Frei Lesen: Isegrimm

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Kapitelübersicht

Die Schwedenschanze | Die Blutsteine. | Der Quilitzer Knecht. | Die Querbelitzer Schenke. | Schemelbeine. | Isegrimms Haus. | Isegrimm. | Eine Rückfahrt. | Alte Geschichten. | Die erste Nacht in Haus Ilitz. | Eine Erscheinung im Walde. | Der Ball muß sein. | Zwei Anstands-Visiten. | Malchen. | Ein Wetterstrahl im Ratskeller. | Zum Ball oder nicht zum Ball? | Die Ouverture zur Ballmusik. | Die Ballnacht. | Vorm Scheunentor. | Im Schnee. | Jede Schlacht fordert Präparationen. | Schulze und Edelmann. | Die Einquartierung. | d'Espignac. | Der kleine Krieg. | Der Versucher im Hause. | Scheiden. | Ritter und Reiter. | Wendisch oder germanisch. | Das Schwert des Cid. | Der Beichtvater. | Chaotische Besuche. | Der unbegreifliche Brief. | Das Vaterland und bürgerlichen Offiziere. | Die Brücke in die Zukunft. | Eine deutsche Konversation. | Nachtgespenster. | Der Krieg ist nicht Zeit zu Hochzeiten. | Das Ahnenbild stürzt. | Ein verhängnisvoller Brief. | Die Katastrophe. | Ein Doppelgänger. | Eine dunkle Tat. | Ein politisches Geheimnis. | Ihr von Ilitz, Ihr von Ilitz, Solltet nimmermehr nach Quilitz! | Ein Gewitterschlag. | Ein ernstes Zwiegespräch. | Friede und Resignation. | Nach sechs Jahren. | Von Hochgezieten. | Gräfin Heilsberg. | Querl. | Schluß. |

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Willibald Alexis

Isegrimm

Eine deutsche Konversation.

eingestellt: 25.7.2007

Sechsundddreißigstes Kapitel.

Eine deutsche Konversation.



»Der einzige Mann, der uns retten konnte!« der Major wiederholte wie gedankenlos die Worte, den Kopf an die Scheiben gedrückt.

Die Frau von Ilitz trocknete ihr Gesicht, die Tränen stürzten aber immer wieder vor: Was der Herr Reichsgraf nur damit meinte!«

»Er kommt nicht wieder. Nach Preußen kann er nie zurück.«

»Die Einquartierung, die würde uns retten,« schluchzte die gnädige Frau. »Unsere ist noch nicht wieder zurück.«

»So ihn vor den Kopf stoßen! – Da wundere man sich, wenn die Köpfe irr und wirr werden.«

Der Gnädigen schoß ein Gedanke durch den ihren, ob man den vornehmen Gästen auch die rechte Ehre erwiesen. Der Freiherr schien so gar nicht zufrieden; aber der Reichsgraf war immer munter gewesen. Wie hatte er mit seiner Pate, dem Minchen gescherzt. Ob man denn auch nicht vergessen, ihre respektvolle Empfehlung der Komteß Thusnelde zu bestellen? – Und ein Herr wie der Minister und Freiherr von Stein, wenn sie nicht zufällig die Augen drauf geworfen, wie war seine Wäsche bestellt, und die Strümpfe – im Winter! Ja, wer keine weibliche Pflege hat! – bei Soldaten macht es sich schon – aber bei solchem Manne! – Als er in die Kalesche stieg, hatte er sich nicht noch einmal zu ihr umgedreht; – hatte er es vielleicht gemerkt, daß sie ihres Mannes wollene Strümpfe mit seinen vertauscht? – Er mußte es ja merken; sie waren ganz neu. – Er hatte es gewiß übelgenommen.

»Wo war denn der Fremde – Herr Walter!« – fuhr es dem Major durch den Kopf, aber laut: »Wo steckt er denn jetzt?«

Beim Abschied mußte viel Verwirrung gewesen sein. »Wo war denn Karoline?« riefen beide Ehegatten zugleich.

»Sie stürzte ja mit einem Male nach der Hintertreppe,« rief Minchen; »was war denn das?«

»Welche Hintertreppe?«

»Am Turm.«

Das war des Verwalters Stube. Der Verwalter war längst fortgeschickt; wenigstens war er nie in seiner Stube, seit der Fremde zu ihm logiert worden. Warum war der Fremde nicht beim Abschied zugegen gewesen?

»Sie haben es oben im Zimmer abgetan,« sagte der Major. »So schickte es sich, aber es hätte sich doch wohl geschickt –«

Es schickte sich vielleicht nicht, daß Malchen und der Kandidat in dem Moment sich einen bedeutungsvollen Blick zuwarfen. Das junge Mädchen zischelte sogar im Vorbeigehen ihm etwas ins Ohr.

Nicht davon war der Major in seiner Rede unterbrochen worden, er hatte aus dem Fenster etwas gesehen und gehört, was ihn frappierte: »Was ist das – unser Gast – der Kolonel – zu Fuß – sie führen sein Pferd. – Er scheint in Aufregung. – Er teilt Befehle aus – Was ist das?«

Man hörte durch die Luft diese Befehle sehr deutlich und vernehmlich. – Alle Ausgänge sollten besetzt und auf jedermann vigiliert werden. Die Mutter rief: »Ach, mein Gott, schon wieder! Was soll aus uns werden!«

»Stein ist gerettet, wenn es ihm gilt!« sprach der Major und ging mit Fassung dem Kolonel entgegen, der mit einigen Offizieren eintrat.

»Daß ich zum zweiten Male als böser Genius über Ihre Schwelle treten muß!« sagte der Franzos und wandte sich sogleich zu seinen Begleitern, indem er wie erschöpft auf den Stuhl sich warf. »Zu großer Pflichteifer tut nie gut, meine Herren, ich wollte rascher hier sein als Sie. Ich warne Sie, sich auf die Aussage dieser Bauern zu verlassen, selbst wenn Sie einen Boten mitnehmen. Diese Leute haben entweder keinen Begriff von der Länge eines Weges und den Terrainschwierigkeiten, oder sie geben Ihnen aus Tücke falsche Weisungen.«

Seine Stiefel und Kleider waren durchnäßt, beschmutzt und zerrissen, wie jeder jetzt bemerken konnte.

»Mein Gott, welchen Weg schlugen Herr Kolonel ein?« fragte die Mutter.

»Man wies mir über das Moor einen Fußweg, wo ich um eine halbe Stunde früher einträfe, auch ein Pferd könne allenfalls passieren. Gerechter Himmel, welch ein Weg!«

»Doch nicht den Buttertrab?«

»So glaube ich, nannte man ihn. Das Tier versank bei jedem Tritt; ich mußte absteigen, meine Leute konnten es kaum herausreißen. Der Ritt war lebensgefährlich,« setzte er hinzu, doch wieder mehr zu den Offizieren, als zu der Wirtin gewandt.

Er mußte ja den Weg kennen! dachte Herr Mauritz, als der Major das Wort rasch ergriffen hatte:

»Wenn Herr Kolonel noch den Freiherrn von Stein, gewesenen Minister Sr. Majestät meines Königs, hier zu treffen hofften, so bedauere ich, daß Sie doch zu spät kamen. Es sind schon mehrere Stunden, daß er abgereist ist; ehe Sie ihn einholten, dürfte er die Grenze passiert haben. Den Freiherrn von Stein, dessen Dienste man am Hofe des Herrn und Königs nicht mehr gebrauchen zu können wähnt, und der sich auf seine Güter ins Nassauische zurückbegibt, hatte ich die Ehre meinen Freund nennen zu dürfen. Ein Krankheitsanfall, veranlaßt durch die Schrecken einer plötzlichen Reise in diesem Jahreszeit und mitten durch die Szenen des Kriegstheaters, nötigten ihn, einige Ruhetage bei mir abzuhalten. Sie würden einen deutschen Mann in ihm kennen gelernt haben, den auch der Feind ehren muß.«

»Woran ich nicht zweifle,« sagte der Kolonel. »Aber er war nicht allein!«

»Mit Sr. Erlaucht, dem Reichsgrafen, Generalmajor von Waltron-Alledeese, der gleichfalls die Dienste Sr. Majestät des Königs quittiert hat.«

»Der seine treuesten Diener fahren läßt, wenn ihre Ansichten von denen seiner Favoriten differieren. Wir wissen es, Herr von Quarbitz, und mein Kaiser, wenn er eine Hilfe bedürfte, fände sie am besten bei seinen Feinden. Aber es war noch jemand mit den beiden Herren,« sprach der Kolonel schnell und stand auf – »oder vielmehr sie trafen sich in Ihrem Hause.«

Wer in den Kreisen der Politik tätig ist, sollte doch das Erröten überwunden haben, das nur zu oft zu Verrätern macht an uns selbst und unsere Sache! Ist es nicht Pflicht eines gewissenhaften Dieners, das Gewissen auszubrennen, das seinen Herrn verraten kann! – Es läßt sich nur nicht immer ausbrennen. Wer verbietet dem Laube zu zittern, dem Meere, daß es nicht den Ufersand küsse, der Sonne, daß sie durch das Astloch keine Strahlen schieße, spitze Pfeile und Lichtsäulen in den Raum, der dunkel bleiben soll; wer hämmert und lötet um die Menschenbrust das dreifache Erz, so fest, daß auch kein Lichtstrahl aus der unsichtbaren Welt eindringe, kein warmer, ursprünglicher Lebensatem sich losringe, Kunde zu geben von dem, was in uns noch nicht erstarrt ist?

Der Major und seine Familie mußten in der Schule noch zurück sein. Er errötete zwar nicht, aber er senkte die Augen; es war ein Augenblick, wo er den Blick des Fremden nicht ertragen konnte. Und doch war eher ein feines Lächeln in diesem Blicke, als Zorn und Argwohn, als er so sprach:

»Mit derselben Offenheit, mein Herr, mit der Sie mir entgegenkamen, vertraue ich Ihnen, was kein Geheimnis ist. Der Herr von Stein ist ein Genie und mit dem Genie führt mein Kaiser nicht Krieg. Es ist sogar Ordre eingegangen, den Freiherrn ungehindert und mit allen Ehren passieren zu lassen; Napoleon weiß, unter welchen Umständen er seinen Abschied erhielt. Daß dieser Feuerkopf Pläne gegen seine Herrschaft brütet, kann ihm nie den Anlaß geben zu einer ungerechten und schwachen Tat. Aber weiter darf er natürlich in der Nachsicht nicht gehen und etwa das Auge gegen die zudrücken, welche sich an einen Geist anschmeicheln, und denselben in ihre verbrecherischen Pläne zu verwickeln suchen. Die Konspirateure lauern schon von allen Seiten auf den Freiherrn und – wir wissen es bestimmt – einer war hier bei Ihnen.«

»Mein Herr Kolonel, bei der Ehre eines alten Soldaten kann ich versichern, daß der Reichsgraf Waltron –«

»Ein alter deutscher Degenknopf ist,« unterbrach ihn der Kolonel, »der keine Verschwörung anzettelt, nicht für das Deutsche Reich, und noch weniger für die Souveränität seiner Duodez-Reichsgrafschaft. – Auch für die Ideen Ihrer Schwärmer würde er nicht vom Whisttisch und seiner Pfeife aufstehen,« setzte er lächelnd hinzu.

»Aber die Verschwörung lauert aller Orten,« fuhr er fort, und ging während des Folgenden im Zimmer auf und ab. Der ernste Ton schien wieder mehr an seine Suite, als an die Familie gerichtet:

»Eine unsinnige Verbindung von Professoren, Künstlern, Schriftstellern, ehemaligen Staatsbeamten, Edelleuten, die sich bis da nie um den Staat gekümmert, hat sich in den Kopf gesetzt, das ganze Deutschland gegen uns zu revolutionieren. Wahnsinnige, unpraktische Köpfe! Was kümmert diese Leute das Vaterland! Sie fänden überall eines, wo es ihnen besser ginge, als in dem, was für sie verloren ging. Für sie? Es hatte sich nie um sie gekümmert, es duldete sie nur. Wie die deutschen Fürsten von je die deutschen Weisen ansahen, weiß jedes Kind, sie brauchten sie zu Hofnarren; aber wie wurden sie auch vom großen Publikum, von der reichen Bürgerschaft über die Achseln angeblickt! Schlimmer noch! Man schrie es für eine Kalamität aus, wenn die Söhne begüterter, ehrbarer Familien mit den sogenannten Genies Umgang hatten. Was ging nun diese Genies, diese in sich selbst und ihrer Wissenschaft vergnügten Gelehrten das Deutschland an, das ihre Ideen nur dazu für gut hielt, sie im Theater zu bespötteln. Sie haben Gall und Mesmer zu Zielscheiben für den Pöbelwitz gemacht, in Frankreich hat man ihnen Tempel erbaut. Was in aller Welt kümmert diese Ideologen das zertrümmerte alte Deutschland! Schwärmer, Mystiker, lieben sie das Wunderbare, verlangen Begeisterung zu allem Tun. Das konnten sie alles, und besser, im Lager des Kaisers finden. Was ist wunderbarer, was begeisternder als seine Taten und sein Glück, von den Pyramiden bis Marengo und Austerlitz. Und wenn sein Atem eine Weltherrschaft trägt, ist das keine Idee, würdiger einen deutschen Philosophen zu entflammen, als die Wiederherstellung der zehn Kreise des ehemaligen heiligen römischen Reiches? Ihr großer Dichter singt von dem Poeten, der bei der Teilung der Welt leer ausging, der neue Zeus kann andere teilen, und den Männern des Geistes wird ein besserer Teil werden, als ein Freitisch an der Göttertafel. Wodurch haben sie bewährt, daß sie handeln können? welche Tollheit daher, eine Mission aufzunehmen, vor der sie erbebend zusammenstürzen müßten, wenn sie zur Wirklichkeit würde. Wie bestanden die größten unter ihnen vor dem Blicke unseres Kaisers, vor der eindringenden Suada seines Mundes! Er ließ Goethe vor sich erscheinen und in einer einstündigen Unterhaltung mußte der Dichter die Gewalt des mächtigen Kritikers erkennen, der so sicher ist auf dem Gebiet der Aesthetik als auf dem Schlachtfelde. So verstummte Ihr Wieland vor dem feinen Dialektiker, so ward Ihr Historiker Johannes Müller überwunden, gefangen, gewonnen von dem Genius, vor dem die Geschichte nicht wie eine tote Tafel von Begebenheiten, sondern daliegt wie ein lebendiges Bild, in das seine Hand, es erschütternd, korrigierend, mächtig eingreift, allen Gedanken, aller Tatkraft ein neues Ziel steckend. Wenn diese Größen vor ihm verschrumpften und zusammenbrachen, was wollen die armseligen Verschwörer, die nicht einmal wissen, wie man Verschwörungen macht. Sie sollen ihren eigenen Kopf festhalten, daß er nicht in Gefahr gerät, ihnen von den Schultern zu fallen. Ist unser Heros dereinst zu fallen bestimmt, müssen Giganten aus der Erde wachsen; in einem Spinnegewebe, das blasse Stubengelehrte, Dichter, Philologen und Philosophen ihm spannen, wird ein Napoleon nicht gefangen.«

»Weshalb diese glänzende Tirade?« dachte der Kandidat, der dem Redner aufmerksam gefolgt war. Es stimmte vieles darin nicht zu dEspignacs früheren Aeußerungen; sie klang so überlegt, wie auf einen Effekt berechnet. Wem galt sie? Den beiden Adjutanten, welche der Kolonel besonders im Auge hatte, oder dem Wirt, dem der Redner dadurch seinen Argwohn oder sein Vertrauen zeigen wollte? – Karoline, die vorhin Vermißte, war wieder im Zimmer. In ihren Blicken glaubte er den Schlüssel zu finden; sie atmete wie aus einer schweren Beängstigung auf, als der Vater die Lippen öffnete. Ein Blick des Dankes zückte durch die Luft zum Kolonel. – Die Tirade hatte den Zweck, dem Major Zeit zum Besinnen zu lassen.

»Ihre Anklage, Herr Kolonel, lautet auf eine angezettelte Verschwörung, Sie bezichtigen als Täter Professoren, Künstler, Schriftsteller. Diese Klasse von Menschen treibt ihr Wesen in den Residenzen und großen Städten; in das schlichte Haus eines Landedelmannes verirrt sie sich nicht, weil sie keine Sympathien findet. Was das Anzetteln von Verschwörungen betrifft, so glaube ich, daß, wenn nicht mein Wort, mein Name und mein Rock Ihnen bürgt, daß Sie nicht im Hause eines Konspirateurs sind.«

»So gewiß, als ich Ihnen nicht zu versichern brauche, daß, wenn ich nach dem gefährlichen Menschen in Ihrem Hause suchen lasse, ich darum nicht den Verdacht hege, daß er sich mit Ihrem Wissen darin versteckt hat.«

»Gefährlicher Mensch! – bei uns versteckt!« riefen Minchen und die Mutter.

»Eine Haussuchung muß Sie nicht erschrecken meine Damen; sobald er ergriffen, wird er nach Magdeburg abgeführt!«

Der Kandidat hatte ein Lächeln auf Karolinens Gesicht gesehen, den Blick, mit welchem der Kolonel antwortete, konnte er nicht sehen, aber er wußte, daß die Gefahr vorüber war. Er bemerkte gegen den Kommandeur, daß, wenn sein Verdacht den fremden Mann treffe, welcher unter dem Namen Walter sich bei den Gästen präsentiert, dieser im selben Augenblick mit dem Grafen und dem Freiherrn das Haus verlassen habe.

»Das wird uns nicht hindern,« wandte sich dEspignac zu den Adjutanten, »bis in die Keller zu suchen. Ein Fanatiker kennt keine Rücksichten; auch nicht die, welche er einem edlen Hause schuldig ist, das ihn gastlich aufnahm.« – Er neigte sich verbindlich gegen den Wirt. »Ich kann mir denken, wie lästig diese Herumläufer den Gutsbesitzern werden. Soll man sie abweisen, die den Schild des Patriotismus vor sich tragen, und mit dem Auftrage von dem und jenem vornehmen Manne sich wichtig machen? Es scheint unloyal und unmenschlich, sie anzugeben, und doch, bei der Gereiztheit des Kaisers und der Willfährigkeit seiner Diener, ist auf ihre Zuflüsterungen zu horchen, ebenso gefährlich. Dieser Konflikt der Pflichten in solchen Kreisen wird gerade dem Ehrenmanne –«

»Keine zu schwierige Aufgabe, wenn er seine wahren Pflichten kennt,« unterbrach Isegrimm und schien mit der Fassung auch seine Würde wiedergewonnen zu haben. »Was mir als kurmärkischen Edelmann und treuem Diener meines königlichen Herrn zu tun obliegt, da würden mich in keiner Krisis ein Konflikt der Pflichten zurückhalten. Ein Kavalier und Militär von Ehre wird die Grenzen dieser Pflichten selbst ermessen. Was aber das Individuum anbetrifft, das man als Herumläufer bezeichnet, so versichere ich dem Herrn dEspignac auf mein Ehrenwort, daß ich weder ihn kannte, noch von wem er eine Mission zu haben behauptet. Ich hielt ihn für einen Phantasten, das Geschwätz der Phantasten ist mir unverständlich. Was ich aus dessen Munde erfuhr, so glaube ich Ihnen die Versicherung geben zu können, Ihr Kaiser kann ruhig sein, wenn er nicht einen Angriff vom Monde aus fürchtet.«

Auch der Kolonel war beruhigt, man sah es seinen Mienen an, als er zu den jungen Offizieren sich wandte:

»Kameraden, was ich Ihnen von einem deutschen Edelmann sagte: Ein Mann ein Wort seine Losung. Ich wußte es vorauf, aber Gehorsam ist des Soldaten Pflicht. Lassen Sie sich nun deshalb von der Ihrigen nicht abhalten. Aber arretieren Sie keine falschen. Sie haben die Renseignements.«

Man fand den Mann nicht, nach dem man suchte. »Hat er denn solche Bedeutung?« – »Für mich gar keine mehr,« war die Antwort des Kolonel, »seit ich die Besorgnis los bin, daß er für Sie von Bedeutung war. Von wem anders als Fouché kommt wieder die ganze Angabe! Aus Paris meldete er nach Preußen an Napoleon die Entlassung des Herrn von Stein, die Art, wie sie geschah, die Konsternation, welche sich der Patrioten bemächtigt. Da wird auch Ihr Name genannt, Herr Major; ich weiß nicht, ob mit Recht oder Unrecht. In Königsberg und Memel machten die Patrioten Versuche, den entlassenen Minister festzuhalten. In Deutschland will man ihn auffangen, um ihn zum Knotenpunkt zu machen, an den sich die losen Verbindungen knüpfen sollen. Fouché rät ab, gegen den Entlassenen persönlich einzuschreiten Es sei besser, ihn in scheinbarer Freiheit zu lassen als lebendige Eule auf dem Krähenherd, um zu sehen, welche Raben ihm zuflattern. Diese soll man einfangen, den jungen Mann vor allen. Er ist der Sohn und einzige Erbe eines sehr reichen Kaufmanns in Berlin, Walter van Asten. Er hatte mancherlei Schicksale, eine Braut ward ihm treulos, er zerfiel mit dem Vater, konnte zu keiner Anstellung kommen, anfänglich als Bürgerlicher, dann aus dieser und jener Ursache, endlich ward er Steins Sekretär, und mit dessen Fall ist ihm jede Aussicht auf den Staatsdienst wieder versperrt. Der große Fouché! Auch die Liebesgeschichten sind ihm nicht zu gering, und er zieht den Schluß, daß ein Mensch, der mit solchen Erfahrungen und Kränkungen hinter sich für seine Ideen operiert, inkorrigibel und gefährlich ist. Napoleon belächelt die Ideologen, er verspottet sie, aber es ist ein giftiger Spott. So spottet man nur, wenn man fürchtet.«

Das waren seine Worte, als die Offiziere die Tafel verlassen. Es war ein ganz verschiedener Ton, man konnte sagen, er betrachte sich jetzt als ein Glied der Familie, während sein Auftreten vorhin wie abgemessen für die militärische Umgebung war. Er erschien dem Kandidaten wie ein Mann, der eine schwere Last von sich abgewälzt. Sollte das allein darum sein, weil der Fremde nicht gefunden worden? Denn daß es des Kolonel Veranstaltung gewesen, daß er eine Warnung, wahrscheinlich an Karolinen, vorausgeschickt, daß er absichtlich den beschwerlichen Moorweg eingeschlagen, um, Hast vorschützend, verspätet anzukommen, darüber war man nicht in Zweifel.

Seit langer Zeit war es ein heiterer Abendtisch; man konnte wieder scherzen. dEspignac nahm auch nicht mehr Rücksicht, als die jüngeren Offiziere zurückgekehrt; er sprach freimütig über Napoleon, er kritisierte seine Schlachten, sein administratives Talent, er sprach von dem Kreislauf aller Dinge, wie auch dieser Genius, der neue Meteorgleise durch die europäische Nacht gezogen, allgemach in die alten Bahnen zurücklenke: »Ehe wir es uns versehen, wird die Kaiserkrone, aus den Brillantspitzen des Morgenrotes und den Tauperlen eines neuen Völkerglückes geschmiedet, vom edlen oder unedlen Rost der alten Kronen umdämmert scheinen.« Die Beweise wurden ihm nicht schwer. Als er, in der Lebhaftigkeit der Rede, an dem Punkt kam, daß der Kaiser schon die neuen Dienste derer vergesse, die mit ihm jung gewesen und auf ihren Degenspitzen mit ihrem Herzblut ihn gehoben, um die zweifelhaften Verdienste der Sprößlinge alter Familien zu belohnen, brach er plötzlich ab: »Er ist auch ein Mensch. Der gemeine Neid, daß jüngere Talente ihn überflügeln, mag ebensoviel daran schuld sein –«

»Als was?« fuhr der Hausherr dazwischen.

»Daß der Heros an sich selbst verzweifelt. Aus dem Nichts schuf er seine Welt. Da zittert er, mitten im Schaffen, ob sie auch geschmückt genug aussehe, und pflückt und bricht Edelsteine aus den Trümmern der alten. Sie soll gefällig auch denen erscheinen, deren Augen nun einmal an den alten Flimmer gewöhnt sind. Er hat sich selbst damit aufgegeben. Ein Prometheus, dem das Himmelslicht ausging, darf seine Fackel nicht wieder am Kohlenbrand der Hütten anzünden wollen.«

Man erwiderte nichts. Im Keller des Majors mußte sich doch wohl noch ein Fach mit Flaschen gefunden haben, in den Gläsern funkelte der Wein. Der Kolonel, sonst mäßig wie ein Franzos der alten Schule, hatte seine Flasche geleert und hob sein Glas zur Wirtin gewandt: »Auf deutsche Weise, edle Frau! die Lippen des Glases zu fröhlichem Klange. Sie versagen dem Feinde nicht den Wunsch, daß er nicht lange Ihr Feind bleibe. Lassen Sie uns anstoßen auf den Frieden. In einem Ihrer Freimaurerlieder, hörte ich einmal den Wunsch: Alle guten Menschen sollen leben! – So meine ich einen Frieden zwischen allen, die das Gute wollen.«

»O, mein Gott, wenn das doch möglich wäre!«

»Möglich gnädige Frau! Wenn alle guten Menschen nur ernstlich wollten, wären alle bösen nicht imstande, ihnen den Frieden zu verkümmern. Das wäre der wahre, echte Tugendbund.«

Der Hausherr starrte auf: »Haben Sie in Deutschland auch deutsch träumen gelernt?«

»Mich dünkt, das ist ein Traum, uralt wie das Paradies.«

»Aus dem wir ausgestoßen wurden, seit wir die Engelsflügelnatur abgelegt und Menschen wurden mit Haut, Knochen und Haaren auf den Zähnen.«

»Doch steuern alle unsere Wünsche zurück – nach einem Zustande der Vollkommenheit. Alle die großen Genien, Propheten, Philosophen und Gottsöhne oder Welteroberer hatten das Ziel, die Menschen aus Ketten zu erlösen, und frei, glücklich zu machen. Sie griffen nur fehl über ihr Ziel hinaus und scheiterten.«

»An der Schwäche, die des Menschen Erbteil,« unterbrach der Wirt. »Die Philosophen und Gottsöhne lassen wir doch ruhen, was soll Saul unter den Propheten; von denen, die sich mit dem Regieren abgeben, sind aber die die schlimmsten mit den Menschheitsbeglückungstheorien. Wer befiehlts Euch? Wer stichts Euch denn, was die Menschen glücklich macht? Wer gibt Euch die Erlaubnis, sie glücklich zu machen, wenn sie nicht glücklich sein wollen nach Eurer Fasson? Gerecht sein und jedem das Seine lassen, das ist Eure Aufgabe; das glücklich werden Sache der Kreatur, und wie sies anstellen soll, versteht jede besser, auch mein Ochsenjunge, als Regierungsräte, Minister und Könige.«

»Damit rauben Sie der Menschennatur alles, was sie aus dem Staube aufreißt. Diese Genien, die mehr wollten, als sie konnten, haben unsere Geschichte gemacht. Sie rissen uns aus der Verdumpfung und Versumpfung, aus der Verknöcherung und Erstarrung. Schmolzen auch ihre Flügel an der Sonne, scheiterte auch ihr Schiff und sie ließen uns an Rissen und nackten Klippen zurück, lernten wir nicht dadurch uns selbst zurecht finden, entdeckte nicht das Menschengeschlecht auf diesen Klippenstegen, von Wolken und Blitzen umzuckt, die Quellen, aus denen die Ströme kommen, welche sein Land wässern, Masten tragen, Länder und Völker durch Handel, Sitte und Kenntnisse verbinden? Alexander eroberte den Oriente nicht für sich, für die europäische Menschheit; auf den Pfaden, die Hannibal über die Schneepiks der Alpen mit dem Karst schlug, fanden die Römer die Straße, auf der sie in die eroberte Barbarenwelt ihre Kultur trugen.«

»Wären sie immer drüben geblieben!«

»Und wir in Finsternis und Barbarei! Nein, so hätten wir die Schneemauern erstürmt, nach der Sonne drüben verlangend. nach der, welche den Orangen und dem Wein ihre Glut einhaucht, und nach der Sonne, welche Licht über die säulengetragenen Marmorhäuser gießt, und der Seele Schwingen leiht, daß Poesie und Kunst aus den Lorbeerhainen zum Aether aufsteigen. Nicht wie jene Teutonen und Cimbern hätten wir uns genügen lassen, auf unsern Schilden über die Eisberge in die lachenden Ebenen hinabzurutschen, den süßen Wein zu schlürfen und süßere Küsse von schönen Lippen. Licht und Süßigkeit des Lebens sind inniger, tiefer, dauernder. Was zeitigt die Sonne? Was gießt helleres Licht als der Gedanke, was mehr Süßigkeit, als der Glaube in die düstere, schmachtende Seele? Wie, wenn es das höchste wäre, daß jeder nur um das sich kümmere, was sein ist, was seiner Väter war, seiner Nachbarn ist, festzuhalten an uralten Rechten und Gewohnheiten; – die Welt, die Gott zum Paradiese bestimmt, wäre eine andere, von Gewohnheiten stockichte, verschlammte Wüstenei. Wenn die Ideen keine Macht, kein Recht hätten, wo wäre das Rittertum, jener erhabene Orden, von der Idee getragen, daß der Ritter durch die Welt irrt, die Sitte zu schützen, für die Unschuld zu kämpfen, dem Unrecht und der Unterdrückung den Handschuh hinzuwerfen. Was ist erhabener als der Gedanke, daß der starke Mann in willenloser Demut sich dem Dienst der schwachen Frau hingibt, daß er der einen, deren Farbe er trägt, folgt, sie bewacht, hütet, das Leben für sie läßt, die ihm keine Gunst dafür, in schweigender Hoheit nicht einmal Liebe zollt! Und das war keine Idee, die Licht in die dumpfe Dämmerwelt der mittelalterlichen Barbarei schoß, die Begeisterung für das Land, wo der Heiland geboren? Es war ein süßer, seliger Taumel, die Menschheit vergaß auf einen Augenblick sich und ihr Weh, sie kannte keinen anderen Beruf, kein ander Glück, keinen anderen Gedanken, als das Kreuz an der Brust, die wilden Heiden vom Grabe des Erlösers zu vertreiben. Erobert, verloren, wieder erobert und verloren war Palästina, aber war nicht aufs neue der europäischen Menschheit das gewonnen, was Alexander einst für sie erobert? Die Tore des Orients erschlossen sich, feinere Sitten, süßere Lebensgewohnheiten brachten die Ritter zurück in ihre Stammburgen und Eichenwälder; der Handel vollendete die Eroberung des Schwertes. Und wer wagt zu bestreiten, daß ein neues Heil aus der verlorenen Irrfahrt erwuchs! Die Völker und Stämme des durch Ströme, Gebirge, Wälder, Sitten, Sprache getrennten Europas hatten sich kennen gelernt in dem großen Argonautenzuge, dem neuen Griechenkriege um die fabelhafte Helena, es war der große Kongreß der Christen des Abendlandes, aus dem die neue Gestaltung, ein gegenseitiger Verkehr, eine neue Weltanschauung hervorging. Das, mein Herr, ging hervor aus einer Idee, und solange eine Geschichte als Wegweiser dient, die verhüllte Sage ihre Hand ausstreckt in das Land der Mythe, zeigt sie uns die Heroen und Geister, welche die alte Welt zu ihrem Heil verrückten, von einer Idee inflammiert, und diese Idee war – Menschenglück zu fördern.«

Wer aus den Blicken, mit denen sie den Redner verfolgt, ihre Gedanken gelesen hätte! Eine glühte; ein Glück, daß keiner Karoline beobachtete, wie ihre schwimmenden, dunklen Augen an seinen Lippen hingen, wie ihr Busen im Akkord mit seinen schwellenden Worten sich hob. Nur einmal brach es wie ein Seufzer der Angst heraus bei Erwähnung der Kreuzfahrer. – Malchen hatte die Augen auf dem Kandidaten. Was ging in dessen Seele vor? Wie unbeweglich auch er, hinstarrend auf den Redner, als wöge er seine Worte auf einer Wagschale ab. Jetzt senkte er die Augen nachdenkend dem eben Gesagten, um dann einen fragenden Blick auf ihn zu schießen, und die Frage lautete: Wer spricht aus Dir? Wie kommst du dazu, auszusprechen, was ich gedacht? Die Mutter war schläfrig, aber seine Stimme klang so schön, so sonor, wie Abendglockengeläut; manches Mal war es doch wie ein Prediger. Sie faltete die Hände unterm Tischtuch. Minchen hatte nicht sowohl Sinn für das, was der Kolonel sprach, als wie es auf den Vater wirken müsse. Denn, wenn sie den Gedanken auch nicht folgte, wußte sie doch, daß es Gedanken waren, denen des Vaters schnurstracks entgegen.

Sie fürchtete jeden Augenblick einen Zornesausbruch, wie er mit dem Messer auf dem Teller still hämmerte und die Lippen verkniff. Sonst trillerte er nie ein Lied, heut kam es ihr vor, als wär es eine Melodie, wie er den Atem anzog. Aber nun warf er die Serviette auf den Tisch, und mit einem »Gesegnete Mahlzeit, wenns beliebt, Herr Kolonel,« war er aufgestanden.

Das war ein Riß. War es ein zweiter, als er die Pfeife ergriff und nach einigen Zügen, welche die Stube mit mehr Qualm füllten, als gerade nötig war, die Einquartierung wieder anredete: »Die Menschheit beglücken wollen, habe ich nie gelernt, denn als ich ein Knabe, wars noch nicht Mode: aber mein Vater schlug barbarisch zu, wenn ich log. Seitdem ists mir so in meinen schlichten Sinn gekommen, daß man wahr sein muß, um vor den Menschen, vor Gott und vor sich zu bestehen. Die Menschheitsbeglücker haben immer einen Dunst um sich hinterlassen; in Dunstwolken sieht alles größer aus, als es ist. Ihr Gefolge, ihre Anhänger und ihre Schulen haben sich wohl gehütet, den abzuklären, im Gegenteil, es ist ihr Interesse, wenn er recht dick um ihre Götzen bleibt, da können ihre Poeten und Skribenten aus dem, was undeutlich ist, machen und hineinlegen, was ihnen gefällt. Darum habe ich vor vielem von dem, was die Menschen, die beglückt sein wollen, venerieren, keinen Respekt, sondern nur vor den Menschen, die wahr sind. Man kann lügen vor Gott; darüber mag der liebe Gott und die Theologen entscheiden. Man kann lügen vor der Welt; darüber wird die Welt richten. Man kann auch vor sich selbst lügen, und dann wird man der miserabelste Kerl, auch wenn sie uns mit dem allerdicksten goldenen Heiligenschein in den Menschheits-Beglückungstempel stellen. – Nicht wahr, Herr Mauritz, die Wahrheit über alles, denn Sie sind ein Mann der Wahrheit und darum mein Freund.«

Mit wie verschiedenen Augen sahen zwei Schwestern auf den Redner, als er den, mit welchem er gesprochen, stehen ließ, und, den Kandidaten unterfassend, weiterging. Karoline hatte die Befriedigung, daß der Kolonel heiter wie vorhin blieb. Er unterhielt sich mit Wilhelminen und der Mutter, als wäre ihm nichts begegnet. Ihre Befriedigung war eine doppelte, als der Vater, gleichwie seine Aufwallung bereuend, ihn nach einer Weile, vertraulich am Arm fassend, nach dem Ofen zog.

»Napoleon verfolgt die Ideologen, weil er sie fürchtet, das ist Ihre Meinung?«

»Ein Despot muß die Intelligenz fürchten.«

»Kann sie Armeen aus dem Boden stampfen? Kann sie nur ein Bataillon formieren?«

»Sie kann mehr,« lächelte dEspignac. »Wenn der Fanatismus in rohen Barbarenhaufen eine alte Welt umstürzte, was sollte er nicht können, wenn er in die Intelligenz fährt!«

»Glauben Herr Marquis de la Tour dEspignac allen Ernstes, daß Professoren, Barbiere, Schauspieler, Pastoren, Zeitungsschreiber und Poeten können, woran ein Erzherzog Karl, ein Braunschweig und Kalkreuth scheiterten?«

»Ich glaube alles.«

»Und Napoleon?«

»Ist – den Dämonen verfallen. – Das Kind der Revolution ward sich selbst untreu. Seit er an seine Mission glaubt, muß er auch an die anderer glauben. Wer einmal in die Zauberkreise trat, ist vom Wirbel erfaßt. Aus dem frei erwählten Führer eines freien Volkes ward er ein Gottgesandter, er ließ sich salben und zu dem Nimbus der Majestät, der um seine Stirn spielt, mit der Lust des stillen Wahnsinns aufblinzelnd, ist sein heißester Wunsch jetzt, daß alle daran glauben. So hat der Heros der Tatkraft alle seine Trophäen am Altar der Tradition geopfert, er hat sich selbst verloren, indem er unter den Füßen die Staffel wegstieß, auf der er zu seiner Größe stieg.«

Mit einem sarkastischen Lächeln sagte der Major: »Wie kam der Marquis dEspignac über Nacht zu dem Glauben?«

»Ueber Nacht – Sie haben recht. Ich glaube an Wunder, seit ich in Deutschland bin. Die Bäume rauschen anders hier, die Luft weht anders. Auf dem Boden des Wunderbaren wandelnd, ward auch ich ein anderer. Ich glaube ein ursprüngliches Vaterland, das wie eine dunkle Ahnung aus der Vorwelt um meine Träume schwebte, wiedergefunden zu haben. Sein Glaube ward meiner: beim Gift wächst das Gegengift, und jedes Uebel trägt seine Heilkraft in sich selbst. Das Meteor Napoleon ward auf den Ideen der Zeit zur Sternenhöhe getragen, die Ideen der Zeit werden es wieder in den Abgrund stürzen. Das ist so gewiß, mein edler Freund, als – ach, was ist denn gewiß auf dieser Erde –«

Es war ein eigener Schluß dieses heiteren Abends. Man ging still auseinander. Jeder, sein Licht in der Hand, schien an den Gedanken schwer zu tragen, die er in seine Schlafstube mitnahm. »Wer ist er? Was will er? – Ein Genius, ein Dämon? Ein ursprünglicher oder ein Lügengeist? Mit dieser Klaviatur der Gedanken, wo jeder, wenn er anschlägt, seine eigenen wiederfindet, und so melodisch wie –«

Mit diesen Gedanken war der Kandidat auf sein Bett gesunken, als melodische Töne eines Klaviers längs den Mauern sich fortrangen.

< Die Brücke in die Zukunft.
Nachtgespenster. >



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