Frei Lesen: Isegrimm

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Willibald Alexis

Isegrimm

Friede und Resignation.

eingestellt: 25.7.2007

Achtundvierzigstes Kapitel.

Friede und Resignation.



Die Gesellschaft war beim Frühstück in Gruppen geteilt. Die beiden Genesenden, oder sie waren schon genesen, saßen am Fenster Der Freiherr namentlich sah heiterer aus, als wir ihn kennen. »Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben,« sagte er, als die Gräfin Thusnelde in dem schönen Tage gern ein Omen für die nächste Zukunft erblickt hätte.

»Wie wunderschön sie ist!« bemerkte der Wirt zu seinem Gaste.

»Nur zu exzentrisch,« erwiderte der Freiherr.

»Für unsere Sache hätte ich gewünscht, daß lieber ihr Bruder Ew. Exzellenz Beispiel gefolgt wäre. Graf Waltron hätte sich auch entschließen, vergeben sollen, und wieder Dienste nehmen.«

»Er ist zu sehr beschäftigt mit den französischen Kommissären, seine Vermögensangelegenheiten zu regulieren. Ich fürchte, er wird einen schlechten Abschluß machen. Bei beschränkten Mitteln wird er schwer zu einer standesgemäßen Heirat sich entschließen, und damit erlischt wieder eines der wahrhaft edlen Geschlechter Deutschlands. – Ihn kümmert es indes mehr, daß für seine Schwester, die wie geboren scheint, die Mutter eines neuen Heldengeschlechts zu werden, alle Aussicht auf eine Heirat verloren ist. Er opferte ihr gern alles, was ihm bleibt.«

»Ist es mit dem Gelübde der Komteß so ernst gemeint?«

»Wenn sie es nicht schon geleistet, würde sie es jeden Tag wieder leisten. Ach, bis die Franzosen über den Rhein gejagt! Sie zählt vierundzwanzig Sommer würden die Dichter sagen; wie viel Winter wird sie noch zählen bis dann! –«

»Ich erinnere mich, daß ein junger Leutnant Fouqué ein toll exzentrisches Gedicht auf sie schrieb – er besingt sie als das Ideal einer deutschen Jungfrau!«

Der Freiherr hatte nur halb darauf gehört: »Sie will auch nach Memel, aus Fürsorge für mich, aus Liebe für die Königin, aus Begeisterung für die Sache. Aber was sie sonst will, da besorge ich, daß meine Frau recht hat! Wo wir Männer schon den Verstand zusammenhalten müssen, wie in dem Wirrwarr das Einfachste, Nächste zu finden, was suchen da die Frauen! Ihr Kopf ist voll Ideen, liebenswürdig, phantastisch, patriotisch, wunderlich, aber unpraktisch – von geheimen Bündnissen, Frauenvereinen durch alle Gauen Deutschlands, voll Entsagung, Opfern, Haß und Liebe. Sie sollen die Verwundeten pflegen, den Lazaretten vorstehen, die Küchen der Armen besorgen – es spukt sogar der Gedanke, daß die Frauen auch gegen den Feind sich wappnen und ausrücken könnten.«

»Vor der Tollheit bewahre uns der Himmel!« rief der Major.

»Wie vor vielen anderen, die immer die Ausgeburt außerordentlicher Zeiten sind. Wir bedürfen des Exzentrischen, mein Freund, gewiß! wie sollte sonst die tote Masse lebendig gerüttelt werden! Zuweilen bangt mich aber doch vor den unreifen Gedanken und Ideen, die aus den Schleusen mit herausbrechen werden. Sie werden dann wuchern in deutscher Weise zum Krassen, Widerwärtigen, die Theorie wird sich des praktisch Errungenen bemächtigen und es so zum Gipfelpunkt treiben, bis Vernunft, Unsinn, Wohltat, Plage, der Verdruß daran wieder Rück- und Umschläge bereitet, und man am Ende das Kind mit dem Bade verschüttet.«

Der Freiherr mochte fühlen, daß er sich übereilt hatte und der Major am wenigsten der Mann war, um ihn zum Vertrauten dieser seiner fernhintreffenden Befürchtungen zu machen. Er mochte mit sich selbst schon um deswillen unzufrieden sein, daß er an einem mit guten Aussichten beginnenden Tage diesen trüben Raum gegeben; er erhob sich daher mit der Bemerkung, daß die Damen auf ihr Aparte-Gespräch zürnen würden. Die gute Frau von Ilitz versicherte nachher, er sei der liebenswürdigste Gesellschafter gewesen. Auch hatte er, was sie immer gefürchtet, auf die Vertauschung der Strümpfe nicht einmal angespielt. An Liebenswürdigkeit wetteiferte mit ihm die Reichsgräfin, nur daß sie es insofern noch geschickter machte, als sie mit weiblicher Neugierde und weiblichem Verstande in der kurzen Zeit bereits in die Familienverhältnisse, vielleicht auch in einige Geheimnisse eingedrungen war, daher hier über gefährliche Klippen hinwegspielen, dort durch angenehme Anspielungen die Gemüter wohltätig berühren konnte. Was half es aber! die Zeit lag zu schwer auf allen, die Stunde war auch zu kostbar, als daß man nicht aus dem Spiele immer bald wieder auf den Ernst, der sie zusammengeführt, zurückgekommen wäre. Der Freiherr und der Major standen bald wieder in einer Ecke und besprachen das große, erwartete Ereignis, dem jener zwar die ernsteste Teilnahme schenkte, doch aber oft die Achseln zuckte: »Es kommt zu unvorbereitet; das Volk ist noch nicht reif, sich selbst Hilfe zu schaffen, und wenn es im günstigsten Falle gelingt, fehlt der Nachdruck. Es kann aufblitzen und verpaffen und wir sind dann noch schlimmer daran. Preußen ist einmal daran gewöhnt, daß alle Organisation von oben ausgeht, deshalb ist meine Meinung, daß erst am Hofe, im Kabinett, in den Bureaus der Gedanke siegen muß, um von da wärmend ins Volk zu dringen. In jenem glücklichen Fall wird man es als eine militärische Operation betrachten, bei der auch Landleute, Bürger, Zivilisten mitgeholfen haben. Das hilft dem kranken Staate nicht zur Gesundheit, wie man ein chronisches Uebel nicht durch einen einzigen akuten Angriff heilte Es fordert eine lange allmähliche Behandlung, einen Moses, der sein Volk durch die Wüste führt.«

»Vierzig Jahr, das wäre eine lange Frist,« unterbrach der Major. »Sonst wäre die Wüste da, und den Moses sehe ich wohl auch.«

Der Freiherr achtete nicht auf das skeptische Kompliment: »Von innen heraus muß die Kur sein, sie muß Herz und Nieren erschüttern; dann allein kann der Arzt wirken.«

»Was fesselt unsere Kleine dort am Fenster?« sprach die Gräfin. »Sie hört mich nicht und ihr Blick ist unverwandt auf einen Punkt gerichtete

Malchen hatte sich plötzlich umgewandt, ihr Gesicht glühte: »Er kommt – er hat –!«

Die Tür ward aufgerissen, der Kandidat stürzte herein, in einer Aufregung, die der des jungen Mädchens wenigstens gleich war. Er wollte auf den Major zueilen, sein Blick fiel aber wie gestört und fragend auf die Damen und schien zu sprechen: »Darf ich?«

»Freudiges?« rief der Hausherr. »Ihr Blick sagt es. Dann raus; was heut Geheimnis, wissen morgen alle.«

»Die englische Flotte – Lord Cathcart – in vollen Segeln um Rügen – Blücher – die Schweden – morgen überschreiten sie die Peene – morgen stehen sie auf preußischen Grund und Boden – Brune, seine schwachen Truppen konzentrierend, kann nicht alle Wege verlegen. – In drei Tagen können wir die preußischen Fahnen wehen sehen, die preußische Trommel wird wirbeln. – Es lebe der König! – Sie wird nicht umsonst wirbeln.«

Sie mußte schon durch die Luft des Zimmers wirbeln, sie blitzte in den Augen, sie rauschte draußen in den Rüsterästen; die Sonne selbst schien vor banger Freude in ihrem Laufe zu zittern. Es war eine kurze, aber tiefe Pause. Wer Malchens Gesicht, wer den Hauch beobachtet hätte, der sie auf ihren Füßen erhob! So hatte Mauritz nie ihre Augen glänzen sehen. Eine Sekunde nur, und sie wäre dem Ueberbringer der Botschaft an den Hals geflogen, aber der Gedanke überflügelt auch die Sekunde; selbst der Gedanke, der den bleiernen Ballast der Rücksicht auf seinen Flügeln trägt. Ihr Blick fiel auf den Vater, der im Impuls des Moments um die Hüften griff, als schnallte er den Säbel fest. Sie drückte rasch die Hand dem zitternden Jüngling und stürzte sich an des Vaters Brust.

Woher der Kandidat die Kunde hatte! Was kümmert es uns, ob ein fliegender Bote sie dem Adjutanten des Majors gebracht, ob, wie andere glaubten, von den Mitwissenden eine Art Telegraphie an den Kirchtürmen angebracht war. Genug, es war keiner, der zweifelte.

Auch der Freiherr nicht, auch sein Gesicht belebte sich bei dem frohen Gedanken. Aber der nächste war an seine Pflicht. Er durfte nun keinen Augenblick länger weilen, um auf den Nebenwegen, auf die seine Reise berechnet war, den Ostseestrand zu erreichen, von wo er nach Preußen überschiffen wollte.

»Es tut mir nur leid. daß ich die Briefe aus Berlin nicht fand, die ich gewiß erwartete. Auch wollte mein ehemaliger Sekretär, van Asten, mich hier treffen.«

Die Post aus Berlin war überhaupt seit einigen Tagen ausgeblieben; es hieß, weil es an Pferden mangele.

»Es mußte der Freiherr von Stein sein, dem ich meine Pferde gebe,« sagte der Major, »denn wahrhaftig, wir werden sie nötiger hier brauchen als für Reisende!«

Darauf folgten andere, auch sehr ernste Gedanken. Der Freiherr studierte die Karte, während man schon das Anspannen auf dem Hofe hörte, und schüttelte den Kopf. Wenn der Angriff aus Schwedisch-Pommern Erfolg hatte, wenn Brune geworfen und umgangen wurde, wenn die in und um die Hauptstadt stehenden Truppen den Preußen entgegenrückten, mußte das Kriegstheater sich hier entwickeln. Es konnte nicht ohne dringende Gefahren abgehen. Das konnte der Staatsmann, ohne Militär zu sein, divinieren, und hielt es für Pflicht, darauf aufmerksam zu machen. Die Frage war wieder, ob es nicht Pflicht sei, die Damen zu entfernen?

Das war ein Dämpfer in die allgemeine Freude, die sich selbst der Mutter bemächtigt hatte. Jede Dröhnung ist ansteckend, und die nicht Denkenden sind ihr zunächst unterworfen. Jetzt war es anders. Die Schrecken von Brand, Plünderung, Gemetzel malten sich auf dem Gesicht der Guten. »Wenn Wolf nur mit uns ginge,« meinte sie. – »Wir haben so vieles überstanden und Gott war uns gnädig,« sagte Malchen, »warum sollen wir uns diesmal – von Vatern trennen.« Es war sonst nicht des stillen Kindes Art, ungefragt ihre Meinung abzugeben. Die Gräfin Thusnelde ergriff das Wort:

»Wenn ich mir nicht das Wort gegeben, unsern edlen Freund und Retter, der der Pflege besonders bei der angreifenden Seefahrt bedarf, nicht aus dem Auge zu lassen, bis er an seinem Bestimmungsorte angelangt, würde es mir ein Vergnügen sein, hier zu bleiben. Was Schöneres, Edleres, Natürlicheres gibt es, als daß deutsche Frauen in der Nähe ihrer kämpfenden Männer, Väter, Brüder sind, ihre Entbehrungen zu teilen, ihre Schmerzen zu lindern, ihre Wunden zu verbinden, ihren Mut zu verdoppeln, wenn sie wissen, daß sie um ihr Teuerstes kämpfen. So standen die Frauen der Cimbern und Teutonen in der Wagenburg hinter der Schlacht, mutig sich den Tod gebend, als alles verloren war. So muß es wieder kommen, wenn wir siegen sollen; die Streiter für die heilige Sache müssen nicht für die Sache, das Prinzip allein, sie müssen wissen, daß sie für ihr Liebstes, ihr Teuerstes, ihr Alles hinter sich kämpfen. Erst wenn wir eine Kriegsschar, von diesem Bewußtsein erfüllt, ins Feld führen, werden wir überwinden.«

Der Freiherr bemerkte: »Das ist sehr schön gesagt und empfunden, meine liebe Komteß, aber der Fall ist hier noch nicht. Von Ueberwinden ist noch nicht die Rede, nur von einem Koup, der, wenn er gelingt, von glücklichen Folgen sein kann. Wir können uns auch in keine Wagenburg hinter einem großen deutschen Heere verschanzen, sondern wir erwarten nur ein kleines preußisches Streifkorps, alliiert mit Schweden und Engländern, deren Bestimmung ist, den Feind zu überrumpeln, rasch zu werfen und auf die Hauptstadt loszumarschieren. Wenn es gut geht, steht das Landvolk auf und wir bekommen viel Zuzügler, dabei aber eine Verwirrung, wo für Damen gar kein Platz ist, und, erlauben Sie es mir zu sagen, sie würden die Verwirrung nur vergrößern.« Die Mutter und Minchen waren derselben Meinung; die letztere äußerte gar: wer sie denn beschützen solle, wenn die Männer in der Schlacht wären, als eine neue Stimme sich erhob: »Dafür, hoffe ich, werden wir gut sein.«

Der Baron Eppenstein war unbemerkt eingetreten. In seinem knapp anschließenden grünen Jagdrock, einen Hirschfänger umgeschnallt und einen Stutzen in der Hand, konnte er schon wie gerüstet zum Kriegsausbruch erscheinen, wenngleich die Kleidung sich auch offiziell als nur zur Jagdpartie angelegt rechtfertigen ließ.

»Die Damen,« sprach er, »werden nichts zu besorgen haben. Wenn hier die Stimmung wie in meinem Dörfchen ist, werden die Franzosen es schwerlich auf das Aeußerste ankommen lassen, sondern, ich wette darauf, Exzesse und Gefecht vermeidend, sich durchzuschlängeln suchen, um ihre Festungen oder ein Hauptkorps zu gewinnen. Herr Kommandeur,« sprach er, sich zum Major gravitätisch wendend, »ich melde Ihnen, vorausgesetzt, daß Sie die Würde, die Ihnen zukommt, nicht ablehnen, daß auf meinen Gütern allein zweihundert und etliche Burschen den Tag nicht abwarten können, wo es losgeht. So ein vierzig davon werden sich auch zu Pferde ganz gut ausnehmen.«

»Zweihundert, das ist eine hübsche Zahl,« sagte Isegrimm, der bis dahin geschwiegen. »Wir wollen ja sehen, ob sie im Feuer aushalten werden. – Ihr nicht,« wandte er sich zu den Frauen. »Euch schicke ich heut noch nach Berlin. Herr Mauritz wird die Gefälligkeit haben, Euch zu begleiten und dort am besten herausfühlen, ob Ihr sicher seid, oder wohin Ihr Euch wenden sollt. Den alten Hans könnt Ihr bei Euch behalten: er taugt hier auch nichts.«

Es war in dem Ton gesprochen, der keine Widerrede duldete. Der Ton galt vielleicht nur dem Baron, er traf den Kandidaten.

»Ich glaubte, Herr Major, daß Sie mich zu andern Aufträgen hier behalten würden, auf die ich vorbereitet, die dringender wären.«

»Um sich auszuzeichnen, ist freilich keine Gelegenheit auf einer Fluchtreise; indes meinte ich, es schickte sich mehr für einen Theologen – kein Blut zu vergießen. Blutdürstige Menschen, lieber Mauritz, sind hier genug, die ihre Bravour zeigen möchten, gleichviel vor wem. Ich liebe nicht das Bravourzeigen, vor Frauen oder Männern gleichviel, und mich gewinnt man damit nicht. Im übrigen steht es ja bei Ihnen, was Sie vorziehen –«

Aus allen Zweifeln riß den Kandidaten der Eintritt einer neuen Person. Das Posthorn hätte man vorher schon schmettern hören können. Blaß und erschöpft trat Walter von Asten ein. Er war die Nacht durch gefahren, wie man nachher erfuhr; eine Nachtfahrt und die Strapazen einer noch so beschwerlichen Reise hätten indes den kräftigen Mann nicht so mitnehmen können; es war ein moralischer Schmerz, mit dem er rang. Kaum hatte er die Anwesenden begrüßt: »So wissen Sies noch nicht?«

»Was?«

In einem heisern Ton, zwischen Weinen und Gelächter brach das Wort über die Lippen: »Friede!«

Eine lange Pause: »Was für ein Friede?«

»Den Sie erwarten können nach einem Krieg ohne Sieg und Ruhm, den Sie erwarten können, wo Napoleon ihn diktiert und Rußland uns verlassen hat, ein Friede, der –«

Der Bote schien von einem Schwindel befallen; die Gräfin schob ihm einen Sessel hin. Die Arme auf der Stuhllehne, und den Kopf im Arm, mochte er ausruhen oder die Erinnerungen sammeln.

»Das Schlimmste ist besser als Ungewißheit,« sagte Thusnelde. »Es wirft uns nicht um. Ermannen Sie sich und sprechen.«

»Berlin war gestern abend, als ich ausfuhr illuminiert – auf Befehl – auch ein Tedeum war befohlen – o, die Lichter brannten hell – und auch witzig! Ein kleiner Tischler hatte einen Sarg illuminiert. Daran stand geschrieben: ›Hier ist der wahre bekannte und unbekannte Friede‹ – In dem Sarg, meine Herren, lag viel – alle, alle unsere Hoffnungen.«

»Aber der Inhalt des Friedens? – wo ward er abgeschlossen?«

»In Tilsit – Preußen halbiert. Die Elbe künftig die Grenze – alle die schönen, treuen, reichen Lande drüben französisch. – Auch die treuen Westfälinger französisch, ihr geliebtes Magdeburg, trotz der Bitten der Königin, verloren. Die Altmark von den Marken abgerissen. Unsere Festungen bleiben besetzt, im Herzen des Staates Franzosen, Blutsauger, Spione, Polizei, bis die unerschwingliche Kontribution bezahlt ist – zermalmt, vernichtet.«

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< Ein ernstes Zwiegespräch.
Nach sechs Jahren. >



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