzten Verzweiflungskampf versuchte, wenn er alle seine Treuen aufriefe, zu ihm zu eilen – Dein Vater, er vergäße Krankheit und Alter, er stürzte hin – und wir – ich sollte die Wut, den Fluch auf mich abziehen, die er ganz auf den Feind schleudern soll. Denke die Tränen Deiner Mutter, den Schrecken Deiner Schwestern, wenn der Fußboden unter seinen Tritten bebt, und gar der fremde Mann, der Feind, Zeuge der Auftritte! Mit blutendem Herzen, ein zerrissenes Haus hinter sich, sollte er selbst wie ein Verzweifelnder, Zerrissener, an seine Pflicht gehen? – Pflicht gegen Pflicht, hier Deine Wahrheit retten, dort –«

Sie hielt seinen Arm.

»Albert, wie kannst Du zweifeln, ich bin ein armes Mädchen, dem Gott verzeihen wird, wenn es an das Vaterland nicht dachte, wo das Herz ihm zu heftig schlug. Es wird nicht brechen, Geliebter. Die Sonne leuchtet ja doch hinter den Wolken. Du hast recht, wir lügen ja nicht, wenn wir schweigen. Wir wollen still, still unser Glück für uns behalten, bis – bis die Sonne scheinen darf.«

Sie besiegelten das Gelöbnis Lippe an Lippe.

»Aber Du sprachst von Stürmen,« sagte sie beim Scheiden und atmete schwer auf. »Ich fürchte, daß noch ein anderer im Hause heranzieht.«

Zwei Namen und ein Wort malten die Gewitterwolke, für die Mauritz kein Auge gehabt.

»So seid Ihr Männer, Ihr wollt uns schelten, daß wir Eurem Blick über Meere und Berge nicht folgen, und keinen Sinn haben für die Leiden der Völker, und dann überseht Ihr, was dicht vor Euren Augen geschieht, an dem Liebsten und Nächsten.«

Er ward ernst gestimmt.

»Laß uns wachen. Ein bitterer Spott! Wir selbst auf der Schwelle, um ihn zu stören, sollen Wacht stehen, daß andere nicht den Frieden des Hauses brechen. Aber es ist unsere Pflicht; jetzt so heilig, als wenn uns der Hausherr zu Wächtern bestellt hätte.«

< Wendisch oder germanisch.
Der Beichtvater. >



Die Inhalte dieser Seite sind Eigentum der Öffentlichkeit.
Sollten trotzdem Urheberrechte entgegen unserem Wissen verletzt worden sein, bitten wir Sie mit uns Kontakt aufzunehmen.