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Willibald Alexis

Walladmor

Neuntes Kapitel.

eingestellt: 7.8.2007



Wagen und Pferde eilten von jetzt an in eben dem Maße, als sie früher in langsamer Parade vorauffuhren. Demzufolge sahen sich auch die Fußgänger ihre Schritte zu vergrößern genöthigt. Daß bei einem solchen Schnellmarsche die Ordnung nicht gehörig aufrecht erhalten werden konnte, und keine geistlichen Lieder gesungen wurden, versteht sich wohl von selbst. In verdoppelten Gliedern, oder einzeln, stürmte die Menge der Fußgänger jetzt eine Höhe hinauf, von welcher man eine freie Aussicht auf die winterlichen Fluren weit umher hatte. Während die Vordersten im Zuge die Uebrigen zu sammeln bemüht waren, bemerkte man mit Erstaunen, daß alle Wagen bereits weit voraus sich dem Fuße eines kleinen Gebirgszuges, hinter dem ein höherer bedeutend hervorragte, genähert hatten. Obgleich es, aller Wahrscheinlichkeit nach unmöglich schien, auch im angestrengtesten Laufe die Wagen einzuholen, setzte sich doch alsbald der ganze Zug von neuem in Bewegung. Wer aber, ununterrichtet von dem Vorhergehenden, ihm begegnet wäre, würde jetzt nichts weniger als ein Leichengefolge in der Menge vermuthet haben: denn ohne Ordnung schritten aus, rennten und sprangen die Meisten von der Höhe herab, ja Einige übten sich gymnastisch, indem sie auf ihre Dornstöcke gestützt über Steine, Büsche, oder auf der ebenen Erde fortsprangen. Zwar hörte man einzelne Stimmen rufen:

Wir haltens nicht aus, die Brust springt!

nichts destoweniger wurde wie im Wettlaufe so lange gerennt, bis die abgehärtetste Natur selbst einige Secunden Ruhe zum Athemschöpfen verlangte. Selbst der starke Mann, welcher kürzlich erst bei dem langsam feierlichen Marsche vor Ermüdung ausgetreten war, schleppte sich keuchend mit, und scherzte, um die schmerzliche Anstrengung zu vergessen.

Frisch auf, meine Herren! – riefen mehrere Stimmen – nur noch bis hinter jenen Hügel, und wir geben dem Todten den Abschied – ihm ewige Ruhe, und uns zeitliche.

Ist denn ein anständiges Begräbniß bestellt – wie es in christlichen Ländern Sitte ist?

Ich zweifle, daß man bei der Quantität unserer Kehlen ihre Qualität wird bedacht haben.

Macht nichts aus, man hat auch noch einen Schilling, um Ale und Porter zu kaufen, wenn nur in der Gegend ein Wirthshaus ist; und dann der Spaß vorher blieb doch die Hauptsache.

Wenns nur nachher auch Spaß bleibt, und nicht ein recht empfindlicher Ernst daraus wird.

Meint Ihr von wegen des Sprunges über die Barriere? Ich denke nicht.

Gar nichts meinen, aber die Rockschöße zusammenfassen und die Stiefeln geschmiert halten, das ist das Gerathenste, wenn man einen dummen oder lustigen Streich, – was ziemlich auf eins herauskommt, – einmal gemacht hat.

Da halten sie schon, wahrhaftig! Wir sind in der Arrieregarde geblieben.

Auf einem vom Wege abgelegenen, von ziemlich regelmäßigen Höhen, welche verfallenen Wällen nicht unähnlich sahen, umschlossenen Platze hatte sich ein Theil des Leichengefolges versammelt, dagegen war von dem Leichenwagen und den andern Kutschen auch keine einzige zu sehen. Viele Fußgänger hatten sich erschöpft, trotzend der Kälte des Bodens, niedergeworfen, Bertram aber, geübt in dieser Bewegung, konnte noch völlig frisch umhergehen und die verschiedenen Gruppen mit Muße betrachten. In einer Vertiefung stand ein kleines Faß, um welches mehrere der rohen Leidtragenden sich gelagert hatten, und beschäftigt waren, den Deckel einzuschlagen. Auch jetzt glich die Versammlung weniger einer Zusammenkunft von Anverwandten und Freunden, welche, zum letzten Male die irdische Hülle eines lieben Dahingeschiedenen betrachtend, ernsten Gedanken und lieben Erinnerungen sich hingeben, als der zusammengelaufener Abenteurer oder gar gefährlicher Wegelagerer. Durch den bedeutenden Marsch war die schwarze Kleidung der Meisten mit Staub bedeckt oder sonst in Unordnung gerathen, und die keulenartigen Knüttel trugen nicht wenig zur Verwilderung ihrer Erscheinung bei. Um das Bild eines Vagabundenlagers vollständig zu machen, schrie und tobte die rohere Menge, während die anscheinend Gebildetern sich hier und dort gruppirten. Der Handwerker, welcher vor Kurzem seine lebhafte Theilnahme an den Parlamentswahlen dargethan hatte, war durch Hülfe einer von Zeit zu Zeit unterweges gefüllten Brandtweinsflasche in einen solchen Zustand versetzt worden, daß er die allerschwierigste Wahl in diesem Augenblicke durchzusetzen gewagt hätte. Er tobte und schrie:

Wo ist der Leichenwagen? Wo sind die Kutschen? – Ich will die Aristokraten zwingen zu stehn. Stehn sollen sie, stehn wo das gemeine Volk steht, und bezahlen dafür, daß wir mitgegangen sind, und ganz still gewesen, und anständig. – Wo sind die Wagen?

Mehrere Gefährten suchten ihn zu beschwichtigen, indem sie ihm leise einige Worte ins Ohr sagten. Statt aber hierdurch besänftigt zu werden, tobte er immer lauter:

Schweigen will ich nicht – zum Schweigen miethet man nicht Leute in England. Zum Schreien, Schreien – und ich habe geschrieen und will schreien, und schweige nicht bis ich bezahlt bin, und beköstigt auf einen Tag, und betrunken, daß ich nicht mehr stehen kann –

Mehreren Anderen schien der Vortrag des nüchternen Redners einzuleuchten, und sie vereinigten ihre Stimme mit der seinigen:

Ja wir wollen bezahlt sein! bewirthet!

In wenigen Minuten war ein neuer Auflauf organisirt. Man stampfte mit Füßen und Stöcken auf den hartgefroren Fußboden und schrie:

Bezahlung! Punsch und Branntewein!

Einige Wohlgesinnte ließen sich zwar vernehmen mit der Vermahnung zum Anstande, sie wurden aber sogleich überschrieen mit Gründen, welche, da sie von fast allen Seiten geäußert wurden, auch Allen einzuleuchten schienen:

Anstand! Ja Anstand! Wir wollen alle Anstand, nur Anstand, aber Rum und Uskebaugh und Punschfässer gehören zum Anstand bei einer Leichenfeier wie sie sein muß. Umsonst haben wir uns nicht die Sohlen abgelaufen und die Kehlen trocken geschrieen, was von geistlichen Liedern weit eher geschieht, als von einem verständigen, herzstärkenden Zotenliede.

Wo sind die Gastgeber? rief man, und: Die Gastgeber! wiederholte sich der Ruf von allen Seiten. Einige bedächtigere Männer wollten warnend dazwischen treten, und behaupteten: Eine so offene Nachfrage und die darauf erfolgende Kundwerdung derselben könne noch immer in einer so kitzlichen Angelegenheit, wie dieses fremde Begräbniß, von Gefahr sein. Aber der Menge leuchteten diese Gründe nicht ein. Es hieß:

Jetzt sind wir durch und im Gesetz, und können dem Teufel ein Schnippchen schlagen! Wenn man nicht einmal nachher soll lustig sein, so mag ein Anderer sich anstrengen!

Unter wildem Geschrei lief man umher und rief nach den Gastgebern, nach den Anstiftern, nach denen, welche die Gesellschaft eingeladen haben? aber fand nirgends die verlangten Personen. Oft zwar ging man Einzelne unter den Versammelten, welche sich beim Zuge, als zu den Eingeweihten gehörig, betragen hatten, um weitere Auskunft an, erhielt aber immer die Antwort, daß sie so unwissend über Absicht und Mittel bei dem ganzen Feste wie irgend ein Anderer gewesen, sich nur aus allgemeinen Rücksichten angeschlossen, und bloß aus Vermuthungen gesprochen hätten. Kurz, es ergab sich, daß unter der großen Anzahl der Versammelten kein Verwandter, kein Freund des Gestorbenen, ja angeblich Niemand war, der auch nur mittelbar an der Einrichtung zur Leichenfeier Theil genommen hätte. Der Zufall und jenem Anschlage in M***schen Wirthshause ähnliche allgemeine Einladungen schienen die Menge allein herbeigeführt zu haben.

Diese war aber mit einem solchen Ausgange keineswegs zufrieden, sondern tobte, fluchte immer ärger, und drohte endlich dem Wagen nachzusetzen. Hiervon hielten sie die Besonnenern nur mit Mühe zurück, indem sie erklärten, ein solches Verfahren könne die übelsten Folgen für alle Sicherheit hervorbringen; es war aber noch sehr zweifelhaft, ob sie auf diesen Rath gehört hätten, wenn nicht plötzlich Jemand einen Zettel vorgefunden hätte, von welchem er mit vernehmlicher Stimme folgende Worte las:



An die sehr ehrenwerthe und gottesfürchtige Versammlung der Leidtragenden aus Huntingcroß!



Hört, hört! schrie man, das sind wir. Eine Affiche an uns:



Dieweil es unserm Heiland gefallen, die Seele unseres tugendhaften Vaters, Verwandten und Freundes, über alle Fährlichkeiten hinweg in ihre stille Ruhe und Freiheit, durch die anständige Vermittlung solcher ehrenwerthen und gottesfürchtigen Leidtragenden, welche Gott mehr fürchten als die leidigen menschlichen Einrichtungen, zu transportiren; als sind wir überzeugt, daß auch gedachte Seele unseres respectiven Vaters, Verwandten und Freundes in ihrer stillen Zurückgezogenheit mit besonderer Liebe und absonderlichem Dank vorerwähnter Dienste gedenken –

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