Frei Lesen: Isegrimm

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Kapitelübersicht

Die Schwedenschanze | Die Blutsteine. | Der Quilitzer Knecht. | Die Querbelitzer Schenke. | Schemelbeine. | Isegrimms Haus. | Isegrimm. | Eine Rückfahrt. | Alte Geschichten. | Die erste Nacht in Haus Ilitz. | Eine Erscheinung im Walde. | Der Ball muß sein. | Zwei Anstands-Visiten. | Malchen. | Ein Wetterstrahl im Ratskeller. | Zum Ball oder nicht zum Ball? | Die Ouverture zur Ballmusik. | Die Ballnacht. | Vorm Scheunentor. | Im Schnee. | Jede Schlacht fordert Präparationen. | Schulze und Edelmann. | Die Einquartierung. | d'Espignac. | Der kleine Krieg. | Der Versucher im Hause. | Scheiden. | Ritter und Reiter. | Wendisch oder germanisch. | Das Schwert des Cid. | Der Beichtvater. | Chaotische Besuche. | Der unbegreifliche Brief. | Das Vaterland und bürgerlichen Offiziere. | Die Brücke in die Zukunft. | Eine deutsche Konversation. | Nachtgespenster. | Der Krieg ist nicht Zeit zu Hochzeiten. | Das Ahnenbild stürzt. | Ein verhängnisvoller Brief. | Die Katastrophe. | Ein Doppelgänger. | Eine dunkle Tat. | Ein politisches Geheimnis. | Ihr von Ilitz, Ihr von Ilitz, Solltet nimmermehr nach Quilitz! | Ein Gewitterschlag. | Ein ernstes Zwiegespräch. | Friede und Resignation. | Nach sechs Jahren. | Von Hochgezieten. | Gräfin Heilsberg. | Querl. | Schluß. |

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Willibald Alexis

Isegrimm

Ein Gewitterschlag.

eingestellt: 25.7.2007

Sechsundvierzigstes Kapitel.

Ein Gewitterschlag.



Als der Major nach dem Vorwerk ging, wo Wagen und Pferde standen, war die Zornader schon leis angerötet, geschwollen war sie noch nicht. Im Busch dazwischen traf er auf jemand, der ihn erwartete, und auch Isegrimm schien des Mannes gewärtig, in dem wir, obgleich er weder die Quilitzer Livree, noch Säbel und Klunkermütze trug, einen alten Bekannten, den Kutscher Lamprecht, entdecken. Nur etwas brauner sah er aus, kecker trug er den Kopf auf den Schultern und schlauer blickte er dem gnädigen Herrn ins Gesicht, ob er sich doch sorgfältig im Schatten der Büsche hielt, denn beide hatten Heimliches miteinander. Was sie sprachen, was kommt es heute noch darauf an! Lamprecht war von Kolberg heimgekehrt, um sich umzusehen, wie es zu Hause ausschaute; er schaute noch nach etwas mehr aus, im Auftrage des Majors. Aber schon die Art, wie der Knecht zum Herrn sprach, schien diesen zu verstimmen; das Was der Meldung mochte ihm auch nicht ganz zu Sinne sein. »So viel nur da, auf die zu rechnen ist!« – »Es hat jeder seinen Buckel lieb, das muß man auch bedenken, gnädiger Herr!« – Isegrimm trat mit dem Fuß heftig auf, und da schon schwellte etwas die Ader, als er erwiderte: »Sollen denn die Gutsherrschaften die faulen Kerle aus dem Nest treiben!« – Lamprecht hatte darauf mit den Augen gezwinkert: »Das werden die Gutsherrschaften schon bleiben lassen, gnädiger Herr, denn wos an Hals und Kragen geht, tuts dem Edelmann just so weh, als den Bauersleuten. Und befehlen, das ist nun man gar nichts, wo der Bauer nur zu pfeifen braucht, hui! und alles ist heidi! – Nein, so müssen wirs nicht anfangen, Herr Obristwachtmeister. Tout au contraire, sagt der Franzos. Wer nicht freiwillig aus dem Bette springt, dem ziehen wir die Decke nicht fort, er könnte sich erkälten. Nachher, wenn wir alle warm sind, dann wirds ihnen auch in den Federn zu heiß. Das kennen wir ja von der Schule. Die Tollsten vorauf, die Zahmen kommen schon nach. Wie soll man den Lümmeln Begeisterung beibringen, wie sie das nennen! Der Rock tuts nicht, und auf Namen kommts auch nicht an, aber bei den Menschen ists just wie beim Vieh. Wenn die Schafe erst ins Laufen kommen, mag keines zurückbleiben. Das lassen Sie mich nur machen, da bin ich gut für.«

Sonst waren die Herrschaften dafür gut; es bedurfte nur ihres Wortes, ihres Blickes, und der Bauer fragte nicht; warum bedurfte er nun einer Mittelsperson, warum mußte er seinen Auftrag, sein Geheimnis einem Knecht anvertrauen, der es ihn fühlen ließ, welchen Wert dieser Auftrag, das in seine Hand gelegte Geheimnis, für ihn hatte? Isegrimm fürchtete nicht, daß der Kutscher zum Verräter werden könne, aber seine Dreistigkeit, Klugheit, der übermütige Ton verstimmten ihn und bahnten den Weg zu andern peinlichen Gedanken, welche seine Stirn nur roter färbten. Hätte er ihn können auf der Stelle fortjagen! Aber, er hatte keinen andern, so geschickt, pfiffig und verständig mit den Leuten umzugehen. – Das war Gottlieb Köpke wohl auch, aber nicht in der Art. Und wie taub, wie begriffschwer war er in der letzten Zeit gewesen. Wie hatte er sich hinter dem Ohr gekraut, die alte Bauernregel aufgetischt: Was Dich nicht angeht, da laß Du den Fürwitz! Hatte er nicht auch einfließen lassen, gerad wie die Herren im Forst: »er für sein Teil habe nun genug Opfer dem Vaterlande gebracht, ein Sohn erschossen und einer Soldat, und ohne Kantonpflicht! Nun wäre es wohl eigentlich am Vaterland, daß ihm das gutgeschrieben würde!«

Als der Ilitzer in sein Gefährt steigen wollte, mußte ihn die gnädige Frau von Quilitz am Fenster erblicken; – er vermied so gern jede Begegnung mit der langen Rike. Aber sie riß den Flügel auf. »Fortkutschieren, Kousin, und ohne Abschied! Ei, das lob ich mir. Wir sind wohl schon zu vornehm, um unsern Verwandten ein freundlich Wort zu gönnen?«

Er murmelte, daß der freundliche Blick einer Dame der beste Geleitschein beim Abschied sei.

»Dann riet ich Ihnen, sagen Sie Ihren Jungen, daß sie keine Gesichter schneiden sollen. Neulich, als ich durch Ilitz fuhr, bläkte der Wolf mir vom Taubenschlag die Zunge nach.«

Isegrimm blieb trotz der roten Ader, und trotzdem, daß es die lange Rike war, ein Kavalier. Er meinte, seine Söhne hätten wohl nur ihr Bedauern ausgedrückt, daß die gnädige Tante nur durchs Dorf gefahren und nicht im Schlosse eingekehrt sei.

»Einkehren? Das werde ich mich doch nicht unterstehen. Die Kousinchen tragen jetzt wohl alle den Kopf zu hoch. Lieber Gott, es kann nicht jede einen französischen Marquis wegschnappen. Unsere Töchter, wer welche hat, müssen zufrieden sein mit der Hausmannskost: bleibe im Lande und nähr Dich redlich. Nichts für ungut, Kousin.«

»Gnädigste Frau –« jetzt schwoll die Ader.

»Doch nicht boßig, Kousin? Sie sind ja ein verständiger Mann. s ist manche mit nem Franzosen durchgegangen und nicht unter die Haube gekommen. Sie können noch von Glück sagen. – Apropos, nehmen Sie sich aber nur in acht mit dem Malchen, daß es Ihnen da nicht auch passiert. Sie munkeln schon viel. Stille Wasser sind tief. Wenn die Ihnen mal mit Herrn Mauritz durchginge! Na, das werden Sie alles besser wissen, als wir. Aber – ein Kandidat ist kein Marquis. Nichts für ungut, Gott befohlen, Cousin.«

Das Fenster schlug zu, und die Kalesche rollte ab. Es rollte um ihn wie dumpfer Donner, Gewitterluft, Gewitterwolken, die sich drehen und ballen und nicht entladen können. War er denn ganz blind gewesen? Ein Blitz zuckte am fernen Himmel, einer um den andern zuckte vor seinem inneren Gesicht. Er drückte die geballten Hände an die Stirn – die Lichtbilder wollten nicht fort, eines klarer als das andere. Die Luft war schwül, erstickend schwül, und doch rann ein kalter Schweiß über seine Glieder. Die Pferde, wie der Kutscher sie auch peitschte, um dem drohenden Gewitter vorzukommen, wollten, so schien es ihm, nicht von der Stelle. Er sah ja nichts, er sah immer dasselbe; er wollte den Knecht zur Eile antreiben, aber die Stimme versagte ihm. Wenn ein Organ zu heftig angestrengt wird, versagen die andern ihre Dienste.

»Wolf! Um Gottes willen, was ist Dir?« rief die Hausfrau auf der Treppe. Er hielt sich atemlos am Pfosten.

»Der Wagen geht zu schnell, es dreht sich alles.«

»Er redet irr – er ist blutrot. – Ein Glas Wasser – Kinder, Kinder, kommt, alle, dem Vater ist nicht wohl.«

»Alle« – rief er stöhnend – »alle sollen dabei sein – nun soll nichts geheim bleiben.«

Ich weiß nicht, ob alle aus dem Hause ihm gefolgt waren, gewiß mehr, als es wünschenswert war, um Zeuge von dem zu sein, was vorging. Die Tür wenigstens stand während des Auftrittes offen. Vor Schreck und Teilnahme hatte keiner daran gedacht, sie zu schließen.

Er hatte Amalien erkannt, er hatte sie heftig an sich gezogen, ihren Kopf mit dem Arm umfassend, drückte er jetzt Küsse auf ihre Stirn, jetzt blickte er sie ängstlich drohend und fragend an:

»Du bist mein liebstes Kind, Du warst es immer, wenn ichs Dir auch nicht gesagt, Du mußt es gefühlt haben, Du wirst, Du kannst mich nicht verlassen, Du wirst Deinen Vater nicht verraten haben. Sieh mir ins Aug – das ist mein Blick. Ich lüge nicht; Du kannst auch nicht lügen. Beruhige mich, sprich, sage, daß Du mich nie belogen hast. Du lügst auch jetzt nicht, mein Kind.«

Die ganze Schwere der Ahnung drückte auf das Mädchens ob sie doch mit den anderen gern an einen plötzlichen Krankheitsfall gedacht hätte: »Vater, lieber Vater, ich habe Dir immer die Wahrheit gesagt, wenn Du fragtest –«

»Wenn ich fragte? Mädchen, nicht jesuitisch geantwortet. Einem Vater, der Dich liebt wie ich, dessen Kleinod Du bist, sagt eine gute Tochter nicht die Wahrheit, sie ist gegen ihn Wahrheit. – Jene, jene – mein Kopf ist so heiß – sie hat auch die Wahrheit gesagt, als ich sie fragte, ich mußte sie schrecklich fragen. O, allmächtiger Gott, gib, daß ich diese nicht auch so fragen muß!«

Die Mutter und Wilhelmine sahen sich bedenklich an. »Die Hitze hat ihn benommen – vielleicht ein Sonnenstich!«

Nur Malchen schien plötzlich zur vollen Klarheit gekommen. Sie richtete sich auf:

»Vater, Du willst die ganze Wahrheit. Nun ja, so ist es besser. – Warum sprachen wirs nicht längst aus, was nie Dir, nie jemand auf der Welt verborgen zu sein brauchte. Ich liebe den Mann, den Du mir zum Lehrer, zu meinem Rater und Vormund bestellt, von ganzer Seele und von ganzem Gemüte. Ich liebe ihn so fest und unverbrüchlich, als ich Dich geliebt und lieben werde, auch wenn Du Deinen Zorn über mich schüttest. Ich kann nicht anders, Vater, denn wie Du mir das Leben schenktest, hat er mir auch ein Leben geschenkt, das ich noch nicht kannte. Was ich ward, bin ich durch ihn. Der himmlische Vater verzeihe mir, wenn ich sündige, aber es ist auch mit dem ganzen vollen Bewußtsein, und wäre es noch nicht, ich müßte wieder so sündigen, denn ich kann nicht anders, und wenns Dir und mir das Herz bricht. Das ist die Wahrheit, die Du willst, lieber Vater, und nun steh ich vor Deinem Gericht und habe alles gesagt.«

Er fuhr mit der zitternden Hand gegen die Brust, mit der andern über die Stirn: »Du – ja Du hast alles gesagt – ein Stich, aber die Sonne stach nicht; das war ein anderer. Wo sind die anderen? Du, mein Kind, hast gesündigt, weil Du nicht anders konntest, ich war schuld daran, Du hast recht, Dich reiß ich nicht auch bei den Haaren, mein Haar ist schon grau genug. Du hast bekannt, Du warst verführt, beschwatzt, behext, bezaubert, Du bist ein Kind, ich werde gütig gegen Dich sein. Aber wo sind die anderen – die anderen Sünder?«

Er hatte krampfhaft die Stuhllehne gefaßt, an der er sich zu halten schien, und die doch der erste Leiter seines Zornes war: so hämmerte der Stuhl gegen die Diele, während die, gegen welche sein Zorn anscheinend gerichtet war, Mutter und Wilhelmine in einer Stellung vor ihm standen, die allerdings ein volles Schuldbewußtsein auszudrücken schien.

»Wolf! – lieber Mann, um des lieben Gottes willen, wenn Du alles wüßtest –«

»Was hinter meinem Rücken geschah! –«

»Vater, hörst Dus nicht donnern? – Wenn Gott zürnt, soll der Mensch nicht zürnen,« rief Wilhelmine.

»So schlage es ein, wo die Natur sich gegen sich selbst empört. Gerechter Gott, wodurch hab ichs verdient, daß Weib und Kind gegen mich revoltieren, daß sie die Schande vertuschen. Kupplerinnen in meinem ehrbaren Hause! Pfui – Wo ist er?«

Trotz des Lichtes vor seinem inneren Gesicht mußte ein Flor um seine Augen sein, dichter als die schwüle, dunkle Luft, die durch Tür und Fenster ins Zimmer gedrungen, denn er, der Schuldige, stand ja schon vor ihm. »Hier bin ich, den Sie suchen,« sprach er, als ein Blitz das Gemach bis in die dunkelsten Winkel erhellte.

»Du!« schrie der Gutsherr auf. »Schleichender Bube, wagst mir noch ins Auge zu sehen?«

»Es ist meine heilige Pflicht.«

»Pflicht und heilig in Deinem Munde! Halt Er die verfluchte Lästerzunge. Vertrauen Ihm geschenkt wie keinem, mein Herz in Seines gelegt wie in einen Heiligenschrein, und so lohnst Dus Natter, Heuchler, wie auf Gottes Erdboden kein zweiter? Dieb, mein Kind gab ich Dir ohne Arg, so vertrauensvoll, als wärst Du ich selbst, meine Gedanken – Lauscher, der sich in meine Geheimnisse schlich unter der Maske der Teilnahme, um für sich spekulieren zu können auf seine Mitwissenschaft –«

»Er rast – er ist krank – ein hitziges Fieber schüttele ihn,« riefen die weiblichen Stimmen.

»Krank ja, Er hat mich vergeben. Daß Er vor mir steht, ein Wachsgesicht von Scham und Schande! Himmel und Hölle – kein Wort, keinen Laut, oder – mir aus den Augen – sie haben recht, ich bin im Fieber – ich will meine Hand nicht an Ihm beflecken.«

»Ich gehe nicht, Herr von der Quarbitz, bis Sie mich gehört haben.«

»Schweigen Sie um Gottes willen still!« beschworen ihn die Frauen, »er weiß nicht, was er tut.«

»Er geht nicht. – So muß ich Ihm die Tür zeigen.«

»Herr Gott im Himmel, ich habe ein Recht, in diesem Haus gehört zu werden.«

»Ein Recht! – einen Stock! Dem Biersiedlersohn sein Recht auf den Rücken zu schreiben. – Einen Stock!«

Mutter und Wilhelmine hingen an Schulter und Arm, Malchen war ihm zu Füßen gestürzt und umklammerte seine Knie: »Fliehe, Albert, um Gottes willen fliehe! Er ist nicht bei Sinnen!« rief sie, zum Kandidaten zurückgewandt. »Wir halten ihn nicht mehr, fliehen Sie,« baten die anderen.

Ob Albert Mauritz dem Wunsch der Frauen nachgekommen wäre, wissen wir nicht. Auch erspart uns das, was folgte, zu erzählen, wie der Major die Frauen, die ihn gefaßt hielten, von sich stieß – es entsann sich niemand nachher der Umstände, noch möchte er sich ihrer entsinnen. Denn ein grelles blaues Licht überdeckte in dem Augenblick Wände, Boden, die angstzerbissenen Gesichter der Anwesenden, daß eines vor dem anderen erschrecken machte. Im selben Moment sauste, zischte krachte und rasselte es nieder. – Es hatte eingeschlagen.

Das Zimmer war im nächsten Augenblick leer. Nur der Major lag auf den Stuhl gesunken, den er vorhin mit Riesenkraft gehoben. Es war aber nicht Kraft gewesen, sondern der äußerste Nervenreiz eines Fieberkranken. Wie die schwülste Luft in dem furchtbaren Wetterschlage sich entlud, schien es auch der Atem seines Paroxysmus. Er war ein geknickter, gebrochener Mann, den der Arm eines Kindes hätte umwerfen können. Als er die Augen wieder aufschlug, sah er durch das Fenster des Korridors die rote Lohe in lichten Strahlen aus dem Hinterdache aufschlagen und prasseln. Er schloß die Augen nieder und sein Gesicht lächelte: »Es ist schon so am besten, wenn alles verbrennt, verbrennt auch mit uns unsere Schande.« Das waren noch Traumphantasien. Aber es war nicht sein inneres Gesicht, es war nahe, nächste Wirklichkeit; der Brandgeruch, das Geschrei von hundert Stimmen mußte ihn wecken und das Fieber wegscheuchen. Er raffte sich auf, er wankte die Treppe hinunter, er hielt sich wieder an den Pfosten und abermals übergoß ihn ein kalter Schweiß: »Warum wars kein Traum! Warum neckt uns die Natur,« seufzte er, »nachdem sie ihr volles Maß des Unglücks über uns ausschüttete mit den kleinen Uebeln, die uns erst zum Bewußtsein unserer großen Schmerzen bringen!«

Es hätte ein großes Unglück werden können, wenn die Hilfe nicht zur Hand war und der Krieg nicht im voraus geholfen hätte. Ja, der Krieg; denn hätten die Böden voll Heu und Stroh gelegen, wäre es ein Brand geworden, den die Wasserkräfte nicht löschen konnten, und der Wind stand gegen das Wohngebäude. Aber der Wetterstrahl war ins Dach gefahren über der alten Brauerei, wo trockenes Holz die Menge lag und die Hintertreppe zum Tore führte. Die Treppe brannte schon, und aus dem Taubenschlage über dem abgebrochenen Turm erhob eine Knabenstimme ein Zetergeschrei. Wolf war auf dem Taubenschlage, die Mutter, die Schwestern im Hofe – ein herzzereißendes Gewimmer: »Helft! Um Gottes willen rettet den Jungen.« – »Leitern!« schrien die einen. Der Verwalter schrie: »Er kann runter springen, Stroh aus dem Stall, Heu dahin! Das Leben kostet es nicht.« – Das Heu mußte man eilig wieder fortschaffen, es hätte sich sonst entzündet, so lange zauderte der Knabe, da einige ihm zuriefen: Springe! Andere: Um Gottes willen, springe nicht! Da hatten sie endlich eine Leiter geholt, zwei Arme legten sie an, und Herr Mauritz kletterte hinauf. Die Flammen beleuchteten ihn nicht nur, sie schlugen schon, vom Wind getrieben, seitwärts gegen die Sprossen. Atemlose Stille herrschte, nur von einzelnen Seufzertönen unterbrochen: »Sie ist zu kurz!« Aber der Kandidat hielt sich mit den Knien an der letzten Staffel, mit den Armen umfaßte er ein vorspringend Rahmenstück des Taubenschlages: »Es wird schon gehen!« rief er hinab. »Wolf. Wolf, mein Junge, Mut – setz Dich – sacht, vorsichtig – mir den Arm – ich halte Dich!« – »Wird es gehen!« dachten oder sprachen die andern. – »Er stürzt über, ehe er auf der Leiter Fuß faßt – in der Angst klammert er sich an Herrn Mauritz und reißt den mit runter. – Die Leiter wackelt!«

Der Knabe wollte und wollte wieder nicht, als Mauritz, mit sichtlicher Lebensgefahr, ihn zu umfassen, eine Anstrengung machte. Ein allgemeiner Schrei! Er war nicht stark genug, ihn in der unsicheren Lage zu halten. Da griff ein anderer starker Arm nach ihm. Von hinten tauchte eine kräftige Jünglingsgestalt auf, in Hemdsärmeln, mit bloßem Kopf. Baron Eppenstein faßte den Knaben beim Schopf und riß ihn zurück. Zufällig an dem Nachmittage durchs Dorf sprengend, war er, als er des Feuers ansichtig ward, vom Pferde gesprungen, hatte mit den ersten besten Leuten die Dorfspritze losgemacht und war in dem Augenblick vor dem Hoftor, als das Jammergeschrei vom Taubenschlag durch die Lüfte schallte. Schnell orientiert, erteilte er die nötigen Befehle, sprang in und durch den schlammichten Graben, ließ die Leiter von außen anlegen und war auf dem Dache, das bis jetzt nur von der anderen Seite brannte. So war er, an der Firste bis zum Taubenschlage kletternd, denen im Hofe wie ein Wunder, ein Retter in der Not erschienen. Sein kräftiger Arm riß den Knaben mit sich. Schwieriger war der Rückweg, aber er gelang. Erst auf der Leiter verließ ihn die Kraft. Vielleicht wäre er mit ihm gestürzt, da ließ er den noch immer schreienden Knaben in den weichen Kot des Grabens fallen: »Das wäre auch noch nicht das größte Unglück!« soll er dabei gemurmelt haben. Ein Unglück war es allerdings, Wolf kam mit dem Leben davon, aber daß er sein Leben durch etwas hinkte, schrieb man daher.

In der nächsten Minute, als die Rettung im Hofe bekannt war, erschien der Baron wieder auf dem Dache und schrie: »Nun zur Hauptsache!« Bald darauf hielt er den Spritzenmund in der Hand, und die Wasserstrahlen fuhren zischend um die Flammen. Sein Eifer, seine Umsicht steckte an. Vom Taubenschlage aus, den er zu seinem Zwecke etwas planiert, das heißt demoliert hatte, dirigierte er die Rettungsanstalten mit solcher Umsicht und Entschiedenheit, daß alle ihm willig gehorchten, und ehe eine halbe Stunde verging, war wenigstens alle Gefahr vor einem weiteren Umsichgreifen der Flammen vorüber. Das übrige konnte er den Hofleuten und Dorfinsassen überlassen.

Ein allgemeiner Jubel, ein Bravorufen hatte ihm für seine edle Tat gelohnt, als er zum zweiten Mal auf dem Dache erschien. Der Zuschauerkreis hatte sich inzwischen vermehrt. Man bemerkte in der Hoftür eine elegante junge Dame in Reisekleidern, welche die lebhafteste Aufmerksamkeit mit ebenso lebhafter Bewunderung für die Rettungstat zeigte, während die Familie und die Umstehenden sie selbst mit besonderem Respekt behandelten. Der Reisewagen, in welchem sie angekommen, hatte natürlich nicht in dem brennenden Schlosse, sondern in der Schenke ein Unterkommen gesucht, daher auch wohl ihr Eintritt so geräuschlos geschehen war. Aber das blasse Gesicht des ernsten Mannes, der sich am Fenster zeigte, gehörte offenbar zu ihrer Reisegesellschaft, denn die schlanke Dame wandte sich mit ihren Bemerkungen in der Regel zu ihm: »Ach Exzellenz!« hatte sie vorhin ihm zugerufen, »wenn alle so, mit gleichem Opfermut, an unsere Hauptsache gingen, dann wäre unser Vaterland gerettet!« – »Ich fordere doch etwas mehr,« hatte er seufzend entgegnet, »als auf Kommando die Löscheimer schwenken. Die exakte Bürgerpflicht löscht unsern Brand nicht.«

Wer hätte ihn nicht erkannt im Schloß! Der Mann mit dem blassen Gesicht war der Freiherr von Stein, die schlanke, schöne Dame die Reichsgräfin Thusnelde von Waltron-Alledeese.

Als die gute Frau von Ilitz mit einem tiefen Knicks die gnädigste Komteß ersuchte, ob es ihr nun nicht gefällig, in den Saal zu treten und eine Erfrischung einzunehmen, da sie von der Reise erschöpft sein werde, machte die Gräfin, deren Blicke überall waren, sie darauf aufmerksam, daß sie ja dem Retter ihres Sohnes noch nicht gedankt habe. Wie rot ward da die gute Frau von Ilitz. Der Retter hatte sich eben mit einem geschickten Schwunge auf der Leiter herabgelassen, auf welcher der Kandidat, ohne gerettet zu haben, und nicht so sicher, herabgestiegen war. Er klopfte sich gerade die Hände ab und zog den Reitrock an, den ihm sein Jockey entgegenhielt, als die Edelfrau ihren Dank und ihre Bitte stammelte, ob er nicht ins Haus treten und in dem dankbaren Familienkreise ein Butterbrot einnehmen wolle?

Der Baron verbeugte sich und entschuldigte mit kurzen, verbindlichen Worten, daß seine Toilette ihm das Erscheinen in einem so feinen und auserwählten Kreise verbiete. Mit dem Anstande, der an den Ritter im Löwenzwinger erinnern konnte, hatte er sich gegen die Damen verneigt und war, ehe die etwas »verdutzte« Frau von Ilitz ein Wort von den Lippen brachte, verschwunden. Allerdings konnte der schwarze Wolf nicht schwärzer ausgesehen haben, als er von Rauch, Kohle, Dampf, aber – aber dachte die Frau von Ilitz, und ward noch röter als vorhin. Die Gräfin Thusnelde hatte bemerkt, daß noch eine Dame errötet war, aber ganz anders als ihre Mutter, und mit einer eigentümlichen Muskelzuckung die Augen niedergeschlagen hatte. Es war Wilhelmine.

Das Feuer war gelöscht, der Schaden verhältnismäßig nicht beträchtlich. Wo aber so viel Störendes, Erdrückendes, ja Zerreißendes vorausgegangen, hätte man eine trübere Stimmung am Abendtisch erwarten sollen. Saßen doch daran zwei Kranke, die kaum am Genuß teilnahmen. Aber auch im Major schien der Gedanke die Krankheit schon überwunden zu haben.

»Liebe Komteß, ersparen Sie mir das,« sagte der Freiherr, als er die Gräfin mit dem Glase sich erheben sah. »Sie haben so viel für mich bereits getan; ohne Ihre liebevolle Pflege auf dem weiten Wege wäre ich noch nicht hier. Nichts Phantastisches! Wozu Exaltation! Sie beschämt uns, wo noch die Taten fehlen.«

»Erlauben Sie mir doch, dies Glas klingen zu lassen auf die Hoffnung! – Die Taten fehlen noch, sagte Ihnen, meine Freunde, Deutschlands glühendster Freund. Ich sehe schon eine geschehene Tat, so groß und herrlich, wie die Geschichte sie nur im Altertume kennt. O nichts vom Altertum! Hat nicht Coriolan die mörderischen Waffen gegen Rom geschwungen, weil die Römer ihn persönlich beleidigt? Themistokles wollte nicht gegen das undankbare Athen kämpfen, aber er hatte auch nicht den Mut, die kleinere Pflicht der Dankbarkeit zu verletzen, um der heiligen größeren gegen das Vaterland zu genügen. Er entschlüpfte dem Widerstreit der Pflichten durch Selbstvernichtung. Was wußte das heidnische Altertum von christlichen Ritterpflichten! Ich sehe in unseren schlechten, verderbten Zeiten einen Mann, der nicht undankbarer, schmählicher gekränkt werden konnte von denen, welchen er sein Alles geopfert hat. Verstoßen, beschimpft, in seiner großen Seele unverstanden, – wenn er ein Mensch wäre, mit Leidenschaften und Gefühlen wie wir, welche Bitten, Versprechungen, welcher Ruf aus Engelsmunde hätte ihn bewogen, zurückzukehren! Die Nachwelt, die Geschichte würde ihn ehren und preisen, auch wenn er den Kleinmütigen, die in äußerster Not nach ihm schreien, geantwortet: helft Euch selbst, Ihr wollt ja nicht geholfen sein! Nein, er grollte nicht, er war nur tiefbetrübt. Er hatte sich, sein persönliches Leiden, die Kränkung selbst vergessen im Schmerzgefühl über die Wunden, an denen das Vaterland blutet. Da haben sies erkannt, daß einer nur es retten kann, die dringende Not hat ihnen endlich den Wert des Mannes gezeigt, den sie schnöde von sich stießen. Wie dem grollenden Peliden wagen sie nur schüchtern sich ihm zu nahen. Das Schreiben seines Königs geht begleitet von zahlreichen Zuschriften ihm Befreundeter ab. Die Freunde sollen ihn weich stimmen, sie sollen ihn nur bestimmen, daß er nicht sofort das Erbieten von der Hand weist. Sie erklären ihm, daß, wie die Dinge stehen, der König auf alle und jede Bedingung eingehen werde, die er stellen wolle – denn er muß: er hat keinen, keinen anderen, den er rufen kann, wenn dieser ablehnt. Nur dieser allein kann Ordnung bringen in die grenzenlose Verwirrung. Auf dem Krankenlager empfängt er den Brief. Die Zeilen flimmern vor seinen Augen, seine Hand zittert, er kann nicht schreiben. Er ruft die treue Gattin, er bittet sie, die Feder zu ergreifen: Schreibe an den König: . . . Sire! Ich komme, ich komme auf der Stelle, Ihre Aufträge zu empfangen. – Du bist krank, ruft die Erschreckte, Du kannst nicht, der Arzt verbietet es. – Aber das Vaterland befiehlt, ruft er. Ich werde gesund werden. Der Brief fliegt vorauf; andern Tags ersteht er aus dem Bette, der moralische Entschluß hat ihn gesund gemacht! Aber Sie fragen, welche Bedingungen hat er gestellt? Hat er wie Wallenstein ein Heer gefordert, das nur ihm gehorchen soll? Die Absetzung der Räte und Minister, auf die er stets gedrungen? Welche Sicherheit, daß die Gunst des Fürsten, der ihn schon einmal so verließ, nicht wieder wanke, daß er nicht schon, während der Kranke die hundert Meilen zurücklegt, andern Sinnes wird? Die Erfahrung hatte ihn gelehrt, daß er auf diese Sicherheit bestehen müsse. Meine Freunde, der Mann, ein wahrer, deutscher Edelmann, ein wahrer Ritter, ein wahrer Christ, hat einfach ja gesagt, er hat nichts gefordert, nichts bedungen. Wer nur bedingungsweise sein Vaterland retten will, der ist nicht wert, sein Retter zu werden. Das sprach er und stieg in den Wagen. – O, mein Gott, und das wäre keine Tat, eine, nach der wir umsonst in allen Geschichtsbüchern blättern! – Den Mann zu nennen, ihn selbst leben zu lassen, verbietet er mir; es schickt sich nicht für Frauen, eine Gesundheit auf Staatsmänner auszubringen, aber ich erhebe mein Glas auf eine Frau. Lassen Sie es klingen: – Deutschlands Hoffnung!«

Auf des Freiherrn Gesicht hatte sich zuerst Mißvergnügen gezeigt, es ging im Verlauf der Rede in feierlichen Ernst über. Er senkte den Kopf und schüttelte ihn, als die Gläser klangen, mit wehmütigem Lächeln:

»Als ob da ein Bedenken hätte sein können, wo der ernste Willen vorhanden war, welchen unsere Rednerin in ihrer Ekstase an dem unbekannten Manne so verschwenderisch preist. Fragt doch kein Schwimmer einen Ertrinkenden, ob er für ihn die Rettung bezahlen will, wenn er ihm die Hand reicht. Von ganzer Seele und ganzem Gemüte trinke ich auf das Wohl der Frau, aber, meine Freunde, sie trägt, wie Fortuna, schillernde Kleider. Traue niemand der Farbe, die ihn entzückt, daß sie morgen dieselbe bleibt. Die Arbeit ist hochernst, eine langwierige; wahren wir uns vor zu raschem Glauben, zu kühner Hoffnung, vor den Flügeln der Phantasie, welche die Morgenröte haschen will. Und halten wir an der einen Wahrheit fest, welche unsere blühende Rednerin hervorhob; bei dem Werke muß alles Persönliche verschwunden sein; es gilt, uns überwinden, alte Vorurteile zu unterdrücken, Beleidigungen vergessen, und Freund ist uns der, der mit uns wirkt, kämpft, auch wenn er vordem Feind war. Dem Vaterlande gegenüber nur ein Feind, nur ein Freund!«

War es zufällig, daß er das halbgefüllte Glas dem Major zum Anstoßen hinhielt?

Es war spät geworden, man ging auseinander, der Ruhe bedürftig, vor allem der Freiherr: »Ei sieh,« sprach er, am Kandidaten vorüberstreifend, »der junge Mann, der neulich so voller Gottvertrauen unsere Sache umschlingen wollte. Festgeblieben in der Zeit, wo so viele, und darunter Gute, von der Hoffnung abfielen?«

»Ich hoffe, glaube und – liebe heut wie damals,« rief mit Wärme der Kandidat, die Hand auf der Brust. »Und kein Umstand, keine Rücksicht, kein Wechsel, nicht Vorteil, Haß und Liebe sollen mich wankend machen.«

< Ihr von Ilitz, Ihr von Ilitz, Solltet nimmermehr nach Quilitz!
Ein ernstes Zwiegespräch. >



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