Frei Lesen: Isegrimm

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Kapitelübersicht

Die Schwedenschanze | Die Blutsteine. | Der Quilitzer Knecht. | Die Querbelitzer Schenke. | Schemelbeine. | Isegrimms Haus. | Isegrimm. | Eine Rückfahrt. | Alte Geschichten. | Die erste Nacht in Haus Ilitz. | Eine Erscheinung im Walde. | Der Ball muß sein. | Zwei Anstands-Visiten. | Malchen. | Ein Wetterstrahl im Ratskeller. | Zum Ball oder nicht zum Ball? | Die Ouverture zur Ballmusik. | Die Ballnacht. | Vorm Scheunentor. | Im Schnee. | Jede Schlacht fordert Präparationen. | Schulze und Edelmann. | Die Einquartierung. | d'Espignac. | Der kleine Krieg. | Der Versucher im Hause. | Scheiden. | Ritter und Reiter. | Wendisch oder germanisch. | Das Schwert des Cid. | Der Beichtvater. | Chaotische Besuche. | Der unbegreifliche Brief. | Das Vaterland und bürgerlichen Offiziere. | Die Brücke in die Zukunft. | Eine deutsche Konversation. | Nachtgespenster. | Der Krieg ist nicht Zeit zu Hochzeiten. | Das Ahnenbild stürzt. | Ein verhängnisvoller Brief. | Die Katastrophe. | Ein Doppelgänger. | Eine dunkle Tat. | Ein politisches Geheimnis. | Ihr von Ilitz, Ihr von Ilitz, Solltet nimmermehr nach Quilitz! | Ein Gewitterschlag. | Ein ernstes Zwiegespräch. | Friede und Resignation. | Nach sechs Jahren. | Von Hochgezieten. | Gräfin Heilsberg. | Querl. | Schluß. |

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Willibald Alexis

Isegrimm

Eine dunkle Tat.

eingestellt: 25.7.2007

Dreiundvierzigstes Kapitel.

Eine dunkle Tat.



Es ist eine dunkle Geschichte, und noch heute, wo kaum einer von ihnen leben wird, die daran beteiligt waren, erzählt man sichs nicht anders als mit bedenklichen Blicken und stillem Flüstern. Gedruckt war nie etwas darüber, nie auch eine Anklage laut; es war Grundes genug, warum von keiner Seite an die große Glocke geschlagen ward. Aber in der Provinz, wo es geschehen, ist es vom Vater auf Sohn gekommen, und – sie glaubens. Es ist mancher Franzos heimlich erschlagen und hinter den Hecken verscharrt worden, von dem die Polizei nie etwas gewußt, noch wissen wollte, und unsere Kriminaljustiz ließ sich noch weniger davon träumen. Damals schon; mehr noch büßten so ihr Leben nach dem russischen Feldzug. Der alte trostreiche Spruch: nichts so fein gesponnen, s kommt doch ans Licht der Sonnen, paßt nicht auf Kriegszeiten. Da wird freilich nicht gesponnen; ists einmal losgegangen, und Gesetz und Ordnung schweben auf der Spitze des Schwertes, dann reißen auch Fäden und Bande, die uns so fein und künstlich und fest schienen. Aber es war eben nur Schein, und der sittliche Mensch mag zur Bestie werden, wenn Schmerz und Rache in den verbitterten Gemütern kochen; und wenn er den Mordpfeil absendet auf den Gehaßten und Gefürchteten, redet er sich hinein in die Selbstverteidigung des Tell. Aber nachher überkommt uns die Scham, und wir suchens zu vergessen. Das ist die Rückkehr zum Guten, wenn auch nicht das Gute selbst, daß wirs vor der Geschichte verschweigen und uns reiner und besser lügen, als wir waren. So mag sie immerhin, die große Geschichte, die große Weltrichterin sein, aber wie vieles, was ihre weißen Tafeln beflecken könnte, blieb draußen in der Luft schweben. Das lebt aber doch oft noch eine Weile, oft noch länger fort, manchmal ewig, wie mans nennen will, als Sage, Anekdote, Spottvers, Volkslied. Und da fangen es denn die auf, welche später Geschichte machen, und ich laß es ungesagt, welche Geschichte richtiger ist, die, welche die Mitlebenden und ihre Kinder aus den Aktenstücken zusammenstellten, oder die, welche Spätere aus der Atmosphäre griffen und ihren Strömungen, den Traditionen; die hier Licht hinsetzen, wo die vor ihnen Schatten sahen, und da Schatten, wo die andern Licht gesehen. Es läßt sich eben nichts darüber bestimmen; es kommt aufs Auge an, wie scharf es sah und wies gefärbt war.

In der Provinz, wie gesagt, erzählt man das noch heute. Es war eine Jagdpartie im Walde, meist junge Edelleute, Oekonomen, auch Pastoren darunter. Sie hatten den Flaschen stark zugesprochen. Aber sie waren auch trunken von Grimm über den Uebermut, die Verwüstungen, die Erpressungen der Franzosen. Es hatte ihre Nächsten betroffen. Einzelne, die aus Lübeck zurückgekehrt, hatten vorhin Schauderdinge erzählt, wovon das ruhigste Blut in Wallung gerät. Möglich auch, daß sie gerade deshalb in den Wald gezogen, um den Grimm austoben zu lassen an dem unschuldigen Wilde. Da hätte einer gerufen: so wollte ich doch – Die anderen lachten ihn aus: Wollen kann jeder! Er hätte sich geschüttelt: Ich wills Euch zeigen! – Da hätten sie ihn noch lauter verlacht, dieweil er nach der Flinte griff. Wohin? – Den ersten Franzosen, den ich treffe, niederschießen! – »Du unterscheidest ja nicht mehr eine Bachstelze von einem Rehbock.«– Ein Junker rief: Eine Bachstelze und ein Franzos, was ist da auch für ein Unterschied! Die anderen hatten geprustet: Der hättes getroffen! Da lehnte jener sich an einen Baum und spannte den Hahn: Daß Ihrs seht! – Wir sehens! riefen sie und nannten seinen Namen mit einem Spottnamen dazu, den wohl jeder unter lustigen Gesellen führt, und wiesen auf ihn mit den Fingern; denn wenn er sich nicht an die Kiefer gelehnt, meinten sie, er hätte nicht gerade stehen können. – Nun schieß nur zu – dreist ins Weiße – oder ins Blaue – das ist egal. Du triffst doch, Du bist ja ein Sonntagskind.

Nun wär es in einem Walde gewesen, wo er sich lichtet gegen ein Moor, und plötzlich knallte es aus dem Rohr – nämlich des Jägers – und gleich darauf hätte es auch geschrieen wie aus den Lüften, wenn der Schuß eine wilde Gans trifft.

Ueber das Moor ging keine Straße, nicht einmal ein Landweg, nur ein Fußpfad, den die Landleute allein kennen, und wer hätte gedacht, daß ein Fremder, ein französischer von der Armee ihn einschlagen sollen. Daher hatten die wilden Jagdgesellen zuerst wieder aufgeschäumt vor Lachen, denn sie dachten, der Trunkene feuere ins Blaue. Aber der Schrei machte sie stutzig; es war kein Vogel in der Luft, es war eine Menschenstimme. – Sie sprangen zu, und – es war ein französischer Offizier.

Nun gehen die Erzählungen auseinander. Die einen sagen, er wäre geritten gekommen. Der Schuß hätte ihn auf dem Sattel getroffen und das Pferd, scheu oder auch verwundet, wäre durchgegangen und hätte ihn in den Sumpf geworfen, wo er ertrank. Das könne schon um deswillen nicht sein, sagen andere, da über das Moor, zumal um jene Zeit, für keinen Reiter durchzukommen war. Vielmehr hätte der Offizier sein Pferd auf der Landstraße führen lassen, und er selbst sei, man meinte um einer Liebesaventure willen, den gefährlichen Fußweg allein gegangen. Diese wollten wissen er sei wie voll Uebermut auf einen der großen Steine gestiegen, die dort aus dem Moor vorragen, da habe er, mit gekreuzten Armen, wie eine Zielscheibe gestanden, daß es ein schlechter Schütz gewesen sein müsse, der ihn auf hundert Schritt nicht ins Herz treffen sollen. Er stürzte, nicht vom Sattel, sondern vom Steinblocke. Da habe er sich an die Kante des Steins noch einmal angeklammert und wild umgeschaut, und erst um Hilfe, dann um Rache geschrieen. Aber die ihn allein hören mögen, waren seine Mörder, und über seinem Kopfe krächzten die Raben und Krähen, so sei er unter fürchterlichen Verwünschungen, da ihm die Kraft ausging, vom Stein geglitten und ins Wasser gesunken. Auf das Geschrei stürzten die Jäger alle zu, aber was sie gesehen, hätte keiner dem anderen gesagt. Denn über sie wärs gekommen, als wie ein heißer Wirbelwind dort in Afrika, der dem Menschen die Besinnung raubt. Die Jagd war auseinander, wie Spreu im Winde. Wo zwei sich nachher trafen, senkten sie die Köpfe und sahen sich scheu an. Jeder hatte zu Haus eine andere Ausrede, warum er sich von der Jagd verirrt, und die meisten wollten schon am Abend vorher heimgeritten sein. Dann verlautete wohl auch, daß die Herren sich später heimlich das Wort gegeben: der solle ein Schuft heißen, welcher verrate, wer an dem Morgen noch einen Schuß getan.

Es war in einer jämmerlichen Dorfschenke irgendwo an einer Seitenstraße, wo die Bauern überm Tisch die Köpfe zusammensteckten und sich eine Geschichte zuflüsterten. Es war die, welche wir eben erzählt; nicht ganz so, denn wo erzählen zwei dasselbe in einer Art! Der Wirt beschwichtigte den einen, der fragend auf einen Schläfer hinübergeblickt, welcher im Winkel, auf Stroh gebettet, von einem alten Militärmantel überdeckt lag. Der sei übermüdet vorhin angekommen und fast vom Pferd gefallen; was sei Gefahr da, daß ein alter preußischer Offizier, der wohl selbst Gründe hat, auf Seitenwegen sich den Augen der Franzosen zu entziehen, den Angeber machte.

»Ihr könnt Euch drauf verlassen,« sagte nun der Fragende, »ich habs von sicheren Leuten: es ist an dem Gerede was, und mehr als man denkt. Aber wer will sich die Haut verbrennen, und wer solls ihm bezahlen, daß er sich in was mengt, was ihn nichts angeht! Wer der Franzos ist, das weiß man schon, aber wer den Schuß getan, da können sie lange fragen, und kriegen keine Antwort nicht. Der General hat eine Liebschaft gehabt mit einem adligen Fräulein, oder wars eine Gräfin? Ihr Vater aber, ein alter Haudegen, hats partout nicht gewollt. Sie hat sich ihm zu Füßen geworfen, nämlich das Fräulein, und um Gottes Barmherzigkeit willen gebeten, daß ers nur ja zugäbe. Da hat er sie bei den Zöpfen ergriffen und im Zimmer rumgeschleppt; sie aber hat immer geschrieen: Er ist mein Gemahl vor Gott und vor den Sternen. Nun wenn er das ist, hat er zu ihr gesagt, so will ich Sie zu Gott schicken und den Sternen, da mögen Sie Ihren liebsten Ehegemahl erwarten; mein Haus hier unten ist zu ordinär für so vornehme Hochzeitsgäste. Und wie er ihr nun die Pistole vor den Kopf setzt und sie totschießt, geht die Tür auf und der General tritt ein in voller Uniform und sagt: Mein Herr, diese Ihre Tochter hat die Wahrheit gesagt, sie ist meine Gemahlin vor Gott und den Sternen. Weil sie nicht mehr Ihre Tochter war, sondern mein Weib, so hatten Sie kein Recht, die Frau eines französischen Generals totzuschießen, und das soll Ihnen teuer zu stehen kommen. Denn nun reise ich ab auf der Stelle, um Sie beim Kaiser Napoleon zu verklagen. Nehmen Sie sich in acht, Sie sind jetzt kriminalisch und das wird Ihnen an den Kopf gehen. – Gesagt, getan, das Pferd steht schon im Hofe gesattelt, und der General reitet also ab. Aber der alte Edelmann ist ebenso fix auf den Beinen, und ehe die Sonne aufgeht, ist er schon aus dem Schloß und über alle Berge. Seine Freunde sagen zwar, das hätte er nur getan, um einem Wechselarrest zu entgehen, aber man weiß ja, was das heißt. Und darauf haben sie den General anderen Tags an den Blutsteinen in seinem Blute tot gefunden, und wer ihn da aufs Korn genommen hat und die Kugel ihm ins Genick gejagt, das sage ich nicht, und wills niemand geraten haben. Denn es weiß niemand, wo einer Freunde und Verwandte hat, und man könnte auch nen Schlag ins Genick bekommen. So aber ists.«

Ein zweiter aber sagte: so wäre es nicht, denn er wüßte es auch von noch weit sicherern Leuten. Eine Tochter sei zwar totgeschossen worden, aber vor sehr langen Zeiten. Diese jetzige hätte der Vater in einen Turm eingesperrt, um sie zu zwingen, daß sie aussagen sollte, sie wäre nicht heimlich verheiratet mit dem Franzosen, weil er ihn nicht gemocht. Die Tochter aber hätte es, so laut sie konnte, rausgeschrien, sie wolle es vor Gott und vor den Sternen bekennen, daß er ihr heimlich angetrauter Ehegemahl sei. Das hätte denn der General gehört und wäre vor den Vater getreten und hatte ihn gefragt: wie er das meine, und ob er es rechtfertigen könne, und wenn er ihm seine Frau nicht auf der Stelle losgebe, da werde er zum Kaiser Napoleon reiten und ihn verklagen. Da habe der Vater geantwortet: ob sie das nicht miteinander ausmachen könnten? worauf der Franzos erwidert: Wenn Sie so meinen, warum nicht? – Darauf sind beide fortgeritten, mit Pistolen im Sack, und ganz heimlich. Den Franzosen fand man am folgenden Tag, das Gehirn zerschmettert, an den Blutsteinen, der Vater aber ist fort und verschwunden gewesen, man weiß noch heute nicht wo, und es ist schon über eine Woche. Man meint, er hätte sichs zu Herzen genommen, daß er seiner Tochter ihren liebsten Ehemann umgebracht.

Noch eine dritte Meinung kam zum Vorschein, die des Wirtes, der sich, nach seinen Mienen zu schließen, für einen sehr umsichtigen und klugen Mann hielt, weshalb er bei den Erzählungen der andern etwas vornehm spöttisch den Mund verzogen: »Es hat schon seine Richtigkeit mit der Geschichte, Landsleute, nur ist es anders, als Ihr erzählt. Mit den Blutsteinen verhält es sich so, das ist richtig. Die kenn ich ja, die liegen im Querbelitzer Moor, und da passiert nie was Gutes, davon sich viel sagen ließe, aber wozu? Daß der französische General da erschossen ist, das ist auch richtig, es war der von den Kürassieren, den Ihr gesehen haben müßt. Er war ja hier überall, als die Jagd losging auf die Schillschen. Gott weiß, wer ihn erschossen haben mag, aber der alte Major von Quarbitz, Gott bewahre, der ist zwar ein kurioser Heiliger, und bissig und brummig, aber sonst, meinen sie doch, wär er nicht so bös, daß er einen Menschen mir nichts dir nichts wegblasen ließe, auch keinen Feind nicht. Nein, er soll ein christlich Gemüt haben und nie die Kirche versäumen, wenn er auch seinen Pastor kujoniert. Ich kenne ihn, wie gesagt, nicht von Person. Aber wenn das mit seiner Tochter Richtigkeit hat, dann möchte sichs einer wohl vorstellen tun, warum er auf und davon ist. Aus Desperation! – Der Oberst oder General war sonst ein ganz reputierlicher Herr und ein sehr vornehmer Mann. Was konnte er dafür, daß er unter den Franzosen geboren ist! Und dann hat ein Vater doch auch ein Herz, wenn er eine Tochter hat, die er lieb hat, und er kann sie standesmäßig unterbringen. Lieber Gott, die Vornehmen und die Fürsten verheiraten ja ihre Töchter Gott weiß wohin, wenn sie sie nur standesmäßig los werden. Ich sage nun nicht, daß der Ilitzer es gewesen ist, der den Obristen geschossen hat – Obrist war er nur, was die Franzosen Kolonel nennen – auch nicht, daß ein anderer es getan, weil ers ihm auftrug; aber, sage ich, Landsleute, was muß es ihm zu Kopf geschossen sein, daß es so ist: hat ers getan, nämlich im Duell, und nun kriegt er die Besinnung, daß es doch besser gewesen, wenn er ihm die Tochter gab, als daß er ein Mörder ist! Und wenns auch so nicht, tot ist er nun mal, und seine Tochter ohne Mann; ein Herz für ihre Kinder haben vornehme Herrschaften doch auch, und wie muß es solchem Herrn im Leibe wurmen, wenns auch nur heißt, er weiß darum, daß sie den Obristen umgebracht, und wer weiß, wer weiß, ob da nicht doch mehr dahintersteckt.«

Der Müller schüttelte den Kopf. »Das ist man alles einerlei, und sein Vorfahr, der schwarze Wolf, hat sich auch nicht so viel daraus gemacht, daß er sein leibhaftig Kind umgebracht. Wir wissens noch von unserm Urgroßvater. Solche Herrschaften, Gevatter, was sie Blut und Ehre nennen, da haben sie ganz andere Raisons. Wenn unsereins sein Mädel oder sein Weib tüchtig durchwalkt, daß sies fürs nächste Mal vergißt, so müssen sie gleich ans Blut, so oder so, das heißt bei ihnen Satisfaktion. Meinethalben, aber die Sache ist die Polizei und die Gendarmen und dann die Kriegsgerichte; da fordern sie andere Satisfaktion. Und der Leichnam, haben sie den nicht gefunden?«

Das wußte keiner zu sagen. Der Wirt aber war anderer Meinung. Im Kriege, und manchmal auch im Frieden, hätten sie auch ihre besondere Raison im Judizieren: »Manches Mal reißen sie die Augen weit auf, und manches Mal drücken sie sie ganz klein zu. Was hatte man nicht gedacht nach der Geschichte vom Nauwalker Bürgermeister, wenn so was wieder passierte, und wie klein machten sie sie, als der Marschall in Querbelitz gefangen ward! Wir verstehen das nicht immer, aber Gründe haben sie immer. Nun ist die Geschichte schon über acht Tage alt. Herr, Du mein Gott, wenn sie in die große Trommel schlagen wollen, da hätten uns die Ohren gesummt, aber das mäuschenstill ist, so könnt Ihr annehmen, sie wollen keinen Lärm machen. Das ist nun meine Meinung.«

Es war noch einer dagewesen, der auch eine Meinung hatte. Im Winkel auf dem Stroh lag der Gutsherr von Ilitz; er hatte auch nicht mehr geschlafen, wie todmüde er auch nachts in das Haus gekommen. Müde kann wohl einer sein, der tags und nachts reitet auf einer Spur, und sein Geschäft ist, wie des Tell – der Mord. Der Major war, von tausend Gedanken gequält, aus dem Hauptquartier fortgeritten. Was wollte er und was wollte er nicht? Ein Ehrengericht aufsuchen, das ihm sagen sollte, was er zu tun habe. Wo sollte er ein solches Gericht finden! Wer ein Gericht sucht, das ihm sagen soll, was seine Ehre ist, der, meinte er dann, habe sich selbst schon insolvent erklärt an der Ehre. Da war das schwarze Blut in ihm aufgestiegen – das Blut des schwarzen Wolf, er reiste und ritt, um, wo er ihn träfe, den – niederzuschießen, den seine Ehre ihm verbot, vor Gottes Gericht zu fordern. Wars doch auch ein Gottesgericht, redete er sich Mut ein; wenn Gott nicht wollte, so traf ihn nicht seine Kugel, so ward er vorher ergriffen und vor ein ander Gericht geschleppt. Oder, wenn er im Entschluß schwankte, suchte er einen anderen Rechtfertigungsgrund: da ihm der ehrlose Betrüger wie ein Aal entschlüpfe, gebe es ja kein ander Mittel, als der Schlange auf den Kopf treten, wo er sie finde.

Der Instinkt treibt oft auch die richtige Spur, aber die fürchterliche Last eines Mordgedankens drückt Seele und Leib nieder. Er hättes nicht vierundzwanzig Stunden ausgehalten. – Als er sich auf die Streu geworfen, hatte er Gott gebeten, daß er ihn bald seine Beute finden lassen – Statt der Träume sandte ihm Gott – wir hörtens.

Der erste Hahn hatte noch nicht gekräht, da sehen wir ihn im Freien, in der Schenkstube drückte es ihn; er konnte in dem Qualm sein Herz auch vor seinem Schöpfer nicht ausschütten. Er wankte an den Lehmwänden und Hecken hin und her, bis er, er wußte nicht wie, auf dem Kirchhof war. Da sank er vor einem aufgeschütteten Grabe auf seine Knie und betete zum ersten Male laut. Er dankte inbrünstig Gott, daß er kein Meuchelmörder geworden, daß er einen anderen gerufen, der ihm die fürchterliche Last abgenommen. Froh ward er aber auch da noch nicht. Vielen antwortet Gott auf ihr Gebet, und der Major hatte es oft in seinem Leben erfahren. Aber hier wars ihm, als ob Gott stille blieb. Er lobte ihn nicht und er tadelte ihn nicht.

In den Glocken der Kirche spielte der Morgenwind. Wer die Sprache verstanden hätte! Du sollst nicht töten! Das verstand er; es war ein eigen Nachgesumme. Wer sollte denn in der Grube schlafen, in die seine Augen starrten? Ein Bauer oder ein Bauernweib mehr oder weniger, was kümmerte es ihn? Es änderte in der Welt so wenig, als ob eine Fliege mehr oder weniger unter der Klatsche von der Wand fällt. Und doch fragte er sichs immer wieder. Da sah er, als er aufschaute, ein erstes Schneeglöckchen. Der Totengräber hatte es halb verschüttet. Wie konnte der Mann das tun! Er häufelte mit der Hand den Sand weg, daß die Blume sich wieder aufrichtete. Es blühten ringsum mehrere. Es mußte ein windgeschützter Abhang sein, das Gras sproßte schon lustig zwischen den dürren Hecken, und auch der Krokus brach durch die welke Laubdecke. Das Summen in den Glocken hatte aufgehört; aber eine unsichtbare Hand strich leise über die Orgel: »Sie werden auferstehen!« hatte der Major unwillkürlich gesprochen, als der Küster mit dem Schlüsselbund die Freitreppe herabstieg. Auf des Majors Frage: »Für wen ist das Grab?« antwortete der Mann:

»Für wen wirds sein, als für den tauben Hufschmied. Das hat er nun davon. Sein Mädel hätte noch zehn für einen gekriegt, und wenns auch ein Franzosenkind wird. Du lieber Gott, dann müßten viele keine Männer kriegen. Das war recht eine pure Unvernunft von dem alten Esel. Gott straf mich, das war er. Und kriminalistisch hätten sies gemacht, denn ein Zoll nur gings an der Schläfe vorbei. Und mit solchem Hammer auszuschlagen! Aber das war ja nicht das erste Mal; seines Vaters Stiefbruder hat er ja lahm geschlagen. Dazumal kam er mit schwerem Gelde fort, daß es nur vertuscht ward. Ja, das Heulen nachher, das kam zu spät. Da kriegt er, wie sie in ihrem Blute lag, das schlimme Zeug. Nun lagen sie beide. Das Mädel hat sich nun wieder so weit erholt, aber er fiel aus der Sucht ins Nervenfieber. Was hilft kalt Wasser, und wenns Eis ist, wo einer so obstinat ist. Reue wars, sagen sie. Ja, Du lieber Gott, was ist Reue, wenns einer nicht wieder gutmachen kann! Sag ich doch, das Mädchen kriegt noch zehn für einen, und da ist alles gut; aber solchen boßigen Kerl, dems immer ins Hirn schießt, daß es ihm um die Augen rot ist, wie in der Schmiede, den müßten sie nicht frei rumlaufen lassen. Anschmieden müßten sie ihn, das wär für die Menschheit, damit er keinen Schaden tut.«

Wenn einer, der sich schon verloren gab, aus einem brennenden Haus getragen oder aus einem Schiffbruch gezogen wird, auf seine Knie stürzt, um Gott für seine Rettung zu danken, denkt er noch nicht daran, daß er seine Habe hinter sich ließ. Wenn aber das nackte Leben vor ihm ihn anstarrt, kommt es wohl, daß er in der Verzweiflung über seinen Verlust seine Rettung verwünscht.

Kein Mörder war der Major, aber die Gedanken an das nackte Leben, dem er entgegenritt, schlugen an ihn, im hellen Morgenwind, wie nasse Kleider um den Schiffbrüchigen klatschen. – Eine verlorene Tochter, gar auch ein verlorener Ruf! – Karoline wollte er nie wiedersehen; das war beschlossen. Mochte sie irgend in einem Winkel ihr Leben fristen, er wollte nie mehr von ihr, nicht einmal ihren Namen genannt hören. Er wollte gar nicht grausam sein; Mutter, Schwestern, Verwandte würden sich schon ihrer annehmen; denn gegen Schwächen und Fehler nachsichtig zu sein, ist ja das Charakteristikum der Zeit. Aber auch sein Ruf war angegriffen. Was warf man ihm denn vor? Daß er das getan, was er in seinen Gedanken tun wollen. Das glaubte er ertragen zu können. Einmal wünschte er sich dies Martyrium; er sagte es sich wenigstens. Was gibt es denn besseres für den ehrenfesten Mann, als von dieser Welt gehaßt, gescheut und mißkannt zu werden, in der nur die Niederträchtigen, die Speichellecker, Augendiener, Schmarotzer, vor dem, was gilt und glänzt, in Ehren und Achtung stehen! War doch sein Ahn, der schwarze Wolf, auch vielleicht ein solcher Ehrenmann gewesen. Er war sich selbst genug.

Aber Familie, Haus, Freunde, dachten die auch so? Ach, es mußte in Ilitz einsam werden! Wie, mit welcher Scheu würden sie ihn anblicken! Die alle hatten Mitleid, Billigung, vielleicht schon eine Rechtfertigung für Karoline zurechtgelegt.

Rechtfertigung! – hatten nicht auch jene Dorfpolitiker schon eine für seine Tochter gefunden! Sie halten von einer heimlichen Ehe gesprochen. Wie war das alles im kurzen Raum einer Woche aus den Mauern geschwitzt? Und warum zu Gunsten gerade der Sünderin entstellt? – Weil die Sündhaften überall an der Sünde Gefallen haben, wie die Maler die Ehebrecherin so gern malen, nicht um des Gerichts willen, sondern weil ein hübsches Weib die Sinne kitzelt! – Aber warum sollte gerade er dies Gewebe zerreißen. Es war ohne sein Zutun, hinter seinem Rücken zu seinen Gunsten gewebt. Wer hieß es ihm? Wo stand, daß es seine Pflicht sei? Ists nicht vielmehr die des Vaters, die Schande der Seinen zu verdecken, wie er kann, und hier kamen sie ihm auf halbem Wege entgegen.

Wenn er hinritt in Windstille, und, wo der Schnee geschmolzen, die Wintersaat weithin grünte, wenn die Sonne leichte Streiflichter auf die Felder warf und die ersten Vögel ihre Stimme erhoben, dann hauchte es auch mild um seine Brust. Er wünschte, es wäre so – er könnte es so machen – er brauchte nicht zu lügen, nur zu schweigen. Ja, ja, es ward sein Wille. Aber – der, auf den es ankam, der allein auf das Gerücht das Siegel drücken, erklären konnte, sie ist mein ehelich Weib, seine Stimme war erloschen, sein Blut hingeflossen – es war zu spät.

Als Trauergestalt über seinem Grabe – eine Lüge! Wenn nun die Geisterhand drohend herausfuhr, wenn sein Schatten durch Nebel und Gesträuch hinglitt und schrillend im Winde rief? Ihr lügt! Das waren die Gedanken, wenn er durch den winterlichen Wald ritt, der Wind in den blattlosen Aesten rauschte und die letzten Klumpen Schnee von den mächtigen Kiefernästen warf. Dann dünkte er sich der Ritter, der mit eingelegter Lanze auch gegen Gespenster anreitet, und er empfand den Mut, ja er knirschte vor Lust, auch auf das blutige Antlitz des Kolonel anzurennen.

Die Stimmung dauerte aber nicht lange. Wo der erste Sonnenschein die grünen Halme küßt, läßt ein Schauer der Wehmut und Sehnsucht böse Gedanken nicht herrschen. Die Frühjahrslüfte kosen und schmeicheln auch um die wunde Brust, und wenn wir an Sterben und Untergang denken, denken wir auch an Auferstehung und neues Leben.

Hatte denn der fremde Mann etwas Unerhörtes, Ungeheures begangen? Als Soldat, als Franzos auf Eroberungen hingewiesen, hatte er die Gunst des Augenblicks benutzt, die Rose gepflückt, ohne den Gärtner zu fragen. Nun hatte er gebüßt; so frech, kühn der Raub, so schnell, furchtbar war die Strafe gefolgt. Wenn er es nur bereuen, wieder gutmachen gewollt! – Eine wunderbare Natur! Bei soviel Gaben, um andere zu täuschen, welche Diskretion in den Mitteln! Welcher eigentümliche Hang, sich eine vornehme Geburt anzulügen! Wenigstens war keine Spekulation darin, denn das gab ihm, wie die Dinge standen, keine Aussicht auf Vorteil, Avancement. Begünstigte auch Napoleon aus Eitelkeit und Berechnung wieder den alten Adel, der seine Schleppe küßte, so gab das doch nur im Hofstaat Anwartschaft auf Beförderung; im Felde mußte der Kaiser auf den Geist, die Stimmung seiner Armee Rücksicht nehmen. Es mußte also eine angeborene Lieblingsneigung des Mannes sein. Und woher die Kraft, daß er sein ganzes Leben an das Studium der Täuschung gesetzt, daß er mit so vielem Verstand ebenso in ihre Antiquitäten, als in ihre neue so wenig beneidenswerte Stellung sich hineinstudiert hatte? Wo waren seine Vorbilder in der plebejen Armee, woher hatte der Zuckerbäckerjunge seine Anschauung geschöpft, daß er nie einen falschen Schritt tat, nie ein unrechtes Wort sprach, daß er immer in seiner Rolle blieb? Das lernt sich aus Büchern nicht: es kommt aus dem Blut. Hatte der depravierte Marquis doch vielleicht recht, und ein Tropfen des wahren Blutes in dem falschen Stamme so wunderbar rein und kräftig sich erhalten, während der volle Strom in dem echten Stamme in Fäulnis und Eiterung übergegangen war? – Aber – vor ihm eine ganze Generation weiße Schürzen, weiße Mützen, Eierschaum und Zuckerguß! Wie konnte das adelige Blut durch solche Kanäle sich rein erhalten haben! Nimmermehr! – Aber die Erscheinung war darum nicht minder wunderbar. Wie gern hätte er ihn gefragt, wie er das ermöglicht?

Ihn überschlich der Wunsch, daß der Kolonel nicht gestorben wäre; zuweilen noch ein anderer: – daß statt seiner er selbst in Mörderhände gefallen. Ein rascher Tod hob ihn über welche Zweifel, welche trostlosen Aussichten! – Wie sollte er Karolinen begegnen, wie ihren Schwestern, der Mutter! Unter welcher Form jene verstoßen, ohne daß er die eigene Schande vor aller Welt ausschrie!

Je näher er der Heimat kam, so langsamer ritt er. Es war nun weit über Wochenfrist. Was konnte inzwischen zu Hause geschehen sein! Neue Plündererhaufen, Brand, Verwüstung, Krankheiten! War er doch überall auf ihre Fußstapfen gestoßen.

Der graue Spitzturm vom Querbelitz tauchte aus den grünen Saatfeldern auf, als ein Reiter aus dem Busche vorkommend seinen Namen rief und die Mütze schon in der Entfernung ehrerbietig lüftete. Es war der Schulze Gottlieb Köpke, der, wie er zu tun pflegte, seine Felder umritt.

»Das Korn steht gut, meinen nicht auch Herr Obristwachtmeister? besser als vorig Jahr. Nur der Weizen ist ein Bißchen zurück.«

Es war dem Major lieb, daß der Schulze nicht von der Sache anfing. Aber war es doch seine schlaue Bauernart, daß er zuerst nur ihren Zipfel anfaßte.

»Also Er meint, es steht gut? – Ich war zu lang aus.«

»Das war auch gut, gnädiger Herr, denn es hätte sich doch für unseren Herrn Major nicht geschickt, von wegen des Wechsels mit dem Notar zu verhandeln. Ein dritter kann das schon besser, und der Herr Kandidat hat denn auch die Sache in Richtigkeit gebracht. Dieweil der Notar den Protest aufnehmen wollte, kaufte der Benjamin Schlochauer den Wechsel dem Präsentanten ab, und dieweil das geschah, hatte der Herr Kandidat Rat geschafft, und es ging alles wie am Schnürchen, ohne daß einer was Uebles gedacht hätte. Au contraire alle fanden es ganz recht, daß der Herr Major derweilen verreist waren, und es hat sich alles geschickt und ist in der Ordnung.«

»Was hat sich geschickt? Was ist in Ordnung?« fuhr Isegrimm bang nach einigem Schweigen auf.

»Ach, Herr Major meinen von wegen des Franzosen – ich meine den Kürassieroberst. – Manches sieht auch schlimmer aus als es ist.«

»Schlimm ist schlimm, Köpke.«

»Ja, schon recht. Und daß es gerade an den Blutsteinen geschehen mußte! Zuweilen ists aber auch gut, daß Krieg ist; denn was im Krieg geschieht, ist nicht wie wenns im Frieden geschieht.«

Der Gutsherr sah ihn fragend an.

»Nun, ich meine nur, wenn das passiert wäre zu so gewöhnlicher Zeit, dann wäre die Justiz und die Polizei drauf und los. Und das auf unserem Grund und Boden ist, und mein gnädiger Herr der Gerichtsherr, was hätte das für Kriminalkosten gemacht! Was für Papier wär verschmiert worden, und jeder Mensch eine Meile in der Runde hätte als Zeuge aussagen und schwören müssen, was er weiß und nicht weiß. Gott sei Dank. davon ist nichts gewesen. Das muß man den Franzosen lassen, darin sind sie vernünftig; entweder wollen sie einem zu Leibe gehen, und dann tun sies ohne Papier, und es hilft auch nichts gegen, oder sie wollens nicht, und dann machen sie kein Geschrei und brauchen auch keinen Papierschnitzel.«

»Sie wollen nicht gehen? Wem denn?«

»Wer weiß das!«

»Aber man hat doch eine Meinung.«

»Nun freilich. Sie meinen, er hätte einen Feind, der hätte ihm aufgelauert. Der Kolonel hat viele Feinde in der Armee, die ihm sein Glück nicht gönnen.«

»In der Armee? Das glaubt man?«

»Wenn mans auch nicht glaubt, so tut man, als ob mans glaubte.«

»Und man spricht das aus?«

»Gott bewahre. Nein, man sagt, es wäre verfluchte Kanaille gewesen, Raubgesindel, solche Marodeure, als wie damals bei Dames Mühle, die nicht nach Freund und Feind fragen.«

»Beraubt ward er auch?«

»Er hats ausgesagt. Wer weiß denn was er bei sich hatte! Und weil die Jagd dann in die Nähe kam, hätte das Gesindel Reißaus genommen.«

Der Major schwieg wieder, aber das pochende Herz ließ es ihn nicht länger; da trennte sich der Weg, er mußte rechts nach Ilitz.

»Was Er weiß, spreche Ers aus – gerade aus, Köpke. – Wer ists, wer hats so gemacht?«

Der Schulze sah ihn mit dem Blick der Verständigung an: »Gnädiger Herr, wo die Franzosen was finden wollen, da legen sie was hinein, aber wo sie nichts finden wollen, da suchen sie auch nicht. Einige meinen wohl, es wäre aus Furcht, weils drüben in Ostpreußen oder sonst wo nicht richtig stände, und sie möchten hier nicht den Staub aufgerührt, ich aber vermeine, es ist nur der Herr Kolonel, der kein Aufhebens machen will. Es ist doch um so mancherlei besser, daß nicht davon gesprochen wird.«

»Der Kolonel! Wer fand ihn, wer sprach ihn in seinen letzten Augenblicken?«

»Das weiß nun keiner eigentlich. Wie sie ihn fanden, da konnte er gar nicht sprechen, hier unter der Brusthöhle, durch die Rippen war ihm die Kugel gegangen. Er stöhnte nur noch, und lag über den großen Stein. Sie trugen ihn vorsichtig auf einer Trage, die sie von Tannenzweigen geschnitten, übers Moor nach Querbelitz, und dann trugen ihn andere nach Ilitz.«

»Nach Ilitz? – Starb er da? – Liegt er auf unserem Kirchhof begraben?«

»Nein, gnädiger Herr, im Schloß, in der Stube, wo er als Einquartierung lag.«

»Tot?«

»Gott bewahre! – Der Feldscher sagt aber, da wär doch sichtlich Gottes Wunder bei. Zwischen den Rippen ist ihm die Kugel durchgegangen, und hinten wieder raus, und absolut gar nichts verletzt, wie er sagt, von edlen Teilen. Den Schuß müßte ein Engel geleitet haben.«

»Und er – der Mensch – der Franzos?«

»Sprach in seinem Wundfieber auch von nichts als von himmlischen Engeln. Na, das kann man sich wohl denken, wer so gepflegt wird! Die Fräuleins treppauf und treppab. Die Mägde dürfen kein Stück Holz hinwerfen; ich möchte sagen, man durfte im Schloß nicht niesen. Das erkennen sie denn auch an, ich meine die Franzosen. Und darum wird auch nicht untersucht werden. – Der französische Doktor, der mit Kurierpferden aus Berlin geholt ward, hat erklärt, in vier Wochen könnte der Herr Kolonel zur Armee. Wir freuten uns aus ganzer Seele für unseren Herrn Major. Da war doch auch keiner, der sich nicht dachte, wie muß darum der gute gnädige Herr froh sein, denn das schlug mit einem Male das abscheuliche Gerede nieder.« –

Der Herr von Ilitz atmete auf, aber er brachte die Frage: »Welches Gerede?« nicht über die Lippen.

»Das Gerede kam auch nur von schlechten Leuten draußen, die uns nicht kennen. Windelweich hätten unsere in Ilitz und in Querbelitz, ach auch die in Quilitz, jeden geschlagen, der sich unterstanden zu sagen, daß unser Herr mit im Spiel wär. Nein, da waren wir sicher, und wenn Herr Obristwachtmeister auch ingrimmig wären wie der schwarze Wolf, das hätten Sie nicht übers Herz gebracht. Und schon darum nicht –«

»Warum nicht?«

Die Frage war heraus wie ein Schuß.

»Das untersteht sich unsereins doch nicht auszusprechen. Aber was ganz andere Leute gesagt haben, warum solls unsereins nicht glauben? Bei uns Bauersleuten ists was anderes, das ist schon richtig. Wenn ein Mädel, ich meine ne Tochter von einem Hof sich verplempert hat mit nem Knecht, dann prügelt der Vater sie rechtschaffen durch. Heulen und Zähneklappen gibts freilich, aber dann ist alles wieder so gut wie vorhin. Den Hof stiehlt keiner fort, und wer auf seinem sitzt, läßt sich denn gern solchen Lümmel aus ner Büdnerhütte einschieben, der nichts hat als sein Hemde auf dem Leibe und nen Quersack überm Rücken? Da geht das nicht, das Reinheiraten. Aber bei vornehmen Herrschaften, hat man schon immer gehört, gibt es Rücksichten, was unsereins nicht versteht, und vor allem, wenn so ein vornehmer Herr aus der Fremde ins Haus kommt. Und sehr vornehm ist der Herr Kolonel, das wissen wir auch, und ganz was anderes als die anderen französischen Offiziere. Bei denen passiert es auch wohl, daß sie mal einen silbernen Löffel einstecken. Nein, der Herr Kolonel dEspignac ist aus einem großen Hause: sonst hätte sich ja das gnädige Fräulein auch nicht heimlich mit ihm trauen lassen.«

»Köpke, erzählen das die Leute?«

»Wie das so geht, die wissen alles. Ein katholischer Priester von den Italienern hat sie getraut. Das ist nachts geschehen im verfallenen Dom in Nauwalk, und die Sterne haben durch die Dachspalten als Zeugen zugesehen. Geheim mußte es so sein von wegen des Kolonel, weil er keine Heiratserlaubnis von seinem Kaiser hatte. Nun, wie es beinahe doch rausgekommen, da wären der gnädige Herr über Hals und Kopf nach dem Hauptquartier geritten, daß Sie Fürsprache einlegten und nachwiesen, wie die jungen Herrschaften, wenn alles zusammengeschlagen würde, ihr reglementsmäßiges Auskommen hätten.«

»So erzählen die Leuten«

»Ja, gnädiger Herr! und deshalb glauben sie, daß der Herr Major so schnell fortritt.«

»Und Er auch?«

»Ich glaube als ein rechtschaffener Untertan alles, was zu meinem Herrn seiner Ehre ist, und zum Wohlergehen seines gnädigen Hauses,« sprach der Schulz mit sicherer Stimme und eigener Betonung der Worte.

Der Herr von Ilitz war schon abgeschwenkt, als er sich noch einmal im Sattel umwandte:

»Was Er und die Leute, das glauben sie auch in Ilitz?«

»Ich glaube wohl. Der Herr Kandidat hat erst neulich darüber gepredigt: Was Gott zusammengefügt, das soll der Mensch nicht trennen, und was er schlecht angefangen, das bringe Gott oft zum guten Ende.«

Als der Major fortgeritten, sah der Schulz ihm noch eine Weile nach und nickte bedächtig mit dem Kopf: »Schwer wirds ihm, aber er muß. Ist ihm schon recht. Nachgeben müssen wir alle, wie hoch oder niedrig wir stehen, und wer s jung nicht gelernt, dem tut der Nacken weh, wenn sie ihn im Alter ducken.«

< Ein Doppelgänger.
Ein politisches Geheimnis. >



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