Frei Lesen: Walladmor

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Willibald Alexis

Walladmor

Erster Band, Erstes Kapitel.

eingestellt: 7.8.2007



Vielleicht erinnert sich der Leser noch folgenden Artikels aus den Times, welcher vor einigen Jahren lebhaftes Interesse in unserer südlichen Hauptstadt erregte:

» Bristol. Gestern sahen die Bewohner dieser Stadt ein furchtbar schönes Schauspiel von den hochgelegenen Strandgegenden aus. Das Dampfboot Halcyon, von der Insel Wight nach der nördlichen Küste von Wales steuernd, ward plötzlich auf der hohen See, ohne daß ein Windstoß den Meeresspiegel trübte, in unsern Busen getrieben. Kaum aber hatte es die Spitze von Cardowa erreicht, als wir eine Rauchwolke an der Stelle des Schiffes erblickten. Bald verkündete uns ein von den Bergen wiederhallender Knall, daß die Dampfröhre gesprengt und die Pulverkammer aufgeflogen sei. Die von allen Seiten herbeieilenden Barken fanden nur Schiffstrümmer, und sahen sich, da ein heftiges Gewitter herannahte, bald genöthigt umzukehren. Weder vom Schiffsvolke noch den sechzig Passagieren, meist aus Frankreich heimkehrenden Engländern, ist Jemand gerettet. Auch soll ein gefährlicher Verbrecher an Bord gewesen sein. Wir erwarten die nähern Nachrichten über diesen traurigen Vorfall.«

Zum Schmerz der edelsten Familien des Landes bestätigten sich diese Nachrichten auf das Furchtbarste. Auf den Klippen fand man nach einigen Tagen die Leichen eines Lord W*** [und] eines Sir O***, so lange die Zierde des Hauses der Gemeinen. Kaum waren sie in ihrem zerschmetterten Zustande zu erkennen. So hatte sich Englands Meer an Englands Söhnen gerächt für die lange und freiwillige Verbannung aus der Heimath.

Am Bord des Halcyon stand an jenem Tage ein junger Mensch, und blickte, wie es schien, sehr bewegt, nach den fernen Küsten von Wales. Aus diesem träumenden Hinstarren wurde er plötzlich erweckt, als das Schiff mit einem furchtbaren Ruck sich umkehrte. Er blickte mit den Matrosen und Passagieren, welche der schöne Abend auf das Verdeck gelockt hatte, nach dem Steuermann hin. Dieser aber streckte sprachlos seinen Arm nach der Mitte des Schiffs aus, wo der Dampf aus der Röhre in dicken Wolken empor qualmte. Die Reisenden wurden bleich, die Matrosen fluchten:

Der alte Niklas greift uns . Kein Pardon von Oben. Holla lustig so langs geht!

Unter verworrenem Geschrei stürzte die Mehrzahl herunter, zerschlug die Brandweinfässer, trank und genoß, was nur zu finden war, und hörte nur in so weit auf den Zuruf der Passagiere: »Rettet! Rettet!« als einzelne Stimmen antworteten:

S giebt keine Rettung. Der alte Niklas schlürft uns Alle, und nun wollen wirs zuerst thun.

Der Capitain, am besonnensten von Allen, eilte nicht zu retten, sondern sprang mit gezogenem Säbel nach dem Boote, um das Seil zu kappen. Der junge Mann, als er die ersten Symptome des nahenden Untergangs wahrgenommen, hatte ein kleines Felleisen sich umgeschnallt, und stand bereit in den Nachen zu springen, als der vorbeieilende Capitain ihn mit der Faust über Bord stieß. Alles dies geschah in wenigen Momenten. Kaum hatte eine Welle den Herabgestoßenen einige Schritte vom Schiffe fortgeschleudert, als dieses mit furchtbarem Krachen zersprang und in die Luft flog. Die Trümmern aber wurden weit über den Ohnmächtigen fortgeschleudert, so daß, als er seine Besinnung wieder erhielt, er auf der unruhigen Wasserfläche kein Schiff mehr, und nur in weiter Entfernung einiges Bretterwerk, als Spiel der Wellen, erblickte.

Die Noth führt allemal den Menschen zur Natur zurück. Wer von unsern weit hinausblickenden Reformern würde, wenn sein Dampfschiff gesprungen, noch ferner an der radicalen Ausbesserung des Staatsschiffes gedacht haben, sondern nicht viel lieber auf sein eigen Heil bedacht gewesen sein. Auch der junge Mann vergaß alle die trüben oder lockenden Aussichten, welche ihm am Bord des Schiffes vorgeschwebt hatten, und strengte jetzt alle Kräfte an, durch die hohen Wellen nach einer Tonne zu schwimmen, welche in geringer Entfernung von ihm bald aus dem Wasser hervorblickte, bald verschwand, jenachdem sie die Welle mit sich in die Höhe trug, oder beim Sturze mit sich hinunter riß. Endlich gelang es dem bereits Erschöpften, die Tonne zu erreichen. Kaum aber hatte er den äußersten Rand mit beiden Händen gefaßt, als auch von der andern Seite die Tonne niedergezogen wurde. Ein Schiffbrüchiger, dessen nasse lange Haare über sein Gesicht schlaff herabhingen, krallte sich, wie der Adler auf Schottlands Klippen das Lämmchen faßt, an den Reifen der Tonne an, und es schien aus seiner Gewaltanstrengung, als hätte er in das Holz selbst hineingreifen wollen. Als er den Nebenbuhler bemerkte, schüttelte er wild seinen Kopf, um die Haare aus den Augen zu schleudern, und öffnete den Mund, indem er dem Mitbewerber die zusammengepreßten Zähne wies.

Wärst Du Old Nick selber, Du mußt ins Meer, denn uns Beide trägt nicht die Tonne.

Er rüttelte dabei so gewaltig, daß der jüngere Mann, wenn er nicht auch mit dem Tode gekämpft hätte, würde herabgestoßen sein. So zerrten Beide mehrere Minuten an der Tonne, ohne daß sich Einer hinaufschwingen konnte. Beim weitern Kampfe geriethen sie in Gefahr herabzufallen oder mit dem Gefäße unterzugehn. Deshalb vereinigten sie sich zu einem Waffenstillstande. Jeder von ihnen hielt sich mit der rechten Hand fest, die linke aber hoben Beide in die Höhe und riefen nach Rettung. Ihr Hülfsgeschrei blieb indessen fruchtlos, denn das Ungewitter zog, wie von der gewaltigen Erschütterung gerufen, heran, der Himmel wurde schwarz, Donner rollten über ihnen, und die Wogen, welche von der Explosion nur momentan konnten bewegt sein, hoben sich mit weißem Schaum bedeckt immer höher und unruhiger.

Es ist umsonst – sagte der zweite Schiffbrüchige, – Menschen und Himmel hören uns nicht; der unten ruft – Einen – oder Beide. Willst Du mitgehn, Brüderchen?

Der wilde Mensch ließ hier mit einem Male von der Tonne los, wodurch der andere, welcher diese Wendung nicht vorausgesehn, das Gleichgewicht verlor, und niedersank. Diesen Moment benutzte sein Gegner. Er packte nach seinem Kragen, um ihn völlig niederzuziehn, riß aber nur das Halstuch herunter. Der Angegriffene fand nun, auf einen Augenblick befreit, Gelegenheit sich auf die Tonne hinaufzuschwingen, und als der Andere einen neuen Angriff wagte, schlug er, im Todeskampf, ihn mit der Faust auf die Brust, daß jener zurücksank und die Welle ihn verschlang.

Sollte ein Bewohner unseres glücklichen Eilandes noch nicht das Schauspiel eines Sturmes auf offener See gesehen, und noch nicht das Hülfsgeschrei der Unglücklichen, welche auf Brettern und Masten nach Rettung schwimmen, gehört haben, der wird doch mindestens aus Reisebeschreibungen die furchtbare Angst und die Hoffnung kennen, welche abwechselnd Herrschaft über den Geist der Gefährdeten ausüben. Wer hätte nie in dem Firth von Forth oder der Themse vom reich beladenen Kauffarteischiffe Menschen herabstürzen und dann vom Ufer aus ihre Anstrengungen gesehen, über den Tod den Sieg zu gewinnen? Als neulich im Gedränge der Knabe von der Waterloo-Brücke herab in die Themse fiel, und Tausende von allen Seiten ihm zuriefen, wie er sich retten möge, ihm aber Niemand, durch die Umstände verhindert, thätig zu Hülfe eilte, wer bemerkte da nicht mit Bewunderung, wie der Knabe, taub gegen den Rath der Menge, immer die Mittel ergriff, welche ihn für den Augenblick über dem Wasser erhielten, bis er den, von mitleidiger Hand ihm zugeworfenen, Korb mit den Händen faßte? – Während die schwarzen Gewitterwolken sich immer tiefer herabsenkten und die Wogen ihren Schaum an den Himmel warfen, klemmte der junge Mann sich, so fest er vermochte, an die Tonne, sprach ein kurzes Stoßgebet und überließ sich den Elementen.

Im Augenblicke der Todesnoth hören die menschlichen Gesetze auf, da die Strafen ihre Schrecken verloren haben; auch die höhern Gesetze können alsdann schweigen; wenn aber die Ruhe zurückgekehrt ist, wird auch die Stimme des Gewissens wieder laut. Als der Schiffbrüchige, erstarrt am Leibe, und starr im Geiste, bald unter bald hoch über dem Wasser fortgetrieben wurde, als Alles um ihn grause Nacht war, und die unterweilen niederschlagenden Blitze ihm nur noch gräßlicher die Todesscene zeigten, da schwieg die innere Stimme doch nicht soweit, daß es ihm nicht wäre leid geworden, seinen Unglücksgefährten ermordet zu haben.

Es mochten nur wenige Minuten vergangen sein, als der Schwimmende ein Stöhnen neben sich vernahm. Glücklicher Weise erhellte ein Blitz in dem Augenblicke die Gegend, und er konnte sehen, wie sein Gegner noch immer mit den Wellen kämpfte, indem er sich an einem schwachen Brette festhielt. Das Brett konnte ihn indessen nicht tragen, sondern diente allein ihn beim Schwimmen zu unterstützen. Die Kräfte schienen ihm auszugehn, als auch er seinen begünstigten Gegner erblickte. Er streckte die Hand nach ihm aus.

Habe Barmherzigkeit! Mit mir ists aus – gleich aus – nimm, wenns Dir besser geht, aus meiner Brieftasche – den Brief und bringe ihn der Lady – wenn Du selbst jemals geliebt hast, beschwöre ich Dich, thu es, und sag ihr, ich hätte beständig an sie gedacht – treu gedacht, und s wär vielleicht das einzige Gute an mir gewesen. – Wenns eine Hölle oder nen Himmel giebt, sehn wir uns wieder.

Mit großer Anstrengung suchte hierauf der Mann mit der einen Hand seine Brusttasche aufzuknöpfen, welches ihm indessen nicht gelang. Der junge Mensch wurde wunderbar gerührt von dem bleichen Todesantlitz des Mannes, in dessen Zügen man doch zugleich eine freche Wildheit auf den ersten Blick erkennen mußte. Er sagte zu ihm:

Du da unten! Gehts mir besser, so bestell ich Deinen Auftrag. Aber ich kann schwimmen und habe mich jetzt ausgeruht. Gieb mir Deine Hand. Du magst nun auf die Tonne steigen, und ich will indessen schwimmen, bis ich wieder müde bin. So retten wir uns vielleicht Beide.

Bist Du wahnwitzig – rief der Andere – oder giebts Menschen auf Erden, wie sie in Büchern stehn sollen? – Es giebt kein Gesetz, das einem Schiffbrüchigen verwehrt, den andern vom letzten Brett runter zu stoßen, aber ein solch Gesetz, das ihm befiehlt abzusteigen, um den andern heraufzulassen, kann selbst unten Satan nicht machen. –

Das ist ja einerlei. – Gieb mir die Hand. Steig herauf. Ich halte mich fest an der Tonne, wenn ich schwach werde.

Der Andere faßte die ihm dargebotene Hand und stemmte sich mit beiden Armen auf den andern Rand der Tonne. Dann blickte er seinen edelmüthigen Gegner groß an, schüttelte den Kopf und sagte:

Entweder bist Du Satan selber, und während Du mir erlaubst, auf einer Tonne meinen elenden Leib fortzutragen – kommt hinter mir ein Boot, um mich gewiß zu retten; oder Du bist Einer, der Gnade bringen soll von oben, und Erhaltung dem Sünder, damit er recht ordentlich gestraft werden kann.

Keines von Beiden. Bin auch nicht so edelmüthig, daß, wenn wir auf einem Brette lägen, ich ins Wasser spränge, um zu ertrinken. Aber nimm Du mein kleines Felleisen, damit ich besser schwimmen kann, und nun – Glück zu.

Er ließ die Hand los und versank tief in die Welle. Eine andere aber brachte ihn wieder in die Höhe, und ein günstiges Geschick ließ ihn meistentheils die Oberfläche des Wassers halten. Indessen hatte der Sturm fortgewährt und die natürliche Dunkelheit sich mit der Gewitternacht vereinigt. Nur die Blitze, welche das Meer bis auf den Grund zu spalten schienen, gaben auf Augenblicke Licht, um im nächsten die fürchterliche Nacht dem Unglücklichen noch schrecklicher zu machen. Nach mehreren Minuten fragte der Mann, welcher jetzt im Besitz der Tonne war:

Lebst Du noch, Du Thor, da unten?

Ja, aber ich werde schwach, und will die Tonne wieder anfassen.

Faß zu. Kennst Du das Meer hier?

Nein – es war das erste Mal, daß ich zu Schiffe das Meer befuhr.

Der Andere lachte:

Nun sieh! Wozu quälen wir uns, und strengen das letzte bischen Kraft an, uns flott zu erhalten. Ich kenne das Meer hier wie mein Vaterland, und weiß, daß gar keine Rettung möglich ist. An kein Fleckchen Erde, nicht einmal an eine Klippe können wir treten, sondern in die offene See, und s kommt nur drauf an, ob wir lebendig oder todt den Fischen in den Rachen fallen.

Noch ists möglich, sagte der Andere, daß uns Mitbrüder zu Hülfe kommen.

Jener lachte abermals, und fuhr fort:

Menschen? Mitbrüder? Du bist wohl noch ein junges Blut und kennst sie wenig? In dieser Nacht wagt sich keine Seele heraus Kein Mensch setzt sein Leben daran, um ein Paar Lumpenhunde willen, wie wir sind. Und wenn sie uns einholen, wer weiß, ob das nicht schlimmer wäre als Rettung. Aber ich weiß was Besseres.

So sprich.

Laß uns keine Narren länger sein. In dem Faß, worauf ich liege, ist Rum oder Arrak. Wir könnens wohl eindrücken. Dann trinken wir uns draus noch einmal lustig, umarmen uns, und fallen zusammen unten hinunter, von wo Niemand herauf kommt.

Abscheulich, das wäre Selbstmord.

Hast Du so ein feines Gewissen? Meinethalben, so mag ein Seehund thun, was wir selber gut hätten thun können. Komm herauf, Du zartes Herrchen, auf die Tonne. Ich will noch ein Paar Minuten schwimmen, so lang es geht, und dich dann unten erwarten.

Beide tauschten ihre Plätze. Aber selbst auf der Tonne fehlten bald dem jungen Mann die Kräfte. Er krallte sich darauf fest. Der Sturm wurde immer furchtbarer, und mehrmals vergingen ihm die Sinne, als er von der häuserhohen Welle in den tiefen Abgrund geschleudert wurde, bis er endlich mitten im stillen Gebet bei einem furchtbaren Stoße die Besinnung verlor.

Die Natur ist gütig auch in ihren Schrecknissen. Wenn sich das ihm Furchtbare so anhäuft, daß des Menschen Kraft es nicht mehr zu fassen vermag, so lindert eine Betäubung seinen Schmerz. Beim Erwachen treten alsdann zwar alle die schrecklichen Erscheinungen ihm wieder vor Augen, er hat aber neue Kraft gesammelt, und es ist ja des Menschen schöne Bestimmung, im Zustande der Besonnenheit durch den Geist über die Schrecken der Natur zu siegen.

Als der Schiffbrüchige aus der Betäubung erwachte, hörte er nicht mehr die See um sich toben, und fühlte sich nicht mehr von ihren Wellen geschaukelt. Es war noch finster um ihn, aber nicht jene große Nacht, welche die stürmenden Elemente gebildet hatten, sondern die Dunkelheit einer niedrigen Hütte begegnete zuerst seinem Auge. Lange Zeit blickte er stumpf und starr auf das Gebälk der Decke, an welchem einige Lumpen und Fische, vermuthlich um zu trocknen, aufgehängt waren, und von der Zugluft beständig geschaukelt wurden. Diese einförmige Bewegung, welche für Andere, gleich dem Ticken einer Wanduhr, zum Schlaflied hätte werden können, brachte ihn allmälig zu sich selbst zurück. Er verglich das traurige Schauspiel dicht über ihm mit dem schönen Momente auf dem Halcyon, wo er zuerst die Küsten von Wales im Sonnenscheine vor sich erblickt hatte; und bald ordneten sich ihm die Gedanken, obgleich der Zusammenhang zwischen der schwankenden Tonne, auf welcher er im Ocean geschwommen war, und dem feuchten Lehmboden, der jetzt seine Lagerstätte bildete, so wie der furchtbaren Elementarnacht und jetzt den trocknenden Heringen und geflickten Schürzen über ihm, fehlte. Diese Gedanken beschäftigten ihn indessen weniger als die Sorge um sein Felleisen. Zu seiner Freude entdecke er aber bald, daß er mit dem Kopfe auf demselben ruhe, und jetzt erst wandte er sein Auge zur Betrachtung der andern ihn umgebenden Gegenstände.

Es war eine so ärmliche, niedrige Hütte, wie man sie in diesem Königreiche nur noch auf den äußersten Spitzen der hochschottischen Halbinsel, deren Bewohner kümmerlich sich vom Strand-Fischfang nähren, vorfindet. Von kaum behauenen Fichtenstämmen war das Gestell der Hütte unregelmäßig zusammen gezimmert, und ohne Zwischengebälk jede der vier Wände mit Lehm, Torf, Seegras, Muscheln und Feuersteinen ausgestopft. Zwar bildeten einige Balken das Grundgestell der Zimmerdecke, sie waren aber nicht mit Brettern belegt, so daß man die Aussicht bis an die Spitze des Daches hatte, durch dessen Schilf und Moos der Luft und dem Regen der außergewöhnliche Eintritt in die Hütte nicht verwehrt war. In dem kleinen innern Raume hing zwar mancherlei Geräth, alles aber so bunt durcheinander und in so ungewissem Lichte, daß der Fremde das Wenigste davon zu erkennen vermochte. Das einzige Licht in der Hütte ging von dem etwas erhöhten Kaminfeuer im Winkel der Stube aus. Es war aber so spärlich unterhalten, daß selten eine Flamme aus den glimmenden Kohlen emporloderte, und auch diese nur dann dunkelroth glühten, wenn die Zugluft durch die Wände strich, was indessen bei der erwähnten Beschaffenheit derselben, häufig genug geschah. Ueber dem Brande hing überdies ein großer, schwarzer Kessel, aus welchem ein nicht grade unangenehmer, aber doch die Sinne einnehmender, Rauch ausströmte, und den Ausweg aus der Hütte seltener durch den Schornstein als durch die Ritzen in der Lehmwand suchte, zuvor aber alle Gegenstände, und auch den Dahingestreckten, schwarz umzog, so daß die Nacht oft noch dunkler wurde. Es war ganz still in der Hütte, nur daß zuweilen mehrere Katzen ihre traurig langweiligen Stimmen hören ließen. Auch schien Niemand in der Hütte zu leben; nur wenn die Kohlen heller aufglimmten, sah der Fremde ein scharf markirtes altes Weibergesicht aus dem Rauche hervor, und mit den dunkelgrauen, aber großen Augen unverwandten Blickes auf den Kessel hinblicken. Zuweilen, wenn der Rauch aus dem Kessel hinaufstieg, und in besondern Bildungen sich in die Winkel verzog, folgte sie ihm mit den Augen, und es schwebte auch wohl ein Lächeln auf ihren dürren Wangen; wenn sie ihm aber dringend bis in den äußersten Winkel des Zimmers gefolgt war, und er hier sich entweder verflüchtigte, oder durch die Ritzen hinausdrang, hörte man ein dumpfes Geheul oder ein tiefes Stöhnen, und der Blick der alten Frau kehrte auf die neu aufsteigenden Rauchsäulen zurück. Sie hatte, wie der Fremde beim Auflodern des Feuers bemerkte, zwischen den Füßen eine Spindel stehn; so mechanisch geschäftig aber auch ihre Hände dabei erschienen, so war doch nicht zu verkennen, daß sie eigentlich nichts, oder doch nur sehr wenig that. Wenn dagegen der Kessel überzulaufen drohte, sprang sie heftig empor, ließ die Spindel fallen, und rührte sorgsam mit mehreren Kochlöffeln in dem dunkeln Gefäße. Auch sang sie mitunter, doch glich der Gesang mehr einem rhythmischen Brummen, als einem bestimmten Liede, wenigstens verstand der Fremde kein einziges Wort, wenn es Worte waren, welche ihrer Zunge entschlüpften.

Wie jenem dabei zu Muthe gewesen, vermögen wir nicht zu sagen, da er selbst halb betäubt, halb geistig schlummernd, sich noch zu keinen bestimmten Gedanken und Vorstellungen über seinen neuen unheimlichen Zustand erheben konnte. Auch befand er sich für den Augenblick körperlich nicht unwohl, und fühlte sich in dieser Apathie nicht gedrängt, eine Aufklärung zu suchen, welche ihn vielleicht neuen Unannehmlichkeiten aussetzen konnte. Dennoch sollte er bald aufs neue geprüft werden. Nach einem längern Gesange erhob sich plötzlich die Alte von ihrem Sessel, sie rang die Hände über ihrem Kopfe, zog dann mit beiden seltsame Kreise in der Luft, und streute endlich eine Substanz in das Kohlenfeuer, wodurch dieses zu einer hellen Flamme aufloderte, welche über dem Kessel zusammenschlagend, die ganze Hütte auf einige Momente erhellte, und dann flackernd durch den Schornstein verschwand, um die Hütte in noch größerer Finsterniß als vorher zurückzulassen. In diesem Momente hatte aber der Fremde Gelegenheit die ganze furchtbare Gestalt der Alten genau zu betrachten. Sie mochte so groß wie ein ausgewachsener Mann sein, ihre Glieder aber waren zu einer außerordentlichen Dürre zusammengeschrumpft, so daß der rothe Friesrock in tausend Falten auf ihrem Leibe zusammen fiel. Noch aber sah man in ihrem Gesichte die Spuren früherer Schönheit, so gräßlich auch dem feurigen Jünglinge auf den ersten Blick ihre scharfen Knochenzüge, ihr brennendes Auge und die loose umherfliegenden grauen Haare erscheinen mochten. Sie hob ihre Knochenarme wie flehend nach der Stelle, wo der Schiffbrüchige schlief; leicht aber konnte dieser bemerken, daß nicht er, sondern ein Gegenstand in seiner Nähe ihre Aufmerksamkeit reize. Bald erblickte er auch zu seinem Schrecken dicht neben sich einen Stuhl, den einzigen in der Hütte, und darauf sitzend ein Todtengerippe in der Stellung eines lebenden Menschen. Sie streckte die Hände immer weiter nach ihm aus, als erwarte sie ein Zeichen von demselben; als aber der Todte ruhig sitzen blieb, schlug sie erst die Hände über dem Kopfe zusammen, warf dann voll Ingrimm den Spinnrocken um, und fiel auf ihren Moossessel zurück. Wenn der junge Mann zuerst Mitleiden bei dem Ausdrucke des Schmerzes und der bangen Erwartung empfunden, so wurde dieses Gefühl bald ganz verscheucht durch den darauf folgenden Ausdruck des furchtbarsten Zornes. Er fühlte sich so beängstigt, daß er nicht reden mochte, aber er wollte versuchen, unbemerkt aus der Hütte zu entkommen, um seine völlige Besinnung in der freien Luft wieder zu gewinnen und dann das weitere zu beschließen. Wie aber ein neuer Schreck ihn übermannte, kann nur der empfinden, welcher sich jemals in einem ähnlichen Zustande von Starrsucht befand. Er konnte weder den Arm noch den Fuß rühren, und auch nicht den Kopf frei bewegen. Nur das Auge war in seiner Macht geblieben, um ihn durch den Anblick dieser Schrecknisse noch mehr zu ängstigen. Fast hätte er gewünscht, wieder der Macht der wüthenden Elemente übergeben zu sein, um aus dieser unheimlichen Lage zu entkommen. Wer möchte, wenn er auch lächelte, es dem jungen Mann zur Sünde anrechnen, wenn er momentan an eine medusenartige Bezauberung durch das alte Weib dachte? – Er hätte gewünscht, schlafen zu können; es war ihm aber unmöglich, bis es nach Verlauf zweier langen Stunden an die Thür der Hütte pochte.

Zweites Kapitel. >



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