Frei Lesen: Walladmor

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Willibald Alexis

Walladmor

Fünftes Kapitel.

eingestellt: 7.8.2007



Als man auf einem mühsam zu ersteigenden Wege über Felsstufen und durch Felsspalten die Höhe erreicht hatte, vernahm man das Gewehrfeuer deutlicher; nur schien es, nach der Gegend, woher die Schüsse fielen, zu urtheilen, eher ein Geplänker zwischen Strauchwerk und Büschen, als ein ordentliches Gefecht. Das Gewölk hatte sich größtenteils verzogen, man konnte daher beim Mondenlichte in weiter Entfernung die Burg sehen; aber dort schien Alles ruhig, wenigstens leuchtete aus den Mauern keine Flamme in die Höhe, was der Squire, ohne den Gedanken sich ganz klar zu machen, gefürchtet hatte. Rechts von ihrem Wege nach dem Schlosse, dem tiefern Walde zu – zur Linken lag das Meer – schien das Gefecht vorzufallen.

Als die Gesellschaft kaum einige Schritte auf dem gebahntern Wege gegangen war, spornte ihr ein Reiter entgegen:

Werda? schrie er vom Pferde herab, und man sah im Mondenstrahle einen gezückten Säbel blitzen. Er schien, in der Erwartung, auf einen Trupp Befeindeter zu stoßen, die Antwort nicht abwarten zu wollen, und setzte sich eben in Bereitschaft, durch die Menge hindurchzusprengen, als ihn die Stimme des Squire stutzig machte:

Freunde von Walladmor und der Ordnung!

Welche Freunde? – Hör ich recht? – Wahrhaftig – Sir Morgan. Schreiben Sie die Stunde in Ihren Kalender unter die guten.

Hör ich recht? – Constabler Sampson! – Was gilts, sprich!

Zeit zum Expliciren ist nicht, darum muß ich kurz sein, und den Respekt bei Seite werfen. – Die Smuggler, Niklas, der wirkliche Niklas, haben das Schloß überrumpeln wollen bei Nacht und Nebel – massacriren Weib und Kind, und was ihnen wohlgefällt, fortführen ins Schiff oder sonst wo. –

Und was ist geschehn?

Nichts von Allem – aber Vieles soll noch. – Bei Zeiten witterte Alderman Gravesand – ein tolles Weib hatte ihm einen Zettel geschickt – den Anschlag. Er rückte mit den Grenzjägern und Zollbeamten den Kerlen in den Rücken, und jetzt schlagen sie sich im Walde. Es sind unser aber zu wenig, und ich soll Succurs holen, sonst entkommen sie uns. So hängts. – Gott erhalte ehrliche Leute und belohne ehrlichen Leuten ihre Dienste – ich habe keine Zeit.

Damit sprengte der Constabler den Weg nach der Stadt zu, ohne die Gesellschaft weiter davon in Kenntniß zu setzen, was geschehen, und ob es räthlich sei, den eingeschlagenen Steinweg nach dem Schlosse zu verfolgen? Der Squire aber war nicht zweifelhaft, und die Gesellschaft von gleichem Muthe befeuert. Alle beflügelten ihre Schritte, was indessen Bertram unmöglich ward, da seine Kniewunde heftige Schmerzen verursachte, und ihm das Gehen sehr erschwerte. Er wollte jedoch die Andern dadurch nicht aufhalten, und trat hinter einen Busch, während jene in stürmischer Eil, ohne auf jeden Einzelnen Acht zu geben, vorrückten.

Als er sie aus den Augen verloren, machte auch er sich auf den Weg. Es war der nämliche, auf welchem er zum ersten Male nach Walladmor-Castle zog. Aber unter wie verschiedenen Verhältnissen! Verdächtig als ein Verbrecher, gefesselt, im harten Winter, der Willkühr roher Soldaten preisgegeben, sah er damals nur eine trübe Zukunft vor sich. Es hatte sich alles umgeändert. Er hatte im Schlosse mehr gefunden, als je seine kühnste Hoffnung ihn erwarten ließ; und doch stand er wieder auf einem Punkte des Zweifels, dessen unglückliche Lösung ihn vielleicht um vieles unglücklicher machte, als er damals war, wo den Unbefangenen nur äußere Leiden drückten.

Seinen Gedanken nachzuhängen war übrigens nicht die Zeit, denn theils mußte er auf den Weg, welcher nur zuweilen von dem aus den Wolken hervortretenden Monde beleuchtet wurde, acht geben, theils störten die Schüsse zu seiner Rechten ihn oft genug auf. Was die Smugglergefechte, welche so oft an unsern Küsten mit der größten Erbitterung geliefert werden, und fast jedesmal einigen der treusten Diener des Vaterlandes das Leben kosten, ohne daß ihnen das Vaterland ein Denkmal setzt, – was diese so furchtbar für den Zuschauer, oder wer sonst unbefangen in die Nähe geräth, machen, ist die große Stille, in welcher gemetzelt und gemordet wird. Der Smuggler schreit nicht, tritt nicht offen auf; versteckt hinter der Hecke, lauert er seinen Feinden auf, und erlegt, wer ihm in den Wurf kommt; und selbst wenn er angegriffen wird, vertheidigt er sich mit verbissenen Zähnen wie ein Tieger, und fällt, wenn es sein muß, ohne Laut. Aber auch die Beamten haben in diesem kleinen Kriege die schleichende Natur ihrer Gegner angenommen. Sie überfallen, und feuern sich sehr selten durch ein Kriegsgeschrei an, aus Furcht, es möchte einen Hinterhalt herbeilocken, oder der Pöbel aus der umliegenden Gegend, welcher es in der Regel mit den Schleichhändlern hält, könnte, aufgeweckt, ihnen zu Hülfe eilen. So war auch das Gefecht, welches in der Nähe des Weges vorfiel. Aus den Büschen in den verschiedensten Richtungen blitzte es auf, und hier und dort hörte Bertram auch Schwertergeklirr. Er ging indessen sacht seines Weges, und es war erst, nachdem er eine geraume Strecke zurückgelegt, als er in einiger Entfernung seitwärts folgende Worte vernahm:

Verwünscht – er ist verschwunden – das macht Euer dicker Wanst, Master Bloodingstone – wir waren ihm auf den Zehen – und entlaufen!

Der Teufel laufe so ohne Vorsicht ins Dunkle und Wilde hinein, wo aus jedem Strauch ein Buschklepper vorspringen kann. –

Und er war schon angeschossen – vorn in die Seiten, – ich sahs, als er über den mondhellen Platz lief, wie er sich mit beiden Armen vorn hielt, und nachher sah ich auf dem Sande, wies pure Blut armdick geflossen war.

Dann liegt er auch in der Nähe, Mac Kilmary, denn wenn ein Schwein in die Weichen gestochen ist, läufts nicht hundert Meilen mehr. Er muß hier irgendwo zappeln. Such, such, Mac Kilmary.

Master Bloodingstone! von Euch laß ich mich nicht wie ein Hund traktiren. Jeder Mensch kann seinen Hund haben, aber wer sich selbst Hund sein will, der braucht nicht Jedermanns Hund zu sein, Master Bloodingstone.

Hund! da läuft er auf dem Wege, husch. –

Wie ein Hund, wenn der Jäger das Zeichen giebt, stürzte der Irländer über Stock und Block, packte, ehe Bertram sich dessen versah, diesen bei der Kehle und warf ihn zu Boden. Indem er auf ihm kniete und mit beiden Fäusten ihn fest hielt, schrie er aus Leibeskräften:

Ich habe ihn, Master Bloodingstone, ich habe ihn. Wenn er fortläuft, pack ich ihn nicht mehr. – Schnell heran, s ist Niklas.

Soweit es seine Korpulenz zuließ, rannte der dicke Schlachtermeister heran, und, indem er seine Büchse auf den Niedergeworfenen anlegte, schrie er:

Muckst Du nur oder rührst Dich, so schlachte ich Dich wie den großen Ochsen Anno 1799 aus Carnarvon, zuerst die Hinterfüße ab. Muckst Du noch einmal, zieh ich Dir am lebendigen Leibe die Haut ab. Daß Dich, ein ehrlicher Mann wird doch endlich mit Dir fertig werden.

Bertram konnte kaum so viel Luft bei der Kehlenpresse des Irländers schöpfen, um die Worte zu sprechen:

Ehrlicher Master Bloodingstone, ich bin ja nicht der Niklas, ich bin ja der falsche Niklas!

Ja, falscher Niklas, ein ehrlicher Mann bin ich, und Du sollst es noch am Galgen werden.

Lieber Master Bloodingstone, der Kerl erstickt mich. –

Laß ihm die Brust los, Mac Kilmary, aber wir wollen ihm Hände und Füße knebeln und den Mund, und dann kannst Du ihn tragen.

Nicht Euch noch dazu, Master Bloodingstone? Dann trüge ich Wolf und Schaf zusammen.

Daß Dich! Willst Du vornehm sein, ich habe in meinem zehnten Jahre schon ein Kalb getragen, und jedes Jahr ein stärkeres.

Davon seid Ihr jetzt selbst eins geworden.

Master Bloodingstone, kennt Ihr mich denn nicht mehr? – Ich bin ja der Gast im Schlosse, ich bin Bertram, und habe ja neulich bei Euch in M*** Schinken zum Frühstück gegessen.

Ja, das kann Jeder sagen – meinte Mac Kilmary, und in seiner traurigen Stimme lag der Beweis, daß er selbst von seinem Irrthum überzeugt sei. Mit dem Schlächtermeister verständigte sich Bertram indessen bald, und stand unter dessen Beihülfe wieder auf. Mac Kilmary aber, sehr unzufrieden darüber, kraute sich im Kopfe, und sprach:

Ich habe nun eine Natur, die immer das Rechte ausspionirt, und der Teufel soll mich holen, wenn das nicht der Rechte ist, denn ich habe ihn nun schon zweimal gegriffen, und beide Mal lassen Sie ihn wieder los, weil sie klüger sein wollen als ich. – Was das bedeuten soll, weiß ich nicht. – Der hat so gut einen Hals zum Hängen, als der andere, wenns denn doch einmal ans Hängen gehen soll; und was die Ehrlichkeit anbetrifft, so würden wir Alle stehlen, wenn man vom Galgen, statt hinauf ins ewige Leben, wieder herunter ins zeitliche käme.

Beide Diener der Gerechtigkeit schieden von Bertram, nachdem ihn der Schlächtermeister, jetzt bei diesen unruhigen Zeiten wohlbestallter Constabler, unterrichtet hatte, daß die Bande des berüchtigten Schleichhändlers so gut als vernichtet anzusehen sei, um den ihnen vermeintlich entgangenen Anführer auf dem Wege nach der Stadt hin einzuhohlen. Bertram wandte sich weiter in entgegengesetzter Richtung nach dem Schlosse. Als er jedoch kaum einige funfzig Schritte gegangen war, hörte er seitwärts ein klägliches Wimmern und Stöhnen. Er blieb vorsichtig stehen, und sah bald, daß an einem Strauche sich etwas bewege. Es mußte ein Verwundeter sein, der keine Rettung mehr zu erwarten hatte, denn Flüche über sein Schicksal wechselten mit der Anrufung heiliger Namen und Floskeln aus Kirchengebeten – die Kraft mußte ihm aber schon im Ausgehn sein, denn es waren lange Pausen zwischen jedem Worte, welche von Stöhnen und inartikulirten Lauten, die nach Gestaltung rangen, ausgefüllt wurden.

Jesus Christus meiner armen Seele gnädig – habe nur in der Vertheidigung Menschenblut vergossen – ein verfluchter heimtückischer Schuß – auf auf – daß ich dem Kerl nicht längst das Garaus gab – ich habe mich nie an Kirchengut vergriffen, und mit meinem Weibe christlich gelebt – vergieb uns unsere Schuld, wie wir vergeben unsern Schuldigern – warum mußten wir ihm auch zu dem tollen Streich folgen? – Es war voraus zu sehn – so viel wackere Burschen um eine verrückte Liebschaft. –

Nein, es ist nicht möglich! sagte Bertram, der bisher, im Glauben, der Verwundete sei Nichols, von einem wunderbaren Gefühle ergriffen, zweifelhaft, ob er ihm beispringen solle oder nicht? da gestanden hatte. Auch jetzt war er noch im Schwanken, als ein Geräusch im entferntern Dickicht ihn wieder in sein Versteck hinter einem Haselstrauch zurücktrieb. Es war sein Glück, denn sechs bis acht Bewaffnete stürzten auf den Fleck, wo er gestanden, los. Ihr wildes Ansehn und ihre Waffen verriethen, daß sie das Gefecht verlassen hatten. Sie standen still, als sie das Gewimmer hörten, und Einer von ihnen trat an den Verwundeten heran. Der Mond trat eben aus einer Wolke, und Bertram konnte ihn ohne Mühe erkennen. Es war Niklas. Er fluchte.

Der – fahre nieder auf die Stadtratzen! – Meine besten Leute. – Valentin, Valentin! Du warst ja sonst ein wackerer Bursch und zagtest nicht um eine Schramme. Auf, auf, es ist noch nichts verloren.

Die Schramme ist diesmal zu tief herein gegangen – stöhnte der Verwundete.

Wo denn?

Die Kugel fuhr in die Weichen, und mein Lebensblut liegt schon auf Moos und Sand. – Es geht zu Ende.

Ich wills nicht glauben, Valentin! Deine Frau schrie schon immer, wenn Du beim Springen durch die Hecken Dir den Finger geritzt hattest. Es ist Einbildung. – Steh auf, Du kannst hier nicht liegen bleiben, die Kerle setzen uns nach, und wer weiß, ob uns keine entgegen kommen.

Es geht nicht mehr, o weh!

Valentin! Valentin! – Ich habe noch Muth, teuflischen Muth. – All das Bischen Zaghaftigkeit und Verschämtheit, was Ihr mir immer vorwerft, ist mit dem letzten Funken von gewissenhafter Ehrbarkeit in der Nacht drauf gegangen. Ich möchte jetzt ruchlos sein und einen Pulverthurm anstecken, um mich an dem Knall zu freuen.

Der Verwundete stöhnte und ächzte. Niklas fuhr, wie berauscht von einem frevelhaften Gedanken, fort:

Valentin! Du warst der beste Spießgesell, wanns ans Schießen und Stechen ging. Wir sind noch beherzte Leute zusammen, die es drauf ankommen lassen. Jeder mißt sich mit Dreien. Es lebe die Gewalt. Morden und metzeln will ich. Die Liebste ist mir untreu geworden. Nun gilts Gewalt; ich schleppe sie fort, und wenn sie sich sträubt, ists neue Lust. – Faullenzer, steh auf!

Jesus Christus meiner Seele gnädig!

Was? Betest Du? – Ja, dann ists weit gekommen. – Gelobt, mit mir noch nicht. – Ich habe Blut vergossen, das hat mich lustig gemacht. – Ich habe Muth und Freiheit zu tausend Frevel, und wünschte nur, ich stände vor andern Leuten, als einem armen Friedensrichter. Ihr habt doch Muth, Bursche, Vergebung ist nicht zu hoffen – Blut um Blut, der Galgen, wenn wir verlieren, und ein hübsches Mädchen, wenn wir gewinnen, und alles vollauf, was wir wünschen, und dann auf Jacsons Schiff gestiegen, und der alten Welt ein Ade gerufen.

Die Leute antworteten nicht, machten aber wilde Bewegungen, aus welchen Bertram schloß, daß die Bande noch einen Angriff gegen das Schloß beabsichtige. Deutlicher wurde aber zugleich das Gewimmer des Sterbenden. Er drückte Niklas Hand und schien ihn zu sich herabziehn zu wollen. Was er ihm von Ermahnungen zur Bekehrung zuflüstern mochte, oder ob bloß in seinen Gebärden eine solche Bitte gelegen, das verstand Bertram nicht; aber er schloß nur aus Niklas scheuem Blicke und seinen folgenden Aeußerungen, daß etwas dergleichen zwischen Beiden müsse vorgefallen sein:

Nicht doch, Valentin. – Ich habe noch Mark in den Gliedern, Kraft in den Sehnen. Heut stürm ich noch das Schloß – es soll lodern, und ich will mich freuen, noch lange freuen, ehe die auftreten, welche nebst den Würmern an meinen Nachlaß Ansprüche machen.

Niklas, Du kannst ja nicht mehr mit Deinen wenigen Leuten etwas wagen – die Besten sind todt.

Aber Toms fehlte, als wir zu früh den Streich wagten.

Toms dient zweien Herren. – Und gegen den Squire beginnt er nichts.

Toms ist mir ergeben. Auf mein Blut schwört er. Du hast die Gedanken eines Pfaffen. Wärs deshalb, ich möchte mich vor dem Tode fürchten. – In ein Paar Stunden, Valentin, wenn Du von uns scheidest, steige ich durch Toms Hülfe ins Schloß und ins Brautbett mit der Getreusten, – oder, wenns fehlschlägt – nun dann sehn wir uns wieder. Leb wohl.

Niklas, mein Weib. – Denke an mein Weib. –

Bertram hatte sich schnell entschlossen. Länger zu verweilen, hätte vielleicht ihn verrathen, vielleicht es ihm unmöglich gemacht, den Schloßbewohnern Nachricht von dem Unternehmen zu bringen, welches, glücklich ausgeführt, das Glück des Squires, ja sein eigenes auf ewig vernichten mußte. Ohne weiter die Antwort des durch den Verzug beim Sterbenden aufgebrachten Niklas abzuwarten, schlich er sich, so leise es anging, aus seinem Verstecke fort, und auf den großen Weg, so weit dieser beschattet war. Wo mondhelle Stellen waren, drückte er sich seitwärts ins Gebüsch, bis er, nach einem gewonnenen Vorsprunge, sicher vor den Verfolgungen zu sein glaubte, und nun so gemächlich gehen konnte, als dies seine Verwundung wünschenswerth machte.

Schon stieg das Schloß in seiner gothischen Pracht vor ihm in die Höhe, und er konnte die einzelnen Thürme und sogar die Zinnen und Schießscharten, im Gegensatz des monderleuchteten Horizontes, deutlich erkennen, als es hinter ihm wieder laut wurde. Er blieb stehen, konnte aber wegen der Entfernung nichts unterscheiden. Desto deutlicher aber wurden die Töne. Vielfacher Hufschlag stampfte auf dem Felsboden des Weges, Säbel klirrten, und es fielen mehrere Schüsse bald stärker, bald schwächer, vermutlich von Flinten und Pistolen. Man mußte mit großer Erbitterung streiten, denn lange nachdem kein Schuß mehr fiel, und wahrscheinlich alle Gewehre und Pistolen abgeschossen waren, dauerte das Klirren der Säbel noch fort. Auch hörte er wildes Gekreisch, wie es nur in den Gefechten der wilden Amerikanischen Stämme unter sich oder mit den Europäern vernommen wird. Nachdem der ganze Lärm wohl an eine Viertelstunde gedauert hatte, hielt Bertram es für das Geratenste, auch hier nicht den Ausgang abzuwarten, sondern sich nach dem Schlosse weiter auf den Weg zu machen.

Kaum mochte er indessen fünf Minuten gegangen sein, als das Säbelklirren ganz aufhörte und er nur das Pferdegetrampel hörte. Dies kam ihm aber näher, und plötzlich sah er mehrere Reiter auf dem hohen Strandwege hinter sich her sprengen. Ehe er sich noch entschließen konnte, ob es gerathener sei, zu fliehen oder ruhig stehn zu bleiben, waren ihm die Vordersten so nahe, daß an ein Entkommen nicht mehr zu denken war.

Dort flieht Einer! – Greift ihn, eh er ins Meer springt – rief vermutlich ein Anführer, und Bertram ließ sich willig von den vorsprengenden Reitern, ohne einen Versuch zu machen, ins Meer zu springen, am Kragen fassen, wenn auch diese Berührung keine sanfte war. Zu seiner Freude erkannte er in ihnen Dragoner desselben Regiments, von welchem er früher nach Walladmor-Castle war transportirt worden. Er fragte daher sogleich:

Ist Sir William Davenant Euer Anführer? – Ihm will ich mich ergeben.

Der wird für die Ehre danken, – sagte Einer – und wenig Federlesens machen. – Den Riemen durch die Schultern, Anton.

In dem Augenblicke sprengte der Anführer heran.

Ob es der Rädelsführer ist, der Staatsverbrecher, Anton? –

Schmuck sieht er aus, Sir Davenant, Gott weiß, wo der Rock gestohlen ist.

Sir Davenant, Sir Davenant, befreien Sie mich.

Was, eine bekannte Stimme?

Schon einmal incommodirte ich Sie mit meinem Transport nach dem Schlosse. Diesmal kann ich Zeugen meiner Redlichkeit aufweisen.

Hör ich recht? – Herr Bertram!

Bertram, und kein Smuggler.

Der Ritter sprang vom Pferde, und bewillkommnete den alten Bekannten. Beide theilten sich, auf die begierige Anfrage des Andern, ihre Wissenschaft von den heutigen Vorfällen mit, und der Officier erzählte ihm, daß er, in der Nähe stationirt, auf die Nachricht von dem bedrohten Schlosse, sogleich habe aufsitzen lassen. Von der Zerstreuung der Smuggler hatte er unterweges gehört, war aber doch ungefähr auf der Stelle, wo Bertram den Valentin verließ, einen Trupp ansichtig geworden. Die Smuggler hatten sich zur Wehr gesetzt und hinter Sträuchern liegend, nach Sir Davenants Versicherung, mit einer Erbitterung gefochten, welcher nur die der Spanier und Franzosen in den Gebirgsgefechten des Bonaparteschen Krieges gleichkam. Mehrere Dragoner waren verwundet worden, zwei Smuggler geblieben. Von den übrigen mochten, nach der Meinung des Officiers, alle verwundet sein; es war jedoch nicht gelungen, auch nur eines einzigen habhaft zu werden, indem jeder mit dem Säbel so lange gefochten, bis er todt niedergesunken war, oder im Dickicht eine Zuflucht gefunden, wohin es den Reitern, bei der Unbekanntschaft mit den Hindernissen des Terrains, unmöglich zu folgen war. – Bertram setzte sich, nachdem die Reiter etwas von dem Gefecht ausgeruht hatten, zu einem derselben auf das Pferd, und der ganze Trupp ritt darauf nach dem Schlosse. Ehe wir jedoch hier ihre Ankunft beschreiben, ist es nöthig, etwas zurückzuspringen, um zu melden, was sich vor derselben dort zugetragen hat.

Die Gesellschaft war in stürmischer Eil glücklich ins Schloß gekommen, und hatte dort bereits den Alderman Gravesand angetroffen, welcher auf den Lorbeeren seines kurzen Feldzuges ruhte. Er wußte in seiner Bewillkommnungsrede an den Squire sehr geschickt einfließen zu lassen, daß er der Retter des Schlosse sei, und erst sehr spät erfuhr Sir Morgan, daß die Obrigkeit in M*** durch einen anonymen Zettel von dem Anschlage des Verbrechers sei unterrichtet worden. Sie hörten, daß die Rotte während des Ungewitters den ersten Sturm auf das Schloß gewagt habe, aber theils von dem Seneshal und zwei alten zurückgebliebenen Dienern durch Flintenschüsse abgewiesen, theils durch den Ueberfall der Zollbeamten zum Rückzuge genöthigt worden sei. Zwar meinten einige der Gäste, da die Gefahr noch durchaus nicht vorüber sei, wäre es angemessener gewesen, wenn der Alderman sich zur weitern Verfolgung der Verbrecher auf die Füße gemacht hätte, statt die Rückkunft des Squire abzuwarten, um diesem, was geschehen und nicht geschehen sei, zu berichten; aber der Squire dankte auch so den Dienstleistungen der würdigen Magistratsperson, und die Häscher ließen sich gern in die untern Zimmer der Burg verweisen, um die Besatzung für einen etwa neuerdings zu befürchtenden Ueberfall zu verstärken, und sich an den ihnen dargereichten Erfrischungen und Erwärmungen zu erfreuen.

Noch aber war die Besorgniß im Schlosse nicht beseitigt. Ginievra war, als sie die im Vorhofe beim Fackelschein Versammelten anblickte, unruhig geworden, und der Squire, welcher sie zu überreden suchte, heut alle Nachfragen zu unterlassen, und sich ruhig zur Erhohlung niederzulegen, schien erfreut, als die Frage, welche sie nicht unterdrücken konnte, Niemand weitern betraf, als Bertram.

Wo ist Bertram, ich sehe ihn nirgends?

Bertram! Herr Bertram! wurde von allen Seiten wiederhohlt, aber keine Antwort erfolgte. Man fragte, ob Jemand wisse, wo Bertram geblieben sei? aber Keiner konnte von ihm Auskunft geben. In der That wurde jetzt auch der Squire besorgt und ging unruhig umher, aber Ginievra schien unter allen am meisten von der Angst gefoltert.

Er fiel und verwundete sich, als er mich ans Land trug – Oheim, bester Oheim – warum wurde nicht für ihn gesorgt – warum keine Sänfte herbeigebracht? – Er kann unterweges hingesunken sein – vielleicht am schwindligen Abgrunde – vielleicht – es wird noch immerwährend im Walde geschossen – es kann ihn eine Kugel getroffen haben – er fällt in die Hände der Räuber, – wird denn Niemand hinaus, ihm entgegen gehn? –

Man lief unter einander, ohne einen Entschluß zu fassen; in dem Augenblicke aber pochte es ans Thor. Ginievra, in der Aufwallung der Gefühle ihrer selbst nicht mächtig, rief aus:

Er ists, er ists!

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