Frei Lesen: Walladmor

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Willibald Alexis

Walladmor

Sechstes Kapitel.

eingestellt: 7.8.2007



Zwei Treppen hoch, und doch schon im Boden, war das Stübchen, in welchem der Aufwärter den jungen Mann, sammt Felleisen und Licht, seinen Gedanken überließ. Wir zweifeln nicht, daß man ihm noch einen höhern Aufenthaltsort würde angewiesen haben, wenn nur überhaupt das Haus höher gewesen wäre.

Ein Bett, zwei Schemmel, ein Tisch und ein Fenster, – weiter war im Zimmer nichts zu erblicken; was kümmert aber dieser Mangel die rüstige Jugend? Bertram war müde, doch aber noch nicht so ermattet, um sogleich sich dem Schlafe hinzugeben. Waren nicht die letzten Begebenheiten so wichtig gewesen, daß sie jeden denkenden Menschen zur ernsten Betrachtung hätten stimmen müssen? Er warf ein Bund Reisig in den Kamin, und nachdem das Feuer hoch aufgelodert war und die Stube etwas zu wärmen angefangen hatte, setzte er sich auf das Bette und stützte sein Gesicht mit beiden Händen. Er verfolgte sein ganzes Leben von den ersten Momenten an, wo das Bewußtsein zum Kinde getreten war, die mannigfaltigen Stürme, welche schon in der Jugend sein Leben bedroht hatten, hindurch bis zu den kurz verflossenen Begebenheiten. Schon von frühe aus hatte ihn eine Sehnsucht, deren Grund er sich nicht zu erklären wußte, nach dieser Insel getrieben; er war jetzt angelangt, und fand doch alles ganz anders, als er es erwartet hatte. Die Reisebeschreibungen hatten von einem grünen schönen Lande, einem großen Park gesprochen, in welchem Kunst und Natur zur Verschönerung des Lebens sich die Hand geboten hätten, wo Fels und Quelle von uralten heiligen Erinnerungen geschwängert und durch die Poesie geheiligt wären, wo ein frohes, schönes Menschengeschlecht die Lust zum Dasein erweckte. Von allem dem hatte er bis jetzt nichts gefunden; der Winter trieb ihn an die Küste, Eigennutz hatte ihm die Hand gereicht, Schelmerei, Thorheit und Gleichgültigkeit war ihm in den Weg getreten, und er saß einsam in seiner kalten Zelle in einer fremden unbekannten Stadt. Doch hatte ihn eine Freundin nicht verlassen, – die Fantasie. Diese zauberte ihm alle Bilder der kurz verflossenen Zeit so lebendig vor, daß er die einzelnen Gestalten mit den Händen greifen zu können glaubte. Er sah den Moment, wo er am Bord des Schiffes stand, und der Capitain ihn im Angesicht der schönen Küsten von Wales hinabstieß; er sah die Tonne und sich und den fremden Mann um deren alleinigen Besitz streiten, und der Mann kam ihm jetzt weniger fremd als damals vor; er sah, wie ihn das Mütterchen bei den Flammen des Kienbrandes betastete; ihm trat der ungeschlachte Schiffscapitain entgegen, die Burg am Strande, die dunkle Schlucht, der kaum verlebte Abend in der Wirthsstube: und plötzlich sprang er vom Bette auf, ging in der kleinen Stube mit hastigen Schritten umher, und schlug, wie voll Freude, die Hände zusammen, indem er sich nicht enthalten konnte laut auszurufen:

Was will ich mehr? Konnte ich reichere Bilder wünschen? Konnte meine Einbildungskraft sich interessantere Begebenheiten erdenken, als sie die Wirklichkeit mir darbot? – Wie klein ist das Leiden gegen die Frucht einer solchen Erfahrung!

Mehr durch die Lust als von der flüchtigen Hitze des Kamines erwärmt, fing er an seine Kleider abzuwerfen, und setzte sich dann noch ein Mal, ob betend oder sinnend, vermögen wir nicht zu sagen, in voriger Stellung auf das Bette nieder. Aus dieser Ruhe weckte ihn indessen sehr bald, ein anfangs leises, bald aber stärker werdendes Geräusch. Es klopfte Jemand an eine Fensterscheibe. Bertram fuhr auf, und rief:

Werda!

worauf aber keine Antwort erfolgte und es im Gegentheil ganz stille ward. Nach einer kleinen Weile fing aber, mit gleicher Steigerung wie zuvor, das Klopfen wieder an, und Bertram sah, daß Jemand von außen an das einzige Zimmerfenster klopfe. Ein Dieb konnte dies nicht sein; er trat daher unbesorgt an das Fenster, und als er den Kopf und den Arm eines Menschen von der Seite herüber gebogen draußen zu bemerken glaubte, öffnete er behutsam den einen Fensterflügel, und sah nun einen Mann auf dem Dache des Nachbarhauses mit den Füßen stehen, und indem er sich an einer altmodischen Wassertraufe mit beiden Armen festhielt, zum obern Fenster des Wirthshauses herüberbeugen.

Was bedeutet dieses seltsame Klopfen und diese Störung der Nachtruhe? – fragte er im ärgerlichen Tone. Der Mann antwortete:

Master Bertram! Das ist, glaube ich, nicht die erste Frage, die man vor Gericht thut. Erst dünkt mich, kommt eine andere, wenn Alles in der Ordnung ist. –

Wer seid Ihr? fragte Bertram.

Seht Ihr. Erst muß man in diesem Lande wissen, wer ein Mensch ist, ehe man sich in ein Gespräch mit ihm einläßt. Ich zum Beispiel bin – sachte gesprochen – Euer Führer vom Strande her.

Weshalb seid Ihr unten verschwunden, und nicht auf dem gewöhnlichen Wege in mein Zimmer gekommen, wenn Ihr mir etwas zu fragen habt?

Master Bertram! Nicht so laut gesprochen. Ihr könnt Euch noch gar nicht an die Sitten im Lande gewöhnen. – Thut mir den Gefallen und löscht Euer Licht aus, damit Niemand uns hier beim Conversiren bemerkt, denn Ihr werdet Euch doch hoffentlich nicht fürchten, da Ihr mich mit einem Fauststoß herunterwerfen könnt. So, – nun ists finster und hübsches Element. Weshalb ich unten verschwunden bin, hat keinen andern Grund, als weils mir unten nicht gefiel, wenigstens die Physiognomieen einiger Leute, die meine Bekannten waren, und ich nichts mehr fürchte als sentimentale und alle und jede Wiedererkennungsscenen. Aus gleichem Grunde bin ich hier, auf eben nicht bequemen Wege, herauf gestiegen, um meinem Herrn eine gute Nacht zu wünschen.

Um Gottes Willen, Mensch, deshalb wagt Ihr solche halsbrechende Künste!

Deshalb, mein lieber ehrenwerther Herr, und um Euch den Rath zu geben, wenn Ihr einen neuen Diener sucht, Euch vor gefährlichen Menschen in acht zu nehmen.

Um keinen andern Grund?

Sonst keinen, als mich zu beurlauben, wies unter ehrlichen Herrschaften und Dienern Sitte ist, denn über einen Rath, den ich Euch geben wollte, seid Ihr weit hinaus.

Und in wie fern?

Ich brauche Euch nicht vor der scharfen Luft, die hoch oben auf den Wälschen Bergen um die dreibeinigen alten Gerüste weht, zu warnen, denn Ihr seid so vorsichtig, als noch nie ein junger Mann von 24 Jahren diese Küste betreten hat. Aber hütet Euch doch: wer am sichersten zu gehen glaubt, fällt am ersten, auch wenn er erstaunlich ehrlich wäre. Es würde mir leid um so junges Blut thun. –

Ihr sprecht in Räthseln, welche ich nicht liebe. Wollt Ihr für Eure Dienste am Abend nach meinen Kräften eine Bezahlung annehmen, so bin ich gern bereit. –

So war es nicht gemeint, junger Herr! Ich brauche nichts von dergleichen, indem ich hier unerwartet viel Arbeit gefunden habe. Lebt wohl, und wenn Ihr mich wiedersehn wollt, so kommt nach Kloster Griffith ap Gauvon, und wir werden uns sprechen.

Damit schwang sich der Mann auf das Nachbardach zurück, und verschwand aus Bertrams Augen, welcher das Fenster schloß und tief ermüdet sich in die Betten vergrub. Wir wissen nichts von seinen Träumen; daß sie aber freundlich, oder mindestens beruhigend müssen gewesen sein, läßt sich daraus schließen, daß er ununterbrochen bis nach 9 Uhr schlief, und frisch und froh, als die Sonne am ziemlich heitern Wintertage durch die Scheiben schien, aufsprang.

Er hatte kaum sein Frühstück eingenommen, als ein auf der Straße entstehender Lärm ihn ans Fenster lockte. Es stand ein zweispänniger Miethswagen vor der Thür des Gasthofes, und die Aufwärter trugen allerlei Gepäck in denselben; zugleich aber hatte dieses, an sich in einem Gasthofe sehr gewöhnliche, Schauspiel fast alle Bewohner desselben an die Fenster oder ebenfalls vor die Thüre gelockt, und man besah den leeren Wagen, als fahre in demselben eine Africanische Prinzessin oder der Persische Gesandte. Trotz dieser schaulustigen Theilnahme verhielt sich die Menge doch ganz schweigend. Der junge Mann hatte sich noch nicht lange Zeit unter der Zahl der Zuschauer befunden, als er Herrn Dulberry im Reiserocke aus der Hausthüre treten und dem Wagen zuschreiten sah. Er ging sehr langsam, drückte manchem der Umstehenden die Hand, sah sich, was gegen seine Gewohnheit war, geflissentlich nach Leuten um, redete sie an und zwar freundlich, und warf endlich, als er dem Wirtshausdiener ein Trinkgeld gegeben, noch einen Blick auf die Fronte des Gasthofes. Als er hier in dem obersten Fenster unsern Helden erblickt hatte, grüßte er hinauf und fragte sehr freundlich, ob er als Fremder, der die Merkwürdigkeiten von Wales zu sehen bezwecke, ihm bei einer Fahrt nach dem interessantesten Punkte des Strandes vielleicht Gesellschaft leisten wolle?

Bertram, der noch auf keine Beschäftigung für diesen Tag gesonnen hatte, nahm das Anerbieten sehr gern an, und beeilte sich, nachdem er die Kleider angezogen, dem Reisefertigen zu folgen.

Als er sich im Flure durch die gaffenden und zugleich lächelnden Zuschauer drängte, schien auch er zum Gegenstande ihrer besondern Aufmerksamkeit zu werden. Beim Hinaustreten faßte der dunkle Herr seine Hand, zog ihn bei Seite und flüsterte ihm ins Ohr:

Hüten Sie sich, Herr Bertram, Ihr Reisegefährte gehört zu den gefährlichsten Reformern, den Radicalen, er kann sehr gefährliche Absichten haben und auch Sie in Gefahr bringen.

Meinen verbindlichsten Dank, – sagte der Jüngling, – indessen der Gefahr mit reinem Bewußtsein entgegen zu gehn, ist ja die Bestimmung der Jugend.

Aber hüten Sie sich vor der Klippe der Politik! waren des freundlichen Mannes letzte Worte, als er die Hand des Jünglings fahren ließ, und dieser in den Wagen sprang. Dulberry bewillkommte ihn mit herzlichem Händedruck, zog seinen weißen Hut vom Kopfe ab, grüßte mit dem Ausdrucke einer gewissen Wehmuth und Zärtlichkeit alle Anwesende, und gab dann das Zeichen zum Fahren, worauf der Wagen durch die ungleichen Straßen des Städtchens fort- und bald im Freien über die gefrornen Felder dahin rollte.

Herr Dulberry steht im Begriff, eine große Reise anzutreten? fragte Bertram, die Unterhaltung einleitend.

Ja wohl, eine große, gewichtige, ernste Reise. Aber der junge Herr wird vielleicht irre an mir, weil ich sie zu Wagen antrete. Bei mir erweckte es gleich ein besonderes Vertrauen zu Ihnen, als ich gestern hörte, Sie wollten England zu Fuß durchreisen. Einen solchen lobenswerten Entschluß sollten alle Volksfreunde fassen, und es würde allein dadurch ein bedeutendes Deficit in der Staatseinnahme entstehen. Sie brauchen sich jedoch – fuhr er fort, indem er dem Reisegefährten vertraulich auf die Knie klopfte, – durch meinen Wagen nicht stören zu lassen, – ich fange damit nur meine Reise an, und, – im Vertrauen gesagt – unsere Pferde habe ich vom Scharfrichter geliehen, weil es die einzigen im Flecken sind, welche keine Steuern bezahlen; und wir werden einige Umwege über geackertes Feld und durch Holzwege machen, und auf diese Weise als ehrliche Vaterlandsfreunde keinen Heller an Chausseegeld, oder sonst an Zoll und Mauth contribuiren.

Und dieser geringen Abgaben wegen setzen Sie sich so vielen Unannehmlichkeiten aus?

Geringe Abgaben, junger Mensch! – Ginge Jedermann zu Fuße, oder miethete, wie ich, nur Henkerkarren, so fielen monatlich, nach Berechnung meines Freundes Cashman, allein 26723 Pfund Sterling 3 Schilling und 5 Pence in der Staatseinnahme aus. Wenn ferner jeder Volksfreund sich über die Vorurtheile wegsetzte und kein sogenanntes ehrliches Begräbniß verlangte, sondern am Wege sich einscharren ließe, so würden jährlich 99007 Pfund und 3½ Pence gespart; verlangte er aber gar kein Begräbniß, sondern ließe sich von seinen Freunden ins Wasser werfen, oder thäte es selber, dann würden gewonnen zwischen 200 und 200tausend Pfund, was sich nicht so genau berechnen läßt, da man nicht weiß, wie viel Leichen wieder ans Land getrieben und dann auf Kosten des Kirchspiels beerdigt werden müssen.

Das wäre ja entsetzlich, unnatürlich, sowohl gegen alle Moralität, als gegen das Gefühl, welches bei den rohesten Völkern die menschliche Natur bekundet. Die wilden Südseeinsulaner haben Achtung gegen ihre Todten. Die Begräbnißplätze, die Leichenfeierlichkeiten gehören mit zu den schwachen Bändern, welche die Geschlechter der vergeßlichen Gegenwart an die Vergangenheit knüpfen. Die Denksteine auf den Kirchhöfen sind die einzigen Säulen, welche die dumpf und verdrossen ins Blaue hineinlebenden Familien an ihre dahingegangenen Ahnen und daran erinnern, daß auch sie dereinst nur mit im Marmor eingeschnittenen Namen ihren Enkeln erscheinen werden.

Nutzt das was? – Bringt das was ein? – Marmor ist überall zu theuer. Der Impost beträgt allein auf den Kubikfuß 5 Schilling mehr als Kaufwerth und Transport. – Was frommen die Begräbnißfeierlichkeiten, wo die Sippschaften bis ins zehnte Glied und der Leichenconducteur und der Prediger sich volltrinken und mit theuren Miethskutschen nach Hause auf Kosten der Erbschaft müssen gefahren werden? Hölzerne Kreuze vermodern, und es ist ein Anblick zum Bedauern, wenn man große Plätze zu Kirchhöfen eingeräumt sieht, wo Taback und die schönsten Färbekräuter drei Fabrikanten reich machen könnten. Sollen Cadaver beerdigt werden, so begrabe sich Jedermann in seinem Obstgarten oder auf seinem Kartoffelfelde, wo er für die nächste Erndte dem Erben nützen kann.

Ist es nicht ein, das Herz erhebender und das Vertrauen stärkender Anblick, wenn wir auf dem grünen Anger des Kirchhofes Rasenhügel dicht an Rasenhügel erblicken, und die dahingegangenen Lieben Arm in Arm in trostvoller Gemeinschaft zu ruhen scheinen?

Das klingt wie poetisch.

Sind Sie kein Freund der Poesie, Herr Dulberry?

Ja und nein! Sie taugt nicht für einen guten Staatsbürger und Volksfreund. Fast alle Poeten sind Torys, und haben Sinecuren von der Regierung.

Die Poesie ist ein Himmelskind, und würde auf der Erde ohne gütige Unterstützung der Großen, da sie ihr Brod nicht selbst verdienen kann, Hungers sterben.

Dann taugt sie auch nicht in einem gutem Staat. Wer da nicht sein Brod verdienen kann und bloß von Renten leben will, ist überflüssig.

Aber es giebt auch Poeten in diesem Lande, welche für die Grundsätze Ihrer Partei fechten, wie Lord Byron und Shelley.

Beide sprechen zwar mitunter gute Lehren aus, wo aber ist Ordnung, wo irgend Berechnungsgeist in einem von Beiden? Sie fliegen mit der Fackel wild umher, reißen und brennen nieder; aber wenn man von Nutzen spricht, lachen sie höhnisch, und werfen mit den Worten Pöbel, Volk, große, gemeine, schlechte Masse um sich. In einem guten Staate giebts gar keinen Pöbel und gar keine vornehmen Leute.

So verbannen Sie also die Poesie ganz daraus, weil sie gern die Contraste und auch die der Stände auffaßt. –

Davon verstehe ich nichts. Aber auch ich habe die Poesie geliebt, und Doctor James Graingers großes Poem über den Zuckerbau war immer mein Lieblingsgedicht. Auch hat der Dichter William Corner meine neu erfundene Wollkratzmaschine vor zwanzig Jahren in einem sehr schönen Gedichte besungen, wofür ich den Mann mehrere Mal zu Tische gebeten habe.

Der junge Mann fühlte sich von diesem Gespräche nicht angezogen, und senkte, ohne zur Fortsetzung desselben etwas beizutragen, den Kopf. Der Reformer, welcher in seinen Demonstrationen fortfuhr, bemerkte dies erst nach einer Weile und redete ihm Muth zu.

Wohl auch ein Verehrer der Poesie oder sonst einer brodlosen Kunst, Herr Bertram? – Etwa Musikus oder Stubenmahler? Ja, ja, es ist sehr traurig, wenn junge Leute mit gesunden Gliedmaßen in den Schulen von unnützen Dingen hören, und Bilder in den Kopf bekommen, die nachher in der Welt nicht zu finden sind. Gegen so etwas sollte die Polizei wirken. Aber nur nicht muthlos, Herr Bertram! ich habe manchen solchen schwärmerischen Springinsfeld nachher noch als tüchtigen Comptoirschreiber oder sonst in ordentlichen Fabriken placirt gefunden; und bis dahin habe ich nichts dagegen, wenn die Künstler von ihrem Hokus Pokus Gebrauch machen, und den aufgeschwemmten trägen Pilzen, den reichen Rentiers, die solche Narren sind, von der Kunst Fait zu machen, Geld um Geld aus den Taschen locken. – Lassen Sie sich gut bezahlen. Das wirkt zur allgemeinen Gleichheit hin. – Aber sehn Sie den Mann, Herr Bertram, das ist ein Patriot! – (Er zeigte auf ein am Wege stehendes Haus) – Er hat zwei Schornsteine verbaut und im ganzen Hause nur zwei Fenster unvermauert gelassen. –

Ich begreife nicht, was das mit dem Patriotismus zu schaffen hat.

Er zahlt nun keine Fenstersteuer, – keine Schornsteinsteuer. Ist das nichts, mein junger Herr? –

Weshalb aber dieser thörige Widerstand gegen die Gesetze, der nur zur Qual des Einzelnen, zum Schaden des Ganzen, und nirgends zur Abhülfe eines Uebels führen kann?

Junger Mann, thörig wäre eine Injurie. Ueber dergleichen Vorurtheile aber sind wir hinaus. Ein Vaterlandsfreund kann nicht persönlich beleidigt werden. – Weshalb wir uns krümmen, weshalb wir uns winden? – Weshalb krümmt sich das Stachelschwein zur Kugel zusammen? – Weil es seine Nothwehr gegen den Jäger ist, weil es nicht Kraft genug hat, offen ihm zu begegnen. Was hat nicht Pitt gegen das Englische Volk gethan, was that seitdem Perceval, Sidmouth, Canning, Liverpool? Wer schützte das arme, friedliche Volk in Manchester, als Castlereaghs Husaren es massacrirten? Wir ziehn uns zusammen und verkaufen unsere Haut so theuer es geht. Ja, Herr Bertram, Englands Ruin ist beschlossen und angefangen seit dem Aufkommen der brevia parlamentaria, oder kurzem Parlamente. –

Kurzem Parlamente, Herr Dulberry?brevia parlamentaria bedeutet, so viel ich weiß, im Latein des Mittelalters nicht kurze Parlamente, sondern die Briefe oder Ausschreiben zum Parlamente. –

Meinethalben auch Ausschreiben zum Parlamente. Ein Volksfreund hat nicht Zeit, sich um unnütze Gelehrsamkeit zu bekümmern; denn dazu bedarf man nur wenig Verstandes, um einzusehn, wie höchst ungerecht der Reichthum vertheilt ist, wie Einer unter der Last von Millionen schwelgt, und Tausende dagegen die Noth drückt; wie die Verfassung –

Englands Verfassung wird, ihrer Grundlage nach, als die beste gepriesen.

Englands Verfassung! Ich kenne keine Verfassung meines Vaterlandes. – Ein Convolut verjährter, dunkler, lächerlicher Gewohnheiten, von denen die eine Hälfte unnütz, die andere schädlich für das Gemeinwohl ist, mag ein Parasit der Minister so benennen; das Volk weiß nichts von diesen Gewohnheiten, als daß sie gemacht sind, um die ungerechteste Eintheilung des Nationalvermögens zu beschützen! Ein Parlament, zu welchem ein Drittel der Mitglieder von vermoderten Flecken gewählt wird. Wählen doch hier in der Nähe ein Schweinekoben und Kuhstall, an welche zur Noth eine Brandtweinschenke gebaut ist, ihre Abgeordneten. Tausend bunte Spielereien sind angeordnet zum Betrug des armen Volkes, und das fleißige Liverpool sendet kein Parlamentsglied nach Westminster!

Auf diese, nur zu bekannte, Weise der Reformer fuhr Dulberry noch lange fort, die Ohren seines Gesellschafters zu beläuten. Die Schlüsse der Reformer, nach den Regeln der Logik betrachtet, an sich ganz richtig, aber da sie gleich Rechenexempeln ohne Beachtung der im Leben zustoßenden und nicht zu berechneten Zufälle gebildet werden, oft schon im zweiten und dritten Gliede abnorm und lächerlich, üben, ungeachtet der dazwischen gestreuten donnernden Interjectionen über Tyrannei, bittere Armuth u. s. w., nur einschläfernde Kraft auf einen gesunden Sinn aus. So war auch Bertrams Gedanke bald, weit über die exacte Berechnung der Staatseinnahme und das Blutbad von Manchester hinaus, zu einem für ihn interessanteren Gegenstande zurückgekehrt. Er dachte an das Gespräch des gestrigen Abends, dessen Hauptgegenstand ein verwegener Abenteurer war, und gestand sich so eben den Wunsch ein: die gefährliche Bekanntschaft dieses Mannes gemacht zu haben, als der Reformer, welcher vermutlich die Abwesenheit des Geistes bei seinem Zuhörer bemerkt hatte, ihm plötzlich auf die Schulter klopfte, um seine Aufmerksamkeit aufs neue zu erwecken, und ihn sehr laut fragte:

Herr Bertram, wie viel Geld besitzen Sie?

Bertram fuhr zusammen. Er blickte den fragenden Reisegesellschafter an, sah dann auf die ganz öde und von Menschen verlassene Gegend hinaus, und im Glauben, sein verwegener Wunsch sei, nachdem er ihn kaum bei sich geäußert, auf eine für ihn keinesweges erfreuliche Weise in Erfüllung gegangen, antwortete er schnell:

Sie sind der kühne James Nichols?

Der Reformer sah ihn verwundert an, entgegnete aber bald sehr ruhig: Nicht doch. Ich bin Samuel Dulberry, ehemals Fabrikant in Manchester, auch sechs Jahr lang Alderman und zweiter Vorsitzer der Erdrüben-Cultivations-Gesellschaft, jetzt aber ein ruinirter Mann durch die Kriege im Auslande, durch die Landplage des stehenden Heeres, durch ihre Herrlichkeiten die Minister, und durch das Blutbad von Manchester. Aber noch habe ich immer meinen Verstand behalten und kann die Noth meines Vaterlandes berechnen; der Nichols jedoch, wenn ich ihn auch gestern sollte gelobt haben, wer ein so überspannter Hitzkopf, ein Mensch, der ohne Noth den Kopf wagte, der niemals Alt-Englands Wohl berechnete, der sich sogar verliebt hatte, daß ich nicht sagen kann, er habe Verstand gehabt. Wer Alt-England liebt, darf nie verliebt sein, darf nicht thörige Streiche anfangen, sondern muß das thun, was grade von den Freunden des Vaterlandes als nöthig berechnet ist, und nicht seinem überspannten Drange folgen. – Ich fragte Sie, Herr Bertram, wie viel Geld Sie haben?

Ist dies vielleicht eine besondere Englische Sitte, Herr Dulberry?

Nicht doch, nicht doch! Ich bin auch kein Zollvisitator. – Aber wer nicht sagen will, wie reich er ist, ist reicher als er scheint. Doch bestimme ich nach dem Augenmaaß, daß Herr Bertram nicht über hundert Pfund werth ist? –

Sie haben recht gerathen.

Und wie viel glauben Sie, daß Ihr Theil sei, wenn Alles rechtmäßig getheilt würde?

Was soll denn getheilt werden?

Der Nationalreichthum Englands. – Ich sage Ihnen, Herr Bertram, wenn Sie Ihre 100 Pfund einwerfen, so ziehen Sie nicht mehr und nicht minder bei der allgemeinen Dividende als 959 Pfund 2 Schilling und 3¾ Pence.

Und welches Recht habe ich auf diese Summe der Englischen Ehrenmänner?

Sie sind über 18 Jahre hinaus, mithin, sobald Sie den Englischen Boden, mit dem Willen ihn zu betreten, betreten haben, – ein Engländer; jeder Engländer hat aber eben so gut als der andere, ein gleiches Recht auf das gemeinsame Vermögen. Jedermann in einer Societät arbeitet für die Societät, und kann zu jeder Zeit auf die Dividende antragen. Mithin sind wir, Freunde der Reform, die wir die Dividende verlangen, im Rechte, und die Minister, die Torys, die reichen Wighs sind im Unrechte. Die Reichen sind schlechte Verwalter des ihnen anvertrauten Gemeingutes, indem sie weder Rechnung ablegen noch auszahlen. Wir sind berechtigt, sie zu zwingen, aber der Despotismus herrscht und Castlereaghs Husaren haben zu Manchester das arme England umgebracht.

Also werden wirklich, – sagte Bertram, – diese verdrehten Grundsätze ausgesprochen? Bisher glaubte ich, sie wären den Reformern nur von ihren Feinden, um sie lächerlich zu machen, in den Mund gelegt. Abgesehn von der Verdrehung des Rechtes, lehrt denn nicht die Geschichte, daß niemals eine Gleichheit statt gefunden? lehrt sie denn nicht, daß, bei allem Willen und bei aller Geschicklichkeit, eine so schwierige und kritische Theilung der Güter nie von Dauer sein kann? daß, wenn wirklich die Theilung in irgend einem Staate zu gewissen Zeiten statt gefunden hätte, sie das sicherste Mittel gewesen wäre, alle Energie, alle Thätigkeit und moralische Kraft in dem Volke zu tödten?

Was geht mich die Geschichte an? Die spricht nur von bösen, barbarischen Zeiten, von Despotismus und Ermordungen, und Herren und Sklaven. Was findet man selbst in der hochgepriesenen alten Geschichte Tröstliches? Haben nicht die Perser ihre wollenen Decken noch von Sklaven kratzen, wirken und steppen lassen; was gegen alle Industrie ist, ungeheure Zeit kostet und die Waare vertheuert. Alle wahre Geschichte fängt erst an mit der Erfindung der Maschinen, unter denen ich alle zum Wollkratzen ersonnenen, der Erfindung des Schießpulvers und sogar auch der Druckerpressen vorziehe.

Der ärgste Feind der Reformer, Herr Dulberry, dünkt mich, könnte ihnen keine thörigeren Lehren in den Mund legen. –

Ich kann nicht beleidigt werden – sagte der Staatsverbesserer – aber diese feindlichen Ansichten kommen nicht aus Ihnen selbst, sondern der gefährliche, boshafte, immer lächelnde, hinkende Mann, der Sie gestern Abend an seinen Tisch zog, hat sie Ihnen eingeblasen. Hüten Sie sich vor dem Manne, er ist ein Spion der Regierung – er lockt das friedliche Volk einen nach dem andern an seinen Tisch, giebt ihnen versetzten Wein zu trinken, und wenn sie lustig und guter Dinge sind, frägt er sie unter allerlei freundlichen Formen dergestalt aus, daß in Ihnen nichts bleibt und er von unten bis oben sie durchschaut. So ist es nach gerade mir, so ist es allen, die im Zimmer waren, ergangen: wir glaubten uns mit ihm aus Leibeskräften über eine dritte Person lustig zu machen, und statt dessen waren wir selbst übertölpelt. Es ist ein äußerst gefährlicher Mensch, und wer nicht so wie ich in offenem Bruche mit den Ministern steht und nichts mehr verlieren kann, hüte sich –

Wäre dies wirklich der Fall? – fragte Bertram betroffen. – In der That, der Mann fragte mich, wie ein Inquisitor, aus – sollten sich Ehrenmänner, wie dieser zu sein schien, zu solchen erniedrigenden Beschäftigungen hergeben?

Wo wir stehn und gehn, Herr Bertram, tritt uns der Spion entgegen, oder schleicht uns nach, oder wir führen ihn am Arm. Die Minister haben die todten Wände bestochen; ja, was noch mehr sagt, sie haben gemacht, daß das Volk dem großen Hunt nicht mehr traut, daß Hunt gegen Watson und Preston mißtrauisch ist, daß der Bruder sich vor dem Bruder scheuet. Weiß ich doch nicht, ob Sie, Herr Bertram, ein Spion sind; nicht, ob ich mir selbst trauen kann, und nicht das Geld der Minister in meinen Taschen steckt; nicht, ob der dumme Wälsche Knecht auf dem Kutschbocke ein verkappter Husar ist, der, wenn es ihm einfällt, mich ungestraft niedermetzeln kann. So weit ists mit England gekommen, England ist ruinirt, und ich will nicht länger in England bleiben, nein, nein –

Der Wagen hatte jetzt eine Höhe erreicht, von welcher aus man die See in einiger Entfernung sehen konnte. Dulberry drückte Bertrams Hand und erhob sich etwas vom Sitze.

Sehn Sie, Freund, Amerika?

Nicht doch, nur das offene Meer.

Nun aber, über das Meer hinaus liegt Amerika!

Erst kommt Irland.

Aber hinter Irland Amerika. Von da aus wird unser Heil ausgehn – Hier müßte es, im Angesicht der Hoffnung, schön zu sterben sein.

Bertram blickte, verwundert über diesen ersten, an Poesie gränzenden, Ausdruck des Reformers, seinen Begleiter an, um zu sehn, ob auch der Ausdruck des Gesichtes jenem entspräche. Hier war aber nichts von Leben und außergewöhnlichem Feuer zu spüren; und da er nichts darauf mit Worten zu erwiedern wußte, saßen Beide eine Weile schweigend, bis der Wagen ziemlich nahe am steilen, jedoch hier nicht beträchtlich hohen Ufer, auf den Befehl Dulberrys still hielt. Da sein Führer ausstieg, folgte auch Bertram dem Beispiele. Es war eine dürre Gegend, welche wohl nur durch den Reiz des Frühlings Leben erhalten konnte. Ein ungleicher Erdboden und verworrenes Gestrüpp von Hambutten, wilden Birnbäumen und anderm niedern Strauchwerke, trennte den Platz, wo der Wagen hielt, von dem Meeresstrande. Es lagen am Wege einige alte, mit Moos überwachsene, Feldsteine, und auf diese befahl Dulberry dem Kutscher sein Gepäck zu tragen. Nachdem dies geschehen, zog er die lange grünseidene Börse heraus, nahm aus der einen Seite einige Silberstücke, und bezahlte den Landmann mit einer genauen Berechnung und Abrechnung, welche den Fremden in Verwunderung setzte.

Das ist für Deinen Herrn, Sus–Calla–mor–mur, oder wie Du heißen magst, und dieß hier für Dich selbst. – Dreh es nicht so viel um, es ist noch viel mehr als Du mit Deinem schlechten Fahren verdient hast. Und nun fahr nach Haus und lebe lustig, bis Du gehangen wirst.

Der Mensch stand zweifelhaft noch einige Augenblicke bei den Pferden, theils als sei er unzufrieden mit dem Trinkgelde, theils als erwarte er Contre-Ordre. Wirklich hub Dulberry nach einigen Momenten an:

Doch, wenn ich mich recht bedenke, Sus–Calla–min – so bleibe noch hier – fahre aber wieder bis ins nächste Dorf zurück, und wenn ich in einer Stunde Dich nicht rufe, so fahre nach Haus, oder brich Dir den Hals.

Sus–Calla–mur gehorchte langsam und schweigend, Dulberry aber zog den jungen Mann neben sich auf einen Stein.

Lassen Sie uns etwas niedersetzen, junger Herr, es ist kein kalter Tag, und man kann es wohl bei dem, was ich hier im Beutel führe, aushalten. Nicht wahr – das lacht, und glüht im Glase. – (Er zog ein kleines Weinfläschchen aus der Manteltasche und hielt es gegen das Licht.) – Echter Kapwein von 1792, guter Französischer Constitutionswein. Aber, junger Herr, Sie brauchen nicht besorgt zu sein. Der Wein hat keine Accise, keine Mauth, keine Steuer entrichtet, und ein Patriot kann sich einmal das Herz erlaben. (Er schenkte zwei Becher voll.) Nun lassen Sie uns eine Gesundheit trinken, die letzte Gesundheit, und dann wirds aus sein. Auf Alt-Englands alte Freiheit! Aber ganz still, junger Herr, muß die getrunken werden, schweigend genippt, wies Sitte ist, wenn man die Gesundheit eines Todten ausbringt . So, so! – Ja, es ist eine schöne Gegend hier rund umher, aber was hilft das? – Nun, bester Herr Bertram, den letzten Liebesdienst mir angethan. Helfen Sie mir die Pakete tragen – es ist meine ganze Habe – und folgen Sie mir –

Sie sind im Begriff eine Reise anzutreten, aber, – darf ich fragen, – mit welcher Gelegenheit?

Mit der besten, schnellsten, wohlfeilsten – nach Amerika. Und alle meine Sachen nehme ich mit, und sollten sie im Meeresgrund verloren gehn, damit nichts auf dieser undankbaren Küste zurückbleibt. Aber, junger Mensch, nicht so hart das Paket angefaßt! Es sind Englische. Italiänische Strohhüte drinnen; hier nehmen Sie lieber den Rest aus meiner Fabrik, echte Manchester Kanten von besonderm Werthe, und nun marsch auf.

Der Reformer schritt mit zwei Paketen unter dem Arme durch das Buschwerk dem Meeresufer zu. Am äußersten Felsrande legte er sie keuchend nieder und hieß Bertram ein Gleiches thun. Dann befühlte er jedes Pack, um zu sehn, ob es auch nicht Schaden gelitten, thürmte, als er alles in Ordnung fand, sämmtliche Pakete auf einander, und band sie mit Stricken fest zusammen.

Nun, mein lieber Herr Bertram! – hub er mit sanfter Stimme an – noch einen Gefallen, den letzten! Ich trete im Augenblicke eine große Reise an, weil Englands Luft verpestet ist, und Dulberry es unter den Husaren von Manchester, einem bestochenen Parlamente, den großen Landherren, den Sinecuren, der Hofhaltung der Minister, dem Gestöhn der Weiber und Kinder aller von ihnen Hingemordeten, nicht mehr aushalten kann. Ich sage dem ehemaligen England auf immer Lebewohl – Lebewohl. Nun die Bitte: Gehen Sie, bester Freund, jetzt auf eine Viertelstunde landeinwärts, sehen Sie nicht nach mir zurück, überlassen Sie Dulberry seinem Schicksal, und nehmen als Angebinde diese zehn Holländischen Ducaten –

Bertram weigerte sich durch mimische Gebärden, das Geschenk anzunehmen; Dulberry drang aber ernster in ihn.

Nur keinen Stolz, junger Mann! In solchen ernsten Stunden kann doch wohl der Jüngere vom Aeltern ein Andenken annehmen. Es sind unbeschnittene alte Holländer mit den sieben Pfeilen und der concordia res parva crescit, und keine neumodische Souverainsdor, wo der Ritter St. Georg, statt auf den Drachen, auf sein eigenes gutes Pferd lossticht. Und nun, junger Herr, eine sehr alte, längst bei uns abgekommene, Sitte erneuert! – Den Bruderkuß.

Er packte seinen Begleiter herzhaft um die Schulter, preßte ihn an seine Brust, und gab ihm auf beide Wangen einen derben Kuß:

Nun, Bertram, sage den Leuten in England, Dulberry würde nicht mehr reden, weil er zu Tauben predigte, und Steine statt warmer Herzen fand. Geh mit Gott – aber lieber Junge, Du siehst Dich doch auch gewiß nicht nach mir um?

Dulberry schob den Reisenden fort, ehe dieser Zeit fand, auf die letzte Frage zu antworten; und Bertram befand sich schon jenseits des kleinen Ufergehölzes, als er stille stand, um darüber nachzudenken, was er in diesem Augenblicke zu thun habe? Den Kutscher zurückzurufen, ihn um Auskunft zu bitten und mit ihm Rath zu pflegen, diesen Gedanken verwarf er sogleich wieder, da theils, wenn Hülfe schnell nöthig war, dieses Mittel sie zu lange würde verzögert haben, theils der Wälsche nur wenige Englische Worte verstand. Er entschloß sich daher bald zum schnellsten und vielleicht einzigen Auswege: dem Befehle Dulberrys nicht nachzukommen, und seine Bewegungen im Geheim zu beobachten. Es gelang ihm, sich durch das Gehölz zu schleichen und einen erhöhten Punkt zu gewinnen, von welchem aus er eine geraume Strecke des Hochstrandes übersehn, und seinen Reisegefährten namentlich nicht aus den Augen verlieren konnte.

Dulberry ging mit untergeschlagenen Armen einige Schritte dicht am Ufer entlang, und warf dabei häufige Blicke auf das feste Land, seltener nach dem Meere. Endlich stand er, wo seine Pakete lagen, stille, stütze sich auf dieselben und blickte so den steilen Uferrand hinab. Als die Pakete unter ihm schwankten, sprang er indessen eilig zurück und legte sich in einer sichern Positur der Länge lang auf die Erde, so daß nur der Kopf halb über das Ufer hinaus lag. Er verließ jedoch auch diese sehr bald, indem er den Kopf schüttelte und ziemlich laut ausrief:

Ein Thor, der hier herunterspringt! An der scharf vorspringenden Ecke kann man sich den Kopf zerschlagen, ehe man unten ist.

Er sprang auf, und ging weiter, den Strand hinauf, der Stelle zu, wo Bertram verborgen lag. Nach mehrerem Kopfschütteln und Prüfen, rief er aus:

Hier wird es gehn, Dulberry!

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< Fünftes Kapitel.
Siebentes Kapitel. >



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