Frei Lesen: Walladmor

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Willibald Alexis

Walladmor

Siebentes Kapitel.

eingestellt: 7.8.2007



Dulberry war auf der Rückreise sehr schweigsam und in sich gekehrt. Als aber der Wagen wieder vor dem Gasthofe vorrollte, schien er andern Regungen und Bewegungen Raum zu geben. Die Hausgenossenschaft, durch das Geräusch der Räder von der Ankunft des Gastes unterrichtet, stand abermals vor dem Thore versammelt, oder blickte ihm aus dem Fenster entgegen. Dulberry zog freundlicher als je den Hut ab, neigte sich gegen alle, blickte aber selten in die Höhe. Man eilte ihm aus den Wagen zu helfen. Er war sehr höflich und wollte die zuvorkommende Hülfe der Anwesenden durchaus nicht annehmen. Alles Sträuben half ihm indessen wenig. Kaum hatte er den Fußboden betreten, als es an ein Händedrücken ging, ja sogar der gerührte Mann einigen Freunden um den Hals fiel. Diese Bewillkommnungen, bei welchen man von allen Seiten die lebhaft geäußerten Wünsche, daß Dulberry nie mehr in solche Gefahr gerathen möge, vernahm, dauerten geraume Zeit fort, bis jener, sich den Händedrücken entreißend, mit gerührter und leiser Stimme sprach:

Ja, meine Freunde! Ich war in großer Lebensgefahr, und bin nur durch ernste Betrachtung gerettet worden. Gern gebe ich mein Leben für das Englische Volk hin, weiß Gott, und ich werde doch nicht lange leben, wenn das so fortdauert mit den Bedrückungen, und dem Niedermetzeln und Verbieten der Volksversammlungen, und Stempeln und Auflagen auf die Zeitungen fürs Volk. Es giebt nur ein Leben auf dieser Welt, aber halt es ein anderer aus, wenn das Pencebrod jetzt einen Sixpence kostet, und das Arbeitslohn doch um die Hälfte sinkt.

Ganz recht, Herr Dulberry – rief man ihm billigend zu – aber das ist unrecht, wenn auch der Staat leiden muß, daß Sie Ihre Freunde noch mehr leiden lassen.

Bitte recht sehr. An mir ist wenig gelegen. – Ob der arme, gedrückte Dulberry stirbt, macht nichts aus, – der ist bald vergessen, wenn er unter dem kühlen Rasen liegt, denn er hat keine Ahnen gehabt, die bis zu Wilhelm dem Eroberer reichen, und hat keine Gedichte gemacht, sondern nur eine Wollkratzmaschine erfunden, die England mindestens um 76093 Pfund jährlich reicher macht. Aber – das sind Kleinigkeiten in unsern Zeiten. – Und doch, Master Evan, möchte ich meinen, Seine Herrlichkeit von Londonderry dürften, wenn es hieße: Dulberry ist todt! eine Flasche mehr auf die Tafel bringen lassen; denn es muß doch für einen großen Herrn angenehm sein, wenn von den Tausenden, die durch ihn ruinirt sind, Einer nach dem Andern stirbt: der unter den Pferden der Husaren von Manchester, der im Gefängniß durch Hunger, der durch Patriotismus oder sonst wie – und dann wird Seine Herrlichkeit wohl wissen, daß man mich grade nicht unter die schlechtesten Redner von Smithfield rechnete, und Hunt selbst von mir sagte: Wenn ich eine etwas lautere Stimme hätte, würde ich als Trompete den Volksfreunden dienen können.

Ganz gewiß, ganz gewiß, Herr Dulberry! rief man von allen Seiten dem Reformer zu, und zog ihn ins Haus.

Als Bertram eintreten wollte, hielt ihn der Wirth an der Thüre mit der Frage auf:

Was hat denn heut den Narren abgehalten, sich zu ersäufen?

Sie wissen von seinem schrecklichen Vorsatze?

Freilich, wie jedes Kind im Flecken.

Sie wußten seine Absicht, und hielten ihn nicht zurück?

Um ein Narr gleich ihm zu werden? – Ich liebe auch nicht solche Schauspiele. Aber war das Wasser heut etwa zu kalt, oder das Ufer zu hoch oder niedrig, oder ging der Wind contrair?

Als der Unglückliche im Begriff stand, von dem steilen Uferrande sich hinabzustürzen, gelang es mir durch schnelles Beispringen ihn zu retten.

Der Wirth lachte so laut auf, als sein steinernes Gesicht dies zuließ. Betroffen und ärgerlich sagte Bertram:

Sie scheinen meine Worte in Zweifel zu ziehn? Bei Gott, nicht um zu prahlen, rühme ich mich dieser That.

Ich bin nur der Meinung, Herr Bertram, daß Dulberry auch ohne Ihr Beispringen sein Hinunterspringen würde ausgesetzt haben, ja, daß er nicht bis an den Rand des Meeres gekommen wäre, hätte er Sie nicht im Hinterhalt vermutet. Ihre Rettung wird er übrigens auf keinen Fall haben gelten lassen, und noch einen andern Grund angegeben haben, weshalb er diesmal den Selbstmord ausgesetzt hat?

Er sprach von einer Leibrente.

Also die alte Leier, weil Sie ein Fremder sind!

Schon mehrere Male hat Dulberry diese gefährlichen Versuche gemacht?

Nicht zu zählen, seitdem er vor beinahe Jahresfrist in meinem Gasthofe einkehrte. Nachdem im Parlamente die Untersuchung wegen des Blutbades zu Manchester niedergeschlagen worden, kam er hierher mit dem bestimmten Vorsatze, sich zu ersäufen. Hundertmal hat er Abschied genommen und ist an den Strand gelaufen und gefahren; aber im Sommer war das Wasser zu warm, und er fürchtete, nicht augenblicklich vom Schlagflusse getroffen zu werden; im Herbst war es zu stürmisch, und im Winter ist Eisgang, oder es ist zu kalt. Schlägt keiner dieser Gründe an, so kommt die Leibrente.

So leidet der Unglückliche an gelindem Wahnsinn? –

Wollten wir Jedermann im Lande wahnsinnig nennen, der auf ähnliche Weise denkt und handelt, könnten wir nur Haus um Haus zur Irrenanstalt einrichten. Dulberry war ein reicher Fabrikant, ist durch den Krieg herunter gekommen, aber noch zu rechter Zeit so vernünftig gewesen, sich eine gute Leibrente zu kaufen, welche ihn jetzt vor Mangel schützt und ihm Grund an die Hand giebt, sich nicht zu ermorden; denn die Rente fällt bei seinem Ableben einer ministeriellen Societät anheim. Auf diese Art lebt er bei mir so zufrieden als sein Temperament es erlaubt, bezahlt alle Abend die Rechnung, um Morgens aufzubrechen, und versucht etwa jede Woche das Experiment. Uebrigens kränkt er kein Kind, und ist bis auf die Adressen ein ganz guter Gast.

Der übrige Tag schien dem Reisenden, wie es nach einem so merkwürdigen Abenteuer zu geschehen pflegt, sehr einförmig zu vergehen. Der Spaß, welchen sich die Gäste am Morgen mit Dulberry gemacht, hatte bald aufgehört; wie am gestrigen Abend saß Jedermann abgesondert in seinem Winkel, der Reformer las Zeitungen am Kamine, der Holländer rauchte, und der dunkle Herr hatte sich, wie die Schnecke in ihr Haus, in seine dunkle Zimmerecke zurückgezogen. Wenn er übrigens auch zugänglicher gewesen wäre, würde Bertram, nach den über ihn eingezogenen Nachrichten, heute doch nicht von neuem sich in seine Gewalt gegeben haben. Am Abende sah die eine Hälfte der Wirthshausgesellschaft, mit Ausnahme des Reformers, wie die andere die Jane Shore kaum erträglich spielte. Die Wirthshausgesellschaft, und unter ihr Bertram, welcher eine besondere Seitenloge gemiethet hatte, schlief, da sie im Gasthofe an heftigere Dramen gewohnt war, sammt und sonders während der Vorstellung ein. Nur der Holländer, der nie zu wachen schien, wachte heut unter ihnen allein, um sie beim Schluß des Stückes an das Nachhausegehen erinnern zu können.

Ein recht erbauliches und moralisches Stück! – sagte Alderman Gravesand, als er, durch den Achselschlag des Holländers erweckt, mit dem Kopfe in die Höhe fuhr. Der Holländer erwiederte:

Weiß nicht, wovon sichs handelt.

Gott verdamm! Haben Sie nicht zugesehn?

O ja.

Haben Sie nicht zugehört?

O ja.

Sie haben wohl an andere Dinge gedacht?

O ja.

Sir! das ist unrecht. In guten, erbaulichen und moralischen Stücken sollte man nicht speculiren, sondern Achtung geben und aufpassen. Darauf muß die Stadt-Obrigkeit sehen, auch billigermaßen nur moralische Stücke auf den Bühnen dulden; denn posito jedermann gäbe gehörig darauf Achtung, so könnte das wie eine Predigt wirken, und Gottesfurcht und Frömmigkeit kämen auf eine angenehme Weise, man wüßte nicht wie, unter die Leute.

O ja, o ja! Aber alles zu seiner Zeit.

Aber weshalb gehn Sie ins Theater, wenn Sie speculiren wollen, Herr van der – der – van, oder wie Sie heißen?

Weshalb hören Sie Musik? Etwa um anders willen, als dabei Ihren Gedanken oder Gefühlen nachzugehen? Ich nun speculire, wenn die Menschen um mich herum allerlei thöriges Zeug summen, am allerbesten; und wenn die angestrichenen und bunt beklecksten Kerle auf den Brettern springen und agitiren, läßt sichs auch recht gut dabei rechnen, und vernünftig sein, und man dünkt sich ordentlich mehr als man ist, wenn man sich in seiner Vernunft unter allen den unvernünftigen Wesen erblickt.

Bertram ging, nachdem er noch bis spät in die Nacht hinein geschrieben und dann sein Felleisen geschnürt hatte, mit dem festen Vorsatze, am folgenden Tage seinen Wanderstab weiter ins Land zu setzen, zu Bette. Ihm waren die Gesichter der Gäste schon zu bekannt, gewöhnlich und einförmig geworden, und er verlangte nach neuen Erscheinungen. Der Autor dieser Novelle ist darin nicht mit ihm gleich gesinnt. Wenn er eine charakteristische Gesellschaft einmal aufgefunden hat – und wo finden sich so verschiedenartige Charaktere eher zusammen als unter den aus allen Weltgegenden in den Wirthshäusern zusammengeströmten Fremden – so pflegt er, so lange es möglich ist, unter ihr zu verweilen; und, wie der Bildhauer und Mahler seine Büste und seine Gegend, Gesichter und Menschen von allen Seiten betrachten, nicht um die schönste herauszufinden, sondern sie von außen und innen unter allen Verhältnissen kennen zu lernen; wie der Arithmetiker durch Verstellung der Zahlen oder Buchstaben ihre möglichen Combinationen herausfindet: so stellt er sich die Gesellschaftsglieder in immer veränderter Ordnung, und lernt erst auf diese Art Menschen kennen. In den Wirthshäusern studirten die Herren unserer Romanenlitteratur, Fielding, Smollet; und wo finden wir das meiste Leben und muskulösere Charaktere in ihren Romanen, als an der Feuerseite des Wirthshauses? Wir beneiden unsern Amerikanischen Freund Washington Irwing um nichts mehr, als die ironische Composition seiner Erzählung vom dicken Herrn; und dennoch zürnen wir mit ihm, daß er in diesem, mit dem Pinsel eines Franz Mieres, gemahlten Küchen- und Wirthshausstücke nicht gleichen Fleiß auf die Passagiere verwendet hat. Ein noch längerer Aufenthalt in dem verwünschten Gasthofe würde ihn zum Studium der Charaktere geführt, und er würde dann gleiche Belustigung und ähnliche Ausbeute mit uns davon getragen haben. Die Jugend, wie der Held unseres Romans, liebt nur plötzliche Eindrücke, um nicht lange bei den einmal gewonnenen zu verweilen; sie stürzt von einer Erscheinung zur andern, und findet am Ende nur in der Steigerung Interesse. Wir glauben den uns gewordenen Beifall einem entgegengesetzten Verfahren zu verdanken. Bei mäßigem Gebrauche des Neuen und Ueberraschenden, haften wir fest bei den Menschen. Wenn wir einen Charakter einmal gefaßt haben, so lassen wir ihn sobald nicht los, sondern drücken ihn, wie eine einmal angeschnittene Citrone, bis auf den letzten Tropfen aus, während unsere jüngern Freunde von der Citrone nur wenig Saft, gleichsam nur kostend, aussaugen, und die noch volle Schaale dann fortwerfen, um zu einer neuen, vollen Frucht zu greifen.

Da Bertram bis spät in die Nacht hinein geschrieben hatte, verfehlte er seinen Zweck, früh auswandern zu können. Er erwachte erst als die bereits hoch am Himmel stehende Sonne durch seine übereisten Fensterscheiben matte Strahlen warf. Die Glocken des Kirchthurms läuteten eine ernste feierliche Weise, man hörte einige kleine Glockenspiele in der Nähe; und als er durch die Fenster auf die gegenüberstehenden Häuser sah, schien ihm alles eine gewisse Reinlichkeit und Feierlichkeit anzudeuten. Als er, das Felleisen im Arme, in die Wirthsstube hinüberstieg, fand er auch diese aufgeräumt und mit grünen Tannenzweigen hie und da ausgeschmückt. Von den Stammgästen waren erst diejenigen versammelt, welche als Fremde im Wirthshause ihre einstweilen beständige Residenz aufgeschlagen hatten, und diese standen mit dem Wirthe, welcher vorn auf seinem Hute eine Lauchstaude trug, dicht am Fenster geschaart. Alle drehten dem Eintretenden, indem sie zum Fenster hinaussahen, den Rücken, und schienen bei der Verfolgung eines Gegenstandes auf der Straße so beschäftigt, daß es für Bertram unmöglich blieb, seine Neugier Hinsichts der Veranlassung dieser besondern Feierlichkeit, – da sein Kalender weder Sonn- noch Festtag ankündigte, – durch Fragen zu befriedigen. Er ergriff die beste Partie, sich aus eigenen Mitteln Kenntniß zu verschaffen, und stieg auf einen Schemmel, um über die Köpfe derer, welche bereits die Fenster occupirt hatten, auf die Straße hinauszusehen. Er erblickte indessen auf diese Weise nichts mehr und nichts weniger, als bunt geschmückte Walische Landleute, welche in größern und kleinern Massen, die Frauen und Mädchen mit allerhand buntfarbigen Bändern um Hauben und Haar, die Männer mit Lauchbüschen auf den Hüten, entlang zogen.

Aller Welt ist bekannt, daß der Graf Marcellus eine Ode auf den Knoblauch, ferner Verwandtschaft mit den Lilien wegen, angefertigt, und die französische Akademie an ihn dafür ein Belobungsschreiben erlassen hat. Nicht aus gleicher Ursach feiern die wackern Bewohner von Wales den Lauch, auch nicht um ihn mit Salz und Brod, wie Fähndrich Pistol, trotz seines Hohnes und Muthes gegen Cadwadwaller und alle seine Geister, bei der unfreiwilligen Mahlzeit zu verzehren. Ihrer Ahnen, der alten Waliser, großen Sieg – ob fabelhaft oder wirklich, ist gleichgültig, wenn sein Angedenken die Geister der Enkel erhebt, – über die andringenden Sächsischen Niederländer feierten unsere ehrlichen Nachbarn und Brüder noch vor zwanzig Jahren so gewissenhaft, als dies vor Jahrhunderten geschehen mochte. Man sah keinen Menschen, welches Amt er auch bekleiden mochte, und wenn ihn das Schicksal selbst bis Seringapatnam geführt hätte, am Sankt Davidstage ohne seinen Lauchzweig am Hute herumgehen, und er glaubte an diesem Tage jedermann eine Ehre anzuthun, mit dem er sich in ein Gespräch einließ. Die schöne alte Sitte hört allmälig auf. Wir wünschten wohl, daß ein Nebenmann des Lord O . . ., als Seine Herrlichkeit am letzten Sankt Davidstage so beredt die Grundsätze ihrer jacobinischen Freunde vertheidigten, ihm einen Lauchstengel vorgehalten hätte. Wir zweifeln nicht, daß die Scham Seiner Herrlichkeit Antlitz würde so roth gemacht haben, als die Mütze muß gefärbt sein, nach welcher sein ganzes Sinnen und Trachten geht, eine Mütze, an welcher freilich nichts weniger als der Lauchzweig, das Symbol der Treue und des Festhaltens an den bewährten Grundsätzen der Väter, passen mag.

Wird denn das abergläubische, dumme, verkehrte Fest am Davidstage ewig dauern? fragte Dulberry.

Hütet Euch – das lauter werden zu lassen – sagte der Wirth. – Unsere Freunde draußen möchten sonst mit Eisstücken das Haus und Euren Kopf bombardiren, und Euch selbst unter die Plumpe ziehn. –

Oder – sagte der Direktor – Euch Lauch zu essen geben, trotz dem Hauptmann Fluellen, und wahrhaftig nicht auf so seine Art, als ich dies von Garrik sah, dem ich nach dem Urtheile des Londoner Publikums in der Rolle des Fluellen gleichen soll.

Lauter abergläubische Gebräuche aus den Zeiten der Finsterniß und Barbarei. Daher kommt es auch, daß die gesunden patriotischen Grundsätze noch so wenig unter dem Volke von Wales Platz greifen. Es giebt so schon zu viel unnütze Feiertage im Kalender, und hier will der Aberglauben noch einen für die Faullenzer einführen? Meine Herren, ich wäre nicht abgeneigt, eine Adresse zu unterzeichnen, welche die strenge Untersagung des Glockenläutens und Anziehens der bunten Kleider und Umherlaufens auf den Gassen, bezweckte – eine Adresse –

Keine Adresse! schrie man von allen Seiten.

Master Dulberry – sagte der Wirth – wenn Ihr eine solche Adresse hier anzettelt, ich glaube, der Squire ließe Euch durch den Büttel mit Nesseln aus der Grafschaft peitschen, denn dem geht nichts über den Davidstag, – den Lauch und das Glockengeläute. Er theilt Geld und Almosen aus, und schenkt dem gemeinen Volke Bier und Branntwein, damit sie nur lustig sein mögen und den Tag gehörig feiern.

Entsetzlicher Despotismus! Und sie trinken und tanzen wirklich?

Ei freilich, und lassen es oft nicht beim Trinken bewenden.

Das ist zu arg, meine Herren. Despotismus, wie man ihn auf den Brittischen Inseln nicht denken kann! Castlereagh hat alle freien Engländer gegen ihren Willen zur Trauer genöthigt; dieser kleine Despot zwingt aber freie Leute, wenn sie wollen traurig sein, lustig zu sein. Steht davon etwas in der Magna Charta?

Der Squire ist ein guter Mann – fiel der Wirth ein – wenn auch etwas wunderlich und streng. Seine Pächter und Leute lieben ihn, und ich glaube, wenn er es beföhle, sie stürzten sich von der steilen Uferwand herab, und kletterten wieder herauf, wenn Fräulein Genievra ihnen winkte.

Und der Squire – fuhr der eben eintretende Alderman Gravesand fort – hält auf alte Ordnung und Walische Sitte, wie dies Herkommen bei uns schon tausend Jahre vor Christi Geburt war.

Und ist Friedensrichter seit vierzig Jahr – sagte der Wirth – und, wie oft auch das Ministerium gewechselt hat, es immer geblieben, welches beweist, daß er sich in alle Zeiten und Sitten schicken kann, wie es für einen guten Wirth, der auch mit vielen Gästen umzugehen hat, sich schickt.

Da seid Ihr auf falschen Wegen, Gevatter Evan, sagte Gravesand. – Kein Friedensrichter schickt sich und bückt sich weniger als unser Squire. Er ist ein Whig wie Einer, und seit seiner Geburt, – wenn er da schon im Parlament hätte sitzen können, – immer in der Opposition; und dennoch krümmen die Minister ihm kein Haar. Es wird keine Rede auf den ministeriellen Bänken gesprochen, ohne daß unser Squire, in seinen frühern Jahren, nicht dagegen opponirt hätte; jetzt freilich ists anders und er kommt selten nach London, aber posito

Und warum kommt er nicht nach London, warum opponirt er nicht mehr gegen jede ministerielle Rede? warum ist er lau geworden, und liegt nun, gleich dem wiederkäuenden Stiere, auf seinem frühern Patriotismus, und glaubt, es ist besser, bequem und reich sein, als ein Volksfreund, der Tag und Nacht wachen muß? – Warum, Gentlemen? weil er eine Sinecure bekommen hat, weil seine Söhne, Vettern und Neffen Aemter bekommen haben, die das Mark des Landes verzehren.

Warum, Master Dulberry? Das will ich Euch sagen – rief Gravesand aus, stellte sich vor den Reformer hin, und declamirte ihm mit nachdrücklichen Worten und handgreiflichen Gesticulationen vor. Nicht darum, Master Dulberry, kommt er nicht mehr nach London und spricht nicht mehr im Parlamente, um seinen Söhnen, Vettern und Neffen einträgliche Aemter zu verschaffen, denn er hat keine Neffen, Vettern und Söhne mehr; nicht darum, um eine Sinecure zu bekommen, denn er hat sein Leben hindurch für den Staat gearbeitet, ohne einen halben Pence zu ziehen; nicht darum, um bequem zu leben und zu schlafen, denn der alte Mann lauert oft Nächte lang mit den Gränzjägern auf die Schleichhändler, und lebt auf seinem Schlosse wie ein Einsiedler; nicht darum, Master Dulberry, spricht er jetzt nicht mehr im Parlament fürs Englische Volk und Englische Freiheit, sondern darum, Master, weils jetzt in London und anderwärts eine Menge alberner, vorlauter, ungeschliffener und unwissender Narren giebt, welche vorgeben die Freiheit Alt-Englands vertheidigen zu müssen, in der That aber nur ungewaschenes Zeug vorbringen, und Alt-Englands Freiheit lächerlich machen und alle die edlen Ehrenmänner, welche sonst dafür gesprochen haben, jetzt zurückschrecken, weil sie sich schämen mit solchen schmutzigen, lächerlichen, zerlumpten Leuten einerlei Sache zu haben. Diese schmutzigen, lächerlichen, lumpigen Leute, Master Dulberry, wenn Ihrs nicht wißt, sind die Reformer; und wenn ich jetzt einen solchen Reformer vor mir hätte, und der Kerl schimpfte gegen unsern guten Friedensrichter, so würde ich ihn, so wie Euch, Master Dulberry, an beiden Schultern fest packen, und ihn, so wie Euch, dreimal recht derb auf den Schemmel niederstoßen, und zu ihm sagen: wenn Du, lumpiger, lächerlicher Reformer, noch einmal Dich unterstehst, so gottloses und ungewaschenes Zeug zu sprechen, oder sonst Dich unehrerbietig gegen unsern Herrn zu erweisen, so packe ich Dich noch einmal bei den Schultern – gute Freunde werden schon helfen – und werfe Dich ohne alle Umstände zum Fenster hinaus. Seht, Master Dulberry, so würde ich gesprochen und gehandelt haben, wenn Ihr ein solcher Reformer und nicht unser guter Freund und alter Bekannter Samuel Dulberry wäret.

Der Reformer blieb auf dem Platze, – auf welchen ihn der Alderman so unsanft niedergestoßen hatte, ruhig sitzen. Ex begnügte sich, verächtlich seinem Gegner den Rücken zuzukehren, indem er sein Gesicht wieder nach dem Feuer wandte, und sprach bloß die Worte:

Dient nur recht unterthänig Eurem Herrn, Master Gravesand, tragt ihm seine Schooßhündchen nach, und streichelt seine Katze; aber wenn Ihr mir den Rock beim Stoßen hättet entzwei gerissen, würde Euch der eingelegte Protest wenig geholfen haben.

Den Zwist der beiden Ehrenmänner endete der allgemeine, vom Fenster herschallende, Ruf:

Still, still! Sie kommen! Der Squire, der Squire!

Alles, bis auf den Reformer, drängte sich jetzt nach Thür und Fenster. Man hörte einige Trompetenstöße, die Glocken der Kirchthürme spielten, und aus den entferntern Gegenden des Fleckens ertönte Freudengeschrei. Die buntbewegte Masse drängte auf der Straße bei dem Wirthshause vorüber nach der Kirche zu; die meisten im Zuge blickten indessen noch oft zurück nach dem eigentlichen Hauptgegenstande des, wie es schien, mehr durch Zufall, als auf besondere Anordnung gebildeten Zuges. Unter vielem Zujauchzen der Zuschauer nahten endlich eine Partie Reiter dem Wirthshause, und zwar alle im Schritte und mit möglicher Langsamkeit und Feierlichkeit. Zuerst ritten zwei auf zwei, vier Männer, welche wir Waffenträger nennen wollen, obgleich sich dem fremden Zuschauer die Vermuthung aufdrängen möchte, es seien nur aufgeputzte Stallknechte oder Bediente gewesen. Sie trugen schwarze Jockeijacken, enge lederne Beinkleider, große Courierstiefeln, und auf den kleinen Hüten Lauchzweige. Zu ihrer linken Seite hingen altertümliche, lange und gerade Schwerter, und über ihren Beinen, – ob mehr zur Zierde oder zur Abwehrung der Kälte, lassen wir unentschieden, – ehemals mit Zierrathen geschmückte Bärenfelle, die aber jetzt durch Alter, Gebrauch und Nichtgebrauch verschossen und auch theilweise ihrer Haare beraubt waren. Sie trugen in aufrechter Stellung Hellebarden von ganz alter Form. Ihnen zunächst schmetterten zwei gleichfalls berittene und mit vielen Bändern geschmückte Trompeter Weisen, welche theils als Triumphmärsche, theils als Kirchenhymnen gelten konnten; und hinter diesen ritt auf einem alten blinden, sonst aber noch ganz stattlichen und hohen Gaule eine Person, wie es schien, von größerer Bedeutung. Es war ein sehr alter Mann, der gekrümmt, aber doch noch kräftig auf dem Pferde saß. Die engen ledernen Beinkleider und sehr kurzen Halbstiefeln paßten eben so wenig, als das große Schwert zur Linken und der ungestaltete alte Dolch zur Rechten, zu der übrigen Gestalt und dem Alter des Reiters. Sein Rock glich den Uniformen unserer Infanteristen; er ging, nach vorn zu, lang hinunter, während die hintern Schöße kaum handbreit hervorragten, dagegen waren aber diese Schöße, die untern Aermel und vor Allem die Aufschläge auf der Brust, breit und stark mit Silber bestickt: an seinem unaufgekrämpten Hute steckte der Lauchzweig; in beiden Händen aber hielt er, dergestalt daß die beiden unteren Enden auf den Steigbügeln gestützt blieben, zwei hohe Standarten oder Fahnen, – denn sie waren so zerrissen, gestickt und wunderbar zusammengesetzt, daß man sie weder für das eine noch für das andere bestimmt ausgeben konnte, deren Fetzen, – ähnlicher vermoderten Spinneweben als gestickten Fahnentüchern – hoch in der Luft flatterten. Auch dieser Fahnenträger war noch nicht die Hauptperson im Zuge, sondern alle Blicke richteten sich auf einen, wenige Schritte hinter dem greisen Seneschall kommenden Reiter, dessen Jahre vielleicht nur um wenig denen seines Vorreiters nachstanden. Auf einem edlen Rosse saß ein langer, hagerer Reiter, dessen wunderbare Gestalt zugleich Ehrfurcht einflößen mußte und das Gelächter erregen konnte. Seine Kleidung mochte dem sechs- bis siebenzigjährigen, in seinen Gesichtszügen noch immer schönen Manne vielleicht zur Zeit seiner Jugendblüte die Eroberung der Schönen erleichtert, und er dafür aus Dankbarkeit sie bis an sein Ende zu tragen gelobt haben; denn der Squire – für welchen der Leser unsern Reiter wohl schon wird erkannt haben; – hatte, trotz der Winterkälte, einen Damastseidenen grünen Frack mit einem Ausschnitt und so vielen silbernen und goldenen Borten, Franzen und Stickereien an, daß man auf die Vermuthung kam, der Rock müsse noch in den letzten Regierungsjahren Ludwig XIV. oder mindestens den ersten der Regentschaft des Herzogs von Orleans angefertigt sein. Die dunkelblau seidene, mit ähnlichen Stickereien verzierte Weste reichte bis auf die Hälfte der Schenkel, und die manchesternen stahlgrauen Hosen wurden von ganz grauen Strümpfen begränzt, so daß der Leib abwärts bis zu den schwarzen Schnallenschuhen eine regelrechte Schattirung aller Harnischfarben bildete, und, wäre der störende grüne Frack nicht da gewesen, der Reiter, was den untern Theil seines Körpers betrifft, einem in Stahl gepanzerten Ritter geglichen hätte. Der obere Theil störte aber alle Illusion, denn er trug auf dem Kopfe eine hohe weiß gepuderte Perücke, auf der Perücke einen sehr kleinen, dreieckigen Tressenhut, und aus dem Tressenhute eine überaus hohe Lauchstaude. Wer aber von meinen Lesern würde noch an den Ritter gedacht haben, sobald er den kostbaren Muff gesehn hätte, in welchem der Squire beide Arme bis zum Ellenbogen verbarg, und aus dessen Mitte heraus er mittelst Zaum und Zügel sein edles Roß lenkte. Und dennoch würdest Du, günstiger Leser, in der ganzen Gestalt des Mannes, und besonders in seinen ernsten schönen Zügen, etwas entdeckt haben, was sehr bald Dein unterdrücktes Lächeln ganz verscheucht hätte. Die Züge um seinen Mund, und selbst die Runzeln der Stirne hatten freilich etwas Komisches, mindestens Seltsames; die tief eingefallenen Augen und der ernste Blick aus denselben verkündeten aber, daß die Trauer, und zwar eine tiefe, schon bei ihm eingekehrt sei. Der Squire dankte freundlich, und feierlich zugleich, den ihn halb aus Neugier, halb aus wirklicher Lust und Wohlgefallen grüßenden Zuschauern, und ritt dann gemessenen Schrittes seinem Seneschall nach.

Ihm zur Seite, doch etwas zurück, hing leicht auf einem schönen weißen Zelter eine anmuthige, schlanke Frauengestalt. In den ausdrucksvollen, edlen Zügen und dem seelenvollen Auge glich Fräulein Ginievra ganz ihrem Verwandten, doch fehlten auf ihrem Gesichte die komischen Züge um den Mund und die lächerlichen Stirnrunzeln; ein stiller Schmerz schien aber auch aus ihrem blauen Auge zu sprechen, und das zarte Blaß des Antlitzes strafte diesen Ausdruck nicht Lügen. Doch war dies kein Schmerz, welcher sie jedes frohen Eindrucks unfähig, oder zur hinwelkenden Unglücklichen gemacht hätte. Im Gegentheil schien Lebenskraft und Muth aus jeder Muskel des Fräuleins zu reden, und ihr Auge konnte klar und ungestört bei jedem Gegenstande verweilen. Es schien nur, als habe sie einen herben Kelch geleert, dessen Nachgeschmack ihr noch jeden Genuß verbittere, und die Rosen, die natürlichen Bewohner ihrer Wangen, von denselben verscheuche. Es war eine Lust zu sehen, wie die schlanke Gestalt, welche durch die reiche und geschmackvolle Pelzkleidung noch um vieles an Reiz gewann, ihren Zelter muthvoll und leicht bewegte; und wo ein Blick oder Gruß von ihr hinfiel, schien er die Menge, welche darauf, vermöge der Oertlichkeit, Anspruch machen konnte, so zu beglücken, als wenn in katholischen Ländern der vom Priester gespendete Tropfen Weihwassers, oder des Bischofs segnende Hand-Bewegung, in gewisser Richtung auf den gedrängten Haufen der Andächtigen niederfällt.

Sie eilte, nachdem sie einen flüchtigen Gruß nach dem Wirthshause geworfen, der vielleicht dort mehr als ein Herz entzündete, dem Squire nach; und Niemand, wie genau er auch zu Anfang des Zuges die Hellebardenreiter betrachtet hatte, mochte jetzt noch den aus vier ähnlich bewaffneten jungen Bauersleuten bestehenden Nachtrapp ansehn. Diesen, wie es schien auf besondern Befehl, uniformirten und bewaffneten Reitern schlossen sich viele bunt und mit Lauchstauden geschmückte Landleute zu Pferde an. Erst hinter ihnen kamen die Fußgänger, und zu diesen gesellten sich von allen Seiten die bisher dem Schauspiel zuschauenden Bürger, und der immer größer werdende Zug eilte unterm Läuten der Glocken den geöffneten Kirchthüren zu. Ohne daß es des Vorschlags einer Adresse oder des Stimmensammelns bedurft hätte, war man auch im Wirthshause einstimmig entschlossen, sich dem Zuge anzuschließen und dem Gottesdienste beizuwohnen. Auch Bertram warf das Felleisen in den Winkel und stürzte mit Stock und Hut zur Thür hinaus, ohne eigentlich recht zu wissen, weshalb er es thue und weshalb er seinen festen Entschluß, schon in dieser Stunde abzureisen, so plötzlich aufgegeben habe. Beim Hinausspringen stieß er beinahe Dulberry, welcher ganz allein in der Mitte des Zimmers sitzen geblieben war, vom Schemmel herunter, und der Reformer fand nicht einmal so viel Zeit, vor den Ohren Bertrams, oder irgend eines Zuhörers, seinem Unwillen Worte zu geben.

Eine abergläubische, schändliche Feierlichkeit! ein Fest, das allein dazu dient, verjährte Vorurtheile über verschiedene Abkunft zu nähren und die allgemeine Gleichheit des Brittischen Volkes zu verhindern! Und welche papistische Procession mit Sing und Sang und Klang! –

Als aber alles aus dem Zimmer entfernt war, sprang Dulberry ans Fenster, sah begierig dem Zuge nach, und sprach bei sich:

Ich möchte wohl in der Kirche sein, um zu hören, was sie da für verkehrtes Zeug anfangen. Es wird gewiß nicht zum ertragen sein, intolerante Lehren, Aufwiegelungen gegen die Volksfreunde – ich stelle mich hinten im Chor, wo mich Niemand sieht, denn mich soll Niemand bei einem solchen Feste vermuthen, – und springe unbemerkt nach Hause, ehe die Predigt aus ist.

Wen meiner Leser, der in katholischen Ländern einer Procession beigewohnt hat, ergriff nicht, auch wenn er einem andern Glauben zugethan war, ein feierliches Gefühl, wenn der lange Zug bei ihm vorüberwallte, wenn der müßige Zuschauer, überwältigt von dem sinnlichen und doch heiligen Eindrucke, durch eine geheime Macht gezwungen, sich ihm anschloß? wurde er nicht selbst mit fortgerissen, und befand sich halb unbewußt mitten im Zuge der Andächtigen? Mich wenigstens riß bei einer Procession in Orleans, nicht die physische Kraft der Menge, sondern ein wunderbares erhebendes, und zugleich niederdrückendes Gefühl mit dem Zuge fort. Als die Glocken von dem hohen Dome herab feierlich die Menge luden, als die hohen Portale der Kirche sich öffneten und die gewaltigen Hallen immer mehr von dem unabsehbaren Zuge verschlangen, und Alles strömte und drängte, um gleiche Befriedigung drinnen zu finden, konnte ich mich der Thränen nicht erwehren. Ich weinte, ohne zu wissen weshalb. Erst nach einigen Momenten kam mir das dunkle Bewußtsein, daß eben die feierliche Ungewißheit dort in den Hallen entweder Aufschluß und Befriedigung für alle Räthsel des Lebens dem Gläubigen, oder Enttäuschung aller Hoffnungen dem Zweifler verspreche.

Unter ähnlichen unbestimmten Gefühlen wurde auch Bertram von der Menge mit fortgezogen, und stand plötzlich innerhalb der altertümlichen Kirche unter einem hohen Pfeiler, von wo er das ganze Schiff gut übersehen konnte. Er hatte sich nicht diesen Platz gewählt, sondern blieb da stehen, wo der herandrängende Strom, welcher hier ins Stocken gerieth, ihn hingetrieben; und hatte nun von seinem ruhigen Standpunkte aus das Schauspiel, die hinter ihm Kommenden allmälig Schiff, Chor und Nebengebäude füllen zu sehn. Die Gothischen Bogen der Kirche waren noch in ihrem alten ehrwürdigen Grau, und nirgends hatte neuere Kunst die alten einfachen Pfeiler weder durch Kapitälen, noch durch Anstreichen und Abweißen verbessern wollen. Auch bemerkte man wenig des sogenannten Gothischen Schnörkelwerkes, an welchen kunstvollen Blumenzierrathen sonst unsere Alt- Englischen Bauten so reich sind, und unter denen wiederum die Westminsterabtei und die Ruinen des Kloster Malrose sich auszeichnen. Dagegen waren die Bogen und Pfeiler mit andern Zierrathen als denen, welche der Baumeister einem Gebäude verleihen kann, ausgeschmückt. In künstlicher Anordnung sah man hier zerbrochene Schilde, dort rostige Panzer, wunderbar geformte Streitkolben, Keulen, Hellebarden, Panzerhemden, auch Bären- und Wolfshäute ausgehängt, und mehrere Fahnen wehten von den Mauerbrüstungen herab. Alle diese und noch viele andere Waffen, deren veraltete Namen aufzuzählen ermüden würde, waren vom Staube fingerdick überdeckt, so daß man bei vielen ihre Bestimmung, bei allen aber ihre Farbe nur errathen konnte. So viel ging indessen hervor, daß alle diese Waffen als Tropheen früherer Siege mußten aufgehangen sein, denn die Blicke des Squire und der ältern Walischen Männer blieben oft mit Wohlgefallen beim Vorübergehn an diesen Reliquien, welche an sich wenig Interesse haben konnten, hängen.

Es ist bekannt, daß die Berge von Wales, so gern auch im Ganzen das biedere Gebirgsvolk am Alten fest hält, für jede neue religiöse Sekte einen ergiebigen Spielraum darbieten. Sei es, daß die beständige Betrachtung der hohen Pfeiler der Natur, oder die stille Arbeitsamkeit der Bewohner der Schluchten ihren Sinn für jeden neuen religiösen Eindruck fähig macht; so viel ist gewiß, daß jede neue Religionsmeinung dort ihre Anhänger findet; und so kommt es, daß wir alle Sekten, welche nur in unsern Ländern zerstreut sind, dort in geringem Raume vereinigt antreffen. Es kann aber auch nicht fehlen, daß diese verschiedenen Lichtpunkte verschiedene Schattirungen erhalten. Der Sinn der Bewohner ist friedlich; und der Prediger einer Gemeine, welche vielleicht aus zehn verschiedenen Glaubensanhängern besteht, findet sich daher wohl veranlaßt, seine Liturgie den zehn verschiedenen Meinungen in so weit anzupassen, daß er keinen allzugroßen Anstoß bei einer Sekte gäbe. Auf diese Weise kam es denn, daß auch der heutige Siegesprediger, obgleich er den Chorrock der bischöflichen Kirche trug, doch die Kopfbedeckung eines presbyterianischen Geistlichen hatte, daß gebetet wurde nach der Weise der Methodisten, und die Lieder aus dem verschiedenen Liturgien entnommen waren. Auf gleiche Weise war die äußere Andacht der Kirchgänger verschieden. Einige standen betend, andere saßen, viele, – vielleicht Katholiken, – knieten und kreuzten sich, und unter allen Gottesverehrern erkannte man die Gesichter der Quäker auf den ersten Blick. Zum Unglück für den Fremden war der Prediger aber noch Einer der wenigen, welcher die alte Wälische Sprache soweit verstand, daß er sie nach dem Willen des Squire, welcher allein noch dies verjährte und oft schon übergangene Fest in der Art aufrecht erhielt, zum Vortrage an diesem Siegesfeste auf der Kanzel von M*** gebrauchen konnte. Demungeachtet entging Bertram das Pathetische des Vortrages nicht, und er hörte die Worte: Cadwallor, Arthur, Kymmerian, Walladmor besonders hervorheben. Oft zeigte auch der Redner auf die Tropheen, wo dann alle Augen nach den Bogen und Pfeilern flogen; dann auf den Squire, welcher sein Haupt niedersenkte und es erst wieder aufhob, wenn der Prediger seine Hände, wie preisend, zum Himmel erhob. Die Rede schloß er mit besonders starker Betonung einiger Worte, die wie ein Aufruf klangen, worauf alle versammelten Männer in ein wälisches Lied einstimmten, welches mehr wie Siegs- und Kriegsgesang, als ein dem christlichen Gesangbuche entnommenes tönte. Dies beendete die ganze Ceremonie.

Bertram hatte, da er ja nichts verstand, weniger auf die Predigt gehört, als auf die Menge gesehn. Besonders zog ihn der Squire und dessen Nichte an. Auch hatte er das Glück gehabt, von seinem erhöhten Standpunkte aus beide, wenigstens von hinten, genauer betrachten zu können. Der Squire war, während des ganzen Gottesdienstes, ungestört andächtig geblieben. Nicht so Fräulein Ginievra, welche, wenn die Blicke des Oheims die Erde berührten, die ihrigen umherschweifen ließ, als suche sie aus dem dichten Gedränge der Andächtigen irgend einen bekannten Gegenstand heraus. Bertram wollte, als die Kirche beendet war, dem Orte zuspringen, wo der Squire mit seinem Gefolge zu Pferde stieg; da aber sehr Viele mit ihm die gleiche Absicht hatten, war der Ausgang bald so gedrängt voll, daß es für ihn unmöglich war, sich schnell nach den Vorhallen hindurchzuarbeiten. Als noch eine große Menge stämmiger Waliser vor ihm standen, sah er schon, durch die Köpfe seiner Vormänner hindurch, das Fräulein auf ihren Zelter erhoben und sammt dem Oheime sich dem, von neuem gebildeten, Zuge anschließen. Ehe er nachdenken konnte, was er zu thun habe, faßte ihn jemand von hinten am Rocke mit den Worten:

Herr Bertram! Hier gehts nicht. Das dumme, gaffende Volk verstopft den Ausgang. Kommen Sie durch die Hinterpforte, wir springen durchs Schustergäßchen und ein Paar Gärten, und sind eher im Gasthofe als das Scharivari ankommt, und keine Seele weiß, daß wir in der Kirche waren.

Kommen sie wieder vor dem Gasthofe vorbei, Master Dulberry?

Ei darum kümmere ich mich nicht. Glauben Sie denn, daß mir was daran liegt, solchen abergläubischen dummen Prunk zu sehen? Was könnten die Pferde, welche sie zum Zuge gebrauchen, jetzt ackern und pflügen?

Es ist ja Winter, und der Acker ellentief fest gefroren.

Dann könnten sie Maschinen treten beim Färben und Lohgerben, was beim Wollkratzen seit Erfindung meiner Maschine nicht nöthig ist. Lauter Menschen und lauter Dampf brauche ich, und jeder Arbeitsmann wird da so angestellt und präparirt, als wäre er wirklich schon eine Maschine. Es ist eine Lust, die Fortschritte des Geistes und der menschlichen Vollkommenheit zu sehn. –

Beide gingen den vom Reformer vorgeschlagenen Weg, bei welchem dieser, trotz seines gegen alle Schaulust geäußerten Unwillens, sich einer noch größern Eile als Bertram befliß. Demungeachtet konnte er sich nicht enthalten, selbst beim Ueberspringen über die Zäune, gegen die ganze eben geschehene Feierlichkeit, und zumeist gegen die von der Kanzel herab gebrauchte Wälische Sprache zu declamiren. Noch hatte er nicht alles Unheil, welches aus derselben für die Brittische Freiheit entspringt, aufgezählt, als sie schon durch eine Hinterthür die Wirthsstube erreichten, und der Reformer kaum noch Zeit gewann, seinen, zwischen der Mitte des Zimmers und dem Kamine befindlichen, Stuhl einzunehmen, ehe die dem Zuge voraneilende Gesellschaft nebst mehreren Bürgern in das Zimmer trat und die Ankunft des Squire verkündigte.

Bald waren die Winkel und Wände gefüllt, und mehrere Trompetenstöße verkündeten, daß der Squire abgestiegen und ins Haus getreten sei. Doch dauerte es noch einige Minuten, ehe der Wirth die Thüre aufriß und der Friedensrichter, mit dem Fräulein, seinem Seneschall und zwei der bewaffneten Diener eintrat. Zugleich, und, wie es schien, mit ihm im Gespräch begriffen, kam auch der Holländer in das Zimmer mit einer Gebärde, welche verrieth, daß er als Bittender den Squire angegangen war. Jedermann zog ehrerbietig den Hut ab, und wer gerade saß, stand vor dem alten Manne auf; nur Dulberry blieb halb mit dem Rücken gegen ihn gekehrt, und mit bedecktem Haupte sitzen, indem er, ohne im geringsten sich stören zu lassen, die Zeitungen fortlas. Der Squire dankte mit Würde und Freundlichkeit den Anwesenden, und wandte sich an den Holländer:

Also, Herr van der Velsen, in Betreff dessen – was Sie bitten –

Daß Dero Hochwohlehrsamen – fiel dieser schnell und gegen Gewohnheit gesprächig, obwohl breit, um sein altes Phlegma nicht zu verlassen, ein – daß Dero Hochwohlehrsamen, weil es unter Christen immer Gebrauch gewesen, daß christliche Leichname nicht denen Wölfen auf dem Lande, noch denen Seehunden im Wasser vorgeworfen, sondern in der Erde und zwar auf Kirchhöfen begraben werden, – geruhen mögen, den Leichnam eines Christen, so auf der See verstorben ist, in hiesigem Lande auf einem ehrlichen Kirchhofe beerdigen zu lassen.

Ja – fiel der Squire ein, indem er den Hut rückte – christliche Leichen zu beerdigen, ist von Alters her in diesem Lande Sitte gewesen, – es ist eine christliche Sitte, obschon nicht immer befolgt, wie in dem Falle der Schlacht auf dem Snowdon und mit Zauberer Merlin, wie es denn auch noch immer sehr ungewiß ist, ob König Arthur je beerdigt worden, obgleich seine Gebeine als hochwürdige Reliquien gezeigt sind. Aber wer ist der auf der See gestorbene Christ?

Dero Hochwohlehrsamen mögen vergeben. Er ist zwar nur Franzos, aber ein Schiffscapitain und ein guter Christ – ein Christ wie man sie auf dem Wasser finden kann, und es war immer sein höchster Wunsch, im Leben ein gutes, christliches, anständiges, ungestörtes Begräbniß. –

Wie heißt der Capitain?

Sein Name klingt wie ein Französischer Harnisch – aber –

Schon gut, – gut. Auf dem Kirchhofe hier liegen manche ehrliche Seeleute, Holländer, Dänen, Spanier und Engländer, da kann der Franzose auch ein Plätzchen finden.

Demungeachtet, Hochwohlehrsamer Herr Friedensrichter, wage ich zu sagen, daß besagter Kapitain nicht Dero protestantischem Glaubens, sondern dem Römisch-Katholischen ist im Leben zugethan gewesen, und im Tode es auch ist. Demgemäß Dero Hochwohlehrsamen –

Römisch Katholisch? – Französisch? – Herr van der Velsen, das ist viel Fremdes im Lande, und ich will das Fremde nicht in Wales dulden, sintemal die Wälischen die älteste, adlichste und reinste Nation sind seit Erschaffung der Welt.

Ist gar nicht zu bezweifeln, und weiß dies, wer in der Historie versirt ist. Was aber besagten Französischen Schiffscapitain anbetrifft, oder anbelangt, so ist selbiger zwar katholisch, demungeachtet aber, da auch Katholiken im Lande sind, nicht ganz so fremd, als selbiger in Betreff dessen ist, daß er ein Franzose ist, oder vielmehr einer war, welche andere Behinderung aber durch Dero wohlehrsamen frühern Conceß nunmehro bereits aufgehoben ist.

Er soll begraben werden. Denn wenn ich bedenke, daß meine Urahnen, als sehr strenge Christen, doch geduldet haben, daß man die Sachsen, wilde Heiden, welche mittlerweile unter ihren Streitäxten umgekommen, im Wälischen Lande ordentlich begraben hat, so kann ich auch jetzt als Friedensrichter der Supplik angebrachtermaßen nicht entgegen sein; besonders in Betrachtung, daß, wenn die Erlaubniß nicht gegeben wird, die Landstraßen und Felder sonst übelriechend werden könnten von den vermodernden Leichen derer, welche anders denkend sind.

Nichts desto weniger, Hochwohlehrsamer, dürfte ich wagen

Schon gut, Herr van der Velsen! Wenn meine Ahnen Gerichtstag hielten, und mit allen ihren Mannen, sei es in ihrer eignen Burg, oder in den großen mit Holz getäfelten Fluren ihrer Untertanen, auf dem hohen Stuhle am Kamine saßen, dann durfte Jedermann vor sie treten, und Alles vorzubringen wagen. Was nicht in den alten Gesetzen von Powisland oder denen von Cornwall stand, das entschieden sie nach eigener Eingebung, und ich wüßte nicht, ob es die Kronrichter sammt dem Lord Oberrichter jetzt besser verstehn. Jetzt, seitdem wir Friedensrichter geworden sind, hat sich das freilich etwas geändert; jedoch sitze ich noch immer oben in Walladmor-Castle vor dem Kamine in dem alten Armstuhl, den Königin Elisabeth hochseligen Andenkens, – sie war die letzte aus dem Hause Owen Tudors – meinem Ururgroßvater schenkte. Es war dies zwar keine große Ehre, denn Owen Tudors Ahnen zogen in den Zeiten des Ruhmes immer erst hinter den Standarten der Walladmors, welchen Namen meine Altvordern eben seit der Schlacht am Snowdon führten, und sie mußten den Stechhut halten und die gefangenen Stiere forttreiben; wie ich aber sage, es war dennoch ehrenvoll, da Königin Elisabeth aus Wälischem Blute stammte und Königin war.

Der Wirth unterbrach hier den Squire, indem er ihn aufmerksam machte, daß seine Vorfahren, wenn sie in M*** Gericht gehalten, seine eigene Gaststube mit ihrer Gegenwart geehrt und am Kamine präsidirt hätten. Er bat den Squire, sich gleichfalls hier niederzusetzen, und nach althergebrachter Weise die Klagen und Bitten der getreuen Wälschen anzuhören. Der Friedensrichter winkte dem Vorschlage Beifall zu, und zeigte auf den Platz, welchen er einnehmen müsse, welchen aber Dulberry gegenwärtig inne hatte. Der Wirth verstand den Wink, ging an den Reformer heran, und klopfte ihm auf die Schulter:

Master Dulberry steht auf von Eurem Stuhle, der ehrenwerthe Sir Morgan Walladmor muß hier sitzen.

Wer? fragte Dulberry, ohne sich umzusehen.

Sir Morgan Walladmor Gwinith ap Bangor, Herr in Canarvon, Gebieter auf Snowdon, Standherr in Powisland, Wahlherr und Lord-Manor von M***shire –

Der Reformer hielt sich die Ohren zu.

Will der Mann mit allen seinen Namen hier sitzen, so bricht er den Stuhl entzwei. Ich heiße Samuel Dulberry, habe Stuhl und Platz bezahlt, bin ein ehrlicher Mann, thue Niemand Schaden, fürchte Niemanden und bleibe hier sitzen.

Dulberry! Seid kein Narr, Ihr müßt aufstehn. Der Squire ist Herr von Grund und Boden in ganz M***.

Und ich habe meinen Platz am Feuer gemiethet, und zuvor in Besitz genommen, ehe ein anderer dazu gekommen ist, und werde kein Narr sein aufzustehn, sondern als ein vernünftiger Mann sitzen bleiben.

Um Gottes Willen, Dulberry, schreit nicht so laut. Es ist ja der Friedensrichter.

Hat er vor mir etwa den Platz bezahlt?

Nein! aber –

Ich bleibe sitzen.

Es ist Sitte, daß der Friedensrichter –

Kann anderwärts richten. Ich brauche ihn nicht, denn ich bin im Frieden und im Besitz.

Dieser Streit wurde durch die Schuld des Reformers so laut verhandelt, daß Niemandem im Zimmer ein Wort entging. Der Squire wurde mehrere Male hochroth, stützte sich heftig auf seinen, mit Silber beschlagenen, Stab, und konnte nur mit Mühe den Ausbruch seines Unwillens unterdrücken. Dagegen traten jetzt die ältern Bürger, welche ihre Entrüstung weniger verborgen hatten, mit nicht zweideutigen Mienen, den Streit auf andere Art zu Ende zu bringen, an den Stuhl des Reformers. Während Ginievra mit aller Freundlichkeit das auf der Stirne des Oheims aufsteigende Gewitter durch die Bemerkung, daß Dulberry ein Fremder in Wales und unkundig der alten Sitten sei, abzuleiten suchte, zeigten sie dem Reformer in einer, aller Welt verständlichen, Sprache, ohne Worte zu gebrauchen, ihre Meinung, so daß dieser plötzlich die Rolle der Theilnahmlosigkeit aufgab, sich schnell umkehrte und mit heftiger Bewegung beider Arme mehr schrie als sprach:

Gentlemen! Keine Hand angerührt. – Ich protestire gegen alles Schlagen, Stoßen, Stechen, Werfen, Treten, Kneipen, Drängen mit der Hand, Faust, Ellenbogen, Fuß und Knie, oder mit dem ganzen Körper, oder von der Ferne aus, indem ich weder Scherzen, Spaßen, Wetten oder Spielen mit irgend Jemand mag. Ich protestire gegen jede der angeführten und ähnlichen Berührungen meines Körpers, und sehe demnach, wenn mich Einer dennoch mit Hand, Faust, Ellenbogen, Fuß oder Knie schlüge, stieße, stäche, würfe, träte, kneipte, drängte, es als Friedensbruch, räuberischen, todtschlägerischen, mörderischen, brandstifterischen Angriff gegen Freiheit, Ehre, Vermögen und Leben an, und rufe alle Freie und Nichtfreie als Zeugen, und vor allem den Friedensrichter, der Frieden stiften soll, auf, daß sie meinen Protest hören, und mir beistehn, vor Gericht die Friedensstörer, Räuber, Todtschläger, Mörder und Brandstifter zu verfolgen. – Nun heran, Gentlemen, wer Lust hat! Ich werde keinen Finger rühren, mich zu vertheidigen, sondern sogleich, wenn mich Einer nur berührt, aufspringen, aber Gut und Blut dran setzen, ihn vor Gericht zu verfolgen.

Die Menge hielt inne, als sie den trotzigen Blick des Reformers und seine ruhig erwartende Stellung sah. Er saß, beide Arme in die Seite gestemmt, einige Secunden da, und durchflog mit den Augen das Zimmer, um zu sehen, ob der Sieg unbezweifelt sei. Dies war indessen noch keineswegs der Fall, denn Alderman Gravesand rüstete sich, trotz oder mit dem Gesetz, seinen Trotz zu beugen. Ihm kam indessen der Squire selbst zuvor.

Gute Männer von Wales! Das sei ferne vom Enkel Walladmors von Snowdon, daß er einen niedrig gebornen Engländer, der vielleicht Schutz sucht in unsern Bergen, und erstarrt vom Winterfrost sich an den Kamin unseres Wirthshauses geflüchtet hat, von dem Feuer der Herberge fortdränge. Walladmors Enkel brauchen nicht mit Hausirern und Bettlern um einen Platz streiten, wo sie Gericht halten wollen. Keine Gewaltthat, ihr guten Männer von Wales. Laßt den armen Fremden hier sitzen. Es ist ja schon so viel Fremdes in Wales eingedrungen, wir können auch aus Mildthätigkeit diesen Fremden dulden. – Auch ist neben ihm noch Platz genug, unsern Richterstuhl aufzuschlagen, und er soll hören, wie die uralte Gerechtigkeit in Powisland von den Enkeln Derer, denen das ganze Brittische Land gehörte, auch gegen die fremden Räuber gehandhabt wird.

Wirklich stellte der Wirth einen großen Armstuhl dicht neben den Schemmel des Reformers, und der Squire setzte sich gravitätisch so auf denselben, daß er fast den Arm seines Nachbars, welcher unbeweglich ins Feuer oder auf seine Zeitungen blickte, berührte. Auf einen Wink des Richters mußte auch das Fräulein neben ihm Platz nehmen, der Seneschall und zwei Hellebardierer sich aber ihm zu beiden Seiten stellen; worauf auch die andern Anwesenden sich im Halbkreise anschlossen, und einen freien Raum für die Querulanten ließen. Je mehr sich die Ehrfurcht in den Blicken und Stellungen Aller, welche gleichsam als Trabanten diesen Halbkreis bildeten, aussprach, um so drolliger contrastirte dagegen der gleichfalls noch im Kreise, aber mit dem Rücken ihm zugewandt und mit bedecktem Kopfe sitzende Reformer. Der Squire winkte jetzt mit der Hand, und der Holländer trat abermals hervor, beugte sich tiefer als zuvor und hub an:

Demnächst also von Dero Hochwohlehrsamen dem Fremden, wie auch dem Franzosen, und nicht weniger dem Katholiken eine Ruhestätte zugesagt worden, wage ich nichts desto weniger die Bitte, sintemal die Familie des besagten Capitains eine sehr reputable ist, und sehr auf alte, uralte Gebräuche hält –

Eine ehrenwerthe Familie, Herr van der Velsen

Und das Leichenbegängniß gleichsam als die hauptsächliche Staatsaction im Leben ansieht, auf welche der Mensch im ganzen Leben sich vorbereitet, freut, und sammelt, – denn nachher sammelt er nicht mehr, und kann nur noch durch ein recht kostbares und feierliches Begräbniß das Gesammelte aufzehren –

Sehr recht, Herr van der Velsen, der Erbe in Wales gab sonst gern die halbe Erbschaft hin, wenn er dafür den Erblasser recht ehrenwerth in die Gruft bringen konnte.

Ehrenwerth und ungestört. Das war von je an die größte Beleidigung für große Familien, wenn Einer ihre Leichenbegängnisse störte.

Sehr wahr! Seitdem entspann sich der große Zwist zwischen den Walladmors in Cornwall und denen in Powisland, als Gavin einen Leichenträger meines Ururältervaters erstach, und die Fehde endete nur mit dem ganzen Untergange derer aus Cornwall; woher es auch kommt, daß wir jetzt die älteste Familie in ganz Wales sind.

Demnächst also, Hochwohlehrsamer, würde die reputable Familie besagten Leichnams es als die größte Beleidigung und Ehrenkränkung ansehn, wenn, nach der leidigen Sitte unserer Tage, die Gränzbeamten oder Zollvisitatoren den Leichenzug und Wagen anhielten, oder gar den Sarg eröffneten, ehe er in seine Ruhestätte gekommen. Demnach bitte ich im Namen der tiefbetrübten Familie, besagtem Leichname zu erlauben, vermöge eines friedensrichterlichen Leichenpasses, unangefochten von allen und jeden Zollvisitatoren sich mit seinen Verwandten und Leichenträgern nach einem alten rein Katholischen Kirchhofe zu begeben.

Wie! – unvisitirt? – schrie der Squire auf – das geht ja nicht – ist wider die Zollordnungen. Am Strande müssen die Gränzreiter, an der Barriere die Accisebeamten nach den stricten Worten der Zollordnung visitiren.

Der Holländer ließ sich indessen nicht irren noch abschrecken, sondern fuhr fort:

Nach der Zollordnung, welche die Fremden gegeben haben. Aber die Enkel der alten Kymmerier, glaubte ich, würden die Sitten ihrer Ahnen mehr achten, als ein Polizei-Reglement; und Gott, welcher gebietet: Laßt die Todten ruhen! mehr ehren, als die Menschen, welche sagen: Stört ihren Frieden! Zudem dürften Eure Hochwohlehrsamen auch als Grundherr und Friedensrichter zugleich diese Macht besitzen

Nach welchem Kirchhof soll es gehn? –

In einem uralt katholischen in der Nähe von Pumfries wünschte mein seliger Freund, wenn er doch nicht in Frankreich seine Ruhe finden könnte, begraben zu werden, weil dort nur Katholische liegen und sonst eine Reliquie gewesen von Thomas Morus, den ein König von England durch vier Edelleute zu Tode peitschen lassen.

Das kann nur die kleine Kapelle von Utragan sein, wo seit den Kriegen der beiden Rosen jemand beerdigt ward, und jetzo Kartoffeln stehn; oder der verschüttete Kirchhof von Griffith ap Gauvon.

Kann Euer Wohlehrsamen in momento nicht mit dem Namen dienen, aber ein alter, sehr ehrwürdiger Kirchhof war es und bloß um die Ehre desselben, wie auch nicht minder die uralte Wälische Sitte und die Ehre des französischen Hauses und des christlichen Wohlgefallen und die Freiheit der Wälischen Grundherren wage ich –

Der Squire stand auf, und sagte plötzlich:

Ich werde den Leichenpaß ausfertigen lassen. Obwohl sonst das Wort eines Walladmor dazu hinreichte, in ganz Wales einen Reisenden, sei er todt oder lebendig, frei passiren zu lassen, so ist das doch jetzt anders, weil Wales nicht mehr frei ist, und es braucht erst der Siegel und Schriften. Aber meine Kanzlei soll ihn in bester Form schreiben und signiren. – Doch für wen, Herr van der Velsen – soll er ausgefertigt werden? Sind Sie Commissionair –

Nicht Commissionair – Hochwohlehrsamer – bloß ein dienender Freund in christlicher Liebe. Ich besorge nicht das Begräbniß, ich bin auch nicht katholisch, ich hafte auch für nichts, ich bekomme auch keine Prozente. Bei Batavia rettete mich der Selige einst aus den Händen eines Walischen Seeräubers, und dafür thue ich ihm ganz umsonst den letzten Liebesdienst.

Das ist sehr recht – sprach der Squire – und erinnert mich an Elgen Granors Heldenmuth im Kampfe gegen den grausamen Englischen Eduard, wo er, um seinen Feind zu retten, sich in das Gedränge warf und umkam für den Owen Sangor, der es doch unserm Hause so böse vergalt. –

Noch zu rechter Zeit besann sich der Squire, daß er seiner Würde durch eine längere Erzählung vergebe, und fragte, plötzlich abbrechend:

Ist noch Einer in Powisland, der Recht verlangt, der hebe die Hand auf und trete vor!

Als er sich umblickte, und Niemand vortrat, gab er das Zeichen zum Aufbruch und trat gravitätisch zur Thüre hinaus. Seine Angehörigen folgten ihm, und bald verkündeten die Trompetentöne und der Hufschlag auf der Gasse, daß der Friedensrichter von M***shire in sein Schloß ziehe.

< Sechstes Kapitel.
Achtes Kapitel. >



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