Frei Lesen: Walladmor

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Willibald Alexis

Walladmor

Drittes Kapitel.

eingestellt: 7.8.2007



Nachdem die Hütte leer geworden, und auch der Nachhall der Tritte von denen, welche sie eben verlassen hatten, verschwunden war, wagte der Gast sich vom Lager emporzuheben, und indem er die Rolle eines eben Erwachenden spielte, forderte er jähnend nach einem Trunk und Speise. Die Alte brummte, brachte ihm doch den Rest einer Kanne Whisky, so wie eine Flunder und etwas Schiffszwieback, ohne sich weiter um seinen Appetit oder die Würze des Mahls, eine angenehme Unterhaltung, zu bekümmern. Der Gast aß und trank, wie es von einem wiedererwachten Schiffbrüchigen zu erwarten war, und wagte, so gestärkt, eine neue Frage an seine Wirthin:

Mütterchen, ich weiß nicht, ob mir träumte, oder ich die Leute halb wachend wirklich sah – aber ich glaube, es waren hier Fischer in der Hütte, und was ich eben verzehre, scheint von ihnen zurückgelassen zu sein.

Die Alte erwiederte ganz trocken: Man träumt viel, man sieht viel und man glaubt viel, aber man thut doch wenig. –

Er fuhr fort: Gern würde ich viel thun, wenn ich es nur könnte. Ein armer Schiffbrüchiger muß aber sehn, wo es für ihn Arbeit giebt. Kann man hier bei Euch, Mütterchen, Beschäftigung bekommen?

Die Alte schüttelte den Kopf, ohne zu sprechen.

Nun wenn hier nichts ist, so verschafft Ihr mir wohl Gelegenheit, dahin zu kommen, wo ich vor meinem Unglück hin wollte.

Wohin?

Nach England, nach der Küste von Wales. –

Es laufen da schon viele schlechte Menschen umher. –

Deshalb wird man mir doch nicht verwehren, nach Wales zu reisen? –

Die Alte sah sich bei diesen Worten langsam nach dem Sprecher um, betrachtete ihn angestrengt und schüttelte dann den Kopf.

Wart Ihr schon früher in Wales?

Niemals. –

So mögt Ihr Euch hüten.

Weshalb?

Die Galgen sind hoch, und s werden nicht viel Umstände gemacht. –

Haltet Ihr mich denn für einen Dieb, Räuber, Beutelschneider? –

Habt viel Aehnlichkeit mit Einem, dem der Galgen bestimmt ist. –

Die Alte blieb einsylbig, wie immer, und da der Fremde keine Hoffnung hatte, mehrere Auskunft ihr zu entlocken, das Gespräch auch eben nicht zu seiner Zufriedenheit sich zu wenden schien, brach er ab, und begnügte sich, seine Wirthin zu bitten, sobald eine Gelegenheit sich zeige, ihm Nachricht von derselben zu geben. Sie brummte einige Worte vor sich hin, welche man aber so gut als abschlägige wie als zusagende betrachten konnte; und der Fremde ergab sich seinem Schicksal, das Beste was er beginnen konnte, wickelte sich in seine Matten und überließ sich der Betrachtung über sein früheres Leben und die mögliche Aussicht der Zukunft.

Aber wie es zu gehen pflegt, wenn ein Philosoph, oder, – um aus der eigenen Zunft das Bild zu entnehmen, – ein Novellist , kurz ein Schriftsteller über sein Thema nachdenkt, und das Silberfischlein seiner Wahrnehmung und Erfahrung mit dem Goldfischlein seiner Phantasie zu verbinden sucht, wenn er, mit schlichten Worten gesprochen, den logischen Zusammenhang seiner in ihm lebendigen Bilder mit Anstrengung aufzusuchen bemüht ist; dann fliegen ihm zuweilen alle diese lieblichen Kinder seiner Phantasie, wie dem Vogelsteller die bunten Vögel aus dem Käfig, auf und davon, und, indem er nacheilt, sie in den verschiedenen Regionen ihrer Heimath wieder zu haschen, stößt er auf andere Gegenstände und Bilder, welche ihn für den Augenblick interessiren, so daß er, bei diesen verweilend, seine eigentliche Jagd ganz vergißt, und sich nur mit den momentanen Erscheinungen beschäftigt. So ging es auch unserm Helden, – denn daß der junge, dem Wassertode kaum entronnene, Mann diesen Charakter führen werde, hat der geneigte Leser wohl schon selbst errathen. – Indem er ernstlich über sein ganzes unsichtbares Leben nachdenken wollte, blieb sein Auge bei den sichtbaren Bildern der Gegenwart haften: er sah die zerbrechliche Hütte, er sah das alte Weib an, er lachte, da der Whisky seinem erschöpften Körper neue Kraft gegeben hatte, über seine frühere Furcht, und dachte nach, ob ein Entkommen aus diesem gefährlichen Orte nicht allenfalls durch Gewalt zu bewerkstelligen sei? Er traute sich jetzt vollkommene Kraft zu, die alte Frau niederzuwerfen; er sah sich nach einer Waffe um, die beiden Packans, und im Nothfall den versteckten Hinterhalt der stämmigen Seeleute von sich abzuhalten. Aber wie sehr er seinen Geist auch wappnete mit dem Gedanken an die Gesetze Alt-Englands, welche die physische Freiheit jedes Eingebornen so würdig vertheidigen, so blieb »der Hinterhalt der stämmigen Seeleute,« welche, bevor noch ein neu zu erwerbender Freund dem Fremden ein habeas corpus auswirken dürfte, ihn über Hals und Kopf ins offene Meer stoßen könnten, wo ihm alsdann im Reich der Seehunde und Haifische, wenn auch innerhalb Englands Seeterritorium, die Habeas corpus-Akte wenig Dienste leisten möchte, – ihm demnach ein solcher Stein des Anstoßes, daß er, wenn ihm dazu noch die Unbekanntschaft des Landes und die Möglichkeit, daß er auf irgend eine Pirateninsel verschlagen sei, einfiel, für den Augenblick die Ausführung des Vorsatzes hinaus, und den Vorsatz selbst bei Seite schob. Wer aber mit geschlossenen Augen über unausführbare Dinge brütet, geräth bald, wenn sonst nichts dazwischen kommt, nicht allein in einen geistigen, sondern auch in einen physischen Schlaf; und daher kam es denn, daß ihn nach einigen Stunden wiederum Jemand, und zwar die Alte, aus demselben wecken konnte.

Sie stand vor seinem Lager, und rüttelte den Verdrossenen.

Steh auf, sonst geht die Zeit vorüber. Draussen liegt ein Französischer Seecapitain, und ladet Trinkwasser. Er wird Dich mitnehmen und absetzen.

Der Jüngling sprang im Augenblick in die Höhe, und stand fertig zum Aufbruch da. Schlaftrunkene und plötzlich Ueberraschte springen gern über alle Vorbereitungen zur Handlung selbst, von der sie geistig oder physisch träumten, hinüber. So wollte auch der junge Mann sogleich in das Schiff steigen und absegeln, und rief deshalb:

Wo ist es? Wo? Ich komme gleich? und eilte nach der Thüre, an welchem Vorhaben aber die Alte ihn hinderte, indem sie ihn rückzog.

Ho ho! So eilig ists nicht. Ins Verderben rennt Jedermann nicht schnell genug, und aus der Schenke, eh er die Zeche bezahlt hat. Aber die Rechnung kommt nach, hat man sie ohne den Wirth gemacht, und an jedem Kreuzweg lauert der Scherge. Erst bezahlt das Herrchen, dann wirds geführt, aber erst ins Boot, und dann ins Schiff, und dann ins Meer, und dann in den Wind, – hussa lustig, da flattert so Manches.

Der Gast bezahlte die kleine Zeche, aber in dem Augenblicke des Rechnens, wo ja der trockenste Verstand alle farbigen Traumbilder verscheucht, erwachte in ihm ein neuer und nicht kleiner Grund der Besorgniß. Er fragte sich: Wer ist dieser Capitain? Wer sind die Leute, welche für mich mit ihm unterhandeln? Waren nicht noch vor Kurzem in Antwerpen jene furchtbaren Seelenverkäufer, welche am hellen Tage auf offenem Markte angesehene Personen aus dieser großen Stadt in die Sklaverei führten? Giebt es nicht noch jetzt in den volkreichen Städten Englands Matrosenpressen? Wer schützt, wer rettet hier den ganz Fremden, Verlassenen?

Es waren in der That begründete Zweifel, welche in diesem Augenblicke ihn ängstigten; wo aber keine andere Aussicht ist, folgt der verirrte Wanderer in der Nacht auch dem Irrlichte, weil es möglich ist, daß es eine Laterne sei, welche ihn auf den rechten, oder doch wenigstens auf einen Weg führe. Er hatte nicht lange Zeit sich zu besinnen, denn, nachdem kaum die Zeche bezahlt war, traten zwei Schiffer an die Hüttenthür mit der Aufforderung, ihnen zu folgen, indem die Ladung bereit sei.

Da er keinen erheblichen Grund wußte, weshalb er die Aufforderung öffentlich hätte ablehnen sollen, befahl er seine Seele dem, welcher ihn schon aus so manchen Fährlichkeiten errettet hatte, und trat beherzt den Führern entgegen. Er sagte seiner Wirthin mit wenigen Worten Dank, worauf sie indessen nur mit Murmeln unverständlicher Worte antwortete, und ohne sich um ihn zu bekümmern, in ihre gewohnte Stellung zurückkehrte. Es war noch tiefe Nacht, als er aus dem Gestrüpp sich hinausgearbeitet und, gestützt von zwei Matrosen, den Strand des Meeres erreicht hatte. Das Wetter schien ruhig, hie und da blickten die Sterne durch die Wolken, und die See zu seinen Füßen rauschte nur wie gewöhnlich. Mir Hülfe der geübten Seemänner war er bald die Lehm- und Kalkwand an einer niedrigen Stelle hinabgerutscht, und bestieg nun das mit sechs Ruderern und einigen andern Leuten bemannte Boot. Es lagen noch mehrere Tonnen und Paquete in demselben; merkwürdiger war aber die tiefe Stille, welche auf ihm herrschte, indem gewöhnlich ein vom Lande stoßendes Boot unter lautem Jauchzen der am Strande stehenden Zuschauer und frohen Gesängen der Schiffsleute zum Schiffe stößt.

Während nur der einförmige Ruderschlag die Ruhe der Nacht unterbrach, und das Boot die an das Ufer treibenden Wogen durchschnitt, hatte der Jüngling Zeit und Muße, die Betrachtungen über seine Zukunft fortzusetzen. Wie aber ein geringfügiger Umstand dem phantasiereichen Sinne Furcht und Besorgniß weit hinaus erregen kann, so wirkt umgekehrt die unbedeutendste Gunst des Zufalls oft als Balsam für den tief und gerecht Betrübten. Es rauschte ein kalter Nachtwind über das Meer, und unser Held hatte aus seinem Schiffbruche nur den leichten Ueberrock mitgebracht, welchen er im Augenblicke der Explosion auf dem Leibe trug. Es war daher natürlich, daß er die ganze Gewalt der Kälte empfand, welche, in Vereinigung mit der trügen Aussicht, ein Frostschaudern erzeugte. Sobald die zu seiner Seiten sitzenden Matrosen diese Symptome bemerkten, holte der Eine unaufgefordert eine wollene Decke und umhüllte den Frierenden dergestalt, daß man, wenn er auch nicht gänzlich hierdurch vor dem Nachtfroste geschützt blieb, doch die sorgsame und wohlwollende Absicht des Schiffsmannes erkennen mußte. Es war dies eine Handlung, deren auch wohl ein Seelenverkäufer und Sklavenhändler fähig gewesen wäre, ja die sich aus der, für ihn selbst vortheilhaftesten Erhaltung des erkauften Sklaven am besten erklärt hätte; dennoch wirkte sie so wohlthuend auf den jungen Mann, daß er aus diesem wohlwollenden Benehmen des Einzelnen auf die gute Gesinnung der übrigen Leute im Boote, ja endlich der ganzen Schiffsmannschaft schloß, und sogar die freundlichsten Hoffnungen für die Zukunft baute. Laßt uns nicht mit Verachtung oder Bedauern auf diesen Wankelmuth im menschlichen Sinne herabsehen: der Schöpfer hat ihn den Sterblichen geschenkt, damit unser Pygmäengeschlecht im Kampfe mit den Elementen und Naturkräften, noch mehr aber mit den Hindernissen, welche wir selbst unsern Bestrebungen einander entgegensetzen, nicht unterliege, und immer einen Quell finde, aus welchem es im heißen Mittage nach der gänzlichen Ermattung neue Kraft schöpfen könne. Die Biene findet in jedem Blumenkelche Nahrung, der menschliche Geist aber hat stärkere Flügel als der Körper der Biene, er kann Nahrung, Erholung, Freude, ja Taumel und Entzücken aus Blüthenkelchen trinken, welche so fern sind, daß nicht einmal sein fleischliches Auge sie je erreichen kann.

Obgleich das Boot durch die Kraft der Ruderer schnell weiter getrieben wurde, dauerte es doch fast eine Stunde, ehe sie das große Schiff erreichten. Es steckte nur eine einzige, schwache Laterne aus, und als sie herangekommen waren, rief auch die Schiffswacht nur mit gedämpfter Stimme ihnen das Werda? zu. Auf das in gleichem Tone zurückschallende Losungswort: pêcheurs du roi et de la sainte vierge! wurden die Strickleitern vom Bord herabgelassen, und die Matrosen fingen an das Schiff zu besteigen. Ehe man jedoch den Passagier dazu ließ, wurden die für das Schiff nothwendigern Sachen durch Seile emporgehoben. Der junge Mann fand hier Gelegenheit, die Geschicklichkeit der Bootsleute zu bewundern. Mit einer Schnelligkeit und Umsicht, wie er sie selten oder nie früher bemerkt, holten sie Fässer und Kisten aus dem Grunde des Bootes, ohne auch nur mit dem einen an das andere zu stoßen, vielweniger etwas zu beschädigen oder zu zerschlagen, was bei solchen Gelegenheiten so häufig unter den rohen Händen der Matrosen geschieht; sie banden die Seile darum und wanden die Fässer in die Höhe, ohne daß nur ein einziges Mal beim Wege vom Bording bis an Bord die Last ins Schwanken gerathen, und an das Hauptschiff angeschlagen wäre. Aber trotz der Schnelligkeit und Umsicht dauerte das Ausladen über eine Stunde, und die hinaufgewundenen Kisten und Kasten, alle sauber emballirt, verriethen, daß nicht bloß Trinkwassers halber das Schiff hier geankert habe. Endlich ward es auch dem Passagier vergönnt, die schwankende Leiter zu besteigen. Es gehört zu den Belustigungen jedes Schiffsvolkes, einen Nichtseemann die schwankende Strickleiter des immer schaukelnden Schiffes hinaufklettern und mit den ungewohnten Elementen kämpfen zu sehn. Ist er ängstlich und verräth durch Zittern, Langsamkeit und vielfaches Prüfen der Sprossen in der Leiter, ehe er Fuß und Hand ihnen zu vertrauen wagt, seine Besorgniß, so ist er auch schon verloren, denn jeder Schiffsjunge thut alsdann das Seinige, ihm den Weg noch unangenehmer zu machen; man zerrt von oben und unten die Leiter, man hebt sie in die Höhe, anscheinbar dem Kletternden den Weg abzukürzen, läßt sie dann aber plötzlich niederfallen; man zwingt ihn zu tanzen und zu schaukeln in der Luft, und wer endlich nicht an die Strickleiter selbst kann, gießt doch ein Glas Wasser von oben herab auf den in seinem Schweiße schon Gebadeten. Von allem dem hatte unser Held nichts zu leiden. Als Schiffbrüchiger hatte er schon größere Gefahren bestanden und kletterte daher beherzt dem ihm mit einer Laterne vorleuchtenden Matrosen nach. Schon auf dem Wege wurde hier sein Herz von der Furcht vor einem Seelenverkauf erleichtert, denn überall erblickte er am äußern Schnitzwerk und den Zierrathen des Schiffes die Königlichen Lilien Frankreichs eingegraben, und obgleich der Steuermann ihn Englisch anredete, so erfuhr er doch bald, daß er auf der Französischen Corvette les trois fleurs de lys sich befinde.

Nach einigen Minuten erscholl es: Der Wind ist günstig! und eine schneidende Stimme rief halb in gebrochnem Französisch, halb Englisch:

Mort de ma vie! In drei Teufels Namen aufgepaßt! – Hätte der Wind uns beinah geworfen. – Wer noch einmal nicht aufpaßt, dem schieß ich beim vierfachen Sadras die Kugel ins Gehirn, daß – wollte sagen bei unsrer lieben Jungfrau, ich laß ihn hängen am Mastbaum, bis die Raben satt sind. –

Alles war Thätigkeit geworden, die Segel wurden gespannt, eingezogen, Matrosen und Schiffsjungen flogen die Maste auf und nieder, und nur der Steuermann saß fest und mit umsichtigem Blicke am Steuerruder. Es war Tag geworden und das Schiff in vollem Segeln begriffen, als der junge Mann sich bemühte, den Ort im Meere zu entdecken, von welchem aus er auf das Schiff möchte gekommen sein. Im weiten Meere bemerkte er nur eine Landspitze mit erhöhtem weißen Ufer, von der sich bei dem gegenwärtigen Winde das Fahrzeug entfernte. Er fragte einen vorübereilenden Matrosen: Wie dies Land hieße, und erhielt die für ihn sehr unbefriedigende Antwort:

Das heißt der Kreidevorbug,

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