Frei Lesen: Walladmor

Kostenlose Bücher und freie Werke

Kapitelübersicht

Erster Band, Erstes Kapitel. | Zweites Kapitel. | Drittes Kapitel. | Viertes Kapitel. | Fünftes Kapitel. | Sechstes Kapitel. | Siebentes Kapitel. | Achtes Kapitel. | Neuntes Kapitel. | Zweiter Band, Erstes Kapitel. | Zweites Kapitel. | Drittes Kapitel. | Viertes Kapitel. | Fünftes Kapitel. | Sechstes Kapitel. | Siebentes Kapitel. | Achtes Kapitel. | Dritter Band, Erstes Kapitel. | Zweites Kapitel. | Drittes Kapitel. | Viertes Kapitel. | Fünftes Kapitel. | Sechstes Kapitel. | Siebentes Kapitel. | Achtes Kapitel. | Neuntes Kapitel. |

Weitere Werke von Willibald Alexis

Isegrimm | Der neue Pitaval - Neue Serie, Band 4 | Der Werwolf | Der neue Pitaval - Band 15 | Der neue Pitaval - Neue Serie, Band 9 |

Alle Werke von Willibald Alexis
Diese Seite bookmarken bei ...
del.icio.us Digg Furl Blinklist Technorati Yahoo My Web Google Bookmarks Spurl Mr.Wong Yigg


Dieses Werk (Walladmor) ausdrucken 'Walladmor' als PDF herunterladen

Willibald Alexis

Walladmor

Neuntes Kapitel.

eingestellt: 7.8.2007



Unentkleidet hatte sich der Squire am Spätabend auf ein Ruhebett geworfen, ohne Ruhe zu gewinnen. Fieberträume ängsteten ihn, wenn seine Augen geschlossen waren, und vor den geöffneten drängten sich Bilder um Bilder, wie sie nur die ausschweifendste Phantasie im Gebiete des Schrecklichen ersinnen kann. Bisher nannte er die Nacht, in welcher er den Tod seiner Gattin und den Raub seines Kindes erfahren, die fürchterlichste seines Lebens; in den Stunden dieses Selbstkampfes, mußte er sich gestehn, daß die heutige jene an Entsetzen überbiete. »Mein Sohn! Mein Sohn!« rief er mehrere Male im Träumen aus; aber eben so oft als das Vatergefühl die Gestalt des Verlornen und Wiedergefundenen vor sich hinzauberte, rang er auch im Fieberwahne damit, das Phantom eines gerechten Wälschen Gerichtsherrn vor sich erstehn zu lassen. Was ihm die eigene Geschichte und Tradition nicht bot, entnahm er aus den morgenländischen Erzählungen, in welchen unerbittliche Väter und Richter dem Buchstaben des Gesetzes jedes Gefühl aufopfern. Er gelangte in dem unersprießlichen, seine Kräfte verzehrenden Ringen nicht zur Ueberzeugung, daß in diesem Kampfe zwischen dem menschlichen Gesetze und menschlicher Schwachheit grade das göttliche Recht der letztern zum Grunde liegt. Erst lange nach Mitternacht suchte ihn der Schlaf; jedoch ein Traum, natürlich aber um so fürchterlicher, benahm ihm auch hier die Ruhe. Er sah das Gerüste, und sein Sohn bestieg die Leiter. Er wendete sich nach ihm um, als er das Halstuch losband, und er glaubte die Worte zu vernehmen: »Vater, hilf mir!« Er riß die Augen auf, rief: »Ich komme Dir zu Hülfe, mein Sohn!« und sprang vom Ruhebette empor.

Es mußte tief in die Nacht sein, denn die Kerzen auf seinem Armleuchter waren ganz herunter gebrannt. Am Fenster fand er keine Auskunft, denn Wolken hatten den Himmel bedeckt und ein gelinder Regen strömte herab. Von Angst, Zweifel und Entschlüssen getrieben, eilte er durch die Kreuzgänge nach Bertrams Zimmer. Zu seiner Freude fand er ihn nicht allein noch unentkleidet, sondern auch in Gesellschaft Sir Davenants. Beide Jünglinge traten dem Greise, dessen Erscheinung der eines Gespenstes glich, besorgt entgegen.

Kinder! Freunde! Um Gottes Barmherzigkeit willen, ist es noch Zeit? Es ist mein Sohn Edwin, mein Sohn Edwin, der sterben soll. Ein pflichtwidriger Richter, ein fluchwürdiger Vater! Was ist schlimmer? – Ein fluchwürdiger Vater. – Retten, retten meinen Sohn, kann ich ihn retten, so helft mir, auf welche Weise es sei. Ihr senkt die Köpfe. Ist es zu spät, zu spät?–sehen, sehen, ihn zu sehen werden sie mir doch erlauben. Sie sollen doch nicht sagen: er war ein solcher Barbar, daß er sein Kind nicht angesehn.

Unglückseliger Vater, wenn das Mährchen wahr ist, – sagte Sir Davenant – wider Erwarten kamen die Constabler und Häscher schon in der zweiten Stunde nach Mitternacht, und James Nichols muß bereits unter ihrer Begleitung einen guten Theil des Weges nach der Richtstätte zurückgelegt haben.

Der Greis schlug sich mit beiden flachen Händen gegen die Stirn und wankte nach einem Sessel, auf den er halb besinnungslos niedersank. Der Schmerz, welcher ihn niedergeworfen, riß ihn aber in wenig Augenblicken in die Höhe. Als läse er den schwachen Trost, welchen Sir Davenant ihm zusprechen wollte, in dessen Blicken, rief er aus:

Leugne nicht! Er war es, mein Sohn; weg mit dem falschen Troste. – Ich kannte seine Züge, es waren die meiner Ahnen. Was wird man von dem Vater sagen, der unnatürlich seinen Sohn tödten ließ, seinen eigenen Sohn – Bertram, Sir Davenant, auf, auf, ich muß ihm nach – o ich habe Kräfte in der Jugend gespart – wir müssen ihn einholen, und wäre es auch zu weiter nichts – ihn sterben sehn –

Bertram zeigte in seiner Bewegung, daß er bereit sei; der Offizier schien weniger geneigt.

Bedenken Sie, würdiger Mann – was Sie vornehmen. Rettung, selbst Aufschub ist nicht möglich; eine Scene der Wiedererkennung würde nur ein Schauspiel für den Pöbel abgeben.

Was steht denn auf dem Spiele? – Eine stahlblanke Ehre; aber dem sie angehört, der gleicht der morschen, wurmstichigen Eiche. – Sie sind keine Väter, sie sind nie Väter gewesen. –

Der Squire hatte im Affect sehr laut gesprochen. Dessen ungeachtet glaubte Bertram während seiner Rede ein undeutliches Geräusch außerhalb vernommen zu haben. Jetzt dröhnten einige überaus laute und heftige Schläge ans Thor, von welchen alle drei aufgeschreckt wurden.

Er kommt, er kommt zurück! rief der Squire, und stürzte ans Fenster. Ein wildes Geschrei, von Tönen, wie er sie nie vernommen hatte, scholl ihm entgegen; auch leuchtete es röthlich, wie vom Scheine einiger Fackeln oder Feuerbrände von dem vordern Theile des Schlosses. Jedoch ergab sich bald, daß der Schein von einem Feuer herrühre, welches noch außerhalb der Schloßmauern brenne. Desgleichen scholl daher ein entsetzlich wildes Gejauchze, und zuweilen flogen einzelne Feuerbrände in die Luft. Aus dem Klopfen ans Thor wurde ein ungestümes Rütteln an den Angeln desselben. Auch klang es von Steinen wieder, welche man von außen dagegen warf. Die Burgbewohner streckten schüchtern die Köpfe aus den Fenstern mit dem ängstlichen Rufe: »Was giebts?« – »Was ist?« – »Brennt es?« Andere Beherztere hatten, halb entkleidet, nach der ersten besten Waffe gegriffen, und liefen, noch schlaftrunken, im Hofe umher.

Der Squire war nicht vermögend, ein Wort zu sprechen; er wankte nur in den Hof hinaus, und, indem er einen alten im Zimmer stehenden Degen ergriff, rief er zu Davenant und Bertram:

Kinder! Es gilt. – Was? weiß ich nicht. – Hinunter, hinunter! Gebe der Allmächtige, daß er es ist, daß ich das Schwert kann in die Scheide stecken, und – hinunter!

Schon vor der Aufforderung hatten Bertram und Sir Davenant nach ihren Waffen gegriffen, und alle drei eilten die Treppe hinunter in den mittlern Hof, wo sie bereits eine kleine Schaar von Dienern des Hauses, einige Dragoner und zwei Häscher bereit fanden, zur Vertheidigung des Schlosses, nach dem Außenwerke über die Zugbrücke zu gehen. Ein Dragoner sagte:

Der schurkische Irländer, der Mac Kilmary, ist fortgelaufen. Gewiß hat er Succurs geholt und unterweges den Niklas losgemacht. Wollte Gott, es wäre so! sprach der Squire zu seinem Begleiter, und sie wollten, nachdem sich zu ihnen selbst der ehrwürdige Master Simon, mit einem alten Spieße in der Hand, gesellt hatte, nach dem Vorhof eilen, als der gekrümmte Pförtner ihnen mit allen Ausbrüchen der Verzweiflung entgegen gestürzt kam und ausrief:

Die Zugbrücke herauf! die Zugbrücke herauf!

Selten ist die Besonnenheit die Gefährtin des Schreckes. Der Pförtner aber bewies sie, indem er zugleich mit dem Ausrufe, trotz seines Alters und seiner Gebrechlichkeit, sich an die eine Kette der Zugbrücke hing. Der Seneshal Maxwell folgte seinem Beispiele, und im nächsten Augenblicke war die Schloßmannschaft an ihrer Absicht, ins Außenwerk vorzurücken, verhindert. Die Frage des Squire: »Was giebt es?« – »Weshalb?« wurde, so oft er sie auch wiederholte, im allgemeinen Getöse überhört. Es bedurfte aber nicht der Antwort des Pförtners, um vom Grunde seiner Furcht und Angst unterrichtet zu werden, denn ein gellendes Geschrei und Getöse unterrichtete Alle, daß der Feind über die Mauern des Außenwerkes müsse geklettert sein, oder das Thor gesprengt haben, und bald kamen davon deutlichere Beweise, indem mehrere schwere Steine gegen die Zugbrücke anschlugen. Der Pförtner aber schrie:

Jesus Christus! Wir sind verloren. – Wilde Bestien haben gestürmt – wilde schwarze Männer – sie springen über die Mauern, wie Katzen, und haben Säbel und Flinten.

Von der Wahrheit des letztern Umstandes wurde die Menge in demselben Augenblicke unterrichtet, indem mehrere Flintenschüsse draußen fielen, ohne daß man eine Wirkung derselben wahrgenommen hätte. Auch flogen unter dem vorbeschriebenen wilden Gejauchze einige Feuerbrände in den innern Hof.

Laßt nieder die Zugbrücke, oder es kommt keine Seele lebendig davon! rief es jetzt draußen.

Indessen hatte der besonnene Dragonerofficier die dienlichsten Anstalten zur Vertheidigung des Schlosses getroffen, indem er durch Blicke und handgreifliche Winke schweigend die nöthigen Befehle, hier und dort die Mauern zu besetzen, gegeben. Er selbst stand hinter einem der beiden kleinen Eckthürmchen, welche über dem Schloßthor nach dem Aussenthor hinaus sprangen, und, indem er seinen gespannten Karabiner anzulegen im Begriffe war, rief er mit kräftiger Stimme hinunter:

Schwarze Bestien, und Du, der Du ihr Anführer scheinst, einen Schritt weiter, noch einen Stein gegen die Zugbrücke geworfen, und ich lasse auf Euch eine Ladung Flintenkugeln geben, die Eure Wuth abkühlen wird.

Sir Davenant, hüte Dich! – rief der Anführer – daß meine schwarzen Bestien Dich nicht zerreißen. Laßt die Zugbrücke nieder – oder bei Gott! ich selbst kann die Wuth meiner entfesselten Sklaven nicht mehr bändigen.

Eben wollte der Officier den Befehl zum Feuern geben, als er unter sich die Zugbrücke zu seiner größten Verwunderung niederrasseln hörte. Er schrie:

Ist Verrath im Werke? – und stürzte, da er sich im Augenblicke überzeugte, daß seine Gegenwart, wenn die Neger unter ihm in den innern Hof drängen, hier oben von keinem Nutzen mehr sein würde, indem er den zunächst um ihn stehenden ihm zu folgen befahl, wieder auf den Schloßhof zurück.

Hier hatte sich die Scene verändert. Der Squire mit seinen Leuten, meist des Kampfes Unfähigen oder Ungewohnten, hatte sich etwas nach der Mitte des Hofes zu zurückgezogen, wogegen der Anführer der Feinde mit einem kleinen Theile seiner mit Feuerbränden, Steinen, Flinten und Säbeln wild bewaffneten nackten Neger über die Zugbrücke vorgedrungen war und den Burgbewohnern gegenüber stand. Beide Theile hielten aber ihre Waffen gesenkt, und es schien zur Unterhandlung zu kommen. Der Squire hielt in der rechten Hand seinen Degen, mit der Linken umschlang er Ginievren, welche, halb im Nachtgewande, mit gelösten Haaren, herbeigeeilt war. Der Prediger, Bertram, Maxwell, der Pförtner standen, wie zu ihrem Schutze, um sie geschaart, und die gezückten Waffen blitzten in ihren Händen. Endlich sprach nach einer Pause der Anführer:

Morgan Walladmor! Dein Haar ist weiß – gegen greise Locken heb ich nicht den Stahl. Bei Gott, es ist ein Anblick zum Erbarmen. Du zitterst, und neben Dir zittert Dein Schwesterkind. Hätte ich seit sieben Jahren Dir den Tod geschworen, ich glaube, der Anblick sättigte mich.

Der Greis ließ den Degen fallen, und hielt ihm den rechten Arm entgegen.

James Nichols, Edwin! was willst Du von mir? –

Während er, nicht vermögend, weiter zu reden, verstummte, trat auch Niklas voller Verwunderung ihm näher.

Bei Gott, träume ich, oder seid Ihr der mächtige, unerbittlich strenge Friedensrichter Morgan Walladmor?

Mein – mein – rief der Squire, noch immer in derselben Stellung, aus, doch er vermochte es nicht, das Wort auszusprechen. Im nämlichen Augenblicke stürzte aber die tolle Gillie herbei, entriß einem der Fackelträger seine Fackel, trat zwischen Beide, und hielt sie auf Niklas Gesicht, wodurch zugleich ihre eigenen wilden Züge, in denen sich Zorn und Höllenlust aussprach, beleuchtet wurden. Nach wenigen Momenten dieses stummen Spieles kreischte sie:

Kennst Du ihn, Morgan Walladmor? – Es ist Dein Sohn, – häng ihn, hier ist der Strick, an dem mein Sohn hing – sei gerecht, sei gerecht – Kennst Du den alten Mann, Niklas? – Es ist Dein Vater, aber er will Dich hängen lassen, hängen läßt er Dich gewiß, obgleich er Dir so ähnlich sieht, wie mein Gregory seinem Vater. Drum spalte ihm den Kopf, denn Väter braucht man nicht so zu lieben, wie Mütter ihre Söhne lieben.

Die Gewalt des Momentes war groß. Stumm sah Nichols eine Weile auf den Greis, aber seine brennenden Augen sprachen die Frage aus. In den Augen des Greises, in seiner zitternden Bewegung las er die Antwort, welche er verlangte. Er schleuderte sein Schwert fort, stürzte dem Vater zu Füßen, und umfaßte seine Knie. Ein Fieberfrost schien ihn zu schütteln, er sprach keine Sylbe. Der Squire legte seine Hände auf das Haupt des Knieenden, er wagte aber nicht, den Verbrecher auf und in seine Arme zu heben. Alles war still, selbst die rohen Negersklaven schienen für den Augenblick von der Feierlichkeit des Momentes ergriffen, denn sie standen unthätig da und blickten sich verwundert an. Endlich preßte der Squire die Worte hervor:

Die Sterne lügen nicht, aber der Allmächtige ist auch gütig.

Es erfolgte eine neue Pause. Nichols wagte nicht aufzustehn, der Vater nicht, ihn an seine Brust zu drücken. Der letztere aber faltete seine Hände, und, nachdem er ein stummes Gebet mit gen Himmel gerichtetem Blicke leise gesprochen, machte er sich von dem Knieenden sanft los, und sprach die Worte:

James! – Edwin! Ich zweifle nicht, daß Du mein Sohn bist – aber auch selbst in Deiner Zerknirschung bist Du noch der Verbrecher, den Walladmors reine Hallen nicht aufnehmen dürfen, den ich nicht an mein Herz schließen darf. – Gepriesen sei der Himmel, daß er Dir Mittel gab, dem schmachvollen Ende zu entgehen, aber den neu gefundenen Sohn muß ich wieder verlieren. – Lebe wohl – der Segen des Vaters begleite Dich in ferne Zonen, bis ich hoffen darf, daß der Gereinigt wieder das väterliche Land betreten, an meinem Grabeshügel weinen könne. Lebe wohl. – Morgan Walladmor darf Dich nicht ansehn, darf den Fuß des blutigen Verbrechers, auf dessen Haupte das Schuldig haftet, nicht in seinem Schlosse dulden. – Lebe wohl – was Du hier beginnst in meinem Hause, thust Du als Anführer Deiner Schaar. Du hast das Schloß erstürmt. Verweile, so lange Du sicher bist, aber ich darf Dich nicht sehn. – Lebe wohl, Edwin.

Der Squire drückte noch einmal beide Hände auf das Haupt des Niedergebogenen und hörte nur noch die Worte, welche dieser, ohne den forteilenden anzublicken, sprach:

Vater! bei Gott, ich ahnte, daß Dein Silberhaupt mir theurer sein müsse, als das des Feindes, der mich rastlos verfolgte. – Vater! ich bin ein Verworfener. – Ich danke für Deinen Segen. – Ich will hinaus in ferne Zonen. Von meinen Verbrechen sollst Du nicht mehr hören. Die Sklaven, die ich frei machte, will ich nach Haity führen, in ihre zweite Heimath, will dann noch einmal in das wild gährende Südamerika, und Du sollst Thaten hören, die keine Schande Deinem Namen bringen, oder eine Nachricht, die mich mit Allen versöhnt.

Ginievra verließ mit dem Squire den Hof. Aber ehe sie mit ihm fortging, beugte sie sich über den Verbrecher und lispelte ihm zu:

Der Friede kehre in Deine Seele.

Nichols hatte die Worte verstanden, und als er sich aufrichtete, schien wirklich die Morgenröthe dieses Friedens auf den sonst wilden Zügen eingekehrt. Wer mag hören, wer beschreiben, nach einem Auftritte von diesem Gewichte, die folgenden Erörterungen und Erklärungen. Bertram trat an Nichols heran, reichte ihm die Hand, und versprach, ihm dienlich zu sein, wo er es vermöge, welches, da er ein Fremder in England sei, vielleicht mit weniger Gefahr geschehen könne. Nichols dankte ihm freundlich und drückte ihm die Hand, ein Druck, in welchem mehr zu liegen schien, als der Dank für das freundliche Erbieten. Zwischen beiden Partheien – Sir Davenant trat vorzüglich als Unterhändler der Schloßbewohner auf – wurde ihre gegenseitige Lage dahin verabredet, daß Nichols mit seinen Negersklaven das Außenwerk besetzen, und so lange sich darin aufhalten solle, bis er das Schiff, welches er nach Ueberwältigung des Capitains genommen, mit dem Nöthigsten zur weiten Reise werde versehen haben. Um der Rüge der Gesetze zu entgehen, sollten die Schloßbewohner, unter Anführung der obrigkeitlichen Personen unter ihnen, das eigentliche Schloß, wie im Belagerungszustande, besetzen. Durch die Wegnahme des Außenwerkes wurde es ihnen aber unmöglich, nach Hülfe auswärts zu senden. Wie man bei Gelegenheit dieser Unterhandlung erfuhr, hatte Nichols den Capitain, nebst denen seiner Leute, welche ihm nicht folgen wollten, bei seiner Landung mit den Schwarzen, am Ufer ausgesetzt. Es war aber Hinsichts seiner nichts zu besorgen, da er in sein eigenes Verderben gelaufen wäre, wenn er von der halb gesetzlichen Handlung der Befreiung der Negersclaven gesetzliche Anzeige gemacht hätte. Nachdem auf diese Weise die äußern Angelegenheiten in Ordnung gebracht schienen, sagte Nichols, im Begriff, seinen Leuten über die Zugbrücke zu folgen:

Doch Eines noch hätte ich fast vergessen, weshalb ich stürmend in diese Mauern drang. Ihr wißt nicht, wem ich meine Freiheit verdanke, und wen Ihr, wäre es mir nicht gelungen, die Neger zu befreien, schuldlos vielleicht zur Richtstätte geschleppt hättet. – Was seht Ihr mich starrend an? – Bei Gott, ich will nicht hoffen, daß ich zu spät gekommen. – Toms Godber sitzt statt meiner im Thurm. Laßt den treusten Diener, den treusten Freund, los. Hat er Strafe für seinen Betrug verdient, so schütze ich ihn, und nehme ihn mit in mein Schiff.

Alle sahen sich erstaunt an. Man ahnete das Entsetzlichste. Die tolle Gillie aber erfaßte im Augenblick das ganze Unglück. Sie stieß einen entsetzlichen Schrei aus, stürzte auf ihre Kniee und kratzte mit den beiden Händen in den Erdboden, gleich dem Hunde, welcher instinktmäßig die Erde aufwühlt.

Auch den Sohn noch! – Modred, Modred! Du hast mich betrogen. Komm herauf aus der Erde, von der Eiche Stamm, an dem Du nagst, Modred – die Mohren sind gekommen, sie sind doch gekommen. – Ich habe Dir Seele und Blut gegeben und meine Locken im wilden Sturme, und sie sind doch gekommen. Was lachst Du unten? Mein Sohn Toms, – er war mir nicht so lieb, wie Gregory, weil er den Gregory nicht so liebte, wie seine Mutter Gregoryn liebte. – Mein Sohn Toms hängt auch. – Lache nicht, er kommt in den Himmel, und der blutige Zauberer Morgan hat noch einen erwürgt, und sein Sohn hängt nicht, wie ich es auch verschworen, und alle Nacht zu allen bösen Geistern gebetet hatte. Arme Leute mögen rufen, aber auf arme Leute hören die bösen Geister nicht, aber sie lauschen – lauschen am Schlüsselloch und unterm Grashalm, wenn die Vornehmen auch nur flüstern.

Nichols schien durch diese Rede der Wahnsinnigen, in welcher sich ihr ganzer höllischer Racheplan, der nun zu ihrem eigenen Verderben ausgeschlagen war, aussprach, aufs tiefste bewegt. Von Sir Davenant hatte er die traurige Nachricht erfahren, daß der Gefangene bereits vor mehreren Stunden abgeführt und keine Rettung mehr möglich sei, da es sich nicht denken lasse, daß die Hinrichtung so lange verzögert werde, bis ein Eilbote den Richtplatz erreiche.

Unglückselige! – rief er aus – ich vergebe Dir, was Du an mir thatest. – Dein Wahnsinn hat Dich furchtbarer gestraft. – Mein Toms, der treuste Toms – aber Sir Davenant, es ist des Entsetzlichen zu viel und des Wunderbaren daneben. Für ein Paar Pfund reiten die unglückseligen Geschöpfe in den Wettrennen auf Tod und Leben. Für das Leben eines Unschuldigen lassen Sie ein Leben wagen – wärs nur eine Spanne Zeit –

Er brauchte nicht weiter auszusprechen, denn Bertram hatte, gleich nach der ersten Entdeckung, einem der besten Reiter des Schlosses aufzusteigen befohlen, und eben sprengte dieser in den Hof, als die Scene sich veränderte und über die Zugbrücke zwei Reiter – sie waren durch das von den Belagerern offen gelassene Thor ohne Anmeldung und Klopfen gekommen – in den innern Burghof ritten.

Der Teufel und ein armer Sünder! rief man von mehreren Seiten, und in der That glich die Erscheinung beider Reiter einer solchen Zusammensetzung. Der Eine war ganz schwarz gekleidet, ritt einen Rappen, und sein Gesicht war, wie Verschiedene hier behaupten wollten, dem, welches man gewöhnlich dem hinkenden Fürsten der infernalischen Geister unterlegt, nicht unähnlich; der andere aber saß in einem Armensünderhabit auf einer fahlgelben Stute, und sein ganzes Benehmen war so niedergebeugt, wie das einer gedrückten Seele, welche den letzten Weg zum Richtplatz geht. Selbst, als sein schwarzer Begleiter absaß, verging die Teufelsillusion nicht, denn er hinkte. Es waren aber die beiden Reiter Niemand anders, als Master Thomas Malburne und der arme Toms. Jener hatte, von einer Reise zurückkehrend, von dem tragischen Ausgange der Angelegenheiten in Walladmor-Castle gehört, und war, um seine Vermittlung anzubieten, herbeigeeilt, jedoch – zufällig oder absichtlich (dies zu entscheiden vermag ich nicht, da Master Malburnes Charakter, aller Aufklärungen ungeachtet, noch immer sehr zweifelhaft bleibt) – erst beim Zuge zum Galgen angelangt. Hier hatte sein scharfes Auge augenblicklich den Diener statt des Herrn erkannt, sein scharfer Verstand den edelmüthigen Zusammenhang errathen, und sein juristischer Scharfblick eingesehn, daß ein error in persona ein so wesentlicher sei, daß er jeden Contrakt, selbst den zwischen dem Delinquenten und der Schlinge, aufhebe, vorausgesetzt, daß die letztere noch nicht allzu fest contrahirt worden. – Nachdem auch der Sherif den Irrthum eingesehn, entließ er ihn gegen eine Caution, welche Malburne – wobei zu bemerken ist, daß dieser in der Gegend für reich galt – augenblicklich deponirt hatte.

Die wahnsinnige Mutter wollte anfangs nicht an die Wirklichkeit der Erscheinung glauben; sie hielt den im Sterbekittel zu ihr tretenden Sohn für einen Geist, und wich vor ihm scheu zurück, ehe sie seine Hand ergriff:

Toms! – Toms! – Bist Du es wirklich? – Warum haben sie Dich nicht auch todt gemacht, wie Deinen Bruder? Auf das Gebet armer Leute hören sie ja nicht. – Erschrick mich nicht, Toms. Ich bin deine Mutter und kann nicht dafür, wenn Du gehangen hast, denn die bösen Geister haben Dich selbst verführt. Oder haben sie Dich nicht gehangen? – Du lebst wohl wirklich noch? – Wirklich, Toms. – Also nicht alle Beide?

  • Seite:
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
< Achtes Kapitel.



Die Inhalte dieser Seite sind Eigentum der Öffentlichkeit.
Sollten trotzdem Urheberrechte entgegen unserem Wissen verletzt worden sein, bitten wir Sie mit uns Kontakt aufzunehmen.