Frei Lesen: Walladmor

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Willibald Alexis

Walladmor

Viertes Kapitel.

eingestellt: 7.8.2007



Laßt uns bald aus dem gräulichen Mönchskuttennest fortziehn, wo die Fledermäuse ehrliche Perrücken zernagen, und in jedem Winkel geschrieben steht: Hier ists nicht geheuer!

Und, Sampson, – sagte der Irländer – die Kerle in den Winkeln versteckt sein könnten, um unversehens über uns herzufallen.

Hm! was das betrifft – meinte der Constabler – so haben wir keine Furcht; aber Fledermäuse und böse Geister – und ich traue nicht den alten Wälschen Mönchskutten, die das Abracadabra und die Cabale wußten.

Still doch – fiel der Irländer ein – der Squire weiß ja auch in des alten Merlin Büchern zu lesen.

Aber – sagte ein Dritter – wir frieren von dem Nachtmarsche, dem nächtlichen Lauern, und sind hungrig und durstig.

So zünden wir, mein Sohn, draußen im Freien ein Feuer an, und gießen den Kapwein in die Kehle, welchen wir unterwegs der alten Galgenhexe abjagten.

Der kleine Trupp stieg alsbald die verschiedenen Treppen, den Gefangenen in der Mitte, hinunter, ging mit gehöriger Vorsicht durch die verschiedenen, meist mit hohem Schutt überdeckten, Höfe, und gelangte endlich durch ein noch ziemlich erhaltenes hohes Gothisches Thor auf eine erhöhete Platteform, welche vor dem Eingange ins Kloster lag. Hier wurde Halt gemacht. Nur zwei Mann blieben zur Bewachung des Gefangenen, während die Andern Holz herbeischleppten und allmälig ein mächtiges Feuer anzündeten, um welches die Gesellschaft sich alsdann traulich lagerte.

Warum so trostlos, Du wackeres Blut?– sagte Constabler Sampson zu seinem Gefangenen. –

Die Welt ist weit, und die Schlinge eng,
Drum niemals an die Schlinge denk,
Sondern frisch in der weiten Welt rumspringe,
Denn nach kommt Dir von selbst die Schlinge.

so heißts im alten Liede, und so dacht ich auch, als ich noch jung und ein Springinsfeld war. Mit der Zeit kommt Rath und Tugend und was man sonst von Solidität braucht.

Aber Sampson – sagte der Irländer – bei ihm wirds mit dem Springen bald aus sein, die Welt ist für ihn nicht mehr sehr weit, denn bis an die Hände ist die Schlinge schon gekommen, und lange wirds nicht dauern, so sitzt sie fest am Halse, und dann kommt der letzte Sprung, wo einen der Himmel gleich oben behält.

Halts Maul, röthköpfiger Mac Kilmary, und mach mir den Jungen nicht trostlos. In meiner Jugend stand ich wohl schon weiter als der, und bin doch noch zur Tugend, zum langen Leben gekommen, und bin ein Mann im Staate.

Ja, ich erinnere mich, Du standst schon auf der Leiter!

Und Du, Mac Kilmary, hast schon in den neunziger Jahren in Tiperary gebaumelt, wardst aber noch bei Zeiten abgeschnitten. Weils dazumal in Irland viel Arbeit gab und wenig tüchtige Meister, so wurden pure Dilettanten dazu genommen, wos denn manchmal sehr schlecht gerieth. Du trägst auch noch von der Zeit ein Halstuch unentgeldlich um den dürren Hals.

Und Du, Sampson, kriegtest die rothe Nase vor Schreck.

Still, ich habe mich nie erschreckt, außer vorm – Gott sei bei uns. – Und so sah doch wahrhaftig der hübsche, gute, drelle Teufelskerl, der damals Himmelscommissionair und Spediteur war, nicht aus! Aber, was ich sagen wollte, immer curagöse, mein vortrefflicher Freund. Ich an Deiner Stelle würde mich freun, daß ich in die Gesellschaft ehrlicher Leute gerathen wäre, und fort von solchem schuftigen Freunde, welcher in der Noth fortlief und mich allein ließ. Pfui, daß es so schlechte Kameraden giebt! Da siehst Du, wie man sich auf gottlose Buben verlassen kann, wie die Stränge in der Noth reißen, und wie Tugend allein zu einem gottseligen Ende führt. O ich könnte Dir noch vielerlei Erbauliches sagen, aber ich denke immer: wozu? – Hängst Du, so erfährst Dus doch noch zeitig im Himmel, und hängst Du nicht, so vergissest Du es doch wieder.

Das Feuer, Sampson, denk ich, ist jetzt hoch genug – sagte der Irländer – und wir können nun ans Wärmen gehn.

Die Constabler und Schergen setzten sich ums Feuer und holten aus einem Tragekorbe, den sie vermuthlich einem der Weiber, welche die Contrebande ins Land vertragen, abgenommen hatten, einige Flaschen heraus, und ließen sie in der Reihe umhergehn. Auch dem Gefangenen hatte Sampson die Freundlichkeit einen Trunk anzubieten, und da dieser, seiner gebundenen Arme wegen, nicht selbst zugreifen konnte, hielt er ihm sogar die Flasche an den Mund. Es war dies aber nur ein oberflächlicher Zug des Mitleidens, wie man ihn häufig bei rohen Naturen findet. Als die Flasche in beständigem Kreisen blieb, wurde die Gefälligkeit unserm Gefangenwärter zu lästig, und er begnügte sich damit, selbst für Bertram zu trinken. Dieser überließ sich dafür den Betrachtungen über seine sonderbare, und, wie er sich gestehen mußte, gefährliche Lage. Mächtiger fesselte ihn jedoch für den Augenblick die wunderbare Scenerie, welche seinen Augen ringsumher sich darbot. Der Snowdon umgab in einem Halbkreise die Gegend, und schien bei der Dunkelheit der Nacht alle die kleinen Hügel und Vorberge in seine schwarze Masse aufzunehmen. Vor ihm aber lag das Kloster, dessen Spitzen der Mond silberweiß beschien, dessen Thor und äußern Mauern aber das Wachtfeuer röthete. Die Partie an dem letztern, in welcher Bertram eine passive Rolle mitspielte, gab der grauenvollen und doch schönen Mondgegend den letzten romantischen Anstrich, und machte es wünschenswerth, daß ein Wälischer Zauberer den alten Salvator Rosa aus seiner Gruft heraufgezaubert hätte, um sie mit dem Pinsel zu verewigen.

Die rohen Schergen achteten aber auf nichts weniger, als auf die Schönheit der Gegend, sondern beschäftigten sich eifrig und allein mit einem wichtigern Gegenstande. Es war die Rede von der Theilung des Gewinnstes für die Gefangennahme unseres Helden, und schon war der Streit in ein lautes Toben ausgeartet, als Bertram die Worte hörte:

Daß Dich – es versteht sich, daß hier kein Rang und Unterschied gilt, und wir alle nun zu gleichen Theilen kriegen.

Gott vor – schrie Sampson – Ordnung gilt überall. Klar wie Sonnenschein im October ists daß ich, als Anführer und Genie 300 Pfund bekomme, und Ihr theilt Euch in die übrigen 200 Pfund.

Was? Acht Mann 200 Pfund! schrie der Irländer.

Du kriegst gar nichts, Mac Kilmary – denn Du bliebst hinten zurück und trautest Dich nicht mit auf die Mauer.

Nein, rothes Haar scheidet aus! – schrieen Alle, ohne daß sie deshalb im Uebrigen mit der Bestimmung des Constablers zufrieden schienen. Der Irländer appellirte aber mit kreischender Stimme dagegen.

Ich bekomme eigentlich die Hälfte, denn ich habe ihn erkannt.

Keinen Farthing mehr, als Du werth bist, und dann mußt Du noch herausgeben.

Mac Kilmary sprang auf und ballte die Faust: Daß Euch Alle – Er hatte aber kaum ein Wort ausgestoßen, als ein Schuß fiel, gleich darauf folgte der zweite, dritte, vierte, und ein wildes Geschrei erhob sich in einiger Entfernung.

Haut sie nieder!

Der Constabler war getroffen rücklings übergefallen. Voll Geistesgegenwart rief er indessen noch dem Irländer zu:

Pack ihn, Mac Kilmary, daß er uns nicht entläuft!

Mac Kilmary war aber der erste gewesen, welcher Reißaus genommen hatte, einige Andere waren ihm gefolgt; zwei Beherztere wollten den Befehl des Constablers ausführen, sie erhielten aber plötzlich so furchtbare Stöße in die Seiten und ins Genick, daß der Eine ins Feuer taumelte, der Andere auf den verwundeten Constabler stürzte. Alles schrie und fluchte, und in dieser Verwirrung fühlte Bertram sich von zwei stämmigen Kerlen unter die Arme gegriffen, welche ihn, ehe er nur daran denken konnte, was er zu thun habe, mit sich fortrissen und ins Dunkel des nächsten Dickichts schleppten. Hier, wo Niemand von der Helle des Feuers aus sie entdecken konnte, machten sie auf einen Augenblick Halt und schnitten dem Gebundenen die Stricke entzwei.

Verpuste Dich einen Augenblick – sagte der Eine – und dann mit uns durch dick und dünn, wenn wir den Hunden entlaufen. –

Unsere Artillerie hat gut salvirt, Niklas! – sagte der Andere.

Ein glücklicher Schuß! erwiederte Niklas. – Er traf das dicke Schwein, den Sampson, in den Arm. Wir werden nun wohl einige Wochen vor ihm Ruhe haben.

Bertram sah das bunte Schauspiel am Feuer von seinem sichern Standpunkte aus. Noch wälzten sich drei Leute am Boden umher, drei waren noch auf der Flucht begriffen, und die drei Uebrigen, in der Meinung, der Hauptangriff könne und werde erst jetzt erfolgen, stellten sich in Positur zur Vertheidigung.

Ob wir den Kerlen noch eine Salve geben, Niklas! – fragte der Zweite – sie stehn gar zu possirlich da, und es wäre doch Ruhm für uns, wenn wir nicht allein, zwei Mann stark, neun Constablern einen Gefangenen abgenommen, sondern sie auch noch angegriffen hätten.

Nicht doch Toms! Wir haben schon Ehre genug. Du hast Dein Manövre trefflich ausgeführt. Sie mußten glauben, von vier Seiten kämen die Schüsse. Aber schießen wir jetzt, so verrathen wir die Richtung unserer Flucht, und diesmal – sagt mir mein kleiner Finger – ist mit der Hetze nicht zu spaßen. Sie haben einen Hinterhalt.

Wie Du meinst, Niklas. Ich verstehe das nicht.

Ueberhaupt ists am besten, Du schleichst Dich allein nach Hause. Jemehr wir sind, um so gefährlicher ists.

Auch gut, Niklas! sagte der junge Mensch, und war, ehe sich Bertram versah, im Gebüsch verschwunden.

Toms ist der geschickteste Bergkletterer in Wales – sagte Niklas – er klettert Dir bei Nachtzeit über den hohen Rücken des Snowdon, da wo ichs nicht wage bei Tageszeit zu steigen. Er ist sicher, nach Hause zu kommen, aber wir, – die wir das nicht nachthun können, müssen schon sehn, wie wir uns am Fuß der Berge durchstehlen. Nimm Deine Füße zusammen, und folge mir so leise Du kannst, und wenns geht, halte selbst den Athem an.

Ueber Berg und Busch, durch Hohlwege und tiefe Kiesbäche ging die Flucht. Sie stiegen mit Anstrengung und Gefahr die jähe Wand einer tiefen Schlucht hinab, und von unten sah Bertram hoch über sich, aber in kleinerem Verhältniß, die mondweißen Ruinen des Klosters. Ein unbedeutendes Bächlein rieselte tief unten in der Schlucht, welche nur ein furchtbarer Strom einst in der Vorzeit konnte gebildet haben. Niklas suchte und fand hier seinen herabgeworfenen Mantel, und dann eilten beide auf dem unebensten Wege von der Welt längs dem Bache auf wild durcheinander geworfenen Steinen dem flachen Lande zu. Oft strauchelte Bertram, und Niklas, welcher, bekannter mit dem Wege und geübter im Springen, schon weiter vorgerückt war, mußte zurückkehren, um dem jungen Manne auf die Beine zu helfen. Endlich betraten sie einen geebnetern Fußsteig, welcher sich durch gewaltige Felsstücke und wildes Strauchwerk hindurchwand, jedoch einen sehr bewanderten Ortskundigen verlangte, um nicht übersehen und verfehlt zu werden.

Erst als auch auf diesem Bertrams letzte Kräfte erschöpft schienen, erblickte er durch das dicke Gestrüpp vor sich eine weite, vom Monde erhellte, Ebene. Er fand seinen Begleiter ungefähr im letzten Buschwerk stillstehend, und auch er freute sich, eine Gelegenheit zum Ausruhen zu finden, und lehnte sich erschöpft an einen verdorrten Weidenstamm.

Du freust Dich wohl auf die kreideweiße Mondaussicht, Herr Bertram? Ich möchte diesen unnützen Illuminanten, der eigentlich für Niemand auf der Welt ist, als für ganze und halbe Kranke, nämlich Mondsüchtige und Poeten, unter die Erde wünschen, denn ein betriebsamer Mann versteht auch im Dunkeln seine Wege zu finden, und der ungerufene Vermittler oben dient nur den Leuten, welche ehrlichen Leuten auf die Finger sehn, ihr ungebetenes Amt zu erleichtern.

Du bist noch munter, Niklas.

Sprich leiser! – Das denk ich übrigens bis an die letzte Staffel zu bleiben. Eine melancholische oder empfindsame Seele würde schlecht zu meinem Metier passen.

Niklas!

Um Gottes Willen nenne mich nicht so häufig bei Namen. Es taugt überhaupt nicht, daß Du den Namen weißt; denn Namen können gefährlich vor Gerichte werden, und es genügt ja unter braven Leuten, den Werth des Freundes zu kennen. Sonst ist mir der Name Nicolao, den ich in den Mexikanischen Gewässern führte, auch lieber.

Nun worauf sinnest Du, Nicolao?

Ich bedenke, daß ein längerer Verzug immer gefährlicher wird, und ich bis dahin noch keinen bessern Rath habe ausfindig machen können, als daß wir uns trennen. Glaube nicht, daß ich Dich verrathen will, aber, bei den Gebeinen aller Heiligen in Wales! Du kannst nicht mit mir die gefahrvollen Wege kriechen, springen und schleichen. Lieber hätte ich Dich mit dem Toms über die Berge geschickt.

Ich glaube den Toms zu kennen.

Er ist der Sohn der verrückten Gillie, und so treu mir, wie die Alte toll ist. – Bertram, es gilt Eile. Siehst Du dort auf der weiten Haide den schwarzen Punkt? – Es ist ein alter Stein. Von dort wendest Du Dich links, dann beim Torfgraben rechts, und wenn Du auf der Höhe bist, siehst Du etwa eine Meile von Dir ein kleines Gehöft. Da wohnt Valentin Skimbleskamble. Der nimmt Dich für diese Nacht auf. Lebewohl – ich kann Dir nichts Besseres rathen.

Nicolao! ich will lieber mich den Häschern übergeben. Man kann mir ja nichts beweisen.

Willst Du ein Narr sein? – fuhr dieser auf – Schon mit mir Umgang gepflogen zu haben, spedirt Dich an den Galgen, und Du kannst Deine Sünden apart in der Tasche behalten. Thue, wie ich Dir sagte, und – nun in Kurzem seh ich Dich wieder, und dann sprechen wir mehr – ich finde Dich überall auf. Eile, ehe das Schneewetter aufkommt und Deine Tritte verräth.

Kaum hatte Nicolao diese Worte ausgesprochen, als er auch schon aus Bertrams Augen verschwunden war. Bei der Berathung, die der letztere mit sich selbst darüber anstellte, welchen Weg er einzuschlagen habe, wurde bald, durch die augenblickliche Furcht vor der Wiederergreifung, der Rath der vernünftigen Ueberlegung: sich selbst zu überliefern, überstimmt, und er schlug den ihm bezeichneten Weg über die weiße Haide ein. Obgleich ermüdet und erschöpft, rannte er doch mehr als daß er ging, denn Kälte und Furcht hatten sein Blut erstarrt, und gaben ihm doch zugleich momentane Kraft. Ueberdies zogen Schneewolken drohend am Himmel herauf, und wenn er auch weniger, als sein Führer, wegen des möglichen Verrathes besorgt war, so erschienen sie doch dem nächtlich Verirrten auf einer gränzenlosen Haide furchtbar genug. Noch erhellte zwar der Mond einen Theil der Haide, aber immer näher und näher zog die schwarze Umhüllung am Himmel, und verdunkelte demzufolge auch den größeren sichtbaren Halbkreis der Erde. Bertram war nicht ohne Aberglauben, er hatte viel von den Elfenkreisen beim Mondschein auf grünen Wiesen und rothen Haiden gehört; der Gedanke an diese lieblichen Schöpfungen der Volksphantasie machte aber hier der Ahnung finsterer Dämonen Platz, und er gestand sich den Wunsch zu, einen Begleiter zu haben, wäre es auch ein der Gegend nicht mehr Kundiger als er selbst. Indessen fand er den bezeichneten schwarzen Stein auf, und wandte sich von hier aus links, der Anweisung Nicolaos zufolge. In der Nacht wird dem Wanderer die halbe Meile zur ganzen. Auch Bertram glaubte, daß, wenn er sich nicht verirrt hätte, er schon längst an dem bezeichneten Torfgraben müsse angelangt sein, ohne mit aller Anstrengung des Auges auch in der weitesten Ferne einen zu entdecken. Im Unmuthe, welcher an Verzweiflung gränzte, blickte er noch einmal zurück, und sah, daß der hochhervorragende Thurm des Klosters röthlich erleuchtet war, ein Zeichen, daß die Häscher, noch in seiner Nähe gelagert, die Wiedereinbringung ihres Gefangenen nicht aufgegeben hatten. Dieser Umstand beschleunigte seine Schritte. Halb blindlings rannte er gerade zu, und als er auf einen Torfgraben stieß, – ob es der rechte war, wissen wir selbst nicht – wandte er sich rechts um, und glaubte, nachdem er eine kleine Höhe gewonnen, wirklich in einer gewissen Entfernung das angedeutete Gehöft zu erblicken. Der Himmel war indessen jetzt so bewölkt, daß kein Mondenlicht ihm den Weg zeigen konnte; er beeilte deshalb immer mehr seine Schritte, um die Richtung bei der zunehmenden Dunkelheit und dem zu befürchtenden Schneegestöber nicht ganz zu verlieren. Athemlos stieß er, als die ersten Schneeflocken herabfielen, an das Gebäude, ehe sein Auge es wieder entdeckt hatte. Er tastete umher, eine Thüre zu finden. Statt deren entdeckte er aber eine steinerne Treppe, und stieg eilends hinauf. Oben angelangt bemerkte er aber zu seinem Erstaunen, daß weder Thür noch Haus vor ihm stehe, sondern er selbst sich auf einer freien Platforme befinde, auf welcher nur einige Pfeiler aufgerichtet erschienen.

Es war, wie er sich bald überzeugen mußte, der Galgen. Aber nicht das Schrecken dieses furchtbaren Ortes allein überkam den Verirrten, sondern es richtete sich auch aus dem Schatten des mittelsten der drei Pfeiler eine lange Gestalt auf, und stieß einen entsetzlichen Schrei aus. Schon die vorhergehenden Ereignisse hatten Bertrams Muth untergraben. Einen Flüchtigen kann das Niederfallen des welken Laubes erschrecken, und wen die Verfolgung von Menschen in Angst setzt, für den wird aus der Furcht ein Gespenst. Ein solches glaubte auch Bertram in der sich erhebenden Gestalt zu erblicken, als er plötzlich sich umwendete und die Treppe des Gerüstes wieder hinunter eilen wollte. Aber die Gestalt war eben so schnell als er, und faßte ihn am Rockschoß, indem sie mit herzerschütterndem Tone die Worte ausstieß:

Kommst Du mein Sohn? – Juchheißa, juchheißa! Ich bin ja Deine Mutter. – Ich habe Dich so lange gerufen – ich habe Deinen Strick gerungen und gewunden und alle Worte gesprochen – aber Du hörtest nicht, oder der Böse mußte Dich festhalten. Komm Gregory, freu Dich einmal mit der Mutter. Alle Jahr, seitdem sie Dich hingen, bin ich am Tage hergekommen, und habe dem Squire geflucht und Dich so laut gerufen, und alle Geister in Wales habe ich beschworen, Dich einmal heraufzulassen, daß Deine Mutter Dich herzen könnte, und fragen, wie es Dir geht?

Sie zog, mit zitternden Händen zwar, aber mit gewaltiger Anstrengung den von Fieberfrost überschütteten Bertram zurück.

Gregory, mein Sohn! Bleib doch noch einen Augenblick. Der Hahn kräht ja noch lange nicht. Ich will Dir Alles erzählen, wie ich Dich rächen will, und Pflaster auf Deinen rothen, wundgeriebenen Hals legen. Das wollte ich Dir schon so lange erzählen, und Du bist nie gekommen. O ich bin eine treue Mutter:

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