Frei Lesen: Walladmor

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Willibald Alexis

Walladmor

Achtes Kapitel.

eingestellt: 7.8.2007



Als der Squire den ungestümen Reformer reißausnehmen und die erbitterte Hausgenossenschaft hinter ihm herstürmen gesehen, verschloß er wieder ruhig das Saalfenster, indem er bei sich sprach:

Der verdrießliche Narr hat mich zwar schon oft durch seine hartnäckige Opposition geärgert, und scheint nur zu meinem Aerger in unsere Grafschaft gekommen zu sein; bis jetzt hat er sich indessen noch nie in mein Schloß gewagt, und der heut angriffsweise erfolgten Beleidigung scheint eine gefährliche Absicht zum Grunde zu liegen.

Sir Morgan glaubte nicht allein, als Alt-Wälscher Ureinwohner, an die Existenz von Geistern, sondern auch daran, daß menschliche Kräfte sie aus ihren unterirdischen Wohnungen, oder den Wildnissen, in welchen sie rastlos umherirren, heraufcitiren könnten. Wie weit er selbst in dieser Kunst fortgeschritten, gehörte zu den Geheimnissen, welche er selbst seiner geliebten Ginievra nicht mittheilte, und worüber er nur mit einem benachbarten Geistlichen, der, gleich ihm, ein Verehrer des Wälschen Ruhmes und Alterthums war, zuweilen tiefgeheime Unterredungen pflog. Es ist bekannt, daß die Geister nicht allein um Mitternacht, sondern auch in der heißen Mittagstunde Macht haben zu erscheinen, gleichwie die Italiänischen Straßen zur Nacht und drückenden Mittagszeit von den Räubern heimgesucht zu werden pflegen. Demnach braucht man sich nicht über den folgenden Auftritt zu verwundern.

Als Sir Morgan alle im Schlosse lebende Wesen nach dem Außenthor über die Zugbrücke hatte eilen sehen, und jetzt das Fenster zuschlug, erblickte er am äußersten Ende des großen leeren Saales eine graue, hohe Gestalt. Auf beiden Seiten des Saales hingen Bilder seiner wirklichen und imaginairen Vorfahren. Die graue Gestalt schien am äußersten Ende ihre beiden Reihen zu schließen und zu vereinigen. Regungslos, in einen grauen, langen Mantel eingehüllt, das Haupt bedeckt mit einer gleichfarbigen alterthümlichen, mit Pelz bebrämten, Mütze, stand sie da und blickte auf den Squire mit unverwandtem großen Auge. Der Squire stand gleichfalls betroffen still, aber er fürchtete sich nicht. Nachdem er eine Weile auf die Erscheinung gesehen, rief er, im Tone banger Verwunderung, mit aufgehobenen Armen ihr entgegen:

Bei den Gebeinen des großen Arthur, bist Du der Geist Rhees von Merediths, bist Du der Geist meines Ahnherrn, aus den Grüften Griffith ap Gauvons steigend, um den letzten Enkel Deines Stammes zu sehn, ihn zu sehn, bis mit seinem morschen Gebeine Dein uralt Wappen in die Gruft getragen wird, und alle Geister, die auf dem Snowdon von der Kraft der Walladmors gefesselt liegen, frei werden, und in Arthurs Jagd die Lüfte durchsausen, und Walladmors Schloß vom Felsen losreißen und die Thürme in den Abgrund schleudern?

Die Gestalt machte eine leise Bewegung mit der Hand, ohne zu sprechen, oder aus ihrer Stellung sich zu entfernen. Der Squire fuhr fort:

Ja, ich kenne Deine Züge, Rhees von Meredith, es sind die Züge meines Geschlechtes, und ich sah Dich schon, an jenem Unglückstage, wo ich ein waiser Vater ward, und die bösen Geister, die lang gefesselten, unten an den Grundsteinen meiner Burg rüttelten, und hohnlachten; Du standest an jenem Tage im Nebelgewande riesengroß auf dem Hauptthurm Walladmors, und winktest wie jetzt, und riefest: Wehe! So erschienst Du an jenem Tage auch meinen Ahnen auf dem Rücken des Snowdon, und führtest Deine Schaaren Ingrimm hauchender Geister ins Feld den Templern entgegen; mein Ahne siegte, aber seitdem rütteln die Geister furchtbar an den Felsenwurzeln Walladmors, und bald werden sie das Geschlecht gestürzt haben, dessen Macht auf Höllenburg gegründet ist. Rhees von Meredith, bist Du es? Kommst Du meines Hauses Ende zu verkünden?

Die graue Gestalt trat festen Tritts einige Schritte weiter vor, ohne sich aus ihrer Richtung zu bringen, und sprach jetzt mit festem Tone:

Morgan Walladmor!

Bist Dus? – rief der Squire erschrocken aus, und doch siegte in demselben Augenblicke seine angeborne Vernunft über den erstarrten Aberglauben, und er übersetzte jene Frage in die Worten Wer seid Ihr? –

Morgan Walladmor – sagte der Graue, ohne die Mütze zu rücken, oder den Mantel aufzuschlagen, mit sehr ruhigem und festem Tone, – darauf kommt nichts an. Ich komme nach Walladmor, um Dich zu unterrichten, daß ein Unschuldiger in Deinen Kerkern schmachtet.

Das ist unmöglich, Geist oder Mensch, in Walladmor wird nur der Schuldige ergriffen.

Morgan Walladmor, ich sage Dir, jener Mann, den die Häscher in Griffith ap Gauvon fingen, ist ganz unschuldig aller der Verbrechen, welcher Du ihn bezüchtigst.

Deshalb kommt Ihr in mein Schloß?

Deshalb.

So könnt Ihr vor den Geschwornen als Zeuge für James Nichols, oder wenn es Euch verlangt, als sein Vertheidiger auftreten.

Es ist nicht James Nichols, den Du gefangen hältst.

Wen halte ich gefangen?

Es kann Dir genügen zu wissen, daß es nicht James Nichols ist.

Verwegener, wer gab Dir das Recht, in meine Burg zu dringen, und das Wesen eines Gebieters anzunehmen?

Ich.

Gehörst Du zur Bande des Verwegenen? denn bis auf diese wenigen Verächter des Gesetzes zittert der Verbrecher, wenn er vor Walladmors Herrn erscheint?

Bin ich denn ein Verbrecher?

Trotz Deiner hohen Stirn, trotz Deiner kühnen Blicke, lese ich auf Deinem Gesichte, Du bist ein Verbrecher.

Der graue Mann lächelte etwas, aber im Lächeln seiner Züge lag ein furchtbarer Ernst. Er fuhr fort:

Morgan Walladmor! ich habe wenig Zeit. Ich sage Dir, Dein Gefangener ist unschuldig, und fordere Dich auf, ihn frei zu lassen.

Womit wollt Ihr für ihn bürgen?

Der Fremde trat einige Schritte näher, immer jedoch so, daß er in der Mitte des Saales blieb, und, indem er gewissermaßen den Squire drängte, den Rückweg nach der Thüre frei behielt. Er sagte.

Bürgschaft willst Du haben? – Ich will sie Dir geben. – Weißt Du noch – Drei Jahre sinds her, – als das große Holländische Schiff vor diesen Küsten kreuzte, und man täglich die Landung des Schleichhändlers fürchtete?

Wohl weiß ichs, denn mit treuen Leuten hatte ich die Küste besetzt, und lauerte selbst oft Nächte lang auf die Verwegenen.

Am 29sten September – fuhr der Andere fort – lagst Du hinter dem alten Felsen, Arthurs Kegel genannt, auf die Büchse gelehnt. Damals trat zu Dir noch ein Gränzjäger und sprach viel mit Dir von den Sternen und Kometen und uralter Zeit, und wie es kommen werde in aller Ewigkeit. Nicht?

Hätte Sir Morgan zittern können, er würde in diesem Augenblicke gezittert haben, darauf deutete wenigstens seine Bewegung, als er mit weit aufgerissenen Augen und vorgestrecktem Arme sprachlos den Fremden anhörte. Dieser fuhr fort:

Ihr spracht Beide zusammen die lange halbe Nacht, bis der Mond über den Himmel gezogen war, und die Schmuggler durch die Uferschlucht. Da fiel ein Schuß, und in dem Augenblicke sprang der Gränzjäger, so wie ich, auf einen Stein, und rief Dir, so wie ich jetzt, zu: »Fahr wohl, Morgan Walladmor!«

Dabei riß er den Mantel auf, unter welchem ein langer Dolch, und Doppelpistolen zum Vorschein kamen, und machte eine ausdrucksvolle Attitüde, indem er dazu noch die Mütze in die Höhe schob. Der Squire rief aus:

Nichols!

Zu dienen, Sir Morgan Walladmor, Friedensrichter hiesiger Grafschaft. Glaubst Du es nun, daß Dein Gefangener nicht James Nichols ist?

Was willst Du, Verbrecher, in meinem Schlosse?

Nichts mehr und nichts weniger, als mit meinem ehrlichen Namen Bürgschaft leisten.

Verwegener, verweilst Du länger, so ergreife ich Dich.

Ich stehe deshalb schon auf dem Sprunge.

Ergieb Dich der Gerechtigkeit. Du bist umzingelt.

Alter Herr, um ein so junges Bürschchen zu retten, giebt ein so alter Fuchs sich nicht gefangen. Deine sämmtlichen Schloßbewohner stehen am Außenthor und werfen, wie ich sehe, Schneebälle. Alter Herr, siehst Du meine wohlgestopfte Katze und meine rüstigen Arme? Ich schone graues Haar, und habe wahrhaftig gegen Dich keinen Groll, wenn Du auch oft mir Frost und Hitze gemacht, und das Blut aus den Adern gepreßt hast.

Er schlug seinen Mantel zusammen, sah noch einmal mit einem Blicke, in welchem neben frechem Trotz eine tiefe Wehmuth nicht zu verkennen war, auf den Squire, und wendete sich dann mit den Worten langsam um:

Lebe wohl! Ich möchte Dir gern die Hand bieten dürfen, aber das ist unmöglich, daß ein Walladmor einem Geächteten die Hand reicht.

Der Squire war verstummt. Er sah und ließ es geschehen, daß der Verbrecher mit ruhigen Schritten den Saal entlang ging, die Flügelthüre öffnete und verschwand. Er zählte jeden Tritt des Herabgehenden auf den steinernen Wendeltreppen, und als der letzte Klang bei der Entfernung und Krümmung der Gemächer verhallt war, wußte er noch immer nicht, was er beginnen solle; doch verrieth in so fern die That seinen Entschluß, als er ruhig stehend, keine Anstalten traf, dem verwegenen Verbrecher nachsetzen zu lassen.

Nichols war es, welcher aus dem Seitengebäude vortretend, und im Begriff, durch die von Toms offen gehaltene Hinterpforte das Schloß zu verlassen, durch seine plötzliche Erscheinung die Lady erschreckt hatte. Jetzt, als sie wieder zum Bewußtsein zurückgekehrt war, und mit ihrem Gesichte an dem Busen ihrer Vertrauten ruhend, ihn mit der Hand abwehrte, rief er mit dringender Stimme aus:

Ginievra! blicke mich an! Ich verlasse Dich nicht. Ich schwöre es Dir zu, ich verlasse Dich nicht. – Der Himmel selbst führt Dich mir in den Weg. – Du weißt, meine Liebe ist kein Kinderspiel, es ist eine Leidenschaft, die wie ein Lavastrom Klüfte füllt und Häuser mit sich reißt. Ginievra, Du liebst mich, Du liebtest mich, Du mußt mich lieben. Wir sahen uns ein Jahr nicht, aber in jedem Tage des Jahres wuchs meine Leidenschaft um ein ganzes Jahr. Befiehl mir, befiehl mir Unmögliches, ich wills erfüllen –

Entflieh! sagte sie, sich ermannend.

Fliehen kann ich, will ich nicht, fliehen ist mehr als unmöglich. Ginievra, ich habe Dir viel geschrieben, aber es war nichts gegen das, was in mir brennt, und was ich fürchte auszusprechen, aus Furcht, daß die Worte wie Feuer Deine Seele brennen. Ginievra, sprich nicht mehr von allen den Klüften, die uns trennen, nicht mehr von dem Blute der Walladmors und dem Blute eines Landstreichers; über solche Klüfte lache ich, denn ich stand auf einer entsetzlichen Höhe, von der herab mir alle Dinge so klein vorkamen. Laut lachte ich auf, als die Kluft zwischen uns, mir wie ein Sommerbach, über den ein Kind springt, erschien. Ginievra, ich will Dich auf die Höhe führen.

Meuchelmörder! rief sie aus, indem sie ihren Kopf emporhob, und ihn mit strafendem Blicke ansah – auch die Kluft? – Entfliehe Mörder!

Ha! Um Dich, um Dich, Ginievra!

Wild ergriff er den Arm, welchen sie ausgestreckt hatte, um ihn fortzuweisen; sie sträubte sich umsonst ihn loszumachen.

Komm mit, Ginievra! Fliehe mit mir! Einst mußt Du mein werden, mußt – was gilt Dir einst oder jetzt? – das Schiff, auf dem ich den Seedienst lernte, kreuzt vor den Küsten – wir fliehen in einen fremden Welttheil. Du hast nichts zu fürchten und nichts zu verlieren, als den Ruf und einen alten Oheim; den Ruf verachte ich, und ein Oheim – was ist ein Oheim gegen Liebe?

Mensch, ich verabscheue Dich.

Und haßtest Du mich, wie ich Dich liebe, so ließe ich doch nicht von Dir.

Heftiger faßte er ihren Arm, Almy sprang ihrer Gebieterin zu Hülfe, Toms stand zweifelhaft, was er beginnen solle; in dem Augenblicke hörte man das Jauchzen der zurückkehrenden Dragoner und andern Hausgenossen. Ginievra rief mit verzweiflungsvoller Stimme:

Mensch, fliehe – James, die einzige Bitte, die letzte, fliehe, ehe sie Dich sehn.

Er ließ sie los.

Also einer Bitte hältst Du mich doch werth? – Ich fliehe, aber mein Gedanke bleibt hier. Mein bist Du, und mein bleibst Du.

Er drückte einmal ihren Arm an seine Brust und sprang dann durch das Hinterpförtchen, welches Toms eilig hinter ihm verschloß. Ginievra trat mit Almy auf eine Mauer, und sah, wie der kühne Mann sich in den trocknen Burggraben hinunter ließ, auf der andern Seite hinauf kletterte, und dann den Hügel hinab einem Busche zulief. Erst als er in diesem verschwunden, verließ sie, freier athmend, den Platz.

Langsam stieg sie durch die gekrümmten Wege und Wendeltreppen, um die verlorne Fassung wieder zu gewinnen, nach dem Saale, wo eine größere Menge Menschen sich jetzt versammelt hatte. Außer Sir Davenant, dem Seneschall und den andern obern Bedienten, war noch ein Fremder angelangt. Es war kein anderer, als der uns bekannte Herr Malburne, welcher eben eine Neuigkeit dem Squire mitgetheilt zu haben schien, die aber diesen in keine Laune versetzt hatte.

Und weshalb – rief Sir Morgan, unruhig im Saale auf und abschreitend, aus – kamen Sie nicht früher mit dieser Entdeckung?

Entdeckung, Sir Morgan, – erwiederte Malburne – es war ja nur Vermuthung, und dürfte auch bis jetzt nur Vermuthung bleiben.

Nein, Sir, es ist Wahrheit, Wahrheit, und Sie bringen nur nachschleppend die traurige Bestätigung einer Wahrheit, welche eben ein Gespenst mir verkündete: daß ein Unschuldiger in Walladmor-Castle verhaftet ist, im Schlosse meiner Ahnen, wo seit Ercombert von Mercien nur Frevler und Verbrecher saßen.

Wenn er unschuldig ist, dünkt mich, müßte die Freude überwiegend sein, einen Unschuldigen von bösem Verdacht gereinigt zu erblicken, und ihm seine Befreiung ankündigen zu können.

Sir! Wer in der Welt umherstreift, oder ein Kaufmann ist, der mit seinen Waaren handelt, womit ich Niemanden zunahe treten will, der hat Freude und Lust vom Augenblick; wer aber nicht für sich, gleich dem aus der Erde geschossenen Pilze, dasteht, sondern aus alten Zeiten und Geschlechtern wurzelt, wer der Stammhalter großer Namen der Vorzeit ist, wer für die vergangenen Zeiten lebt und für die kommenden, der kann gekränkt werden, nicht für den einen, den er beleidigt hat, sondern für die lange Reihe von Ahnen und Enkeln, die durch seine Ungerechtigkeit gekränkt sind.

Gerichtlich verfolgen kann Sie der junge Mensch nicht – sagte Sir Davenant – da die habeas-corpus-Akte aufgehoben, und die Indemnity-Bill auch auf Friedensrichter Anwendung findet.

Statt aber den Friedensrichter hierdurch zu besänftigen, hatte er dessen empfindliche Seite getroffen.

Sir Davenant, so arm und dürftig sind – Gott seis gelobt und ihrem Muthe – Walladmor von Snowdons Enkel noch nicht geworden, daß sie des Trostes und der Hülfe bedürften, so ihnen durch eine größere Ungerechtigkeit gewährt werden soll, als je ein echter Wälscher begangen hat.

Während er, keinem Rathe Gehör gebend, im Saale auf und abging, hatte Ginievra den Officier in eine Fensternische gezogen, und er konnte sich leicht vorstellen, was der Gegenstand ihrer dringenden Bitte war. Sie hatte ihre Liebe in der Täuschung einem Fremden verrathen, und wußte nicht, wer der Fremde sei, und ob er einen Mißbrauch von einer Kenntniß machen werde, deren Bekanntmachung sie selbst ins Verderben ziehen mußte.

Seltsam – sagte Ginievra – spielt mit mir das Schicksal. Eine Thorheit, über die ich in einsamer Zelle erröthe, muß ich zweien fremden Männern anvertrauen, und auf ihre Großmuth rechnen!

Mylady, – sagte der Officier – es heißt, wenn ich nicht irre, im Gedichte vom Schwanenritter, daß der kühne Paladin den Mönch, der seiner Herrin Geheimniß in der Beichte hörte, vom Felsen hinabstieß. Nach romantischen Begriffen würde ich den Incarceristen ins Meer zu stoßen haben?

Ich überlasse Ihnen die Mittel, und erlaube Ihnen dafür, über mich nach Lust zu spotten. Ich selbst würde bittend zu dem Manne treten, wenn –

Hier fragte der Squire, plötzlich im bewegten Spaziergange inne haltend, mit lauter Stimme:

Und wer ist denn der Unglückselige, dessen Ähnlichkeit mit dem Verbrecher uns täuschte?

Seine Papiere sind in Unordnung – sagte Malburne – und es ließe sich bei weiterm Nachfragen vielleicht noch mehr entziffern, jedoch habe ich einige Sonette auf Papierstreifen in seiner Stube gefunden –

Ein Dichter! – rief Sir Davenant aus – und wandte sich dann leise zur Lady. – Mylady, ein Dichter, eine gleichgestimmte Seele! wem konnten Sie besser Ihr Geheimniß anvertrauen? Er bewahrt es vor irdisch gemeinen Seelen, damit es in Monatsfrist, dem Himmel näher, in Gaubstreets Dächern noch einmal für himmlisch Geweihte, durch die Druckerpresse geboren wird.

Malburne empfahl abermals die Freilassung des Gefangenen als eine Handlung, welche allen Berathungen vorangehen müsse, der Squire war aber nicht derselben Meinung.

Das Unrecht, wenn es ein Unrecht war, ist begangen, und es macht keinen Unterschied, ob der Fremde einen Tag, oder einen Monat ungerecht in Walladmor-Castle gesessen. Es kommt darauf an, ob das Wehrgeld, das die Gesetze von Powisland vorschreiben, ihm für die Schmach genügt?

So viel ich gelesen, – fiel der Officier ein, – verordnet das Gesetzbuch König Hoel Dhas eine besondere Sühne für einen beleidigten Dichter.

Es erweist ihnen gebührende Ehre – fiel Sir Morgan ein – denn Leibeigne durften weder zu Grobschmieden, noch zu Geistlichen, noch Dichtern gemacht werden.

Malburne lachte, Sir Davenant fuhr fort, obgleich ihn der Squire nicht gern zu Worte kommen zu lassen schien:

Wenn ein Spielmann oder Dichter beleidigt worden, so muß der Beleidiger eine Kuh hergeben, deren mit Oel bestrichenen Schwanz der Dichter mit beiden Händen anfaßt. Vermag er es, während der Eigenthümer mit seiner Sippschaft auf die Kuh mit spitzen Stecken loßprügelt, sie fest zu halten, so gehört sie ihm als Schmerzensgeld, läuft sie ihm durch, so – behält er nur das Oel und die Haare, die ihm in der Hand stecken geblieben .

Alle, selbst der Squire, konnten sich des Lachens nicht enthalten. Nur Malburne verwies dem Spötter die Rede:

Sir Davenant, ein Enkel des großen William Davenant, des ritterlichen Dichters, der selbst aus Shakespeares Munde die goldnen Lehren seiner Weisheit sog, verspottet die Poesie!

Mit nichten, Herr Malburne. Echt honorable Poeten zu verspotten, sei fern von mir. Das alte Gesetz spricht auch nur von den herumziehenden Fiedlern. Echte seßhafte, breite Poeten, die Heldengedichte und Romane, oder Lexica schreiben, – alle Achtung vor denen. Meine Kritik geht nur gegen die herumziehenden poetischen Gemüther, die Sonettverfertiger, und die mit Schnitzeln Papier nach dem Sonnenuntergang laufenden Poeten, um brühwarm die eben halbgar gekochten Empfindungen, ehe das Feuer ausgeht, niederzuschreiben.

Nach dem Thurme! – sagte plötzlich der Squire. – Wir setzen ihn in Freiheit, mag es kommen, wie es will. Und dennoch bin ich überzeugt, daß er ein Verbrecher ist, denn ohne Grund ward noch kein Mensch in Walladmor-Castles Gefängnisse gebracht.

Zwar mit mehreren Bequemlichkeiten, doch aber noch in dem kalten unfreundlichen Thurme, hatte Bertram nun schon zwei Nächte und zwei Tage gesessen. Wenn er an die wunderbaren Vorfälle der letzten Tage dachte, wurde ihm zuweilen wüst und wirr im Kopfe. Es giebt eine alte Italiänische Novelle, wo mehrere lustige Gesellen sich bereden, einen andern glauben zu machen, er sei nicht er selbst. Durch die künstlichsten Veranstaltungen, und unter Begünstigungen des Zufalls, wird der Arme auch an sich selbst irre, und wandert, da Freunde, Verwandte, ja die eigene Mutter, ihn nicht wieder erkennen, im Glauben, daß er nicht er, sondern ein fremder Mensch sei, aus den Thoren seiner Vaterstadt in die Fremde aus. Sehnliche Gefühle und Gedanken beschäftigten im Schlafen und im Wachen – denn was ist das Wachen eines, seinen Sorgen überlassenen, Gefangenen anders, als ein Träumen – unsern Helden. Wenn er die lange Kette der Beweise, daß er nicht er, sondern der vermeinte Verbrecher sei, überdachte, mußte er sich eingestehn, daß, wenn er selber als Richter in Eid und Pflicht genommen wäre, er keinen andere Ausspruch würde thun können, als: ich selbst bin der Verbrecher. Dann mischte sich in seine Träume auch wohl noch ein anderes Gefühl. Von allen bunten Erscheinungen der vor und auf diesem Eiland verlebten Tage, war ihm keine so lebendig in der Erinnerung geblieben, als die der schönen Ginievra, welche, gleich einer Himmelsbotin, vor ihn getreten war. Wenn sie auch nicht mehr und nicht weniger als ein anmuthiges Mädchen war, so zeugte der Muth, mit welchem sie, den Tod nicht scheuend, sich in den Kerker gewagt hatte, von einer großen Seele, und ihre Liebe zu einem Geächteten, daß sie sich über die Verhältnisse der Convenienz hinweg gesetzt habe. Er wünschte fast der Verbrecher zu sein, um von ihr geliebt zu werden.

Trotz dieser Träume wurde ihm aber die Zeit nicht wenig lang. Da man ihm jetzt nur eine leichtere Kette angelegt hatte, konnte er mit etwas weniger Beschwerde nach der Luke des Thurmes hinaufklettern. Aber der Anblick, den er hier gewann, war kein erfreulicher. Ein trüber bedeckter Himmel oben, das kalte graue Meer unten. Es war ein Wetter, in welchem der Mensch nach häuslicher Geselligkeit verlangt, und gern am lodernden Kamine der Strenge einer winterlichen Natur Trotz bietet. Bertram sah bei günstigem Winde Schiffe den Kanal entlang, oder nach Irlands dämmernder Küste hinüber fliegen, ihn verlangte aber, obgleich er sich so oft gelobt, Wales zu verlassen, nicht nach der Heimath; sein größer Wunsch war, daß die Thür des Kerkers sich öffnen, und ihm die schöne Gestalt Freiheit verkünden, und zum Verweilen in den wohnlichen Gemächern der Burg einladen möge. Er horchte deshalb auf jede Bewegung, es war aber nur der Wind, welcher ihn täuschte. Als der Schlummer einesmals ihn sanft eingewiegt hatte, glaubte er über sich ein Schwingen in der Luft zu hören, und eine leise Berührung zu empfinden. Hoffend, die schöne Gestalt, als Verkünderin der Freiheit, oder gar ein Engel sonst, stehe vor ihm, schlug er die Augen auf. Aber es war nur einer der auf seinem Thurme nistenden Raben, welcher durch die Thurmluke sich in das Gefängniß verirrt hatte.

Bertram war abergläubig, oder wollte es doch sein. Während der geängstigte Vogel an den rauhen Wänden umherflatterte, und den Ausgang nicht finden konnte, glaubte er eine Vorbedeutung seines eigenen Schicksals zu haben. Er vertiefte sich so in seiner mitleidigen Anschauung des Raben, daß er von dem Schließen der Riegel, welches jetzt wirklich erfolgte, nicht eher etwas hörte, als bis die Thür weit aufflog und der Squire, mit seinem Gefolge, unter welchem auch in der Ferne Ginievra zu sehen war, an der Schwelle sich zeigte:

Kind des Unglücks – redete er feierlich den Gefangenen an – welchem feindlichen Zauberer bist Du in die Hände gefallen, daß er Dein Antlitz mit der Larve der Schuld bedeckte und Dich hat treten lassen auf die Fährten der Verbrecher?

Ich bin unschuldig. Nicht? rief Bertram triumphirend aus.

Unschuldig in so fern, als – nein, Fremdling, unschuldig nicht, denn kein böser Geist hat so viel Macht, die Kerkerschwelle Walladmors von dem alten Segen einer Fey zu entzaubern, daß ein Unschuldiger könnte hinüber gestoßen werden. Du bist schuldig, denn Du sprangst über die Barriere beim Leichenzuge, und begingst dadurch ein Verbrechen; aber Heil mir, Du bist unschuldig an der Blutschuld, und gleich beim ersten Ansehn stieg in mir der Gedanke Deiner Unschuld auf.

Ein Diener hatte ihm indessen die Fessel abgemacht. Er sprang mit Freudensbezeugungen eines Kindes empor.

Also frei?

Frei! sagte der Squire, und erhob seinen Arm, vermutlich um durch eine Gesticulation dem Gefangenen den Begriff der Freiheit aus König Hoel Dhas Gesetzbuche zu erläutern; Bertram aber verstand in seiner überwallenden Freude die Gebärde anders, und stürzte sich in des Greises Arme. Der Squire war überrascht, es war indessen keine unangenehme Ueberraschung. Sein mit Eitelkeit vermischter Stolz war überwunden; er fühlte sich Mensch und Vater, und die Erinnerungen trüber Zeiten stiegen in ihm plötzlich auf. Als Bertram sich aufrichtete, faßte er ihn mit beiden Armen und sagte, ihn aufmerksam betrachtend:

O wärst Du mein Sohn! – Mein Sohn muß kommen; – kommen wird Edwin, oder wie ihn die Elemente getauft haben, denn in den Sternen steht es geschrieben, und sollte das auch erst sein nach dem alten Spruche:

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