Frei Lesen: Isegrimm

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Kapitelübersicht

Die Schwedenschanze | Die Blutsteine. | Der Quilitzer Knecht. | Die Querbelitzer Schenke. | Schemelbeine. | Isegrimms Haus. | Isegrimm. | Eine Rückfahrt. | Alte Geschichten. | Die erste Nacht in Haus Ilitz. | Eine Erscheinung im Walde. | Der Ball muß sein. | Zwei Anstands-Visiten. | Malchen. | Ein Wetterstrahl im Ratskeller. | Zum Ball oder nicht zum Ball? | Die Ouverture zur Ballmusik. | Die Ballnacht. | Vorm Scheunentor. | Im Schnee. | Jede Schlacht fordert Präparationen. | Schulze und Edelmann. | Die Einquartierung. | d'Espignac. | Der kleine Krieg. | Der Versucher im Hause. | Scheiden. | Ritter und Reiter. | Wendisch oder germanisch. | Das Schwert des Cid. | Der Beichtvater. | Chaotische Besuche. | Der unbegreifliche Brief. | Das Vaterland und bürgerlichen Offiziere. | Die Brücke in die Zukunft. | Eine deutsche Konversation. | Nachtgespenster. | Der Krieg ist nicht Zeit zu Hochzeiten. | Das Ahnenbild stürzt. | Ein verhängnisvoller Brief. | Die Katastrophe. | Ein Doppelgänger. | Eine dunkle Tat. | Ein politisches Geheimnis. | Ihr von Ilitz, Ihr von Ilitz, Solltet nimmermehr nach Quilitz! | Ein Gewitterschlag. | Ein ernstes Zwiegespräch. | Friede und Resignation. | Nach sechs Jahren. | Von Hochgezieten. | Gräfin Heilsberg. | Querl. | Schluß. |

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Willibald Alexis

Isegrimm

Gräfin Heilsberg.

eingestellt: 25.7.2007

Einundfünfzigstes Kapitel.

Gräfin Heilsberg.



Hätte Wolf von der Quarbitz an jenem Tage seine Augen geschlossen, so wäre ihm vieles Schmerzliche erspart worden. Die schönen Sonntage in unser aller Leben sind ja nur die unregelmäßig eingesprenkelten Sonn- und Feiertage in die vielen grauen, regnerischen und stürmischen, die uns von der Wiege bis ins Grab begleiten.

Nicht daß nicht noch manches Mal die Sonne hellrot in ihm aufging und abends erquickend und labend sein gerunzeltes Gesicht anglühte, aber sein Leben war sehr lang – unnatürlich lang, werden viele sagen; aber das ist falsch, gegen die Natur ist es nicht. Davon zeugten neulich die vielen neunzigjährigen Greise, die noch Friedrich, den lebendigen, gesehen, sie hatten sogar unter ihm gefochten, und wir fanden sie wieder an seiner ehernen Denksäule.

Dazu half auch vielleicht seine Natur. Wer einmal einen Zopf gehabt, hat ihn darum nicht immer. Er war ein mäßiger Mann. Wer aber seinen Grimm und Zorn nicht verschlucken muß, sondern ihn auswirft, wo und gegen wen es sei, der erhält seine Konstitution. Loben und anempfehlen wollen wirs nicht; aber es ist so. Isegrimm hatte viel verwunden, und sogar sein Podagra mit den Franzosen über den Rhein gejagt. Noch als Achtziger saß er zu Pferd und konnte seine Portion Wind und Regen aushalten, besser wie ein jüngerer.

Ihn selbst betraf nicht mehr viel, denn sein tätiges Leben war geschlossen – mit vollen Ehren, und nachdem er nach dem zweiten Feldzug zurückgekehrt, trachtete er nicht nach denen, die wohl andere seinesgleichen suchten; er war so wenig ehrgeizig als er dem Interesse nachging. Er ließ es an sich kommen, nur wenn es an ihn kam, sprang er von der Bärenhaut, auf der sie meinten: der Alte träume, wovon wir noch einiges zu berichten haben. Aber er lebte doch für seine Kinder, und da erlebte er, wenn man es in die Wagschale tut, so viel Trauriges als Frohes. Gott hatte es einmal so gefügt; er knurrte wohl, aber er murrte nicht.

Gegen seine älteste Tochter blieb er Isegrimm. Da halfen weder die Bitten seiner anderen Kinder, noch die kluge Vorstellung des Reichsgrafen, noch die christlichen seines Schwiegersohnes Mauritz. Er sagte: »Ich habe ihr ja nicht geflucht.« Wenn der Prediger entgegnete: »Aber des Vaters Segen baut den Kindern Häuser,« fiel er rasch ein: »Sie hat ja Häuser so viel sie will in Paris, was will sie noch vom Vater!« So mochte es allerdings scheinen; denn sie führte ein glänzendes reiches Leben. Ihr Gatte, der in den hundert Tagen nach Gent gegangen, war natürlich mit neuen Ehren und Auszeichnungen nach Frankreich zurückgekehrt. Beiläufig nur sei erwähnt, daß nach den Siegen von Waterloo und Belle-Alliance der General von der Quarbitz mit dem königlich französischen General der Kavallerie dEspignac, Grafen von Heilsberg, auf dem Marsch nach Paris einmal an einem bestimmten Ort zusammentreffen sollte. Es galt eine gemeinschaftliche Operation im dynastischen Interesse. dEspignac erwartete schon an der Spitze seiner Offiziere den preußischen General; Quarbitz aber kam nicht, er hatte sich vom Feldmarschall Blücher erbeten, daß ein anderer für ihn eintrat, ob es doch eine leichte und glückliche Expedition galt, welche dem preußischen Offizier Orden, Titel und eine große Pension vom französischen Könige einbringen mußte und eintrug.

dEspignac ward nachmals Pair von Frankreich, er saß mit zu Gericht über Ney, er gehörte zu den Vertrauten am Hofe und ward für die Ungunst, mit der ihn die liberale Partei überschüttete, durch die Gunst des Königs und durch große Dotationen reichlich entschädigt. Noch mehr, sagte man, entschädigte er sich selbst. Durch seine Stellung – kurze Zeit war er auch einmal Kriegsminister – mit den kommenden Ereignissen der Politik vertraut, benutzte er seine Wissenschaft an der Börse und machte sehr glückliche Geschäfte, was nur sein Ansehen vermehrte und ihm viele Freunde verschaffte, die auch von seiner Wissenschaft profitieren wollten, ohne daß er dabei verlor. Keine große industrielle Unternehmung, wo man ihm nicht Aktien übertrug; und er förderte sie, auch mit seinem Vermögen, wo er den Erfolg voraus wußte. So wuchs er an Achtung und Ansehen auch bei der Gegenpartei, welche in ihm einen Mann erkannte, der die Zeit begriff. Dabei konnte seine Aufführung in kirchlicher Beziehung als ein Muster für alle Napoleonischen Generale gelten. Er versäumte des Morgens nur wenn er krank war die Messe, und trug bei großen Prozessionen selbst die Kerze. Karolinens Briefe, welche nicht genug diesen frommen Sinn ihres Mannes melden konnte, und dabei versicherte, man solle nicht denken, daß dies ein plötzlicher Umschlag, eine Augendienerei gegen den Hof sei – denn, was sie über alle Maßen erfreue, sei, daß sie an ihrem Raoul diese Richtung ja schon in Deutschland wahrgenommen, daß er mitten im Lärm der Waffen seinen beschaulichen, auf die religiöse Mystik gewandten Sinn zu Tage gelegt, was sie schon da mit Erstaunen und Bewunderung erfüllt – diese Briefe, sage ich, verfehlten zu Hause jeden Eindruck. Denn zwischen den Zeilen las man immer den stummen Seufzer: Ach, wenn Ihr, meine Lieben, auch so fromm wäret! und einmal entschlüpfte ihr sogar der Ausdruck: »meine arme verlorene Schwester,« womit natürlich nur die Predigersfrau gemeint sein konnte.

Dem Vater suchte man solche Stellen zu verbergen; er merkte es aber doch und erwartete nicht anders, als daß in einem nächsten Briefe die Notifikation Karolinens Uebertritt zur alleinseligmachenden Kirche erfolgen werde. Der Anfang eines Briefes in den zwanziger Jahren schien auch darauf zu deuten. Ein sehr frohes Ereignis hätte sie mit tiefbewegtem Gemüte zu melden – »Ach Gott, wenn sie noch ein Kind kriegte!« rief die alte Mutter, die Hände faltend. – »Die kriegt keine Kinder, das hat Gott so gefügt,« sprach Isegrimm. Es war auch nicht das; aber es war ihrem Gatten gelungen, mit einem anderen Mitgliede der Familie d Espignac, aus der älteren Linie, der, kinderlos, unverheiratet, dem Spiel ergeben und einem wüsten Leben, ohne Religion, freigeisterisch, der Familie keine Ehre bringe und sich sogar nicht scheue, öffentlich mit Bonapartisten umzugehen, und der gesetzlich dennoch als Senior derselben gelten müsse, ein Abkommen zu treffen, wonach derselbe für eine Aversionalsumme von fünfmalhunderttausend Francs seine sämtlichen Ansprüche auf die Namen, Titel, Rechtsforderungen, Liegenschaften, Gerechtsame ihrem Gatten abtrat. Durch Verwendung der Prinzen und des gütigsten Königs sei dies Abkommen, gegen das bei den Gerichten sich Zweifel erhoben, sanktioniert und in den Registern der Pairskammer, und wo es sonst zur ewigen Gültigkeit nötig wäre, einregistriert worden. »Sie werden, teure Eltern,« schrieb sie, »die Handlung meines Gemahls vielleicht leichtsinnig schelten, eine so enorme Summe für ein Nichts hinzuwerfen, denn was sind diese Titel, Rechtsforderungen, Güter anders als Illusionen; aber bedenken Sie, daß es Raoul galt, die Ehre seines Hauses, den guten Namen seiner Ahnen zu erhalten. Dafür wäre ihm kein Opfer zu groß, und die Aufführung des Herrn Kolonel dEspignac ist wirklich rebutant. Er hält im Palais Royal Bank. Wenn ich ihm das auch als Passion oder Mittel zum Nahrungserwerb verzeihen könnte, so doch nicht, daß er nicht wenigstens die Scham hat, seinen Namen zu vertauschen. Aber er gefällt sich darin, ihm sind Ausdrücke entschlüpft über unsere geheiligte Königsfamilie, die mich in innerster Seele schaudern machen, und neulich bei einer Exekution hat man seine alten Uniformshüte mit der dreifarbigen Kokarde gefunden. Ich bitte Sie, liebe Eltern, das ist doch etwas zu viel der Langmut der von Gott eingesetzten Obrigkeit zugemutet. Eine wahre Fügung Gottes, daß dieser desolate Mensch neulich, durch einen Verlust im Spiel zur Desperation gebracht, selbst den Antrag wieder vorbringen mußte. Es war ein pures Geschenk meines Mannes, aber der oben wird ihn dafür belohnen, und Gott sei Dank, die Ausgabe derangiert uns noch nicht. Wir haben nach seiner unerforschlichen Fügung keine Kinder, und für den kleinen Guido, das Kind der Schwäche meines geliebten Gatten, wird Gott und Se. Majestät der König sorgen, wenn es ihm einmal fehlen sollte. Er soll der Trost unseres Alters werden, wenn es uns gelingt, ihn zu adoptieren. Mein Mann hat ihn sonst für den geistlichen Stand bestimmt, und ich stimme ihm ganz darin bei. Daß der Obrist dEspignac nicht mehr den Namen führen darf, den er verunehrt hat, versteht sich wohl von selbst. Denken Sie sich, teure Eltern, auch dafür fordert er aber noch fünfzigtausend Francs separat. So schlecht sind die Menschen, welche von Jugend auf den Irrlehren der Philosophie gefolgt sind, und Menschenweisheit für höher achten, als Gottes Wort. Mein armer Mann wird auch das zahlen müssen.«

»Und kein schlechtes Geschäft dabei machen,« lachte Isegrimm auf und verließ das Zimmer, um nichts mehr zu hören. Man wußte nicht, was es zu bedeuten habe, bis anderen Tages Mauritz mit der Zeitung kam. Das Entschädigungsgesetz für die Emigrierten war durchgegangen; die Summe, welche die Familie dEspignac für ihre in der Normandie konfiszierten Güter zu fordern hatte, war größer, als man glaubte, und bald bestätigte ein froher Brief Karolinens, daß durch eine neue wunderbare Fügung Gottes ein Gesetz erschienen sei, infolgedessen der Marquis, ihr Gatte, für alle seine der Ehre des Hauses gebrachten Opfer vollauf entschädigt werde. Wenn auch nicht die Stammgüter und Schlösser seiner Ahnen selbst, werde ihm doch ein großer Teil ihres Wertes durch jenes Gesetz zugebilligt.

»Der Herr Marquis haben gut spekuliert,« sagte Isegrimm. »Vielleicht, als er in der Kirche schlief, ist ihm im Traum das Gesetz erschienen.«

Einige Jahre vergingen, ohne daß Karoline weder besonders Erfreuliches, noch Ungünstiges zu berichten hatte. Der Reichtum ihres Mannes bei den Vorzügen und dem Alter seines Adels machten, seine Verdienste und Treue nebenher betrachtet, es dem Hofe fast zur Pflicht, an eine neue Auszeichnung für ihn zu denken – meinte und schrieb Karoline. Man wußte nur noch nicht, ob man ihm einen Marschallstab erteilen, oder ihn in den Prinzenstand erheben werde – in seinen lachendsten Morgenträumen schwebte ihm wohl die Würde eines Konnetables von Frankreich vor, was Karoline nur sehr schonend andeutete, da sie es vielleicht als Schwäche gelten ließ – als – die Julirevolution einbrach.

Da erst kam, nach einer langen Pause, ein Brief der Tochter aus Wiesbaden. Den Eingang, ihre Klagen über das unaussprechlich traurige Ereignis, den Sieg des revolutionären Prinzips, des Satans über Gottes Weltordnung, übergehen wir. Sie schrieb das Unglück dem Unglauben, der Lauigkeit zu, womit man die Ketzer und Liberalen verfolgt, daß man den Reformierten die Rechte gelassen, welche Napoleon ihnen gegeben in dem von Gott selbst für den Katholizismus bestimmten, heiligen Frankreich. Warum habe die Krone, von ängstlichen Dienern schlecht beraten, gegen die Koryphäen des Liberalismus nicht nur Schonung beobachtet, sondern sogar mit ihnen unterhandelt! – Ach aber, habe sie ein Recht, jemand deshalb anzuklagen, sie, die große Sünderin gegen den heiligen Geist, die aus sträflicher Schwäche bis ehegestern den Schritt verzögert, der sie zur Versöhnung mit ihrem Gott, zur ewigen Seligkeit allein führen könne? Ein katholischer würdiger Priester, der Herr Baron – der und der – habe sie, nicht bekehrt, aber indem er ihr Bekenntnis empfangen, seine Gebete mit den ihrigen vereinigt, um die schwere Hand des strafenden Gottes für ihre lange Saumseligkeit und Feigheit abzuwenden. »Geliebte Eltern,« schrieb sie, »ich werde unter den Heiligen und Engeln Fürbitter finden! geschah es doch nur aus kindlichem Liebe, aus Furcht vor dem Gedanken, von Euch auf Ewigkeit getrennt zu sein. Aber der Herr Baron, der würdige Erzpriester des Herrn, legte seine Hand auf meinen Scheitel und sprach: Solche Demut, solche Liebe, solche Ergebung ist allmächtig, der Herr wird seine Engel auch hinübersenden in die rauhen Föhrenwälder und Sandsteppen der brandenburgischen Ketzer. Dort werden die letzten Schlachten mit dem Satan auf Erden ausgefochten werden, furchtbar blutige, aber die Palme des Siegers winkt schon und die Abtrünnigen werden gerettet in den Schoß der heiligen Mutterkirche zurückkehren. – Diese Voraussicht tröstet mich in meiner Bangigkeit und meinen Schmerzen. Eure Tochter, geliebte Eltern, wird die erste sein, die Euch demütig harrend an der Pforte der Seligkeit empfängt, die unaussprechlich Geliebten, Geretteten. –«

»Na nu ists genug.« unterbrach Isegrimm und stampfte so mit dem Fuß auf, daß das alte Podagra sich empfindlich meldete.

An dem Tage durfte nicht mehr von der Angelegenheit gesprochen werden. Am Abend hatte er sich beruhigt und wollte wissen, was, wie er sich ausdrückte, aus ihren Leibern würde; mit ihrer Seele hätte er nichts mehr zu schaffen. Im Briefe hieß es: »Daß mein Gatte sich nun und nimmermehr mit der Quasilegitimität des Herrn von Orleans stellen kann, brauche ich Ihnen nicht zu sagen. Das Blut seiner Ahnen gerinnt schon bei der Vorstellung. Wir sind Emigrierte, wir bleiben Emigrierte, bis zu dem wohl nicht fernen Augenblick, wo die Lilien, getragen von den Waffen des gesamten Europas, wieder ihren siegreichem Einzug in dem heiligen Frankreich halten werden.«

Isegrimm machte aufstehend den allen unverständlichen Ausruf: »Hat ein spanischer Reiter auch mal einen falschen Satz getan!« weiter sagte er nichts. Um eine Aufklärung durfte man ihn nicht bitten.

Jahrelang erfuhr man nichts von der französischen Schwester. Isegrimm hatte verboten, auf den Brief zu antworten. Da erschien ein Zeitungsartikel mit einer traurigen Nachricht: »Vom Rheine:

»Ein bekannter Kroupier von Benezat, unter dem Namen Vatel bekannt, erschoß sich vor einigen Tagen. Der Fall an und für sich würde kein Aufsehen gemacht haben, da er ein desolater Mensch war, welcher schon mehrmals ein großes ihm zugefallenes Vermögen verspielt hatte. Er war ein Napoleonischer Obrist gewesen, und man wußte auch, daß er aus guter Familie war. Die katholische Geistlichkeit, in Anbetracht des Selbstmordes, seines Lebenswandels und der gotteslästerlichen Aeußerungen, die er sich offen und ungescheut gegen jeden erlaubte, versagte dem Körper die Ruhe in geweihter Erde. Er ward hinter der Kirchhofsmauer verscharrt. Da er ohne allen Anhang und Freunde war, würde sich auch hier kaum eine opponierende Stimme erhoben haben, wenn man nicht aus seinen Papieren ersehen, daß er ein Sprößling der alten normannischen Familie dEspignac gewesen. Dies mußte um so mehr überraschen, als der gegenwärtige Senior der Familie, der Ex-Pair Marquis de la Tour dEspignac Graf Heilsberg, sich mit seiner Gemahlin in Wiesbaden als Emigrierter häuslich niedergelassen. Ueber die Tugenden dieses Ehepaars ein Wort zu sagen, heißt ein Wort verlieren. Sie sind weit umher als Muster adliger Sitte, christlicher Frömmigkeit und wahrer Wohltätigkeit bekannt. Die Frau Marquise gilt als ein Engel unter den Armen. Es war vielleicht unrecht, wenigstens ist es zu bedauern, daß man dem Marquis die Entdeckung aus den Papieren des Selbstmörders kommunizierte. Er war alteriert, ritt auf der Stelle nach Homburg. Nachdem er die Papiere durchgesehen, ging er nach dem Kirchhof. Dort angekommen, fiel er am Sandhügel auf die Knie und betete inbrünstig, bis die Kräfte ihn verließen. Man mußte ihn aufheben, und schon im Fieber ward er nach Wiesbaden zurückgefahren. Dort fiel er in ein hitziges Nervenfieber, welches leider schon gestern, trotz der anstrengenden und liebevollen Sorgfalt seiner Gemahlin, seinem Leben ein Ende machte. Die Legitimisten verlieren an ihm einen ihrer reinsten und edelgesinntesten Stammhalter. Die Trauer ist allgemein. Was seine Gattin an ihm verliert, weiß niemand. Man muß aber befürchten, daß der Schmerz diesen Engel von Wiesbaden forttreibt, was unter den Armen und Frommen ebenso als ein unersetzlicher Verlust betrachtet würde, als es der Schluß der feinen, mit allem Geschmack, Reichtum und Geist ausgestatteten Soireen des gräflichen Hauses ist. Uebrigens muß bemerkt werden, daß man daran zweifelt, ob der Spieler Valet wirklich aus dem Blute der dEspignac stammt, einer Familie, welche leider mit dem Marquis ausstirbt. Man spricht wenigstens die Vermutung aus, daß er die Papiere, um sich bei Gelegenheit ein Lüster zu geben, einem anderen entwendet haben könnte. Die Frau Marquise äußert sich darüber nicht, aber ihr verächtlicher Blick spricht deutlicher als Worte. Um so betrübender, wenn der echte und letzte Nachkomme eines Heldenstammes durch eine solche Täuschung ums Leben gekommen wäre.«

Ein Jahr später ging aus französischen in deutsche Zeitungen folgende Notiz über: »Aus der Normandie: Ein eigentümliches Schauspiel hatte die Bevölkerung von *** dieser Tage. Hier lag bekanntlich das Stammschloß der Familie Latour dEspignac. Es ward in der Revolution zerstört, später bis auf die Fundamente abgetragen; die Ländereien, parzelliert, sind in den Händen vieler Besitzer. Man weiß, daß die Witwe des Grafen von Heilsberg schon vor einem Jahr die Aecker kaufte, auf welchen ein Teil des Schlosses und die Erbgruft gestanden. Die Fundamente der letzteren fand man noch vor, und sie hat auf denselben in gotischem Stil ein Erbbegräbnis ausrichten lassen, welches, eines Mausoleums würdig, in der Normandie seinesgleichen sucht. Nachdem dasselbe durch den Herrn Erzbischof und die gesamte Geistlichkeit der Diözese eingeweiht worden, kam am Freitag der Leichenkondukt mit den sterblichen Resten des selig entschlafenen Großwürdenträgers, Generals der Kavallerie, Marquis Raoul Bienaimé Gouvion de la Tour dEspignac, Grafen von Heilsberg, aus Deutschland hier an. Mit liberalem Sinn hatte die Regierung alles getan, der Feierlichkeit jedes Hindernis aus dem Wege zu räumen; die gesamte Geistlichkeit und die Legitimisten aus der ganzen Provinz hatten sich freiwillig eingefunden, um der Grabsetzung eines Mannes beizuwohnen, welcher als der unerschütterliche Pfeiler der Grundsätze in seinem Leben dastand, denen sie huldigen. Die Glocken der Parochie läuteten, Blumen schmückten Gruft und Kapelle, kein Auge blieb trocken, am wenigsten dann, wenn es auf eine mit schwarzem Flor vom Kopf bis zur Zeh verhüllte Gestalt fiel, welche unbekümmert um Geläut, Gesang und die Teilnehmenden, durch drei Stunden mit gefalteten Händen unbeweglich über der Gruft kniete und betete. Durch den Schleier sah man, daß ihre Züge noch von großer Schönheit waren. Als sie sich endlich erhob und mit majestätischer Monotonie durch die Anwesenden nach der Equipage schritt, mußte man auch den elastischen Körperbau der Marquise bewundern, die doch schon in den Vierzigern ist. Unter dem Familienwappen, das zwei Ritter mit gesenkten Fackeln zu bewachen scheinen, stehen die einfachen Worte: ›Hier ruht der letzte dEspignac.‹ Die Marquise hat in der Kapelle eine ewige Lampe gestiftet, und täglich wird für alle Zeiten eine Seelenmesse gelesen. Die ansehnliche Fundation dafür ist mit vollkommener Sicherheit auf benachbarte Güter eingetragen.«

Noch im selben Jahre erfuhr man in Ilitz durch einen Brief der Reichsgräfin Waltron weiteres über Karoline. Sie hatte die erstere durch einen Besuch überrascht, welcher der guten Wilhelmine anfänglich eine große Freude gemacht, aber anders ausschlug, denn sie schrieb: »Gott sei Dank, daß sie fort ist, und ich wieder frei atmen kann. Wenn das Sünde ist, daß ich meine Schwester fortwünsche, so möge der liebe Gott mir verzeihen; aber meine Kinder und mein Mann stehen mir doch näher, und habe ich nicht auch Schwester, Bruder und Gott sei Dank auch noch Vater und Mutter, die ich von ganzer Seele lieb habe, so wie mein einfältiger Verstand mir sagt, daß es recht ist. – Gesund ist sie und stark auch; in ihrer Jugend sah sie nie so wohl aus. Ihr mögts Euch denken, wenn ich Euch sage, sie stieg zu Fuß den steilen Burgweg hinauf, in einem grauen seidenen Mantel und breitkrempigen Strohhut. Als sie mich erblickte, stürzte sie mir in die Arme, und ihr Schwesterherz wußte nicht Worte genug, ihre Freude auszudrücken. Sie spielte mit mir wie ein Kind und wollte dann vor mir auf die Knie sinken, wie sie sagte aus Freude, weil sie noch eine gerettete Schwester vor sich sähe. Als ich meinte, daß sie, an allen Luxus der Pariser Paläste gewöhnt, in unserem alten, winklichten Bergschlosse keinen Platz finden werde, wo es ihr gefiele, erwiderte sie: sie komme ja als arme Pilgerin, die nichts suche als Heil, und sie wäre mit einem Strohlager im Stalle zufrieden, wenn sie mir nur täglich ins liebe Auge sehen könne. Ich solle überhaupt gar nicht merken, daß sie im Schlosse wäre, so wolle sie sich ungesehen machen; das sei ihre Passion, seit sie ihr Alles in ihrem Raoul verloren. Da brach sie in einen Tränenstrom aus und konnte von meiner Brust nicht fort. Sie tat mir wirklich leid. Sonst aber machte es sich bald anders. Als arme Pilgerin war sie auch nicht gekommen, wenn sie auch schon die letzte Meile zu Fuß gegangen; denn zwei elegante, hochbepackte Reisewagen mit ihrem Sekrettär, Kammermädchen und Bedienten und dem fatalen Guido kamen nach, und die wären wahrhaftig nicht mit einem Strohlager im Stall zufrieden gewesen. Ich bedauerte. daß mein Mann abwesend sei; sie war darüber froh, nun könne sie mich ganz genießen, das einzige liebe Glied, das ihr aus ihrem Vaterhause übrig geblieben. Mit mir hoffe sie sich doch zu verständigen. Da schenkte ich ihr denn klaren Wein ein: daß der gute Vater seine Gesinnung gegen sie nicht ändern wolle, tue mir, wie nur jemand sonst, herzlich leid; aber die Gesinnungen der andern, über die könne sie nicht klagen. Und ich wisse sehr wohl, was an mir gut sei, das sei alles fürs Haus, wenn sie aber einen Austausch ihrer höheren und feineren ästhetischen Empfindungen wünsche, warum sie sich da nicht an Malchen wende, die von je an dafür Sinn gehabt und jetzt eine ausgebildete Frau sei. Da sah ich zum ersten Male das vornehme ungläubige Lächeln, das den inneren Hochmut verriet, was sie mir in den vierzehn Tagen ganz unausstehlich gemacht hat: eine Kluft, die nie auszufüllen, trenne sie auf ewig von Amalien und – seufzend sagte sies, auch von Euch andern, Ihr alle wäret verloren, und sie könne nichts für Euch tun, als beten. Also auf die Bekehrung wars abgesehen. Da erlaubte ich mir denn zu fragen, warum es auf mich abgesehen sei, und warum ich in ihren Augen nicht auch verloren wäre, da ich heut so wenig als damals von Mystik oder Romantik, oder Sehnsucht nach dem Unendlichen, oder Supernaturalismus, oder wie die Dinge heißen, in mir etwas empfände? Und mein Mann, der sei der eifrigste Protestant von der Welt. Sie lächelte wie vorhin und sagte, im reinen und alten Blute stecke eine Glaubenskraft, die, wie der Magnet immer nach Norden ziehe, unwillkürlich immer wieder nach Rom hinlenken müsse. Wenn auch vom alten Adel und den Fürsten viele der Reformation aus Unverstand und verschiedenen Gründen gehuldigt, werde sich doch das bald ändern, wie es sich schon in verschiedenen Familien geändert, und wenn auch das Volk noch hie und da eine Weile in den Irrtümern der Ketzerei verharre, werde über kurz oder lang der gesamte wahre Adel wieder zur wahren, zur alleinigen Kirche schwören. Ich dankte meinem Gott, daß mein Mann nicht da war. Und da gingen denn bald die Bekehrungsversuche an, die ich mir schon gefallen lassen mußte, da es einmal so war, und ich nicht das Zeug habe, sie zu bekehren. Sie war mein Gast und meine Schwester. Aber ich kann Euch versichern, so verdrießlich es mir war, es hat mir nichts geschadet.

»Aber sonst ging denn manches vor, und in meinem lieben Schlosse sah es aus beinah, wie wenn bei uns eine Schwadron Einquartierung eine Woche gelegen hätte. Einfach war Karoline und machte gar keine Prätensionen. Ja, so sagte sie, und wenn man sie von fern sah, da konnte keine Bürgersfrau unten im Städtchen einfacher gekleidet gehen. Aber wenn mans von nahe sah, warens die kostbarsten Stoffe, und wie oft wechselte sie, um auch in der und der Kouleur einfach zu scheinen, und wie lange dauerte die Toilette, bis die Kammermädchen die Einfachheit hergestellt hatten. Ich sah sie oft mit verweinten Augen rauskommen. Bei Tisch mochte sie länger beten, als essen; alles war zu viel, zu prächtig, aber zum Frühstück und Vesper ließ sie sich Rebhühner und Schnepfen in die Stube bringen, und auch wohl manchmal ein kleines Fläschchen süßen Wein und Champagner. Prätensionen machte sie gar nicht, sie wollte auf einer Strohmatratze schlafen, aber die Mädchen konnten ihr doch nie das Bett so zurechtmachen, wie sie es wollte. Sie sagte, sie bediene sich allein, aber wir mußten doch eine Klingel in ihrer Stube anbringen, und das Klingeln ging Tag und Nacht. Am Tage war ihr dies und jenes nicht recht, und wenn sie nachts nicht schlafen konnte, mußte jemand bei ihr sein und vorlesen, und Gott weiß was. Ihr Bad mußte ihr ins Zimmer gebracht wenden, ob wir doch am Quell eine hübsche Badestube haben, und dazu mußte ich im Städtchen eine neue Wanne machen lassen, und das Heraufschleppen des Wassers vom Quell, drei Treppen hoch, was kostete das Mühe; und bald wars ihr doch zu heiß, und bald zu kalt. – Sie war die Ruhe selbst, sagte sie, und wer sie morgens mit dem gescheitelten Haar und dem glatten, bis über dem Hals zugeknöpften grauen Kleide sah, glaubte es auch, aber dann ging die Unruhe los, kein Plätzchen war ihr recht, was ihr noch eben gefallen hatte; da wars ihr zu zugigt. da schien zu sehr die Sonne, da hatte sie keine Aussicht, und da sah sie auf einmal zu viel. Ach, liebe Mutter und Vater, ich fürchte, die arme Karoline hat nirgends Ruhe.

»In ihrem Umherstöbern nach Altertümern im Schlosse, die wohl da sind, aber ich wüßte darunter nichts Sehenswertes, und Waltron meint das auch, entdeckte sie die ehemalige Schloßkapelle, die seit wer weiß wie lange Vorratskammer ist, denn wir gehen Sonntags unten in die Kirche. Nun erklärte sie sich ihre Unruhe, wenn sie an der Stelle vorübergegangen wäre, und entdeckte darin Gott weiß was für künstliche Herrlichkeiten. Das war ein Gerede und Gespreche und Geplage, und das Ende vom Liede war, ich mußte ausräumen lassen, rein machen, anstreichen, mit Teppichen beschlagen, daß sie eine Kapelle hätte, wo sie ihre häusliche Andacht verrichten könnte. Und damit nicht genug. Sie hätte doch unten im Städtchen in der katholischen Kirche die Messe hören können, wie unser Inspektor, oder der gute alte Priester wäre auch, wenn wir ihn gebeten, heraufgekommen; aber es war ihr chokant, daß die katholische Kirche dicht neben der evangelischen stand, und der gute Priester war ihr auch nicht recht, weil er mit dem lutherischen so leidlichen Frieden hält, also mußten wir alle Tage zwei Meilen weit einen Kaplan vorm Frühstück herfahren lassen, der die Messe las. – Ihr könnt denken, was das für Umstände machte, und überhaupt, – wir haben doch Leute genug, und sie hatte noch mehr unnütze Brotesser mitgebracht, aber oft fehlte es so an Händen, weil sie überall bedient sein mußte. Wenn sie zur Messe ging, mußten ihr zwei Bediente das Gebetbuch nachtragen.

»Und dann wegen der Kinder ging es absolut nicht mehr. Sie predigte immer gegen das viele Lernen. Kinder sind pfiffig und merken sich so was. Aber ihr Guido, das ist ein rechter Taugenichts und Lüderjan; der hätte mir meinen Jungen geradezu verdorben. Siebenzehn Jahre ist er schon alt, und wie sie ihn verhätschelt! Ihm darf kein rauhes Wort gesagt werden, und die Kammerdiener haben rechte Not mit ihm. Lieber Gott, ich will nichts dagegen gesagt haben, wenn sie das für recht und christlich hält, solch ein Kind ihres Mannes wie ihr eigenes aufzuerziehen; ich täte es vielleicht auch, denn was tut man nicht um einen Mann, den man so lieb gehabt hat. Aber von ihren Leuten hörte ich ja, daß noch viele solcher Kinder herumlaufen, darunter noch ganz junge, und um die kümmert sie sich nicht, und er, der Marquis, hat sich auch nicht um sie gekümmert. Ist das christlich, daß sie Gänsemägde werden, oder Bediente und Kellner und kein Mensch sorgt weiter für sie, und den einen, weil er ihr Liebling ist, den verhätschelt sie, daß gewiß auch nichts aus ihm wird. – Ach liebe Eltern, wie gern hätte ich Euch Besseres von der armen Karoline geschrieben – aber sie ist nicht mehr von unserer Art; es ist was anderes in sie gefahren und wir verstehen uns nicht mehr, und es ist recht gut, daß sie fort ist, ehe Waltron zurückkehrte. Sie will nach Loretto gehen, oder nach Jerusalem oder Wien. Sie weiß es selbst nicht und tut alles, was ihr in den Sinn kommt.«

Das waren die letzten Familiennachrichten, welche man von der verlorenen Tochter erhielt. Was Mauritz und Isegrimm später über sie hörten – denn verschollen war sie keineswegs, sie machte im Gegenteil viel von sich sprechen, und ihr Name tauchte oft in den Zeitungen auf – war von der Art, daß sie nur einen Teil davon ihren Frauen und Töchtern mitteilten.

Die Marquise, welche sich aber fortan lieber Gräfin Heilsberg nennen ließ, wegen des an diesen Namen geknüpften Omens, hat verschiedene Reisen im Orient gemacht. Sie hat den Libanon, auch einen Teil des Berges Sinai bestiegen. In der Umgegend von Jerusalem war sie wie zu Hause. Ruhe hat sie aber auch da nicht gefunden. Einen einigermaßen dauernden Wohnsitz nahm sie nur in Wien, wo sie mit der Herzogin von Köthen und anderen hochgestellten Damen im innigsten Verkehr lebte. Sie war eine der frequentesten Kirchengängerinnen und hat manchem jungen Geistlichen, der später ein Licht in der Kirche ward, zu seinem Ruf verholfen. Auch steuerte sie zu allen kirchlich frommen Unternehmungen und Kongregationen bei, was alles doch nicht hinderte, daß sie auch in den höheren Gesellschaften als noch immer eine der schönsten Frauen glänzte und einen großen Kreis von Verehrern um sich hatte. Zu bekehren war ihr Lieblingsgeschäft. Außerdem schriftstellerte sie, und in kleinen Kreisen teilte sie auch den entzückten Zuhörern Bruchstücke aus ihrem Buche Loretto und Bethlehem mit. Zum Druck hat sie es nie gegeben. Einige meinen, weil ihre Freunde ihr davon abgeraten, wahrscheinlicher ist, weil sie es rebutant fand, daß es gewöhnlichen Schriftstellern, auch den gemeinsten Zeitungsschreibern, vergönnt sei, kritisch über alles, und sogar darüber herzufallen, wenn hochgestellte und illustre Frauen das Publikum würdigen, demselben ihre religiösen Empfindungen und Erlebnisse mitzuteilen. Sie meinte, es müsse gegen solchen empörenden Unfug ein Gesetz erlassen werden; aber wie ernste Rücksprache sie auch deshalb mit Ministern und fürstlichen Personen gepflogen, sie konnte es unbegreiflicherweise nicht durchsetzen. Deshalb wartet das Manuskript noch jetzt auf den Druck, und jüngste Schicksale anderer akkreditierter Damen hatten sie noch mehr in ihrem Entschluß bestärkt. Es ist bekannt, und sie hat es jedem gesagt, daß sie in ein Kloster gehen, auch daß sie eins stiften wollte, wozu die bereitesten Mittel schon dalägen. An Verhandlungen darüber hat es auch nicht gefehlt, ihre Freundinnen haben sie immer noch davon zurückgehalten; nicht weil sie den Entschluß mißbilligten, sondern weil dazu immer noch Zeit sei, und sie nach einer dornenvollen Jugend, einer beispiellos tugendhaften Ehe und musterhaft ihrem Gatten bewahrten Treue noch gar nicht wisse, was sie zu bereuen und büßen habe. Man erinnerte an Prießnitz, damals als glänzendes Gestirn aufleuchtend, welcher solche Patienten, sogar wie beleidigt über ihr Kommen, zurückwies, die nach seiner Meinung noch nicht reif für die Wasserkur waren, und sie weniger als Heilmittel für eine vollendete Krankheit, denn als Präservativ gegen eine heranschleichende gebrauchen wollten. Die Freundinnen meinten, ob es nicht mit dem Heil durch Kasteiungen derselbe Fall sei. Mit je volleren Zügen man kurz vorher die Lust der Welt geschlürft, um so überraschender, reinigender, vollkommener sei alsdann der Uebergang zum beschaulichen Leben. Ihre Beichtväter, sehr gefällige Geistliche, stimmten dem bei und beruhigten ihr Gewissen durch Auferlegung solcher Kasteiungen, die für schöne Sünderinnen nicht zu schwer zu ertragen sind. So kam es denn, daß sie den Profeß von Jahr zu Jahr aufschob und selbst den Moment versäumte, als sie ihr Gelübde am Sterbebette des armen Guido, der infolge eines ausschweifenden Lebens kläglich starb, erneut hatte. Sie schob es so lange auf, bis es zu spät war. Sie starb am Schreck über die aufschlagenden Flammen des Märzfeuers, glücklicherweise jedoch nicht ohne vorher ihr Testament gemacht zu haben, indem ihr letzter Beichtvater, ein feuriger, junger Jesuit, ihr assistierte. Auf diese Weise ist ihr großes Vermögen wenigstens nach ihrem Tode zu den Zwecken gerettet worden, zu denen sie es in ihrem Leben bestimmt hatte. So viel verlautet, ist es an die Propaganda nach Lyon gegangen.

< Von Hochgezieten.
Querl. >



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