Frei Lesen: Walladmor

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Willibald Alexis

Walladmor

Fünftes Kapitel.

eingestellt: 7.8.2007



Um dies fünfte Kapitel unserer wahrhaftigen Geschichte zu Papier zu bringen, wünschte der Autor, statt seiner Novellistenfeder, den Pinsel eines Hogarth führen zu können.

Wenn wir sagen, daß in dem geräumigen Wirthszimmer eine Gesellschaft Schauspieler versammelt und im Begriff war, die Kleider zu tauschen, wer denkt dabei nicht unwillkührlich an des Meisters auszeichnete Tafel: Wandernde Schauspieler. Wenn es auch in unserer Schenkstube nicht so bunt herging als dort in der Scheune, wenn auch Jupiters Adler keine säugenden Kleinen mit dem Papplöffel fütterte, wenn sich auch Juno kein Schminkpflästerchen ließ auflegen, und Niemand des Menschenblutes wegen die Katze um den Schwanz verkürzte, – denn das Phantastische sollte nicht erst erschaffen wenden, sondern wurde abgethan, und die Elementar- und magischen Werkzeuge lagen in den Winkeln aufgethürmt, – so gab doch eben diese Zerstörungsscene ein lebendiges und eigentümliches Gemählde. Ueberdies waren die Schauspieler, obgleich der Wirth ihnen die Schenkstube zu ihrem gemeinschaftlichen Schlaf-, Wohn- und Garderobe-Zimmer angewiesen hatte, doch nicht die alleinigen Bewohner desselben geworden, sondern verschiedene Bürger, und, wie es schien, auch Fremde, benutzten es als Unterhaltungs-, Speise- und Krönungssaal, so daß die buntesten Gruppen sich gebildet hatten, welche durch den Tabacksdampf, den besonders die am Kaminfeuer sitzenden Fremden verursachten, theilweise ganz verhüllt wurden.

Auf dem Tische und an der Thüre konnte man zerrissene Komödienzettel lesen, deren Inhalt dahin lautete:

»Heute – – wird mit Licenz des Friedensrichters hiesiger Grafschaft, so wie einer ehrenwerthen Stadtbehörde, von der Walter Löllischen Gesellschaft zum letzten Male, vor Eintritt des Verbotes, das errettete Venedig, Trauerspiel von Otway, gegeben u. s. w.«

Nur noch zum Theil sah man die Kleidung der Venetianischen Nobili; die meisten Herren und Damen hatten bereits das edle Schwarz, um es vor Staub und Tabacksdampf zu schützen, in die großen Schubsäcke in den Winkeln eingepackt, und aus den stolzen Damen und Edlen waren Passagiere von der Art geworden, welche die Landkutschen gemeiniglich erst, wenn sie aus den Thoren ausgefahren sind, auf freiem Felde besteigen, in den Wirthshäusern aber sich in die Ecken mit ihrem Bündelchen drücken und nach dem Preise der Ale fragen, ehe sie sich bedenken, ob sie eine Kanne fordern sollen. Wie der Tyrann und König sich in einen Schemmel geworfen, oder, mit beiden Armen auf den Tisch gestützt, da er kein Zeichen seiner Würde weiter an sich trug, diese zu erkennen geben wollen; wie die erste Liebhaberin, ohne Flittergold und Liebreiz, doch mit zerrissenen Zügen beide erheucheln wollen; wie der lustige Clown hier zu einem gemeinen vierschrötigen Kärrner herabgesunken: alles dies, so wie die Beschreibung etwa verfänglicher Blicke der Theater-Prinzessinnen mit anwesenden Kunstfreunden, Händedrücke des ersten Liebhabers mit der beliebten Wirthin, übergehen wir, da wir uns theils nicht für berechtigt halten, das schon von so vielen ehrenwerthen Vorgängern Aufgezählte zu wiederholen, etwas Neues aufzufinden unmöglich ist, und wir nichts mehr als Uebertreibung fürchten, theils aber auch die Phantasie unserer Leser wohl reich und geübt genug ist, um das Gemählde nach den von uns entworfenen Skizzen weiter auszuführen.

Den gewichtigsten Mittelpunkt bildete der Direktor der Truppe, welcher mit einer Brille auf der Nase und im Schweiß seines Angesichts, die heutige Einnahme auf dem Tische zählte. Die Rechnung schien nicht zu stimmen, und er fing immer wieder von neuem an zu zählen, und die Schillinge in Pfund Sterlinge zu verwandeln; eine Arbeit, welche indessen das Aussehn hatte, als mache er sie mehr für eine hinter und neben ihm stehende Person, und wenigstens unter deren Controlle, als für sich selbst ab. Diese Person war Niemand anders als der Wirth, der sich hinter den Stuhl des unglücklichen Direktors in der Art postirt hatte, daß er mit seinen beiden, vermittelst der gewaltigen Fäuste auf den Tisch gestemmten, Armen ihn so umschloß, daß weder an ein Entkommen, noch an ein Unterschlagen zu denken war. Man konnte auf den ersten Blick bemerken, daß der Wirth ohne Brille bei weitem besser, fester und sicherer sah, als der Direktor, und auch keinen Pence aus dem Auge verlor. Es war eine jener festen Gestalten, von denen einer unserer älteren Dichter sagt:

Von Kiesel war sein Leib, und seine Glieder Erz,
Sein Auge, das war Blei, und von Asbest sein Herz;
Ich kann nicht sagen, was die Seele mochte sein,
Doch war der ganze Mann, das weiß ich, nur ein Stein.


Er machte auch nicht die geringste Bewegung, den Direktor aus seinen Nöthen zu helfen, selbst wenn dieser in seiner Bestürzung nur einen offenbaren Rechenfehler gemacht hatte. Was haben wir nöthig, die äußere Erscheinung eines solchen Mannes genauer zu schildern, wenn wir wissen, daß er ein Gastwirth ist? – Mahlt ihn nicht Jeder unserer geneigten Leser sich als einen corpulenten, ziemlich großen Mann mit einer kahlen Glatze, wenn es der Anstand erlaubt in einer Weste und Hemdsärmeln, sonst in einer kurzen braunen Jacke oder dergleichen Rocke, aus? In der einen Hand hält er die Kreide, und mit den Augen, wenn sie auch von Stein sind, fliegt er doch im Zimmer umher, auf seine Gäste zu achten. Nur etwas müssen wir bemerken, weniger zur Charakterisirung unseres Gastwirthes, als zur Berichtigung der Generalcharakteristik dieser ehrenwerthen Classe. Es ist die Sitte von unsern ältern Novellisten auf die unserer Tage übergekommen, die Gastwirthe als die zuvorkommensten, freundlichsten, knechtisch-kriechende Wesen, welche ihre Waaren mehr als der Marktschreier ausbieten, zu schildern, – wo aber findet man noch dergleichen Geschöpfe? Treten uns nicht im Gegentheil häufiger sehr grobe Männer an den Thüren entgegen, als höfliche? Der Autor hat bei seinen Reisen, in den ersten Hotels, wie in den schlechten Dorfschenken, im Durchschnitt mehr geldstolze, ärgerliche, als solche Wirthe gefunden, wie er verlangt und als Muster aufstellen möchte, die nämlich nichts anbieten, nichts anpreisen, aber auf jeden Wink des Reisenden, dessen Bedürfnissen entgegen kommen; solche Wirthe dagegen, welche sich an den Wagen drängen, den Pferden den Vorrang ablaufen möchten, ihren Rücken als Wagentritt anbieten, hat er kaum ein oder zwei Mal gefunden. Fragt man nach der Ursach dieser Veränderung, – denn daß auch die Wirthe ehemals in der letzten Art aufgetreten sind, verbürgt uns die bekannte Wahrheitsliebe unserer classischen Novellisten, – so geben Einige vor, der Stand der caupones der zu der Römer Zeiten, als halb unehrlicher, mit einem gesetzlichen Makel behaftet gewesen und noch von Cervantes und Le Sage als sehr anrüchtig aufgeführt wird, habe sich mit der allgemeinen Civilisation auch gehoben, und mit der Niedrigkeit und Verachtung sei auch die knechtische Demuth verschwunden. Andere behaupten, die Französische Revolution habe durch die Aufstellung der Idee einer allgemeinen Gleichheit auch auf die Gastwirthe gewirkt; welcher Meinung wir indessen nicht beistimmen können, da wir aus eigener Erfahrung uns nicht erinnern, daß die Wirthe vor dieser Umwälzung weder auf dem Continent noch unserer Insel höflicher gewesen als jetzt. Weiter nach dem Grunde dieser Veränderung zu forschen, liegt uns nicht ob; ja wir würden vielleicht scheele Blicke von unsern Lesern, noch mehr aber von unsern Leserinnen einerndten, ließen wir uns weiter aus über dergleichen für sie verlegene Dinge; es war aber unsere Pflicht, – welche jedem wahrheitsliebenden Novellisten obliegt, – die zeitgemäße Veränderung auszusprechen, besonders da unser Wirth in keiner Art zu den höflichen der guten alten Zeit zu rechnen ist. Noch müssen wir bemerken, daß, wenn auch die Sitte der demüthigen Zuvorkommenheit längst aufgehört hat, die des Schreibens der Rechnung mit doppelter Kreide, – eine uralte – überall, trotz Revolution und Restauration, geblieben ist.

Den Gegensatz zu dem gepeinigten Direktor bildete ein Holländer – wer könnte einen solchen auch nur auf den ersten Blick verkennen, – welcher dicht am Kaminfeuer seine Pfeife schweigend rauchte, und wie laut auch hier die Schauspieler über die Trefflichkeit der heutigen Vorstellung, dort einige Liebhaber über den Vorzug des Spieles zweier Heldinnen, am Fenster ein Paar Bürger über das Sinken der Stocks und den Sinkingfond stritten, wie hoch auch die Angst des Direktors und die boshafte Kälte des Wirthes stieg, nicht einmal den Kopf wendete, oder die Ohren spitzte, und in jeder Muskelbewegung, oder, richtiger zu sprechen, jeder Muskelruhe seine gänzliche Theilnahmlosigkeit bekundete. Wem, der ein Gemählde, sei es von Tenier, Netscher, Mieris, Gerard Dow, oder sonst einem Niederländer, gesehn hat, steht nicht in lebendiger Erinnerung ein solcher am Feuer bedächtig rauchender Minheer vor Augen, dem die ganze Welt über die eine Pfeife verschwunden scheint. Die Pfeife bedeutet aber doch mehr als – eine Pfeife. In dem aufsteigenden Qualme erblickt der Minheer die schönsten Zahlenbildungen, Rechenexempel, Additionen, Multiplicationen, Gesellschaftsrechnungen. Von Allem aber sieht der bedürftige Mann mit innigem Wohlbehagen in dem langsam und breit aufsteigenden Dampfe seine Speculationen, und niemals wird man einen Holländer bemerkt haben, seine Dampfwolken wegblasen. Nichts stört seinen ruhigen scharfen Blick, und wenn ein Zufall ihm die schönen Rauchbildungen wegscheucht, kann auch dies ihn nicht ärgern, sondern er schmaucht von neuem seine Glücksbilder sich empor.

Dem Holländer gegenüber saß ein ältlicher Mann, von untersetzter Figur, mehr stark als mager. Er trug einen hellgrauen schlechten Ueberrock, Stiefeln über den Hosen und auf dem Kopfe einen weißen Hut. In seinem, sonst durch keinen charakteristischen Zug markirten Gesichte, trat nur eine Leidenschaft recht lebendig hervor, und wer ihm gegenüber sitzend einen Tag lang den Mann beobachtet hätte, würde wenig mehr aus ihm entziffert haben, als daß er sich über Alles, was irgend vorgefallen, ärgere. Auch er schien, gleich dem Holländer, keinen Antheil am Treiben der Gesellschaft zu nehmen, denn er hatte seinen Stuhl so gerückt, daß er allen Anwesenden den Rücken kehrte und nur das Feuer ansah. Diese Theilnahmlosigkeit war aber deutlich eine mehr affectirte als wirkliche, und ganz das Gegentheil von der, welche den Holländer beherrschte. Während der Minheer auf seinem Sessel mit unverwandtem Gesichte auch dann sitzen blieb, wenn ihm Jemand zu nahe kam, ohne in seiner Ruhe gestört zu werden, wurde der Andere von jeder Bewegung belästigt. Es war unmöglich, daß er in einem so vollen Zimmer ganz ohne Berührung mit den übrigen Anwesenden hätte bleiben können; sobald aber Jemand sich ihm näherte, oder von einer Seite lauter als bisher gesprochen wurde, wandte er sich mit dem Anzeichen des höchsten Aergers auf die andere Seite, und blieb auf diese Art, – um entweder sich selbst oder den Andern seine Nichttheilnahme an ihrem Treiben zu zeigen, – in beständiger Bewegung, und bewies in der That, daß er auf Alles, was vorging, mehr als Jedermann im Zimmer Acht gebe. Auch er schien seine Absonderung von der ihn umgebenden kleinen Welt durch Rauchen ausdrücken zu wollen; aber wie die ruhigen Dampfwolken des Holländers dessen Leidenschaftlosigkeit ausdrückten, so zeigte das plötzliche und heftige Aufqualmen, das öftere Ausgehn der Pfeife, wenn Jener sie minutenlang aus dem Munde genommen, um einem Gespräche zuzuhören, von dem Affecte ihres Herrn. In der einen Hand hielt er ein Zeitungsblatt, in welchem er eifrig zu lesen schien, denn bald knitterte er es zusammen, ließ es fallen, hob es dann wieder auf, schien einige Stellen zu durchfliegen, andere zu buchstabieren, murmelte auch wohl zuweilen ein Liedchen zwischen den Zähnen, und gab sich dennoch alle Mühe zu erkennen zu geben, daß er gar keinen Antheil an demjenigen nähme, was in der Zeitung enthalten sei.

Nicht weit vom Kamine, aber in einem dunkleren Winkel des Zimmers, saß, ebenfalls rauchend, ein Mann, scheinbar etwas über seine besten Jahre hinaus. Er war nicht elegant, aber doch so gekleidet, daß sich Wohlhabenheit in seinem Anzuge aussprach. – Seine Stellung war von der Art, daß er weniger bemerkt werden konnte, dafür selbst eine desto bessere Aussicht auf die Anwesenden hatte. Da er gerade im Augenblicke, wo unser Reisender ins Zimmer trat, aufstand, um eine Kohle vom Feuer zu holen, konnte ihn dieser genauer betrachten. Er war von mittlerer Größe, nicht grade schön gewachsen, hinkte etwas, und doch lag eine gewisse Würde in seinem Auftritt. Er hatte einen schwarzen Leibrock an und darüber einen ziemlich weiten Ueberrock gezogen, welcher bis über die Knie gehend, seinen ganzen Körper bedeckte und nur erkennen ließ, daß er hohe Stiefeln trug. Aus dieser dunkeln Kleidung blickte aber die feinste Wäsche hervor, und ein feiner Castorhut lag auf dem Seitentische, an welchem der Mann saß. Sein Gesicht war keineswegs ausgezeichnet, und ein flüchtiger Beobachter hätte in den verwischten, fleischigen Zügen nur freundliche Einfalt oder gar Dummheit lesen mögen. Wer aber genauer die Züge betrachtete, und auf die ironische Zusammenziehung der Lachmuskeln und die charakteristische Bewegung des Mundes, so wie die dunkeln Augenbrauen, achtete, mußte schon einen bessern Begriff von dem Manne bekommen. Wollte aber ein Physiognomiker sich noch genauer mit ihm beschäftigen, und ihn stundenlang nicht aus dem Auge lassen, so würde er zuweilen die unter den Brauen gewöhnlich zusammengepreßten Augen weit offen, und Blicke aus denselben vorschießen gesehn haben, welche ein innewohnendes Feuer und zugleich den Willen und die Kraft verriethen, alles was sichtbar um ihn her vorging, in seiner schärfsten Skizzirung aufzufassen.

Außer einem Gesichte, welches durch seine gekrümmte Nase, schwarzen Haare, feurigen Blicke und gelbe Colorirung sich sogleich als Französisches zu erkennen gab, und dessen Herr beschäftigt war, eine der Schauspielerinnen abzukonterfeien, war keine in der Gesellschaft besonders hervortretende Figur, als unser Held, mit seinem Führer hinter sich, in das Gastzimmer trat. Er begrüßte den Wirth und die Versammelten, ohne jedoch weder von jenem noch diesen besonders beachtet zu werden. Der Franzose blickte einen Augenblick in die Höhe; der Weißhut wandte sich nach ihm um, brachte aber seinen Kopf eben so schnell in die vorige Positur, als wolle er damit aussprechen, wie leid es ihm thue, des Eintretenden willen ihn im geringsten aus seiner Ruhe gebracht zu haben; und der Wirth hob erst dann ein wenig den seinigen, um die Natur des Ankommenden zu erfahren, als dieser eine Kanne Porter verlangt hatte. Ein geschickter Gastwirth kann mit wenigen Blicken erkennen, ob ein Gast aufzunehmen oder abzuweisen sei; unser steinerner Mann verlängerte aber seine Bedenkzeit durch eine lang gedehnte Frage.

Zu Fuß? –

Ja im Augenblicke zu Fuß, und früher zu Schiffe. –

Die ganze Equipage, – die der Mann da trägt? –

Gegenwärtig. – Ich habe Schiffbruch gelitten. –

So, so! – Ja, Master Lolly, da fehlen zehn Pence am Schilling, und da sechs Schilling am Pfund. – Ein Glas Porter! Hm, hm! – Der Porter ist aufgeschlagen! – Jeanny eine kleine Kanne Porter. –

Ohne sich weiter um den Gast zu kümmern, rechnete er mit dem Direktor fort, und der junge Mann suchte anderwärts nach einem Platze, welchen er, mit dem einzigen leeren Schemmel, sehr natürlich in der Nähe des Feuers, einnahm, da das Feuer ihm eine wärmere Unterhaltung als die lebendige Gesellschaft versprach. Ein Reisender, welcher lange des Umgangs mit gleichgebildeten Wesen entbehrt hat, pflegt, wenn er zum ersten Male wieder solche findet, wäre er auch sonst ein Misanthrop, nicht schweigsam zu sein. Der unsrige suchte daher, obgleich ihm der Eintritt in das Zimmer wenig Muth gemacht hatte, alsbald ein Gespräch anzufangen, und wandte sich deshalb zuerst an seinen Nachbar den Holländer:

Wie ich sehe, ist heut hier Schauspiel gewesen? –

Der Minheer, ohne von seiner Pfeife aufzublicken, erwiederte.

Wohl möglich. Es sollen Komödianten hier sein. – Damit hörte das Gespräch auf, der junge Mann aber ging, davon nicht abgeschreckt, nun seinen Nachbar zur Rechten, den Zeitungsleser und Weißhut, an:

Sie, mein Herr, haben vermutlich das Schauspiel besucht?

Um dergleichen unnütze Künste, die das Geld dem Volk aus der Tasche locken, ohne wieder einzubringen, bekümmere ich mich nicht, erwiederte der Aergerliche; und die Unterhaltung wäre abermals abgebrochen worden, wenn er nicht zugleich, etwas unsanft den Arm des Reisenden berührend, ihn gegen die Seite, wo die Schauspieler saßen, gestoßen hätte, und zwar mit den Worten:

Von denen da kann der Herr Erkundigung einziehn. Ich, – und jeder ehrliche Britte – wird von den brodlosen Geschichten eher nichts wissen, als bis es den erleuchteten Herrlichkeiten im Ministerium einst gefällt, in dem unbestechlichen Parlamente eine neue Taxe durchgehn zu lassen, daß die Armen monatlich ein Pfund zum Vergnügen der Reichen zahlen sollen. Für Bibliotheken, Antiquar- und Gemähldesammlungen müssen wir schon zahlen, das Theater wird nun zunächst dran kommen, und dann werden wir auch die Dichter zu besolden haben, welche auf die Oekonomie von Herrn Castlereagh und Canning Lobgedichte schrieben. Armes Alt-England!

Noch hatte der Reisende Muth, und kehrte sich zu einem Schauspieler, der ihm zunächst, obgleich mit dem Rücken zugewandt, saß:

Es thut mir leid, nicht früher hier angekommen zu sein. Sie gaben heut das errettete Venedig, mein Herr? –

Sie können sich glücklich schätzen, – sagte der Schauspieler, indem er grade nur so viel den Kopf umbog, damit der Fragende auch die böse Miene sehn konnte, mit welcher er die verdrießliche Antwort gab, – denn der da hatte die Thorheit, noch den Pietro zu geben. (Er zeigte auf den Direktor.) Mich wundert, daß das Publikum bei solchem egoistischen Verkennen wahrer Talente das errettete Venedig nicht schon längst von der Bühne verwiesen hat, bis endlich die Polizei der Kritik ins Handwerk greifen mußte.

Hier stieß der Direktor einen Seufzer aus und blickte aus seinem Käfig wehmüthig nach der Gegend der Sprecher.

Das arme errettete Venedig! Es fing grade in diesen Zeitläuften an, Epoche zu machen und ein Cassenstück zu werden, – man pochte, man klatschte bei den Scenen, daß der Künstler sich erholen konnte, und wenn er nur deutlich sprach, war er des Beifalls gewiß; und da kommt der geheime Cabinetsbefehl: binnen Jahresfrist es nicht aufzuführen. Ich gäbe lieber in fünf Jahren kein Shakespearsches Stück, könnt ich noch zwölf Mal mein armes Venedig agiren!

Was? schrie der Weißhut, ballte die rechte Faust und drehte sich nach dem Direktor zu, – Was? – Verboten? – Das errettete Venedig verboten! Durch einen Cabinetsbefehl verboten, nicht durch eine Bill, die beide Hauser passirt hat, sogar mit Verletzung der Form? – Und haben Sie nicht dagegen protestirt? – O armes Alt-England, wo begräbt man deine gemordeten Freiheiten?

Mein armes errettetes Venedig! fuhr der Direktor fort. Der Andere aber fragte:

Ein so treffliches Stück! Aber was hat es begangen? Steht etwa drinnen eine Proposition zur Dividende des Nationalreichthums? –

Nicht im geringsten Herr Dulberry! Ich möchte sagen, das Stück ist loyal. Sonst wenigstens galt es dafür, und was man jetzt republikanische Ideen nennt, hieß damals gut königlich und hannöversch. – Kein Mensch ist unglücklicher und gleicht mehr einer Wetterfahne, die auf den leisesten Windzug achten muß, als ein unglücklicher Schauspieldirektor. Er muß, wenn der Feind draußen geschlagen ist, patriotische Stücke geben, sonst schlägt Jan Hagel ihm die Fenster ein; er muß, wenn das Volk agitirt ist, freiheitathmende Dramen spielen, sonst ist das Theater leer; er muß aber auch loyal bleiben, sonst schließt ihm die Polizei die Thore; er muß Cassenstücke geben, wenn er klassische geben will, und er wird von allen Zeitungsblättern herunter gerissen, wenn er Cassenstücke giebt. Sonst war das anders. –

Sonst wars anders, Herr Lolly, – fuhr der Aergerliche fort. Jedes Stück durfte gegeben werden, als noch das fremde Gold nicht in unsers Ministerii Taschen gewandert war, und die Tage von 1688 und 1715 und 1745 noch im Gedächtniß lebten. Armes Alt-England!

Hierbei ergriff der Mann wieder eifrig seine Zeitungen, schmauchte einige Züge, stampfte auf den Boden und gab seinen Aerger zu erkennen, sich in das Gespräch der Wirthsstube gemischt zu haben. Der Direktor wurde von neuem durch den unbarmherzigen Wirth auf seine Rechnung verwiesen, und das kaum und mit Mühe angeknüpfte Gespräch war abermals ausgegangen. Doch entspann sich bald ein neues über die streitige Rechnung. Der Wirth hatte so viel gegen die Rechnungslegung auszusetzen, daß der Direktor endlich die Geduld verlor. Er sprang plötzlich auf, indem er bei der raschen Bewegung seinen Gefangenwärter beinahe umgestoßen hätte, setzte den Hut auf und trat ihm, ähnlich dem eingeschlossenen Hirsche, wenn er kehrt gegen den Jäger macht, mit den Worten entgegen:

Sir! Sie gaben mir Ihre Rechnung und ich mache keine Ausstellungen dagegen, außer wenn ich bezahlen soll, was ich nicht empfangen habe. Dies hier ist meine Rechnung, die ich für mich anstelle, und beim – ich möchte wissen, wer sich darum zu kümmern hat, ob sie richtig ist oder nicht! –

Der Ihnen und Ihrer Truppe Logis, Speise und Trank schon seit drei Wochen vorgeschossen hat, und wenn nächsten Sonnabend nicht die Rechnung abgetragen ist, Arrest auf sämmtliche Habseligkeiten legen wird. –

Der aber, – fiel der Direktor heftig ins Wort – nicht jeden Abend auf meine Casse Beschlag legen und mich zwingen kann, ihm Schilling für Schilling Einnahme und Auslage zu berechnen. –

Der aber der Ordnung wegen täglich revidirt und ein gesetzliches Pfandrecht auf Alles hat, was in sein Haus gebracht wird, und drum –

Das wäre eine Verspottung aller Gesetze, des geheiligten Eigentumsrechtes, meiner Freiheit! Eine so thörige Anforderung, als wenn jeder lumpige Reformer, weil er etwa für gelieferte Krämerwaaren eine Forderung an die Krone hat, vom Kanzler der Schatzkammer eine Rechnungslegung aller Einkünfte der vereinigten Königreiche verlangte. –

Der Schauspieler hatte ein übles Gleichniß im Eifer der Verteidigung gewählt, denn Master Dulberry wurde hierdurch abermals aus seiner philosophischen Ruhe am Kamine erweckt, und wider Willen in das Gespräch gezogen, diesmal aber nicht zur Vertheidigung des Direktors, sondern um ihn von einer andern Seite anzugreifen.

Thörig, Herr Lolly? Wer berechnet uns denn unsere Taxen? wer sieht nach, daß das Blut, was sie den armen Leuten aus den Adern pressen, für das ganze Land verwendet wird? Etwa das Parlament, wo zwanzig feiste Herren, die sich Opposition, oder Whigs, oder wies ihnen sonst beliebt, nennen, so lange gegen ihre Herrlichkeiten sprechen, bis es denen beliebt, eine Sinecure ihnen an den Hals zu werfen, und andere junge Leute in die Stelle treten, um nach Aemtern ihre Redejagd anzustellen? – Mein Herr Lolly, wenns nicht noch ehrliche, rechtliche Leute, von altenglischer Einfalt gäbe, die den Ministern, wo es ist, entgegen träten und die Rechnungen über den Staatshaushalt drucken ließen, dann gäbe es bald keinen Staatshaushalt mehr, und wir könnten uns nur alle in die Sclaverei verkaufen, um die Taxen zu bezahlen. Jeder Patriot, der rechnen kann, muß dem Staate nachrechnen, und weder Husarensäbel noch die Schlangenworte der Schriftgelehrten fürchten.

Der erhitzte Direktor fühlte sich stark genug, auch gegen den Reformer die Offensive zu ergreifen.

Ein ausgedörrter Reformer, so ein aus Abstractionen zusammengesetztes fleisch- und saftloses Gerippe, ein ganzer Mensch, welcher nichts weiter als ein Rechenexempel ist, der, während er Ordnung und Freiheit predigt, gegen alle Freiheit streitet, der kann wohl gegen Staat und Kunst und gegen das Eigentum losziehen und Narrheit wie die Gewaltstreiche lieben. Die Reformer gleichen den verbrannten Schwärmern der Rebellion, die auch den Staat und die Kirche nicht achteten, und – nie das Theater besuchten.

Man hätte erwarten sollen, Herr Dulberry, den früher jeder, ihn auch nicht im entferntesten betreffende Umstand aufreizte, werde bei dieser offenbaren, und nur durch das erhitzte Gemüth des Direktors zu entschuldigenden, Beleidigung in Feuer und Flammen gerathen, und seinem Ingrimm vollen Lauf lassen; im Gegentheil aber blieb er ganz ruhig, denn ihn, der nur in Gedanken lebte, konnte auch nur der Gedanke reizen. Gegen persönliche Beleidigungen, gegen Spott und Hohn war er abgestorben. Er erwiederte nur wenige Worte und fuhr dann ruhig fort zu rufen:

Immer hab ichs gesagt, daß Komödianten und alle unnützen Brodesser Torys sind, und gegen die Nation. –

Der Schauspieldirektor wurde, vielleicht schon früher durch Wein aufgeregt, durch die kaltblütige Bosheit des Wirthes aber aufs äußerste gereizt, immer heftiger; und, wie es zu gehen pflegt, daß der Zornige seine ganze Wuth nicht auf den, welcher sie erregt hat, sondern auf den Gegenstand, welcher sich ihm zuerst darbietet, ausläßt, so wandte er auch jetzt seinen Ingrimm vom Wirthe ab, und gegen den unschuldigen Master Dulberry, der doch bei der Unterbrechung des Gespräches nichts weiter bezweckt hatte, als seine bekannten Grundsätze über Staats-Form und Reform, welche er bei jedem Thema anzubringen wußte, auch hier auszukramen.

Unnütze Brodesser ist eine Injurie. Ich habe Zeugen und will die Klage gegen einen solchen gefährlichen, schädlichen, unnützen Unterthanen anstellen.

Unnützer Unterthan ist eine Injurie. Injurie gegen Injurie hebt sich.

Man sollte nicht dulden, daß solche Landstreicher, welche Unzufriedenheit im Lande erregen, frei umherziehn. Was hindert unsern Squire, diesen gefährlichen Menschen über die Gränze zu schaffen! –

Die Gesetze, Master Lolly! – sagte der Reformer, der immer mehr in eine Ruhe versank, welche den Andern außer sich brachte. Er fuhr fort:

Sie verführen nicht allein die Jugend, sondern auch bejahrte und wohlhabende Männer, sich nicht mehr den erlaubten und gesetzlichen Vergnügungen hinzugeben. Es ist ein Aergerniß, in den Städten, wo ihre Clubbs regieren, die leeren Theater zu sehen. Verkehr und Industrie hören auf. –

Desto besser werden sie einst wiederkommen, wenn die Noth die Reichen zur Vernunft zwingt.

Reiche sind ohne Vernunft? – Das könnte zum Majestätsverbrechen gegen den Vagabunden werden.

Dulberry wandte sich, ohne zu antworten, an den Wirth, und sagte:

Herr Evan, wenn Sie nicht bald den Herrn dort zum Schweigen oder ihn zur Thür hinaus bringen, werde ich gegen Sie bei der letzten Viertel-Session Klage anheben: Wegen culposer Zulassung gefährlicher Consultationen und Störung des quasi-Hausfriedens.

Ich habe gehört – sagte der Direktor – einem Reformer gingen nie die Gründe aus; aber hier scheint es der Fall zu sein, da er zum allerletzten – ihm fremden Mittel greift, zum Gesetze.

Ein Freund der Nation redet da, und so lange als guter Boden ist, wenn auch täglich die Sperlinge den hingestreuten Saamen verzehrten; wo aber gar kein Grund und Boden ist, schweigt er, denn es heißt: Vor Narren predigen Narren.

Der Wirth war Herr über Aerger und Zorn, und verlor seinen wahren Vortheil nie aus den Augen. In diesem Augenblicke wäre der politische Streit beider Ehrenmänner vielleicht weit schädlicher geworden, als die unordentliche Rechnung des Direktors; er stand daher von der weitern Verfolgung des letztern ab, und beeiferte sich nur, die Eintracht wieder herzustellen.

Was, meine Herren? Habe ich meine Wirthsstube als Boxplatz vermiethet? Wer von Politik sprechen will, der kann hinaus auf das Feld gehn, und dem Winde predigen, oder nach London in die privilegirten Tavernen; hier aber muß Friede und Ordnung sein, wie ich es dem Squire versprochen habe. Alles dulde ich hier, Jedermann darf bei mir einkehren, was für ein Gewerbe er auch treibt, wenn ers bei sich verantworten mag, denn unsere Stadt ist ein Markt und Handels-Flecken am Meere, und ich dulde alles hier, alles, nur nicht Politik; denn wo Politik ist, ist auch die Polizei, und wenn die Polizei erst visitirt, ist es aus mit Handel und Wandel, und ich will als ein ehrlicher Wirth Handel und Wandel aufrecht halten.

Das ist recht gehandelt! – scholl es von allen Seiten, und es schien selbst, als bewege der Holländer freundlich einstimmend seinen Kopf. Dulberry hatte schon vorher gezeigt, daß es ihm nicht darauf ankomme, den Kampf fortzusetzen, und der Direktor war froh, bei diesem politischen Streit seinen ökonomischen Gegner für heut vom Halse geschafft zu sehn. Er räusperte sich, nahm den Hut ab und setzte sich nieder; dann aber, bedenkend, daß er durch einige wohlgefällige Worte dem Wirthe zugleich seinen Dank abstatten und sich ihn geneigt machen könne, begann er von neuem in ruhigerm Tone:

Ganz recht, Herr Wirth! Ich würde an Ihrer Stelle auch niemals Politik dulden. – Solche Streitigkeiten tragen keine Früchte, außer heisere Kehlen den Zänkern; und Ihre Wirtschaft ist wohl besser basirt, als daß Sie darauf, wie andere Knauser von Spekulanten, rechnen, daß heisere Kehlen mehr trinken als gesunde. – Zudem sind ja unsere Reformer keine Freunde der Gastwirthe, da sie nicht Wein trinken, nicht Kaffee, Thee, nicht Bier, ja nicht einmal gebranntes Wasser, nach welchem doch oft die Begeisterung ihrer Redner schmeckt.

Master Dulberry verhielt sich ganz ruhig, als höre er diesen Angriff nicht, und der Wirth nahm seine Partie:

Keine Beleidigung gegen irgend Jemand. Jedermann lasse ich seinen Willen, er mag trinken oder nicht. Die Reformer mögen auch gute und ehrbare Leute sein, wie denn Niemandes Gewissen einen Andern angeht, am allerwenigsten den Wirth. –

Dem Reisenden war die Unterhaltung nicht erwünscht. Kaum, daß es ihm gelungen, ein Gespräch anzuknüpfen, so erhielt es eine politische Wendung und schloß mit einer Erbitterung, deren Ausbruch zur offenbaren Feindseligkeit nur durch die Umstände verhindert zu werden schien. Er hätte gern ein Gespräch angefangen, welches ihn mit den Merkwürdigkeiten von Wales, und besonders denen der nächsten Umgegend, bekannt gemacht hätte; bei dieser Stimmung der Gemüther mußte er indessen die Hoffnung aufgeben, und wartete beim Porter ruhig die Gelegenheit ab, wo ohne sein Zuthun das Gespräch eine günstigere Wendung nehmen dürfte. Das Glück begünstigte ihn gewissermaßen, indem er nicht lange zu warten brauchte, bis er selbst die Aufmerksamkeit der Anwesenden auf sich zog. Er hatte eben einen Zug Porter getrunken, als eine helle hohe Flamme vor ihm aufstieg, gleich als würde plötzlich das Zimmer von einem Blitze erleuchtet. Als er sich umblickte, sah er seinen reformirenden Nachbar zur Salzsäule verwandele auf dem Stuhle sitzen. Der Mund war geöffnet, das Auge starrte weit vor sich, die eine Hand war geballt und die andere mit dem Arme niedergesunken. Ihm war das große Zeitungsblatt entfallen und, von den Kohlen des Kamines angezündet, aufgelodert, so daß man nur noch die glimmende Asche bemerkte.

Um Himmelswillen, Herr Dulberry, was giebt es? – ertönte es von allen Seiten. Der Mann schien aber auch für einige Secunden seine Sprache verloren zu haben, denn er mußte erst aufstehn, seinen Hut hastig abnehmen und wieder aufsetzen, ehe er einen Laut von sich geben konnte.

Was giebt es, Herr Dulberry? schrie abermals die von allen Seiten sich erhebende Gesellschaft. – Ist die Silberflotte versunken? Hat Bolivar die Royalisten geschlagen? Wird die Oesterreichische Anleihe gezahlt? Ist Napoleon entsprungen? –

Weit wichtigeres, weit himmelschreienderes, meine Herren! Ein Engländer ist in Frankreich gefangen und der Regierung ausgeliefert worden. Meine Herren, ein Engländer – ein Engländer!

Wie, woher, unter welchen Umständen? schrie es von allen Seiten. – Die Französische Regierung hat ihn gefangen?

Nein, die Englische! Das Blutbad von Manchester, wo die Husaren, ohne daß die Aufruhrakte gelesen wurde, in das ruhig versammelte Volk einhieben, wo Hunderte meiner freien Mitbürger bluteten unter den Säbeln der Rothröcke und unter den Hufschlägen ihrer Pferde, das Blutbad von Manchester, meine Mitbürger, ist, sage ich, nichts gegen den neuen Frevel gegen unsere Gesetze, gegen die Freiheit, gegen die habeas corpus-Akte.

Und auf Französischem Grund und Boden hat ihn unsere Regierung ergreifen lassen, das wäre ja eine Beleidigung der Französischen Autorität? –

Ja, in Frankreich ist er ergriffen.

Wie aber ging das zu?

Als er eben auf der Insel Wight in den Kahn gesprungen, um nach Frankreich überzuschiffen, packte man ihn von hinten und zog ihn aufs Land zurück.

Dann hat man ihn aber nicht in Frankreich, sondern noch in England ergriffen. –

Mit nichten, Ihr Herren, sobald der Engländer seine Absicht ausdrückt, nach Frankreich zu gehn, und sie in der Art ins Werk gesetzt hat, daß er von der Englischen Küste ins Schiff gestiegen ist, so ist er nicht mehr in England, sondern in Frankreich, es wäre denn, daß er einen Protest dagegen aufnehmen lassen.

Nicht also, Herr Dulberry, schrie es von mehreren Seiten. So weit die Englischen Kanonen reichen, eine Meile ins Meer, ist Engländischer Grund und Boden noch.

Mit nichten, ihr Herren. England ist nur wo Land ist, wie der Name besagt, und wo Meer ist, ist kein Grund und Boden. Zum Besitz gehört, – wie Blackstone sagt – der Wille zu besitzen und der Besitz selbst; zum Aufenthaltsort eines Menschen aber desgleichen der Wille, sich dort aufzuhalten, und der Aufenthalt selbst. Da nun der Engländer sich in England nicht mehr aufhalten wollte, so war England auch nicht mehr sein Aufenthaltsort, und wo Jemand sich nicht aufhält, kann er auch nicht ergriffen werden, darum ist er mit völligem und himmelschreiendem Unrechte in Wight ergriffen worden.

Aber ich kann, – sagte ein Anderer, – auf den nächtlichen Dieb, auch wenn er schon aus meinem Hause hinaus ist, aus meinem Hause heraus doch schießen?

Der Gerichtsdiener darf aber nicht in Euer Haus treten um Euch zu verhaften, und ständen auch alle Thüren offen, wenn Ihr nicht: »Herein« ruft, oder sonst Euren Willen, daß er herein komme, zu erkennen gebt; woraus klar erhellet, daß allein in Eurem Willen Euer Hausfrieden und Recht und Euer Aufenthaltsort liegt, und Englands alte Gesetze himmelschreiend durch die Verhaftung verletzt sind.

Es ging ein Murmeln durch das Zimmer, welches ausdrückte, daß die Menge zweifelhaft war, ob sie dem Vortrage Dulberrys beistimmen solle oder nicht. Diesen günstigen Augenblick benutzte der letztere, trat plötzlich auf seinen Stuhl, schwenkte den Hut und sprach:

Gentlemen! Es ist wohl Niemand unter uns, der diesen neuen unerhörten Eingriff in die Privatrechte Alt-Englands nicht aufs höchste misbilligt. Ich werfe meine Augen umher und erblicke im Zimmer so manchen Freund der Regierung, so manchen unbesonnenen Vertheidiger ihrer angemaßten Vorrechte; aber auch diese Herren schlagen ihre Blicke nieder, im Bewußtsein, daß diesesmal ihre Vertheidigung schlecht ausfallen dürfte. Ja, Gentlemen, unsere Minister haben durch die Alien-Bill England vor den hülfsbedürftigen Fremden verschlossen, sie haben Alt-Englands hochgerühmte Gastfreiheit, – weil sie alle Freiheit verfolgen, – durch einen Machtschlag vernichtet. Sollen wir es dulden, daß sie auch noch das weite Ausland dem Engländer verschließen, daß sie ihre Enterhaken bis in die weite Ferne nach unglücklichem Englischen Blute auswerfen? Nein, meine Herren, hier steht vor Ihnen ein Englisches Herz. – Alt-England für immer! rufe ich, auch in meiner Todesstunde noch – und ich stimme dafür, eine Adresse an den Regenten hier aufzusetzen, und Unterschriften zu sammeln:

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< Viertes Kapitel.
Sechstes Kapitel. >



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