Frei Lesen: Isegrimm

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Kapitelübersicht

Die Schwedenschanze | Die Blutsteine. | Der Quilitzer Knecht. | Die Querbelitzer Schenke. | Schemelbeine. | Isegrimms Haus. | Isegrimm. | Eine Rückfahrt. | Alte Geschichten. | Die erste Nacht in Haus Ilitz. | Eine Erscheinung im Walde. | Der Ball muß sein. | Zwei Anstands-Visiten. | Malchen. | Ein Wetterstrahl im Ratskeller. | Zum Ball oder nicht zum Ball? | Die Ouverture zur Ballmusik. | Die Ballnacht. | Vorm Scheunentor. | Im Schnee. | Jede Schlacht fordert Präparationen. | Schulze und Edelmann. | Die Einquartierung. | d'Espignac. | Der kleine Krieg. | Der Versucher im Hause. | Scheiden. | Ritter und Reiter. | Wendisch oder germanisch. | Das Schwert des Cid. | Der Beichtvater. | Chaotische Besuche. | Der unbegreifliche Brief. | Das Vaterland und bürgerlichen Offiziere. | Die Brücke in die Zukunft. | Eine deutsche Konversation. | Nachtgespenster. | Der Krieg ist nicht Zeit zu Hochzeiten. | Das Ahnenbild stürzt. | Ein verhängnisvoller Brief. | Die Katastrophe. | Ein Doppelgänger. | Eine dunkle Tat. | Ein politisches Geheimnis. | Ihr von Ilitz, Ihr von Ilitz, Solltet nimmermehr nach Quilitz! | Ein Gewitterschlag. | Ein ernstes Zwiegespräch. | Friede und Resignation. | Nach sechs Jahren. | Von Hochgezieten. | Gräfin Heilsberg. | Querl. | Schluß. |

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Willibald Alexis

Isegrimm

Ihr von Ilitz, Ihr von Ilitz, Solltet nimmermehr nach Quilitz!

eingestellt: 25.7.2007

Fünfundvierzigstes Kapitel.

Ihr von Ilitz, Ihr von Ilitz,
Solltet nimmermehr nach Quilitz!



Warum war Isegrimm nach Quilitz gefahren? Wenn er auch das fatale Lied nie hören mochte, hatte er doch sein lebelang den geheimnisvollen Worten wie einer Warnungsstimme gehorcht.

Aber er hatte sie diesmal rationalistisch ausgelegt und sich gesagt: es ist nicht gut, wenn einer von den Ilitzern aus freien Stücken und um seiner selbst willen nach Quilitz geht, es ist jedoch etwas anderes, sich zu anderen als persönlichen Zwecken, nämlich für das Allgemeinwohl, für das Vaterland, dahin begeben. Isegrimm war zum Advokaten und zum Jesuiten verdorben, er hatte von der buchstäblichen Auslegung nur Verdruß. –

Nach Quilitz sagte ich; Schloß Quilitz war freilich bis auf ein Drittel abgetragen und versteigert, aber man nannte es immer noch »nach Quilitz«, ob man nun nach einem Vorwerk, oder nach Schmachtenhagen und Schwanebück ritt.

Es war in den Amt und alten Klosterstuben nirgend behaglich. Soll es doch das auch, als das italienische Schloß noch stand, in seinen weiten Räumen nicht gewesen sein, wo der Zugwind durch Tür und Fenster blies, und doch kein Ofen zog; weil der Baumeister nicht an Schlote und Röhren für sie gedacht hatte. Es war oft mehr Rauch im Zimmer als Möbel. Wer dafür von der Pracht der Tapeten sich einen Begriff machen wollte, der konnte noch jetzt die Fetzen im Schutt umherliegen sehen.

Viele waren nach Quilitz gekommen, die Gutes gewollt; schade nur, sie brachten es nicht, sie wollten es holen – Trost, Rat, Mut, den Uebeln zu widerstehen. Schon die Form, die Jagdpartie, war manchem bedenklich erschienen. Es gab da eine sehr unangenehme Erinnerung aus jüngster Zeit, und der geringste Unfall konnte zu üblen Deutungen Anlaß geben. Einige hatten gesagt, das kam davon, daß man Pastoren mitgenommen, Schwarzröcke verderben immer das Spiel; andere hatten dafür, damit es nicht gestört werde, französische Employés eingeladen. Der Wald war weit, in den Stuben waren viele Ecken, dies hinderte also nicht die Diskussion, wenn nur mehr dagewesen wären, die Rat und Tat brachten als Worte und Klagen. Was hilft es dem, den der Schuh drückt, zu hören, wo den anderen der Stiefel preßt.

Zu Opfern waren alle bereit. Da war keiner, der es nicht beteuerte: um der allgemeinen Not abzuhelfen, sei kein Opfer zu groß. Wenn man aber den einzelnen fragte, was er geben wolle, meinte jeder, er für sein Teil habe schon genug gegeben, er erwartete eine Ausgleichung von den Gaben der anderen.

Und dann müsse man doch auch die Zeitverhältnisse berücksichtigen, man wisse ja nicht, was man noch werde zu leisten und zu tun haben. Es war Kunde hergedrungen von der Konvention in Bartenstein, wo Rußland und Preußen sich zu gegenseitiger Ausdauer und Unterstützung verpflichtet. Ja, man habe dort weitaussehende Pläne entworfen von einer allgemeinen Konföderation aller noch unabhängigen Staaten gegen den Welteroberer. – Das war eine verspätete Nachricht. Der Hofmarschall wußte schon von der Kabale im russischen Heere, es verlautete, daß Bennigsen die Armee hinter den Niemen geführt, um den Kaiser Alexander zum Frieden zu nötigen. Es ging schon wie eine dumpfe Dröhnung um, daß infolge jenes Rückzugs Danzig, ja eine neue Schlacht verloren sei.

Der Johanniter von Quiritz kam später hinzu und wußte noch mehr: daß Rußland bereits mit Napoleon in Unterhandlungen stehe, denen Preußen als Opfer fallen werde. Napoleon habe Alexander zu überzeugen gewußt, daß, um Frieden und Glück in Europa herzustellen, nur zwei Mächte darüber herrschen dürften, im Osten sei dies Rußlands Aufgabe, im Westen Frankreichs, das Band ihrer natürlichen Verbindung sei ihr gemeinsames Interesse gegen das meerbeherrschende England, den wahren Despoten des Gewerbefleißes und des Handels in der ganzen Welt. Um diese Einigung bündig zu machen, sei eine Teilung der europäischen Türkei projektiert, und Napoleon wolle Rußland die Einverleibung Finnlands und der baltischen Küste zubilligen, so weit, als es ihm dienlich scheine, um die Britten vom Festlande auszuschließen.

Man sah nur gesenkte Köpfe in den gesonderten Gruppen.

»Opfer, meine Herren, so viel man von uns fordert, so viel wir geben können,« sprach der Hofmarschall. »Darüber ist, ich hoffe doch, unter uns keine Frage. Aber die Frage ist wohl: wem opfern und zu welchem Zwecke? Kommt unser voriger Landesherr zurück, nun mein Gott, wer wird da nicht gern sein Alles dem heißgeliebten Könige zu Füßen legen! Aber jetzt, auf die eine oder andere Art es zu tun, heißt gegen ihn und gegen uns zugleich operieren. Gesetzt den günstigsten Fall, es käme ihm etwas davon zu, das wäre ja nur ein Tropfen auf einen heißen Stein. Tausend gegen eins, was wir tun und geben, erreicht ihn nicht und verstärkt die Macht und Mittel seiner Feinde. Sieht denn nicht der Unverstand selbst ein, daß alle die Efforts, irgendwo in einem Winkel des Landes für ihn zu werben, Freischaren zu equipieren, kleine Festungen zu halten, das Volk aufzuregen, gar, ganz und gar nichts gewirkt haben, als unsere Lage verzweifelter, uns immer ärmer zu machen. Jetzt ist alles verloren, es ist kein Retter da! was wir tun, ist in ein bodenloses Faß geworfen. Was wir für uns erhalten, das bedenke man wohl, ist für den König gerettet, wenn er durch ein Wunder zurückkehren sollte. Ich möchte sagen, so paradox es klingt, wir opfern uns für ihn, wenn wir uns selbst erhalten.«

»Wenn er aber nicht zurückkehrt?«

»Wenn wir französisch bleiben?« – »Wenn wir russisch werden sollten?«

»Auch an das Schrecklichste muß man denken, wo wir in lauter Schrecken leben, ich spreche es mit Zittern aus, aber ich muß es aussprechen,« fuhr der Redner fort. »Auch dann, meine Herren, ist es Pflicht gegen das Land, gegen den neuen Herrscher, uns zu erhalten. Ist es mehr unser Interesse, oder der Tausende im Lande, armer und reicher, großer und kleiner Leute, welche sie besitzen, wenn die Zinsen der Pfandbriefe richtig bezahlt werden? Wovon prosperieren die Städte, wodurch kommt wohlfeiles Getreide auf die Märkte? Nicht durch die Bauern. Die produzieren gelten viel mehr, als sie verzehren. Nein, durch die Ernten der großen, besser kultivierten Rittergüter. Wir machen den Bürgern das Leben wohlfeil, und ihre Kaufleute jeder Art empfinden es zuerst und am meisten, wenn wir einen guten Markt gehabt. Es muß jedes Sinnes, jeder Obrigkeit erste Sorge sein, daß der große Grundbesitz gesichert und geschützt wird, denn er ist der Damm gegen die Fluten, denen der kleine Besitz nicht widersteht, und die Schatzkammer, aus der man in der Zeit der Not schöpft, wenn die anderen Quellen versiegt sind.«

Seine Gründe waren damit noch nicht versiegt, aber die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer. Die jüngste Mitteilung hatte niederdrückend gewirkt, weil sie so ganz unerwartet kam. Aus einem letzten Freunde, an dessen Busen man sich vertrauensvoll warf, sollte unerwartet ein Feind geworden, Preußen durch einen Judaskuß verraten sein! Französisch zu werden, waren viele gefaßt, an Rußland verkauft zu sein, schien in den Köpfen einen Aufstand zu wirken.

»Die Politik fordert ihre Opfer, und die diplomatischen Rücksichten, meine Herren und Freunde, reichen über unseren Horizont hinaus,« sagte der Hofmarschall. »Das darf uns, als vernünftige Menschen, also eigentlich noch gar nicht kümmern. Um so törichter aber, wo alle von uns fordern, wir wissen noch gar nicht was, noch freiwillig Opfer bringen wollen! Seine Majestät der Kaiser ist übrigens, wie aller Welt bekannt, einer der liebenswürdigsten und ritterlichsten Fürsten, unter dem zu dienen jeder Kavalier sich zur besonderen Ehre anrechnet.«

Russisch werden! die Vorstellung summte doch gar zu störend durch die Köpfe.

Knute! polnische Wirtschaft! Bestechung! Sibirien! Es waren nur hingeworfene Worte, ausgestoßene Laute, die Tonnen im Hafen, welche Strömung und Untiefen anzeigen.

»So oder so, meine Herren,« sagte der Johanniter, mit einigen seitwärts gehend, »am Ende ist es egal. Einem großen Reiche angehören, ist immer ein Glück für den einzelnen; es ist wohl auch der bewußte oder unbewußte Trieb und Wunsch der Völker und der Menschen von je gewesen; denn wäre dieser Trieb den Welteroberern nicht entgegengekommen, hätte es schwerlich so viele Universalmonarchien oder glückliche Ansätze dazu gegeben. Fragen Sie sich nur: was verlieren wir und was gewinnen wir? Wir namentlich – ich meine, wenn es Ernst wird! Die Fluten, die über den Wall schlagen, kommen von vielen Seiten, und wenn wir über die eine weg sind, können sie plötzlich von der anderen einbrechen. Ich bin gewiß ein Patriot wie einer unter uns, aber wo werden wir mehr bluten müssen: wenn wir wieder preußisch werden, oder einer großen Weltmonarchie einverleibt? Französisch, nun ja, es käme viel Schererei über uns, doch aber mehr nominell als reell. Setzen wir uns weg über ihre Maires, Adjoins, ihre Präfektenwirtschaft, so läßt sich am Ende mit einem einzelnen Präfekten weit vernünftiger reden, als mit unseren Kammer-, Kriegs- und Regierungsräten, die, wenn sie was Dummes tun, hinter ihr Kollegium retirieren. Mit dem disputiere ein Edelmann, der sich in seinem Rechte gekränkt fühlt! Man soll es gleich mit der Majestät zu tun gehabt haben, und kriegt wohl noch, statt seines Rechtes einen fiskalischen Prozeß auf den Hals! Ein französischer Präfekt, wenn auch ein noch so aufgeblasener Kerl, ist ein Mensch und empfänglich. Ueberdem wird es Napoleon wahrhaftig mehr darum zu tun sein, sich mit denen im neuen Lande gut zu stellen, welche was zu bedeuten haben, als mit den Theorien, die ihm den Weg zum Throne bahnten. Den Krimskrams wirft er weg mit einigen Redensarten, denn seinen Vorteil versteht er, und wenn wir ihn verstehen, bleibt für uns auch unter einer französischen Monarchie alles beim alten.«

»Aber was ist ein deutscher Edelmann im russischen Kaisertum?«

»Ich gebe Ihnen alles zu, was Sie damit sagen wollen,« nahm der Hofmarschall, der hinzugetreten, das Wort; »aber mit der Zeit gewöhnt man sich an alles. Im Anfange würde man uns streicheln und auf Händen tragen; ein neu erworbenes Land muß kajoliert werden, wie der Herr von Quiritz richtig gesagt hat. Wir dürfen uns aber nicht täuschen, daß das lange dauert. Aus den Flaumfedern würden die eisernen Krallen bald zum Vorschein kommen, und ein Recht und ein Privilegium nach dem andern uns genommen werden. Gewiß. Aber das Fazit wäre falsch, daß wir darum weniger hätten als vorher. Es wäre nur ein Tausch; was man uns hier nähme, dafür legt man auf der anderen Seite zu. Ich will nichts davon gesagt haben, welche Karriere, welche glänzenden Aemter in Zivil und Militär sich unserem Adel am kaiserlichen Hofe öffnen. Aber müssen wir uns hierhin tiefer bücken, können wir dorthin ganz anders, mit geradem Nacken stehen. Diese ewigen Prozesse mit unseren störrischen Bauern, glauben Sie, meine Herren, daß sie fortdauern würden? Fährt auch einmal ein grimmiger Visitator in unseren Hof, so kann man mit ihm reden. Verständigt man sich nicht sogleich, so gibt er an, welche Sprache man reden soll. Verstehen unsere Räte und Beamten diese Sprache? Das dampft ja alles voll Weisheit, und wer nicht am grünen Tische gesessen hat, ist für sie kein Mensch. Der Kostenpunkt kommt auch nicht in Betracht, denn rechne doch jeder nur zusammen, was ein legaliter alljährlich zahlen muß, damit die Maschine in Rotation bleibt. Räder muß man überall schmieren, das ist ein populär Wort, aber eine Maxime, die so alt ist wie die Welt. Was streiten über die Art! die ist doch die beste, wo die Räder am schnellsten und geräuschlosesten in Gang gebracht werden und wo die Schmiere am wohlfeilsten ist. Aber da sage ich ohne alle Nutzanwendung. Wir wollen das Beste hoffen, aber das Schlimmste ist nicht so schlimm wie es aussieht.«

Die Rede fand nur stummen Anklang. Eine Stimme ward laut: »Es ist dieselbe Schmiere; zahlen müssen wir da und dort. Und der Gutsbesitzer zu allererst; denn Grund und Boden kann nicht fortlaufen und sich verstecken.«

»Nur mit dem Unterschied, meine Herren,« fiel der Quiritzer ein, »was ich aber nur ganz unter uns gesagt haben will: das meiste werden wir zahlen, wenn wir preußisch bleiben. Ich sage nichts von den Kontributionen an die Franzosen, die unerschwinglich sein werden, aber weit größer werden die Opfer sein, die man von uns fordern muß, um die leeren Kassen zu füllen, das Verbrannte und Zerstörte wieder aufzubauen, den Glanz des Thrones, unser Militär, unsere Zivilverwaltung herzustellen. Wenn wir also rechnen wollten, wäre das Fazit: besser französisch und russisch, als preußisch. Davon kann natürlich unter Patrioten nicht die Rede sein, aber auf etwas anderes mache ich Sie aufmerksam. Wie wird man herstellen? Was man in Königsberg für Projekte macht, welche Männer sich um Ihre Majestäten drängen, davon haben Sie alle gehört. Man will radikal, von unten auf, bessern, herstellen, wie sies nennen. Wer schützt uns da, daß es nicht ein Umstürzen wird! Auf uns Gutsbesitzer wird der ganze Druck fallen; wenn man, um die Löcher im Staat zu flicken und zu stopfen, uns nur nicht ein gutes Stück und ein gutes Recht ums andere nimmt. Was davon zu uns herüberklingt, meine Herren, ich fürchte, daß wir in den philosophischen Staatsmännern ärgere Feinde bekommen, als die Franzosen es sind, die Russen es dem Adel werden können. Der liebe Himmel schütze uns davor, aber das ist meine Ueberzeugung, so schlimm es auch sonst sei, hüben und drüben, der kaiserliche Adel im Abend und der im Morgen würde seine Flügel besser über den Adel und die großen Grundbesitzer ausbreiten als unserer, wenn Philosophen und Theoretiker darauf reiten.«

Es mußte viel im Major von der Quarbitz geknickt sein, daß er zu solchen Reden schwieg. Baron Wahrnim-Kautzenburg holte ihn mühsam ein, als er mit stolzen Schritten sich entfernte. Der freundliche Mann erschrak, als er nach seiner Hand griff, und die kalt zusammengepreßte kaum in der seinen sich löste.

»Nicht zu schnell geurteilt, lieber Major. Ihre Zunge ist schlimmer als Ihr Herz.«

»Verteidige einer den Adel, wenn man das von Edelleuten hören muß!«

»Sollen die Edelleute nicht auch Menschen sein? Das sind Disputationen; wenn die Tat losgelassen wird, wollen wir weiter sehen. Der Tell war auch nicht vom Rütlibunde, und doch der erste, der den Pfeil abschoß.«

»Das Vaterland muß doch das erste sein.«

»Zugegeben.«

»Und der Edelmann der Erstberufene, Wort und Arm für seine Verteidigung zu erheben.«

»Gut, wenn er es ist; aber nach dem, was wir erlebt, müssen wir schon zufrieden sein, wenn er nur der zweite ist.«

Der Ilitzer sah ihn scharf an: »Ernst oder Scherz?«

»Mein werter Freund, was bürden Sie dem Edelmann Pflichten auf, wo wir Stimmen hören, die uns beweisen wollen, daß diese Pflichten allüberall eine Illusion, eine Täuschung über das sind, was unser Beruf sei. Die Deutschen seien einmal kein politisches Volk; wenn sie noch jetzt nach politischer Größe strebten, sei es eine Torheit. Man beweist uns, der Kulturberuf und die politische Bedeutung eines Volkes seien nicht identisch, ein Stamm könne vielmehr große Schöpfungsaufgaben erfüllen, ohne um deshalb zu geschichtlicher Macht und Ansehen emporzuwachsen. Gerade weil in unserem Volke jede Meinung für berechtigt gehalten wird, weil wir bestimmt schienen, die geistige Freiheit in der Weltgeschichte zur höchsten Geltung zu bringen, könnten wir niemals zu einer politischen Macht erwachsen. Weil wir mehrmals die Geschicke Europas in unserer Hand gehabt; um sie schnell immer wieder an andere Stämme abzutreten, was eigentlich die Geschichte und das Schicksal des deutschen Volkes, sei dies ein sicheres Zeichen, ein Wink der Vorsehung, daß wir uns selbst bescheiden sollten, Kunst und Wissenschaft pflegen, die Weisheit in alten Büchern studieren, unseren Boden pflegen und meliorieren, und was darüber hinaus, dem lieben Gott überlassen und den Potentaten und Kriegsherren, die Gewalt über uns bekommen. Ich versichere Sie, es sind nicht die Schlechtesten, die das Lied anstimmen, weise Staatsmänner, hoch in Ehren und Ansehen, Edelleute darunter vom reinsten Blute.«

Ein leises Zittern konnte man am Major bemerken, die Zornader schwoll aber nicht. Er hatte gelernt, sich bekämpfen: »Ich hörte diese Sirenenstimmen! Sie haben auch mich einmal gelockt, aber ich merkte das Schlangengezisch beizeiten. Gott sei gepriesen! Auf uns waren sie berechnet. Mit dem Köder der Wahrheit an der Angel wollten sie s fangen: Wer mache denn Politik, zu wessen Gunsten werde sie gemacht, als für die Müßigen, Gelehrten, Ehrgeizigen, Spekulanten. Die leben nur in den Städten, in den Kaffeehäusern und Theatern, an den Universitäten und an den Höfen. Was uns das angehe, was uns das fromme, welche Staatsmänner am Ruder, welche Partei die Aemter schlucke, ob wir uns immer und immerfort von diesen Faiseurs des Zeitvertreibes am Gängelbande führen lassen wollten. Das Land müsse willenlos alles mitmachen, dulden, leiden, was jene erfinden, ohne an ihren Vorzügen und Vorteilen zu partizipieren. Ob wir uns immer von den geistreichen Herren narren lassen wollen? Es war Wahrheit drin, ja; aber wenn man auf eine Wahrheit wie ein Stier losrennt, fällt man in des Teufels Stricke. Hat das Landvolk nicht auch Politik gemacht, als die Schweden uns brandschatzten, haben Bauern und Edelleute nicht miteinander losgedroschen auf die Mordbrenner nach dem Tage von Fehrbellin, und aus den Städten kam nicht die Ordre. Es war nicht Mode dort. Wenn Sie noch weiter gehen und sagen: was kümmert uns das Regiment, obs die oder die Farbe trägt, wenn wir Steuern zahlen, dem oder dem Fürsten? Herr, das ist des Satans Stimme, der den Menschen trennen will vom Lande, aus dem, für das er geboren. Eure philanthropische Allerweltweisheit zum Geier! ich kann nicht in den Lüften fliegen, ich muß Boden unter mir, ein Vaterland haben, und der Preuße, der da spricht, wir leben in einem und unter einem Volke, das nur einen Kulturberuf hat, keine Bedeutung, keine Aufgabe für die Welt, den klage ich an des Hochverrats und der Blasphemie gegen die großen Toten, den Kurfürsten Friedrich Wilhelm, gegen unseren großen, einzigen Friedrich. Haben wir nicht gesündigt? Sind wir nicht auch als Christen verpflichtet, das Böse mit Gutem zu überwinden, auszuradieren als reuige Sünder das Blatt von Basel aus der Tafel der Geschichte, als Männer, Ritter gutzumachen, was wir gefehlt bei Jena und Auerstedt! Solange das Kind den Namen des alten Fritz lallt, solange sein Bild an den Wänden hängt, ist der ein schlechter Preuße, ein Verräter an seiner Geschichte und seinem Volke und seinem Königshause, der da sagt: Preußen hat keinen Beruf, in der Welt mitzusprechen, und tut genug, wenn es fein und artig mitläuft, wohin die anderen rennen oder kriechen. Nein, nimmermehr! Ja, auf uns, auf dem Bauer, den Rittern lastets, was die Glatten von den Schultern sich abschütteln. Das ist wahr, aber wie die Erde den Druck und die Schmerzen zuletzt und zumeist fühlt, und doch nicht zürnt, und doch in jedem Frühling wie am Schöpfungstage grünt, und aus ihrem Schoß den Segen spendet, darum ists an uns, es ihr nachzutun. Die Erde, eine Scholle Kot, kennt ihre Pflicht; wir atmen, leben, fühlen, und sollen sie nicht kennen?«

Der Kautzenburger hatte ihm freundlich ernst zugehört »Werden Sie konstant bleiben?«

»Herr! – hier ist doch nicht Zeit zum Scherzen.«

»Gewiß nicht. Aber in Königsberg sind inzwischen Dinge vorgegangen. Hardenberg hat gesiegt. Es hat heftige Szenen gegeben. Voß, Schröter und die anderen sind aus dem Felde geschlagen. Voß hat seinen Abschied genommen und reist über Kopenhagen nach Havelberg; Zastrow, verstimmt, schlug ein Kommando aus und hat seine Entlassung erhalten. Hardenberg, im vollen Besitz der königlichen Gunst, durch den ausgewechselten Blücher unterstützt, arbeitet mit Schön, Altenstein, Niebuhr, Stägemann an unserer Regeneration. Sie sind voller Freude. Wenn Preußen ein Staat bleibt, wissen Sie, was diese Regeneration sagen will? Was Hardenberg erforderlich findet zu einer zweckmäßigen Verwaltung sind Steins Pläne, aber der biegsame, weiche Mann wird noch weitergehen als der eiserne Freiherr. Von welcher Elastizität ist der Satz: daß Preußens Gedeihen erfordere, alle in ihm liegenden geistigen und Naturkräfte hervorzurufen. Ihnen und mir gefällt es, wenn es heißt: man müsse die Fesseln brechen, wodurch die Bureaukratie den Aufschwung menschlicher Tätigkeit hindert, die Anhänglichkeit an den Mechanismus erdrücken; aber werden sie nicht noch andere Fesseln brechen wollen, einen andern Mechanismus zu erdrücken trachten, der uns ein Organismus dünkt? Die Nation soll gewöhnt werden, ihre eigenen Geschäfte zu verwalten, aus dem Zustande ihrer Kindheit herauszutreten. Man töte, indem man den Eigentümer von der Teilnahme an der Verwaltung entfernt, den Gemeingeist und den Geist der Monarchie. Wo Eigentümern Stellen unentgeltlich übertragen würden, seien Staatsausgaben unendlich geringer, als wo ein Heer besoldeter Beamten sie versieht. Aber was bedeute die Ersparnis gegen die Erweckung des Gemeingeistes! Man spricht von der Vortrefflichkeit der Stände, daß die Städte neue Ordnungen erhalten müssen, die jeden Kontribunenten zur Teilnahme an den öffentlichen Angelegenheiten berechtigten. Man spricht noch mehr von der Berufung aller Stände zu zahlreicheren Versammlungen, die beim Wohl des Staates mitsprechen sollten, sobald der Sinn für das Gemeinwohl in den anderen Schichten und Kreisen erst wach geworden. Das klingt alles sehr schön, aber Sie, Major, wissen wie ich, was dahinter steckt. Wenn ich aus Erbarmen für den armen Vogel meines Nachbars Bauer aufmache, schenke ich dem Vogel allerdings die Freiheit, aber mein Nachbar verliert seine Nachtigall. Man wird ins Fleisch schneiden, und das ist unseres, und wer hat nicht sein Fleisch lieb! Die Klöster rettet nichts, auch unsere Stifte wenden dran glauben müssen; was von unserer Steuerfreiheit uns geblieben, geht in den Wind. Auch die Portepees werden kein Privilegium für unsere Kadetten bleiben. Ob man uns unsere Bauern läßt, ob wir mit ihnen teilen müssen, ob sie uns noch werden Dienste tun, oder wir vor ihnen den Hut abziehen müssen, ob wir Patrone bleiben, Gerichtsherren, das ist alles nun in Frage gestellt. Es ginge nicht anders, um uns zu retten, sagen sie. Viele werdens nicht glauben, und andere kalkulieren – nun, Sie haben den Kalkul gehört. Die Herren haben recht, Kaiser Napoleon wird sich den Geier kümmern um philantropische Ideen und unsere Bauern, und Kaiser Alexander würde uns in Rechten und Besitztum schützen. Werden Sie sprechen wie vorhin, wenn man uns die Schröpfköpfe anlegt und das Messer zum Einschneiden wetzt?«

»Ich werde sprechen, Herr von Wahrnim, wenn es dazu Zeit ist. Jetzt kenne ich nur meine Pflicht zu tun, was not ist und die Ehre fordert.«

Ein kräftiger Händedruck des Kautzenburgers antwortete ihm: »So hatte ichs von Ihnen erwartet. So lauten die Stimmen unserer Besten: wolle der Himmel, daß sie ausdauern im guten Entschluß auch in anderer Zeit! So schrieb mir eben Graf Arnim: ›Im Augenblick der Gefahr soll nichts, keine Rücksicht mich abhalten, zur Rettung des Staates, dessen geborenes Glied ich bin. Wo es mein Gefühl empört, diesen Staat, seine alte Ehre und seine Unabhängigkeit verlieren zu sehen, fühle ich doppelt, wie gerade mein Stand berufen ist, sein Alles einzusetzen.‹ Ich könnte Ihnen viele Briefe der Art zeigen, ich weiß noch vieles, was uns den Mut erheben mag. Darum vergessen Sie, was Sie dort hörten. Gerade diese, die so klug sich in die Resignation hineinräsonnierten, sind, was gilt die Wette, wenn die Trompete schmettert, die ersten auf dem Pferde. Das Räsonnieren, auch gegen die eigene Natur, ist märkische Natur.«

»An der Tapferkeit meiner Landsleute habe ich nie gezweifelt. Aber der Boden brennt.«

»Weshalb konvozierte man sie da zum Konseil! Das war nichts. Laßt die Flammen rausschlagen, dann glaube ich wieder an alles. Autorität und einiger Succeß, Fahnen und Kommandeurs, und das Land steht auf. Ich war nie Militär, aber ich sehe schon die Bursche ihre Kittel und Knittel wegwerfen und nach Flinten und Patronentaschen greifen. Mein neuer Nachbar, der Baron Eppenstein, ein prächtiger Mensch, ich hätte es ihm nicht zugetraut, er hat ganz im stillen seine jungen Burschen, statt zu arbeiten in der Fabrik, exerzieren lassen. Er stellt ein paar Dutzend. Das Beispiel hat schon gut gewirkt; andere tuns ihm nach. – Die waffenfähige Mannschaft, die Brune kommandiert, ist weit geringer, als wir glaubten. – Wie gesagt, ein ernster Succeß und –«

»Und inzwischen können sie Frieden geschlossen haben. Nach diesen Nachrichten –«

»Nicht so lange Hardenberg da ist! Er trainiert die Sache in Erwartung der Katastrophe hier. Wissen Sie, was Napoleon von ihm gesagt? Lieber vierzig Jahre länger Krieg führen, als mit dem Mann unterhandeln. Aber ich habe noch einen Balsamtropfen, der die Runzeln von Ihrer Stirn glätten soll. Endlich fühlen sie, daß sie eines Retters bedürfen. Hardenberg hat es durchgesetzt, Stein wird zurückberufen.«

»Wie – und kommt nicht – kann nicht kommen nach der Kränkung!«

»Auch Wallenstein ließ sich erbitten. Hardenberg, Blücher, Prinzeß Radziwill haben an ihn geschrieben. Wenn er solchen Bitten nicht nachgiebt! Wenn eine edle Prinzessin zu ihm ruft: sie hoffe auf seine Großmut; nicht das Glück der Feinde, Mutlosigkeit vielmehr und Schwäche haben Preußen unterjocht. Sie segnet ihren gefallenen Bruder, daß er die Schmach nicht mehr erlebt, sie fleht ihn an bei dem edlen Schatten, daß der edelste Mann das Vergangene vergesse, daß er nicht an sich denke, daß er durch seinen großen Sinn die kleinen Geister beschäme. Glauben Sie, daß Stein widersteht?«

»Er soll krank sein.«

»Solche Sprache ist Arzenei. Stein ist auch ein Mensch. Halten Sie ihn für unzugänglich der schönen Eitelkeit, der Retter des Vaterlandes zu werden? Reißt ihn die Pflicht nicht aus dem Bett, tut es nicht der Rittersinn, einer edlen Fürstin zu gehorchen, so tuns Graf Finkensteins Worte. Durch meine Hand ging der Brief an ihn: ›Sie allein werden imstande sein, das Ungeziefer der Selbstsüchtigen, der Verräter, und, was ebenso schlecht ist, der Dummköpfe auszurotten, welche den Staat bis auf die Grundlage uutergraben haben.‹ Es wäre kein Mensch, wäre nicht Stein, wenn er nicht durch den Gedanken genese: jetzt oder nie!«

»Bis er antwortet, seine Bedingungen einschickt, bis sie angenommen werden –«

»Kann vieles geschehen, es kann alles vorbei sein. Dann, mein Freund, bleibt uns der Trost, der einzige, meine ich, der edle Männer in großen Mißgeschicken mit Fassung und Ruhe auch auf den rauchenden Ruinen ihres Vaterlandes sitzen läßt: das Bewußtsein, wir haben getan und nichts unterlassen, was in unserer Kraft war. Aber eine andere Kraft war über uns, mit der zu ringen Vermessenheit ist. Ists da beschlossen, daß Preußen aufhören soll ein Staat, die Deutschen eine Nation zu sein, welche unter den Völkern der Erde das Gesicht aufrecht tragen darf, dann – es wäre zu früh, dünkt mich – aber dann wird die Vorsehung uns auch in den dunklen Wegen so viel Licht zuwerfen, daß der Einzelmensch mit Ehren bis zur Gruft wandelt. Sie weiß, warum sie uns nicht in luftigen Höhen, im Sonnenschein des Himmels, wie andere, glücklichere Völker schreiten ließ.«

< Ein politisches Geheimnis.
Ein Gewitterschlag. >



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